Nr. 291 Ablnmement«-Kedkigungen: SlbonnimenIS- Preis pränumerando: vierteljährl. 3L0 Ml., monatl. 1,10 Ml., wöchenllich LS Pfg. frei inZ HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- Nummer mit tllulirierler Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: SL0 Marl pro Quartal. Eingelragen in der Polt- Zeitung»- Preisliste siir 1899 unter Er. 7890. Unler tkreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland S Marl pro Monat. 16. Jahrg. Erscheint liglich»uster Monlng«, Vevltnev Volksvlakt. »v»» Di« Inftrttons- Gebühr beträgt für die fechigefpallene Kolonel- zetle oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerlf chaftliche BereinS- und Versammlung»-Anzeigen 20 Psg. „Kleine Anseigen" jedes Wort S Pfg. (nur da« erste Wort fett). Inserate sür die nächste Nummer müssen biS S Uhr nachmittag« in derExpeditton abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen btSSUhr vormittags geössnet. Fernsprecher:»ml l, Er. 1208, Telegramm-Adresse: „SorialdemoKrai Berlin" Centrawrgan der socialdemokratiMen Nartei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Veuth-Strasze 2. Mittwoch, den 13. Dezember 1899. Expedition: SW. 19, Venth-Strasze 3. Guittung. Im Monat November gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Augsburg, U., d. G. U. i. St. 20,—. Auvelois, deutsche Hut macher 20,16. Ahlen i. W., durch H. B. ö.—. Berlin, Beiträge der Wahlkreise: 1. Kreis 100,-. 3. Kreis 350.— sdaruiiter Werk- statt von Treue, Wienerstr. 44, 28,—.) 4. Kreis(Südost) ISOV.— (darunter Südost 100,—). 4. Kreis Osten 1000,—(darunter Werk- statt Klinke, Warschaucrstrahe 10.—. Tischler der Werkstatt von Kümmel 10.—). 6. Kreis Moabit 1100,—. 6. Kreis Rosenthaler Vorstadt 1200,—. 6. Kreis Wedding und Oranienburger Vor- stadt 2000,—(darunter Polarlicht 11 und 12 40,—, Dampfer- Partie W. H. 5,—, Dr. F. A. 101 3.-). 6. Kreis. Schön- hauser Vorstadt, 1000,—(danmter A. B. Mister 1,—. bei Ramlow über den See gefahren 4,S0). Berlin, diverse Beiträge: Kolonie»Zur Erholung" durch Walter 15,—. Dr. L. A. 50.—. Ortsverwallung Berlin III durch Bredow 6,—. A. K. 30,— Machetes 5,—. Rote Buchbinder, Griiustrajze, 5,—. Ehamisso Platz- Salomonstrahe S,50. Cigarrcnfabrik von R. Schulze. Friedrichsfelderstr. 21, 5,—. Arbeiter und Arbeiterinnen der Buch- binderei von Babing 10.—. Onkel 1.—. Gutenberg 200,—. Lange Pfeife 1,50. Grumach, zur Stichwahl 30.—. Ein Post deamter 3,30. Pfaffe von Venedig 18,11. Petercit 2,20. H.. Katto witz 1,—. Werkabteilung von Babing 25.—. Schneider- Werkstatt Grüder 10,—. Arbeiter von Schuster u. Bär 3,30. Tonblüte 6,25. Von Mitgliedern der U.-Dr 4,80. P. S. 50,—. 0. B. 50,—. Bern 50,—. Bamberg, Jäcklein Rohrbach 5,—. Düsseldorf, durch den Vertrauensmann I. S. 100,—. Essen(Ruhr), dnrck) den Vertrauensmann 50,—. Fallenberg(O.-Schl.) 2,—. Forst i.£., d. d. Vertrauensmann 200,—. Freiburg i. B., von badischcn Genossen 20.—. Gotha, d. d. Vertrauensm. 50,—. Greiz. Wahlkr. Rcuszä.L., 50. Gera. Wahlkr. Reutz j. L. 100,—. Gieben. Ed. K. 10.—. Hastedt bei Bremen 10.—, Hohensteiu-Ernstthal v. C. B. 10.—. Hamburg, im Monat November in der Expedition des»Echo" eingegangen 216,70. Kassel, von Parteigenossen 25,—. Luckenwalde, rote Hochzeit durch G. I. 5,—. München, Waldläufer 10,— (darunter für Oktober 5.—). München, durch I. A. 30,—. Muggensturm b. Rastatt, v. Vertrauensmann des 8. badischcn Reichs tagswahlkreises 25.—. Ncuhaldeuslebeii-Wolmirslcdt.(Wahlkr.) durch den Vertrauensmann Tümmel 150,—. Nürnberg, durch K. H. 25,—. Ottensen, durch Poulsen 17. Rate 10,—. Ohligs, durch den Vertrauensmann 30.—. Röhlinghausen. durchK.W. 10.—.Rudolstadt.Glanzgoldl.—. Ronsdorf, durch den Bertrauensmaun 5,—. Saarbrücken. Wahlkreis 122,50. Sonneberg S.-M, von Parteigenossen durch E. W. 20,—. Stuttgart, G. U. 10,—. Schmiedebcrg i. Schl., d. d. Vertrauens- mann 10,—. Schwelm, d. d. Vertrauensmann 100,—. Verden, von verschied. Cigorrcnarbcitern d. Fabrik v. E. u. B. d. d. Vertr. 6,20. Vetschau, rote Kindtaufe 2,65. Württemberg 50,—. Wolseiibiittcl, Radfahrer von Braunschiveig und Wolfenbüttel 6.—. Wesel, Specht —.50. X. D. Z. 2000,—. In der Quittung in Nr. 262 des„Vorwärts" vom 8. November dieses Jahres muß es unter den Einzelbeiträgcn des 4. Berliner Wahlkreises Südost nicht heißen Plättcisen Neue Mühle 8—, sondern 9,05. Hand in Hand nicht 9,05, sondern 8—. In der gleichen Ouitttnig unter den Berliner diversen Beiträgen nicht Stereotypeure, sondern Stereotypeure des„Vorwärts" 10,—'. Berlin, den 8. Dezember 1899. Für den Parteivorstand: A. Gerisch, Katzbachstr. 9. Heinrich Heine. Geb. 13. Dezember 1799. „Um meine Wiege spielten die letzten Mondlichter deS achtzehnten und das erste Morgenrot des neunzehnten Jahrhunderts." Mit diesen Worten hat Heinrich Heine selbst den langwierigen Streit über den Kalendertag seiner Geburt vorweg abgcschnittcu; ob er nun am 13. Dezbr. 1797 oder an demselben Tage des Jahres 1799 geboren sein mag, so ist er ein Kind der Jahrhundertsivende. Und so gcdenlrn ivirheute an dem hergebrachte» Datum seines Säkulartagcs, ohne zu ver- kennen, daß in dem Kampfe um das Jahr seiner Geburt die Streiter für 1797 siegreich vordringen. Es scheint in der That, als ob die Eltern Heines, um ihn dem preußischen Militärdienst zu entziehen. sein Alter um zwei Jahre verkürzt haben. Der Jubel der anti- semitischen Presse über diese neu entdeckte Frcvclthat Heines ist übrigens mit der ganzen Lächerlichkeit des Antisemitismus ge- schlagen; sollten alle deutschen Dichter gekreuzigt werde», die vor dem preußischen Korporalstock ein heiliges Grauen empfunden haben, so ginge ein großes Sterben Über den deutschen Parnaß: sogar der fromme Odendichter Klopstock und der Gcneral-Superinterden't Johann Gottfried Herder sind in de» Akten des preußischen Kriegsministeriums als„unsichere Kantonisten" verzeichnet. In der Geschichte der Humanität und der Cibilisation wird Heines Name noch niit vollen Ehren genannt werden, wenn der preußische Korporalstock höchstens in einem Museum kurioser Raritäten ein vergessenes Dasein fristen mag. Es giebt kein sprechenderes Zeugnis für Heines historische Größe, als daß sein Schatten mitten in den heißesten Kämpfen der Gegenwart ficht, daß die Frage: Wie diinket euch um Heine? ein Schlachtruf ist, woran sich die streitenden Heere unterscheiden. Das ist nur den Erlesensten gegeben unter den revolutionären Anfwühlern der Geschichte, und sein von den Geschossen der Feinde starrendes Bild ist ein ehrenvolleres Denkmal Heines, als der Grabhügel, den der Lorbeer der Freunde schmückt. Eilt anderer.revolutionärer Dichter des ablaufenden Jahr- Hunderts, mit dem Heine oft verglichen ivordcn ist, Lord Byron, hat gewaltiger und tiefer in die historische Bewegung seiner Zeit eingegriffen, aber dafür gehört er heute auch nur noch der Geschichte an. Heine dagegen wächst immer mächtiger in die Zukunft hinein, und wenn er in abcnnalS hundert Jähren der historischen Vergangenheit angehören sollte, so wäre damit auch gesagt, daß der Sieg des Proletariats im zwanzigsten Jahrhundert er- fochten sein wird. Nicht als ob wir Heine in irgend einem Siiine zum social- demokratischen Parteimann machen lvollten! Das ist er so wenig gewesen, wie ein großer Künstler überhaupt ein Parreimann zu sein Die Flotte im Reichstag. Die merkwürdigsten Etats-Debatten, die der Reichstag bisher erlebt, spielen sich jetzt im Reichstag ab: eine Etats-Debatte ohne Etat, Auseinandersetzungen, die im eigentlichen Betracht nicht zur Sache gehören, die außerhalb der Tagesordnung stehen. Dafür wird über einen Entwurf geredet, der noch gar nicht da ist. Wie am Montag die Minister, so sprachen am Dienstag die Mitglieder des Hauses fast ausschließlich über den Flottenplan, dessen Einzelheiten niemand bisher kennt, während man dem Etat selbst nur ein paar Anstandsbemerknngen über Schuld enivirtschaft und Anleihebedarf widmete. Der Reichstag wäre berechtigt gewesen, auch das umge- kehrte Verfahren einzuschlagen', er hätte auf die Erklärungen der vier Minister nicht einzugehen brauchen, da keine Marincvorlage ein gegangen, und hätte sich auf die politischen Generalabrechnungen beschränken können, die beim Etat vorgenommen zu werden pflegen So aber stand der Etat unter der Blockade der Zukunftsflolte. Auch der DicnStags-Sitzuug wohnte auf den Tribünen ein zahl- reiches Publikum bei. In allen Logen zeigten sich Marinc-Uniformen, ebenso auf den Bänken des Bundesrats. Daneben war auch die ältere Landuuiform vielfach vertreten. Die Sitzung begann einschläfernd mit der diskussiouslosen Bc- ratung des Tclcgraphenivcgegcsetzes. Dann bestieg der Ccntrumö- führer Lieber gravitätisch die Tribüne, um alle fünf Minuten ein Wort von sich zu geben, dafür waren es aber auch gewichtige Worte. Herr Lieber kündigte sie sogar des öfteren mit einer kleinen Ueber schätzung als Gedanken an. Die Etatsglosscn, die er anfangs produzierte, wirkten einschläfernd; er trieb seine Ncchenlüiist mit so gespreizter Wichigkeit. als ob er die Millionen sämtlich aus seiner Tasche zahlen müßte. In dem grauen Dämmerlicht, das im Saale herrschte, wirkten die Ausführungen Licbers um so ermattender. Nur den Ministern, die vollzählig er- schienen waren, gefiel der Anfang— hatten sie doch Anlaß, Fürchter- lichcS zu erwarten. Man erinnert sich, daß Herr Lieber kürzlich die Drohung ans- sprach, er wolle nicht nur ein Battisttüchlcin, sondern die ganze Wäsche der Regierung gründlich waschen. Aber dem Centrums- advokaten mochte die Temperatur zu niedrig sein, um die Hand ins Wasser zu stecken. Er begnügte sich, daS Battisttüchlein als verhängnisvoll wehende Flottcnflagge zu hissen. Als Herr Lieber endlich auf die Marinefrage einging, horchte man gespannt auf. Aber Wiudthorsts Nachfolger sagte gar nichts, wenigstens nichts Bestimmtes. Er behielt sich die endgültige Stellungnahine vor, bekrittelte ein wenig die vorgeschlagene Kosten deckung und ließ, indcnr er Bülows Wcltmachtspoesic höchlichst bewunderte, durchblicken, das Centrum werde schließlich aber mals für die Schiffe sein, und zivar ganz ohne Gegenleistung. Ohne Gegenleistung— womit natürlich nichts gegen die etwaige Erfüllung von CentrumSwiiuschen gesagt sein soll. Aber Herr Lieber ist nicht nur ein Freund des Vaterlandes und der Flotte, sondern er ist auch ein großer Demokrat, der eifersüchtig über die parlamentarischen Rechte wacht. Und darum sprach erhärte Worte wider das gegenwärtige Rcgicrungssystem. Warum pflegt, ja in gewiffcm,— von der heutigen Bonrgcoisnsthctik freilich grotesk übertriebenen— Sinne nicht einmal ein Partcimann sein darf. I» Heines Geiste kreuzten sich feudale, bürgerliche, proletarische Slröninngcn, die drei großen Weltanschauungen überhaupt, deren Kämpfe das Jahrhundert niit tosendem Waffenschall erfüllen; eben dies ivunderbare Spiel der Farben und Formen, das bei allen zrellcn Widersprüchen doch harmonisch in einander klang, giebt ihni eine einzige Stellung in der deutschen nicht nur, sondern in der europäischen, in der modernen Littcratur überhaupt. Heine hat die blaue Blume der Romantik nie völlig ver- gessen und das Granen vor dem Kommunismus nie völlig überwunden.»Dies Geständnis, daß die Zukunft den Kom- mnnisten gehört— ich machte es in einem Tone der Besorgnis und höchste» Angst und ach l das war keineswegs eine Maske. In der That, nur mit Schrecken und Schaudern denke ich an die Epoche, wo diese finsteren Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden; mit ihren schivieligen Händen werden sie alle Marmorstatuen der Schön« heit zerbrechen, die meinem Herzen so teuer sind; sie werden all jenes phantastische Spielzcng und Flittcrwerk der Kunst zertrümmern, das der Poet so sehr geliebt; sie luerdcn meine Lorbcerhaine fällen und dort Kartoffel» pflanzen; die Lilien, welche nicht spinnen noch arbeiten und doch so herrlich gekleidet sind, wie König Saloino in all seiner Pracht, sie werden dann ausgerauft aus dem Boden der Gesellschaft, falls sie nicht etwa die Spindel zur Hand nehmen wollen; die Rosen, diese müsfigen Bräute der Nachtigallen, wird das gleiche Los ereilen; die Nachtigallen, diese unnützen Sänger, werden fortgejagt, und achl mein Buch der Lieder wird dem Gewürzkrämer dienen, um daraus Düte» zu drehen, in die er Kaffee schütten wird oder Schnupftabak für die alten Weiber der Zukunft. Ach I ich sehe dies alles voraus, und mich be- chleicht unsägliche Trauer, wenn ich an den Untergang denke, mit dem das siegreiche Proletariat meine Verse bedroht. die i»S Grab sinken werden mit der ganzen alten romantischen Welt. Und dennoch, ich bekenne es offen, übt dieser Kommunismus, der all meinen Interessen und Neigungen so feindlich ist, eine» Zauber auf meine Seele, dessen ich mich nicht erwehren kann." So duschten die ersten Lichter und Schatten einer gigantischen Zukunft über Heines emfänglichen und reichen Dichtcrgeijt, aber sicherlich sprach er nicht wie ein kommunistischer Parteimann. Allein so sinnlos es wäre, diesen genialen Künstler für eine politische Partei zu reklamieren, so wahr ist es. daß HeineS Größe völlig verstanden, sein Ruhm sicher behütet wird nur vom kämpfenden Proletariat. Dessen„schlviclige Hände" allein schützen dieses Dichters Lorbeerhnine vor der mörderischen Axt, die soivohl von den Junkern und Pfaffen, als auch von den biederen Bürgersleuten daran gelegt wird. Wir sprechen nicht lange von den Junkern und den Pfaffen und den spießbürgerlichen Philistern, deren ganzes Unrecht gegen Heine doch nur darin besteht, in ihrer Weise diese plötzliche Vorlage, nachdem man vor zwei Jahren er- klärt, man werde durch die Annahme des Flottcngesetzes für sechs Jahre Ruhe haben...? Als Lieber gelegentlich von dem allein verantwortlichen Reichskanzler sprach, senkte Hohenlohe tief sein Haupt, und sah dann scheu von der Seite den Redner wehmütig fragend an. Auch Hohenlohe wußte offenbar nicht die Frage zu beantworten, was denn das sür eine Regierung sei, die aus der„Norddentschen Allgemeinen Zeitung" spreche. Lautlose Stille herrschte, als Lieber von der Hamburger Rede sprach, der Präsident v. Ballestrcm lauschte mit der Hand am Ohr. ohne indes Gelegenheit zum Einschreiten zu er- halten. Bitterlich beklagte sich Lieber über die Wandlungen„in Seiner Majestät erlauchtem und erhabenem Herzen". Nach An- nähme der Flottenvorlage habe der Kaiser in der Thronrede dem Reichstag ausdrücklich seine Anerkennung ausgesprochen. Und nun seien in Hamburg die bitteren Worte über den deutschen Partei- gcist gefallen. Unverantivortliche Ratgeber müßten bei dein Kaiser das deutsche Volk verdächtigt haben. Von den verantwortlichen Männern, die hier am BundesratStische säßen— Miguel fehlte— sei sicher keiner fähig zu solchem Thun. dafür lege er seine Hand ins Feuer. Lieber deutete an, daß er den vom Kommunisten zum Agrarier allmählich gemausertcn Mann. der alle Parteien als überflüssig bezeichnet, siir den bösen Geist des Monarchen'hielte. Mit diesen und ähnlichen gespitzten Wendungen suchte Liebet seinen radikalen Ruf zu wahren. Auf das Haus machten sie keinen Eindruck mehr. Die Spannung war ja gleich am Anfang gelöst. Es bestand für niemanden mehr ein Ziveifel, daß das Centrum auch diesmal, wenn auch unter noch so bissigen Bemerkungen gegen die Regierung, den Flottenkurs mitfteucrn werde. Die Situation war damit klar. Die Kritik der Hamburger Rede hatte bei den BundeSratsleuten Aufregung hervorgerufen, und als Lieber geendigt, erhob sich der Reichskanzler, um mit ungewöhnlicher Geläufigkeit und Lebhaftigkeit sein Bedauern darüber auszusprechen, daß eine Rede des Kaisers in die Debatte gezogen. Daran schloß er ein paar sanfte die Kaiser- rede verteidigende Sätze. Das Bedauern Hohenlohes aber hatte der Präsident des Reichs- tags als eine Kritik seiner Gcschäftsführnng empfunden, und mit großer Energie erklärte deshalb Herr v. Ballestrem, der Reichstag habe das Recht, authentisch bekannt gewordene, zum Beispiel im„Rcichs-Anzciger" veröffentlichte Kundgebungen deS KaiferS in angemessener Form zu erörtern. Es hieße den Reden des Kaisers geringe Wichtigkeit beimessen, wenn er sie nicht im Reichstag er- wähnen ließe. Mit dieser Erklärung hat der Präsident v. Ballestrem noch über seine früheren Erklärungen hinaus, dem Reichstag die Diskussion kaiserlicher Kundgebungen frei gegeben und so gegenüber dem persönlichen Hervortreten Wilhelms II. eine Stätte der Kritik geschaffen. Hatte Herr Lieber seinen Frieden mit dem Flottenplan ge- schlössen, so beeilte sich auch der konservative Wortführer, der Schlachtendcnker der Kanalrevolte, Graf Limburg-Stirum, der Vor- recht zu haben; sie sagen wenigstens mit gutem Fug: Alles, was uns heilig ist, hat dieser Spötter in den Staub gezogen. Eine ungleich ärgere Versündigung au Heine ist es, wenn seine bürgerlichen Verehrer in ihren Gesangvereinen andächtig die Loreley singen und die Blume, so hold und schön und rein, aber als HeineS„Schwäche" ablehnen, was seines unsterblichen Wesens unsterblicher Teil ivar, wenn sie seine Lcycr schmücken, aber seinen Bogen zerbrechen, wenn sie mit dem romantischenDichterHeinc prahlen, aber den revoluttonärcn Dichter Heine vcrleugneil, wie Ivir das in dem Froschmäusekriege um Heines steinernes Denkmal so kläglich erlebt haben. Dem gegenüber gilt nur das eine Bekenntnis: Was ihn euch ividrig macbt, macht ihn uns Ivert. Wer dazu nicht die Courage hat, der lasse die Hände von Heine; er hat nnt Heine so ivenig zn thun, wie Heine mit ihm. Es giebt keine ärgere ästhetische Barbarei, als aus allerlei feigen Rücksichten einen großen Künstler zu zerfleischen. Was der bürgerliche Philister an dem Dichter der Lorelch bewundert, daS ist nicht Heinrich Heine, sondern ein genialerer Arnim oder Brentano, wie denn die Loreleysage von Brentano erfunden worden ist und von Heine nur ihre klassische Form erhalten hat. Der ganze Heine oder gar keiner: so steht die Frage nicht politisch, aber ästhetisch und historisch, und es ist einzig die Arbeiterklasse, die das ganze Erbe Heines angetreten hat. Sie bewundert nicht nur die Loreley und das Königslind mit den nassen, blaffen Wangen, sie beivundert auch Heines mächtige Beredsamkeit gegen freche Unterdrückung, seinen feurigen Spott über träge duldende Feigheit; sie bewundert all seine seherischen Blicke. die gleich glänzenden Sternen das Dunkel der Zukunft erhellen, all das Tiefe und Wunder- volle, was Heine über die deutsche Philosophie und den französischen Realismus gesagt hat. Sie beivundert Atta Troll und das Winter- märchen und die herrlichen Götzendichter aus den dreißiger, vierziger, fünfziger Jahren. die dem radikalen Philister Rüge, der in den „Hallischcn Jahrbüchern" mit der philisterhaften Mißhandlung Heines recht eigentlich den Anfang gemacht hatte, in lichten Augenblicken doch den begeisterten Schrei entrissen, Heine sei der freieste Deutsche, ein' nioderner Aristophancs, ein Jüngling ohne Fehl und Tadel, der Tyrtäos der deutschen Völkerschlacht.... Die„finsteren Bilderstürmer", die Heine als die Vcrnichter seines Ruhmes fürchtete, sind die lrenesten Hüter seines Grabes ge- ivorden. Wenn aber der Kommunismus trotz aller scheinbaren Schrecken einen unwiderstehlichen Zauber auf seine Seele aus- übte, so ivar sein genialer Kllnstlerinstinkt sicherer, als sein kühl überlegender Verstand, und eben ihn als Künstler zu würdigen, frei und unbefangen, wie er nun einmal war nach seinen historischen Existenzbedingungen, das vermag heute nur das Proletariat, im Unterschied zu den herrschenden Klassen, die ihn entweder nur an- zuklagen oder nur zu entschuldigen wissen. Und in dieser so sichern wie treuen Hut harrt Heines Name der Unsterblichkeit, die den großen Vorkämpfern freier Menschheit beschieden ist. F. M. läge des Kaiser? seine Reverenz zu erweisen. Die Konservativen sind sicher, dcijj der Flottcnplan angenommen werden wird, sonst dürften sie es nicht ivagen, für ihn einzutreten; denn bei einer Anflösmig des Reichstages würde ihre Flotteufreundlichkcit den agrarischen Anhang arg gegen sie aufreizen. Mit dieser taktischen Flottenbcgcisternng werden sie nun hoffentlich die leidige Hofacht beseitigen. Der Separatfriede mit ihrem König bedeutet aber noch nicht eine Aussöhnung mit der Regierung Hohenlohes. Limbnrg-Stirum griff den Reichskanzler heftig wegen seiner Reiche- rung über den Industriestaat an. Uebcrhnnpt habe die Amtsführung Hohenlohes, von dem man ja nie eine energische Initiative erwartet habe, enttäuscht. Die Regierung habe, um ans angenblick» licheu Schwierigkeiten heraus zu kommen, die wichtigsten Macht- befugnisse aus der Hand gegeben. Als Graf Limburg von dem Boerenkrieg sprach und sein Mißfalle!» äußerte, daß England seine Raubzüge heuchlerisch im Namen der Civilisation untenichme, hallte Bebels lauter Zivischenruf eindringlich durch den Saal: Genau wie bei ui»s. Die Schlußwendung des edlen Grafen, der mit Anspielung auf die Kanalangelegcicheit, die Einzelstaaten zur Sparsamkeit anrief, entfesselte den stürmischen Beifall der Konservativen, die sich hellte selbstbewußter denn je gerierten. Nach einer Zwischenerklärung BiilowS, daß der Samoavertrag keine geheimen Klauseln enthalte, nahm wiederrun Fürst H o h e n l o h das Wort, der heute eine crstaimliche Redeinst entwickelte Diesmal suchte er nicht durch Kürze, sonder» auch durch Witz cpigraimnatisch zu wirken. Er habe, so bemerkte er, vielleicht den Grafen Limburg-Stirmn enttäuscht, daß er nicht wegen Nicht crfüllung seines Versprechens in Sachen des Vcrbindungsvcrbots zurückgetreten sei; er könne aber schwer glaliben, daß er alle poli tischen Freunde des Grafen enttäuscht habe. Ii» einer wuchtigen zweistündigen Rede sprach zuletzt Bebe über die politische Lage. Haus und Tribünen hörten aufmerksam zu. Die Gäste der Hofloge lauschten, über die Brüstung gebeugt, mit gespannter Andacht, insbesondere der kgl. HanSministcr. der wohl Bericht zu erstatten hatte. Nur auf der rechten Seite gefiel man sich gegen den Schluß der Rede in nicht sonderlich gescheiten aber um so selbstgefälligeren ZwischcnrnfcnH Mit stürmender Bc rcdsamkcit und leidenschaftlichem Feiier schilderte Bebel das herrschende Sristcm, die leichtsinnige Schnldcmnachcrci, die sinnlose Kolonial und Wcltpolitik. das persönliche Regiment, den Zickzack kurs, die Ilnzuverlässigkeit der Regierung. Mit besonderer Schärfe charakterisierte er das Verhalten des Marinefekretürs Tirpitz, dessen frühere Aenßenmgen er mit seinem jetzigen Thun kontrastierte. Herr v. Tirpitz geriet in fichtbarc Erregung, als ihm Bebel nach wies, daß er noch am Anfang dieses JahrcS in der Budget koinmiffion jeden neuen Marincplan abgeleugnet. obwohl nach eigenem Geständnis bereits in, Dezember dcS Bor jahrcs darüber den» Kaiser Vortrag gehalten! und die Erregung deS Mariiicsrfretärs steigerte sich, als Bebel von seinem für die Durchführung des ScxennatS verpfändeten Manncslvort sprach Bebel schilderte dann ivciter die Flottcnagitation der Mariiie-Jiiter- csscntcn, zerfetzte die Phantasien BülowS über die durch die veränderte Weltlage bedingte Flottenmehrnng und zeichnete in kräftigen Strichen unsere Mittellosigkeit für alle Knlturzwecke. Mit gewaltig erhobener Stimme wies Bebel zun» Schluß auf das bevorstehende FricdcnSfest der Christenheit hin, daS man vorbereite, indem man VernichtuiigS 'Nittel für die Menschheit berate. Das sei das Christentum das in» christlichen Staate nichts als eine elende Phrase sei. Die Rechte bestätigte diese Wahrheit durch echt agrarisches Johlen, und der Präsident Ballestrem erteilte Bebel wegen der Schlußbcmerknng nachträglich einen Ordnungsruf. Die Angriffe Bebels riefen Herrn Tirpitz auf den Plan Er mag ein guter Seemann sein, als Parlamentarier hat er nur Talcut zu Niederlagen. Er»Vehrte niit der landesüblichen Entrüstung die„Insinuationen" ab und erklärte— eine Bcbclsche Acnßernng mißverstchend—, daß die Industrie nicht ihn, sondern er die Industrie geschoben habe. Dabei machte er eine niedliche Enthüllung. Er sei im Sommer bei den Industriellen mnhcrgcrcist und habe sie„diskret" über die bevor stehende Marinevorlage informiert. Jetzt»visien»vir also,»vanini damals in der Jnduftricpresse plötzlich eine Flotteneampagne einsetzte. Wir erfahren aber nun auch, daß»nan bei uns erst die Industriellen und dann erst die Höfe und den Bundesrat über gesetzgeberische Absichten unterrichtet. DaS Wort vor.» Industrie- staat lautet also bereits: Der Staat, das ist die Industrie! In einer stachligen persönlichen Bemerkung erklärte schließlich »och Graf Limburg, er sei nicht mir über die Zustimnumg des Reichskanzlers zur Aufhebung des VerbindiingsvcrboiS, sondern über seine ganze Amtsthätigkcit cnttänschtZ, und er habe diesen» Gefühl im Namen u n d Auftrag seiner politischen Freunde Ausdruck verliehen. Hohenlohe erhob, verblüfft über diese scharfe Kriegserklärung, die Hände gen Himmel. Er schien antlvorten zu»vollen, aber die Sitzung war bereits geschlossei».— Nolikiflsze Aebvvftckzk. Berlin, den 12. Dezember. Nachklänge vom ZuchthauSgcsctz. AuS Karlsruhe meldet uns ein Privattclegranm» vom Dienstag: In, Landtag begründete heute Abg. DreeSbach in längerer Rede die f o c i a l d e ,n o k r a t i f ch e I n t e r p e l l a t i o n über die Stellungnahme der badischenRegiernng zur Zuchthausvorlage. Mtnister Eisenlohr verliest, ohne ein Wort zuzufügen,«ine kurze RegiernngS- crklärung: die Regierung habe das Ergebnis der Erhebungen der Staatsanwälte und Behörden über Vergewaltigungen bei Ausständen seit 1890»»ach Berlin gesandt niit der Erklärung, daß der T e r r o- rismus immer stärker getvorden und ei» Zurückgreifen ans den früher abgelehnten Z 153 der Novelle von 1890»lotivendig und für Baden ausreichend erscheine. Hicrarif ivurde die Sitzung vertagt. Unsere Parteigenosse» werden die Bchauptring dcr Zunahine deS „TerrorisnmS" bei Streiks, die in vollem Gegensatz zu den Aus- laffungen des badischen Gewerbc-Jnspektorats, einer gehörigen Kritik unterziehen. Interessant ist das Bekanntwerden der Thrtsache, daß die badische Regierung zunächst doch nur eine Verschärfimg deS§ 153 gewünscht hat; erst nachträglich und ohne sachliche Gründe ließ sie sich zu der Zustimmung zu den» prcnßi'chen Gesetzentwurf und zmn Znchthanspnragraphen drängen. Mtqnel. Während die Konservativen im Reichstag einen scharfen Angriff auf den Fürsten Hohenlohe»»nteruomnien hatten, findet Miqnel plötzlich wieder Gnade bei der„Kreuz-Zeitung", und sie verteidigt den Mann, den» sie eben erst abgesagt, gegen Klatsch und Ver- dächtigungen. Einer der Fricdevsmissionäre, die vordem die Versöhn»», g der Konservativen mit Miqnel arrangierten, der Landrat v. Löbell, er- klärt jetzt, er sei nicht„auf WlMsch oder Anregung" des Herrn v. Miqnel in der Redaktioi» der„Kreuz- Zeitung" ge- »vesen. Bei diesem Landrat ist aber nn»— der Sohn des FinanzmiiiistcrZ zufällig als zeitweiliger Vertreter beschäftigt. Jeden- falls ist die Darstellung der„Freisinnigen Zeitung" bisher in keinem wesentlichen Punkte»viderlegt. Trotzdem scheint der Todeskampf dieses Ministers länger zu dauern als das Leben manch anderer. »« Deutsches Weich. Ei»»e Begnadigung. Zwei Opfer des Löbtauer Krawallprozesses sind begnadigt und am Sonntag aus der Strafanstalt entlassen »vordcn. Es sind dies die Zinnuerleiite Emst Geißler und Moritz Hecht, beide zu je 4 Jahren Gefängnis vernrteikt. Wie die „Sächsische Arb.-Ztg." hört, haben GeißlerS Frau und Hechts Eltern Gnadeugefuche unter ausführlicher Darlegung des Sachverhalts ein- gereicht, die schließlich zu diesem Resultat führten. Die Begnadigung, die nach Lage der Sache jetzt daS einzige Mittel war, an den Verurteilten wenigstens zmn Teil »vieder g»lt zu»nachen, was ihnen durch das Urteil zugefügt worden »vor.»vird allenthalben mit Genugthuuug begrüßt werden. Wenn man diese Begnadigung als Beweis für eine der Gc- rcchtigkeit näher kommende Auffassung dcS Falles in den maß- gebenden Kreisen ansehen darf, so darf man vielleicht anch hoffen, daß diese Nnffasiling auch den übrigen Opfern»n absehbarer Zeit zu gute kommt, die ja noch viel schwerer getroffen»mirdcn als die jetzt Entlassenen. Sieben Unglückliche schmachten noch im Zuchthaus« und solle» sechs bis zehn Jahre darin ver- trauern; eine Strafe, die in gar keinem Verhältnisse zu der That steht. Flotteupläne und das Anölaud. Den Wahnwitz der bc absichtigten Flottenrüstungeii beweisen die Aeußerungen der ton angebenden englischen Blätter zu der Rede des Grafen v. Biilow: „Standard" sagt:„Jede Bemühung irgend eines Staates, sich mit seinen Nachbarn mif gleiche Höhe zu stellen, legt den andern die Pflicht auf, zn thnn,»vas in ihren Kräften steht, »m das nornialr Gleichgewicht»viedc» herzustellen." Die„Tin, es" schreiben:„Die Moral von BüloivS Rede kau» auch«nscrei» Staatsmännern empfohlen werden. Es ist recht, nicht mir eine bestimmte Linie der Politik festzulegeu, sonder» auch bereit zn sein, sie abzuändern mit Rücksicht ans den Wechsel der Unistände. Deutschland ist natürlich berechtigt, seine Seemacht zu vermehren, da sich seine HandelSiutereffen vermehren, imd es würbe seine Pflicht vemachläsfigeu, wem» eS die nicht thäte. Die Deutschen werden»ms nicht mißverstehen,»venn lvir unsererseits es fllr an- gebracht halten sollten, unsere eigene Flotte in dein Bcr- Hältiiis der Brrmehrnng irgend einer anderen Flotte zn ver- »»»ehre«."— Nicht alle Konservativen begeistern sich gleich dem Grasen L i n, b n r g- S t i r u m für neue Flottenrüstnngcii. Der Militär- schriftstellcr Oberstlicntcnant Rogalla von Bieber st ein weist in der„Deutschen Agrarkorr." auf die„unerhört an- geschwollene Schuldenlast des gleiches" hin, die sich durch die Ver- wirklichnng des neuen Planes abermals gewaltig steigern müsse, er betont hierauf, daß eine Flotte ersten Ranges den» L a n d h e e r e 25 900 der k r ä f t i g st c n Mannschaften entziehen werde und sagt zum Schluß: „Bleiben wir daher bei den» Flottcnplan von 1897/98, allen- falls vielleicht»mter Erhöhung der Anzahl der Kreuzer. Ver- meiden wir de» unvermittelten Sprung zu einer Flotte ersten Ranges, der uns in vielen Richtungen nur e i n T r e i b h a u s- Produkt bringen würde. Vermeiden lvir es, uns wirtschaftlich mit einem neuen enormen Budgclfaktor für einen sekilndären Zweig nilscrcr Wchrkraf» und für eine nur h v ch st unsichere Ergebnisse versprechende maritime W e l t p o l i t i k festzulegen."— Frritvillrgc für Kiantscho». Das von Bebel gestern in: Reichstage erwähnte Zirkular der Inspektion der Marineinfanterie in Kiel, d, d. 8. Dezember 1899, kantet nach der„Fränkischen Tages- post": Die vcrebrlichc Redaktion wird ganz ergebenst gebeten, den limstehciidcn BekaniitmachnngS-Eiltwiirs(wenn möglich im Wortlaut) im Interesse der Gewinnung von Freiwilligen für das III. See- bataillon und die Feldbattcrie in Kiantschon sehr gefälligst einige Male kostenlos in den Nachrichtenteil Ihres geschätzten Blattes aufzunehmen. Die Inspektion gestattet sich hiermit in» Voraus ihren ganz ergebensten Dank anszusprcchci». von Hoepfncr. An die Redaktionell der gelcscnstei» Zeitnngci» Deutschlands. Ans der Rückseite befindet sich der Aufnif, in dem dreijährige Freiwillige für das Scebataillon nach Kiautschon, die prächtige Fieberkolönic, gesucht werden. Der Weg der Annonce ist ja nicht mehr»mgeivöhiilich anch für die Rekrnticrnng»micres Heeres. Originell ist es dagegen von der Marinc-Jnipektion, daß sie in klüg- lichcr Berücksichtigung des FlottentaumelS die JiiscriionSkostci» zu 'paren sucht.— Bochum» v. Dezember.fEig. ver.) Uns ere Stadt stand diese Woche i,n Zeichen des K u l t u r k a m p f e s. Ein Professor Andelfinger ollte eine Reihe von religiösen Borträgen hier halten, und sprach am Sonnabend zur Einleitung in einen» Frauenverein über die religiöse Erziehnng der Kinder. Wider Erwarten erschien der Polizeikoinmissar Weber in Begleitung des städtischen Steiiographen, nahm sich den Vortvagendci» beiseite und erklärte ihn», daß er mir diesen einen Bortrag halten dürfe, weil er gleichzeitig festgestellt, daß der Herr Professor dein Jcsiliten- orden angehöre und den Milglieden» dieses Orden sei durch das bekannte Rcichsgcsetz jede Riederlasinng und Missionsarbeil im Dentschci» Reiche vcrbolcn. Der Windhorstbimd, in dessen Ver- ammlimgen in» katholischen Vereinshansc Andelsiiigcr diese Woche »nehrere Abende hinter einander über das Dasein Gottes und de» Atheismus sprechen sollte, beschwerte sich mm telcgrapbisch beim Rcgicriingspräsidenten in Arnsberg und erhielt die lakonische Mit- teilnng per Telegraph übermittelt: Entscheidung erfolgt erst nach Vortrag der Polizeibehörde in Bochum. Am Donnerstagabend»vollte nun Pros. Andelfinger seine Vorträge ortsetzen, da erschien Polizei-Jnspektor Knaak im Saale und teilte den Vorsitzenden mit, daß er wohl elnen socialpolitischen Vortrag zn halten gestatten ivürde, aber keinen socialreligiösen. Für Diese feine Unterscheidung mochte auch Andelfinger kein Verständnis haben, er verzichtete aus seinen Vortrag»md die Zuhörer verließen bald darauf kopfschüttelnd den Saal. Dresden, 11. Dezember.(Eig.©er.) A n st e I l u»» g der M i l i t ä r a n Iv ä r t e r. Die)äch|u.5; gierung scheint mit den Gemeindebehörden offenbar iilsowcit»»»cht zufrieden zu sein, als diese dem Militarismus i» Bezug auf Anstellung der zahlreich vorhandenen Militäranwärter nicht die genügeiidcn Referenzen erweisen. Flugs haben das Kriegsniinisterii»»» und das Ministerium Des Julien» eine Verordnung erlassen.»velche bestimmt, daß von mm ab in de» Gemeindei, mit mehr als 3000 Einwohnern die pensionsberechtigten Stellen niit Militäranwärtern zu besetzen sind. Ausgenommen davon find nur Kaff'enbeamtciistellcn und olche Posten, welche technische Kenntuisie erfordern. Bis zum . Jaimnr 1900 haben die Genieiiidebchörden das Verzeichnis bchnfö Prüfung an das Ministerium cinzusenden. Abgesehen davon, daß dieser Ulas ziim Nachteil der gegcmvänigen Beamtenschaft ist. bedeutet er auch einen Eingriff in die Selbst- Verwaltung der Gemeinden. Doch danach fragt man nicht, bei unS besthnmt der Militarismus über alles. Bisher hat nur eine einzige Gc- meiude, daS städtische Kollegium in Zittau, hiergegen scharf Stellung genomnic», ui»d die Benifung eines Gcineindetags verlangt. Wie das SelbstbestimmungSrecht der Gemeinden»Iliß- achtet wird, beweist auch neuerdings die Amtshauptmannschaft Dresbci». Sie versagte zum zwcitcnmale dem Gemeinderat in Bühlau zu dem Beschluß, öffentliche Gemeludcratösitz.uugeu est». zuführen, die E e-n e hm ig ui» g. Und zwar unter ganz nichtigci. Gründen.— Im Gemeinderat in Bühlau sitzen einige Social- demolraten. ReichSländische Paßpolizei. Aus Elsaß-Lothringen wird»ins geschrieben: Für die rigorose Art, in welcher bei uns die Fremden- Polizei gegenüber französischen Staatsangehörigen gchandhabt wird. ist ein Fall besonders bezeichnend, über den man auö einer gegen verschiedene Zeitimgsmeldmigen gerichteten„Berichtigung" der mnt- lichen, S t r a ß b»i r g e r K o r r e s p o n d e n z" das Folgende � erfährt. Der französische Hanptmaim Julius Eschwiiid beabsichtigte, da er seit längerer Zeit schwer leidend»var, sich zu seiner in Andlau im Oberelsatz wohnenden Mutter zu begeben, um in deren Pflege den weiteren Verlauf seiner Krankheit abzilwarten. Ilm die Reise ihres Sohnes nach den ReichSlanden zu ermöglichen, suchte Frau Gschwind für denselben auf dein Paßburcau um die für Ofpziere der französischen Armee erforderliche Aufenthaltserlaubnis nach. Die Erteilung dieser Erlaubnis wurde ihr für den Fall in Aussicht gestellt, daß sie ein ärztliches Zeugnis Über den Ge- sundheitsznffaiid ihres Sohnes beibringe. Frau Gschwind be- hanptct nun ans daS bestimmteste, dieser Boranssctzimg unverzüglich genügt zu habe»,,»vas unter den gcgebeueu Umständen auch ohne»vciteres als glaubwürdig erscheint. In der amtlichen Kor- respondenz wird dies jedoch in Abrede gestellt, mit dem Hinweis darauf, daß sich»vcder in den Akten des Ministeriums dafür eine Bestätigung finde, noch dem mit der Bearbeimng der Paß- angelegenheitei» betrauten Beamten etwas davon bekannt sei. Mag dem nm, sein, wie ihm»volle: etwa vier Wochen nach Einreichung ihres Gesuches wurde Frau G. vom Muiisterium dahin beschieden, daß ihrem Wunsche nicht stattgegeben werden könne. Bald daraus st a r b der Hanptmaim Gschivind, ohne daß sein Wunsch, nochmals die Heimat zu sehen, erfüllt worden wäre, an den Folaci» seiner Erkrankung,— Eine derartige Handhabung der gclreiiocn Paß- Vorschriften,»vie sie ans der eigenen Darstellung des aintlickei» MomteurS hervorgeht, wird man selbst einen» französische» Offizier gegenüber in den weitesten Kreisen des Volkes durchaus unverständlich smdcn. Ausland. Vom Schlachtfclde deS Grüi»dcrtumS. London, den 8. Dezember. Das britische Haudclsamt veröffentlicht soeben ein eigenartiges Gegenstück zu den Verlnstlisten d-S britischen KriegSministeriuinS: eine Statistik der Verluste des PublikiimS an schivindelhaften Gründungen. Man hat den Fcldzng in Südafrika einen Kapitalistenkrieg genannt. einen von Kapitalisten diktierten Krieg. In»velchem Sinne er dies »var oder ist, soll hier nicht erörtert iverden. Aber die Toten und Verivlliidcten, von deucil der Bericht des Handelsamts über liquidierte Akticugescllschafteu erzählt, find in des Wortes verwegenster Be- deutmig Opfer kapitalistischer Feldzüge— in den meisten Fällen besser Raubzüge genaiint. lieber cincii solcher Raubzüge ward in boriger Woche vor Gericht verhandelt, n»d kerne geringere Persönlichkeit als der derzeitige Lord- mahor der Londoner City, Mr. A. I. Relvton, hatte sich dabei als Mili'chiildiger zu verantworten. Er ist aus der Untersuchung, die er selbst beantragt halte, und, wie ihm der Lord Oberrichter Russell bei der Präsentatioi» amLordniayorStage mit großer Schärfe vorgehalten hatte, ans Rücksicht auf die Würde seines Amtes beantragen mußte. zwar formal ziemlich gliinpflich, aber in der Sache keiiieSwegs tadel- los hervorgegangen. ES baiidelte sich um die Vergründuiig eines ProvisionSgefchäfteS in Süd> London, das den bisherigen Besitzen» von einem Spekulanten für nind 16000 Pfd. ab- gekauft und alsdann von einem Syndikat, dein Mr. Newton angehörte, für den dreifachen Preis: 43 000 Pfd., au eine Akticugeiellschaft veräußert wurde, auf deren Prospekt Mr. Neivtoi» als Mitglied des BerivaltiingsratS figurierte. In diesem Prospekt ward mir der letztere Kaufpreis genannt und als äußerst billig hingestellt. Der Prosit zwischen dem ersten und zweiten Kauf- preis aber ivard von den Mitgliedern des«hndikats aufgeteilt, die ein geivisseSRisiko für daSZustaiidekoinmen derAktiengesellschaft übernahmen, sich aber dafür lviedernm besondere Grnnderrechte in dieser sicherten. Nicht geitng mit dem enormen ersten Profit, der heute damit begründet wird, daß das besagte Provisionsgeschäft weit unter seinen» wirklichen Wert angekauft war, normierte man ein Aktienkapital von — WO 000 Pfd.. von denen zunächst 168 000 Pfd. aufgelegt und anch— obendrein mit einer Präinie—»virklich gezeichnet ivurde». Man hatte die löbliche Absicht, noch eine Reihe ähnlicher Geschäfte zu gründen, und weiter bestand der Plan, die neue Gesellschaft mit einer schon bestehenden, in deren Slnfsichtsrat Mr. Newton eben- falls sitzt, uiid die allerdings prosperiert, zu vereinen. Das scheiterte aber, und daran ging das neue llnreriiehmcn schließlich in die Brüche. Bon einige» Aktionärei» auS der Geschäftswelt arg zugesetzt, entschloffe», sich Mr. Newton und seine Kollege», es zn liquidieren und den Aktioiiärci» die gezeichneten Beträge voll zurückzuzahlen. So steht die Sache jetzt, und weiin nicht der öffentliche Liquidator in der Verschwcigung des ersten Ankansspreises im Prospekt eine strasbare Täuschung der Aktioiiäre erblickt, ist formal alle» in der schönsten Ordnung. Das englische Gesetz ist hierüber nicht so bestimmt, daß man Mr. Newton und seine Kollegen auf eine» bestimmteu Paragraphen fassen könnte. Man sieht aber an diesem Beispiel, wie es bei gewissen Gründungen zugeht. Ankaufspreis 16 000 Pfd.— Syndikatspreis 48 000 Pfd.— Aktienkapital. wein» wir nur die Hälfte des aufgc- legten Betrages auf das betreffeilde Geschäft rechnen— 84 000 Pfd. I Und ans die Namen der Gründer»md ihre Position in der Geschäfts- ivclt hin zeichnete das Publikum die Aktien mit einem Prämien- ausichlag. Kein Wunder, daß die Verlustliste des Haiidelsamts ganz enorme Zahlen aufweist. Von 4653 Aktiengesellschaften, die im Jahre 1803 gegründet worden, sind erheblich über die Hälfte, nämlich 2607 oder 56 Proz. wieder von der Oberfläche verichwundeu, die Mehrzahl davon freiwillig. Welchen Verlust das Publik»»»,» dabei zu vee- zeichne»» hat, läßt sich»och nicht feststellen; es lagen erst für 1896 die ganz genauen Berechnungen vor, und diese ergaben cinen Verlust von 21 Millionen Pfd. bcziv. 400 Millionen Mark. Für die fünf Jahre 1893/97 schätzt das Amt den Verlust ans gegen 1200 Millionen Mark, und zwar etwas über eine Milliarde Verlust der Aktionäre»md 165 Millionen Mark Verlust der Gläubiger der liquidierte» Gesellschaften. Die Notwendigkeit der vom Lord Obcrricbter Roussell verlangten Verschärfung der Gesetzgebling über das Gründungsivesen kann nicht drastischer illustriert werden. In wessen Tasche aber fließen die verlorenen Summen? Eine genanere Ilutersuchung dieser Frage ivürde zu_ ganz eigeiitümlichei» Resultaten führen und manche weitverbreitete Vorstellung zerstöre». Es nehmen an diesemAussauge-oder Aussauge-Geschäftvicl niebr Persoucn teil als»in» gewöhnlich»»eint, und ein ganz unverhältnismäßig großer Teil des Raubes geht>>»„Spesen" ans, wobei die Advokaten »md die Presse nicht die kleiilstei» Bissen abbekommen. Die Untersuchung der eingangs beschriebenen Gründling hat wieder ganz artige Beispiele von Bestechung der� Presse zu Tage gefördert,»md es sind kcinesivcgs imr Winke lblätter, die dabei kompromittiert sind, sondern angesehene Zeitimgen wie„St. James Gazette".„Trutij",„Satnrdah Reviciv". Natürlich sind es da gewöhnlich »vcder die Besitzer, noch die polilischei» Nedacteure, dcuen die„Be- tcilignng" zugeht, sondern die Börscurcdactcure, die bei einigen Zeitimgen merkivürdig oft zu wechseln schciueu. Dem» ver- schicdciie Blätter konntcu nachweisen, daß der in dem Prozeß genannte Redacteur oder Mitarbeiter schon seit längerer Zeit seine Stelle nicht mehr imichabe. Aber gleichviel, ob Smith oder Jones, Thatsache ist, daß bei dem geschilderten Gründungs- gcschäft—»md es avar im Grunde doch„nnr ein kleines"— neben 60 000 M. für Inserate und 40 000 M. für Drucksachen usw. gegen 80 000 M.(genau 3895 Pfp. Stcrl.) für„Pubtizitäl"—Liebesgaben(ür Liebesdienste der Presse— verausgabt wurden. Dann tauchten»m Lause der Berhandlmigcu noch eine Anzahl anderer Leute auf, die nach- träiilich in daZ Syiidiknt aufgenonnnc» wurden. Kurz. es sind der Kärnwr euie- schwere Äiengc die mit dabei sein wollen. wenn die Könige bauen. Und c-Z liegt in der Natur der Sache, daß ihre Zahl um so größer ist, je zweifelhafter die Gründung. Vielfach sind aber auch die Gründer selbst die Verlierenden. Bei den 125 Aktiengcscllschasteu, die 1833 zur zwangsmnßigen Liquidation kamen, belief sich der Geldwert der vom Publikum gezeichneten Aktien ans ISVsMill. Mk., derBetrag der von den Verkäufern der vcrgriindcten Geschäfte, bezw. denVerkanfssyndikaten iibernommenen Aktien ans mehr als das dreifache, nämlich über 45 Mill. Mark. Und dies Verhältnis ist bei einein Teil der freiwillig liquidierten Ge- sellschaftcn noch stärker. In den meisten solcher Fälle ist der Lölven- anteil des bei der verkrachten Gründung gemachten Verlnsts „in der Familie", d. h. in einem verhältnißmäßg kleinen Kreise von Interessenten zu suchen. Zugleich sind dies aber auch gewöhnlich die Fälle, wo die Aktien, die wirklich ins Publikum drangen, fast mir von kleinen Leuten aufgenommen wurden. Im ganzen ist das Gründungsgeschäft im Jahre 1898 schlechter gewesen, als das Jahr vorher, Ivo 3229 Gesellschaften gegründet wurden, von denen 44 Proz., d. h. 2284 wieder liquidierten und rund 3000 am Leben blieben, gegen rund 2000 in 1898. Dies Jahr dürfte noch ungünstiger abschließen— vom Standpunkte der Gründer ans. Das Geschäft selbst ist flotter als je, ganz besonders in den drei großen Stapelmdustrien: Baumwolle, Eisen, Kohle. Italien. Rom. 13. Dezember. Deputiertenkalimicr. Bei der Be- rntung des Budgets des Aenßern erklärt Minister Visconti- Vcuosta, Italien sei loyal getreu seinen Bünduisscii. welche die unverrückbare Grundlage seiner auswärtigen Politik blieben; die Beziehungen zwischen Italien und den verbündeten Mächten lvüvde» nach wie vor von unbedingtem gegenseitigen Vertrauen geleitet. Die Erfahrung hätte deutlich bewiesen, daß der Drei- bmid zum Zweck_ habe die Aufrcchterhaltuug des Friedens in Europa, und daß er sich die Verwirklichung dieses Zieles durch die sicheren Beziehungen mit anderen Mächten auge- legen sein lasse. Die Regierung habe die Lage zwischen Italien und Frankreich zu einer solchen gestalten können, die auf guten und freundschaftlichen Beziehungen aufgebaut sei. Die Beziehungen mit England seien nach wie vor ausgeprägt in der traditionellen Freundschaft mit Italien. Angesichts des Krieges in Südafrika sei es der Wnufch Italiens wie das Jutcrcsse Europas, daß man ciuK oicicm Äonfulte Keime weiterer Komplikationen ent- ferne. Man köime glücklicherweise unter den gegenwärtigen Verhältnissen annehme», daß alle Mächte in gleicher Weise von dem Wunsche bcseckt seien, ähnliche Verwickelungen zu vermeiden, und die feste Absicht hätten, eine Politik dcS Friedens und der Vcrsühmmg zu befolgen. Bezüglich der chinesischen Frage, ermnert der Minister an seine früheren Erklärungen, welche von der Kammer gebilligt wurden, und die dahin gingen, daß die Ncgierung, weit davon entfernt, auf den Erwerb von Gebietsteilen auszugehen, einzig und allein dem Handel Italiens und feinen Industrien neue Bahnen öffnen wolle. Die Ncgieruug werde diesem Programm treu bleiben. Der Minister geht auf die Lage in Afrika über nnd konstatiert, daß Erythräa sich gegenwärtig völliger Ruhe er- srPie. Die Beziehungen zu Abessynien seien durchaus friedliche, die Verhandlungen wegen endgültiger Regelung der Greiizftngc feien in gutem Gange und versprächen bald z,i einem befriedigenden Rciultat zu führen. Die Rede dcS Ministers wurde mit leb- haften, anhaltenden Beifall begrüßt und die Sitzmig sodann geschlossen. Amerika. Wegen die Trusts. Morgan hat im Senat eine Resolution emgebracht, durch welche verboten werden Vereinigungen von Vcr- bänden zum Zwecke einer Beherrschnna des Handels nnd des Transportwesens, welche den Zweck verfolgen, den Preis irgend eines Artikels zu steigern, bezlv. eine Preisdifferenz nach oben oder unten bei einer Klasse von Erzeugnissen zu verursachen. Zum sranziistschcn EiniguiigSkotigrcs». Der Brief, der uns •den Bericht nber die siebente Konareßsitzniig am Abend des Mittwoch bringen sollte, traf nicht rechtzeitig hier ein: In dem von»Iis aus französischen Blättern entnommenen Bericht dieser Siszung dcS Kongresses haben sich einige Iliiznlänglichkcitcii hcransgcstellt. deren wichtigste eine nicht völlig siiingetrene Wiedergabe der Ausgleichs- rcsolntion ist. Wsr teilen deshalb diese bedeutsame Resolution noch- nials in genauer Wiedergabc mit. Sie lautet: „Indem der Kongreß zngiebt, daß es ausuahmsweise Uinstäude gcbcii kann. in denen die Partei die Frage der Beteiligung eincS Soeialistm an einer bonrgcoifc» Regierung zu prüfen hätte, erklärt er, daß im gegenwärtigen Zustand der iapitalistischcii Gesellschaft und des Soeialisinns sowohl in Frankreich wie im Ausland alle Anstrengmigen der Partei einzig auf die Eroberung von Wahlposilionen in Gcmciude. Departements nnd Staat gerichtet fein müssen, da diese Positionen von dem in einer Klassenpartci organisterren Proletariat abhängen, das sie aus eigener Kraft er- ringt, um die politische Expropriation der Kapitalisteiiklasse legal und � friedlich zu beginnen, die das Proletariat sodann ans rcvolu- tionärcm Wege zu vollenden haben wird."— Moidjskng» Abg. Bcbcl(Schluß ans der 1. Beilage). Daß der Handel sich unter dem jchigen Bestand der Flotte in dieser Weise entimckelt hat, ist ein zwingender Beweis dafür, daß eine große Flotte für die Entwicklung des Handels nicht nüttg ist. Daher ist es auch gekommen, daß die Hamburger Kauflcnte sich sehr lange Zeit besonnen haben, ehe sie die Neklainctrommcl für die neue Flottcnvorlage rührten. Dazu hat es langer Püffe und Stoße bedurft; weil diese Leute sich mit richtigem Instinkt sagten: das ist eine sehr gefährliche Sachet in dem Maße wie die Flotte wächst, wächst auch die Gesadr einer iiltexuationalen Verwickinng. Dazu kommt noch ein anderes. Schon heute Nagen die deutschen Reeder, daß sie kein Maschiiienperfonnl. keine tüchtigen höheren Beamten mehr bekomme», weil die Manne ihnen alle diese Beamten wegnimmt. Es ist eine Thalsache, daß alles seetüchtige Mcnschenmntcrial aus den Orten a» der See heute be- reits zum größten Teil von der Marine anfgcbrancht ist. so daß der Handel sich das Personal vom Ausland herbei-, aus dem Orient holen muß. Was die Flotte also dem Handel auf der einen Seite bringt, nimmt sie ihm ans der anderen Seite wieder. Wir befinden uns aber trotzdem förmlich auf dem Hausirrgang «ach neue« Kolouirn..Es ist mein Grundsatz", hcis.t es in einer im„Reichs-Anzeiger" abgedruckten Kaiferrede,„überall, wo ich kau», neue Punkte zu finde», an denen wir einsetzen können und die später unsere Kinder lind Enkel ausoaucil können." Ich bin ja verpflichtet, den Worten des Herrn Abg. Lieber voll und ganz Glauben zu schenken. Er sagte aber: Se. Majestät ivärc durch veranlivortliche Ratgeber in die ncueste Richtung gedrängt worden; Nun, uieine Herren, luir wollen uns doch aber darüber nicbt täuschen; der, den Sic da als den Geschobenen hinstellrn, ist in Wahrheit der Schieber. Sich darüber zu täuschen, heißt in der That die Angcn vor Thatsachen zu verschließen, nnd es ist nicht richtig, dicS vor der Anfiemvelt hier so hinzustellen, wie es nach meiner Ucberzcugung mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Seit einer Reihe von Jahren w.:> systematisch bei den Flottenpläneu vorgegangen— mit einer Ansdac-er, der ich meine Ancrkcnmmg nicht verlogen kann— denn auch ba dem Gegner ehre ich Eigenschaften, die ich bei mir schätze: Ansdaucr, Konsequenz, imd die ist bei den Flottcnpläncn, wenn irgendwo, beobachtet worden. In anderen Dingen ja nicht. Da haben wir ja Wunderbares erlebt. Einmal Ideen nnd Anschanungen allermodernstcr Art, daß man selbst als Revolutionär seine helle Freude haben konnte, ein anderes Mal wieder Anschauungen von so alter überwundener Art, daß man glauben sollte, wir lebten im Zeitalter dcS aucien rlgime, und so wechselt das, heute so. morgen so, der Zilk-Zack-KnrS, wie er mir gedacht werden kann.(Sehr richtig! bei den Socialdenw« kraten.) Aber in der Flottenfrage, da geht es stets„Volldampf voraus!"(Hciterleit), da ist seit Jahren konsequent gearbeitet auch von der höchsten Stelle ans, daß Deutschland eine Flotte bekomme, die allen Ansprüchen genüge. Ich erinnere nur an jenen Rcdcwcchsel in Kiel, als Prinz Heinrich die berühmte Fahrt mit der gepanzerten Faust nach Kiantjchou antrat(Heiterkeit), ferner die Rede in Stettin:„Deutschlands Zukunft liegt ans dem Wasser", insbesondere, das war wohl der erste Anlaß, an jene Rede am 18. Januar 1396, bei der 25jährigen Gründungsfeier des Deutschen Reichs; da hieß es. Deutschland sei Weltmacht geworden, müsse eine Weltmachtpolitik treiben und sei demgemäß genötigt, seine Flotte entsprechend anZzu- bauen. Kurz, auf diesem Gebiet ist völlig konsequent und klar gearbeitet worden. Wenn jemand sich darüber getäuscht hat, so sind es höchstens die Herren vom Centnun gewesen, die quasi mit ver- bundenen Augen bei dieser Frage herumgegangen sind. Schon vor einem Jahre, am 15. Dezember 1898, habe ich darauf aufmerksam gemacht, es st ehe ein neuer Flotten- plan in Aussicht. Ich hätte einiges läuten hören, Ivos mir beweise, daß man schon jetzt am liebsten vorgegangen wäre, daß'aber ein solcher Plan komme, sei für mich zweifellos. Herr Lieber aber, der sich in jenen Taqcn anfS hohe Pferd setzte, kaiizelte mich dafür wie einen Schulbuben ad und sagte, das sei natürlich wieder so eine beliebte socialdemokratische Redensart, daß sei ja ganz undenkbar, daß ein solcher Plan existiere; er könne nicht existieren, weil er nicht existieren dürfe. Er sagte, nachdem der Herr Staatssekretär im Reichstag und in der Kommission die bmdcnsten Erklärungen in Bezug auf die Bindung abgegeben habe, sei es' ganz unmöglich, daß derselbe Staatssekretär des Reichs- Marine- Amts einen anderen, ganz netten Flottenplan schon fast in der Tasche habe. Wenn aber ein neuer Staatssekretär käme, dann sei gerade das damalige Gesetz die beste Waffe, um ihn einzuschüchtern. (Hört, hört! bei den Socialdcmokrateu.) Vielleicht hätte aber der Herr Staatssekretär Tirpitz selber die Güte, sich darüber zu äußern."— Nun, der Herr Staatssekretär Tirpitz hat geschwiegen trotz aller Pro- vokation. Er antwortete erst, als auch der Herr Abg. Lieber, beuiirnhigt durch dieses Schweigen des Herrn Staatssekretärs, sich veranlaßt sah, in der Budgetkommission am 11. Januar dieses Jahres wiederum die Sache zur Sprache zu bringen. Er verlangte eine Erklärung der Negicrnng hierüber. Darauf erklärte der Herr Staatssekretär Tirpitz:„Ich erkläre hiermit ausdrücklich und im Namen der vcr- bnudcten Regierungen, daß bis jetzt an keiner Stelle die Absicht hervorgetreten ist, einen neuen Flottenplan vorzulegen, sondern daß im Gegenteil an allen in Betracht kommenden Stellen die feste Absicht besteht, das Flottengesctz durchzuführen." Ich war bei dieser Sitzung zugegen und habe'auf diese Erklärimg geschwiegen, weil ich mir sagte:„Warten wir ab." Nun, wir haben nicht lange zu warten gebraucht. Keine 8 Monate gingen ins Land, und ans offiziellstem Mundo wurde ein neuer Flottenplan verkündigt. Eine Stelle ans der gestrigen Rede des Herrn Staatssekretär Tirpitz scheint mir noch zri seiner damaligen Erklärung in höchst eigentümlichem Gegensatz zu stehen. Der Herr Staatssekretär siibrte aus, daß wir, wie es sich durch die neuesten Vorgänge in der Welt hernnsgestellt habe, viel nichtigere See-Jntcrcsseii zu wahren hätte». da träte ganz natnrgewäß ein Drängen auf eine schnellere Ent- Wicklung der deutschen Flolte hervor. Auf seinen Vortrag hin, sagt der Herr Staatssekretär, wurde dann an maßgebender Stelle im Dezember vorigen JahreS die Entscheidung getroffen, daß wir zlvar nach Beendigung des Scxeimats einer Vermehrung der Flotte ernsthaft. näher treten müßte», daß aber zunächst der Versuch gemacht werden müßte, das Flottengesetz in der Weise wie es vorliege anszuführen. Davon hat der Herr Staatssekretär damals nichts gesagt. Hätte er diese Erklärung damals abgegeben, dann hätten wir genau Bescheid gewußt. Damals hat er offenbar Mühe gehabt, es durchzusetzen. Ich bewundere mir das eine, daß der Herr Staatssekretär, nachdem er sei» Mnimeslvort und sein Wort als Staatsbeamter gegeben hatte, in der Weise es fertig bringt, eine neue Flottcnvorlage hier zu vcr- teidigcil.(Sehr richtig! links.) DnS gehl über»iciu Gefühl und auch über mclilen Verstand. Damals jagte auch der Herr Staatssekretär Tirpitz:„iveun wir eine Flotte in dieser Stärke haben, dniin wird Dcntschland eine Seemacht ersten Ranges sein, ein Machtfaltor, der äiifhüreu wird eine quantite nögligeable zu sein." Nach seiner Siede von gestern sind wir aber auch jetzt nocb cinc qvar.tito uegligeab'.s, insbesondere glich nach den AliSsührnngcn des Herrn Grafen Biilow— wenn wir nicht den nciicn Flotten- Plänen zustiiiimen. Sehr auffallcud ist doch nbrigens, daß derselbe Herr Staatssekretär Tirpitz gestern nicht ivcnigcr als dreimal mit Bcdancrii von der Fessel der Linliticrnng gesprochen hat, ivährcnd er die Liinitierinig noch vor wenigen Mvnateu als Ansflufi höchster Staatswciöhcit gepriesen hatte. Wcnn ich dies Veihalicii des Herrn Staatssekretärs Tirpitz sehe, steigt der frühere Staatssekretär Herr Hollniaiin riesengroß vor inir auf, der seiner Zeit de» einzig richtigen Standpunkt vertrat, daß die Militär- verivaltinig n i o s n g e n k ö» n e. iv a s si e i n n e r h a l l> zehn Jahre» b r q u ch e n iv e r d e. Dem Verhalten des jetzigen Herrn Staatssekretärs Tirpitz gegenüber sind Herr Lieber n n d seine Fr a k t i o i! s g e n o s s e i! wieder einmal wirklich die blauuxrtru Europäer.(Sehr richtig I bei den Gocialdemokratcn.) Die Herren Staatssekretäre. haben nuii gestcril diesen Gegeiistand berührt, ohne daß noch eine Vorlage eingebracht worden Iväre nnd eigentlich wider die Geschäftsordnung des Hauses, da der Gegen- stand gar nicht ans der TageSordmuig stand.(Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf Ballestrcm: Herr Bebel ist nicht zum Hüter der GcschnstSordiiinig bermen. Ich würde selbst dafür gesorgt habe», daß nicht gegen die Geschäfts- ordniliig verstoßen ivürde, aber die Herren Mitglieder des Vnndcs- rntö niüsse»» a cki der B e rf a s s u n g stctS gehört werden nnd stehe» über der Gcschäftsordnnng. Ich war daher nicht in der Lage, die Herren zur Sache zu rufen. Das ivollte ich nur zu meiner Rechifertigiliig bemerke».(Große Heiterkeit.) Abg. Bebel(sortfnhrciid): Ich danke dem Herrn Präsidenten für die Belehrimg(Heiterkeit) und wollte ihm gar keincu Vorwurf machen. Seitens des FlottcnvcrcinS ivird»im seit der Hamburger Rede in einer noch nicht dagcivcsciicil Weise für die uenc Flottenvermehrimg agitiert. Man scheut nicht davor zurück, selbst amtlichen Zwang ailSzniibcli. Höhere Postbeamte haben ihren ganzeu Einfluß aufgeboten, um die ihncii imterstellten Bcninieit zum Beitritt zni» Flotten- verein zu veranlassen. Dreizehn Krieger vereine sind in eoepoiv dem Flvttenvcrcin beigetreten. In einem kleine» rheiliischen Städtchen hat sogar die Polizeibehörde die Einlvohner aufgefordert, ihrer Verpflichtimg, dem Flolteiivereiu beizutreten nach- znkommcn.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Der Herr Kollege Kropatscheck sagt„nun das ist doch nicht so schlimin". Ja, Herr Kollege, ehe Ihnen nach dieser Nicbtiliig etwas zu schlimm ivird— das gieht's überhaupt nicht.(Heiterkeit imd sehr richtig I links.) Sogar in den Schulen wird die Agitation für die Flotte getnehen. DnS Thema„unsere Flotte" ist in allen Berliner Schulen ein sehr beliebtes Aufsatzthema. Ganz selbstverständlich ist es, daß insbesondere die Flotteiiintcresseiiten eine geradezu riesenhafte Agitation betreibe». Dazu gehören die mächtigsten einsltißrcichstcn Leute, die Herren Krupp und all die große» Nnternchmer der Eisen- indilstrie. ES girbt nicht ivcniger als 80 Firmen in Süddeutschlalid. die au der Entwicklima der Flotte das allergrößte Jutercsse haben, weil ihre geschäftlichen Interessen dabei in Frage kommen. (Unruhe rechts. Zuruf: Auch die Arbeiter haben Vorteil!) Darauf autivvrtctc ich Ihnen später, aber eine Antwort bekommen Sie. Diese großen Industriellen sind in der Lage, Vkonopolpreise zu machen, da sie keine Koilkurrenz haben, sie diktieren der Regierung die Preise. Der P u l v e rri n g, der hier in Berlin seinen Sitz hat. ist die Centrale, von wo ans das deutsche Boll geschröpft ivird.(Unruhe rechts. Sehr richtig links.) Die Herren Eisenindushiellen verdienen am Kilo einer Mittclplatte nicht weniger als 1.80 M.. nnd daß ihnen also daran liegt, die neuen Flottenaufträge zu bekommen, ist sehr verständlich. Der ganze Patriotismus dieser Herren erklärt sich ja sehr leicht. Wer in dieser Weise,>»ie diese Herren, vom Vaterlande großgefüttert wird, der hat allerdings das größte. Jutercsse an dem Gedeihen dieses Vaterlandes!(Unruhe rechts.) Wir wolle» anch, daß das Baterland groß und mächtig sei(Hört, hört! rechts), aber in der Weise, das; es keine Blutsauger und keine Ansbentor in unserem Baterlande gicbt(Uurilhc rechts), uiid deshalb erkläre» lvir denen, die heute alaiibeii. das Vaterland gepachtet zu habe», den Krieg bis aufs Messer; mit dciicu ist keine Versöhnung, denn sie lverdeu immer die Machtstclluiig, die sie kraft ihrer poki- tischen und socialen Stellung haben. ausbeute» und immer aus- beuten zum Schaden des arbeitenden Volkes.(Glocke des Präsi- beuten.) Präsident Graf Vallestrcm. Herr Abg. Bebel, ich nehme an. daß die Worte„sie" und„ihre" immer klein geschrieben sind.(Große Heiterkeit.) Abg. Bcbcl(fortfahrend): Nun zurück zur Flottenvorlage. Es ist eine Thatsache, daß bis vor wenigen Wochen die verbündeten Regierungen von dieser Flottenvorlage noch nicht das geringste gelviißt haben. Es ist zweitens Thatsache. daß sie erst durch die Hamburger Rede des Kaisers die Bedeutsamkeit der Situation erkannt haben. Es ist drittens Thatsache, daß erst nach dieser Rede Herr Tirpitz seine Steife nach den E i n z e l st a a t e n unternommcir hat und die Fürsten für den Plan geivonneil hat. Es ist leider weiter Thalsache, daß solche Vorgänge bei nnS uichtö Neues sind. Die lox Heinze, das Unisturzgeietz. die Zlichthausvorlagc. sie alle verdanken ihrer Entstehung impulsive»» Eingebungen. Ich kaim sagen, kein Volk in der Welt ist so von einer Anfregung in die andere hineingepeitscht worden, wie gerade das deutsche in der letzten Zeit. Unsere Rrichsregicrung spielt dabei eine merkwiirdige Rolle, uiid ich habe mich schon oft gefragt, ivaS denn die Herren vom Bundesrate eigentlich dazu sage» mögen. Ich meine, iveim die thatsächlichen Zustände so sind, daß in der That nur einer entscheidet, ivozu sind denn die anderen eigentlich da? Ich bin ein Freund von Exprvpriationeii. Wenn der Bundes- rat hier eine Vorlage einbrächte, in welcher sich die Bundesrats- Mitglieder selbst expropriiere» wollte», ich würde dieser Vorlage mit Frendeil ziistiminen.(Große Heiterkeit.) Wozu einen Faktor iveiter bestehen lassen, der nur scheinbar e t iv a s bedeutet? Ich bin ein Freimd von klarem Tisch. Der oder die wirklich rc- gieren, mögen das auch offen bckeillicn imd alles übrige cinsschalten. Leider ist ivenig Anssicht vorhanden, das; dieser Vorschlag durchgeht. Der Herr Staatssekretär Graf v. B ü l o iv hat gestern mit dichterischem Schwünge die Notwendigkeit der Verstärkung der Flotte zu bciveiscn versucht. Ich glaubte mich während dieser Rede inanchmal nicht im deutschen Reichstag, sondern ini deutschen Flotte ii vcre i n. So denke ich mir— ich mar selbst noch nicht dort(Heiterkeit)— wird dort etiva geredet. Aber daß eine solche Rede hier Eindruck machen könilte, habe ich bis z» dein Augenblick nicht geglaubt, w o D r. Lieber zu all' den schönen Worten über G r o ß m n ch t st e l l u n g z c. sein Ja und Ameii sagte. Herr Lieber mag noch so viel Wenn und Aber daran geknüpft haben, mit seiner Zustimmimg zu der Rede des Grafen Bülow hat er sich für die neue Flotten- Vorlage gebtmden.(Hört! hört! rechts.) Herr von Biilow meint, er habe vor zwei Jahren nicht alles voraussehen können. Das sst niimer so. Wenn man zwei Jahre älter ivird, erlebt nia» immer etwas neues. Aber was ist deuil Ueberraschendes eingetreten, das die Flottenvorlage notweiidig macht? Was haben deim die Kriege in Amerika nnd Afrika mit der Flotteiworlage zu thnil? Will Herr von Bülow etiva bchnnpten, daß unser Verhalten nicht dasselbe ge- wesen wäre, iveiin wir cine stärkere Flotte gehabt hätten? DaS kann ich nicht glanbeli. trotz der Wandlungen, die in Bezug auf Transvaal' in den letzten drei Jahren eiiigctrcteil sind.(Heiterkeit.) Ick bin ein Freund Englands mid stjninie dazu dem Minister Chamberlain bei, den ich im übrigen nicht mag. nnd den ich für den Urheber des brutalen Krieges halte, iveiin er sagt: ,. Es giebt kei» e n Gegensatz der Jiiter- esse n zwischen D e n t s ch l a» d und England. Gerade weil cS den nicht giebt, brauchen wir nicht mehr Schiffe. Ich stehe anf der Seite der Boercn und ivünschc, daß England eine« gehörige n Denkzettel bekommt; den» eS hat den Krieg provoziert. Was kami aber das schlimmste Ergebnis des Boereir- trjegeS für Englniid sein? Doch nur, daß in Afrika sich eilie große» ii a b b ä ii g i g e Republik bildet. � Glanben Sie etiva aii einem Znsammcnfall Eiiglands? Sollen wir etiva schon die Krallen ivetzcn, um ordentlich zugreifen zn löiinen? Vor ciiiem Znsanmieiibrnch steht England nicht. Die Engkänder werden sich die Lehren des Krieges acl notam iiehmen nnd die ganze Heeresorgailisntion in andere Wege leiten.(Rufe rechts: Ahn! Miliz.) Dem Grasen Limburg fniiu ich nicht beistimmen in seiner Theorie von der U e b e r l e g e n h e l t frommer Völker. Die Engländer sind ja auch gar fromme Leute imd ich möchte nicht entscheiden, wer frommer ist, Präsident Krüger oder die Kviiigiii von England.(Große Heiterkeit.) Was den Bocre» die llebcrlegenheit sichert, sind ihre Kanviien und ihre vortreffliche' Taktik. Wir sind ja noch mit 7000 Mami im Rückstand. Die kommen michstes Jahr daran, Hein: Lieber, iveiiii sie nnr jetzt die Flottenvorlage be- willigt haben, imd 1903 ist das Quinqueiiiiat zn Ende, dann ivird noch mehr gefordert.(Große Heiterkeit.) Bis dahin wird auch der Kricgsmiiiistcr den Boerenkrieg studiert haben.(Heiterkeit.) Graf Bülow hat auch vom ch i n e s i s ch- j a p a u i s ch e u Kriege gesprochen. Damals hätten mir auf feiten der Japaner stehen müssen lind nicht Nnßlaiid die Thore nach China öffnen ninssen. Denn schließlich holt auch die Tatze des russischen Bären gegen ims ans.(Sinse rechts: H»! hu!) Der Seekrieg bleibt für nns eine Ilmnöglichkcit. Herr von Biilow sprach von der Teilung der Erde in verflossenen Jahrh»»derte>i. Er fügte aber hinzu: Jetzt kst sie verteilt! Was soll also eine iieile Teilung? Er sagt: Ter Scbivqchc ivird immer schwächer. Meint er etiva Holland, die Schweiz, Däneinark? Denkt er an eine Aiifteilimg in Oc st reich? Sätze wie der:„Wir lassen uns nicht ans die Füße treten", llingeii ja ganz schön, aber bei uns üben sie keine Wirkung. War jemals Deutschland der Knecht der Menschheit, so war es es, in e i l e s d i e d e u t s ch s n F n r st e n d a z ii g e m a ch t haben. Sehr richtig! bei den Svcialdcmokrate».) Die deutschen Fürsten, die ihr Volk an das Ausland verrieten, die deutschen llnterlhanen an England verkaiiftcil, damit sie im amerikaiiischen Kriege für England ihre Hant zu Markte trugen. Ich komme auch oft' ins Ausland. Dciitschlaiid ist dort so geachtet, wie mir ein anderes Volk. Aber nicht wegen seines Heeres, auch nicht wegen seiner Flotte. sondern wegen der anerkannt guten Eigenschaften des deutschen Volkes alö Änltm'nation.(Hört I hört l rechts.) Der Schatzsekrctär hat mm die Nechnimg für die Pastete präsentiert, sie soll 783 Millioncn Mark kosten.(Heiterkeit,) Er hat bei Rcser Bercchming nicht in Betracht gezogen, daß schon jetzt wieder die Materia lpreise gestiegen sind, daß stärkere Maschinen größere Kosten verursachen; er hat die iiotivendigen Dock- und Hafeiibauten übersehen, von den notweiidigen Kas»riienbailten ganz zu schweigen. Die Kosten werde» sich also noch wesentlich erhöhe». Wir haben ja gehört wie die Mittel aufgebracht iverden sollen. Herr Lieber thut sich anf seine Finanzpolitik so viel zu gute. Er wird mir zugestehe», daß es mit seinem SchuIdeiitilgnngSgcsetz nun vorbei ist. Wo sollen die Mittel schließlich herkommen? Man ivird anf die Bedürfnisse der großen Masse zurückgreifen, auf Brot- nnd Fleischstenern.(Sehr richtig! links.)»Komiiit es aber dazu, dann tollen Sie einmal etwas von einer Agitation im Volke erleben. (Rufe rechts: Glauben wir!) Jawohl, nnd wir haben zu dieser Agitation ein Recht, wir können verlange», daß Sie bei den Vorteilen, den die Vieicheu von der Flottenvermchrnng haben,»» de» eigene» Beutel greifen.(Bravo! bei den Socialdem.) Das ist einfach anftäildig. Ob Sie aber anftäildig seien iverden, bezweifle ich.(Unruhe rechts.) Denn jetzt schon suchen Sie. um die Arbeiterlöhne zu drücken, die Arbeiterorganisationeil zu chikaiiieren, engagieren Sie lieber fremde billige Arbeiter, als einheimische. setzen Sie lieber die einheimischen Arbeiter als die frciiideu anfS Pflaster.(Sehr richtig! bei den Social- demokraten.) Sie sagen, es werden viele Arbeiter beschäftigt. Gewiß, die Zahl der Arbeiter im„Vulkan" ist z. B. von 2000 au' 6500 gestiegen. Aber trotz der hohen Profite, in welcher Ausbeutung befinden sich diese? Eben jetzt haben sie sich gegen allzu große Aus� beutung aufgelehnt.(Ruf rechts: Daran sind wir doch nicht schuld warum wenden Sie sich nicht nach der anderen Seite?> Für Kulturaufgabe» fehlt uns alles. Es fehlen uns 10 000 Lehrer. eS fehlen uns 10 000 Schulen. Sie würden viele Millionen kosten, aber sie sind nicht vorhanden. Ein Professor in Erlangen, über die Bedeutung der Flottenvorlage befragt, sagte Was soll ich zur Flottenvermchrung sagen? Wie glücklich wären wir deutschen lliiiversitätcn, wenn uns nur die Kosten für ein einziges Linienschiff zur Verfügung ständen. Vor einigen Monaten tagte hier der T u b e r k u l o s e- K o ngreß. Von den hervorragendsten Männern der Wissenschaft wurden hier große Staatsmittel für den Bau von Lungen. Heilstätten gefordert. Bewilligen Sie dafür dreihundert oder vierhundert Millionen und Sie werden mehr für die Kultur thun, erheblich mehr, als mit einer Vermehrung der Flotte. Bauen Sie Heilstätten Sie würden Begeisterung'wecken. Das Volk würde sagen, das ist ein Staat, der auch für uns sorgt.a es aber daß die Parteileitung zum Januar einen Kongreß behufs chlutz der Landes-Fachvercine nach Abo berufen sollte. dem Helsingforser Fachvercin mit der Einladung zu lange dauerte und er auf eine Anfrage nicht gleich Antwort bekam, berief er selbst auf Weihnachten einen Kongreß nach Helsingfors, fast gleichzeitig lud nun aber die Parteileitung zum Januar nach Abo ein. Nun ist zu zwei Kongressen eingeladen. Hoffentlich einigt man sich noch rechtzeitig. Die Preßverhältnisse werden immer schwieriger, elf Gesuche um Herausgabe von Arbeiterzeitungen sind abgelehnt worden, aber eine russische Zeitung unter Protektion des Gouverneurs Bobrikof wird begründet, zu der der Staat 30 000 Kr. hat bewilligen müssen und der Kaiser jährlich weitere 30 000 Kr. giebt. Polizeiliches, Gerichtliches usw. — In Straßbnrg wurde der frühere verantwortliche Redacteur unseres dortigen Parteiblattes, Genosse Schulze, wegen Beleidigung eines Bauunternehmers zu 10 M. Geldstrafe verurteilt. und daß sie hört! links. sich Be würden, als bisher angenommen war darauf einrichten möchte».(Lebhaftes Hört! wegung.) Das habe ich im Frühjahr und Sommer dieses Jahres gethan, und ich habe weiter eine Enquete über die Beziehungen der Schiffsbau-Jndustrie zu den Hilfsindustricn anstellen lassen, die ihr die Halbfabrikate liefern. Ich war interessiert an ihrem besseren Zusamnienarbeiten,� das für die Kricgsinteresien wie für die Eni Wicklung unserer See-Jntcressen von höchster Wichtigkeit ist. Auch bei den Hilfsindustrien fand ich eine weil größere Leistungsfähigkeit als bisher angenommen war. Grundverkehrt ist jedenfalls die Auf- fassnng, als sei die Marineverwallung geschoben worden. Das Gegenteil war der Fall. Eigenartig war es, daß Herr Bebel die Interessen der Leiter der Industrie so in den Vordergrund geschoben hat. Im ganzen Deutschen Reiche ist keine Bevölkerungsklasse so an der Verniehrung der Flotte interessiert, wie gerade die Arbeiter. Millionen von ihnen finden beim Bau von Kriegsschiffen, in der Schiffsbau- Industrie und den ver- wandten Industrien reiche und gute Arbeitsgelegenheit. Die Ausdehnung unserer gesamten Industrie überhaupt ist von der Sccgcltung Deutschland» abhängig. Kommt es zu cineni Kriege, so leiden die Arbeiter am meisten. Vielfach'begegnet man der Auffassung, als würden künftige Kriege von kurzer Daner sein. Ueber den Landkrieg habe ich kein Urteil. Der Natur des Seekriegs aber widerspricht die Kürze der Daner. Der reine Seekrieg trägt in sich die Wahrscheinlich- keit der langen Dauer. Seine Absicht ist ja die Vernichtung der Weltwirtschaft des betreffenden Staates. Eine solche Vernichtung soll die Blokade bewirken. Herr Bebel hat die Wirkung der Blokade als unbedeutend hingestellt. Sehr mit Unrecht. Der Gegner kann sie mit geringen Opfern aufrecht erhalten, wenn einmal die deutsche Flotte geschlagen ist. Millionen von Arbeitern müssen dann feiern. Taufende blühender Industriezweige würde» durch die Blokade zu Grunde gerichtet werden. Auf dem Landwege sind die Milliarden Centner Rohmaterial nicht herbeizuschaffen. Auch ist es nicht möglich, daß die kleinen �neutralen Staaten den Durchgangsverkehr aufrecht erhalten.' Und auch nach Beendigung des Krieges würden die Arbeiter, wenn unsere Absatz- gebiete durch seemächtige Nationen genonnnen sind, am meisten leiden. Die Folgen einer solchen Blokade für einen Industriestaat kann man sich' gar nicht schlimm genug vor- stellen. Die Massen würden von einer Verelendung ergriffen werden. Ich enthalte auich eines jeden Urteils darüber, inwieweit eine solche Folge von ven Herren(zu den Socialdemokraten) als für sie politisch günstig betrachtet wird. Die englischen Arbeiter sind stets mit Eifer und Energie für jede Flottenvermehrung ein- getreten. Da verwundert es mich. daß die Herren hier(zu den Socialdemokraten), die die Interessen der Arbeiter vertreten. in dieser Weise die Notwendigkeit einer Flotte bestreiten. Man soll nicht prophezeien, aber der Tag ivird kommen(Heiterkeit links), lvo die deutschen Arbeiter eine ähnliche Erkenntnis erlangen, wie die englischen Arbeiter. Die Arbeiter, für deren Wohl ich i» meinem Ressort so viel wie möglich sorge, werden hoffentlich er« Gemevksthetfttirfjvs. Deutsches Reich. Kartellicrung von Gewerkschaften. Die am 10. Dezember in Krefeld tagende außerordentliche Generalversammlung des Niedcrrheini's che» WeberverbandeS hatte sich vornehm- lich mit der Frage zu beschäftigen, ob sie einem Kartellvertrag mit dein deutschen Tcxtilarbeiler-Verband zustimmen soll oder nicht. In der Generalversammlung im Juli d. I. war ein Kartell- vertrag abgeschlossen worden, wonach der Weberverband 25 Proz. 'einer Einnahme abführen sollte, und dafür die Rechte einer Filiale des deutschen Textilarbeiter-Verbandes genoß. Dieser Vertrug ist von Seiten des Weberverbandes nicht erfüllt worden, weil, wie der Vorstand behauptet, er keine 23 Proz. ab- iihrcn könne und der Textilarbeitcr-Verband zu sehr socialdemo- kratischcn Anstrich habe. Verschiedene Pläne der Führer des Weber- Verbandes tauchten auf. Besonders der Plan, einen deutschen Weberverband nnt An- schluß an die Generalkommission wurde lebhaft erörtert. Die Geueralkommission lehnte dies jedoch entschieden ab. Nach einer längeren Debatte nahm die außerordentliche Generalversammlung folgende Resolution an: „Die heutige außerordentliche Generalversammlung deS Nieder- rheinischen We'ber-Verbandcs erkennt an: Principiell steht der Niederrheinische Weber-Verband auf dem Boden der modernen Ge- wcrkschaftsbewegung und hält den Anschluß an dieselbe für geboten. Deshalb ist ein Zusammenarbeite» mit dem deutschen Textilarbeiter- Verband notivcndig. In Erwägung jedoch, daß diejenigen örtlichen und territorialen Verhältnisse, welche die Gründung des Niederrheinische» Weber- Verbandes vcranlnßten, auch für die nächste Zukunft das Weiter- bestehen desselben zur Notwendigkeit machen, kann der Anschluß nur in einer Form erfolgen, welche die Selbständigkeit des Nieder- rheinischen Weber-Verbandes nicht beeinträchtigt. Da jedoch eine Abführung von 25 Proz. der Einnahme, wie sie seiner Zeit beschlossen wurde, ohne entsprechende Gegenleistung bei lokalen örtlichen Streiks zc. aus finanziellen Gründen unmöglich ist, beauftragt die heutige außerordentliche Generalversammlung den Hanptvorstand und Ausschuß, die nötigen Schritte einzuleiten, um den Anschluß an die deutschen Gewerkschaften, eventuell durch Ver- trag mit deni deutschen Texiilarbeitcr-Vcrband. in einer Form herbei- zuführen, welche den im ersten und zweiten Absatz dieser Resolution niedergelegten Gesichtspunkten entspricht." Hoffentlich kommt die Einigung in einer beide Teile zufrieden- stellenden Weise zu stände, da anderenfalls nur die Unternehmer als die lachenden Dritten den Vorteil davon hätten. Bei der Wahl der Gewerbegerichts-Beisitzer in Passau siegte die Liste der Gewerkschaften. Ausland. Ter Streik der Prager Bäckergeselle» ist nun wirklich zum Ausbruch gekomme». Es sind daran 1150 Mann beteiligt. Die Hauptforderung ist, wie schon mitgeteilt, die Einführung des Zehn- stundentages, sodann verlangen sie, daß die Arbeitszeit zwischen Uhr morgens und 8 Uhr abends zu liegen hat. Die Bäckerei- Arbeiter der Vorstädte haben sich der Bewegung angeschloffen. Ein Teil der Unternehmer hat bereits bewilligt. Löhne nnd Wohnungsnot in England. Die Kohlcnarbeiter des großen Gebiets der Bergarbeiter- Föderation haben soeben wieder durch Verhandlung vor dem dazu geschaffenen Einigungsamt eine Lohnerhöhung durchgesetzt, die allerdings nicht übermäßig groß ist— 5 Prozent— aber zusammen mit den früheren die Löhne auf 45 Proz. über den Satz von 1883 oder 15 Proz. über den 1393 als Mindestlohn vereinbarten Standard bringt. Außerdem ward von den im Einigungsamt veptrctenen Delegierten der Gewerkschaft nnd des Unternehmerbundes, die diese Lohnerhöhung vereinbarten, die Verlängerung des Einigungsamtes bis zum Jahre 1904 mit der Bedingung beschlossen, daß der Satz für den Mindest- lohn unverändert bleiben, der Satz für den Höchstlohu aber von 45 auf 60 Proz. über den Satz von 1883 normiert sein soll. ES wird für außer Zweifel erklärt, daß die Abmachungen von den Mitgliedschaften beider Verbände genehmigt werden. Aehnliche Lohnerhöhungen sind im Eisengewerbe erfüllt worden und noch in verschiedenen anderen Industrien. Die Einberufung der Reserven für den Feldzug in Südasrika hat die Nachfrage nach Arbeitern noch gesteigert. Die Kehrseite der Medaille ist die wacksende Wohnungsnot, die in London verschiedentlich zu einer solchen Kalaniirät wird. daß selbst sehr mildgesinnte Persönlichkeiten die Notwendigkeit radikaler Eingriffe betonen. So stellte Lord Carrington in einer Versammlung üher die Wohnungsfrage fest, daß es immer allge- meiner werde, daß Arbeiter ein Drittel ihres Einkommens auf Wohnungsmiete verwenden müßten, ja in einzelnen Fällen steigerte sich die Ausgabe für die Wohnung bis gegen dieHälftedcs Einkommens: das aber sei ein unerträglicher Znstand, der nicht geduldet werden dürfe und gegen den mit aller Macht vorgegangen werden müsse. Ueber die vorgeschlagenen Maßnahmen haben wir schon früher be- richtet, leider hält es nur so sehr schwer, in London eine andauernde, eindrucksvolle Massenbewegung für irgend einen Zweck ins Werk zu setzen. So gehen einem große» Teil der Arbeiter die Vorteile ihrer erhöhten Löhne wieder verloren— ja, sie haben noch Verlust. Und für diese Kategorie ist der Vertrag der Arbeiter und Unternehmer im Kohlengewerbe keine zu freudige Nachricht. Die Kohlenpreise sind in der auf letzten Grund eit sehr in die Höhe gegangen und werden es Vertrages wohl noch wesentlich höher steigen. den Arbeiter» ihre eigene Lohnerhöhung bleibt, ist die Differenz nicht so bedeutend, in London aber trifft sie einen Teil der Proletarier außerordentlich hart.— Der Krieg. Ueber die Niederlage der Truppen des Generals G a t a c r e wird noch folgendes über Lourenco Marques berichtet: Eine amtliche Depesche aus Pretoria besagt, bei Stormberg hätten die Boeren S7S Gefangene gemacht. Der Verlust der Engländer an Gefallenen und Verwundeten sei unbekannt. Aus London wird gemeldet: Die Zahl der Toten und Ver- wundeten bei Stormberg ist bedeutend höher, als die ersten Tele- gramme angaben. Wie verlautet, entstand in den Reihen der Eng- länder eine Panik, wodurch das Gefecht mit einer Niederlage endete. Die Regierung hatte nach Kapstadt telegraphisch Befehl gegeben, dem General Gatacre sofort Verstärkungen zugehen zu lassen. In Kapstadt steht nur eine Batterie Artillerie, welche nach dem Oranjefluß abgesandt wurde. Lord Mcthuen eingeschlossen. Die Truppen des Generals Methuen, südlich von Kimberley, ind jeder Bewegungsfreiheit beraubt.. Ihr Vorrücken wird durch große Truppenabteilungen. welche die Boeren bei Jacobsdal auf- gestellt haben, zurückgehalten. Der Gesundheitszustand der Truppen läßt zu wünschen. In der Nähe des Orangeflusses ist die Luft mit Ausdünstungen gefährlicher Natur angefüllt, da der Fluß noch zahlreiche Leichen mit sich führt. General Methuen wird außerdem unablässig von den Afrilandern angegriffen. Seine Bewegungen sind dem Feinde sofort bekannt, da seine Truppen von Spione» umgeben sind. So wurde eine Kavallerie- Abteilung, welche einen Kundschaftsritt angetteten hatte, plötzlich umzingelt und mußte sich, obschon nicht geschossen worden war, er- geben. Die Truppen sind durch die fortgesetzten Niederlagen t» ge- drückter Stimmung. London, 12. Dezember. Aus Kapstadt wird berichtet: Gerücht- weise verlautet, daß gestern den ganzen Tag über beim Modderfluß gefochten worden ist. Einzelheiten fehlen. I« Natal. Dem„Reuter'schen Bureau" wird auS Fr exe vom 11. De« zember gemeldet: Die britische Kavallerie kam heute bei C o l e n's o mit einer aus mehreren hundert Mann bestehende« Boerenabteilung in Fühlung. Die Boeren zogen sich auf das andere Ufer des Flusses zurück, worauf von beiden Seiten ein längere» Gewehrfeuer unterhalten wurde, das ohne Resultat verlief. Der Feind nimmt auf den Hügeln eine starke Stellung ein. Die ünf Bögen der Eisenbahnbrücke bei Colenso wurden zerstört, zwei tcinerne Pfeiler wurden nachts gesprengt. Die Fußgangerbrücke ist unversehrt. Intervention Mac fttnleyS? Der„Chicago Chronicle" meldet: Freunde de» bisherige» mexikanischen Konsuls in Pretoria. Macrum. glauben, daß dieser mit wichtigen Mitteilungen für da» Staats- departenient nach Amerika zurückkehre, Mitteilungen, die er nicht telegraphieren konnte. Die Briefe MacrumS beweisen, daß er mit den, Präsidenten Krüger in engen Beziehungen gestanden, und daß England ihm trotz seiner persönlichen Ansichten� den Schutz der britischen Staatsangehörigen anvertraute, einfach um_ den Glauben an ein englisch- amerikanisches Bündnis zu stärken. durch welches»ach der Ansicht des Präsidenten Krüger eine euro- päische Intervention verhindert wurde. Macrum kehrt nun zurück und überbringt einen an Mac Kinley nnd de« Kongreß ge- richtete« Appell Krügers, in welchem dieser die Vereinigten Staaten auffordert, falls kein Bündnis zwischen ihnen und England bestehe, dies der Welt auch zu zeigen und den Boeren dadurch zu helfen, daß sie die Jnittative zu einer europäischen Jnter- ventio» ergreifen, welche dem Kriege in einer für Transvaal ehrenvollen Weise ein Ende machen würde. Diese Nachricht bedarf der Bestätigung, aber sicher ist, daß die Sympathien in den Vereinigten Staaten für die Boeren trotz der guten Beziehungen zu England noch weiter im Wachsen sind, wie 'olgender Vorgang im amerikanischen Senat beweist. AuS Washington wird vom 11. d. M. gemeldet: Im Senat brachte M a s o n eine Resolution ein, dahingehend. der Senat begleite die Boeren in ihrem Freiheitskampfe mit seinen besten Hoffnungen. Die lange Rede MasonS wird von den Mitgliedern des Hauses und dem Publikum mit großer Aufmerksamkeit ängebört. Mason legt dar, die Monroedoktrin und Präcedenz- alle in der Vergangenheit gäben den Vereinigten Staaten dasselbe Recht, den Boeren in ihrem Kampf für � die Freiheit die ympathie und Hoffnungen auf Erfolg auszudrücken, wie sie sich einer Zeit in die Leitung der Verwaltung auf Kuba durch Spanien eingemischt härten. Das Interesse der Vereinigten Staaten sei berührt, weil der Krieg in Südafrika ein Kampf zwischen Demokratie und dem Monarchismus, zwischen dem göttlichen Recht bei Könige und dem göttlichen Recht der Humanität sei. Uehto und Depeschen. Französische Deputiertenkammer. Paris, 11. Dezember.(W. T. B.) P i v n s verlangt zu wissen, weshalb die Regierung nicht gegen das socialistische Central- komitee einschreite. Redner spricht von der Gefährlichkeit des Socialismus und wünscht, daß die Regierung sich über ihre Haltung äußere. Waldeck-Rousseau erwidert, er habe bereits dreimal seine Politik dargelegt, es habe keinen Zweck, diese Erklärung zu wiederholen. Die Linke verlangt Schlug der Debatte, Ivelchcr von Trvnnoy bekämpft und mit 267 gegen 237 Stimmen ange- nommen wird. Hierauf Ivird die Sitzung aufgehoben. Osnabrück, 12. Dezember. Mit diesem Vorgehen werden wir auch am besten den gestrigen Worten des Herrn Staatssekretär« des Auswärtigen Amts gerecht:„xemvemer c'est prevoir" (regieren heißt versorgen). Die gestrigen Ausfühningen des Herrn Rcichs-Schatzsckretärs waren kürzer als wir es meist bei dieser Ge- legcnheit gewöhnt sind. In der That bietet ja aber der vorliegende Etat auch wenig oder gar nichts Aufregendes. Aufgefallen ist mir, daß der Herr Schntzsekretär sehr vorsichtig sagte, daß wir uns auf einer Treppenstufe befänden, von der es eher'den Anschein hat, als ob sie noch eine langsam aufsteigende sei. Nach seiner eigenen Darstellung liegt die Sache in Wahrheit so. daß die Ncbcrschiissc im Rückgänge begriffen sind. Das Jahr 1899 hat 35 Millionen weniger Ueberfchufs gegeben als das Jahr 1898. Nach meinem Laicnverstande muß man doch da von einem Heninterqehcn Iprechcn.(Heiterkeit.) Was die Einzelheiten des Etats anlangt, so wird ja die in Aussicht genommene Erhöhung der Gehälter für die Kolonialbeamten allseitig befriedigen. Was die Aus- gaben für die Kolonien angeht, so wird man sich darüber in den späteren Stadien der Beratung wohl verständigen können, insbesondere werden die Kostenanschläge für die neue oft- afrikanlsche Centralbahn noch genau geprüft werden müssen. Was den Etat im allgemeinen betrifft, so macht er ja aus den ersten Blick einen recht guten Eindruck. Wer aber die glänzende Aufmachung der Finaiizentwicklinig zur Zeit der Militärvorlage 1893 und die Grau in Gran oder besser Schwarz in Schwarz-Malcrei der Fiuaiizc» als Vorspann für die Miguelsche Finauzrefonn miterlebt bat, der wciy genau, daß, wenn deutsche Rctchs-Finanzverständige sich begegne», sie ein vrrständuisiimigcs Augurrnliichcln ans tauschen.(Groffe Heiterkeit n»d Sehr richtig! im Srntrnin mid links.) Unter den obwaltenden Verhältnissen kann man sich daher nicht wundern, ivenn der vorliegende Etat einmal wieder im rosigste» Lichte erscheint. Es' sind aber alle glinstigen Faktoren nanicutlich bei Schätzung der Reichs einuahmen sehr reichlich in Betracht gezogen, bei der Post und Eltenbahn wohl zu hoch. Beim Etat der letzteren hat man sogar letzt schon das Bärenfell der Pariser WeltanLstellung verteilt. �Heiterkeit.) Bei der Post sind die Ausfälle durch Tarifermaßiguugcn, die der Herr Staats, ekretär auf 8E2 Millionen schätzte, nickit mit- gerechnet. Ich meine also, zwei Drittel der veranschlagten Steigcrnng der Einuahmen dürften die richtige Schätzung sein. Man' hätte mehr dem Princip des gewiegte» Leiters der preußischen Finauzeu folgen sollen, der gesagt hat: auf vorübergehende und schwankende Eiiinahmen dauernde Ausgaben zu basieren, sei eine sehr unklare Politik, die sich früher oder später grausam rächen werde. Man wird also sehr gut thmr, bei Schätzung der Eiiuiahmen sich diejenige Magigung aufzuerlegen, die Herr Miqnel als kluger Finanzmaun empfohlcii hat.-.> u 0 Wir haben nun ans dem Munde des Herrn Reichskanzlers gesient die Erklärung der verbündeten Regierungen gehört, daß die- selben eine Verdoppelung der Schlnchtflolte und der großen Auslands- schiffe bei gleichzeitiger Strdickuiia des ganzen Rlistengcschwadcrs für notwendig halten, und daß sie sich verpflichtet gefühlt haben, dem Reichstag dies vor der Bcratnng des Etats mitzuteilen. Der Reichstag wird den verbündeten Negieniiigen für diese Mitteilung in diesem Augenblicke zu besonderem Danke verpflichtet sein. Es ist zweifellos durch diese Mitteilung die Angelegenheit, welche sie betrifft, erst auf den richtige» vcrfannngslnäßigen Boden gestellt, auf dem sie von Nnfaug an meiner Ucberzeugung nach hätte behandelt »Verden sollen. Ich muß gleich hier ein Bedenken erledigen, das im Vergleich zur Hauptsache nebensächlich erscheinen mag. Der Herr Reichskanzler hat von der gleichzeitigen Streichung des ganzen KüstengeschwaderS fleip reichen. Für mcincn Teil habe ich, belehrt durch frühere Ausführungen offiziöser Natur, das nur so verstanden, daß dieses Küstengeschwader, das in den Jahren 1888 bis 1891 gebaut worden ist, mir nach Maßgabe des Fottengesetzes aufgebraucht und dann durch Schlacht- schiffe ersetzt werden»ollte. Allein von anderer Seite sind die Worte so verstanden worden, als sollte die Schlachtflotte sofort verdoppelt und dieses Küsteiigeschivadcr einfach zum alten Eisen geworfen werden. Ach nehme an, daß meine Auffassung der Ansicht des Herrn Reichskanzlers entspricht und daß man nicht die vor jetzt 10 Jahren ausgegebenen rund Millionen einfach zum alten Eiset! zn werfen gedenkt. Der Herr Reichskanzler hat weiter gesagt, daß diese Verdoppelinig der Schlackitslottc durch eine Novelle zni» Flotteugcsctz. die sich in Vorbereitung befindet, gesetzlich festgelegt werden solle, daß aber nicht eine BeschaffmigSfrist sür diese Vcrniehruug dcö Sollbcstaiidcs der Flotie festgelegt werden solle. Es ist dann später seitens des Herrn Staatssekretärs des Auswärtige» Amts wiederholt von einem Ausbau und einer Veränderung des Floitengesetzes von 1898 gesprochen worden. Der hochverehrte Herr möge mir gestatten, darauf hinziiweisen, daß die Avsicht der vcrbüudcten Rcgicrmigen in dem eben von mir verlesciten Satze dahin geht, daß man. was die Berdoppelniig und den Bestand der Flotte angeht, zwar von einem Ausban und einer Ergänzung, aber was die Beschaffung der einzelnen Teile der zu verdoppelnden Flotte, die Beschaffung der dazu erforderlichen Mittel betrifft, man nicht sowohl von einem Ausban als von einem völligen Umsturz des Flottcngcsctzcs reden nmß.(Sehr richtig.) Der Herr RcichSkaiizler hat sodann gesagt, daß die Schiffe auS Anleihcmittcln bezahlt werden sollen. Er hat diese Benierkung jedcnfall« im Hinblick auf daS»»glaubliche Borgehen eines Preßorgan«« gemacht, dem man offiziöse Bczichnugcu zur preußischen StaalSregicning zutraut. ivclcheS nnmittelbar nach der Veröffeiitlichnng des neuen Flottcnplancs der erstaunten Well verkündete,(daß diejenigen sechzig Millionen Mark, die aus der Erhöhnng der Gctrcidezölle bei den neuen Handelsverträgen zu erwarten seien, in Aussicht stnndeil sür die geplante Flottenvermehmug. Es war in der That ein Akt der Selbsterhaltnng der verbündeten Regierungen, daß fie diesen FrenndschastSdienst so rasch wie möglich von ihren Rockschöße» abgeschüttelt habe««.(Sehr richtig! und Heiterkeit im Centrum und links.) Im übrigen haben wir ja ans den Bemerkungen des Herrn Staatssekretärs am Schlüsse der gestrigen Sitzung erfahren, um welcheit Anleihebetrag es sich handelt. Es sind nach heutiger Schätzung 783 Millionen Mark, die auf 16 Jahre verteilt pro Jahr rund 49 Millionen Mark ausmachen. Der Herr Staatssekretär hat ge meint, daß sich in 16 Jahren eine solche Summe von circa 50 Millionen Mark in Gestalt einer Anleihe wohl noch aufbringen lassen werden. Gewiß, Herr Staatssekretär, das läßt sich nicht bezweifeln.(Heiterkeit.) Die Sache hat nur einen Haken. Gewiß ist der Kredit des Deutschen Reiches trotz seiner reichlich sich aufwärts bewegenden Schuldenlast, hinlänglich gut, um zu erwarten, daß auch nach Ablauf van 16 Jahren immer noch 60 Millionen Mark im Jahre sich aufbringen lassen werden. Aber werden das dann die einzigen Schulden sein, die wir in diesen Jahre» zu machen haben werden? Ich erlaube mir. mit derselben Sicherheit, mit der er seine Be hauptuiig aufgestellt hat. die meinige gegeiiüberznftcllen. daß im Laufe von 16 Jahren für viele andere Zwecke noch viel höhere An leihen aufgenomme» werden müssen. Was nun die Beschaffmig der Mittel angeht, so habe ich für meinen Teil die Ueberzeugnng— und meine politischen Freunde haben ohne jede Ausnahme die Meinung gewonnen— daß es am allerbesten wäre, die Koste» für so rasch sich aufbrauchende Bedürfnisse wie Kriegsschiffe, gar nicht durch Anleihen zu decken(sehr richtig! im Centrum), sondern aus de» laufenden Einnahmen zu nehmen. Von den Anleihen! er- ivarten wir, daß sie unseren Nachkommen noch zu gute kommen. Von den Kriegsschiffen aber wissen wir, daß jeder, der sich einiger maßen guter Gesundheit zu erfreuen hat. die Ergänzung derselben recht gut noch erleben kann.(Sehr wahr! und Heiterkeit im Cenirnm und links.) Aber ich will mich nicht in Einzelheiten einlassen, ich glaube, die verbündeten Regierungeii werden, was die Verdoppelung der Flotte in der in Aussicht ge nommenen Frist anlangt, noch mit sich reden lassen. In Bezug auf die Art der Beschaffmig der Mittel kann ich seitens meiner poli- tischen Freunde wenig, um nicht zu sagen gar keine Geneigtheit in Aussicht stellen, heute schon sich dafür zn erklären, sämtliche beinahe 800 Millionen und es werden ja schließlich noch mehr sei», zn bewillige» und durch Anleihen zu decken. Selbstverständlich lverden neue Steuer» erforderlich sein, von denen ja schon gesprochen worden ist. Wir sind bis jetzt ohne erhebliche Anleihen und ohne neue Stencr» ausgekommen für das, ivas wir für des Reiches Wohl- fahrt als notiveiidig erkannt haben. Wir denken, bei einer gesunden Finanzwirtschaft werden wir auch»och über andere Berge zu kommen wiffen. Ebciisowciiig kann ich seitens meiner politischen Freunde irgend welche Geneigtheit erkläre», heute sich schon für die Pläne der verbündeten Regierungen zu engagieren. Ich habe de» gemessenen Auftrag, getreu nnscrcr alten Ucbung über eine Vorlage, die dem Reichstag noch nicht gemacht ist, nicht vorher schon bindende Erklärnnge» abzugeben.(Heiterkeit links.) DaS wird iiicinaiid verlangen und dazu wird im Reichstag kaum jemand geneigt sein.— Ich komme nnnmehr ans den Gedanken, den ich schon früher ausgesprochen habe, daß nämlich gestern die verbündeten Regierungen durch ihre Erkläriiiig die Vorlage auf denjenigen verfassungsinäßigen Boden gestellt haben, ans den sie von Anfang an hätte gestellt lverden sollen. Ich füge hinzn, daß ich fest überzeugt bin, diese gestrigen Erklärnngeii, soivie die sich anschließenden Vorträge der drei staatsminister würden cincu nngleich gewaltigeren Eindruck auf das Hans mid auf das Reich geniacht habe», wenn nichts voransgcgangcn wäre, wenn nicht seit Monaten die gesamte deutsche Bcvöltcrimg in Aufregung versetzt worden wäre durch Dinge, die»ach unserer Verfassung den gesetzgebenden Faktoren des Reiches in erster Linie hätten vorgelegt werbe» müssen. Wir leben inmittc» einer täglich steigenden Anfregimg über die Flotte. Was hat sich alles seit jenein 18. Oktober zugetragen, an dem in Hamburg zuerst das Wort gesprochen wurde:„Bitter Not thnt mis eine starke Flotte." Unmittelbar darauf— es dauerte nur einige Tage— erschienen in der„Norddeutschen Allgemeineii Zeitung" vom 29. Oktober jene bekaniiteii Ausfühningen zur Flotten- iragc, welche ein ganzes Programm zur Schaffung einer starken Flotte entliiclten, ohne es zu begründen, im Gegenteil init der ausdrücklichen Einleitung: wenn einer allgeniciiien Verstürkmig der Marine naher getreten werden muß— und mit der wiedcrhvllen Hervorhebung der Lediiigung: wenn das so ist— hält man diese Bermehruiig für nötig nsiv. Man war selber nicht klar darüber, man appellierte am Schlüsse der Darlegmig an die gesetzgebenden Falioren. Trotzdem legte mail der erstaunteii Welt einen Flottenverstärkiingsplan vor. der b!S in die kleinsten Einzelheiten, bis zum letzten Schiffe znrecht gelegt war. Es mag ja sein, daß große Kreise des deutsthen Volkes damit nicht überrascht worden find, die eine solche Verstnrkmig der Flotte gewünscht, erwartet und sehnsüchtig beirieben haben. ES wird aber nicht geleugnet werden können, daß ebenso weite, meiner Meinimg nach nngleich viel iveiiere Kreise des deutschen Volkes von dieser Kundgebung der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vollständig überrascht waren.«Sehr richtig! links und im Centrum.) Es wird auch nicht geleugnet lverden dürfen, daß in erster Linie ein Recht, damit überrascht zu lverden, diejenigen hatten, die vor noch nicht anderthalb Jahren hier im deutschen Reichstag das Flottcngcsctz von 1898 bewilligt hatten ans die bündigste Er- klärung der verbündeten Rcgicrnngcn hin, damit werde tn Sachen der Flotteuvcrmchrung sür 0 Jahre Ruhe im Reich ein.(Sehr richtig! links.) Der Herr Staatssekretär des Reichs- Marincaints hat aber nicht allein solche Erklärnng abgegeben. Der Herr Neichskauzlcr selbst bat vor diesem hohen Hause erklärt, nicht inir der Reichstag bindet sich ans die 6 Jahre, sondern auch die ver- büiidctcii Regien», gen.(Sehr richtig! links und im Centrum.) Hätten die verbündeten Regierungen geglaubt, sie kömiten die übetnommene Bindung nicht tragen, so hätten sie vor den Reichstag hiittreten 1 ollen mit der Erklärung: mir können die übernommene Bindung nicht bis zu Ende tragen, und diese Haltmig hätte auch von unserer Seite i» Betracht genommen werden köiiue», wenn Zeiten schwerer Kalamitäten für das Volk herein- gebrochen wären, in denen der Reichstag sciuerscits den verbündeten Regierungen hätte gcgeiiübcrtrcteu tönneii:„Wir können die Bindung nicht eiulöfeii." Wenn derartige Erklärunge». ivie sie der Herr Reichskanzler iiud der Staatsselrelär des Reichs-MarineamtS abgegeben haben, erfolgen, dann müssen sie in ihrem ganzen Ernste»nd mit ganzer Besonnenheit in der verfasfnnas- mäßigen Fori» erfolge».(Sehr richtig! im Centrnm mid links.) In verschiedenen Blättern hieß es:„Die Regiermig sah sich genötigt", „Die Rcgicrimg hält es für angemessen". Man bedenke: Ehe man den Reichstag mid auch den Bundesrat gefragt hatte, ob eine solche kritische Lage inzwischen eingetreten sei. Ich will die Stellung des Herrn Staatssekretärs des Reichs- Marincamts nicht verschärfen dadurch. daß ich die eine oder andere Erklärnng vorlese, die von ihm 1898 abgegeben ist. Ich verzichte sogar, den Wortlaut der- jenigen Ertlauuig zn wiederholen, die er in der Budgetkommission abgegeben hat, und die ich als Berichterstatter über den Marineetat hier wörtlich vorznttagen die Ehre hatte, der- .cnigcn Erklärung, ans die er gestern' selbst Bezug genommen hat. Ich glaube aber im Recht zu sein, wenn ich wiederholt betone, daß gegenüber solchen Erklärungen Mitteilungen über die nenen Flotten- plane in allererster Linie vor dieses hohe HanS, nicht vor die Oeffent- lichkcit gehörten. Was ist das für eine Regierung? Ich weiß, daß nach der Verfassrnia die Gesetzgebung vom Bundesrat und Reichstag geübt wird, daß die übereinstimmenden Mehrheitsbeschlüsse dieser beiden Versammlungen zum Zustandekommen der Gesetze elfforderlich sind. Ich weiß,' daß den Vorsitz in der Vereinigimg der Staaten, die den Namen»Deutsches Reich" führt, der deutsche Kaiser führt. Ich weiß aus der Verfassung, daß dem deutschen Kaiser ein Reichskanzler zur Verfügung sieht, der allein für diejenigen Geschäfte verantwortlich ist, die die Neichsverfassung dem Kaiser zulueist, Ich weiß auch, daß der Herr Reichskanzler berechtigt ist, in seiner verantwortlichen Stellnng sich durch Mitglieder des Bundesrats ver- treten zu lassen, ick weiß schließlich, daß die verschiedeuen Herrn Staatssekretäre liliter seiner Verantwortlichkeit die Geschäfte des Reiches leiten und innerhalb ihrer Ressorts das Recht baben, sich vertreten zu lassen. Aber was ist das für eine Regierung, die sich in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitniig" vernehmen läßt! Ich bin fest überzeugt, nicht' einmal Se. Majestät der Kaiser, nicht einmal der Bundesrat steht hinter den Worte» der Regierung» die uns seit Woche» alle die schönen Pläne empfiehlt. Das sind Zustände. die einer Partei wie der meinen, die von Anfang an den föderativen Charakter des Reiches zu wahren gesucht hat, völlig unerträglich sind(Sehr richtig! im Centrum.) mid die uns mit jedem Tage unerträglicher werden. Ich bin fest überzeugte dem ganzen neuen Plan der Verdoppelnng der Schlachtflotte konnte kein schlechterer Dienst erlviesen werden als ihm in dieser Weise namens einer uns unbekannten Regiernng in der Oeffentlichkeit er- wiesen worden ist. Doch den schlechtesten Dienst hat dem Plan nicht die„Nordd. Allg. Ztg.", sondern haben ihm die„Berliner Politischen Nachrichten" mit ihren 60 Millionen Mehreinnahmen ans den Getreidezöllen als Deckimgsmittel für die Schiffe erwiesen. Ich habe die Rede vom 18. Okiober zu Hamburg erwähnt, da die deutsche„Reichs-Anzeiger" sie in seiner Nuinmer 347 öffentlich ver- kündigt hat. Ich bin deshalb ivohl vor der Schelle des Herrn Präsidenten sicher, wenn ich diese Rede erwähne. Selten ist das deutsche Volk schärfer getadelt worden, als in jener Rede, und das geschah nicht im eigenen Hause, sondern öffentlich vor aller Welt. Es ist dort gesagt worden, es müßte sich unser Volk dazu entschließen, Opfer zn bringen, vor allem müßte es ablegen seine Sucht zu Parteiungen; es müsse aufhören. die Partei über das Wohl des Ganzen zu stellen. Man konnte versucht sein, an das Schicksal der Kanalvorlage ii» preußischen Abgeordneten- hause zu denken. Allein eS ist nicht Sitte preußischer Könige, ihre Nnterthane» im benachbarten Staate abznkanzel». Man tonnte an die Zuchthansvorlage denken. Allein es konnte damals noch nicht geahnt werde», wie die Enischeidiliig über diese Vor- läge erfolgen würde. Die Aeuhenmg konnte sich nach meiner Ueberzeugnng mir auf die Flotlenfrage beziehen. Da frage ich wiederholt: Was ivar vorgefallen, das diese scharfe Aeußerlnig veranlaßt hat? Nur ein Jahr fünf Monate und 12 Tage früher hatten wir im Weißen Saale des königlichen Schlosses hören kömieii: Mit hoher Befriedigung erfüllt es»ns, daß unter Ihrer patriotischen Mitwirknng erreicht werden konnte, die Flotte auf eine feste, dauernde gesetzliche Grund- läge z» stellen(Hört! hört? links), daß Sie die Bedeutting des FlöttengesetzeS für die Stärkung der maritimen Wehrkraft anerkannt und die Hand zum Werke geboten haben, was die dankbarste Würdigung koinmender Geschlechter verdient.(Hört! hört! links.) Am Schlüsse hat es geheißen: Ick weiß mick eins mit dem deutschen Volke, das entschlossen ist, die verbündeten Regierungen in Er- reichung dieses Zieles zu linterstützen, die Grundlage des taatlichen, kirchlichen und bürgerlichen Lebens zn erhalten. In dieser festen Zuversicht hoffe ich zn Gott, daß eS mir beschieden lein wird, die innere Kraft des Vaterlandes zn stärken und das Ansehen seines Namens unter dpi Völkern der Erde zu erhalten. Ich frage noch einmal: Was ist in den l'/s Jahren vorgefallen, »rn in nnscrm Kaiser eine solche Wandlnng der Vorstellung vom deutschen Volke zu ermögliche»?(Hört! hört! links.) Ich ivürde die Verehrimg für unfern herrlichen Kaiser nicht haben. wenn ich nicht tief ergriffen wäre von den tadelnden Worten, die in Hamburg gefallen sind. Ich kann mir nur denken, daß nuveraut- wörtliche Ratgeber(hört! hört! links) das deutsche Volk in dieser Weise verdächtigt haben. Von den verantwortlichen Männern, die hier sitzen,— dafür lege ich die Hand ins Feuer— ist's keiner gewesen.(Stürmische Heiterkeit.) Aber es girbt ja Leute, die vom Kommunisten bis zum Agrarier alle Parteien durchlaufen haben, die nun von der Höhe ihrer Partcilosigkcit die Parteien gegen einander aufhetzen, die alle Parteien für überlebt erklären und von diesem Standpniikt ans jede, auch die legitimste Partei als Ver- brechen am Wohle der Nation erklären. Ich hoffe. Vergangen- heit und Zukunft wird Sr. Majestät den Beweis erbringen, daß er, als er in Hamburg sprach, über die Gesinnung des ddutschen Volkes ebenso falsch belehrt ivar, ivie er richtig belehrt war, als er in Berlin am 6. Mai 1898 den deutschen Reichstag entließ. ES ist auch gesagt worden, in den ersten 8 Jahren der Regierung Sr. Majestät seien Ausgaben für die Flotte trotz inständiger Bitten mitj Beharrung verweigert worden. Ich habe es für nötig gehalten, aus den Akten feststellen zu lassen, was denn beharrlich verweigert worden ist, und zwar seit dem NcichShanshalt-Voraiischlag für das Etatsjahr 1389/90 bis zun» letzten Voranschlag. Es ergiebt sich, daß wir an Schiffen bewilligt haben 68. abgelehnt 7. bewilligt also 90-/». abgelehnt 9>/s Proz. An Geld ist i» dieser Zeit gefordert insgesamt 402 767 000 M.. bewilligt 370 171 000 M., abgele'lmt 32 596 000 M.. d. h. an Geld bewilligt 919/10, abgelehnt S'/io Proz. Vor dem Flottengesetz wurden ge- fordert 293 554 000 M.. bewilligt 260 878 000 M.. abgelehnt 32 596 000 M.; in Prozenten: an Geld bewilligt 88»/l0 Proz. der Gesamtforderung, abgelehnt 11 Via Proz. Sie werden mir recht geben, daß dies nicht eine beharrliche Ablehnung der geforderten Flottenverstärkiiiig seitens des Reichstages bedeutet. Ich muß also annehmen, daß der hohe Bundesrat so vermessen gewesen ist, erheb- liche Streichimgen vorzunehmen.(Stürmische Heiterkeit.) Die Ausführungen, die uns gestern der Herr Staatssekretär deS auswärtigen Amtes gegeben hat, hat an vielen Stellen laute Zu- timmung eines großen Teiles des Reichsiages gefunden. Wenn er ägt, es sei eine Eigentümlichkeit unserer Zeit und liege in der aus- wartigen Politik, daß leicht neue ReibniigSflächen entstehen können, 0 wird der Reichstag hiiizufüge», noch mehr in der inneren deutschen Politik. Was' der Herr Staatssekretär vorgetragen hat, wird im großen und ganzen von jedem Vaterlandsliebenden unterschriebe» werden.' Niemand von uns will die wirt- ■chaftliche und»och weniger die politische Ohnmacht des deutschen Volkes wieder erleben.(Beifall rechts und im Centrum.) Wir nehmen aber für uns in Anspruch, daß ivir als Vertreter des deutschen Volkes auch die vaterländischen Forderungen, die eitens der verbündeten Regierungen an uns herantreten, mit Ruhe und Sachlichkeit prüfen können. Ich ineine, wer ohne jede Gegen- leisiling die Militär-Strafgerichts-Ordnung, wer ohne jede Gegen- leistnng das Flottengesetz von 1898, iver in wiederholten Fällen die Stärlnng des LandheereS mitgeleistet hat, der sollte doch Himmel- hoch über dem Vorwurf stehen, als treibe er Sckiachcrpolitik. Ganz etwas anderes aber ist es, ob mau vom katholischen Volke verlangen kann, daß es sich ivohl fühlt im deutschen Vatcrlande, wenn immer noch Ausnahmegesetze gegen Teile seiner Angehörigen bestehen(Große Heiterkeit links), ivenn immer noch Chikanen vor- kommen, wie jüngst erst wieder in Bochnm.(Sehr richtig! im Centrum.) Kann man da verlange», daß wir n»S ebenso wohl fühlen, ivie die verehrte» Herren rechts»nd links von nnS. (Große Heiterkeit bei den Socialdemokraten.) Wir werden im Verlaufe der bevorsteheiiden Verhandlungen zur Flottenvermehrung Stellung nehmen. Wir beanspruchen aber schon heute, auch ivenn wir bei der uns obliegenden Prüfung zu einer abweichenden Stelliingnahme gedrängt werden sollten, nicht als VatcrlandSlose und Reichs- rinde' perschrien zu werden, sondern unbeschrieen zu bleiben, in der Sorge um das Vaterland»nd der gleichen Eingebung für sein Wohl.(Lebhaftes Bravo im Centnim.) Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Ich muß meinem lebhaften Bedaiiern darüber Ansdrnck geben, daß der Herr Vorredner die Rede des Kaisers in Hamburg in seine Kntil SniciiMzogcn hat. eine Slc&c, die durch die politischen Ber- kültnissc chervorgerilfen' war.' Die Rede war der Äusdruck der Besorgnisse und der Verantwortlichkeit des Monarchen. Bei der Stellung, die der König von Preichen als deutscher Kaiser ein- niinnit, kann es ihm nicht Nerlvehrt werde», für große Ziele, die er als notwendig erkannt hat, auch öfscntlich einzutreten und das Volk zur Einigkeit zu ermahnen. lBeifall rechts.) Präsident Graf Ballcstrcin: Sch Hache schon früher erklärt, daß bei Reden des Kaisers, die in authentischer Forin, also im„RcichS-Anzeiger" verkündet werden, eine passende Berührung durch Aenßernngcn Von ReichStagsmitgliedern nicht verwehrt werden kann. sLebhaftc Zustimmung links und im Centrum.) Ich iviirde der hohen Bedeutung des Kaisers ini politischeil Leben zu nahe treten, wenn ich bedeutsamen Acußerungen von ihm eine so geringe Wichtigkeit beilegen wollte, daß ich sie hier nicht crlvähncn ließe. Natürlich muß die Erwähnmig in passender Form geschehen. Ich kann aber nur erklären, daß nach meiner Ansicht diese Form vom Vorredner durchaus beobachtet ivordcn ist.(Lcbbaftc Zustinimung im Centann und links.) Abg. Graf Liinbnrg-Ttirum ik.): Ich und meine politischen Freunde wünschen daran festzuhalten, daß Aenßernngcn Sr. Majestät von der Diskussion hier ausgeschlossen bleiben.«Lebhafter Widerspruch im Centrnm und links.) Wir werden jedenfalls diese alte Gepflogenheit innehalten.(Bravo! rechts.) De» Acußerungen des Herrn Vorredners über die Finanzlage des Reiches kann ich im großen und ganzen beistimmen. Ich habe mich über seine korrekte Darstellung der Finanzlage gefreut, die keine sehr glänzende ist und die grösttc Vorsicht gebietet. Wenn wir uns auf das kommende Flotten- gefetz einlassen, so entstehen dauernde Ausgaben, während die Einnahmen, die lvir erhoffen, unsicher sind. Es ist aber gefährlich, dauernde Ausgaben auf schivankcnde Einnahmen zu stellen.(Sehr richtig!) Das Reich»virtschaftet opulent, z. B. bei den Gehältern der Rcichsbcamten. Wirkliche Sparsamkeit kann ein Parlanlent nicht üben, dessen Beivilligungen und Ablehnungen von politischen Tendeiizen � abhängen und dem es naturgemäß an Sachkenntnis über die Not- lvcndigkcit mancher Ausgaben fehlt. Sparsam kann nur die Regie- rnug sein. Hierzu aber ist eine Reichsfinanzreform nötig. Die Mehrheit der Staatssekretäre wird immer eine gclvisse Macht über den Reichskanzler haben. Zudem ist doch keine Garantie gegeben, daß als Reichskanzler imnler eine Persönlichkeit vorhanden ist, die alle Fäden in der Hand halten kann. Ich halte daher im Interesse der Reichsfinanzen für geboten, zu einer Reichö-Finanzreform überzugehen. Das jetzige Verhältnis zwischen dem Reiche und den Emzelsraaten ist auf die Dauer unleidlich. Was die einzelnen Voranschläge anbelangt, so glaube ich auch, baß man bei der Aufstellung des Postetats etwas optimistisch vor- gegangen� ist. Dagegen scheint das Auswärtige Amt seinen Etat in tehr verständiger Weise aufgestellt zu haben. Zu beanstanden ivcrde» ivohl die Gehaltserhöhungen für die Legations- sckretäre sein. Wir bringen dein Staatssekretär des Aus- wärtigen großes Wohbvolleii entgegen. Mit dem Samoa-Vertrag sind wir sehr einverstanden. In der Leitung des Auswärtigen Aintes hat sich eine erfreuliche Wandlung zmil Bessern vollzogen. Zahlen- , näßig ist ja der Gewinn von Samoa nicht bedeutend, aber für unser Ansehen iin Völkcrkonzcrt ist der Gewinn doch bedentsnni. Dem nationalen Selbstgefühl ist volle Genugthunng geworden. Das ist die Hauptsache und darüber freuen wir uns'am meisten. Gerade der Reichstag hat zur Freude besondere Ursache, denn wäre es von Anfang an nach ihm gegangen, es wären alle Schwierig- leiten vermieden worden. Wir wünschen nun nur noch. daß ein hervorragender Mann an die Spitze der Vcr- lvaltnng von Samoa gestellt wird.(Sehr richtig! rechts.) .Zum Kolonialetat will ich sagen, baß wir nicht gegen Konzessionen sind, die Deutschen in Afrika gegeben werden. Die Leute müssen die Möglichkeit haben, ordentlich zu verdienen, tvenn sie ihr Geld ris- kieren. Weniger schön ist es, daß die Herren sofort an die Börse gegangen sind und die Konzession nach Gründerart sofort in schönes blankes Geld umgesetzt haben. Bei den Zollvcrhandlungcn mit andern Ländern, besonders mit Amerika, ist Vorsicht geboten. Die Botschaft des Präsidenten von Amerika enthält ja freundliche Worte, aber sie macht doch den Eindruck eines Mannes, der das bekommen hat, was er gewollt hat. In der Frage der Fleischeinfuhr haben wir entschieden zu viel Konzessionen gemacht. Das paßt ganz gut zu einem Ausspruch des Reichskanzlers, den er bei einem Diner gcthan haben soll und der etiva lantete:„Deutschland entwickelt sich zu eiiiem Industriestaat und ich als Agrarier kann diese Entwicklung bedauern, aber nicht aushalten." Agrarier ivird man noch nicht durch den Besitz von Gütern. Agrarier sein heißt die Bedentuug der Landwirtschaft richtig ciuschätzcn und danach' die Politik einrichten. Damit ist das Motto von der Entwicklung zum Industriestaat nicht in Einklang zu bringen. Getviß sind heute die Aussichten für die Industrie besser, es lassen sich in ihr anch viel größere Reichtümer erwerben, als in der Land- Wirtschaft. Aber zu bedenken ist doch immer, daß die Landivirtschaft unersetzlich ist für das Wohl des Staates, daß' er ohne die landwirtschaftliche Bevölkerung schweren Schaden erleiden ivürde.(Sehr richtig! rechts.) Deshalb müssen lvir immer davor warnen, die Landivirtschaft zu vernachlässigen und lvir sind nicht davon überzeugt, daß der Reichs- lanzler den Ernst der Situation»ach dieser Richtung hin voll- ständig erfaßt hat. Als der Reichskanzler ans Ruder' kam, hatten wir nicht allzu viel Hoffnung auf ihn gesetzt. Wir konnten nicht erwarten, daß er allzu viel in unserem Sinne wirken würde, glaubten auch Ivohl. daß er keilie sonderlich große Initiative entwickeln würde. Heute müssen lvir gestehen, daß' lvir uns nicht getäuscht haben und er«», augenblicklicher parlaineutarischer Vorteile willen wichtige Machtbefugnisse der Regierung leichten Herzens anS der Hand' gegeben hat.(Hört! Hört! links.) Was nun die Flottenborlagc anlangt, so meine ich, sie kann am besten hier beim Etat besprochen werden. Wer ganz auf parla- mentarischem Boden steht, für den liegt die Sache ja einfach. Er sagt, der Flottenplan ist einmal gesetzlich festgelegt, und ich gehe davon nicht ab. Ich muß anerkennen, daß sich der Herr Abg. Lieber nicht auf diesen Standpunkt gestellt hat, sondern eine neue Prüfung zugesagt hat. Die Verhältnisse haben sich seit zlvei Jahren nicht geändert. Die Machtverhältnisse und die Beziehungen der einzelnen Staaten zu einander sind dieselben geblieben, aber es sind uns doch Thatsachen vor Augen gekommen, die uns klar gemacht haben, daß wir die heutige Situation damals nicht vollkommen überschaut haben. Wir Parlamentarier leiden ja manchmal etwas an Unfehlbarkeitsdiinkel, aber wir müssen diesmal eingestehe», daß anch unser Wisse» Stückwerk ist. (Heiterkeit). Der amerikanisch- spanische und der englisch- afrikanische Krieg haben uns ernste Lehren gegeben. Wir müssen es in ernste Erwägung ziehen, ob wir der Reg'iernng nicht zu folgen haben und die Flotte erheblich verstärken müssen. Seit Gründüng des Reiches hat sich der Seeverkehr in ganz ungeahnter Weise ent- wickelt. Es würde für uns ein unermeßlicher Schade sein, wenn unsere Handelsschiffe uns weggenommen, unsere Häsen blockiert würden. Dazu kommt noch das in Geltung befindliche elastische Secrecht, das vor allem die Engländer geschaffen haben zu dem Zwecke, daß im Kriegsfall nicht nur der Gegner venrichtet ivird, sondern anch die Neutralen erheblich geschädigt werden. Dieses elastische Seerecht zlvingt uns geradezu, wenn lvir nicht Schaden leiden wollen, zu einer Flottcnvcnnchrung.(Sehr richtig, rechts. Lachen links.) Denken Sic doch auch an die überseeischen Kabel. Ein übermächtiger Gegner kann heute doch den ganzen Rachrichtendienst unterbinden. Wir sind also gern bereit mitzulvirken au einer Verstärkung der Flotte. Noch ctlvas über unsere Stellung . zu England. Es ist sehr charakteristisch, wie allmählich bei uns die -Antipathie gegen England geivachsen ist. Früher war England unser natürlicher Verbündeter. Der Umschlag der Stimmung resultiert ans der unfreundlichen Haltung Englands uns gegenüber während des 70cr Krieges und dann aus dem Verhalten Englands, 'seitdem wir den bescheidenen Versuch gemacht haben, unseren kolonialen Besitz zu erweitern. Die englische Politik glaubt daS Recht für sich in Anspruch nehmen z» können, alles in An- sprnch zu nehme», was nicht besetzt ist, und besonders u»an- genehm berührt es, daß diese Besitzergreifung stets unter der Firma von Civilisation und Religion erfolgt.(Abg. Bebel: Ganz wie bei unS. Sehr richtig! links. Un- ruhe rechts.) Jetzt macht sich bei uns der Unmut gegen England offen Luft beim Boerenkriege. Es ist nicht so sehr Sym- pat'hie für die Boeren als Antipathie gegen England, lvas hier nach Ausdruck ringt(Sehr richtig.) oblvohl lvir alle Beranlassnng haben, mit den Boeren, einem frommen Volke, zn sympathisieren.(Lachen bei den Socialdcmokraten.) Sie(nach, links) lachen. Aber es ivird immer so sein, daß ein frommes Volk bei sonst gleichen Waffen über das nnglänbige den Sieg davon trägt.(Erneutes Lachen links.) Warten Sic es nur einmal ab. Vielleicht erfahren Sic es am eigenen Leibe, was es heißt, über Leute zu kommandieren, die keine» Glauben haben.(Heiter- kcit.) Es ivird soviel über die Reden englischer Staatsmänner geredet. Diese haben doch aber nur den Wert von privaten Aeuße- rnngcn. Aber das eine steht fest: Wir müssen uns auf weitere Un- freiindlichkeiten seitens der Engländer gefaßt machen und ich freue mich, daß der Herr Staatssekretär sich auch nicht auf England, sondern nur auf den Dreibund stützen will. Wenn wir nun auch einer Vermehrung der Flotte nicht abgeneigt sind, so werden wir doch nur soviel beivilligen können, als unsere Werften bauen können, und lvir werden nur so schnell bauen können, als wir dabei die Bcmannnngsfragc lösen können. Unsere Flotte weist heute ausgezcichuete Qualitäten ans. Die wollen wir erhalten. Selbstverständlich dürfen wir nicht unter- lassen, unser Landheer lveitcr zu hüten und zil Pflegen. Wir müssen ängstlich darüber wachen, daß uns die in den letzten Jahren beliebten Schwankungen in der Organisation des Landheeres nicht zum Schaden gereichen. Ich habe dabei hauptsächlich den Uebergang von der drei- jährigen zur zlvcijährigcn Dienstzeit im Auge. Unsere Zutnnst liegt auf den» Laude.(Hört! hört! links.) Auf der See können lvir nicht vollkommen überwunden werden, dort sind wir nur schwer verwundbar. Vernichtet werden können wir, was Gott per- hüten möge, nur auf dem Lande. Unsere Schwerkraft bleibt also beim Landheer. Wenn wir deshalb die hohen Ausgaben für die Flotte vor uns sehen, müssen lvir die größte Vorsicht in unseren Finanzen obwalten lassen, und namentlich die Einzelstaaten müssen die größte Sparsamkeit beobachten.(Beifall rechts.) Staatssekretär Graf v. Bülow: Ich bitte nochmals, über die Samoa- Angelegenheit einstivcilcn jede Erörterung zu vermeiden. Dem Herrn Vorredner kann ich nur mit aller Bestinimtheit erklären, daß das Samoa-Abkommen keinerlei geheime Klauseln enthalten ivird, weder politischer noch wirtschaftlicher Natur, und daß wir keinerlei Verpflichtungen weder politischer noch wirtschaftlicher Art England gegenüber eingehen.(Lebhaftes Bravo rechts.) Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Graf Limbnrg-Stiruin hat gemeint, ich hätte ihn und seine Freunde durch das Fallenlassen des VerbindungsverboteS ent- täuscht. Ich habe aber in einem Organ der konservativen Partei gelesen:„Wenn Fürst Hohenlohe nicht die Aufhebung des VcrbindnngsvcebotS bringt, muß er zurücktreten."(Große Heiterkeit.) Daß ich den Grafen Limburg enttäuscht habe, thnt mir leid, daß ich aber alle seine politischen Freunde enttäuscht habe, kann ich nicht glauben.(Emeute Heiterkeit links.) Schatzsokretär Frhr. v. Thielmann: Die Herren Abgg. Dr. Lieder und Graf Limbnrg-Stirnm haben bemängelt, daß von den geschäftlichen Einnahmen der Post im Etat- ansatzc nicht die Wirkung der Tarifermäßigung in Abzug ge- bracht lvordc» ist. Es ist aher ein alter Grmidjatz, daß solche Gesetze, die zur Zeit der Etatsvorbcreitnng noch nicht verabschiedet sind, bei der Etatanfstcllnng nicht berücksichtigt werde». Thatsächlich lvird ja eine kleine Verminderung der Postcinnnhmcn eintreten. Durch die Bescitignng der Konkurrenz der Prtvatpostcn und durch die Tarif- verbilligung würden aber wieder erhöhter Verkehr und damit erhöhte Einnahmen herbeigeführt werden.(Hört! hört! links.) Abg. Bebel(Soc.): Ich fühle nicht das Bedürfnis, den Ausführungen des Grafen Limburg im einzelnen zu folgen. So weit es erforderlich. iverde ich diese Kritik in die allgemeine Kritik des Etats einflcchtcn. Doch möchte ich ihn gleich auf einen schweren Widerspruch himveisen, den er sich hat zu«Schulden kommen lassen. Der Herr Graf hat uns RcichstagSnbgcordnete quasi opulente Wirtschaft im Reiche im Gegensatz zu Preußen vorgeworfen, er hat behauptet, wir ge- währten mit vollen Händen. Wenn man seinen Ratschlägen aber folgen ivolltc, dann würden sich die gesamten Ersparnisse. die sich danach am Etat machen ließen. auf 4 bis 5 Millionen Mark belaufen. Auf der anderen Seite aber war der Herr Graf so bereitwillig, mit vollen Händen zn bewilligen, daß, wenn es nach ihm ginge, die Forderungen der Regierung kaum reichen würden, um seine» Wünschen zu genügen. Nickt allein hat er bei den Forderungen des Auswärtigen Amtes ausdrücklich erklärt, er hoffe, daß hier der Reichstag keine Streichungen vornähme, er hat anch, soweit die damit zusammenhängenden Etats in Frage kommen: den Militär- und den Marine-Etnt mit solcher Bereitwilligkeit zn beivilligen versprochen, daß wir sicher von ihm und seinen Freunden hier eine Ersparnis nicht zu erwarten haben, so daß also der Etat so bleiben würde, wie er ist. Ans die Reden der vier Herren, die gestern in einer bisher nicht gewohnten Weise das Wort ergriffen haben, um Gegenstände zu er- örtern, die mit dem Etat selbst in keinem näheren Zusammenhang stehen, lvcrdc ich im Verlauf meiner Rede eingehen. In erster Linie halte ich cS für nötig, den Etat einmal selbst einer etlvas schärferen Kritik zn»nterzichcn, als meine Vorredner gcthan haben. Ein tieferes Eindringen in den Etat könnte Ihnen vielleicht die Mahnung nahd legen, gegenüber den neuen Flottenfordernngcn etwas sparsamer zu sein,' als hier im Augenblick der eine oder andere ge- neigt sein mag. Der Schatzsekretär hat ja gestern in rosa gemalt. Er fand mit einem gclvisjen Rechte Etat und Reichsfinanzen in voller Blüte. Aber schon vor 2 Jahren haben nicht nur wir, sondern anch Redner aus den bürgcrlicken Parteien nachdrücklich betont, daß man sick nicht in Sorglosigkeit ivicgen dürfe, daß anch diese Prospcritäts-Epochc einmal enden würde, die allerdings schon länger gedauert hat, als mau nach früheren Erfahrungen aunehnicn zu dürfen glaubte, daß auf die Ueberschüsse eine Ebbe folgen könnte. Augenblicklich wirt- schaftcu lvir scheinbar niit llcberschüsfen, aber diese Ueberschüsse zerfließen dem Herrn Schatzsekretär zwischen den Fingern. Aus der Uebcrschuffwirtschaft ist eine Dcficitwirtschaft geworden, nicht seil heule, sondern schon seit Jahren. So auch diesmal. Wir haben es mit einer Anleihe von 76 Millionen zu thun. Wenn ein Pritiatman» in der Weise lvirt- schaftct, daß er trotz vortrefflicher Einnahme» von Jahr zu Jahr seine Ausgaben so steigert, daß er immer ucnc Schulden machen muff, dann würde er unter Kuratel gestellt, vielleicht inö Irren- hanS geschickt werden(Heiterkeit links), wenn ihn nicht gar der Staatsanwalt wegen leichtsinnigen und betrüge- rischcn Bankrotts hinter Gcfängnismauern bringt. Das kann dem Staat nicht passieren. Er hat bei eintretendem Deficit die Möglichkeit, die Steuerzahler heranzuziehen. Und so wird es ge- schchen, wenn einmal bei uns die Ueberschüsse aufhören. In den letzten zwölf Jahren, seit der gegenlvärtig regierende Kailer am Ruder ist, haben wir kaum mit zlvei schlechten Finanzjahren zu reckucn gehabt, das Reich aber hat seine Schuldenlast von 750 Millionen auf 3300 Millionen Mark erhöht.(Hört! hört! links.) Die Schuldenlast ist in diesem Zeitraum also um volle 2 Proz. und mehr gestiegen. Und nun sehen wir, wie im laufenden Etat gelvirtschastet lvird, wie lvir abermals trotz günstiger Einnahmen gezwungen sind, neue Anleihen zu machen, nun sehen lvir, was für Ricsensummen auf Grund des neuen Flottenplanes verlangt werden.— Die Rechnung, die Herr v. Thielmann auf- gemacht hat, stimmt in gar keiner Weise, für die Rcchimng gebe ich keinen Schuß Pulver.(Heiterkeit.) Rechnen Sie die sonstigen Mehransgabe!' hinzu,.die ans der Natur unseres Staatswesens hervorgehen, wie es einmal geschaffen ist und wie Sie es geschaffen haben, und Sic werden finden, daß noch eine ganze'Reihe Anforderungen an uns herantreten, die weit über das hinausgehen, lvas selbst im Augenblick für die Flotte ge- hrancht wird. Wir haben im gegenwärtigen Etat eine fortdauernde Mehrausgabe in der Höhe von'107 Millionen Mark und eine cin- nialige gegenüber dem vorhergehenden Jahre von 30 685 000 M.. obgleich der Mehrbetrag der Einnahmen 100 Millionen Mark aufweist. Die. Matrikularbciträgc sind mit rund 526 Millionen normiert, die Ueberweisungen mil 514 Millionen: aber selbst bei diesem außer- ordentlich günstigen Etat beträgt das, lvas die einzelnen Regierungen lveniger bskommmen, als was sie au das Reich zu zahlen haben, nahezu 13 Millionen. Auf die einzelnen Etatstitel will ich mich nicht näher eiulaffe». ES sind einige lvenige Etats, die uns zu diesen inimer steigenden Ansgaben verführen. Es ist wichtig, einen Blick auf die Ent- Wicklung dieser Etats innerhalb der letzten zwölf Jahre zn werfen. Insbesondere ist es notwendig, dieselbe dem Centrum zu Gemüic zu führen, denn dies hat die Finanzgebarung der letzten zwölf Jahre ganz besonders auf dem Gewissen.(Sehr richtig, links.) Sie haben uns mit Scheffeln zugemessen, Ivo früher die National- liberalen uns mit Maßen zu messen geneigt waren.(Heiterkeit.) Sie haben den B e>v i l l i g u u g s e i f c r und die B c- willig ungsfreudigkeit'der Ratio ualliberalen übcrtroffe»,' und wenn' ich aus der heutigen Rede des Herrn Dr. Lieber einen Schluß ziehen darf, so ist es der, daß Ihr B e>v i l l i g u n g s e i f c r viel größer i st, als ich vor dieser Rede angenommen habe.(Sehr richtig! links.) Jedenfalls steht daS Eine fest, daß die u n S nicht unwillkommene Erwa rtung, daß der Reichstag nach Hause geschickt wird, iveil er nicht bewilligt, leider nicht in Erfüllung geh t. Sie und besonder» das Ccntrum werden bewilligen, was man verlangt. Nehmen wir nun einmal den Militärctat, wie er sich in den letzten 12 Jahren gestaltet hat. Wir haben im Lanfe dieser Jahre ein Plus von 188'/s Millionen oder rund 51 Proz. Ich habe bereits im vorigen Jahre einmal angeführt. daß in einem Zeitraum von 10 Jahren das Deutsche Reich für Militär- und Marinczwcckc nahezu 1700 Millionen mehr ausgegeben hat, als in den 10 Jahren vorher. In dem diesjährigen Marine-Etat haben lvir ein Mehr von rund 73�/« Millionen oder genau 99 Proc. gegenüber dem von 1888. Noch schlimmer Ivird die Steigerung auf dem Gebiete der Neichsschuld. Dieselbe hat sich in zwölf Jahren um 161 Proz. vergrößert. Der PensionsfondS hat sich um 140 Proz. vergrößert. (Hört, hört! links.) Halten Sic nun dagegen, daß sich die B e- Völker uug des Deutschen Reiches in diesen zwölf Jahren um' höchstens 14 Proz. gesteigert hat. Taxieren Sie die Steigerung des Nationalreichtnms so hoch, wie Sie wollen, so stark ist sie nicht, daß diese ungeheuren Ausgaben in irgendwelchem Verhältnis zur gestiegenen Wohlhabenheit des gesamten Volkes gebracht werden können.(Sehr richtig! links.) Wahrhaftig, das sollte Ihnen zudenken geben. Unsere besondere Auf- merksämkcit zu fesseln sind zlvei Posten im Pensionsfonds ganz be- sonders geeignet, nämlich die Pensionen für die Armee und die für die Marine. Während dieselben fortwährend steigen, finden wir dagegen die auffallende Thatsache, daß die Pensionen des Civiletats nicht eine Steigeruug, sondern eine Verminderung in diesem Jahre erfahren.(Hört! hört! links.) In der Armee beträgt die Steigerung der Pensionen 4,6 Proz. gegenüber dem Vorjahre; und ganz allgemein wird ge- klagt, daß ciiic Menge durchaus tüchtiger, rüstiger Leute in verhältnismäßig junge» Jahren zu einem müßigen Lebe» gezwungen werden. Auf der andern Seite entdecken lvir freilich, daß die Herren eine Thätigkeit entfalten, die geradezu überraschend genannt lvcrdcn muß.(Sehr richtig! links.) Ich habe mich schon gefragt, od zwischen der Steigerung des Pensionsfonds und der agitatorischen Thätigkeit vieler Offiziere für die Flotte ein gewisser Zusammenhang besteht.(Heiterkeit und Zustimmung links.) ES scheim fast, als habe man A g i t a t o r e n m a t c r i a l nötig gehabt und zu diesem Zwecke eine größere Reihe von Offizieren pensioniert, damit diese Propaganda für die neue Flotten- vorläge betreiben können.(Zustimmung links.) Ich bin durchaus nicht mit dem Kollegen Lieber einverstanden, daß. wenn man, statt diese Agitationen im Lande zu entfachen, höflichst zu n»S gekommen wäre, die Aufnahme im Reichstage eine freund- lichcre gewesen wäre.(Zuruf.) Ich bin vielmehr der Meinung, daß die Freunde dieser Flotlenvorlage sehr geschickt agitiert haben. Alle diese Reden von der höchsten und von anderen Stellen mutzten ge- halten, daS Publikum mußte bearbeitet lverden, man mußte die Ab- geordneten bearbeiten, damit sie schon in mürber Stimmung in den Reichstag kämen. Ick komme darauf zurück. Hier habe ich mich zunächst'mit unseren Kolonien zu beschäftigen. Der Schutz dieser Kolonien spielt ja anch in der neuen Flottcnvorlage eine außerordentliche Rolle. An den Kolonien habe» >vir nicht iver iveiß Iva» zu verlieren. Ich glaube noch heute, wie stüher. daß. wenn wir eines Tages alle unsere Kolonien verlieren werden, der größte Schaden darin besteht, daß alles das verloren ist. lvas lvir für die Kolonien ausgegeben haben.(Sehr richtig! bei den Socialdcmokraten.) Was haben lvir für diese große Ausgaben, insbesondere für Afrika und für die nenenvorbeuen Karolinen, für die ein Preis gezahlt ivnrde, lvic ihn sonst lein verständiger Mensch in der Welt bezahlt hätte.(Sehr richtig! bei den Social- dcmokrotcii.) Aber wir Deutschen schwimmen ja im Golde! Wir müssipi j.olonicn haben, koste es, lvaS es wolle. Wir ivollen sie haben. da bezahlen wir es also gut. Die für die Karolinen bc- willigten 17 Millionen sind einfach weggeworfenes Geld. Was' bei günstigster Bewirtschaftung aus der Kolonie herauszu- schlagen ist deckt nicht einmal die Zinse» der Kanfsnnnne, geschweige die Ilnterhaltungskosten.(Sehr richtig! bei den Socialdcmökraten.)' Die Kolonien kosten uns in diesem Etat ohne Kiautschon 14 788 000 M.; weiter sind über 2 Millionen eingesetzt an lieber- schrcitung früherer Etats. Dazu kommt die Dampfcrsnbveution, die Kosten für das Stationieren der Schiffe. Nehmen wir weiter an, daß Kiautschon 9 780 000 M. erfordert. dann haben wir einen Kolonialetat für das kommende Jahr von über 30 Millionen Mark.(Hört! hört! bei den Socialdemokrateu.) während der ganze Handel Deutschlands mit den Kolonien an Einfuhr 4 617 000 M., an AnSfnhr 10 149 000 M. beträgt. Darunter befinden sich die Lebensbedürfnisse der Schutztruppen. Ziehen wir das ab, so ist der Bedarf der Kolonien mit 2 Millionen vollständig gedeckt. Der Handelsverkehr betrug zusammen 14 766 000 M. gegen einen Gesamthandcl von 9450 Millionen Mark.(Hört, hört! bei den Soc.) Die Aus- und Einfuhr unserer gesamten Kolonien bildet also nur den 700. Teil des GesamthandelS Deutschlands. (Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Nun frage ich Sie. ivaS geben wir also für die Erhaltung deS gesamten Handels aus im Vergleich zu dem, ivaö' uns die Kolonien kosten! DaS ist ein so miserables Geschäft, daß sich kein Kaust mann darauf einlasse» würde. Der Herr Schatzsekretär v. Thielmann hat gestern gesagt, unser Handel nach Kiautschon habe bereits erfreuliche Ausdehnung gewonnen. Er hätte nur Zahlen nennen sollen. Aber auch diese würden u»S nicht haben überzeugen können. Natürlich herrscht ein gewisser, vergleichsweise lebhafter Verkehr dort, seitdem Deutschland Schantung im Be- sitze hat. Wir haben eine Garnison von 1700 Mann, viele Beamte, auch Kauflcute haben sich dort niedergelassen, eine Reihe von Ingenieuren sind dorthin geschickt, um dort zn versuchen, wie es mit dem Eisenbahnbau geht, kurz die europäische Bevölkerung dort bc- läuft sich auf mindestens 2000 Köpfe. Daß sich dort ein gewisses Erwerbsleben entwickelt und daß die Leute dort Geld verdienen, ist klar, nur thun sie es leider ans Rcichskostcn.(Sehr richtig! bei den Socialdemokrateu.) Weiter hat sich gegenüber den früheren sehr günstigen Schilde- runge» deS SeekapitänS FranziuS über die GesundheitStierhältnissc in Kiautschou herausgestellt, daß die sanitären Verhältnisse dort sehr traurige sind, das; Kiautschon ein wahres Ficbcrncst für unsere Soldaten geworden ist. Infolgedessen hat sich auch allmählich der Eifer bei den Soldaten abgeschwächt, die sich nicht mehr so häufig melden, um nach den Kolonien zu gehe». Dafür scheint mir ein Cirkular zu sprechen, das ich heute in einem Partei- blatt abgedruckt finde. ES geht von der Marine- In- spektion aus und ist an sämtliche gelcscnstc Zeitungen verschickt. Wundcrbnreriveise auch an mehrere socialdcmokratische Blätter. (Große Heiterkeit.) Hierin Iverden die Redactcure„ganz crgebenst gebeten", womöglich im Wortlaut einige Male„kostenlos" eine Aufforderung aufzunehmen, wodurch Soldaten nach den Kolonien geworben werden sollen. Daß man zu solchen Mitteln greifen muß, spricht dafür, daß der An- drang der Mannschaften zu diesen Truppenteilen ein sehr mäßiger ist, und ich fürchte, daß,>venn die Mitteilungen über den Gesundheitszustand dort ivcitcrcn Volkskrcisen bekaimt werden— insbesondere hat ja die„Frankfurter Zeitung" am vorgestrigen Tage einen sehr ausführlichen und außerordentlich ungünstigen Bericht gc- bracht— daß es dann der Marine-Vcrwaltung noch weniger gelingen wird, Mannschaften für Kiautschou zu bekommen. Dies ist wieder ein Zeugnis, eine wiezweischncidigc Sachc nuscre Kolonien sind. Jchmußhcnte mit'allem Nachdruck hervorheben, daß der Handel Deutschlands in den letzten zwei Jahren in Ostasien sich nur mit Mühe und Not auf seiner Höhe gehalten hat, daß»ach Ansicht vieler Sachverständiger bei den dortigen Konkurrenzverhältnissen, insbesondere der mächtigen Konkurrenz der Vereinigten Staaten Deutschland Mühe haben wird, den Bestand seines Ein- und Ausfuhrhandels in Ostasien aufrecht zu erhalten und daß es außerordentlich schiver sein ivird, ihn zu erhöhen, trotz der großen Ausgaben. Täuschen wir uns nicht darüber: Der deutsche Handel hat ge- wiß riesenhafte Fortschritte gemacht. Das erkenne» wir gern an. und diese Fortschritte sind ein Zeugnis für die Tüchtigkeit der deutschen Kanflcute nnd für die Tüchtigkeit de>� deutschen Hand- nnd Kopsarbeiter.(Sehr richtig! bei den �ocialdenio- kraten.) Wir behaupten aber, zu diesem riesenhaften Wachstum dcS deutschen Handels hat unsere Flotte nichts beigetragen. (Schluß siehe Hauptblatt.) Für de» Inhalt der Jnicrate übernimmt die Siedaklio» dem PiiMikum gegenüber keinerlei Beranluiortiing. TlirnkeL. Mittwoch, 13. Dezember. Cpcrnhans. Lucia von Lanimer- möor. Ansang i* Uhr. >?/„ Uhr. Lesfing. Jofephine. Anfang?>/» Uhr. Berliner. Bcrgidul. Sllmaiisor. Hcilie-Lieder. Anfang?>/- Uhr Schiller. Viel Lärmen um nichts. Ansang 8 Uhr. NeueS. Gegen den Strom. An- fang?>/- Uhr. Nachm. 3 Uhr: Kindervorstellung: Hansel und Gretel. Weste». DerZigcunerbaron. Anfang 7V, Uhr Nachm. 3 Uhr: Kinder-Borstellung: Schiiccwei&chcn und Rosenrot. Thalia. Der Platzmajor. Anfang VI, Uhr. L.csideilz. Busch und Reichenbach. Vorher: Die Richtige. Anfang 7>/2 Uhr. Luisen. Der Erbförster. Anfang 8 Uhr. Eentral. Die Geisha. Anfang 7>/- Uhr. Earl Weiß. Der Weltuntergang. Anfang 8 Uhr. Friedrich- Wllhelmstfidtischrs. Ein gesunder Junge. Anfang 8 Uhr. Victoria. Die Venus von der Markt- halle. Anfang 8 Uhr. Belle- ZUliance. Gastspiel des Schlierseer Bauern- Theaters. Liserl vom Schliersee. Anfang 8 Uhr. 'Dietropol. Svccialitäten- Bor- slcllung. Rund um Berlin. An- sang 8 Uhr. Apollo. Svccialitäten- Borstellnng. Anfang 71/2 Uhr. Neichshalle». Stettincr Sänger. Anfang 8 Uhr. Palast. Susanne im Bade. Speciali- täten-Borstellung. Auf. 8 Uhr. Pafiage- Panoplikuni. Speciali- läteu-Vorslcllnng. Urania. Juvalideuslr. 57/(i£. Täglich abends von ö— 10 Uhr: Slcruwarte. Taiibenstr. 48/�9. Im Theater: Transvaal. Vorher: Der dunkle Erdteil. Anfang 8 Uhr. SlhillerTheliter (Wallncr- Theater». Mittwoch, ab ends 8 Uhr: Viel Lttmieii um nichts. Lustspiel in 3 Aufzügen von William Shakespeare. Donnerstag, abends 8 Uhr: Neu einstudiert: Vuk Kttthchcn von Hcllbroun. Freitag, abends 8 Uhr: Idas KUthctaen von Ueilbronn. Erntrnl Dhrntev Direktion: 1o»ö I�srencix. Dir G r i s h Ansang Vj8 Uhr. Wkorgen: Dieselbe Vorstellung. Sonntag, den 17. Dezember, nach- »ättags 3 Uhr zu halben Preisen: Der Bcttelstudent. Von C. Millöcker IMia-l'lieatöi'. bei. Amt IVa 6410. Dresdenerstr. 72/73. Vorletzte Woche:-VS Der Platzknajor. Tboms», Ibleleobee, Uelmordlng, lunleormann. Anfang V/t Uhr. Morgen und folgende Tage: Der Plahniajor. Freitag, den 15. d. M, zum Beste» der Stiftung:„Natioiialdank für Lzeterancil*. einmalige Aufführung von:»Ter Millioiienbauer". Köpke: �mll Tbomas. Urania Tanbcnstrasse 48/10. Im Theater abends 8 Uhr: Transvaal. Vorher: Der dnnlile Erdteil. Invalidenstr. 57/OS: Tägl. Sternwarte. Nachmlltafls 5—10 Uhr. Passap-Panopticnm.' .von: Anatomisch. Museum. Dienstags für Damen. Passage- Theater Beginn des Konzerts 6 Uhr, derVorst. 7 Uhr. 15 erstklass. Deb. ™ CASTANS■■ PANOPTICUM Gr. Weihnaclits- Ausstelhing mit Berliner Weihnachtsmarkt (Schlossplatz) im 18. Jahrhundert. Im Theater-Saal: Zliulsirelia. Die Weihnachts-Bescherung. Die heilige Familie. Konzert einer Damenkapelle. Der Wunderhund„Schimmel". Die Boerea. W» Palast-Theater früber Eeen-Palast, Burgstr. 22. Nur iwch bis Sonntag das r i c s e» g r 0 fi e erstklassige Vieihuachts-Prograrnrn! she Alfredos. Olympische Spiele. Rivers singende Akrobaten. La belle Theresuta, Seillünstlerin. Tilly Perry. Caretton. Helene Voss. ein Morgen in Siiil-Asnkll. Urkpmischc Pantomime von der Barett-Trnppe. Neu!-W«, Neu! Leute von Hellte. Große Berllncr Lokalposse mit Gesang. Biimbe, Rich. Winller. lilleblt-. Will). Fröbcl. Anfang: 7>/- Uhr. Ocsinung L>/z Uhr. Vorzugskartcn in den Zigarren-Gc- (ptiästen. Sonntag, den 17. Dezember letzte Borstcllg. vor Weihnachten. SnrlTtV rt««-TI'.eater Gr. Frankfnrlcrstrafie IllL. Der WeltnüLergallg. Großes Ausstattungsstück mit Gelang in 3 Akten(15 Bildern) von Dir. Carl Weiß und Jos. Dill. Musik von A. Wichcrt. Vorzugsbillets haben Gültigkeit. Anfang 8 Uhr. Im Tunnel v. 7 Uhr an Freikonzori. Um den Wünschen vielce nnch- zukomiiie», habe ich cinen CyklnS von Weihnachts- Kindermärche» eingerichtet und zwar finden diese Borstellnngcu abends statt. Am Tonucrstäg beginnt der Cyklns für Jnng und Alt mit Dornröschelt. Zniibeniiärchen mit Gesang in fünf Bilder» von Bolten-Bäckcrs. Anfang 7c/z Uhr.' Preise der Plätze: Galerie 20 Pf., II. Parkett n. II. Rang 30 Pf., I. Par- kett von der 17. Reihe und I. Rang 10 Pf., I. Parkett 8.-16. Reihe 60 Pf., I. Parkett 1.-7. Reihe 75 Pf., Lvge 1 M. Freitag zum lctzteumale: Der Welt- Untergang. Sonnabend: Aschenbrödel. Zauber- märchc» mit Gesang. Sonntag: Schneewittchen und die siebe» Zwerge. Kottbnscrstr. 4 a. HotTmanns Norddeutsche Sänger. Heute Mittwoch geschlossen. Morgen, Donnerstag: J.aullwehrmanns Weihnachten". - Nachher TAXZ.— [fi. Behrenstr. 55 57. Dir.: Rieh. Schultz. Liane de Vries. Das brill. Dezbr.-Specialität.- Progranim. Um V-.9 Uhr: Rund um Berlin. Anfang 8 Uhr. Reichöhalle». Stettincr Sänger. Zum Schluß: „Teuorifteu- Vogel". Tageskasie 11—1. Ans. präc. 8 Uhr. Achlnng! Aditnng! Sonaldemohratlsdjer WaHlverem für den 5. Kertiner Reichstags- Mahlhreis. Donnerstag, den 11. Dezember, abends 8'/- Uhr, im Alten Schüüenhansc, Linieustr. 5: Versammlung."WW Tages-Ordnung: 1. Vortrag: Flottenvorlage und Kapitalprofit. Referent: Genosse Reditsanwalt'Dr. Karl Liebknecht. 2. Diskuision. 3. Vereinsangelegeii- bettelt,— Gäste haben Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet 215/18 Dov Zotillidtmokratischrl Wahlocrei» sör Ttltow-Kcesllow-Aorllow-Charll>Nelib«rg Freitag, den 15. d. M., abends»sj Uhr: Genernl � Deifcltnniluntz in der„Gambrinns-Branerci", Wallstraße 94. T ä g c S- O r d n u n g: 1. Die letzte» Stadtverorduetcnwahle». 2. Dislussiou. 3. Bericht des Vorstandes und Neuwahl derselben. 4. Aerschicdencs. 250/12 Ter Borstand. DkMer Dolzm lieiter- Verbimi». ISras�eZ�e der tK o r 1» m a c Ii e r. Donnerstag, den 14. Dezember, abends SVa Uhr; Nertranensmantter- Versammlung bei Wilke. Andreasstraste 36. Verein sotialdemohralischer Gast nnd SchanhVirte Berlins n. Umgegend. Freitag, de» IS. Dezember, nachmittags 5\, llhr, _ beim Kollegen Motlies, Hnssitensir. 40 i_ Mß� Versammlung. T a'g c s- O r d n u» g; 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Vereins- angelegcnheiten. Zu zahlreichem Besuch ladet ein 87/3_ Ter Porstand. Q A: Ferdinand Ewald. Mm! Topf er. Achtung! Tonnerstag, den 14. Dezember, abends tthr: Celleutl.Ver8Smmlung derlöxler Lsriiiis unZ llmg'SA'sncl bei Elebls', Grostc Frankfurterstrafte 38. Abrechuima vom Streit. Ergäuzimgswahl der Lohnkommisston. Unsere Taktik im nädisten Jahr zur Aufrcchterhaltung deS Tarifs. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Kollegen, in dieser Bersamiiilung zu erscheinen. 104/9 Der Bertrauensman»: H. David. Berliner Rettungsgeseiisehaft. Am Freitag, den 15. Dezember, abends 8 Uhr, findet in dem großen Saale des Langenbcckhanses. Ziegelstraße 10/11, die Ordentliche Geiieralversammlnug statt, zu welcher jedes Mitglied Zutritt hat. Tagesordnung: 1. Bericht nnd RcchiuiiigSIeguiig des Vorstandes. 2. Wahl von zwei Rcchnmigsrevisorcu pro 1800/1000. 3. Beschlußfaffiing über daS aiizulegcndc (mit de» Bcstimmiiugcn des Bürgcrlidicn Gesetzbuches in Uebereinstimmuiig gebrachte) neue Stalnt. 4. Wahl von l2 Mitgliedern zum Venvalttingsrat gemäß den Bestlmmimgeu des Statuts._ iBSBHBÜ Mitgliedskarte legitimiert.■■HSB 13596 Die Nenner-Konimisstp». I.A.: C. Llebenow. Cirkus Busch. Heute, Mittwoch, den 13. Dezember, abends 71/2 Uhr. Elite-Abend. Gala-Prograinsn. Zum 34. Male: llle Camorra. Von der gesamten Presse als das größte und impusantestc Seusations- Schanstückd. Jahrhunderts anertannt. Aiißerdem: Stark n. Miltv», Ma- dore ans dem Zfachcn Reck. Herr Burkhardt-Foottit als Schillreiter. Dreigespann: Ziethen aus dem Busch, große Schulquadrillo, geritten mit 16 Schulpfcrden. Gigerl-Clown Da- Niels als Champion-Boxer. Fräulein Martha Mohnle, Schulreiterin. Am Sonntag, den 24. Dezember (Heiliger Abend): Zwei große Vor- stellungen: Nachmittags» Uhr und abends 6 Uhr, Ende präz. 8 Uhr. AM- Der Cirkus ist sehr gut gehetzt nnd vor Zug geschützt l Apollo-Theater. Anr noch kurze Zelt: Brüder Wille. Mary Werder. The Gothams. ßäcilie Carola und das vorzügliche Speciali täten- Programm. Anfang 7i/z Uhr. In Vorbereitung: Im Reiche des Indra. Vorverkauf täglich im Theater, beim„KOnstlerdank", Unter den Linden 69, und heim„Invaliden- dank", Unter den Linden 24 I. Maehrs Theater Oranicnstr. 34. Ms" Täglich:'W „Ittit»iilleu Kegel»". Lebensbild in 3 Akten von Hugo Schulz. Vorher: 8p«claUtAtvn. Ansang 8 Uhr. Sonntags 6 Uhr. Mk- Bons wochentags gültig. Cirkus Alb. Schumann. Heute, Mittwoch, den 13. Dezember, abends 71/2 Uhr: Wir noch 5 Tage: Die Aigiiiiil-TrMMl-Bmti!. Zum Schluß zum 25. Male: Der erste Schlager der Saison. Größtes Ritterschaustück. Schwarz ... Weiss — mit sämtlichen Einlagen— Donnerstag, den 14. Dezember: Benesiz-Vorstcllung für die Original- Transvaal- Boeren, gleichzeitig zu gnnsten der Htlfscxpeditivn des Deut- scheu Roten Kreuzes nach dem süd- afrikanischen Kriegsschauplatz. Freitag, den 15. Dezember: Wohlthätigkeitg-Vorsttllilng für de» National- Dank der Kriegsvcterancn. VI. Hoacks Theater, Brulincnstraße 16. Die beiden ReichenMer. Volksstück mit Gesang in 4 Akten von Anton Anno. Jeden Sonntag. Dienstag und Donnerstag nach der Vorstellung: Tanzkränzchen. Teilzahlung:: monatlich 10 M. liefert elegante tterrengarderode u. Maß, Tomporowskl, Schneidcrmsir., Neanderstr. 16, II, an der Anntmstr. (Auch bar Kassa billigste Preise.)* Tischler-Vea'ein. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß das Mitglied 100/11 Hermann Glaab am l0. d. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet heute nach- mittag um 3 Uhr von der Leichenhalle des Friedhofes der Freireligiösen Gemeinde, Pappel-Allec, ans statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Danhsajxnnj;.[1354b Allen Verwandten, Bekannten nnd Kollegen, welche unserem lieben Bruder und Schivager Marl Hase die letzte Ehre erwiesen haben, inS- besondere Herrn Scholz nnd Kollegen, sowie dem Verein der Töpfer Berlins und Umgegend für die schönen Kranz- spenden unser» herzlichsten Dank. Äcbriidcr Hase. __ Anna Dittberner. Für die Teilnahme bei der Bcerdi- gung meines lieben Mannes sage ich leinen Prinzipale», Kollegen und allen Bcnvandtcn, Freunden und Bekannten »leinen herzlichen Dank.>130/12 Die tlettrauernde Witwe: ?! Thomas. AnlTordcrung! Die Mitglieder des Naturheil- oerein IV„Grundmann" werden ge- beten, am Donnerstag, den 14. d. M., Sy, Uhr abends, in Wllkes Restaurant wegen einer wichtigen Kassenangel legenheit pünktlich zu erscheinen. Achtnns! Achtung;'! Zur gest. Nachricht, daß wir das van Herrn Gninduian» bisher geleitete Kurbad, Magazinstraße 17, pp», I Dezember übernommen und voll- ständig renoviert haben. 13586 Dasselbe steht unter guter Leitung. Ergebcnst I. Kasiske und H. Müller, prakt. Naturheilkinidige. Der Arbciisnachweis nnd die Her- berge der Brauer Münchens bc- findet sich von heute an im Rc- stanrant Fendt. Goethestr. 17, u. d. Centralbahnhose. 1287b Die.Hcrbcrgskommission. Aiiieiie.in-IlieAtvi'. Dresdenerstr. 06. Dir.: Emil Schnabl. „Lerlin ulkt!" und 1V erstklassige Debüts. In Vorbereitung: „Berliner Roulotte". Aniang 8 Uhr. Kafieneröffnung 7 Uhr. IVcr A'nt nnd reell bedient sein will beim �spsgeienhsul semer Kauariciivögel. licdcrpseiscnde Dompfaffen, alle Sorte» Wald- uögel, Papagei- u. Vogel- bauer nebst passendem Ständer, wende sich an den allbekannt. Papageien- Händler 1. mäakowslcv. I. Geschäft: Cr. Frankfurlerstr. 75. IX. 1 Strausbergarstr. 14. Prämiiert mit goldenen Medaillen und dem Ehrenpreis der Stadt Vcrli». Nlltilr-Heilvtmhftil. Haut-, Harn-« Blasenleiden, Franen-Krankheit., heilt sicher ohne Berufsstüning.[31808» RlvÄNNoi' Wallstrabe 23. . Nttljllvl, g.2 5.!i,St.0-2 Künstliche Ztihnc, 3 M. an, vor- ziiglich, setzt schmcrzl. ein. Plombieren, ichmerzl. Zahnziehen, Zahnschm. bes. Rep. sof. Goldstein, Oranienstr. 123. Odcrbrnch-Maft-Gänse erkalten wir täglicb frisch geschlachtet und stellen solche zum billigsten Preise zum Verlauf.[3146L« A. Klein A Co., Markthalle Wedding, Stand 1». + Nalur- heilverfahren. HBjHfiB Ich heile|| Naturheilverfahren. _ Ich heile D ohne Berufsstörung alle Männer »nd Frauenleiden, ebenso Nieren- und Blasenleiden. Naturgeniäße Behandlung. svlfiL'' kr. C. Henke, Rathenowerstr. 49, I Ecke Perlebergerstraese. Sprechstunden 9—2, 5—9, Sonntags 9—2. Bei Vorzeigung der Verbau dskarten 10 Proz. Werkstatt-Bckleiduug. Blaaie Anzüge, Haustuch 3,0« bis 4,«t» Mk., Echtblaue Drell- oder Köper-Anzüge 4,3« Mk. Mechaniker- Kittel 2,25-a,Z5 Mk.. je nach Größe, sowie Blusen für jeden Berus, empfiehlt alS 32518* Praktische W-ihnachts Geschenke Adolf Wecker, Berlin. Molkenmarkt 9, | Grosser Weihnachts- Ansverkanf Prachtvolle Teppiche j von 31. 4,50 an. Reizende Portieren von 31. 1,50 an. Schöne Gardinen und Stores von 31. 3,50 an. Elegante Steppdecken in Wolle u. Seide, alle Farben, von 31. 4,3« an. H| Wundervolle Tischdecken in Wolle und IMttsch von 31. 3,— an. Praktische Läuferstoffe in Zwirn, Wolle und Plitach von 31. 0,45 pro Mir. an. kosthare Angora- und Ziegenfelle pon 31. 1,50 an. Herrliche, künstlerisch ausgeführte französische Gobelins uoii 31. 1,— an. Dieser Ausverkauf Riebt meiner werten Kundschaft antzerordentliche Gelegenheit zur 'ollligvn kss ctaffuirg praktischer WtihmWgesWt. I. Adler Teppichliaiis. Special-Mail�| grössten Stils] Königslrasic 2Ö-21. (Dicht am Kathunst.) Sonntags geöffnet. Telegramm-Adresso: Tepplchadlev. Telephon: 5. 3373. Grosses Lager in BrillanK Opal-, Türkis-, Slmili-, Corallen- und Granat-Scbmucks. Goldene Ketten nach Gewicht u, billigst. Fagon-Berechnung. Diikaten-Tpauringe in.iedem Gewicht am Lager. H. Zimmermann 206. Oranienstp. 206. Oold- und Silberwaren-Fabrik. Eigene Werkstatt für Neuarbelt und Reparatur. Telephon: Amt 4a 6549. [3223L« Uhren-Grosshandlung. Glashütter-Uhren. Grösstes Lager in goldenen und silbernen Obren. Goldene Damen-Uhren Mk, 15,75 an Silberne Herren-Uhren mit Kette Mk. 10. Goldene Herren Uhren Mk. 30 an. IFrühstUcks>Suppen Gemüse» und Krafisuppen Bouillon-Kapsein Suppen-Würze___ stets vorrätig bei Fritz Kettig-, NW., Zwinglistrasse 21. Eignen sich als praktische Weihnachtsgeschenke ganz besonders MAGGI Grösstes Lager Deutschlands von Spiel-Waren (16 Schaufenster, Verkaufsräume: 57 Fenster Front meines Hauses.) Besiclitigntig hocliinteressant, ancli Niclitkänfern gern gestattet! Xiir Spielwaren- kein Bazar! Bernhard Keilich. Gr. Ilainbnrgerstr. 22-23, Ec™Tg£L°™'en' Belm Monbijouplatz n. Hackeschen Markt, Bahnhof Börse. 3007L:S Das beste und im Gebrauch billigste und' bequemste 'Wasfitf'UddwVM: �irlüli wein-Extrakt, luisaczcichnci tut Geschmack und Aroma, a(!t. M. 1.�. 5 t't M..'v.o. IQ\;t. m. 10,-. H-rrS.n- Nr. 3 Fa?. 50 Proz. stark. a Lt.M.l, 5 Lt. M. 4,50, 10 Lt. M. 0. 100 Lt. M. 85 J amaica-Kuiu, echt iind echt Verschnitt, a Literflasche M. 1.60, 2,10, 2,50, 3,10, 4,50. Eugen Nenmann& Co.»er«. IfUMbdttfdfdhoit* Belle- Alliance- Platz 6a, Amt IV. 3679, :|>llllUUl tUUUlll* Wileuackerflraszc 25. Amt II. 2632.— Neue Friedrichstraße 81.— Oranienstr. 190.— Genthinerstr. 20.— Lonuitattdautciistr. 67.— Grüner Weg 50.— Elsaffersir. 19. Schöneverg, Hanptstr. 129.— Charlotteiibnrg, Kaiser Friedrichsiraße 48. Niederlagen: PntSufersir. 35. Potsdam: BäckerSr. 7. Silberne »msmills von 7 I»k. 50 bis ZS Mk. Echt goldene Damenuhren von 15 Mk. an bis 500 Mk. Goldene Herrenuhr von 30 Mk., mit Sprungdeckel von 40 Mk. bis 1000 Mk. Optl-Qirnituren, Türkis- Qarnlturen, Caprubln- Garnituren in den entzückendsten Mustern zu sehr billigen Preisen. Echte Brillant-Ringe von Mk. 9.00 an. Echte Brillant- Ohrrlnoe Mk. 27.00. Wir bemerken ausdiücklich, dass die erwähnten Brillant- Rings und Ohrrlngn keine Splitter, sogenannte Rosen, sondern gute Brillanten im 14kar. Cotd gefasst sind. Reparaturen w"uden enorm billigen Preisen auf das beste hergestellt, so dass wir darin einzig dastehen. Uhren, 3-jährliche schriftliche Garantie, Qoldin- Uhrcn prima Werk, prachtvolle Aus- j stattung mit Sprungdeckel von 10 Mark Beachtung! Beamten, Kaufleuien, Handwerkern, Landwirten u. Mllltir-Personen ist unsere Firma als gute und reelle Bezugsquelle bekannt, doch annoncieren wir noch, um es auch denjenigen mitzuteilen, die es noch nicht wissen. ■Ringe, welche w ir führen, haben eine solche Beliehtlieit, dass die Fabrik 1899 über 27000 angefertigt hat. Ermässlgte billigste Preise. Sie Ihren Bedarf in Goldwaaren und Uhren decken, besichtigen Sie unsere zu fabelhaft billigem Preise zum Verkauf gestellten Gegenstände. Kein Kaufzwang. warum wir so billig verkaufen können, liegt darin, dass wir die grossen Unkosten für einen Laden sparen und dass wir in grossen Posten viel billiger einkaufen können, als viele andere Geschäfte. GolduJaaren- und ühren- Industrie 1. Wolff& Stiller, Berlin ?of Friedrichstrasse 68, M_eü zwiuohnn Tauben- und Sohrenstrasa«, Grosshandel. Export. Versandt. —— Kataloge sämtlicher Artikel der Gold- und Uhren- Branche. Einzelverkauf nur Hof part. Terlobuogs Ehe Geheimnis Jeder.Vlaim mnss seiner Frau eine guie Wring- und Waschmaschine anschaffen, welche die beflen Wäscheschoner sind und die nur von mir allein echt ztt beziehen sind. Durch den groffen Umsatz mit dem fleinsten Nutzen werden Meie nach allen Weligegendeu versandt. DM" Meine neue Waschmaschine-WG hat fo viel Aufsehen erregt, wie leine andere Maschine der Welt. Meine Maschine wäscht tn 3 Stunden so viel, wie eine Frau in einem Tage mit der Hand waschen würde. 32708* Die schönsten und passendsten Weihnachts- Geschenke sind gut gearbeitete 31528* Steppdecken Am besten und billigsten direkt in der Fabrik Bernli. Strobmandel Berlin 8., 7S Wall str. 72, wo auch alte Decken attfgearb. werden. Orehrolle Wringmaschine verzinkt, zum Stellen, mit Prima- Gtimmiwalzen 18-30 Mk. Walzen- drehrollen D 23-130 Mf. von 150—600 Mk. in 7 verschiedenen Gräften, für jeden Raum passend, stets vorrätig, feinste Glättimg der Wäsche. Tausende Maschinen in Betrieb. Unzählige Anerkennungen. PreiSlist. gratis u. sranco. A. Prasser, Berlin NO., Kaiserstrasse 44, Maschinenfabrik. Fabrik und - Weyer 1 bei Zeichnung halbe Kette ganze tteiügei' Versandhaus Solingen.— natürliche Groge. Länge 26 ein. Möbel GroffcS Lager Gediegene und Boisierwaren Arbeit, äuncrst billige M ttAlaiulv Preise, emvjiehlt x*.. Rcicheiibergersir. 3. Auch Theilzahlittig!(' \o. 51)14 hochfeine, äufferst solide Nickclfeite mit Anhängsel, sranco gegen Nachnahme oder Boreinsendung des Betrages, das Stück 1.60 Mark. Nicht Gefallendes nehme zurück, daher jedes Risiko ansgeschlofsen. Unsere illustrierten Kataloge über Gold-, Silber-, Schmucksachen, feine Leder- und Stahlwaren:c.:c. gratis und franco. 108/16* Wein zum AniaHchaiik sehr geeignet! 31031. asiaa. rot, wie Portwein, ausgezeichnet im Gc.acliniack, garantiert icio, I« Hr. iL V,-, 1«6 Ltr. 63,. Oxhoft M. 130,-. Eugen Hcuntann& Co., n„ i< m<> r!«« � m t iv. 9676. Sie können sich's nicht denken, wie vorzüglich Carola- Kaffee schmeckt, und dabei ist er sehr billig. 1 Theclöffel genügt vollständig, um sich 2 Tassen vorzüglichen gesundheitlich zuträglichen Kaiiees herzustellen. Halb Bohnen- und halb Carola-Kntl'ee liefert in Stärke und Geschmack ein anw- gczcirluictcs Gctriink, trotz dieser Vorzüge kostet Vc Pfund Caroia-Katleo nur 30 Pfg. Uoberall zu haben._ i"2634Ii* z ahnschmerz hohler Zähne beseitigt sicher sofort„Kropps Zahnwatte" (20Proz. Carvacrohvatte) a Fl, 50 Pf. nur echt in plomb. Flasche. In allen Drogerien zu haben. Nimm nichts anderes, nur Kropp hilft sicher. Or.Siniinel?"'""'''"": ..... 2 Treppen rechts Specinlarzt f.Hant».Harnleideu. 10—2. 5—7. Sonntags 10—12, 2—4.» Arzt für ürmeil.!lcdz«ee W i/s Pf. und von 1903 der Einheitspreis von 12 Pf. zu Grunde zu legen. VoKsles. Flottenvorlage und Kapitalprofit, lieber dies Thema spricht Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht Donnerstagabend 8>/s Uhr in der im Alten Schützenhause, Linienstr. 5, vom Wahlverein des 5. Wahlkreises anberaumten Versammlung. Gäste haben Zutritt. Wahlvcrein dcS dritten Kreises. Heut abend 3 Uhr in Feuersteins Festsälen sJnhaber Martin Herzberg), Alte Jakobstr. 75, Versammlung. Genosse Georg Wagner hält ein Referat über der„Einfluß der ärztlichen Ehrengerichte auf die Krankcnkasscn". Gäste haben Zutritt. Eintritt frei. Der V o r st a n d. Zweierlei Wahrheit. In der Gemeindeschule werden Tag für Tag bekanntlich ein bis zwei Stunden der so schon beschränkten Lehrthätigkeit auf die Erhaltung der Religion verwendet. Gesangbuchverse von be- kanntem geistvollen Inhalt, Katechismus und biblische Geschichte nehmen im Lehrplair einen so großen Raum ein. daß 14jährige Knaben und Mädchen verwundert den Kopf schütteln ob der so nutzlos auge- wendeten Mühen, sie in dieser gottlosen Zeit zn frommen Christen orthodoxer Observanz zu erziehen. Denn auf die Recht- glaub ig keit kommt es besonders an. Daß nur die mosaische Schöpfnngssage den Kindern als bombensichere Wahrhaftigkeit ge- predigt werde— daß nur kein Lichtstrahl neuerer Raturerkenntnis die jungen Köpfe zum Zweifel animiere! Etwas anderes ist es um die höheren Schulen. Nicht allein, daß sich dort der Religionsunterricht auf zwei Stunden in der Woche beschränkt, man hegt auch eine gewisse Scheu vor der Deukthätigkeit, der Kritik der Schüler; mag der Lehrstoff an sich auch noch mit vielem zopfigen Bonibaß beschwert sein. Wie wenig die absolute Bibelfestigkeit, die dem Volksschüler als höchstes Ziel des Strebens zugemutet wird, beim Gtimuasiasten als Voraussetzung gilt, lehrt ein Blick in den neuesten„Mentor", den an höheren Schulen Deutschlands viel verwendeten Notizkalender für Schüler. In dem Büchlein ist neben anderen Aufsätzen auch ein Artikel enthalten, der vom Alter der Erde Kunde gicbt. Darin heißt es keck und frisch: „Die Frömmigkeit unserer Vorfahren setzte die Schöpfung der Erde auf einige tausend Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung. Wenn das erste Meuscheupaar an, sechsten Schöpfnngs- tage geschaffen wurde, dann war es an der Hand der Geschlechts- register, welche die Bibel sehr genau darlegt, nicht schwer, sogar annähernd das Alter deS großen Schöpfuugsaktes zn be- stinmren... Natürlich giebt es dafür, selbst wenn man der Bibel unbedingte Beweiskraft beilegt, keinerlei bündige Beweise; denn auch die auf die Angaben der Bibel begründeten Rechnungen sind nicht frei von Willkür. Immerhin �vären nach diesen Angaben, ivcnn man sie gelten ließe, gewisse Wahrscheinlichkeitsgrenzen zu ziehen, innerhalb deren sich das große Ereignis der Erdschöpfimg abgespielt haben mußte, und die äußersten Grenzen erstrecken sich höchstens auf 5000 bis 6000 Jahre von der Geburt Christi zurückgercchnet. DaS war und blieb und ist zum Teil noch jetzt die Ueberzeugung vieler vom Alter der Erde. Daß dem Wcltkörpcr, auf dem wir wohnen, aber ein viel, viel größeres Alter zuzuschreiben ist. dafür liegen tausend unanfechtbare Thatsachen vor, die bei Be- urteilung der Frage nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, wenn man nicht auf den höchsten Vorzug des Menschen, das Denken. Verzicht leisten will." DieS kleine Probchen wird unfern Lesern imnierhin recht iuter- effant gewesen sein. In, Zeitalter Darwins gelte dem höheren Schüler die naturgeschichtliche Erkennwis der Besten als Wahrheit. Dem Volksschüler aber möge die Sage, daß Gott der Herr vor 6000 Jahren die Welt in sechs Tagen erschaffen, als Wahrheit ein- gebläut werden. Wann werden die Herren, die derartiges zu ver- antworten haben, die Nutzlosigkeit ihrer orthodoxen Mühen einsehen lernen? Wann werden sie begreifen, daß die Irreligiosität keine bessere Nährmutter hat, als die Orthodoxie? Eine Gedenktafel für Heinrich Heine wurde gestern an dem Hause Taubenstraße 32 angebracht. Nach den Angaben von Strodtmann wohnte Heine in dem Haus, das sich früher an dieser Stelle erhob, im Jahre 1823. So trägt denn die Tafel, die aus grünem Syenit gefertigt ist, auch die Inschrift:„Hier wohnte 1823 Heinrich Heine (geb. 13. Dezember 1799, gestorben 17. Februar 1856). Der Stifter der Tafel ist derselbe Bürger Berlins, der am Nachbarhause auch die bronzene Gedenktafel für Ernst Theodor Amadeus Hoffmann anbringen ließ. Heine wohnte in Berlin zuerst in der Behrenstraße 71, dritte Etage, dann wenige Tage Unter den Linden 24, später Taubenstraße 32 und zuletzt in der Mauerstraße, unweit der Französischen Straße. Der Winter in Berlin. Die Kälte hat am Dienstag noch zu- genommen. In den Vororten zeigte das Thermometer morgens bei klarer Luft 14 Grad Celsius unter Null; in der Stadt waren 12 Grad Kälte. Lebhafte Empörung erregte es im Publikum, daß der Accumu- latorenbetrieb der Großen Berliner— die Bahnen von Siemens und Halske funktionierten vorzüglich— die gar nicht einnial sehr starke Schnceschicht nicht zu meistern vermochte, vielmehr am Montagabend und auch noch am Dienstag auf das kläglichste ver- sagte. An anderen Orten hat bisher gerade bei starkem Schneefall der elektrische Betrieb sich in jeder Beziehung bewährt; in Berlin tritt bei der ersten Probe heilloser Wirrwarr ein. Wann werden endlich die städtischen Körperschaften, die sich ja allerdings vor einem Jahre mit wahrer Inbrunst fast aller Rechte der profitwütigen Gesellschaft gegenüber begeben haben, wann werden sie endlich das Restchen ihrer Macht verwenden, um der Ge- sellschaft klar zu machen, daß sie auch noch andere Aufgaben hat, als Dividenden einzuheimsen und Arbeiter zu hudeln? Am Dienstag wurde der Straßenbahnbetricb ganz erheblich eingeschränkt. Auch die Pferdebahinvagen gerieten häufig ins Stocken. Viele Einspännerwagen wurden außer Betrieb gestellt, da- für verkehrten Zweispänner, vor die aber drei Pferde gelegt werden mußten. Auf der Lüne Görlitzer Bahnhof— Saoignhplatz hatten es die Pferde besonders schwer. Die Tiere konnten die großen Ver- deckwagen bei den Haltestellen kaum anziehen und fast jeder Wagen hlieb unterwegs vorübergehend liegen. Besonders an den Brücken- stcigungcn hielt es' wieder, ganz wie gestern, schwer. den Verkehr aufrecht zu erhalten. Bald blieb ein Accumulator« wagen, bald ein großer Pferdebahnwagen mit Decksitzen. oder ein hochbeladcner Rollwagen auf den Geleisen liegen. Passanten beschwerten sich über die unerhörte Thierquälerej vielfach auf den Polizeiwachen, doch waren die ReviervorstSude nicht in der des Jmiuls" Lage, Abhilfe zu schaffen.— Von 1 Uhr nachts ab mußten die sämtlichen Accumulatorenwagen, soweit solche noch betriebsfähig waren, die steckengebliebenen Wagenkolosse nach den Depots schleppen. Dies dauerte bis 4 Uhr morgens. Die Stadtbahuziige hatten unter dein Einfluß des Frostes meistens Verspätung. Auf den Stationen sammelten sich unterdessen ungewöhnlich viel Passagiere an, und wenn dann ein Zug einlief, war er vielfach ganz besetzt, so daß ein Teil des Publikums noch länger warten'mußte. Immerhin funktioniert der Stadtbahnbetricb bedeutend zuverlässiger als der elektrische. D i e W ä r m e h a l I e n am Alexanderplatz in den Stadtbahn- bögen 95—97 bieten bei der strengen Kälte der letzten Tage den Zufluchtsort und die Erholungsstätte für Tausende armer Leute, die sonst dem Wind und Wetter schutzlos preisgegeben wären. Außer dem Aufenthalt in sauberem, geheiztem Raum erhalten die Besucher der Wärmehallcn reichliche Portionen Kaffee, Suppe und Gebäck für zwei bis sieben Pfennig und— was sie als besonders große Wohlthat empfinden— kostenlose Reparatur ihres Schuhwerks. Der Schneefall ist für den diesjährigen C h r i st b a u m m a rkt bezüglich der Preise ausschlaggebend geworden. Die Anfuhr der Bäume ist noch eine mäßige und deckt den Bedarf noch nicht. Viele Großhändler hatten Vorkchrnngen getroffen, um sich eventuell noch Wagenladungen von Bäumen nachkommen zu lassen. Diese Absicht ist nunmehr gescheitert. Wie nämlich eingelaufene Telegramme aus dem Harz, Thüringen und Bayern besagen, sind in' den letzten Tagen dort so gewaltige Schneemasscn gefallen, daß an ein Fällen und Fortschaffen von Bäumen nicht mehr zu denken ist. Es wird daher mit hohen Preisen für Christbäume zu rechnen sein. Bei 15 Grad unter Null hat unsere Spree seit langen Jahren zum erstenmal wieder in Berlin eine Eisdecke aufzuweisen. An der Friedrichsbrücke, dem Schiffbaucrdamm, sowie auch oberhalb der Jannowitzbrücke war der Flußlauf mit einer leichten Eisdecke überzogen. Der SchiffahrtSverkchr. der Montag noch ziemlich rege war, wurde infolgedessen gestern völlig eingestellt. Auf der Ober- sprce waren Dampfer beschäftigt, eine Fahrstrahe fiir Mörtelkähne herzustellen. Der Müggelsee war gestern früh fast gänzlich geschlossen und nur innerhalb der Spreeströmung sowie am' Rahnsdorfer Ge- münde war das Wasser noch eisfrei. Auch der Spandauer Schiffahrts- kanal zeigt eine ziemlich starke Eisdecke. Ununterbrochen laufen neue Meldungen von Unfällen durch den gestrigen Schneefall ein. Der Sattlermcister Ernst O., Brückenstraßc 55 wohnhaft, stürzte beim Verlassen seiner Wcrkstätte so unglücklich, daß er sich die rechte Schulter aushob. Die Unfall- station am Grünen Weg leistete in diesem Falle erste Hilfe.— Der 59jährige Rudolf K., Auklamcrstraße 3 wohnhaft, stürzte in der Schönhauser Allee und brach sich den rechten Unterschenkel. Der Mann lvurde in die nahegelegene Unfallstation gebracht, wo ihm erste Hilfe geleistet wurde.— An der Köpnicierbrücke ereigneten sich fast gleichzeitig zwei bedeutendere Unfälle. Eine Dame, Frau S.. stürzte und zog sich einen Armbruch zu; ein Kaufmann, Herr Sch., zog sich im Sturze eine Schulter- Verrenkung zu. Unfallstation III leistete erste Hilfe.— In der Schönhauser Allee stürzte ein kleiner Junge, welcher eine Flasche trug. Ein Scherben der Flasche drang dem armen Kinde in das rechte Augenlid, wodurch eine drei Centimcter lange Wunde entstand. Der Kleine wurde nach der Unfallstation gebracht, wo ihm das Augenlid vernäht werden mußte, eine außerordentlich schwierige Operation.— Ein ähnlicher Unfall widerfuhr in der Nähe des Zoologischen Garten dem Arbeiter F. aus der Maricnfeldcrstraße. Er stürzte und zog sich eine zwei Centimeter lange Schnittwunde des Augenlides zu. Die Hochbahn. Nach emec durch den Arbcitsminister er- gangencn Autwort auf ein Immediatgesuch an den Kaiser gegen die Rampenanlagen der elekttischen Hochbahn auf dem Nollcudorfplatz hat der Kaiser durch Erlaß vom 4. Dezember die Ueberfllhrung der f ochbahn in eine Unterpflasterbahn auf dem Nollendorfplatz und der leiststraße bis zu ihrem Treffpunkt mit der Eiscnachcr- und Courbiorestraße sowie die Fortführung der Unterpflasterbahn unter der Kleiststraße, dem Wittcnbergplatz, der Tauenzienstraße, dem Auguste Victoriaplatz und der Hardcnbergstraße genehmigt. Etwaige Einwendungen dagegen seien in dem durch§ 17 des Gesetzes über Kleinbahnen und' Privatanschlußbahnen vom 28. Juli 1892 vor- geschriebenen Verfahren geltend zu machen. Nnrcmprlung des Reichstags-Abgeordneten Dr. Lieber. Als gestern mittag vor Beginn der Reichstagssitzung der Abg. Dr. Lieber das Reichstagsgebäude betreten wollte, wurde er von einem anscheinend geistesgestörten Manne angegriffen. Der Thätcr versetzte Herrn Dr. Lieber mit einer Peitsche einen leichten Hieb über das Handgelenk. Der hinzukommende Gcnerallieuteuant v. Viebahn veranlaßte die Verhaftung des Thäters. Dieser wurde als der Verlagsbuchhändler Adolf Brand aus Neu-Rahusdorf festgestellt, der sowohl in der von ihm verlegten Zeitschrift„Der Eigene" als auch kürzlich auf der Reichstagstribüue durch Verteilen von Flug- blättern gewaltsam die Augen der Oeffentlichkeit auf sich zu lenken suchte. Herr Theodor Rcuff, der früher von der Berliner politischen Polizei mir einem festen Monatsgehall von 450 M. als S p i tz e l angestellt>var, hat sich jetzt der Kunst ergeben. Unter dem Namen Berliner Gesamtgastspiel Walden-Jordan eröffnet eine Schauspieler- gesellschaft. wie der„B. B.- C." meldet, nächstens ein Gastspiel in Stargard. Administrattver Leiter der Gesellschaft ist Herr Theodor Reuß. Obgleich die fetten Jahre für diesen Ehrenmann vorbei sind. hat man doch vor ihm auf der Hut zu sein. Kiuder-Volksküche. Am Mittwoch, den 13. d. M., 12 Uhr mittags wird die Kindcr-Volksküche für den Südwesten, Fürbringer- straße 18, eröffnet werden. Gesuche um Freispeisung armer Kinder sind an den Bezirks-Vorsitzenden Herrn Dr. Rindskopf, Friesenstr. 26, oder an die Vorsteherin, Frau Ratszimmermeister Hosemann, Berg- mannstr. 102, zu richten. Au der Tollwut erkrantt ist ein Stellenbesitzer in Neustadt in Oberschlesien, der sich hier zur Kur aufhielt. Der Mann wurde Mitte Oktober von seinem eigenen Hunde gebissen. Obwohl gleich darauf festgestellt wurde, daß der Hund tollwutkrank war, ging der Gebissene doch ruhig seiner Beschäftigung nach und begab sich erst am 29. November nach Berlin, um sich hier auf der Schutzstation ambulatorisch behandeln zu lassen. Die Versäumnis ist ihm ver- Sängnisvoll geworden. Das Wutgift war bereits soweit vorgedrungen. aß die Schutzimpfung nicht mehr wirken konnte. Montag kam die schreckliche Krankheit zum Ausbruch. Der Kranke wurde sofort in die Anstalt übergeführt, um dort in Sonderbehandlung zu bleiben. Der Fall zeigt aufs neue, wie notwendig es ist, rechtzeitig die Hilfe der Schutzstation in Anspruch zu nehmen. Drei Personen bei einer Explosion verletzt. In der Küche des Barbiers Witte, Manteuffelstr. 106, explodierte gestern gegen Mittag die Kochmaschine. Die Maschine wurde vollständig aus- einander gerissen und brennende Kohlen nach allen Seiten ge- schleudert. Frau Witte mit ihrer halbjährigen Tochter sowie der 22jährige Gehilfe August Tietz. die in der Küche anwesend waren, erlitten zum Teil schwere Brandwunden. Tietz und das kleine Mädchen wurden im Gesicht, namentlich auch an de» Augen stark verletzt, doch scheint Lebensgefahr nicht vorzuliegen. Die Kleider der Frau Witte ivaren in Brand geraten und die Frau trug ebenfalls erhebliche Brandwunden davon. Die Licbestragödie in der Luckcnwalderstraße. Man glaubte zunächst, daß der Bauführer Jürgens seine Geliebte, Frau Köpke, durch einen Schuß in den Mund getötet habe, und daß die Kugel oben auf dem Kopfe aus dem Wundkanal wieder heraus- äet'retcn sei. Eine genauere Besichttgung zeigte jedoch, daß die iugel den Mund nicht, berührt hat» vielmehr von oben Wittioch, 13. Dtzkmblt 1899. her in den Kopf eingedrungen ist. Hiernach hat Jürgens- seine Geliebte hinterrücks erschossen. Auffallend ist es auch. daß Jürgens. allein alle drei Abschiedsbriefe geschrieben hat. Er erklärt zwar, daß er mit seiner Geliebten frei- willig in den Tod gehe, es fehlt aber jeder Zusatz von der Hand der Frau Köp'ke, der diese Erklärung bestätigte. Die Be- Hörden scheinen mit der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit zu rechnen, daß Frau Köpke nicht freiwillig gestorben, sondern ermordet worden ist. Während bisher in solchen Fällen nur der Tod festgestellt wurde, ordnete man jetzt eine gerichtsärztliche Oeffnung der beiden Leiche» an. Diese hat gestern nachmittag stattgefunden. lieber ihr Ergebnis wird nichts mitgeteilt. Vom Dache gestürzt ist gestern abend der Portier Emil Krüger, Brunuenstr. 50. Er hatte das Dach vom Schnee gereinigt, und als er gegen Vh Uhr fertig war, wollte er sich wieder in seine ini obersten Stockwerk belegene Wohnung begeben. Da bemerkte er, daß er die Wohnungsschlüssel, die er sich kurz vorher von seiner Frau hatte geben lassen, verloren hatte. Er versuchte nun, von dem flachen Dache, auf welches er durch das Oberlichtfcnstcr der Wasch« küche gelangt>var, auf den schrägen Teil desselben bis zu seiner am Erker befindlichen Küche zu gelangen, um durch das Fenster der- selben einzusteigen, verlor aber bei diesem Wagnis den Halt und stürzte auf das Trottoir hinab. Er war sofort tot. Irrige Nachricht. Ein hiesiges Lokalblatt brachte vor einiger Zeit die Nachricht, daß das Grundstück Grenadierstr. 33, auf dem die Buskeschen Festsäle liegen, in den Besitz der Baugenossenschaft der Freireligiösen Gemeinde übergegangen sei. Wie uns mitgeteilt wird, hat ein solcher Besitzwcchscl nicht stattgefunden. In Kellers Festsälen. Koppenstr. 29, veranstaltet die 79. Schulkomintssion zum Besten der Weihnachtsbescheermig armer Kinder am Donnerstagabend 8 Uhr ein Sinfonie-Konzert mit künstlerisch ivertvollcm Programm, aus das wir unsere Leser hinweisen. Eintrittskarten kosten SV Pf. Feuer im Krankenhaus am Fricdrichshain. Auf dem Boden- räum deS Pavillons 2 im städtischen Krankenhause am Friedrichshain befinden sich zwei Tanks der Wasserheizung. Behälter, die mit einer Korkwand umgeben sind. Die beiden Heizer hatten gestern nach- mittag diese unmittelbar unter dem Dache befindliche Anlage be- sichtig't, ivie sie sagen, unter Benutzung einer feuersicheren Laterne. Uni 5'/s Uhr brach gestern abend gerade in diesem Raum ein Feuer aus. Währchid sofort die Feuerwehr benachrichtigt wurde, riefen der Direktor und der Inspektor der Anstalt alle Acrzte und die Wärter zusammen, um zur Verteilung der kranken Frauen und Kinder, nnt denen der Pavillon belegt ist, bereit zn sein. Brandmeister Teubncr erhielt die Nachricht, als er eben mit seinem Zuge in der Andreas- straße ein Feuer abgelöscht hatte. Mit zivei Zügen rückte er sofort nach dem Krankenhause aus. Hier hatten Aerzte und Wärter unterdessen schon die Kranken aus dem oberen Geschoß bcruutergcschafit. so daß die Wehr oben für den Angriff auf den brennenden Dachstuhl Raum fand. Nun stellte sich aber ein schwerer Ucbclstand heraus: die Hydranten des Kranken- Hauses passen nicht zu den Wasserrohren der Feuerwehr. Diese mußte sich daher das Wasser mit ihrem Wasierwagen von den Hydranten der Straße holen und es dann mit Handdruckspritzen aus dem Wagen in das Feuer senden. Dennoch gelang es. auch unter Zuhilfenahme der mechanischen Leiter, des Brandes Herr zu werden. bevor er einen größeren Umfang angenommen hatte. Der Dachstuhl wurde nur zum Teil vernichtet. Durch ciuc» Sturz vom Wagen ist gestern, Dienstag, nach- mittag um 4�2 Uhr, der 52 Jahre alte Arbeiter August Fic'big aus der Gollnowstr. 9 sthwer verunglückt. F. war in der Nutzholzhandlung von Bry in der Landsbergcrstr. 92 beschäftigt und begleitete gestern einen mit Brettern beladenen Wagen, um beim Abladen auf einem Lau zu helfen. Bei der Ausfahrt schleuderte der Wagen sehr stark und Fiebig fiel herunter und zog sich einen komplizierten Schädel- bruch zu. Ein Lückscher Rettungswagen brachte den Verunglückten nach der Unfallstation in der Altcit Schützenstrnße und �von dort in das Krankenhaus am Friedrichshain, wo er hoffnungslos darnieder- liegt. Feucrbericht. Dicnstagnachmittag 3 Uhr stand L e t t e st r. 6 ein Teil der Dachkonstruktion in Flammen, die erst nach längerem Wasser- geben abgelöscht werden konnten. Kurz vorher wurden Arndt- ft r a ß e 43 Kisten und der Fußboden eingeäschert. Vormittags 10 Uhr liefen Alarme von M u s k a u e r st r. 24 und Bergmann st r. 36 ein, die aber auf unbedeutende Veranlassungen zurückzuführen Ivaren. Früh 6 Uhr war L o t h r i n g e r st r. 67 ein Wafferrohr« bruch entstanden, wodurch ein Keller vollständig unter Waffe» gesetzt wurde. Die Wehr beseitigte die Kalamität. Montag- abend war Thurmstr. 27 auf dem Grundstücke deS städtischen Krankenhauses eine Baubude in Brand geraten. der die Wehr kurze Zeit beschäftigte. Frie brich st r. 235 wurden in einem Schultlassen-Ziinmer Schaldecke, Fußboden und Balkenlagcr durch ein Schadenfeuer stark beschädigt.— Ein kleiner Dachstuhlbrand rief die Wehr nach P ut t kam erst r. 12. Gegen Mitternacht wurde am öffentlichen Melder in der Kleinen P r ä s i d e n t e n st r a ß e Unfug verübt, doch konnte der Thäter nicht ermittelt werden._ Ans de» Nachbarorte». Britz. Der Volks-BildungSverein hält Freitagabend 8Ve Uhr bei Dorn seine regelmäßige Mitgliederversammlung ab. Genosfe Rechtsanwalt Viktor Fränkl spricht über„Das Mietsrecht im Bürger- lichen Gefetzbuch". Rixdorf. Die Frage, wie sich die Armenlasten der Gemeinde Rixdorf vermindern ließen, beschäftigte dieser Tage in gemeinschaftlicher Sitzung die Armenkommissionen, die Armen- Deputation, die Deputatton für das Armenhaus, für das Waisen- Haus, für die Krankenanstalt und den Magistrat. Einen wirklich praktischen Erfolg hatte die Sitzung nicht, da die Mittel und Mittelchen, die vorgeschlagen wurden, keineswegs im stände sind, irgend welche nennenswerten Aendcrungen hervorzurufen. Man sprach meist von der Krankenanstalt, die mit 50 Betten versehen iff, und erörterte die Frage, ob nicht eine Anzahl Kranker im Armenhause untergebracht werden könne. Im allgemeinen war die Stimmung dagegen, und auch Genosse Dr. Silberstein sprach sich entschieden gegen die Belegung des Armen- Hauses mit Kranken aus, indem er geltend machte. daß dort weder eine genügende Krankenpflege und ärztliche Behandlung möglich sei, noch die geeignete Krankenkost für acute Kranke beschafft werde» könne. Schließlich einigte man sich dahin, daß unter Umstände» Sieche und unheilbare Kranke im Armenhaus unterzubringen seien. Weiter beschäftigte man sich mit den Armenärzten, und da war es besonders der volksfreundliche Herr B e Ijß. der diesen Aerzten vorwarf, daß sie zuviel Kranke in das Krankenhaus schickten. Genosse Dr. Silberstein hob dem gegenüber hervor, daß eine Behandlung vieler Kranker aus der Ar'menpraxiS in ihrer Wohnung geradezu unmöglich wäre. Es fehle oft am Nötigsten: an Luft, Licht und geeigneter Nahrung. Von Armenärzten würden Fälle berichtet, wo Leute Hunger leiden mußten und schon deshalb in die Krankenanstalt zu bringen waren. Man kam zu dem Entschluß, den Armenärzten aufzugeben, daß sie nur in den dringendsten Fälle» Patienten auS der Armenpraxis in daS Krankenhaus senden sollen— was bisher auch schon geschehen sein dürfte. Dann ging man zu den für die Krankenhausbehandlung erhobenen Verpfleg ungSko st en über. Die Anstalt wird zu einem Drittel mit Kassenpatienten, zu zwei Dritteln auf Antrag mit anderen Kranken belegt. Beiß schlug vor, den gesetzlich höchst zulässigen Preis von 3,50 M. pro Tag festzusetzen. Bürgermeister Voigt wünscht eine Erhöhung des geltenden Satzes wenigstens bis auf 2,50 M. Genosse Silberstein meinte darauf, daß sich schwerlich auf diese Weise ein Nutzen für die Gtadt«lAklin lasse. Die Krankenrassen, die anderen Kranke»Heusern mit 2 M. zahlten. würden sich wohl hüten, in Rixdorf 2.50 M. zu zahlen, und von Privatkrankcn werde die Anstalt so gut wie gar nicht bciintzt. Mau trennte sich mit dem Gefühl, dost die Sitzung ungefähr dasselbe erreicht habe, wie jener bekannte mecklenburgische Landtag: Alles bleibt beim Alten. Die Stadtvetordnetcu-Versanimlilttg zu Schöiicberg setzte am Montag eine» AuSschnst ein. der den Antrag dcS Magistrats au Anstellung eines StadtbaumcisterS und eines Landmessers prüfen soll. Die Erhöhung der Mi e tS ents ch äd i g un g fii die Volksschullehrer, welche vor acht Tagen durch B e s ch l u sz der Stadtverordneten festgelegt wurde, hat aus soNnellen gesetzlichen Gründen nicht die Zustlnintung des Magistrats gefunden. So fei z. B. die Angabe des Zeitpunktes der Erhöhung in dem Beschlnj; nicht angegeben. Ilm dieses nachholen zu lalfe», hatte der Magistrat die Vorlage an die Stadtverordneten zurückverwiesen Diesen Moment glaubte ein Teil der Stadtverordneten, wie wir schon am Sonntag erklärten, wahrnehmen zu müssen, um ihr unter dem Druck des thätsächlichen Notstandes damals abgegebenes Votum zu Ungunsten der Lehrer korrigieren zu können. Jene Herren de« antragten nämlich„Verweisung" der schon angenommenen Borlage an einen Ausschuß, um die kleinen formellen Bedenken in Ruhe und Besonnenheit zu prüfen, In klaren, der wahren Sachlage e»t- sprechenden Worten hoben Stadtv. Waßmannsdorf und Genosse Obst die eigentümliche und befremdliche Stellung dieser Herren hervor, Der ganze Schachzug bedeute nichts weiter, als unseren Lehrern die zugebilligte Erhöhung jetzt in etwas zu kürze». Dieses Argument vcranlaßte nun wohl auch den Sadtverordneten-Vorstehcr, einen BermiltelungSvorschlag in Fonn eines ZnsatzantragcS zu machen. Jedoch auch dieS war vergebens. Die von der«Freien Vereinigung" ausgegebene Parole that ihre Wirkung. Mit 24 gegen 18 Stimmen wurde die Ansschnßberatnnq angenommen. Echoncbcrger Lehrer werden hoffentlich nicht verfehlen, den von ihnen auch gewählten freisinnigen Stadtvätern bei Gelegenheit den Dan? abznstäitcn. Zum Schluß wurde noch die„Bildung einer gemischten Deputation fiir da? höhere Schulwesen unter folgenden Bedingungen beschlossen: Die Deputation besteht aus 8 MaaistratSmitgliedcrn und 4 von den Stadtverordneten z> wählenden Mitgliedern, von denen 2 Stadtverordnete fein müsse», die Leiter der höheren Lehranstalten sollen Mitglieder der Deputation nnt beratender Stimme sein. Die erstmaligen Wahlen werden für die Zeit bis zum Ende des Jahres 1902 vorgenommen. Schöncbcrg. Dreizehn Zweige der städtischen Polizeiverwaltimg inkl. der Baupolizei gehen nunmehr bestimmt am 1. Januar 190(1 ans die königliche Polizeidirektion über. Von den bisher in diesen Zweigen beschäftigten 24 Beamten übernimmt die königliche Polizei 2 Sekretäre. NuS Spaudau schreibt man uns: Bei der Stichwahl der e r st e n Abteilung zur Stadtverordncteii-Vcrsommluiig in Spandau unterlag der bisherige Stadtverordnete, Zimmcrmeister S a m- dach, gegen den Manrcnneistcr K l c i n f e l d. Herr Sambach gehört der Spandaner Stadtverordneten-Versmimtlung bereits dreißig Jahre an; der Arbeiterschaft Spandans ist er durch seine hnnfigen Distcrciizen mit den organisierten Zinimercr» mid durch die mehr- fach ans seine Veranlassung erfolgte Einleitung von Streif Prozessen gegen streikende Arbeiter bekannt geworden. Sein Scheiden aus dem Sladtparlameut wird wegen seiner vcr- alteten Ansichten überall nnt Geniigthliung begrüßt Eine versteckte Dcmiiiziation gegen die' in Militärivcrkstätten Spandaus beschäftigten Arbeiter leistet sich in seiner Dienstag nnmmer der liberale„Anzeiger für das Havelland", indem er seine Hiobsbotschaft von dem Ausfall der Stichwahl der dritten Abteilung mit den Worten einleitet: Infolge der Wahleiithallimg des größten Teils der Arbeiterschaft s!) gelang eS den Socinldeinokratcn auch in der Stichwahl, ihre Kandidaten durchzubringen." Noch bei der Stichioahl betonten miscre Gegner ausdrücklich, daß ihre Kandidaten »bürgerlich" seien, mm diese aber so kläglich nntcrlegen sind erinnern sich die Herren daran, daß wohl die Staatswerkstätte»- Arbeiter hidran schuld sein könntcu, weil diese nicht mehr>vie früher den„Liberalen" Gefolgschaft leisteten, sondern sich lieber der Wahl enthielten. Thomas-Mchl und kein ßude! Gestern stand in der Klage fache des Vorstandes des Bundes der Landivirte gegen das„Verl, Tagebl." abernnals Termin vor dem hiesigen Schösicugcricht an,— Kläger waren Dr. R ö s i ck e. Dr, H a h n und P l a s k ii d a. Angeklagter und Widerkläger Rcdactcnr Heinrich Nicolai, Es handelt sich mn vier Artikel, in denen das„Berliner Tageblatt" das bekannte und schon vielfach erörterte Thomasmehl- Geschäft des Vorstandes des Bundes zum Ausgaiigspimkte von Bc- trachtungen gemacht hatte. Diese gipfelten in der Bchanptmig, daß der Btliidesvorstaild seine Mitglieder, denen er das Thomasmehl lieferte, geprellt habe, weil er ihnen nicht, wie er in seinen Ankündigungen versprochen, zu ,. billigsten" Preisen, sondern teurer als andere Lieferanten geliefert und diese Thatsnche durch allerlei Spceialabmachungen mit der Thomasmehl-Fabrik verschleiert und den höheren Ertrag zur Füllung der Agitationskasie des BmidcS verwandt habe. Die Wicderklage bezog sich ans zwei vom Bundesvorstände erlassene Gegenerklärungen, in denen die Gegner des Bnndcs beleidigt worden"waren.— Der Gerichtshof würdigte die umfangreiche Beweisanfiiahmo in folgender Weise: Dem Angeklaglcn sei der Schutz des§ 193 nicht zuzubilligen, der Wahrheitsbeweis sei nicht als geführt zu erachten. Aus den ersten Blick erscheine die vom Vorstände angenommene Offerte mit 25 Pf. ungünstiger, thatsächlich sei dies aber nicht der Fall, da die zu gewährende» Rabatte das Endresultat lvcsciitlich modifizieren zu Gnnstcn dieser zweiten Offerte. Thatsächlich hätte sich der Preis bei der ersten Offerte auf 337,50 M., er hat sich aber bei der zweite» auf 330 M. gestellt. Von Betrug, von rechtswidriger Benachteiligung der Mitglieder oder von einem gegen Treu und Glauben verstoßenden Verhalten könne keine Rede sein. WaS die Widerklage betrifft, so sei Dr. Hahn überhaupt freiznsprechcn, das Verfahren gegen Dr. Rösicke und Plaslnda aber einzustellen, da der gleiche Thatbestand schon einmal sin Sachen der„Köln. Ztg.") zum Gegenstände der Widerklage gemacht Ivordei« und ein Urteil ergangen sei. Es greife hier also der Grundsatz no bis in idern Platz— Im übrigen lautete das Urteil gegen den Angeklagten auf 200 Mark Geld st rase event. 20 Tage Gcfüngniß. Ein von schwere» Folgen begleiteter RoheitSakt führte gestern deu Maurer Hermann Jahn miter der Anklage der schweren Körpervetletzmig vor die vierte Strafkammer des Land- gerichts I. In der Nacht zum 24. September befand sich der Student Hölscher auf dem Heimwege. Sein Begleiter, der Direktor eines hiesigen wissenschaftlichen Instituts, blieb in der Klciuen Hamburgcrstraße etwas zurück, während Hölscher allein weiter- ging. Es begegnete chm der Angeklagte Jahn, der sich in Begleitung seines Wirtes, des Tischlers Siclaff, befand. Beide waren etwas angetrunken.„Von dem Manne da will ich Feuer haben", erklärte Jahn zu seinem Begleiter, als ihnen der Student entgegenkam.„Laß doch sein". meinte Sielaff,„meine Cigarre brennt ja." Jahn bestand aber auf seinem Borhaben. Er ging so heftig auf den Studenten zu, daß er ihn mit seinem Körper berührte.„Hast Du gedient redete er ihn an. Der Student erividerte bejahend, setzte aber in gutmütigem Tone hinzu:„Mein Herr, wenn Sie auch angetrunken sind, müssen Sie sich doch anständig benehmen."„Gieb mir Feuer I" herrschte Jahn ihn an.„Mit Vergnügen!" Uno der Student hielt seine Cigarre gegen die dcS Angeklagten. Zum Daick erhielt der Student �>on dem Angeklagte» eiiicn Hieb dazwischentretenden Sielaff aufgefangen. Beide eutferfiten sich dann. während der Student seinen Hut von der Straße aufhob. Gleich darauf stieß sein Freund wieder zu ihm. Derselbe fragte ih». was et sunt den Leuten vorgehabt habe. Als Hölscher ihm Aufklärung gegeben, erwiderte sein Freund, daß sie dies nicht so hingehen lassen iöimten, der Angreifer müsse festgestellt werden. Beide liefen dann hinter dem Angeklagten her, wobei Hölscher wiederholt nach einem Schutzmann rief. Als er in der Nähe des Angeklagten war. drehte dieser sich plötzlich»in und versetzte mit der Krücke seines Stockes dem Hölscher einen wuchtigen Schlag gegen den Kopf. Der Getroffene stürzte ohnmächtig zu Boden. Die Spitze der Krücke war ihm ins linke Auge gedrungen und hatte es vollständig zerstört. Auch das Gehör ans dem linke» Ohre hat Hölscher infolge der Ver- letzung fast vollständig verloren.-Ter Angeklagte»nd sein Begleiter entkamen, erst nach' längerer Zeit verriet die Ehefrau Sielaff sich durch eine unvorsichtige Aeußerung. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten eine Ge- fängnisstrafc von 3 Jahren, der Gerichtshof unter dem Vorsitze des LandgerichtSratS Braun hielt dieS Strafmaß aber für viel zu"niedrig. Der Angeklagte, der bereits wegen Körper- Verletzung mit zehn Monaten Gefängnis vorbestraft sei, habe sich' durch die vorliegende That als ein Rowdy der schlimmsten Art gezeigt und den friedfertige» Studenten zeitlebens unglücklich gemacht. Im Interesse der öffentlichen Sicherheit sei eine exemplarische Strafe geboten und diese ans vier Jahre Zucht- haus bemessen worden. El» diebischer Schlächteruieistcr. Unter der Anklage des Diebstahls stand gestern der Schlächtermeister Otto Blümct vor der 129. Abteilung des Schöffengerichts. Der Angeklagte wurde durch die Beweisausuahme für überführt erachtet, daß er an einem Oktobermorgen eine Kalbsbrust im Werte von 20 Mark von einem der vor der Central-Markthalle haltenden Wagen cutweudet und auf seinen Wagen gelegt hatte. Der Staatsanwalt beantragte gegen ihn eine Gefängnisstrafe von fünf Tagen. Der Gcrichtshof'bezeichnete es als unerhört, daß ein Meister den andern bestchle und dadurch noch die Sicherheitszustände vor der Central- Markthalle, die ohnehin zu wünschen übrig ließen, verschlechtere. Es wurde auf eine Gefängnis st rase von 14 Tagen er- kanut. In der Strafsache gegen v. Kricgshcim ist jetzt Termin zur Hauptvcrhandlmig aus den 29. Januar angcsctzr worden. Eine öffentliche Echmiede-Bersammlung tagte am Montag im Lokal KönigSbank, Frankfurterstraße, um gegen die geplante Um- ivandlung der bestehenden Schmiedegesellen-Krankenkäffe in eine Jnnungs-Krankenkaffe zu protestieren. Diese Krankcntaffe wird, lose ausgeführt wurde, bereits seit etwa 22 Fahren von der Gesellenschast verwaltet und hat sich diese Vermaltimg sehr gut bewährt und der Aufsichtsbehörde auch niemals Veranlassung zum Einschreiten gegeben. Bei der Uebcrnahme der Kasse in eigene Verwaltung war infolge der Mißwirtschaft, die unter der Regie der Meister herrschte, ein erhebliches Deficit vorhanden, trotzdem zur Zeit die Verträge beständig erhöht und die Leistungen der Kasse außerordentlich minimale wareii. Das Deficit ist in den 22 Jahren nicht nur vollständig gedeckt, sondern auch ein Reservefonds von über 25 000 M. angesammelt worden, obwohl die Leistungen den kranken Mitgliedern gegenüber ganz be- deutend zngeirommcn haben. Nach den Änsführuiigen des Referenicir soll die Aufsichtsbehörde der Jnmnig anhcim gestellt haben, an der Verwaltnng der Kasse, die bisher allgemein als tadellos bezeichnet worden ist. teilzunehmen. Nach kurzer Diskussion gelangte einstimmig eine Resolution zur Annahme, nach der die Innung ersucht werden soll, den Gesellen die Verwaltung der Kasse zu belassen. Wie noch angeführt wurde, verzichten die Gesellen auf die Beiträge der Meister lind sind gewillt, wte bisher die Kosten der Kasse allein zu tragen. Lnndsinaiiiischast der Schleswig-Holfteiuer. Mittwoch, de» 13. De- zeiiwer, afjeuds w Ilbr: VeEamuilung in G. tzcuerstcius Festsileu(Inhaber M. Herzverg), Alte Jakobstr. 75. Vermifchkes. Vevpcumnlnngen. □um Ä�uni. tiyiuti. u et vstuvw»* uvtt utm euiu« jjicü v*c iCjüüuiuuuwieii t nit dem Stock über den Kopf. Ein zweiter Hieb wurde vo» dem I maiichestcrlichelt Liberalismus feierte. Die Ngrnricr als Netter dcS Mittelstandes in Berlin. Der Bund"der Landivirte hatte am Montag die Angehörigen des Mittelstandes zn einer Vcrsammlmig eingeladen, die im Buggen- hagenschen Saale stattfand. Den Besuchern' der Versammlung wurde im Vorsaal zuerst eine grüne Karte. worin der Antisemit Emil Bodeck seinen„Deutschen Knig" empfiehlt, in die Hand gedrückt. Dann erhielt man ein Formular, durch dessen Ausfüllimg man sich als Mitglied des Bundes der Landivirte erklären koimte, und nnr mit diesem Zettel in der Hand durfte man den Versammlmigs saal betreten, der sich dann nach und»ach mit einigen hundert Per- soncn siilltc. Schon bei der Eröffnnng der Versammlung kam es zn einem kleinen Zivischenfall. Ein Herr Bötlcr, der Vorsitzender des Wahlvereins der deutsch- socialen illeformpartei ist, wollte in Form einer„anfklärciidcn Bemerkung" seinen Ilmvillon darüber ausdrücken. daß der Bund der Landivirte"der deutsch- socialen Refornipartci auf dem Gebiete der MittelstandSrettiing in Berlin Konkurrenz zn machen beabsichtige. Als der Redner gerade im besten Zuge war, schnitt ihm jedoch der Vorsitzende mit der Schneidigkcit eiileSRcscrvetientenants daS Wort ab. Hierauf hielt Dr. D i e d e r i ch Hahn, der Direktor dcS BiliidcS der Landivirte, eine längere Rede. A»S derselben ging hervor, daß der Zweck der Versaiinnlmig war, in Berlin eine Orts- gnippe des Bundes der Landivirte zn gründen. Mit dieser Grün- düng solle de» schon bcftchcndcn politischen und ivirtschnftlichcn Vcr- cinigimgeii, die sich die Vertretung der Interessen des Mittelstandes zur Aufgabe gemacht haben, leine. Koiikurrcnz geboten werden. Ebensowenig folle der Schwerpunkt des Bundes nach Berlin verlegt werden. Der Bniid iverde fälschlich als eine Vertretnng der Großgrundbesitzer hingestellt, er nehme in Wirklichkeit die Interessen des Mittelstandes, und zwar nicht mir des ländlichen, sondern auch des städtischen wahr. Der Mittelstand könne sich nicht selber helfen, die Gesetzgebung müsse fiir ihn ein- treten. Von der Regierung sei keine Initiative zu Gimsten des Mittelstandes zu erwarten, sie weiche zurück vor dem Freisinn und der Socialdcmokratie und sie liquidiere sozusagen vor unseren Augen die Biömarcksche Masse. Darum müsse der Mittelstmid sich organi- ierc», mn Einfluß ans die Wahlen und damit auf die Gesetzgebimg mid die Regicnmg auszuüben. Der zweite Redner war Licbermann von Sonnen- b e r g. Er hat nichts dagegen, daß der Bund eine Ortsgruppe in Berlin gründet, und sieht"darin lein Konknrrenzuntcnichmeu gegen die dcnisch-sociale Refonnpartei. Die weitercu Ansführungen des Redners basierten auf dem Grnudton: Kauft nicht bei' Juden! Geht nicht in die Äroßbazare, wo das freche elektrische Licht strahlt, die mit ihren Reklamen und schreienden Auslagen besonders unsere Frauen und Mädchen anziehen, daß sie hineinfliegen wie die Motten ins Licht! Als dritter im Bunde der Mittclstandsrcttcr nahm Major a. D. Freiherr v. Loen das Wort. Er stellte sich als einfacher Landwirt vor. und führte zur Empfehlung des Bundes der Landwirte an, daß demselben 4000 Eiscubahu-Bctricbssclretäre angehören und daß er, der Redner, ivcgen Gehaltsausbesierung dieser Beamten bei Herrn v. LiicamiS vorstellig geivorden sei. Hierauf wurde die Gründung einer Ortsgruppe Berlin beschlossen und folgende Herren in den Vorstand derselben entsandt: Schön, Stadtv. Ulrich. Bamneister Felisch, Mich. Schwarzlose, Otto Ebers. Jetzt begann die Diskussion. Bötlcr, der Borsitzende dcS Wahl« Vereins der dcutsch-socialcn Reformpartei, hält den Bund der Land- wirte nicht für die geeignete Vertretung dcS städtischen Mitteltandes. Zwischen dem Programm des Bundes und dem, ivaS seine Vertreter thu». sei ein großer Unterschied. Wenn der Bund dem Mittelstände helfen wolle, dann dürfe er nicht daSKanshaus des Osfizicr- und Vccimtenvereins begünstigen, denn dasselbe sei ein Ramschbazar genau so Ivie der Wertheimsche, und die leitenden Personen des Bundes der Landwirte seien die Käufer in diesem Offiziers-Ramschbazar. Sei das vielleicht eine Begünstigung des Mittelstandes, wenn Herr v. Saldern als Kandidat dcS Bundes in seinem Wahlkreise erschien, angctha» mit einer Hose, die im Osfizicrverein gelaust war? Oder wenn Herr v. Podbielski, auch ein BnndcSmitglied, auf seinem Gute in der Prignitz eine Großschlächtcrei eingerichtet hat, durch die zahlreiche Schlächtermeister cmpsiudlich geschädigt tvcrdcn? Redner glaubt, der Bund komme jetzt nach Berlin, um hier Beitröge ein- zusammeln als Ersatz für den Ausfall an Beiträgen in der Provinz. Wenn der Bund für den städtischen Mittelstand eintreten wolle, danii olle er den Befähigungsnachweis dafür erbringen, indem er aus einen Reihen alle«"beseitigt. ivaS den Mittelstand schädigt.— Eine Gruppe im Hintergründe des Saale« zollte diesem Redner lebhaften Beifall, die Mehrheit, die den Borrednern applaudiert hatte, verhielt stch schweigend. Licbermann v. Soimcnberg suchte seinen Partei- genossen zu beschwichttgeu. Nur keinen Bruderkrieg I so mahnte er. Die nnseligen Streitigkeiten in unsern Reihen müssen ein Ende nehmen. Im weiteren Verlauf der Debatte erklärten sich Vertreter de« EentralbercinS selbständiger Gewerbetreibender sowie des Bundes der Handel- und Gewerbetreibenden mjt dem Vorgehen des Bundes der Landwirte in Berlin cinvcrstande», unter der Voraussetzung, daß die schon bestcheudcn Organisationen dcS Mittelstandes dadurch nicht beeinträchtigt würden.— AlS Unikum mag noch erwähnt werden, daß Herr Ulrich, der im 45. Bezirk mit Hilfe des Freisinns gewählte antisemitische Stadtverordnete, diese seine Wahl als einen Sieg des BiirgerttimS über die � revolutionären LZestrebiinge» der Soeialdentokratie«nd des Strenger Winter überall. Sonntag und Montag fiel fast in ganz Deutschland Schnee, der heftige Kälte brachte. Auch ans Beißt«» wird starker Schneefall gemeldet. Für die Schiffahrt Deutschlands droht jetzt neben dem niederen Wafferstaiid als zweite Kalamität das Treibeis. Der untere Neckar bringt Treibeis, bei Heilbroim ist er schon zugefroren. Wie ans Frankfurt a. M. geschrieben wird, geht der Main schon mit Treibeis, und es wurden deshalb die Nadelwehre der Schleiisen niedergelegt. Nach aufgehobener Stauung entdeckte man in der Nähe des Schlacht- und Viehhofes im Flusse die Leiche n ziveier italienischer Arbeiter, die wahrscheinlich von Offenbach a»ge- schwemmt worden sind und»»» in Frankfurt gelandet wurden. In Dresden herrscht bei 6 Grad Rcanmnr starker Schneefall. Die Schiff- fahrt alif der Elbe ist wegen Treibeises eingestellt. Die S chi ffahrt nach de» Pregcl auflvärtS gelegenen Ortschaften ist als geschlossen zu betrachten.— Leider liegen wieder verschiedene schwere U n- g l ii ck s n a ch r i ch t e n vor. In Oberröblingen sind fünf Schul- liiabeii, die sich aufs E i s der Saale begeben hatten, infolge Brechens der Eisdecke eingebrochen. Vier sind ertrunken. Der fünfte hat sich gerettet. Die verunglückten Kinder sind in einem Alter von 8 bis 10 Jahren. Eine weitere Katastrophe wird aus Z n a i in gemeldet. Dort spielten mehrere Knaben auf der noch schwachen Eisdecke des Chayaflusses, als plötzlich das Eis unter ihren Füßen brach und die zehnjährigen Kondukteurs- söhne Hciritsch und Dusil ins Wasser stürzten. Der kleine Heinrich ivurde durch einen Wärter gerettet, während der andere Knabe, Alois Dnsil, unter der Eisdecke verschwand und erst nach längerem Suchen als Leiche ans dem Wasser gezogen werden konnte.— Auch in Paris ist seit einigen Tagen strenge Kälte ein- gezogen.»! Der Montagmorgen brachte dort 6 Grad unter Stull, der Montag—5 Grad. In Nizza und Algier gab es G c tv i t t e r, und in mehreren Orten Südsrankrcichs regnete es stark. Von den französischc» Küsten wird sehr hoher Seegang gemeldet, so daß man SchiffSnnfälle befürchtet. In Rumänien hat ein 2tägiger Schnee- finrin überall Störnngcn auf den Eisenbahnlinien verursacht. Durch Anfülliliig des Dimbövitzabettes mit Schnee ist die Thätigkeit der Bukarest« Wafferleitnng unterbrochen worden. In Wi e n tratzDienstag- nacht abnormer F r o st ein. In der Stadt selbst waren iniiius 1(1 Grad Celsius, auf dem Semnicriiigpaß. in 974 Meter Höhe, minuS 21 Grab Celsius. SlnS B n d lu e i s werden minus 20 Grad Celsius gemeldet. Ilcbcrall herrscht starler Schneefall.— Einem Telegramm der„Stotvoje Wrcmja" aus Odessa zufolge herrscht im" Schwarzen Meere ein sehr heftiger Sturm. Gestern warf der Sturm den Dampfer„OtwaShny" an die Küste, der starke Wellenschlag machte Hilfe unmöglich, doch sind keine Mcnschenverlnstc zn beklagen. Verstümmelte Arbeiter. In' den Heyda« Steinbrüchen bei Dahlen sSachsen) explodierten plötzlich infolge Un- Vorsichtigkeit die niedergelegten Sprenggeschosse. Zwei Arbeiter wurden in cittsrtzlichcr Weise verstümmelt; einer ist tödlich, der andere schwer verletzt. Anö der russischen Fcstnngöstadt Zamosch sGouverneinent Lnblin) wird gemeldet, daß eine Kaserne des BorodinSkischen Jnfantcric-Rcginieiits vollständig niedergebrannt ist. Es sollen dabei acht Soldaten ums Lebe» gekommen sein. Die Ent- stehmig des Feuers ist uiibekauut. Fünf Kinder überfahren. Llm Leycustempcl in Köln fuhr ein Motorwagen mitten in eineir Knäuel spielender Kinder, vo» denen fünf überfahren und teils schiver, teils leicht verletzt wurden. Vlarklpreise uon Verlin am lt. Dezember 48NS iiarti Srmitteliiiigcll de? kgl. VollzeiprägdiiiinS. �Weizen D.-Etr. IRoggcn„ ftuitcr-Gcrste, Hafer gut „ intUel„ .. gering Richlslroh„ Ken tlErbse», tlSpeisedohue». +)l'ii,}c»» Aartosselii. neue »iiiidflctsch.«eine II.» do. Bauch„ ) Enuitlelt vco 14.90 14,70 14,— 16,— 14,20 13,40 4- 7,— 40,- 45,- 70.- 7,- 1,00 1,20 Dünne 14,— 13,70 33,- 14,30 13,50 12.80 3,08 4,40 25,- 25,— 30,- Schweinesleisch Salb fleisch Hamiiielsleijch Butter Eier Karpfen Aale siander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 1kg 60 Stück 1 kg per Schock 1,60 1,80 1,60 2,80 2,20 2,80 2,50 1,80 1,60 2,80 1,20 12,- 1,10 I,- 1,- 2,- 3,- 1,20 1,40 1,- 1,- 0,80 1,40 0,80 3,- 1,20 uon der Ce»l»alstcüe der Pre»!}. Laudwirt- schastölaiiiiiieru— Ziolieruiigssicllc—»nd iinigcccchuet voi» Potijejpräsidimn für dc» Toppel-CeiNiicr. ß) Kleinhandelspreise. Produlteiiiuarkt uoiu 12. Dezember. Die scharfe Berflauiing der»ordamcrilalijschcn Börse» übte nur injosetu einen Emfius aus den hiesigen Getretdeinarkt ans, alS sie eluc nennenswerte Preissteigerung vcr- htiiderte. Die Tcndriic war fest infolge des plötzlichen und verhüttnihmäsiig zeitigen SchtffahrtSfchliifses. Die Adgeber zeigte» sich zurückhaltend, aber auch die Kanslusl war sehr gering und, wie gesagt, teine Zteigung zur Be- willignng höherer Preisforderungcn vorhanden. Die wenigen gettzattgten Abschlüsie in Weizen n»d Roggen ersolgren zu gestrigen Preisen. Kür letzteren Artikel zeigte sich späterhin etwas lebhaftere Nachfrage infolge starte» Koirsunibedarss, und der Preis zog, da Angebot fehlte, O.oO M. an. Rulstfchc Osierten waren reichlich am Markte, aber circa 2 M. zu teuer. Hafer und Rübiil lagen still, aber fest.— Am Spiritus martt wurde 70et loco»ilt 47,40 etwas lebhafter gehandelt. Termine waren umsatzlaS. elSIIIeriinzSilbersicht vom 11t. Dezember 189)1. morgen» 8 Uhr. Stationen Swliiemde. 765 SO Hamburg 763 SO Bcrltil 765>O Wiesbaden 762 N München 761 NW Wien s 766 sStill s 8 ie öS if * Weiter » Et »V dl! e« �Schnee 2 bedeckt 2wolkenl Ibcdeckl 2ihctter — Dchnee -7 .11 .12 -19 -14 Siaiionen haparanda Petersburg Eort Aberdeeit Paris . 8 ? s a- i«> « c S~ i s 775.S 759 NNW 757 SSW 760, SO 5 a, Wetter t» f C cL U �bedeckt 4 heiter 2 bedeckt 2hlb.bid -13 6 1 -? Wetter-Prognose für Mittwoch, de« 13. Dezember 1899. Teils heiter, teils wolkig mit leichten Schneefällen, strengem Frost un» mäßige» süd östlichen Winden. Berliner Wetterburean. Lerantwottlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil vetanttpottlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.