UnterhaltungMatt des Horwärts Nr. 165. Dienstag, den 13 August. t907 (Nachdruck verboten.) 81) Die JVIutten Roman von Maxim Gorli. Deutsch von Adolf Hetz. Schwerer Schreck legte sich auf die Brust der Mutter. Sie hatte nicht verstanden, worüber gesprochen wurde, fühlte aber, daß neuer heftiger Kummer ihrer wartete. Und ihre Gedanken machten bei der Frau Halt:„Was will er tun?" Machten bei ihr Halt und blieben wie ein Nagel im Ge- Hirn stecken. Pawel kam mit Andrej vont Hofe herein, und der Klein- russe sagte kopfschüttelnd: „Ach, dieser Jssai, was soll man mit ihm anfangen?" „Man müßte ihm raten, sein Treiben aufzugeben!" ant- worteie Pawel finster. „Pawel, was willst Du tun?" fragte die Mutter, den Kopf senkend. „Wann? Jetzt?" „Am ersten... am ersten Mai..." „Aha!" rief Pawel gedämpft.„Ich trage unsere Fahne ... schreite mit ihr an der Spitze des Zuges. Dafür wird man mich wahrscheinlich wieder ins Gefängnis werfen." Die Augen der Mutter brannten, und sie spürte eine unangenehme Trockenheit im Munde. Er ergriff ihre Hand und streichelte sie. „Ich muß das, verstehst Du! Darin liegt mein Glück!" „Ich sage ja nichts!" erwiderte sie, langsam den Kopf erhebend. Und als ihre Augen seinem unverwandten glänzen- den Blick begegneten, beugte sie wieder den Hals. Er ließ ihre Hand fahren, seufzte und sagte vorwurfsvoll: „Du solltest nicht traurig sein, sondern Dich freuen... Wann wird es Mütter geben, die ihre Kinder sogar freudig in den Tod schicken." „Hopp, hopp!..." brummte der Kleinrusse.„Immer langsam voran, immer langsam voran, daß die Krähwinkler Landwehr nachkonimen kann." „Ich sage ja nichts," wiederholte die Mutter.„Ich störe Dich ja nicht... aber wenn Du mir leid tust, ist das von einer Mutter doch zu verstehen..." Er trat fort, und sie hörte die scharfen, harten Worte: „Es gibt auch eine Liebe, die den Menschen am Leben hindert..." Zitternd und voll Angst, er möchte noch etwas sagen, das sie abstieß, rief sie schnell: „Hör auf, Pawel Ich verstehe... Du kannst nicht anders... der Genossen wegen..." „Nein," sagte er.„Ich tue das meinetwegen..- Ich könnte auch nicht gehen, aber ich will und werde gehen!" In der Tür stand Andrej wie in einem Rahmen. „Sie sollten doch mit dem Geschwätz aufhören, mein Herr!" sagte er mürrisch und richtete seine vorstehenden Augen auf Pawels Gesicht. Er glich einer Eidechse in einer Fels- spalte. Die Mutter war dem Weinen nahe. Damit ihr Sohn ihre Tränen nicht sähe, murmelte sie plötzlich: „Ach Gott... habe ich ganz vergessen.» Und ging in den Flur. Dort steckte sie ihren Kopf in eine Ecke und weinte still und lautlos. Durch die halbgeöffnete Tür aber drang dumpfer Streit zu ihr. „Es macht Dir wohl Vergnügen, sie zu quälen?" fragte der Klcinrusse. „Du hast kein Recht, so zu reden!" rief Pawel. „Ich wäre ein netter Genosse, wenn ich zu Deinen Bock sprängen einfach schwiege!».» Warum hast Du das gesagt? Weißt Du das?" „Man muß in allem bestimmt sein: entweder ja oder nein!" „Was sagst Du ihr?" „Allen! Ich will keine Liebe und Freundschaft, die sich einem an die Füße hängt, einen aufhält..." „Held! Putz Dir die Nase! Putz sie und geh hin und sag das Sascha... Der solltest Du das sagen..." „Habe ich getan!" „So? Du lügst! Mit ihr hast Du freundlich und zärt lich aewrochen... Ich habe das nicht gehört, aber weiß es! Vor der Mutter aber zeigst Du Dein Heldentum... Nun laß Dir gesagt sein, Ziegenbock— �Dein Heldentum ist keinen roten Heller wert!" Frau Wlassow wischte schnell die Tränen von ihren Wangen. Sie erschrak darüber, daß der Kleinrusse Pawel beleidigen möchte, öffnete schnell die Tür, trat, am ganzen Lewe zitternd, voll Kummer und Furcht in die Küche und sagte laut: „Uh... ist das kalt! Und das soll der Frühling sein.. Sie bemühte sich, die gedämpften Stimmen im Zimmer zu übertönen, legte die verschiedensten Gegenstände in der Küche bald hier, bald dorthin und fuhr lauter fort: „Alles hat sich verändert... Die Menschen sind hitziger geworden, das Wetter kälter... Früher war's um diese Zeit warm, der Himmel heiter, und die Sonne schien.. Im Zimmer herrschte Schweigen. Sie blieb mitten in der Küche stehen und wartete. „Hast Du gehört?" ertönte die leise Frage des Klein- russen. Du mußt das begreifen... zum Teufel! Die da ist viel reicher als Du..." „Wollt Ihr Tee trinken?" fragte sie mit zitternder Stimme und rief dann, ohne eine Antwort abzuwarten: „Wie mich friert!" Pawel trat langsam zu ihr. Er blickte sie von unten auf schuldig läcknllnd an. „Verzeih mir, Mutter," sagte er leise.«Ich bin noch ein Junge, ein Schafskopf..." „Rühr mich nicht an!" rief sie traurig und preßte seinen Kopf gegen ihre Brust.„Sprich nicht... Gott sei mit Dm Dein Leben ist Dein Werk! Aber mein Herz laß in Ruhe! Wie könnte eine Mutter wohl kein Mitleid haben? Das ist unmöglich!... Alle tun mir leid... alle sind mir ans Herz gewachsen. Wer hat denn außer mir Tränen für Euch übrig? Du gehst Deinen Weg, auf Dich folgen andere.., lassen alles im Stich, ziehen dahin... dahin, Pawel!" In ihrer Brust regte sich ein großer glühender Gedanke, der ihr Herz mit einem Gefühl weher Freude erfüllte. Aber sie fand keine Worte und bewegte in ihrer stummen Qual nur die Hand und blickte in das Gesicht ihres Sohnes. „Gut. Mutter! verzeih... Ich sehe es ja ein!" murmelte er leise. Er senkte den Kopf, blickte sie flüchtig lächelnd an und setzte hinzu: „DaZ� werde ich nicht vergessen... auf mein Wort!" Sie schob ihn von sich, blickte ins Zimmer und nieinte freundlich bittend: „Andruscha. schreien Sie ihn doch nicht an.». Sie sind ja der Aeltere und sollten ihm nicht.." Der Kleinrusse hielt ihr den Rücken zugewandt und brüllte komisch und sonderbar: „Uh— uh— uh!... Gehörig werde ich ihn an- schreien!. �. Und hauen werde ich ihn!" Sie schritt langsam auf ihn zu, streckte die Hand aus und sagte: „Ach. Ihr lieber Mensch..."... Der Kleinrusse wandte sich ab, senkte den Kopf wie ein Stier und ging mit rückwärts verschränkten Händen an ihr vorüber in die Küche. Von dort her erklang spöttisch seine finstere Stimme: „Geh weg, Pawel, daß ich Dir den Kopf nicht abbeiße! Ich mache Scherz, Mütterchen, glaub das nicht! Ich setze jetzt den Samowar auf. Ja! Unsere Kohlen sind aber naß! Zum Teufel damit!...".„. Er verstummte... Als die Mutter ,n die Küche kam. saß er auf dem Fußboden und blies den Samowar an. Ohne sie anzublicken, begann er wieder: „Habt keine Angst, ich rühre ihn nicht an! Ich bin ja gut und weich... wie eine gekochte Rübe und dann liebe ich ihn. Du Held, brauchst das nicht zu hören—! Aber seine Weste, seinen äußeren Firnis liebe ich nicht.....Er hat sich da eine neue Weste angezogen, die ihm sehr gefallt, und nun zeigt er sie überall— streckt den Bauch heraus und stößt alle an—: Sehen Sie doch einmal meine wunderschöne Weste! Sie ist vielleicht sehr hübsch, aber warum damit an- stoßen? Ist so schow eng genug in der Welt." Pawel vemoa das Gesicht und fraate: .Wirst Du uo'ch lenge knurren? Hast mir schon genug zugesetzt, könntest jetzt aushören." Der Kleinrnsse streckte auf dem Fußboden beide Füße seitwärts vom Samowar aus und sah ihn an. Die Mutter stand in der Tür und hatte den Blick freundlich und traurig auf Andrejs runden Nacken und seinen langen gebogenen Hals geheftet. Er warf den Kopf zurück, stützte sich mit den Händen auf dem Fußboden, sah die Mutter und den Sohn mit etwas geröteten Augen an und sagte halblaut: „Ihr seid gute Menschen... Ja!" Pawel beugte sich nieder und ergriff seine Hand. „Zerr mich nicht!" rief der Kleinrusse dumpf.„Du wirfst mich um.. „Was schämt Ihr Euch?" sagte die Mutter schwermütig. „Solltet Euch einen Kuß geben... Euch fest umarmen, fest.. „Willst Du?" fragte Pawel. „Meinetwegen," erwiderte der Kleinrusse und erhob sich. Aber Pawel sank am die Knie und sie umarmten sich schweigend einen Augenblick.— Zwei Seelen und ein Ge- danke, der in beiden gleichmäßig branüte und sie mit dem Gc- fühl, tiefer Freundschaft erwärnite. Heber das Gesicht der Mutter flössen Tränen der Er- lcichterung. Sie trocknete sie und sagte verwirrt: „Frauen weinen gern... vor Kummer und vor Freude — stets weinen sie!.. (Fortsetzung folgt.) Die in JVforofcko. Die Vorgänge, die sich während der letzten Tage in seinen Hafenstädten abspielten, haben Marolko in den Vordergrund des Interesses geruckt. Die Erbitterung der Eingeborenen richtete sich nicht nur gegen die Europäer, sondern auch gegen die Juden. Marokko steckt noch in jenem„Zustand von Halbkultur, der ungefähr dein entspricht, welchen unser Mittelalter aufzuweisen hatte..." Damit ist auch die soziale Stellung der dortigen Juden annähernd gekennzeichnet. Wir legen im folgenden die Schilderungen des Forschuugsrcisenden O. Lenz zugrunde. Auf der Reise nach Tim- buktu, das seit Heinrich Barth i1d54> kein Europäer mehr betreten hatte, durchzog er<1880) Marokko von Norden nach Süden in seiner ganzen Ausdehnung. Seine Schilderungen treffen auf die Zustände des Landes in allem wesentlichen noch heute zu. Zur Zeit unseres Reisenden war die arabische Bevölkerung in Tanger bereits völlig abhängig von der christlichen, die nahezu die Hälft« der Stadtbewohner ausmachte und der die Mohammedaner„Verdienst und Arbeit verdankten". Daher wohnten hier auch die Juden mit den übrigen Ortsinsassen untermischt, wie sie überhaupt in den Küsten- städten unter dem Sclmtz der Konsuln größere Freiheit genossen und genießen. In den Städten des Innern ist dies nicht der Fall. Sie hausen dort in einem besonderen Quartier, der Melloh, die— wie der europäische Ghetto seit der zweiten Hälfte des Mittelalters— abends durch besondere Tore geschlossen wurde. Einzelne Mellohs schildert der Reisende als ausgedehnt, aber mit engen, schmutzigen, übervölkerten Straßen. Ausgesaugt von den Großen, verachtet vom Volke, führt der Jude das Dasein eines harten und zähen Kampfes.„ES gibt für den strengen Gläubigen Marokkos nichts Verächtlicheres als das Wort Jhiidi, eine Verachtung, die in allen Kreisen der Bevölkerung hervor- tritt, so daß sich der ärmste Lastträger oder Negersklave für un- endlich höher stehend hält, als einen Israeliten." Außerhalb der Melloh erscheint der Jude in dürftigster und schmutzigster Kleidung, denn er will den Schein des Reichtums vermeiden, um nicht die Habsucht zu wecken. Scheu und gebückt schleicht er längs den Häusern hin und meidet vorsorglich die Straßen, in denen sich eine Moschee befindet. Jenseits der Tore seines Quartiers darf er, ob Mann, ob Frait, nur barfuß sich blicken lassen..Es macht einen merkwürdigen Eindruck, alte echt biblische Gestalten mit schönem Kopf, oder Frauen, deren Männer ein Vermögen von Hunderttausenden haben, die Pantoffeln unter der Dschellaba ver- borgen, sich ängstlich durch die maurischen Bazare drängen zu sehen." Und doch ist der Jude trotz seiner äußerlich gedrückten Lage in Marokko unentbehrlich. Für die Mächtigen ist sein Reichtum eine stets sprudelnde Quelle, aus der sie mit vollen Händen schöpfen. Ohne den Juden würde Handel und Wandel ins Stocken geraten. Ein sehr großer Teil des Handels ruht in ihren Händen, be- sonders der Import und der Export. Viele der Jhudi find daher wohlhabend. Neben dem regelrechten Handel aber treibt der marok- konische Jude umfangreiche Wuchergeschäste, was naturgemäß den Haß der ärmeren arabischen Bevölkerung gegen ihn steigert. Denn diese lebt in sehr dürftigen Verhältnisien, und kommt jemand in der Bedrängnis zum Juden, so nutzt dieser die Notlage in der Mehrzahl der Fälle in rücksichtsloser Weise aus. Auch Pfandleihanstalten werden vielfach von Juden gehalten; sie werden besonders von arabischen Frauen in Anspruch genommen, die ihren Schmuck versetzen. Daneben geht der Jude dein Geldvcrmittelungsgeschäft großen StileZ nach. Braucht der Gonberneur Geld, so be- auftragt er„seine Juden" mit der Beschaffung. Meist finden sich auch an den Halteplätzen der Karaivancn eine oder mehrere Judenfamilien, die mit dem Privileginm, dort zu wohnen, das des Handels verbinden. Ein großer Teil der marokkanischen Juden liegt dem Handwerk ob, das sie mit Geschicklichkeit Hand- haben. In Miknas z. B. ruhte der gesamte Kleinhandel und das Kleingewerbe in ihren Händen.„Butike reiht sich an Antike, oft gc» uügt auch eine aufgespannte Matte, um eine Werkstatt zu etablieren, wo sie dann den ganzen Tag mit großer Emsigkeit hocken und sich selten von ihrer Arbeit stören lassen. Schuhmacher und Schneider, Schmiede, Tischler, Gold- und Silbcrarbciter, Scideusticker usw. sind fast ausschließlich hispanische Juden." Obwohl in einer Gesamtzahl von zweifelsohne 30— 100 000 über das Land verbreitet, genießen sie nach dem Gesetze des Koran keine bürgerlichen Rechte und sind als Schutzgcnossen lediglich geduldet. Von ihrem scheuen Auftreten in den Straßen der Stadt sticht ihr Benehinen in der Mellah wesentlich ab. Hier tragen sie nicht nur das Selbstbewußtsein des wohlhabenden Mannes zur Schau: sie kleiden sich in reiche Gewänder, und zumal die Frauen tragen sehr wertvolle, reich in Gold gestickte Kleider,„alte Erbstücke, die seit Jahrhunderten in derselben Familie sich befinden", sowie große Stücke Gold- und Silbcrschinnck. Massen von Gütern sind in der Mellah ausgehäuft, um die deu ganzen Tag ein laute» Schachern und Handeln geht. Die gedrückte Stellung schlingt ein Band der Genieinsamkeit um alle und die Bereitwilligkeit, sich gegen- seitig zu unterstützen, ist groß;„nie wird man einen Juden völlig zugrunde gehen lassen." Die jüdischen Frauen tragen das Gesicht unverschleiert, doch bedecken sie den Kopf mit einem seidenen Tuch, um die Perücke zu verhüllen, die sie vom Tage der Verheiratung an tragen müssen, da ihnen bei der Hochzeit das Haar obgesckmitlen wird. Die Vermähliingsfeierlichkeiten tragen ein altes absonderliches Gepräge. Im Hause der Eltern auf einem Bette fitzend wird die Braut von ihren Verwandten geschmückt im Beisein einer großen Anzahl geladener Gäste. Ist sie aus dem hohen, mit Gardinen verhüllten Bett hinausgetragen ivorden, so muß sie die Augen ständig geschlossen halten. Alte Frauen legen ihr dann den Kopfputz an, die Perücke und eine Menge hoher schmaler, au» goldener und silberner Filigranarbeit bestehender Zylinder. Zwischendurch erheben die Weiber von Zeit zu Zeit ein eigentümliches Geschrei, während die Schwestern und die Freundinnen der Braut unter Gesängen Tamburins schlagen. Dann wird die Braut bemalt. Die Augenbrauen werden geschwärzt, die beiden Wangen mit je einem großen roten Flecken versehen und der übrige Teil des Gesichts weiß gepudert. Ist diese stundenlang währende öffentliche Ausschmückung vollendet, so wagen einige Männer die Braut auf einem Stuhl aus dem Haus ihrer Eltern in das des Bräutigams, wobei die Jugend beiderlei Geschlechts laut lärmt und kleine Wachskerzen in den Händen hält. Am nächsten Morgen findet dann die eigentliche Uebcrgabe der Braut an ihren zukünftigen Mann statt. Bei streng orthodoxen Juden soll noch ein wetterer Brauch bestehen. Der Mann darf an dem der Feierlichkeit folgenden Morgen nur kurze Zeit mit seiner Frau allem sein. Dann wird diese in ein Bad geführt und in das Elternhaus zurückgebracht. Erst nach weiteren vierzehn Tagen kommt der junge Ehemann in den unverkümmerten Besitz seiner Gattin. Nach dem Koran besteht in Marokko noch das Gesetz, daS das Zinsnehmen verbietet. Um so größer ist, wie das auch im euro- päischen Mittelalter der Fall war. daS Privilegium des Juden auf diesem Gebiet. Die Rücksichtslosigkeit bei ihren gewinnbringenden Handels- und Wuchergeschäften, ihr fester Zusammenhalt und die moralische Unterstützung, die sie sich gegenseitig gewähren, ihr Familienleben, das trotz der engen, schmutzigen Quartiere anscheinend glücklicher ist, als das der reichen Mauren mit ihren Harems, Sklaven und Eunuchen: all dies weckt Haß und Neid. Trotzdem genießt der Jude in ruhigen Zeiten einer relativen Sicherheit von Person und Eigentum; was ihm die Mächtigeren nehmen, bringt der Wucher reichlich wieder ein, und selbst die ärgsten Härten der Judensteuer, die von dem Aeltestcn des Quartiers ans die einzelnen Familien umgelegt wird und für die die Mellah soli- dorisch haftet, lasten sich durch Geschenke an die bestechlichen Beamten mildern. Anders aber verhält es sich, wenn die religiöse Leiden- schaft des Mauren erwacht. Lenz erzählt einen Vorfall, der sich während feiner Anwesenheit in der Hauptstadt zutrug. Ein Jude hatte irgend eine Affäre mit einer maurischen Frmi, mag es sich um einen Streit, eine Liebesgeschichte oder sonst etwas ge- handelt haben,„was sich nach dortigen Ansichten ein Jude gegen- über einer Gläubigen nicht erlauben darf". Ein Angehöriger nahm sich der Frau an und setzte den Juden zur Rede. Es kam zu einem heftigen Streit, in dessen Verfolg der Jude den Mohammedaner er- schoß. Er wurde nebst einem Verwandten gefangen gesetzt und trotz der Berufung auf einen europäischen Konsul der wild erregten Volks» menge ausgeliefert, die ihn während der Nacht zu einem schnuerlichen Autodafe schleppte. Die Beteiligung deS Volkes hieran war eine außerordentliche und die ärmsten Leute gaben ihre letzten Stücke Flus — Kupfergeld— her. um so das ihrige zur Verbrennung eines verhaßten Juden beizutragen. Bei Kultfestcn, namentlich bei den Umzügen der religiösen Orden, bleiben die Tore deS JudenviertclS geschloffen und ohne Lebensgefahr würde kein Israelit sich auf die Straße wagen. Unser Reisender Beol5acf)!ctc in den letzten Tagen des Februar in Maralesch einen öffentlichen Aufzug der Zausa, eines in Marokko weit ver- breiteten Ordens. Das Nahen desselben kündete sich schon von fern durch Trommelwirbel und den zerreibenden Lärm langer Trompeten an. Die Borhut bildeten etwa 50 Weiber, der ärmsten Klasse an-> gehörig, unvcrschleiert, in dürftigster Kleidung, die unter wildem Geschrei herumtanzten unter allerhand Kürperverrenkungen. Dann erschien ein Haufen junger Burschen, gleichfalls zu den untersten Schichten zählend; sie führten Kälber, die später getötet und verteilt werden sollten und suchten sich springend und schreiend durch Taumeltänze in die nötige Festesstimmung zu versetzen. Ihnen folgte der Heilige, der Schcrif, ein Neger, mit einem grünen Kaftan und einem grünen Turban— der Farbe des Propheten— bekleidet. Hinter dem Scherif schritt eine Musikbande, die einen ohren- betäubendenLärm erregte. Schließlich kam eine nach Hunderten zählende Ppjksmenge„fast ausschließlich der allergemeinsten Plebs angehörig, in Lumpen gekleidet, starrend vor Schmutz und voller Ungeziefer, die unter wüstem Gebrüll herumtanzten und sprangen, das; ihnen der Schaum vor dem Munde stand. Eine besonders Abteilung bildeten die Selbstverstümmlcr: sie trugen allerhand Mordwaffen, Aexte, Spieße, Messer und verwundeten sich selbst damit, meist im Gesicht und am Kopf, so daß sie von Blut überströmt tvarm". Manche liefen auf allen Vieren und ahmten, das Gebell von Hunden nach, andere mußten in ihrem Wahnsinn gehalten werden, damit sie nicht größeres Unheil anrichteten. Tiere, die ihnen in den Weg kommen, Hunde. Schafe, Ziegen, zerreißen sie und verschlingen das Fleisch roh. und in Mikuas, dem Hauptort dieser Sekte, soll es vorgekommen sein, daß von ihnen auf ähnliche Weise Negersklaven getötet wurden. Die oberen Schichten sowie der Mittelstand, sagt unser Reisender, halten sich von diesen Orgien fern. Mag in seiner Schilderung auch das Auge des Europäers vielleicht einzelnes in übertriebener Färbung gesehen haben; eines geht aus seiner Darstellung mit unzweldeutiger Gewißheit hervor: der gewaltige Einfluß, den die religiösen Orden auf die weitaus das Gros der Bevölkerung bildenden ärmeren Schichten ausüben, und die ungeheure Wirkung, die es im ganzen Lande hervorrufen mutz, wen» sie den.heiligen Krieg' wider die Fremden predigen. Gleims Feuilleton. Die zwei Mädchen und der Sand. Es waren einmal zwei Mädchen, ein vornehmes und ein gemeines. Das vornehme hieß Prinzessin Else. Sie hatte goldblonde Zöpfe, silberweiße Händchen, seidene Strümpfchcn, Schuhchen aus Atlas.— Das gemeine jedoch nannte man Schmierliese. Sie ging in Lumpen einher, hatte zerkratzte Hände und Füße. Sie war abe'r fröhlich. Einmal saß sie im feuchten Sand, formte daraus Türmchen und knetete Brote. Da kam Prinzessin Else vorüber. Schmierliese rief ihr zu: „Komm, setze Dich her, wir wollen spielen.' Prinzessin Else begann zu lachen und sprach: „Vornehme Mädchen spielen nicht mit feuchtem, einfachem Sand. Vornehme Mädchen haben trockenen, goldenen Sand. Vornehme Mädchen sprechen überhaupt nicht mit barfüßigen Dingern.' Prinzessin Else ging zu sich in den Garten, begamr goldenen Sand in goldene Tassen zu schütten und umzuwerfen, der Sand jedoch fiel auseinander, und es kamen keine Türme heraus. Prinzessin Else nahm auch einen Haufen Sand und drückte ihn in ihrer Faust. Der Sand jedoch zerrann ihr zwischen den Fingern. Da wurde Prinzessin Else böse, warf sich auf die Erde und schrie: „Schmierlicsens Sand taugt nicht, aber meiner ist noch weniger wert I' Das Stücklcii, Zucker. ES war einmal eine Wirtin, die hatte ein kleines Schlüsselein zu einem Schränklein. Im Schränklein stand ein kleines Kistlein. Im Kistlein lag eilt ganz, ganz winziges Stück« lein Zucker. Die Wirtin hatte bei sich ein Hündlein. Dieses war aber sehr launisch; plötzlich konnte es ihm einfallen und da bellt eS die eigene Wirtin aus. Dann nimmt die Wirtin das Schlüffelein, öffnet das Schränklein, stellt das Kistlein auf den Tisch und holt das Stücklein Zucker hervor. Und da beginnt das Hündlein mit dem Schwanz zu wedeln. Die Wirtin aber spricht: „Hast gebellt, unnützer Schlingel, da sollst du auch den Zucker nicht kriegen.' Und dann verwahrt sie wieder alles an dem früheren Platz. DaS Hündlein bereut, da ist es aber schon zu spät. (Aus Feodor Sologubs„Buch der Märlein'.) Kunstgewerbe. DBX. Echtfärberei. Obgleich die heutige Färberei- technik sehr wohl in der Lage ist, allen Anforderungen in bezug aus Echtheit der Farbe, soweit diese überhaupt erreicht werden kann, zu entsprechen, so hat sich doch in neuerer Zeit auf einem Spezialgebiete, nämlich dem der Dekorationsstoffe, vielfach gezeigt, daß die Echtheit der Färbung außerordentlich viel zu wünschen übrig läßt. Vor allem sind es die von modernen Künstlern be- liebten Farbennuancen welche sich häufig als sehr vergänglich erweisen. Bei Anwenr'rng derartiger Stoffe erlebt man nicht allein eine künstlerische Enttäuschung, indem die vom Künstler be» absichtigte Farbenharmonie zerstört wird, fondern auch eine Wirt» schaftliche, indem zum Teil kostbare Stoffe einem raschen Verschleiß anheimgegeben werden. Der Grund, weshalb gerade moderne Dekorationsstoffe häusig an Echtheit der Farbe zu wünschen übrig lassen, liegt zum Teil darin, daß die Färbereiindustrie den Wünschen der Besteller nach ganz bestimmten Farbennuancen entgegenkommt, ohne auf die etwa vorhandenen Gefahren der Nichtechtheit aufmerksam zu machen, zum Teil aber auch darin, daß die Qualitätsbegriffe des Publikums für Dekorationsstoffe bei weitem nicht so scharf aus- gebildet sind, als zum Beispiel bei Kleiderstoffen, insbesondere bei Herrenkleiderstoffcn. Herrenkleidcrstoffe der besten Art sind fast ganz lichtecht gefärbt. Die verantwortliche Persönlichkeit dafür ist der Schneider, welcher seine Kundschaft verlieren würde, wenn ein von ihm geliefertes Kleidungsstück ausginge. Er erzwingt daher lichtechte Stoffe von der Industrie. In den Dekorationsstoffcn fehlt eine derart verantwortliche Persönlichkeit, da die Ausstattung der Wohnung nicht in derselben Weise organisiert ist, wie die Versorgung mit Kleidern. Ins» besondere sind die mit Aufgaben der Innenarchitektur betrauten Künstler der Industrie gegenüber machtlos, da sie in deren Betrieb nicht mit Nachdruck eingreifen können. Die Aufträge, die sie zn erteilen haben, sind meistens zu klein, um einen nachhaltigen Ein» fluß auf sie ausüben zu können. Es fehlt eine Stelle, an der die Interessen der Jnnenkünstler in der genügenden Weise auch dann gewahrt werden, wenn es sich um Quantitäten handelt, die für die Industrie nicht in Betracht kommen. An der Königlichen Färbereischule in Krefeld wird der Echt» färbung schon seit Jahren eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu- gewendet und der Sinn der Schüler für die Wichtigkeit der An» Wendung echter Farben geweckt. Als Uebungsbeispiele sind fort- laufend kleine Färbeaufträge für solche Arbeiten, bei denen es auf möglichst lichtechte Färbung ankommt, ausgeführt worden. Daneben hat die Direktion dieser Schule bereitwilligst ihren Rat zur Verfügung gestellt, wenn es sich darum handelte, ein maß» gebendes Urteil über die Beständigkeit einer Farbe zu erhalten. Es besteht die Absicht, diesen Zweig der Tätigkeit der Schule etwas weiter auszubauen und die Anstalt dadurch noch mehr in den Dienst der Oeffentlichkeit zu steffen, als es bisher schon der Fall war. Der Staat und die Stadt haben sich erboten, die Mittel für eine Erweiterung aufzubringen, falls zunächst ein ge- wisser Siammbetrag aus privaten Quellen für die Einrichtung zur Verfügung gestellt wird. Der Verein für deutsches Kunst- gewerbe in Berlin schlägt nunmehr vor, daß zur Aufbringung der von den Behörden vorausgesetzten Mittel ein Verein für Echt» särberei gegründet werde, der alle in der Angelegenheit interessierten Kreise in sich vereinigt. Um die Mitglieder über die Fortent» Wickelung der Echtsärberei ständig auf dem Laufenden zu halten, sollen vierteljährliche Mitteilungen herausgegeben werden, mit deren Redaktion der Verein für deutsches Kunstgewerbe in Berlin betraut werden soll. Die Gründung eines solchen Vereins hat vor allem den Zweck, den Gedanken der Echtfärberei in weitere Kreise zu tragen und dadurch die Qualität der Färbungen zu heben. Da es heute viel» fach vorkommt, daß minderwertige und billige Färbungen auf wertvolle Stoffe angewendet werden, weil die Konkurrenz auf äußerste Vcrbilligung hindrängt, so liegt hier ein Fall vor, daß gute Rohstoffe durch einen entwertenden Vollcndungsprozeß vor- zeitig der Benutzung entzogen werden und so ein beträchtliches Natloualvermögen vergeudet wird. Ist der öffentliche Sinn erst auf diesen Zustand hingelenkt, so wird das Publikum gern bereit sein, für cchtgefärbte Stoffe einen höheren Preis zu zahlen als für unecht gefärbte. Es wird sich der Begriff einer besonderen Art von Oualitätsfärbung herausbilden, und die Industrie wird in der Lage sein, dafür, daß sie der Echtfärbung besondere Aufmerk- samkeit widmet, einen Gegenwert zu erhalten. Es liegt also nicht nur im Interesse der Abnehmer, sondern auch im Interesse der Industrie selbst, den Sinn für echte Färbung zu wecken und zu fördern. Hermann Muthesius. Erziehung und Unterricht. Die hygienische Bedeutung der Waldschulen. Seitdem Charlottenburg zuerst mit der Errichtung von Waldschulen vorangegangen ist, hat die Einrichtung auch anderwärts Nachahmung gefunden und überall rühmt man den eminenten Gesundheitswert dieser neuen Schulart, welche die Mitte einhält zwischen Schule und Kindersanatorium. Ueberall wechseln Spiel, Gartenarbeit und Schulunterricht ab. In Mülhausen wurde in einem früheren Herr- schaftshaus mit hohen luftigen Zimmern eine Waldschule gegründet. Auf Liegestühlen halten die Kinder den Nachmittagsschlaf im Freien, die Zimmer werden sowohl für den Unterricht wie für die Mahlzeiten nur bei schlechtem Wetter benützt. Der gesamte Unter- richt für jede Stufe umfaßt bloß zwei Stunden vormittags. Die Betriebskosten bcliefen sich 1S06 für 200 Schüler auf 15 000 Mk. Nach den günstigen Erfahrungen des ersten Jahres beabsichtigt man die Schule weiter auszudehnen. Die Erholungsstätte in Danzig nimmt Kinder zwischen 6 und 14 Jahren auf, die zu krank für den Schulunterricht sind, ober nicht so krank, daß sie nicht täglich den Weg von. Hause nach der Erholungsstätte machen können. Im Sommer besteht dort Notbtbetrieb fm Freien. In Dresden wurde die Schule auf die Privatinitiative eines Fabrikanten errichtet und von ihm unterhalten. Die regelmäßigen Wägungen der Kinder «eigen eine ständige Zunahme des Körpergewichtes, auch waren die Resultate über die erzielten Fortschritte im Lernen recht günstige. Daß die gesundheitlichen Erfolge der Waldschulen recht gute sein würden, ließ sich von vornherein erwarten, da statt der Schullokale in der dumpfen Stadtluft reine Land- und Waldluft zu Gebote steht und wobltuende Abwechselung zwischen mäßiger geistiger Tätigkeit und ausgiebiger körperlicher Bewegung stattfindet. Meteorologisches. Das.,Warum"inderWitterungskunde. Zum Verständnis der Witterungsverhältnisse muß vor allem zweierlei unter- schieden werden: einmal der tägliche Gang des Wetters, der durch die Lage des betreffenden OrteS und das Fortschreiten mehr oder weniger einfacher Zustandsänderungen im Luftmeer bedingt wird, und zweitens die Beeinflussung der klimatischen Verhältnisse innerhalb großer Gebiete durch Veränderungen, die entweder von der Sonne oder von der Erdoberfläche herstammen. Für den täglichen Gang des Wetters hat— von den ganz örtlichen Erscheinungen, zu denen auch die meisten Gewitterbildungen zu rechnen sind, abgesehen— die Folge der Luftwirbel, die als Chklonen oder barometrische Minima bezeichnet werden, die größte Bedeutung. Diese Wirbel haben die Eigenschaft, auf der nördlichen Erdhalbkugel stets un- gefähr von Westen nach Osten zu ziehen, was auf die Erdumdrehung zurückzuführen ist, wie wir ja in unseren Breiten überhaupt in einer Zone der westlichen Winde leben. Fragte man nach dem„Wo- hin?" und„Warum?" dieses Vorgangs, so erhielt man früher nur die Antwort, diese Luftwirbel kämen von Nordamerika über den Atlantischen Ozean zu uns. Die neuere Ermittelung der Meteoro- logie hat aber zu weiterer Aufklärung geführt, und namentlich die ausgezeichneten Arbeiten, die in den Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Witterungskunde geleistet worden sind, haben große Fort- ghritte erzielt. Trotzdem wird die Meteorologie einen gewissen bschnitt in ihrer Entwickelungsgeschichte erst dann verzeichnen können, wenn überall auf der Erde ständige Wetterbeobachtungen ausgeführt werden. Unter den Wissenschaften gibt es vielleicht kaum eine mehr internationale als die Witterungskunde, denn das Wetter in jedem Erdgebiet wird eigentlich beeinflußt von dem Gang der Witterung auf der ganzen übrigen Erde. So steht es auch mit der Frage nach dem Ursprung der Cyklonen. Zunächst mußte man er- warten, durch die Forschungen in Nordamerika grundlegende und in gewissem Maß« abschließende Aufschlüsse darüber zu erhalten, und nun versichert einer der bedeutendsten amerikanischen Meteoro- logen, Dr. WattS, in emem Vortrag am Franklin-Jnstitut, daß ein eingehendes Verständnis des täglichen Gangs der Witterung auf der nördlichen Erdhalbkugel erst möglich sein wird, wenn die Ver- Hältnisse des Luftdrucks auch in Alaska, in Sibirien, in China und in den mittleren Teilen des großen Ozeans genauer bekannt und im Zusammenhang mit denen von Europa und Indien studiert sein werden. Jedenfalls wird schon jetzt angenommen, daß die Vor- ? länge, die zur Bildung der auch im nördlichen und mittleren Europa n stetiger Folge zu verspürenden Chklonen führen, in ihren Ur- ansängen noch westlich von Nordamerika im Stillen Ozean zu suchen lind. Auf der anderen Seite wird die Frage nach dem„Warum" de? Wetters mehr und mehr an die Aenderungen der Sonnen- strahlen gerichtet, und zwar dürften dabei die Wechsel nicht nur in der Menge der zur Erde gelangenden Sonnenstrahlen, sondern auch in ihrer Qualität zu berücksichtigen sein, je nachdem elektrische und magnetische Strahlen in größerem oder geringerem Verhältnis an der gesamten Strahlung beteiligt sind. Technisches. Kautschuk und Schwefel. Der Kautschuk gehört zu den Materialien, die die ausgedehnteste Anwendung in der Technik gefunden haben. Schon im vorigen Jahrhundert wurde der Kaut- schul in Form von Flaschen oder Beuteln aus Amerika nach Europa übergeführt. Ungeachtet seiner Elastizität hätte aber der Kautschuk doch ein immerhin nur wenig brauchbare? Material bleiben müssen, wenn es nicht gelungen wäre, ihm durch Bearbeitung bei niederer Temperatur seine Elastizität zu erhalten und bei höherer das An- kleben der Oberfläche zweier Schnittflächen zu verhindern. Die verschiedenen Verfahrungsarten, dem Kautschuk das für seine An- Wendung wünschenswerte Verhalten bei jedem Temperaturgrade zu verleihen, nannte man„Vulkanisieren". Diese in Amerika und Europa eingeführte Bezoichnung scheint von der mythologischen Be- schästigung d«S Gottes Vulkan mit Feuer und Schwefel hergeleitet zu fein. Das Vulkanisieren besteht in der Hauptsache darin, dem Kautschuk unter Erwärmung bei einem gewissen Temperaturgrad Schwefel beizumischen. Nachdem einmal festgestellt war, daß der Kautschuk hierdurch die Eigenschaft gewinnt, bei niederer Tempera- tur seine Elastizität zu behalten, bei höherer nicht zu kleben, ver- suchte man natürlich die verschiedensten Methoden, um ihn zu fchweseln, da der Schwefel bekanntlich ähnlich dem Kautschuk nur rn erhöhtem Maße bei niederer Temperatur hart und erst beim Erwärmen weich wird. Trotzdem entsteht aus der Verbindung beider ein bei jeder Temperatur biegsamer und nicht mehr klebender Körper. Dies ist eines der merkwürdigsten Beispiele gänzlicher Ver» änderung zweier Substanzen durch ihre Vereinigung. Humoristisches. — Es ist erreicht. Kommerzienrat(Inhaber einer große« privaten Gemäldegalerie, zu einem Bekannten, der ihn bittet, einem hochtalentierten, in Not befindlichen Künstler ein Bild abzukaufen): Mein lieber Freund I Früher war ich Hausknecht, jetzt bin ich HauS» besitzer und Kommerzienrat, meine Tochter hat einen adligen Man« und mein Sohn ist erster Staatsanwalt. Warum soll ich noch Bilder kaufen? Ich muß doch auch anderen reichen Leuten eine Chan« lassen, voranzukommen. — Aus Gendarmerie-Anzeigen. Er gab an. daß die ihm zugemuteten überlauten Rufe„Ihr könnt's mich..' sein gewöhnlicher Ausdrucksbrauch in guter Gesellschaft seien. Der Dieb trägt, bezugnehmend auf seinen krüppelhaften Zu» stand, ein hölzernes Bein. Seine Geschwister sind brav; er ist der einzige Auswuchs von sieben Brüdern. — Der nächste Zarenbesuch wird weder zu Land noch zu Wasser, sondern hoch in den Lüsten stattfinden. Die russische Sicherheitspolizei wird mit der Ueberwachung der benachbarten Planeten betraut.(„Jugend.") Notizen. — Hermann Ende, der Baumeister, der in dem vor- modernen Berlin eine große Anzahl östentlicher und privater Bauten geschaffen hat, ist im Alter von 73 Jahren in W a n n s e e gestorben. Ende repräsentierte für Berlin den Typus der Architekten, die in der Nachahmung überkommener Stile ihre Aufgabe erblickten. Er hat zusammen niit W. Böckmann Mietskasernen, Banken und andere Monumentalbauten im Renaissaucestil erbaut, als ob das kapita- listisch protzige Berlin mit der Größe und der Ruhe florentinischer Prachtbauten, denen er die Fassadenspracke entlehnte, etwas gemein hätte. Sogar nach Japan hat er diese Arckntektnr verpflanzt. In Berlin ist einer seiner bekanntesten Bauten das Museum für Völker» künde. E. war auch Professor an der Technischen Hochschule und wiederholt Präsident allerlei akademischer Anstalten. — Theobald Kerner, der Sohn Fustinns KernerS, des schwäbischen Dichters, ist QO Jahre alt in W e i n S b e r g gestorben. Er war der letzte Sproß der schwäbischen Dichterschule, die Heine einst so lustig— wenn auch nicht immer objektiv gerecht— verspottet hat. Mehr als Hüter des väterlichen Erbes denn als Selbst» schaffender ist der jüngere Kerner hervorgetreten. Das HauS seines Vaters, der ein schnurriger Sonderling war, hat er zu einem Rarilätenkabinett ausgestaltet und sich selbst dem Kultus der An- denken und Erinnerungen als beschaulicher Priester gewidmet. Der Verein der„Naturfreunde", ein in Oesterreich, der Schweiz und auch in Süddcnffchland verbreiteter Arbeiter- touristenverein, der bereits 11000 Mitglieder in 80 Zweigvereiuen zählt, verfolgt das Ziel, den Bergsport innerhalb der Arbeiterschaft zu pflegen. Diese gesunden Bestrebungen sind, wie die hohe Mitgliederzahl und die zu billigen Preisen unternommenen Touren beweisen, bereits von gutem Erfolge gekrönt worden. In den nächsten Tagen wird der Verein sein erstes Touristenheim auf dem Padasterjoch zwischen Innsbruck und dem Breuner eröffnen. — Eine Untergrundbahn für Po st zwecke. Die Siemens-Schuckert-Werke in Wien haben nach der„Freien Presse" dem österreichischen Handelsministerium ein Projekt unterbreitet, das dahin abzielt, die gesamte Wiener Postbeförderung mittels einer elektrischen Untergrundbahn zur Abwickelung zu bringen. Nach diesem Vorschlag soll in einer durchschnittlichen Tiefe von 8 Metern ein Kanalnetz alle Bahnhöfe und Postbestellämter verbinden. In diesem unterirdischem Netze von vorläufig 32 Kilometern Länge soll sich der elektrische Verkehr in der Weise vollziehen, daß Trains von einem bis drei Waggons die Post— Pakete wie Briefe— an die bezüglichen Stellen bringen. Die Kanäle würden ein Profil von 1,5 Metern Höhe und 1,3 Metern Breite erhalten, und auch die Bahnhöfe würden unterirdisch angelegt sein. — Ein Erdbeben-Katalog. Wie aus Washington be» richtet wird, hat daS„Smithsonim,-Institut" soeben ein Werk ver- öffentlicht. das im Hinblick auf die Erdbebenkatastrophe in San Francisco von besonderem Interesse ist. Es ist ein Katalog der Erb» beben, die im Gebiet der Vereinigten Staaten längs der pacifischen Küste während der letzten zehn Jahre stattgefunden haben, und eine genaue Aufzeichnung aller wissenschaftlichen Beobachtungen, die da- bei gemacht worden sind. Es wurden in diesem Zeitraum mehr als 700 Erdstöße registriert. Wenn in dem vorhergehenden Jahr- zehnt weniger Stöße aufgezeichnet worden sind, ist das wahrschein- lich nur die Folge der Tatsache, daß die seismographischen Jnstru- mente neuerdings sehr viel feinfühliger konstruiert sind. Eine be- sondere Aufmerksamkeit hat Professor Alexander G. Mc Adie vom Wetterbureau der Vereinigten Staaten auch der Frage zugewandt, ob eine Beziehung zwischen dem atmosphärischen Druck und den Erdbeben in den verschiedenen Perioden festgestellt werden könne. Zu bestimmten Schlüssen ist er jedoch nicht gelangt. Wenn die Küste des Großen Ozeans auch noch nicht in ein Stadium der Ruhe gelangt ist, so liegt doch kein Grund zu großer Besorgnis für die Zukunft vor. In Kalifornien soll ein Institut gegründet werden, das sich ausschließlich mit dem Studium der Erdbewegungen be- fassen soll. Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck«. Verlag: Vorwärt« Buchdruckerei u.Berlagtanstalt Paul Singer&To.. Berlin LkV.