Anterhaltungsblatt des Nr. 152. Donnerstag � den 8 August. 1907 (Nachdruck m-Boten.) 281 Die JVIuttcr. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. Wjessowtschikow blieb allein. Er blickte sich um, streckte seinen Fuß mit dem schweren Stiefel aus, betrachtete ihn, beugte sich vornüber und befühlte seine dicke Wade. Dann hob er die Hand ans Gesicht und betrachtete sie aufmerksam. Er hatte eine dicke Hand mit kurzen Fingern und gelblichen Haarstoppcln. Als Andrej den Samowar brachte, stand. Wjessowtschikow vor dem Spiegel und empfing ihn mit fol- genden Worten: „Hab meine Visage lange nicht betrachtet..." Und fügte lächelnd und kopfschüttelnd hinzu: „Hab doch eine garstige Frahe!" „Was ist denn dabei?" fragte Andrej und sah ihn neu- gierig an. „Sascha sagt: Das Gesicht ist der Seele Spiegell" „Aber das stimmt nicht!" rief der Kleinrusse.„Ihre Aase ist wie ein Haken, die Backenknochen wie eine Schere, ihr Herz aber ist ein heller Stern I" Sie setzten sich zu Tisch. Wjessowtschikow nahm eine große Kartoffel, salzte aus- giebig ein Stück Brot und begann langsam und ruhig wie ein Stier zu kauen. „Wie gehts hier?" fragte er niit vollem Munde. Als Andrej ihm vergnügt erzählte, daß die Propaganda für den Sozialismus in der Fabrik zunähme, meinte er wieder finster und dumpf: „Das dauert alles zu lange, viel zu lange! Muß schneller gehen..." Die Mutter blickte ihn an und in ihrem Innern regte sich ein feindseliges Gefühl gegen diesen Menschen. „Das Leben ist kein Pferd, kannst es nicht mit der Peitsche anireiben," sagte Andrej. Wjessowtschikow schiittelte energisch den Kopf... „Es dauert zu lange! Meine Geduld reicht nicht... Was soll ich tun?" Er bewegte die Hände hülflos hin und her, blickte in das Gesicht des Kleinrussen und wartete auf eine Antwort. „Wir alle müssen lernen und andere lehren, das ist unsere Aufgabe!" sagte Andrej. Wjessowtschikow fragte: >„Und wann werden wir losschlagen?" „Daß man uns vorher manch liebes Mal verhauen wird, das weiß ich bestimmt!" erwiderte der Kleinrusse lachend. „Wann wir aber vom Leder ziehen � das weiß ich nicht! Siehst Du, ich denke, wir müssen erst den Kops und dann die Hände bewaffnen." Nikolai begann schweigend wieder zu essen. Die Mutter musterte heimlich sein breites Gesicht und suchte in ihm einen Zug zu entdecken, der sie mit seiner schweren, vierschrötigen Gestalt aussöhnte. Und als sie seinen kleinen stechenden Augen begegnete, bewegte sie die Brauen. Andrej griff sich an den 5topf und benahm sich überhaupt unruhig— begann Plötzlich zu reden, lachte, brach seine Rede ab, pfiff. Die Mutter hatte die Empfindung, seine Unruhe zu der- stehen. Nikolai aber saß schweigend da, und wenn der Klein- russe ihn nach irgend etwas fragte, antwortete er kurz, mit deutlicher Unlust. Den beiden Bewohnern wurde es im kleinen Zimmer eng und schwül; bald blickte der eine, bald der andere flüchtig auf den Gast. Endlich erhob er sich und sagte: „Ich möchte mich schlafen legen... Habe so lange im Loch gesessen... bin dann plötzlich frei gekommen, viel ge- gangen... und nnn müde..." Als er in die Küche getreten war und nach kurzem Hin- und Herkranien plötzlich still wurde, flüsterte die Mutter ängst- lich lauschend Andrej zu: „Er denkt an schreckliche Dinge..." „Ja, er ist schwer zu behandeln!" stimmte ihr der Klein- russe bei und schüttelte den Kopf.„Aber das geht vorüber! War bei mir ebenso... Wenn die Flamme im Herzen nicht hell brennt— sammelt sich da viel Ruß an. Na, Mütterleiw» Ihr solltet auch schlafen gehen, ich bleibe noch ein Weilchen sitzen und lese." Sie ging in die Ecke, wo hinter einem Kattunvorhang ihr Bett stand, und Andrej, der am Tisch saß, hörte noch lange ihr inbrünstiges Beten und Seufzen. Er blätterte die Seiten schnell um, rieb sich erregt die Stirn, drehte mit seinen langen Fingern den Schnurrbart und scharrte mit.den Fiißen. Der Uhrpendel tickle, vor dem Fenster atniete, an den Scheiben hingleitend, der Wind. Und man hörte die leise Stimme der Mutter? „Ach Gott! Wie viele Menschen gibt es in der Welt... und jeder stöhnt auf seine Art... Wo sind denn die, die sich freuen?" „Es gibt auch solche, ja. Bald werden es viele sein," er« widerte der Kleinrusse. XXI. Das Leben floß schnell dahin, die Tage waren bunt, mannigfaltig. Jeder Tag brachte etwas Neues, aber das be- unruhigte die Mutter schon nicht mehr. Immer häufiger erschienen abends unbekannte Leute; sie unterhielten sich eifrig halblaut mit Andrej und gingen spät nachts mit hoch- geklapptem Kragen, die Mütze tief in die Augen geschoben, vorsichtig und geräuschlos in der Dunkelheit fort. Man fühlte in jedem verhaltene Erregung, es war, als wollten alle fingen und lachen; sie hatten aber keine Zeit dazu, hatten stets Eile. Die einen waren spöttisch und ernst, die anderen offenbar ver- gnügt, übermütig in der Kraft ihrer Jugend, die dritten nach- denklich, still. Alle hatten in den Augen der Mutter etwas Hartnäckiges, Zuversichtliches, und obwohl jeder sein eigenes Gesicht hatte— flössen fiir sie all diese Gesichter in ein ein- ziges, hageres, ruhig entschlossenes, offenes Gesicht mit tiefen. dunklen, freundlichen und strengen Augen zusammen, wie bei dem Christus auf dem Wege nach Emmaus. Die Mutter zählte sie, versammelte sie in Gedanken um Pawel— in dieser Menge blieb er vor seinen Feinden unbe- merkt. Eines Tages erschien ein munteres Mädchen mit lockigem Haar aus der Stadt; sie brachte eine Rolle Schriften für Andrej und sagte beim Abschied zu Frau Wlassow, indem ihre Augen strahlten: „Auf W.edez sehen, Genossin!" „Aus W r sehen," erwiderte die Mutter, ein Lachen verbeißend. Nachdem sie das Mädchen hinaus geleitet, trat sie ans Fenster und beobachtete lachend, wie ihre Genossin, mit den kleinen Füßen trippelnd, frisch wie eine Frühlingsblume und leicht wie ein Schmetterling ans der Straße dahinhuschte. „Genosse!" dachte die Mutter, als der Besuch verschwunden war.„Ach, Du liebes Ding! Gebe Gott Dir einen Genossen fürs ganze Leben." Sie bemerkte oft an allen Besuchern aus der Stadt etwas Kindliches und lächelte leutselig darüber, gleichzeitig ww sie gerührt und freudig überrascht über ihren Glauben, dessen Stärke sie immer lebhafter fühlte; ihre Träume vom Triumph der Gerechtigkeit taten ihr Wohl und erwärmten sie; wenn sie ihnen zuhörte, seufzte sie unwillkürlich vor Kummer, dessen Grund sie nicht kannte. Besonders rührte sie aber ihre Ein- fachheit und die prächtige, stolze Gleichgültigkeit gegen sich selbst. Sie verstand bereits vieles von dem, was sie über das Leben äußerten, fühlte, daß sie wirklich die wahre Quelle des Unglücks aller Menschen entdeckt hatten, und war gewohnt, ihren Gedanken beizustimmen. In der Tiefe ihres Herzens glaubte sie aber gar nicht daran, daß sie das Leben nach ihrer Art würden umgestalten können und daß ihre Kräfte dazu ausreichten, die ganze arbeitende Bevölkerung in ihre Be- wegung hineinzuziehen. Jeder wollte sich jeden Tag satt essen, und niemand wollte die Mahlzeit auch nur um acht Tage verschieben, wenn er sie sofort einnehmen konnte. Es waren nur wenige, die den weiten, beschwerlichen Weg gingen, und nicht alle würden das Märchenrcich menschlicher Ver- brüderung am Ende des Wegs- mit eigenen Augen sehen. Das war der Grund, weshalb ihr all diese guten Menschen trotz ihrer Bärte und bisweilen so müden Gesichter als Kinder erschienen. „Ihr lieben Menschen!" dachte sie oft traurig, den Kopf schüttelnd. Aber sie alle führten schon jetzt ein schönes, ernstes, der- ständiges Leben, alle sprachen von guten Dingen und suchten andere das zu lehren, was sie wußten, und taten das, ohne sich zu schonen. Sie verstand, daß man solches Leben trotz seiner Gefahr lieben könne und blickte seufzend rückwärts, wo ihre Vergangenheit sich wie ein dunkler, schmaler Streifen in der Ebene hinzog. Unmerklich bildete sich bei ihr das ruhige Bewußtsein ihrer Notwendigkeit für dieses neue Leben heraus.— Früher hatte sie nie das Gefühl gehabt, jemandem nötig zu sein, jetzt dagegen sah sie deutlich, daß viele ihrer be- durften, und das war ihr neu, angenehm und ließ sie den Kopf aufrichten... Sie brachte regelmäßig die Flugblätter in die Fabrik, sah das als ihre Pflicht an und hatte schon eine Menge Kniffe herausgefunden, um die Spione, die sie täglich beobachteten, zu nasführen. Ein paarmal hatte man sie durchsucht, aber stets einen Tag später, nachdem die Blätter in der Fabrik er- schienen waren. Wenn sie nichts bei sich hatte, wußte sie den Argwohn der Spione und Wächter zu erregen, sie nahmen sie fest und untersuchten sie gründlich: dann stellte sie sich ge- kränkt, stritt mit ihnen herum und ging, nachdem sie sie blamiert, stolz über ihre Geschicklichkeit, von dannen. Dieses Spiel machte ihr Spatz. Wjessowtschikow wurde in der Fabrik nicht wieder auf- genommen, er trat als Arbeiter bei einem Holzhändler ein und fuhr den ganzen Tag mit Balken, Brettern und Brenn- holz durch die Vorstadt. Die Mutter sah ihn fast täglich: Seine beiden Rappen schritten, die vor Anstrengung zittern- den Beine steil aufftemmend, langsam vorwärts. Daneben schritt Nikolai mit schlaffen Zügeln, zerlumpt und schmutzig, in schweren Stiefeln, die Mütze in den Nacken geschoben, plump wie ein eben aus der Erde gegrabener Baumstumpf. Sein Kopf schaukelte hin und her. er blickte sich dicht vor die Füße, wollte nichts sehen. Seine Pferde fuhren blind- lings auf entgegenkommende Wagen und Menschen los, um ihn herum summten wie ein Hummelschwarm bösartige Schimpfworte, und lautes Geschrei durchschnitt die Luft. Er erhob nicht einmal den Kopf, gab keine Antwort, pfiff scharf und durchdringend und brummte dann seinen Pferden zu: »Nu man hü, hül"... (Fortsetzung folgt.) JNcuc KunftUteratur. Von ernst Schur. Die Kunst der Gegenwart in ihren verschiedenen Tendenzen und Strömungen zu begreifen ist ein Ziel, das augenblicklich wieder als besonders wünschenswert erscheint, da die verschiedenen Parteien (Akademiker und Sezessionisten) so energisch aneinander geraten und das Publikum von dem Für und Wider nicht genügend unter- richtet sein kann. Aus diesem Bestreben heraus Klarheit zu schaffen, ist ein Buch erschienen von Professor Dr. Strzygowski,.Die bildende Kunst der Gegenwart'(2M S., geheftet 4 SR, bei Quelle u. Meyer, Leipzig 1907), In verschiedenen Kapiteln find die Archi- tektur, die Plastik, die Griffelkunst und die Malerei behandelt. Das Buch gibt keinen historischen lieberblick, sondern charakterifiert sich als eine persönlich gehaltene Programmschrift. Es haftet ihr etwas Akademisches an, etwas Schulmeisterliches. Wir sind heute endlich' dahin gekommen, daß wir dem Künstler überlassen, was und wie er darstellen soll, und eS ist nicht erquicklich, wenn sich auch noch ein anderer hineinmischt, dem die eigentliche Berufung doch abgeht, da er eben nicht— Künstler ist. Gewiß besitzt der Verfasser für Böcklin, Klinger, Menzel, Meunier Verständnis und er stellt ihr Wollen und Können mit Betonung dar. Er nimmt auch, da er Oesterreicher ist, kein Blatt vor den Mimd, wenn es sich um die offizielle königlich preußische Kunst und die Stellung des Kaisers zur Kunst handelt. Aber ich bezweifle, daß weitere Kreise(für die doch eigentlich solch Buch be- rechnet ist) sich hier wirklich Sachkenntnis holen werden. Und ich bezweifle es darum, weil das Buch in seiner ganzen Fassung nicht zu jenem Punkt vordringt, wo die Klarheit beginnt. Wir hören allerlei Bemerkungen, deren zulänglicher Grund allzu sehr im Per- sönlichen bleibt und deren sachlicher Wert nicht genügend begründet ist. Für solche prinzipiellen Auseinandersetzungen gibt es nur zwei Wege: historische Darstellung des zeitlichen Verlaufs oder Herausarbeitung der formalen Prinzipien ohne Rücksicht auf Voll- ständigkeit. Der Verfasser nimmt weder den einen, noch den anderen Standpunkt ein, darum bleiben seine Er- örterungen im Haltlosen, Schwankenden stecken. Mit Interesse wird daher diese Schrift nur der lesen, der den Stoff schon beherrscht (und der wird manche Fragezeichen machen); andernfalls wird dem Leser der Kopf schwirren, Vergangenheits- und Gegenwartskunst brodeln in diesem Topf durcheinander. Und so ist dieses Buch schließlich in dem Sinne ein Zeitbuch, als die mannigfalttg durch- einandersttebenden Kunsttendeuzen der Gegenwart zur Darstellung kommen, gesehen durch ein perfönliches Temperament; man merkt ihm an, daß es eine Gelegenheitsschrift ist, die eine Reihe von Vorträgen zusammenbindet. Die zahlreichen Abbildungen sind mit Umsicht ausgewählt. Den oben angegebenen, historischen Weg der Betrachtung schlägt ein anderes Werk ein, das einen Grundriß der modernen Plastik und Malerei des 19. Jahrhunderts geben will, verfaßt von Dr. B. D a u n.(Die Kunst des 19. Jahrhunderts. In zwölf Heften. Mit 250 Abbildungen. Verlag Georg Wattenbach, Berlin.) Hier haben wir eine verläßliche, ruhige Darstellung und Gruppierung des Stoffes. Beginnend mit dem Klassizismus in Frankreich und den anderen Ländern, geht der Verfasser dann zur Romantik über. komnit dann zum Realismus, bespricht den Impressionismus und Pleinairismus und behandelt weiterhin die Bestrebungen der Sezession; ein Schlußkapitel ist den modernen graphischen Künsten gewidmet. Das Sachliche herrscht vor. Allgemeinverständlichkeit ist an-- gestrebt und der Stoff ist von allem Ballast des Allzu- vielen, das nur die Uebersicht stört, befreit. So wird das Werk, wenn eS abgeschloffen vorliegt, einen Führer bilden für die, die über die Kunst der Gegenwart sich dadurch belehren lassen wollen, daß sie den Gang der Entwickclung vom Beginn des Jahr- Hunderts an verfolgen können. So gibt das Brich eine gute Grund- läge, die unerläßlich ist, wenn man zum Verständnis der Kunst- Probleme der Jetztzeit gelangen will. Es hat auch den Vorteil, daß eS sich der Kürze befleißigt. Natürlich darf man von solchem Werk. das auf einen weiten Leserkreis rechnet, nicht mehr verlangen, als es bieten kamt. Persönliche Färbung muß eS gerade vermeiden und das Tatsachenmaterial möglichst übersichtlick bringen. Wer mehr verlangt, der greife zu O s b o r n S trefflich ge- schriebencr, auch umfangreicherer„Geschichte der Kunst des 19. Jahr- Hunderts', die als Schlußband zu dem bekannten„Handbuch der Kunstgeschichte" von Anton Springer im Verlage von E. A. Seemann (Leipzig) erschienen ist. Dieses Buch ist mit viel Geschick und Sach- kenntnis in einem anregenden und flüssigen Stil geschrieben und dürfte vorgeschrittenen Lesern viel Interessantes bringen. Das Ab- bildungsmaterial ist sehr reichhaltig und sorgfältigst ausgewählt. Speziell die Kapitel, die die Gegenwart behandeln, find lebendig geschrieben und die sonst selten zu sehenden Abbildungen unterstützen vorzüglich de» Text. Wollen die drei genannten Werke einen zusammenhängenden lleberblick geben über die Kunst einer ganzen Epoche mit all ihren Einzelheiten, so versuchen neue Publikationen auf einem andere« Wege Belehrung und Anregung zu geben. Sie vermeiden das Prinzipielle, die lückenlose Aufeinanderfolge. Sie zerpflücken den Zusammenhang und lösen ihn in Einzelteilchen auf. Es sind die heutzutage besonders beliebten Monographien, die nicht nur. wie man ihnen vielleicht vorgeworfen hat, der Oberflächlichkeit durch flüchtige, essayistische Darstellung entgegenkommen, sondern auch oft Spezialthemata mit aller Detailbehandlung zum Vorwurf nehmen. Unter den zahlreichen Publikationen dieser Art sind zwei be- sonders hervorzuheben: Die Künstler-Monographien, herausgegeben von Knackfuß(Velhagen und Klasing, meist zwei oder drei Mark pro Band) und die Sammlung.Die Kunst" von Richard Muther(bei Marquardt u. Co., 1,50 M. pro Bändchen). Beide Sammlungen haben ihren bestimmten Charakter. Die Knackfuß-Monographien haben meist ein reiches und gutes Jllustrattonsmaterial. das bei dem großen Format der Bücher wirkungsvoll zur Darstellung kommt. Der Text ist meist zuverläisig; er gibt daS Tatsächliche und führt in die Kenntnis der Zeit- umstände und der Tendenzen der künstlerischen Art des jeweilige« Gebietes ein. Die Sammlung„Die Kunst' richtet sich nicht so sehr an das große Publikum. Die Abbildungen sind weniger zahl- reich und kommen nicht so gut zur Geltung, da sie meist sehr klein sind. Der Text ist persönlich gefärbt, was ja oft den Stoff reizvoller macht, aber auch den Ungelehrten leicht irreführen kann. Knackfuß will belehren. Das Persönliche tritt zurück. Die Sache herrscht. SNuther will unterhalten, fesseln. Dem- gemäß ist auch die Ausstattung dieser kleinen Bändchen, durch die sie sich nicht zum wenigsten schnell' eingeführt haben, eine sehr ge- fchmackvolle. Druck und Anordnung und Einband machen einen äußerst gefälligen Eindruck. Einige neuerschienene Bände seien hier erwähnt. A. Zacher behandelt„Rom als K u n st st ä t t e' und zeigt, wie diese Stadt im Wandel der Zeiten ihren Charakter jewefls geändert und im Grunde doch den gleichen behalten hat, als der er uns in der Gegenwart entgegenKitt, ein Sammelpunkt für die künstlerische Schaffenskraft ganzer Jahrhunderte. Und so durchleben wir die Entwickeluug von Anbeginn an, als Rom der Mittelpunkt der Welt war, bis die Renaissauce nach dem Untergang des römischen Reiches eine neue, glorreiche Zeit heraufführt, und schließ- lich die Neuzeit, in der Scharen von Künstlern an diese Stätte pilgern, mn sich an Kunst zu sättigen. So zieht ein wichtiger Teil der Kunstgeschichte überhaupt au unserem Geiste vorüber. Nach Spanien führt uns Muther mit seinem.VelaSquez'. Eine andere Welt. Voller Willkürlichkeiten und Schrecknisse, voller Dunkelheiten und glühender Farben. Und inmitten jener Welt die Gestalt jenes Malers, die uns noch jetzt so modern anmutet, dessen Farben so kühl und ruhig, dessen Charakteristik so prägnant war. Ein glühendes Künstlertum unter einer starren Oberfläche. Mit gewandtem Stift zaubert uns Muther jene Kultur, jene Kunst vors Auge. Ueber Max Liebermann schreibt R. Klein in etwas pedantischer Art. die künstlerisch eigene Anschauung öfter vermissen lätzt. Gleichfalls von Liebermann handelt in den zuerst angeführten Künstler-Monographien H a n S R o s e n h a g e n. Der Vorzug liegt in den Abbildungen, deren reiche Auswahl eine klare Vorstellung von der Arbeit des Künstlers gibt. Beiden Sammlungen tritt ergänzend eure Serie k u l t u r- geschichtlicher Monographien zur Seite. Ed. von Mayer spricht von den Beziehungen zwischen.Fürsten und Künstlern" und schreibt damit eine Geschichte des Mäcenatentums in teilweise zu ausführlicher, dann zu knapper Weise. Er behandelt das Kulturelle, vergißt aber das Soziale. Des öfteren ist seinen allzu engpersönlichen Liebhabereien zu sehr Spielraum gelasieu und die schönfärberische Phrase stellt sich ein. Gerade dieses Kapitel müßte kritischer behandelt werden, wn endlich einmal mit fest- haftenden Vorstellungen aufzuräumen. AuS der kulturgeschichtlichen Monographiensammlung, die bei Velhagen u. Klasing erscheint, ist als neue Erscheinung das Werk über„Ex Ii bris" sBuchzeichen) zu erwähnen, deren Geschichte der als Sammler dieser kleinen graphischen Blätter bekannte W. von zur Westen schrieb; der Ton ist etwas trocken, gar zu sammelmäßig« beschreibend und registrierend; die Ab- bildungen sind überaus zahlreich und geben an sich einen Ueberblick über die verschiedenen Stile dieser graphischen Kleinkunst. So find diese Monographien wohl geeignet, in spezielle Gebiete einzuführen und die allgemeine Darstellung, die notwendigerweise nur die Hauptpunkte berühren, nur die Grundlage geben kann, zu ergänzen, wobei die reiche Auswahl daftir sorgt, daß man in jeder Hinficht nach seinem Gefallen wählen kann. Kleines f euületon* Medizinisches. Zusammenhang von Zahn- und Lungenkrank» h e i t e n. Einer der wichtigsten gesundheitlichen Ratschläge, die sich aus hygienischen und medizinischen Forschungen in der letzten Zeit ergeben haben, liegt in dem immer stärkeren Hinweis auf den Zusammenhang zwischen einem krankhasten Zustand der Zähne und der Entstehung anderer Krankheiten. Es wird heutzutage gefor» dcrt, daß schon der gesunde Mensch, noch mehr aber der kranke, in einer reinen Luft lebe, namentlich möglichst wenig Staub atme, eine geeignete und von'krankheiterregcnden Keimen freie Nahrung zu sich nehme usw. Man soll sich doch aber einmal klar machen, was das alles nützen kann, wenn die krankheiterregcnden Keime im Munde selbst vorhanden sind, lind angesichts der Tatsache, daß die Stockung der Zähne überhaupt die weitestverbreitete aller Krank- heften ist, ist es sicher, daß nur bei einem geringen Teil der Men- schen der Mund von solchen Keimen frei ist. Namentlich muß es begreiflich erschenten, wenn ein Zusammenhang zwischen Zahn- und Lungenkrankheften geargwöbnt wird. Um diesem Verdacht eine festere Unterlage zu verschaffen, hat Dr. Dodd, wie er in den Ver- Handlungen der englischen Odontologischcn Gesellschaft ausführte, an einem Krankenhaufe und in einem Sanatorium Untersuchungen der Zähne an Lungenkranken vorgenommen. Die Ergebnisse sind, um es gleich zu sagen, vollkommen beweisend für jenen Verdacht und mit Bezug auf den Zustand, in dem sich das Innere des Mundes sogar bei vielen sonst gebildeten Leuten befindet, geradezu niederschmetternd. Schon bei Kindern fand Dodd trotz der noch nicht vollen Entwickclung des dauernden Gebisses in vier von sechs Fällen tote Zähne und offene Wurzelhöhlen im Verein mit einer starken Besiedelung des Mundes mit Bakterien. In dem Kranken- Haus wurden 35 weibliche Lungenkranke im Alter von 13— 40 Jahren untersucht, die zusammen 1088 Zähne hätten haben sollen. ES stellte sich aber heraus, daß 42 Proz. dieser Zähne entweder fehlten oder im Versall begriffen waren. In 16 Fällen waren tote Zähne oder bloßgelegte Gaumenhöhlcn vorhanden, und in dem Mund vieler Patienten war die Zahl solcher Verletzungen eine ganz beträchtliche. Eine Kranke trug ein künstliches Gebiß, das sie gar nicht aus dem Munde zu bringen vermochte und gegen dessen Herausnahme zu Rcinigungszwecken sie sich sträubte. Tie 31 unter- suchten Männer hätten 970 Zähne haben sollen, von denen aber'363 fehlten oder so schlecht geworden waren, daß sie als nutzlos betrachtet werden mußten. Außerdem waren noch 175 stockig, so daß sich die Zahl der beschädigten oder sehlenden Zähne zu 45 Proz. ergab. Tie Vernachlässigung der Mundreinigung war bei den Männern eine noch größere, so daß die Untersuchung dem Arzt zuweilen eine höchst peinliche Aufgabe stellte. Die Nachforschungen, die an ins- gesamt 53 Lungenkranken des Sanatoriums gemacht wurden, lieftr- ten ganz ähnliche Ergebniffe, indem bei den Männern über 42, bei den Frauen etwa 36 Proz. der Zähne fehlten oder unbrauchbar waren. Ein zweiter Arzt hat in einem anderen Sanatorium noch ungünstigere Verhältnisse festgestellt, indem er ermittelte, daß von 192 Backzähnen, in deren Besitz sich die betreffenden Kranken hätten befinden sollen, nur zwölf in normaler Leistungsfähigkeit waren und daß infolgedessen die Tätigkeit des Kauens, die mit Recht als erstes Glied in der Reihe von Vorgängen einer gesunden Verdauung betrachtet wird, nur zum vierten Teil geleistet wurde. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, um noch nachdrücklicher zu zeigen, daß diese Verhältnisse des Mundes für daS Zustandekommen und den Verlauf von Lungenkrankheiten von schädlichstem Einfluß sein müssen. Dr. Dodd schließt mit dem kräftigen Ausdruck:„Alle Vorsichtsmaßregeln müssen zu einem Selbstbetrug werden, wenn der Kranke seine Speisen, bevor er sie hinunterschluckt, in einem solchen Totcnhause kaut." Astronomisches. Ein neuerKomet wurde Mitte Juni von dem Astronomen Daniel in Princetown entdeckt, dessen Helligkeit seitdem so stark zu» genommen hat, daß er schon Ende Juli heller war als ein Stern vierter Größe. Damit tritt er in den Bereich der Sichtbarkeit für das unbewaffnete Auge. Seine Helligkeit nimmt aber noch fort« während zu, und hat jetzt bereits die Helligkeit eines Sternes zweiter Größe erreicht, das ist so hell wie die hellsten Sterne in dem uns allen bekannten Sternbilde des großen Bären. Ter Komet zeigt sogar einen kurzen nach rechts oben gestreckten Schweif, der vermutlich noch an Helligkeit zunehmen wird, je mehr sich der Komet der Sonne nähern wird. Ueber die Natur dieser Schweife, die man bei den meisten helleren Kometen sieht, läßt sich End» gültiges noch nicht aussagen, weil wir auch über die Natur der Masse, aus welcher die Kometen bestehen, nicht in Gewißheit sind. Die Kometen bestehen aus so feiner Materie, daß die schwächsten uns sichtbaren Sterne ohne merkliche Schwächung ihres Lichts durch sie hindurchstrahlen. Die Helligkeitszunahme des gegenwärtigen Kometen wird noch anhalten. Es wird deshalb interessieren, wo wir dieses merk» würdige Gebilde am Himmel zu suchen haben. Man wird ihn un» schwer auffmden, da er sich vorzugsweise in der Nähe beller Sterne bewegen wird. Er geht der Sonne vorauf und ist infolgedessen am Morgenhimmel sichtbar. Man hat ihn daher am Östhorizont unter den dort um 1� Uhr bis 4 Uhr stehenden Sternbildern zu suchen. Dann steigt gerade der Orion über dem Horizont empor, den unsere Leser alle kennen, da er im Winter den schönsten und auffallendsten Schmuck unseres Sternenhimmels bildet. Noch weiter östlich stehen die Zwillingssterne Castor und Pollux. Ver- bindet man den helleren von beiden, Pollux, mit dem hellsten links oben im Sternbilde des Orion stehenden Beteigeuzc durch eine gerade Linie, so geht durch die Mitte derselben am 15. August gerade der Komet hindurch. Jetzt steht er in den Hyaden, einer Sterngruppe. die zusammen mit den Plejaden, unter dem Namen Siebengestirn bekannt, das Sternbild des Stieres bilden. Sein Weg wird ge- kennzeichnet durch die Verbindungslinie des auf die beschriebene Weise für den 15. August gefundenen Ortes des Kometen mit dem hellen Sterne erster Größe im Stier, Aldebaran. In den wenigen Wochen dieses Monats durchläuft er vermöge seiner außerordentlich schnellen Bewegung in der Sonnennähe ungeheure Strecken an unserem Himmel; mit jedem Tage kann man sein Fortschreiten unter den Sternen feststellen. Man bedient sich zu diesem Zwecke mit Vorteil der kleinen Sternkarte von A. Klippel, die im Verlage der deutschen Lehrmittelanstalt von Klodt in Frankfurt erschienen ist(Preis 1.25 M.). Bei seinem Umschwung um die Sonne erreicht der Komet seine größte Annäherung an diese am 4. September 4 Uhr nachmittags. Nach diesem Zeitpunkte geht er für unS erst nach der Sonne unter, erscheint uns deshalb nicht mehr morgens, sondern am Abend. Dann wird er am Abendbimmcl vielleicht ein auffallendes Gestirn werden. Der Komet würde uns noch viel heller erschienen sein, wenn die Erde der Kreuzungsstclle ihrer mit seiner Bahn nicht sb entfernt gestanden hätte. Die Erde stand aber fast 120 Millionen Kilometer von diesem Orte ab, kann aber auch dem Kometen nicht mehr näher kommen, weil dieser sich bedeutend schneller bewegt als die Erde. Er müßte uns also nach der Kreuzung der Erd- bahn wieder lichtschwächcr erscheinen, wenn seine Helligkeit mit seiner Näherung an die Sonne nicht gewaltig zunähme.— Wie beim Erscheinen ftdes helleren Kometen haben übrigens ängstliche Gemüter sogleich wieder an einen Zusammenstoß mit de: Erde ge- glaubt. Nun ist zwar die Bahnebene des gegenwärtigen Kometen nur verhältnismäßig wenig gegen diejenige der Erde geneigt; sie beträgt nur 9 Grad. Hätte aber selbst die Erde an der Kreuznngs» stelle gestanden, als der Komet diese passierte, so wäre der Abstand beider noch imm:rhln so erheblich gewesen, daß ein Zusammenstoß nicht hätte stattfinden können. Der Komet ging eine sehr große Strecke unterhalb(d. h. südlich) der Erdbahn hinweg. Seine größte Annäherung an die Sonne beträgt rund 78 Millionen Kilometer. liegt also etwa in der Mitte zwischen der Merkur- und der Venus- bahn. F. L. Hygienisches. Der schwache„starke Mann". In einem, dem jüngst herausgegebenen Gesundheitsbericht über die englische Flotte für 1905 als Anhang bcigegebencn Aufsatz legt, wie wir den„Blättern für Volksgesimdheitspflege" entnehmen, der englische Marinestabs» arzt Gaskell in beherzigenswerter Weise dar, wie einseitige Aus» bildung zu körperlicher Kraft keineswegs immer auch eine voll» kommcne Gesundheit bedeutet, sondern im Gegenteil sehr häufig geradezu den Grund zu konstitutionellen Schwächungen legt. Die gefährlichsten Klippen bei solcher einseitigen Erziehung zu besonders ausnahmemätzigen Kraftleistungen sind die Ueberanstrengung des Herzens und der Lunge; auch bei Geistesarbeitern, die nur eine beschränkte Zeit der Steigerung ihrer körperlichen Leistungen widmen, ist die einseitige Ausbildung bestimmter isolierter Muskel. gruppen mit ihren üblen Folgctrirkungen eine oft verhängnisvolle Gefahr. Gaskells Erfahrungen an Tausenden von Seeleuten führten ihn zu der Ueberzeugung, daß der Mann, der nach „Sandow" oder sonst einem der viel angepriesenen Systeme seine körperliche Fähigkeit in bezug auf bestimmte Leistungen hoch gc- steigert hat, gegen körperliche Entartung keineswegs notwendig mehr als andere Leute gefestet ist und nur allzu oft Störungen seiner Gesundheit keinen sehr erheblichen Widerstand entgegen. zusetzen vermag. Nur selten erreicht ein solcher„starker Mann", vor allem jener, der aus seiner Stärke ein Gewerbe niacht, ein hohes und gesundes Alter. Die Ueberanstrengung führt meist zu Schädigungen des Herzens, und Lungenemphysem ist unter den Gewichthebern von Beruf ebenso häufig wie unter den Musik- bläsern, und die erstaunlichen, faszförmigcn Brustkästen vieler dieser Berufskraftmenschcn können sehr wohl einem ausgebildeten Lungen- emphysem ihre Entstehung verdanken. Die Ausdehnung solcher Brustkästen beim Atmen ist oft sehr gering, und die Wände des Brustkörpcrs zeigen sich auffallend starr. Der„starke Mann" ist also wohl ein Niese mit erzenen Muskeln, aber, im eigentlich gesund- heitlichen Sinn, mit tönernen Füßen. Selbst in bezug aus den Wert dieser oft sehr weit getriebenen Muskelausbildung hegt Gaskell sehr erhebliche Zweifel. Er hat eine sehr große Anzahl von Leuten gesehen, die mehrere Jahre hindurch solche Uebungen aus- führten, und deren Muskeln allgemeine Bewunderung erregten, und die dennoch, weil eben die Ausbildung kein größeres, koordi- niertes MuSkclsystcm betraf, nicht sähig waren, von dieser Kraft irgendeinen vernünftigen Gebrauch zu machen. Ein magerer Mann, der niemals solche Muskelübungen ausgeführt bat, kann in bezug auf praktische Tätigkeit den gleichen, ja größeren Wert haben, als ein ausgebildeter Athlet. Die beste Art körperlicher Ausbildung besteht nach Dr. Gaskells Ansicht darin, daß man die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit bedenkt und die Ueberanstrengung vermeidet; zu einer besonderen Leistung soll man sich nur in kleinen Schritten erziehen, so daß jedes Uebermaß ausgeschlossen bleibt. Besondere Berücksichtigung muß auch dem Alter des Hebenden zugewandt werden. Ein flotter Spaziergang in frischer Luft, ferner Hüpfen und Springen sind schon recht gute Mittel der körperlichen Ausbildung. Ein gutes Mittel, den besten Weg einer wirklich zweckdienlichen körperlichen Ausbildung ausfindig zu machen, ließe sich nach Dr. Gaskells Ansicht wohl dadurch gewinnen, daß man die Bewegungen von Leuten, die eine zugleich hervorragende und zu- gleich praktisch wertvolle körperliche Leistung vollbringen— etwa japanische Riksha-Kulis beim raschen Fortbewegen von Lasten, italienische Bergsalieri bei ausdauernden Märschen— kinemato- graphisch aufnähme und longsam vorführte; durch solche Unter- suchung könnte nach seiner Ueberzeugung eine Reihe methodischer Uebungen gewonnen werden, die ohne jede schädliche Wirkung den Menschen zu hervorragenden Leistungen aus den verschiedensten Gebieten nützlicher Betätigung besähigen könnten. Humoristisches. — Im Zeichen der Liebe..Hascht g'Iese. wie freigebig der Vatikan isch?" „Freigebig? Wieso?' „Nu, für de eine Schell gibt er den deutschen Katholiken so viel Schelle." — Der Großstadtdackel.„Wa? sagen Sie zu meinem Dackel? Unlängst geh' ich mit ihm auf die Festwiese, und er verliert mich. Sofort rennt er in die Zeitungsexpedition und bittet die Herren so lange, bis sie ein Inserat aufgegeben haben." („Lustige Blätter.") Notizen. —„Kolonialpolitik", eine Komödie von Ernst von Wolzogen, wurde im Kurtheater zu Friedrichroda mit Erfolg aufgeführt. Kurtheater als Stätten von Uraufführungen sind ent- schieden zu empfehlen, weil die Sommergäste schon aus Regeln deS Kurgebrauches freudig gestimmt sind. — Der Tiefstand der deutschen„Literatur" wird wieder zu erschreckend klarer Anschauung gebracht durch einige Ver- öffentlichungen, die den Fall Hau in der Art wciterspinnen, die die bürgerliche Presse in ihren nervenkitzelndcn Betrachtungen begonnen hat. Eine„Dolorosa" hat des Rechtsanwalts Hau Leben, Lieben und Verderben abkonterfeit. DaS Machwerk endet mit einem„Gebet im Gefängnis". Auch, die Bühne hat die SenfationSaffäre bereits ausgeschlachtet. Im Hamburger Ernst Drucker-Thcater wurde daS große Sittenichanspicl:„Ein Rechtsanwalt als Mörder" aufgeführt. Und Kolportageromane in 145 Fortsetzungen sind sicher schon in Arbeit. Die in Paris befindliche Sammlung Rudolf KannS, eines in Goldminenspekulationen reich gewordenen Empor- kömmlingS. ist für 21 Millionen Franken an eine Londoner Kuirsthändlerfirma verkauft worden. Die Sammlung ent« hält Perlen altholländischer und vlämischer Kunst. Da die Amerikaner einen Teil ihres aufgestapelten Mehrwertes neuer» Vings nach berühmten Mustern in Kunstwerken anzulegen pflegen, wird von diesen Gemälden für Europa und besonders für Deutsch« laud wenig zu retten sein. Doch soll immer noch Aussicht be« stehen, das eine oder andere Stück für die Berliner Museen zu er» werben. — Leonardos Abendmahl in Mailand ist, lvie der „Franks. Ztg." geineldet wird, dank der getroffenen sachverständigen Maßnahmen nunmehr vor�weiterem Verfall geschützt. Man hat nicht imr die Mauer, auf die es der Meister gemalt hat, von Feuchtigkeit voll- kommen befreit, sondern auch das ganze Refektorium des früheren Klosters Santa Maria belle Grazie durch geeignete Ventilation und andere Schutzmaßregeln aus einem muffig-feuchten Räume in einen durchaus trockenen verwandelt. Seit dieser Zeit sind die Moderpilze auf dem Gemälde abgestorben und der Zerstörungsprozeß macht keine Fortschritte mehr. Das Bild hat zahlreicheren Besuch als irgend ein Mailänder Museum— etwa 50 000 Fremde besehen es im Jahre. Tie Verwaltung deS Refektoriums bemüht sich mit Erfolg, alte Kopien und andere auf das„Abendmahl" bezügliche Kunstwerke zu samnieln, so die Nachbildung einer wenig bekannten Rötelzeichmnig Rcmbrandts. Die wertvollste Ergänzung des halb- zerstörten Gemäldes sind aber Nachbildungen der in Originalgröße kopierten Apostelköpfe der Weimarer Galerie, die aus einer Zest stammen, in der das Abendmahl noch völlig unberührt war. — Der Rekord der Schlvalbe. Ein Autwerpener Ge- flügelzüchter hat soeben ein interessantes Experiment gemacht, da? die erstaunliche Geschwindigkeit der Schlvalbe feststellie. Er hatte eine Schlvalbe gefangen, die unter dem Dache seines Hauses nistete, und gab sie einem Manne mit, der eine Anzahl Brieftauben zu einem Wcttfluge von" Cvmpisgue nach Antwerpen brachte. Die Schwalbe wurde in dem erstgenaimreu Orte mit den Brieftauben zugleich um"lU Uhr aufgelassen und schlug sofort die Richtimg nach Norden ein, während die Brieftauben erst noch eine Anzahl Bogen beschrieben, che sie ihre Nichtung fanden. Bereits 8 Uhr 23 Minuten war die Schwalbe wieder in ihrem Neste in Antwerpen, während die ersten Tauben erst gegen IlVe llbr eintrafen. Die Schlvalbe halte also die 235 Kilometer in einer Stunde 8 Minuten zurückgelegt, das heißt, sie war mit der kolossalen Geschwindigkeit von 3355 Metern in der Minute oder 201 Kilometer in der Stunde geflogen. — Getrocknete Hände als Amulett. Ein unter den Ureingeborenen von Neu-Südwales ganz allgemein geübter Brauch ist es, die getrocknete Hand einer gestorbenen Person, in einigen Fällen eines Freundes oder Verwandten, in anderen Fällen die eines Feindes, mit sich herumzutragen. Alle australischen Stämme haben den festen Glauben an den hülfreichen Einfluß irgend eines Körperteiles einer menschlichen Leiche, sowohl im täglichen Leben als bei Jagdunternehmen oder bei Ueberfällcn auf die Feinde. Der gleiche Aberglaube findet sich auch bei den euro- päischen Zi-zcunern. Einige alte Männer der Darkinnung- und Thurrawaldstämme haben dem ForschungSreiscnden Dr. Voesch berichtet, daß ihre Vorväter den festen Glauben zu baben Pflegten, daß daS Mittragen getrockneter oder konservierter Hände ein wirksamer Schutz gegen Feinde sei. Ein solches Amulett wurde in einer kleinen Tasche getragen, die über die eine Schulter eingebunden, unler der andern Achselhöhle hing. Bisweilen wurde eine getrocknete Hand an einer Schnur um den Hals gelegt und hing auf die Brust herab. Eine zweite wurde am Halsband befestigt und hing am Rücken des Trägers zwischen den Schulterblättern. — Indianische Schönheiten. Im Innern von Mexiko findet der Reisende nicht selten überraschend schöne Indianerinnen. In großen Städten bieten die Indianer und ihre Weiber gewöhn- lich ein Bild deS Jammers und sehen häßlich und verkommen aus. Die Vermischung mit den Weißen gereicht ihnen nicht zum Vorteil. Viele Weiber sind syphilttisch erkrankt, die Männer sind oftmals dem Alkoholgenuß ergeben. Ihre Armut, ihre Entbehrungen, ihre lumpige Kleidung machen sie natürlich nicht zu anziehenden Erfcheiiiimgen.— Aber draußen auf dem Laude, fern vo» den„Stätten der Kultur" erwecken sie in ihrer Ursprünglich« keit einen ganz anderen Eindruck. Da sieht man schöne Frauen mit großen glänzenden Augen, breiten fein« geschwungenen Brauen und geraden Nasen; der Mund ist wohl- geformt, das Kinn voll, ohne schwer zu sein. Der Ausdruck des Gesichts ist intelligent, und manchmal finden sich, bei Männern wie bei Frauen, so feine Züge darin, daß man glauben könnte, plötzlich einem direkten Abkömmling eines alten, hoheitsvollen Weifen aus dem Stamme der Azteken gegenüber zu stehen. In ihrer Haltung und in Manieren sind die Frauen anmutig und liebenswürdig, die Männer würdig und gemessen. Das ist ihnen natürlich und darin entsprechen sie doch unserer Vorstellung von hochentwickelten Kultur« menschen. Kommen sie aber mit der Kultur der Weißen, wie sie in Mexiko herrscht, in nähere Berührung, so leiden sie darunter; ihre Schönheit verschwindet, die Augen verlieren den eigentümlichen Glanz, die Gestalt verändert sich unter der Arbeitslast; Sorge, Not und Elend graben ihre Spuren ein und das einst so anziehende Ge- ficht wird häßlich und abstoßend. Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagZanstalt Paul Singer LrTo.. Berlin S1V.