Mnlerhaltungsblatt des Honvärls Nr. 153. Freitag, den 9. August. 1907 (Nachdruck verboten.) 291 Die JVIutter» Noman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. Jeden Tag, wenn die Arbeiter sich zur Lektüre einer neuen ausländischen Zeitung oder einer Broschüre bei Andrej versammelten, kam auch Nikolai, setzte sich in einer Ecke und hörte schweigend ein, zwei Stunden zu. Wenn die Lektüre beendet war, disputierte die Jugend lange: Wjessowtschikow aber nahm an den Wortgefechten nicht teil. Er blieb am längsten, und wenn er Andrej allein gegenüber saß, legte er ihm die mürrische Frage vor:, „Und wer hat die meiste Schuld?" „Ja, siehst Du, die Schuld hat derjenige, der zuerst gesagt hat: Das ist mein! Dieser Mensch ist schon vor einigen tausend Jahren gestorben, und es hat weiter keinen Zweck ihm böse zu sein!" erwiderte der Kleinrusse scherzend, während seine Augen unruhig dreinblickten. „Aber die Reichen? Und die, die für sie eintreten? Haben die recht?" Der Kleinrusie griff sich an den Kopf, zerrte an seinem Schnurrbart und sprach lange und schlicht über das Leben iinb die Menschen. Es kam aber stets so bei ihm heraus, datz überhaupt alle die Schuld trügen, und das befriedigte Nikolai nicht. Die dicken Lippen fest zusammengepreßt, schüttelte er lebhaft den Kopf und erklärte mißtrauisch, das. sei nicht richtig, das verstände er nicht. Dann ging er un- zufrieden uird finster fort. Eines Tages sagte er: „Nein, irgend jemand muß die Schuld haben... und die Leute sind hier! Ich sage Dir— wir müssen unser ganzes Leben wie ein Feld voll Unkraut durchpflügen... ohne Gnade, fest zugreifen!" „So hat eines Tages der Listenführer Jssai von Euch gesprochen!" erwiderte die Mutter. „Jssai?" fragte Wjessowtschikow nach kurzem Schweigen. „Ja. Er ist ein böser Mensch! Schnüffelt überall herum, fragt alle Leute aus... geht jetzt auch in dieser Straße und guckt in unser Fenster...." „Ins Fenster?" wiederholte Nikolai. Die Mutter lag schon im Bett und konnte sein Gesicht nicht sehen. Aber sie begriff alsbald, daß sie etwas zuviel gesagt hatte, denn der Kleinrusse begann sofort einzulenken „Laß ihn-doch gehen und gucken! Hat viel freie Zeit, da geht er eben spazieren"... „Nein, wart mal!" sagte Nikolai dumpf.„Er hat schuld!" „Woran?" fragte der Kleinrusse schnell.„Daß er dumm ist?" Aber Wjessowtschikow gab ihm keine Antwort und ging fort. Der Kleinrusse schritt langsam und müde im Zimmer auf und ab. Die Stiefel hatte er wie stets ausgezogen, um keinen Lärm zu machen und Frau Wlassow nicht zu stören Aber sie schlief nicht, und als Nikolai fortgegangen war, sagte sie unruhig: „Ich habe Angst vor ihm! Er ist wie ein überheizter Ofen, der wärmt nicht, sondern verbrennt..." „Ja— al"... erwiderte der Kleinrusse gedehnt.„Ein böser, schwer zu nehmender Junge. Ihr solltet nicht mit ihm über Jssai reden, Mütterlein... Der spioniert tatsächlich... und bekommt sogar Geld dafür." „Was Wunder! Sein Gevatter ist ja bei der Polizei!" bemerkte die Mutter. „Ich fürchte, Nikolai schlägt ihn noch," gab der Klcinnisse seiner Befürchtung weiter Ausdruck.„Da seht Ihr, welche Gefühle die Kommandanten über unser Leben in den Unter- gebenen großgezogen haben! Wenn solche Leute wie Nikolai ihre Schmach empfinden, und ihre Geduld reißt... was kommt dabei heraus? Blut spritzt gen Himmel, und die Erde schäumt davon wie Seife..." „Sonderbar, Andrej!" rief die Mutter� leise. „Wer Fliegen verschluckt, muß sich erbrechen!" sagte Andrej nach kurzem Schweigen.„Und dennoch, Müttcrlein, ist jeder Tropfen von ihrem Blut in ganzen Meeren von Volkstränen im voraus abgewaschen..." Er lachte plötzlich leise und setzte hinzu „Zwar richtig... aber— nicht tröstlich." XXII. Als eines Feiertages die Mutter aus dem Krämerladen kam, die Tür öffnete und auf die Schwelle trat, wurde sie plötzlich von Freude wie von warmem Sommerregcn über- strömt— im Zimmer erklang Pawels entschlossene Stimme. „Sie ist dal" rief der Kleinrusse Die Mutter sah, wie Pawel sich schnell umwandte, und daß in seinem Gesicht ein verheißungsvolles Gefühl zum Vor- schein kam. „Da bist Du nun.. � wieder zu Hause..." murmelte sie ganz verwirrt und setzte sich nieder. Er beugte sich blaß zu ibr herab, in seinen Augenwinkeln schimmerten ein paar helle, kleine Tränen, und seine Lippen zitterten. Er schwieg eine Weile, und die Mutter blickte ihn ebenfalls schweigend an. Der Kleinrusse ging leise pfeifend mit gesenktem Kopf an ihnen vorüber und trat auf den Hof. „Ich danke Dir, Mama!" begann Pawel mit tiefer Stinuue und preßte ihre Hand mit seinen zitternden Fingern. „Ich danke Dir, Liebe!" Durch den Gesichtsausdruck und die Stimme ihres Sohnes freudig erschüttert, streichelte sie seinen Kopf, unter- drückte ihr heftiges Herzklopfen und sagte leise: „Christus sei mit Dir!... Weshalb... Wofür?" „Ich danke Dir dafür, daß Du uns bei unserem großen Werk behülflich bist!" sagte er.„Wenn jemand eine Mutter sein eigen nennt, die ihm auch geistig nahe steht � so ist das seltenes Glück!" Sie sog seine Worte schweigend und begierig ein und schwelgte im Anblick ihres Sohnes, der so strahlend und ihrem Herzen so nahe vor ihr stand." „Ich habe geschwiegen, Mama- i ich habe gesehen, daß vieles in meinem Leben Dich kränkt... Du tatest mir von Herzen leid, aber ich konnte nichts dabei tun. vermochte es nicht! Ich dachte. Du würdest Dich niemals mit uns aus- söhnen, unsere Gedanken nie als Deine eigenen annehmen...- sondern nur schweigend dulden, wie Du Dein ganzes Leben lang getan hast. Das war schwer!..." „Andrej hat mich viel verstehen gelehrt!" flocht sie ein. dem Wunsche nachgebend, ihren Sohn an seinen Kameraden zu erinnern...., � „Er hat mir von Dir erzählt!" sagte Pawel lächelnd. „Jegor auch. Wir sind Landslcute-,, Andrej wollte mir sogar das Lesen beibringen..." „Aber Du geniertest Dich und hast heimlich studiert?.- „Hat er zugeguckt!"... rief die Mutter verwirrt durch die übermäßige Freude, die ihr die Brust erfüllte. Vcun- ruhigt schlug sie vor: „Solltest ihn doch rufen! Er ist absichtlich fortgegangen, um uns nicht zu stören. Er— hat keine Mutter..." „Andrej!..." rief Pawel und öffnete die Flurtür,„wo bist Du?" „Hier. Will Holz spalten-.." „Das hat Zeit!... Komm her!" „Ich komnie schon..." Aber er kam nicht, sondern trat in die Küche und be- merkte ganz häuslich: „Wir müssen Nikolai sagen, daß er Holz bringt, es ist nicht mehr viel da. Seht Ihr, Müttcrlein. wie gut es Pawel geht? Anstatt zu strafen, füttert die Behörde nur die Rebellen..." Tie Mutter lachte, ihr Herz erstarb noch vor süßer Freude, sie war wie berauscht, aber schon rief ein vorsichtiges Gefühl in ihr den Wunsch wach, ihren Sohii� ruhig, wie immer, zu sehen. In ihrer Seele war zu viel Schönes, und sie wünschte, daß ihre erste Lebensfreude mit einem Mal und für immer so stark und lebhaft, wie sie gekommen, in ihrem Herzen wohnen bliebe. Und aus Furcht ihr Glück zu töten, deckte sie es schnell zu. wie ein Vogelfäi�er einen seltenen Vogel, „Wir wollen essen l--. Pawel, Du hast wohl noch nicht gegessen?" meinte sie geschäftig. „Nein. Ich habe gestern vom Aufseher erfahren, daß ich entlassen sei. und heute hatte ich keine Lust zu essen und zu trinken.- „Der erste, der mir hier begegnete, war der alte Ssisow", erzählte Pawel.„Als er mich sah, kam er über die Straße bnd begrüßte mich. Ich sagte ihm, er solle jetzt vorsichtig mit mir sein, ich sei ein gefährlicher Mensch und stände unter Polizeiaussicht. Das macht nichts, sagte er. Und weißt Du, wie er sich nach seinem Neffen erkundigte? Hat Fedor sich gut geführt? fragte er. Was heißt sich gut im Gefängnis führen? Nun, meinte er, hat er sich auch bei der Aussage über seine Kameraden nicht verplappert? Und ais ich er- widerte, Fedor sei ein braver, kluger Junge, strich er den Bart und erklärte stolz: Wir Ssisows haben keine schlechten Glieder in unserer Familie.. „Der Alte hat Grütze im Kopf!" nickte der Kleinrusse. „Wir unterhalten uns oft miteinander, er ist ein guter Bauer. Wird Fcodor bald entlassen?" „Ich denke, alle werden entlassen! Man hat ja keine vnderen Beweise, als Jssais Angaben, und was kann der aussagen?" Die Mutter ging hin und her und blickte ihren Sohn an. Andrej hatte die Hände auf den Rücken gelegt und hörte seiner Erzählung zu. Pawel trug jetzt einen Bart: kleine, feine, dunkle Haarringe zogen sich an den Wangen entlang und dämpften die braune Gesichtsfarbe. Seine etwas düsteren Augen blickten strenge drein. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) feumverke. Von Eugen I so l a n i(Berlin)'. Die Sommerzeit ist die Saison der Feuerwerke. Aber scheint es nicht, als ob uns der Geschmack an pyrotechnischen Schauspielen etwas abhanden gekommen sei? Zwar finden in jedem Sommer allerorten noch zahlreiche derartige Veranstaltungen statt, doch man kann nicht sagen, daß sie viel Abwechselung bieten. Wenigstens ist das bei uns in Deutschland der Fall, während in südlichen Ländern die Phantasie der Phrotcchniker lebhafter und demgemäß auch das Interesse des Publikums an Feuerwerken größer zu sein scheint. Offenbar finden die Völker des Südens mehr Freude und Geschmack an derlei farbenprächtigen Schauspielen, zumal in diesen Ländern das Leben des Volkes sich im allgemeinen mehr im Freien abspielt, als bei uns, und derlei Veranstaltungen seltener durch Regen gestört werden, als in nördlicheren Gegen- den. Man erinnert sich vielleicht, daß vor zwei oder drei Jahren ein englisches Konsortium, das in größeren Städten Deutschlands pyrotechnische Schauspiele großen Stiles vorführte— sie stellten den Untergang von Hcrkulannm und Pompeji dar, wobei noch das feurige Drama durch Darsteller, Artisten und Sänsier belebt wurde— kläglich zugrunde ging, weil einerseits lange Regen» Perioden die Vorstellungen unterbrachen, andererseits aber der Zulauf des Publikums auch an schönen Tagen nicht groß genug war. um die erheblichen Unkosten zu decken. Wir sind in Deutschland eben gewöhnt, Feuerwerke nur als Zugabe zu anderen Sommervergnügungen zu genießen, ohne einem solchen Schauspiel allein ganze Stunden zu widmen. Dazu wagt man es bei uns nicht recht, wenn nicht außerordentliche Anlässe borliegen, viele Tausende für ein solches Vergnügen zu opfern auf die Gefahr hin, daß das Abbrennen des Feuerwerks durch Regen gestört werde. Wenn man bört, daß zum Beispiel ein Feuerwerk, das aus Anlaß des sächsischen Wettinjubiläums im Jahre 1889 in Dresden abgebrannt wurde, über 49 90(1 Mark kostete,— auch damals wäre beinahe ein Gewitter dazwischen gefahren, e� verzog sich kurz vor Beginn des Schauspiels,— so sind solche Bedenken immerhin nicht ungerechtfertigt. Man kennt denn auch in Deutschland Feuerwerke großen Stils über- Haupt fast nur bei Gelegenheit von Fürstenzusammenkünften und ähnlichen Festlichkeiten. Und da Wien als alte Habsburger Kaiser- stadt nicht selten der Schauplatz großer dynastischer Feste war, so mag das auch die Ursache sein, daß sich gerade dort auch im Volke eine größere Vorliebe für pyrotechnische Schauspiele er- halten hat. Berühmt war dort z. B. das kolossale Feuerwerk, das im Jahre 1666 anläßlich der Vermählungsfeier der Jnfantin Mar- ?aretha und Kaiser Leopold I. abgebrannt wurde. Das Schau- piel stellte den Kamps der Centauren mit den Teufeln dar, und den Höhepunkt der feurigen Darstellung bildete ein symbolischer Vorgang: Amor schmiedete zwei Herzen zusammen. Nicht minder berühmt war das große Feuerwerk, das Kaiser Franz I. am Lg. September 1814 zu Ehren der zahlreichen fürstlichen: und diplomatischen Gäste, die anläßlich des Wiener Kongreges sich in der österreichischen Hauptstadt aufhielten, durch den berühmten Pyrotechniker Stuwer abbrennen ließ. Das Programm des Feuer- Werks nahm in eigentümlicher Weise auf den historischen Anlaß des Schauspiels Bezug. Es zerfiel in folgende sechs Abteilungen: 1. Ein Blick in die Zukunft.(Heiterer Himmel, das Firmament mit unzähligen Sternen bedeckt, Gott Mars, auf trüben Wolken fliehend, im Hintergrund.) 2. Die prophetischen Gestirne.(Fix- stcrne mit Emblemen, den Frieden über dem Erdenrund fest- haltend.) 3. Das Höchste des Lebens.(Zufriedenheit und Ein» tracht, sinnbildlich gezeichnet.)- 4. Der Zirkel der Freude.(Früh- liche Ackerleute und Winzer, Künste und Wissenschaften im höheren Fluge, Füllhörner verbreitend über die Industrie.) 5. Europas Völkerdank.(Deutsche, Russen, Engländer, Spanier, Portugiesen, Holländer, Italiener, Ungarn, Polen, huldigend am Altar des Friedens ihren Errettern und Beglückern.) 6. Der Gürtel der Eintracht(fest verschlungen alle Monarchen und Völker in einem Rosenbande). Die Wiener Pyrotechnikerfamilie Stuwer, die, Großvatef, Vater und Sohn nacheinander, ein paar Menschenaltcr hindurch Feuerwerke großen Stiles veranstaltete, machte diese Art Schau- spiele in der österreichischen Kaiscrhauptstadt ungemein populär. Noch heute gibt es in Wien eine sprüchwörtliche Redensart: „Bravo Stuwerl", die davon herrührt, daß in den ersten Jahr- zehnten des vorigen Jahrhunderts viele Tausende Wiener am Schlüsse der Feuerwerke„Bravo Stuwer!" riefen. Besonders war es der Begründer der Pyrotcchnikerdynastie Stuwer, der in den Siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts Feuerwerke in Wien ein- führte und als großer Künstler in seinem Fach gerühmt ward. Er kann als Romantiker der Feuerwerkcrei bezeichnet werden. Bäuerle erzählt in seinen Memoiren von einem solchen Stuwerschen Feuerwerk, das er als Knabe(1796) gesehen. Der Anschlagzettel verkündete:„Etwas ganz Originelles, nie Gesehenes, noch in keinem Feuerwerk versuchtes Schauspiel, nämlich ein pantomimisches Feuerwerk, unter dem Titel: „Werthers Leiden, Frei nach Goethe." Das Gerüst zur Hauptdekoration, das dauernd stehen blieb, weil seine Errichtung allein achttausend Gulden gekostet hatte, war 6d Klafter breit und 24 Klafter hoch. Bäuerle erzählt von diesem pyrotechnischen Roman, daß Werther seiner Lotte die Liebes- erklärung unter einem blühenden Kirschbaume machte. Während er seine„feurigen Seufzer" ausstieß, fielen die weißen Blüten vom Baume ab; der Baum bedeckte sich mit grünen Blättern, und als Weither seiner Lotte zu Füßen stürzte, erschienen schon die roten Kirschen an den grünen Zweigen. Das Publikum brach über diese Kunstleistung in unbeschreiblichen Jubel aus. Nach Bäuerlcs Mitteilungen war nach diesem ältesten Stuwer die Rakctenkanonade am Schluß das großartigste, die Erde erbebte unter den Donnerschlägen der platzenden Feuerwerkskörper. Von jener Werther-Aufsührung erzählt er noch, daß„Werther einen Kopf hatte, wie der größte Kürbis, die Augen rollte er furchtbar, einen Bauch produzierte er wie ein zehn Eimerfatz, und Beine. unverhältnismäßig kurz und dünn wie von einem Reh. Daß er ein Schwärmer sei, markierte Herr Stuwer dadurch, daß er un- aufhörlich feurige Schwärmer hinter ihm aussteigen ließ. Die Lotte war noch ein ärgerer Popanz. Angetan war sie mit einem weißen Flitterkleide wie die Pamina. es war aber ihr Anzug mehr Hemd als Kleid; sie erschien in blonden Locken aus rotem Feuer; einen Veilchenkranz im Haar, der so groß und plump war, daß er einem Kuhkranz glich. Da diese Lotte in einer folgenden Dekoration mit einem Laib Brot und einem Messer in der Hand zu erscheinen hat, womit sie ihren Geschwistern Brot aufschneidet, welches Herrn Werther gar so sehr rührt, so erschien sie gleich anfangs mit dem Brot und dem Messer, und statt seine Liebeserklärung zu erwidern, schnitt sie ihm ein Stück Brot ab... Die Hauptdekoration stellte ein Tempel vor. Dieser Tempel war ein Meisterstück. Die herrliche Zeichnung wurde mit lautschallen- -dem Jubel begrüßt; aber hkcr fiel es dem Künstler ein, Lotte und Werthcr noch einmal erscheinen zu lassen. Weither hatte jetzt ein Bukett in der Hand, welches wenigstens vier Schuh hoch war.— Die Kanonade an jenem Abend muß man bis Pest gehört haben." Bis zum Jahre 1848 waren diese großen Feuerwerke im Prater jedesmal ein Festtag für die Wiener, an dem der gesamte Ms ebenso wie der Aermste in der Stadt teilnahm, denn wer kein Geld daran wenden konnte, sah von den Basteien oder dem Maria- hilfer Berge dem Schauspiel zu! Besonders beliebt sind die Feuerwerker, wie schön erwähnt, noch heute in Italien und Frankreich. Napoleon führte ans scitzen Heereszügen stets tüchtige Feuerwerker init sich, die zu seinem und Frankreichs Ruhm große pyrotechnische Schauspiele veran- stalten mußten. Immer am Napoleonstage, an> 14. August, wurdcp herrliche Feuerwerke abgebrannt. Prinzessin Amalie von Sachsen, die als Bühnendichtcrin unter dem Namen Amalie Heiter bekannte Schriftstellerin, erwähnt in ihrem Tagebuch solch ein Feuerwerk, das am Napoleonstage 1813 auf der Elbe stattfand: den Mittelpunkt bildeten die Namcnszüge Napoleons und Marie Luisens. Sonderbar macht es sich dabei, daß zuletzt von allen Seiten Leuchtkugeln ans die Chiffren fiejcn und sie auslösckitcn. „Mir kam es vor," schreibt die Prinzessin,„wie eine Vvrbcdeutung. Glücklicherweise hatten einzig französische Feuerwerker die Sache so ominös veranstaltet.' Die Ptirotechnik in ihrer modernen Gestaltung, wo sie ledig- lich dem Uuterhaltungsbedürfnis dient, ist ja noch ziemlich jungen Ursprungs, wenn auch zweifellos ist, dah auch schon die alten Völker, sei es zum Vergnügen, sei es im Kriege, ahnliche Mittel anwandten und ähnliche Effekte erzielten, wie unsere Feuerwerker. Bekannt ist z. B. das sogenannte„griechische Feuer", eine explosiv- brennende Mischung, die zuerst unter Konstantin dem Großen im Jahre 330 genannt wird, aber sicherlich weit älteren Datums ist. Man benutzte dieses Mittel im Kriege zum Anzünden brennbarer Stoffe und es heißt, es soll selbst unter dem Wasser gebrannt, und bei der Entzündung unter furchtbarem Knall einen sichten Rauch erzeugt haben. Dieses griechische Feuer, von dem behauptet wird, daß schon Archimcdcs damit eine Flotte in Brand steckte, spielte in der Kriegsgeschichte eine große Rolle. Konstantin IV. benutzte es 678 gegen die Araber bei der Belagerung von Lionstantinopel und Alexias gegen die Pisaner. Nachdem dann die Griechen viele Jahr- hunderte lang im ausschließlichen Besitz ihres Geheimnisses ge- blieben waren, kam es durch Verrat an die Sarazenen, die sich seiner in den Kreuzzügen im 12. und 13. Jahrhundert gegen die Christen bedienten. Später wurde dieses Feuerungsmittel durch das Schicßpulver verdrängt, dessen Ursprung ja ebenfalls in Dunkel gehüllt ist. Es ist aber zweifellos, daß die Chinesen, wenn auch nicht unser Schicßpulver, so doch andere Explosivstoffe in uralter Zeit gekannt haben, und es ist daher auch ganz sicher, daß die Chinesen Feuer- werke schon in frühester Kulturperiode abbrannten, wie sie heute noch dasjenige Volk sind, das die größte Freude an der Pyrotechnik hat. Und ebenso sicher haben auch unsere modernen Pyrotcchniker mancherlei von altchinesischen Feuerwerkern übernommen. So sind z. B. die Raketen— auf deren Bedeutung für unser Signal- und Rettungswesen zur See hier nur beiläufig hingewiesen sei— eine chinesische Erfindung. In China gibt es wohl kein Fest, bei dem nicht ein Feuerwerk abgebrannt wird, und man kennt dort selbst bei gewöhnlichen Gelegenheiten Feuerwerke von solcher Größe, wie sie bei uns wohl überhaupt noch nicht gesehen wurden. Augenblicklich ist, wie gesagt, bei uns die Kunstfeuerwerkerei entschieden im Rückgang begriffen, indessen offenbar nicht nnr in Deutschland, sondern auch in Ländern, deren VcvDkerung im all- gemeinen mehr Geschmack an derartigen lediglich kn grobfinssl scher Weise wirkenden Vergnügungen hat. Mag das nun auch erfreu- lich sein, daß die größeren Volksmassen sich edleren Vergnügungen zuwenden, die ihnen ja auch von Jahr zu Jahr leichter geboten werden, so ist es andererseits doch immerhin auch bedauerlich, daß die Kunst der Pyrotechnik darunter verflacht. Was heutzutage vielfach als Feuerwerk geboten wird, darf kaum auf die Bezcich- nung einer künstlerischen Veranstaltung Anspruch erheben. kleines Feuilleton. Musik. Mit einem flotten Sujet und mit der Bdnützung alter viel- bekannter Weisen ist einem Thcaterpublikum leicht gedient. Das sichert auch der komischen Operette„Flotte Bursche" des sogenannten Vaters der deutschen Operette, Franz.V Suppe, ihre Wirkung. Lange war diese nunmehr 44 Jahre alte Komik nicht mehr auf unseren Bühnen erschienen. Wir haben inzwischen Suppesche Werke wieder vorgeführt bekommen, die sich weit höher über die Posse erheben, als es dieses Stück tut. Doch auch ihm kommen wir gern entgegen; die Oberflächlichkeit, mit welcher die Musik durchgearbeitet oder vielmehr nicht durchgearbeitet ist, vergißt man schließlich gegenüber dem Verdienst, den Sängern und Sängerinnen gut sangliche Aufgaben zu stellen. Ter Text ist harmlos genug! Heidelberger StchZcnten nehmen sich eines armen Handwerksburschen, der sein LiescMn ver- lassen soll, an und prellen in mehr als drastischer Weise einen alten Geizkragen. Unsere„Komische Oper" scheint diesen Griff in die Ver- gangenheit mehr nur in Ermangelung eines Besseren gemacht zu haben. Was uns an ihr stört, tritt hier allerdings noch mehr her- vor, als das, was ihr besonderes Verdienst ist. Vor allem führt dort das Streben nach naturgetreuer Charakteristik zu einer zappeligen Hetze und undeutlichen Vertvischung, so daß man oft Mühe hat. das Ganze zu überschauen. Ter vorgestrige Abend, der uns diese Ntüieinstudicrung brachte, enthielt auch eine Wiederholung des neuen Einakters„Zierpuppen" von A n s e l m G ö tz I. Wir IjcJDen diese„Musikalische Komödie" bcrefls früher besprochen und können jetzt unser damalige» Urteil bestätigen, �fogar noch ein wenig zugunsten dieser schkichten und anmutigen Musik ver- stärken. Anders die Aufführung. Sie übertrieb womöglich noch mehr als damals. Tie Sangeskunst stand in beiden Stücken dieses Abends nicht hoch. Am besten bewährte sich wohl Jsabelle l' H u i l l i e r in der Rolle der zweiten von den gespreizten Damen Moliercs. Skd sang nicht nur gut, sondern spielte auch insofern trefflich, als sie merken ließ, daß die Zicrpupplgkcit dckin eigent- lichcn Charakter dieses Mädchens bloß angelernt, nicht aber ur- sprünglich eigen ist. Nur wenn dieser Gegensatz beizeiten mimisch ausgeprägt wird, rechtfertigt sich de» Schluß, tn welchem d«c Mädchen ihre Gespreiztheit abwerfen.— In den beiden Stücken hatte Ilse Lorenz dankbare Rollen und gab sich redlich Mühe; für das Lieschen in den„Flotte Bursche" reicht ihr gesangstech. nisches Können noch eher zu, al? für die„Zierpuppen", in welcher Rolle sie stark den Eindruck machte, daß sie noch einer langen Ge» sangsschulung bedarf. Außerdem waren in beiden Stücken der Tenorbuffo Peter K r e u d e r und der lyrische Tenor Bernhard B ö t e l hervorragend tätig. Weitere Namensnennungen sind wohl unnötig. Daß aber alles in allem besser gesungen werden könnte, wenn schon einmal mit den Einstudierungen soviel Mühe aufgc- wendet wird, und daß daran das Jagen nach übernaturalistischer Charakterisierung mit schuld ist, sieht hoffentlich auch die Direktion ein. sz. Anatomisches. D i e Gehirnwindungen. lieber die seit Jahr» Hunderten umstrittene Frage der Lokalisationen im Gehirn sprach in der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft, die gegenwärtig in Straßburg tagt, Professor Dr. S t i e d a- Königsberg. Seit langer Zeit hat man, führte er aus, mit redseliger Ausführlichkeit die Windungen des Gehirns als Sitz der Intelligenz beschrieben. In Wahrheit sind Gestalt, Form und Aussehen der Gehirn- Windungen ganz gleichgültig für die Denktätigkeit. Man hat die Hirne bedeutender Staatsmänner und Gelehrten mit großer Mühe gesammelt und untersucht, aber es ist mit den Hirnen großer Männer wirklich nichts los. fHeiterkeit.) Ich selbst konnte in diesem Jahr das Hirn eines Mannes untersuchen, der zwar kein Kant und kein Bismarck war, aber doch eine geistige Fähigkeit besaß, wie sie in Hunderten von Jahren nur einmal vorkommt. Er sprach, schrieb und dichtete in S4 Sprachen. Dieser Mann, Dr. Georg Sauerwein, ist vor drei Jahren siebzigjährig in Stockholm gestorben und hat mir sein Hirn testamentarisch vermacht. Sein Hirn wies viele sonderbare Abweichungen auf— aber gerade wo nach Broca die Sprache ihren Sitz haben soll, war es ganz gewöhn- lich. Ebensowenig fand sich hier bei Taubstummen-Hirncn eine Abweichung. Ueberhaupt ist die Hirnwindung, in der die Sprache angeblich ihren Sitz hat, bei den Frauen weniger entwickelt. Das Gegenteil müßte der Fall sein.(Heiterkeit.) Aber in Wahrheit kann heute an den Hirnwindungen der Anatom den Gesunden vom Kranken, den Verbrecher vom normalen Menschen überhaupt nicht, ja kaum das weibliche Hirn vom männlichen unterscheiden. Die Hirnwindungen in ihrer Verschiedenheit rühren von unbekannten mechanischen Ursachen her; sie sind genau so wenig Ursachen oder Maßstäbe der Intelligenz wie die Windungen der Hand, aus denen alte Weiber prophezeien, Maßstäbe des Glückes oder der Kraft. Vielleicht rührt die Verschiedenheit von andersartigem Wachstum her. Jedenfalls ist das einzige, was Bedeutung für die Intelligenz, die graue Hirnrinde. Hier muß die Untersuchung einsetzen. Wenn wir einmal wissen, wie die Form, der Chemismus, die Topine der Zellen der grauen Hirnrinde ihre Funktion be- stimmen, wird die Wissenschaft vom menschlichen Hirn weiter vor» wärts gehen. Aus dem Tierreiche. Das Cochcnille-Jnsekt. Als Ferdinand Cortez Mexiko eroberte, fand er dort im landwirtschaftlichen Betriebe eine den Europäern ganz unbekannte Kultur, die in Amerika schon seit vielen Jahrhunderte� bestanden haben mochte. Weite Strecken nämlick waren mit einer Pflanze bedeckt, die zu den Kaktus- gewächsen gehört, als Nopalpflanze bezeichnet wird und keinen anderen Zweck hat, als auf ihr die Schildläuse zu züchten, die unter der Bezeichnung Cochenille zu einer Weltberühmtheit geworden sind. Große Teile von Mexiko zahlten damals ihren Tribut an den König Montezuma in Cochenille, die allein zur Färbung der Gewänder für den Gebrauch des Königs und des Adels benutzt wurde. Im Jahre 1518 wurden Proben des Farbstoffes nach Spanien gesandt, und der König Ferdinand war von dieser Farbe so entzückt, daß er einen Befehl an seine Statthalter in Amerika ergehen ließ, ihm möglichst viel davon zu verschaffen. Mit der Zeit entwickelte sich dann die Cochenillc-Jndustrie zu ansehnlicher Verbreitung und großer Wichtigkeit, die erst steucrdings durch hcn ungeheuren Aufschnulyg der chemischen Farbindustrie in Nach- teil geraten ist. Heute steht wahrscheinlich nicht mehr der zehnte Teil der Nopalfeldcr, die noch vor 20 bis 25 Jahren vorhanden waren, und�es jll die Frage, ob sie nicht in einer nicht mehr fern- liegenden Zukunft ganz verschwunden sein werden. Falls dann die Cochenille-Jndustric ganz der Geschichte angehören wird, so wird sie doch als eine der merkwürdigsten, auf die der Mensch je verssillcn ist, im Gedächtnis bleiben. Das Cochenille-Jnsekt hat seine Heimqt ausschließlich in Amerika und wurde außer i»r Mexiko am frühesten in Peru, dem Lande dev Jnkas, gezückstet. Außerdem kommt es auch auf den wilden Kakteen der Wüstengel�ete in den westlichen Vereinigten Staaten vor. liefert dort aber einen blassen Farbstoff, der ftir den Handel nickst verwertbar ist. Es ist versucht worden, die mexikanischen Schildläuse nach Kalifornien einzuführen, aber ohne Erfolg, weil die Insekten bei dieser Ver- Pflanzung aus ihrer Heimat ihr» wertvollen Eigenschaften als- bald einbüßen. Besser gelang die Ansiedelung des Insektes im südlichen Spanien, in Algier nnd namentlich auf den Kanarischen Inseln. Die Nopalpflanze, auf �er die Cochenille schmarotzt, wird daher auch Cochcnillefcige genannt nnd besitzt eine große Aehnlich- keit mit der bekannten Feigcndistel(Opuntis). Sie wächst auf Hochflächen, wo sieben Monate im Jahre kein Regen fällt und sonst kein Gewächs fortkommt. Die Pflanze verlangt fast gar keine Warwng. Wo nun die Cochenille herkommt, ist eigentlich ein Rätsel. Tatsächlich findet sie sich überall ein, wo nur eine Nopal- pflanze wächst. Diese Versckwisterung zwischen Tier und Pflanze ist eine so innige, daß man 200 Jahre lang beides als zusammen- gehörig betrachtet hat, denn erst im Jahre 1703 machte der große Naturforscher Leeuwenhoek die Entdeckung, daß die roten Punkte, die bis dahin für Samen oder Blüten gehalten worden waren, ein Insekt wären. Diese Aufklärung hätte wohl noch länger auf sich warten lassen, wenn damals nicht das Mikroskop erfunden worden wäre. Diese Läuse sind nämlich außerordentlich klein, und das Weibchen, das schon zweimal größer ist als das Männchen, wiegt nur 6 Milligramm. Sind die Tiere getrocknet, so wiegen sie selbstverständlich noch weniger, und es gehen 70 000 auf 1 Pfund. Ihre Vermehrung geschieht mit unglaublicher Schnellig- keit, so daß binnen wenigen Tagen sämtliche Pflanzen eines großen Feldes dicht mit den Insekten bedeckt ivcrdcn. Wie lange die Cochenille lebt, weiß man noch heute nicht. Einige bemessen ihre Lebensdauer nur nach Stunden, andere wenigstens nach Tagen. Das Ilcbergewicht des weiblichen Geschlechts besteht bei diesen Schildlänsen nicht nur in dem größeren Gewicht, sondern auch in der Zahl, indem auf 200 Weibchen immer nur ein Männchen kommt, was für die Industrie sehr günstig ist, da die Männchen, wie in so vielen Fällen, nichts wert sind. Die Ernte gcfcbieht mit Bürsten und Beuteln. Mit jedem Bürstenstrich werden Taufende der winzigen Lebewesen eingesammelt, die dann in heißem Wasser, mit Dampf oder in heißen Oefen getötet werden, wonach sich die verschiedenen Sorten der schwarzen Cochenille und der Silber- cochcnille entwickeln. Technisches. Das drahtlose Unterseeboot. Die Möglichkeit, Fahrzeuge auf dem Meere durch elektrische Wellen auf erhebliche Entfernungen vom Ufer oder von einem anderen Schiffe aus zu lenken, tauchte bald nach Einführung der drahtlosen Telegraphie in die Praxis auf. Es war jedoch klar, daß dieser für die Eni- Wickelung des Seekrieges verführerische Gedanke nicht so leicht aus- führbar sein würde. Immerhin hat das drahtlose Unterseeboot bei den Ingenieuren seitdem eine ziemlich erhebliche Rolle gc- spielt und auch schon gewisse bedeutsame Grade der Bcrvollkomm- nung erreicht. Den Höhepunkt dieser Konstruktionen nimmt gegen- wärtig wohl die Erfindung von Dcvaux ein, die im Londoner Electrician beschrieben worden ist. Auf diesem Boot befindet sich ein Apparat zur Aufnahme elektrischer Wellen, die dann bestimmte Schaltungen in einem auf dem Boote selbst eingerichteten Stark- stromkreise herbeiführen. Die genauere Schilderung des Apparates würde nur für die Fachleute verständlich sein, und es mag der Hin- weis genügen, daß dadurch neun verschiedene Tätigkeiten des Bootes bewirkt werden können, nämlich folgende: das Anlassen des Motors für die Fahrt vorwärts, desgleichen für die Fahrt rückwärts, das Anhalten des Motors, Links- bezw. Rechtssteuerung des Ruders, das Anhalten des Steuermotors, die Einschaltung einer Signallampe für die Vorwärts- bezw. Rückwärtsbewegung des Bootes und endlich das Abfeuern eines Torpedos. Der elektrische Strom wird von einer Batterie mit einer Ladefähigkeit von 460 Amperestunden geliefert und reicht für eine Versorgung der Apparate auf die Dauer von vier Stunden aus. Der Schiffs- körper hat eine Wasserverdrängung von 0,7 Tonnen und besteht aus zwei ineinandergreifenden Eisenblcchzylindern mit zugespitzten Enden, von denen der obere als Schwimmer dient. Auf ihm er» heben sich zwei kleine Masten, deren einer zur Aufnahme der elektrischen Wellen und der zweite für die Signallampe bestimmt ist. Bei den Versuchen wurde das Boot mit einem 15 Meter hohen Mast von der Küste aus gelenkt, was bisher auf eine Weite von höchstens 1800 Meter gelungen ist. Notizen. — Die Besitzer von ermäßigten Eisttrittskarten zur Sezession werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Ausstellung am 18. August, abends 7 Uhr, geschlossen wird. — Neue Unternehmungen des Berliner Mu- seums für Völkerkunde werden, Ivie Professor v. Luscha« auf der Straßburger Tagung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft mitteilte, in nächster Zeit in Angriff genommen werden. Der Anthropologe Dr. Cekanowski wird den Herzog Adolf Friedrich vgn Mecklenburg auf seiner Expedition nach dem Westen des Viktoriasees begleiten. Seine Bemühungen werden in ersten Linie einem der allerwichtigste» Probleme der Völkerkunde. der Erforschung der Pygmäen, gelten. Dr. Ankormann, Assistent am Berliner Museum für Völkerkunde, begibt sich auf mindestens ein Jahr nach Nordwcst-Kamerun, woher das Museum durch die Bemühungen de» Hauptmannes Glaneing bereits eine unvcrglcich- liche Saminlung besitzt. Doch bandelt cS sich meist um KriegsbclUe. und die systematische Durchforschung dieses Gebiete», in dem sich bantu- und sudanesische Einflüsse merkwürdig mischen, durch einen Fachethnologcn scheint sehr wünschenswert. Die dritte große Unternehmung des Berliner Museums ist eine Süd- scereise, die unter dem Schutze der kaiserlichen Kriegsmarine Marine- stabsarzt Dr. Stephan unternehmen wird. Stephan, der schon neben seiner ärztlichen Tätigkeit in der Südsee wertvolle ethnographische Studien gemacht hat, soll sich jetzt zwei Jahre lang, mit reichen Geldmitteln versehen, nur der ethnologischen und anthropologischen Erforschung der Eingeborenen widmen. Seine Jnstruklionen lassen volle Freiheit, sich in Melanesien zu begeben, wohin es ihm gut scheint. Wahrscheinlich wird er seine Stildien im westlichen Neu- Britannien beginnen, wo er von früher her mit den Eingeborenen bekannt ist. Begleiten werden ihn die Anthropologen Edgar Walden und Dr. Otto Schlaginhaufen. Professor v. Luschan hofft, daß die ethnographische Erforschung der Eingeborenen in den deutschen Kolonien auch die richtige Methode zu ihrer Behandlung lehren wird. — Eine Liebermann-Ausstellung wurde im Kunst- verein zu Frankfurt a. M. eröffnet. Sie gibt einen Ueberblick über das Schaffen de» Künstlers von 1873 bis 1907. Auch graphische Sachen und eine Reihe von Pastellen und Studien sind darunter. Hoffentlich wird diese reichhaltige Sammlung auch in Berlin aus- gestellt. — Morris Rosenfeld, dessen Tod wir kürzlich gemeldet haben, lebt erfreulicherweise noch. In einem Briefe an die„Wilnaer Volkszeitung", der am 20. Juli in New Jork geschrieben wurde, teilt er in herzergreifender Weise Nähere» über seine jetzige Lage mit:„Böswillige Falschheit setzte die Nachricht meines Todes in die Welt, damit mir auch meine wenigen Wohltäter ihre Hülfe entziehen. Ich bin gezwungen, zu erklären, daß ich lebe, obwohl der Tod für mich wünschenswerter wäre als >nein jetziger Zustand. Ich lebe in ewiger Finsternis, denn ich bin blind. Das Licht des Tages hat mich ver- lassen, geblieben ist mir nur das Elend. Die Bourgeoisie wollte in ihren glänzenden Palästen nichts von den Liedern des Proletariers hören, nur meine Gesinnungsgenossen, z» denen das Echo meines LiedeS drang, suchten mich aus, um ihren blinden Sänger zu unter- stützen. Wie es scheint, neiden mir die Herren auch diesen Trost. Mit der Zeit haben die Herausgeber meine Gedichte in alle Sprachen übersetzen lassen, obwohl sie mir nie einen Heller dafür bezahlten. Jetzt, als sie die Nachricht meines Todes hörten, senden sie Kränze, um am Grabe de» blinden Sängers zu opfern, damit sie, die Wohl- habenden, sagen können, den Tribut ihrer Wertschätzung entrichtet zu haben. Ich und meine Kinder werden aber auch hinfort nur jenen danken, die sich ihre armseligen Bissen vom Munde entzogen, um mich zu unterstützen.- — Ein Riesenkanal, der die Kleinigkeit von 420 Millionen Mark kosten soll, geht im südlichen Kanada seiner Ausführung cnt- gegen. Die Staatsbehörde hatte eine Kommission zur Untersuchung aller in Betracht kommenden Verhältnisse eingesetzt, die jetzt unter Verbrauch von etwa L'/z Millionen Mark ihre Arbeiten vollendet hat. ES handelt sich um einen Wasserweg, der in einer gleichmäßigen Tiefe von 21 Fuß von den» Gcorg-Meerbusen lGeorgian-Bay), der den nördlichsten Teil de? Hiironsec» bildet, durch den French-Rivcr, den Nipissingsee und den Ottawafluß nach Montreal am St. Lorenz- ström führen soll, bis wohin die Gezeitenströme vom Meere ausreichen. Der Kanal wird eine Verkürzung des Wege» zwischen Fort William an der Gcorgian-Bay mid Montreal um rund 050 Kilometer herbeiftihren und den kanadischen Handelsverkehr außerdem von der Berührung mit dem Gebiet der Veremigten Staaten vollkommen unabhängig machen. Die Verzinsung der Kosten soll außerdem dadurch erreicht werden, daß längs des Kanals eine Wasserkraft von 500 000 Pferdestärken gewonnen wird, also fast ebenso viel, wie sie der Niagarafall zur Verfügung stellt. Da» Ottawn-Tal mit seinen großen Reichti'ckncrn an Eisenerzen und Bauholz könnte dadurch zu einem der wichtigsten Industriegebiete werden. — Gefahr im Verzuge. Der alte Römer Livins hat die Redensart„xericulum in xnora" geschaffen. Unsere deutsche Wen- dung„Gefahr im Verzuge- ist eine wörtliche, gute und doch auch deutliche Uebcrsetzung dieser Wendung, und man sollte meinen, sie werde von den Deutschen auch richtig verstanden, zumal von denen. die auf Deutschlands hohen Schulen gesessen und Latein gelernt haben. Daß das nicht allgemein der Fall ist, daß selbst von Gc- bildeten diese Redensart sehr häufig falsch verstanden und an- gewendet wird, das weist Hermann Dünger jetzt in der Zeit- schrift des Allgemeinen Deutichen Sprachvereins nach. Da sehen wir mit Erstaunen, daß das Mißverständnis, als bedeute es„Gefahr im Anzüge-, auch aus dem Schrifttum, besonders aus Zeitungen mehrfach zu belegen ist, so daß cS den Anschein hat, als sei dieieS sonderbare Mißverständnis leider sehr weit verbreitet. Und eigentlich ist es ein gar grobes Mißverständnis, denn Verzug heißt stet? und nur„Verzögerung-, nie aber Anzug, und eine so bekannte Wendung wie„die Sache leidet keinen Verzug-, und die Sckiillcrsche Stelle au» Kabale und Liebe„daß da» ohne Verzug in die Landschaft gebracht werde- sollten doch solcher Verwechselung vorbeugen. Es ist also ganz falsch, wenn geschrieven wird:„Ist Gefahr im Verzug, so führt der Biber mit seinem Schwanz einen Schlag au? das Wasser. und sogleich tun alle audcrcu dasselbe und verschwinden unter der Oberfläche"; und ebenso, wenn es 1905 vor der Veralung zu Algcciras hieß:„Italien könne nicht eher aufatmen, als bis die Gegensätze geschlichtet seien: jedenfalls sei Gefahr im Verzug und höchste Vorsicht geboten." Sicherlich zeigt auch dieser Fall,— so schließt Dunger seinen Aufsatz— wie gedankenlos selbst von gc- bildeten Deutschen Wörter der eigeneti Sprache, die an sich leicht ll�riläudlich sind, gebraucht ivcrdcn, wie notwendig eS ist, auch in dieser Beziehung das Sprachgefühl zu schärfeit. Vorwärts Buchdruckerei u.Verleatanitalt Baul Sinoer LcCo..Bcrlin SW.