Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 158._ Freitag, den 16. August. 1907 (Nachdruck verboten-l 841 Die JVIuttcr. Roman 6on Maxim Gorli. Deutsch von Adolf Hetz. Nach kurzem Schweigen fuhr der Kleinrusse fort: „Ich wandte mich nicht um... obgleich ich fühlte... ich begriff... Ich hörte den Schlag... der war fo schwer ... und heftig... Jessai fiel um. Ich aber ging fort... ganz ruhig, als wenn ich eine Kröte zertreten hätte... Als ich schon bei der Arbeit war, schrieen die Leute:„Jessai ist totgeschlagen!" Ich glaubte es nicht... aber meine Hand war wie gelähmt... Ich konnte sie nicht regieren... sie tat nicht weh, aber war gleichsam kürzer geworden.. Er schielte auf die Hand und sagte: „Jetzt wasche ich sicherlich mein ganzes Leben lang diesen häßlichen Fleck nicht ab..." �' „Wenn nur Dein Herz rein ist... mein Liebling!" sagte die Mutter, leise weinend. «„Ich mache mir keinen Vorwurf... nein!" sagte der Kleinrusse fest.„Aber es ist mir doch so ekelhaft, widerwärtig ... Dieser Schmutz im Innern!... Dieser Jammer!... das alles hätte man ja vermeiden können..." „Was willst Du tun?" fragte Pawel mit einem arg- wöhnischen Blick. „Hm..." Der Kleinrusse überlegte, senkte den Kopf, hob ihn in die Höhe und meinte bitter: „Sagen, daß ich ihn geschlagen... davor habe ich keine Angst. Aber ich schäme mich, es zu sagen..." Er bewegte die Hände, stand auf und wiederholte: „Ich kann nicht, ich schäme mich..." „Ich verstehe Dich nicht recht!" sagte Pawel achselzuckend. „Du hast ihn nicht getötet, und selbst, wenn..." „Bruder, es war doch immerhin ein Mensch... Es ist ekelhaft zu wissen, daß jemand getötet wird und ihm dann nicht beispringen... das ist vielleicht niederträchtige Feigheit, aber..." Pawel sagte fest: „Ich verstehe das einfach nicht..." Und fügte nach kurzem Nachdenken hinzu: „Das heißt, ich kann es wohl verstehen, aber nachfühlen kann ich es nicht." Die Dampfpfeife in der Fabrik heulte. Der Kleinrusse neigte den Kopf auf die Seite, als er das starke Gebrüll hörte und sagte sich schüttelnd: „Ich gehe nicht arbeiten..." „Ich auch nicht..." antwortete Pawel. „Ich gehe baden!" rief der Kleinrusse lachend, machte sich schweigend fertig und ging schnell fort. Die Mutter begleitete ihn mit einem mitleidigen Blick und sagte zu ihrem Sohne:„Sag', was Du willst, Pawel... Ich weiß.—. es ist ekelhaft, einen Menschen töten... aber ich halte niemanden für schuldig... Jessai tut mir leid, er war solch ein Schuft... Als ich ihn betrachtete, fiel mir ein, wie er gedroht. Dich aufzuhängen... aber ich empfand weder Wut gegen ihn, noch Freude, daß er tot sei... tat mir vielleicht einfach leid... und jetzt auch das nicht einmal ..." Sie schwieg, überlegte einen Augenblick und meinte dann, verwundert lachend:„Hörst Du, Pawel, was ich sage?" /Pawel mußte es nicht gehört haben. Er schritt langsam mit gesenktem 5iopf im Zimmer aus und ab und sagte finster: „So ist das Leben, Mutter! Siehst Du, wie die Menschen sich gegenüberstehen? Du willst nicht, aber— haust einfach zu! Und wen? Eben solchen rechtlosen Menschen... der noch unglücklicher ist als Du, weil er dumm ist.... Die Polizei, Gendarme, Spione— sind lauter Feinde... aber sie alle sind ebenso Menschen wie wir, und ihnen wird genau fo wie uns das Blut ausgesogen, und ebenso wie wir werden sie schändlich behandelt. Man hat Gegensätze unter den Menschen geschaffen, aber sie durch Dummheit und Furcht geblendet, alle an Händen und Füßen gebunden, sie aufein» ander gehetzt, und spielt sie gegeneinander aus. Man hat die Menschen in Flinten, Stöcke und Steine verwandelt und sagt — das ist Kultur! Das ist— der Staat..." Er trat näher an die Mutter heran. „„Das ist— ein Verbrechen, Mutter! Der abscheulichste s Mord von Millionen Menschen... Geistiger Mord... Ver- stehst Du? Sie töten die Seele. Du siehst den Unterschied zwischen uns und ihnen— hat von uns jemand einen ge- schlagen, so ist ihm das abscheulich, er schämt sich, es tut ihm weh... besonders abscheulich! Jene aber— töten Tausende ruhig, ohne Erbarmen, ohne mit der Wimper zu zucken, töten mit Vergnügen, ja mit Wollust! Und sie töten nur deswegen alle und alles, un? das Holz für ihre Häuser und Möbel, Silber und Gold, wertlose Papiere, all diesen jämmerlichen Schund, der ihnen Macht über die Menschen gibt, zu erhalten. Bedenk— nicht um ihrer selbst willen morden die Menschen ganze Völker hin und richten unzählige Seelen zugrunde, nicht ihretwegen tun sie das, sondern ihrer Habe wegen... Sie sichern sich nicht innerlich, sondern äußer- lich..." Er ergriff ihre Hände, beugte sich nieder, schüttelte sie und sagte: „Wenn Du diese ganze Abschculichkeit und Schändlichkeit empfinden könntest— würdest Du die Wahrheit unserer Lehre begreifen... würdest einsehen, wie groß und hell sie ist!" Die Mutter erhob sich erregt. Sie hätte am liebsten ihr Herz mit dem des Sohnes in eine Flamme zusammenströmen lassen. „Wart Pawel... Wart!" murmelte sie schwer atmend. »Ich— ich bin doch auch ein Mensch! Ich— fühle, verstehe ... Du mußt Geduld mit mir haben!" XXV. In diesem Augenblick schob sich jemand in den Flur. Beide fuhren zusammen und sahen sich an. Die Tür öffnete sich langsam, und gebückt und schwer- fällig trat Rybin ein. „Da bin ich!" sagte er, erhob den Kopf und lächelte. „Unsereins zieht es überall hin, wo es gutes Futter gibt!" Er trug einen Halbpelz, war über und über mit Birken- teer beschmiert, ging in Bastschuhen, an feinem Gürtel hingen schwarze Fausthandschuhe, und auf dem Kopf trug er eine zottige Mütze. „Geht's Euch gut? Haben sie Dich freigelassen, Pawel? So. Was machst Du, Nilowna?" Er lächelte breit und zeigte seine weißen Zähne: seine Stimme klang milder als früher, und fein Gesicht war noch dichter mit Barthaaren bewachsen. Die Mutter trat erfreut auf ihn zu, drückte sein große, schwarze Hand und sagte, den gesirnden Birkenteergeruch einatmend: „Nun, das freut mich aber... Na, was machst Du?" Pawel lächelte und musterte Rybin. „Kein übler Bauer!..." Rybin legte langsam ab und sagte: „Ja, nun bin ich wieder Bauer geworden. Aus Euch werden allmählich Herren, ich aber gehe zurück... Ja!" Er zog sein bunt gestreiftes, hanfleinenes Hemd zurecht, trat ins Zimmer, überflog es aufmerksam und erklärte: „Reicher seid Ihr gerade nicht geworden, das sieht man, aber Bücher sind hinzugekommen... Ja, Bücher sind jetzt das wertvollste.... gewiß. Nun sagt, was macht das Geschäft?" Er setzte sich nieder, pflanzte die Beine breit auf, stemmte die Handflächen auf die Knie und maß Pawel mit seinen dunklen Augen: er wartete gutmütig lächelnd auf eine Antwort. „Das Geschäft geht munter vorwärts!" antwortete Pawel. „Wir säen und pflügen, verstehn nicht zu lügen, holen die Ernte ein, brauen ein Bierlein und schließen das Türlein — nicht wahr? Das ist fein, sehr fein!" sagte Rybin. „Willst Du ein Gläschen Tee?" fragte die Mutter „Trinke gern ein Glas und einen feinen Schnaps dazu ... und wenn ihr mir zu füttern gibt, bin ich auch nicht abgeneigt. Freist mich, Euch wieder mal zu sehen. Das ist die Sache." «„Was macht Ihr denn, Michael Jwanowitsch?" fragte Pawel, sich ihm gegenüberfetzend. „Es geht. Geht so ziemlich. Ich bin in Edilgejewo hängen geblieben, habt Ihr davon gehört? Ein schönes Dorf. Zwei Märkte jährlich, über zweitausend Einwohner— ein böses Volk! Haben keien eigenes Land, pachten es: trauriger Bodcn. Hab mich bei einem Leuteschinder als Knecht ver- düngen, die Sorte gibt's dort, wie Fliegen am Aas. Wir brennen Birkenteer und Kohlen. Für meine Arbeit bekomme ich viermal so wenig Lohn, und schuften mutz ich doppelt so viel wie hier... Wir sind unserer sieben bei dem Schinder... lauter junge Burschen, alles dortige, autzer mir... Können alle lesen und der eine, Jesim, ist ein ganz öcricbeiier!" „Na, unterhaltet Ihr Euch mit ihnen?" fragte Pawel lebhaft. „Ich schweige nicht gerade. Hab alle Flugblätter von hier mitgcnominen— vicrunddreitzig Stück. Meistens aber arbeite ich mit der Bibel... da kann man tüchtig was berausholen. Tas Buch ist schön dick, nicht verboten und die Leute glauben gern daran." Er zwinkerte Pawel zu und fuhr dann lächelnd fort: „Aber das genügt nicht. Ich bin wegen Bücher zu Dir gekommen. Wir sind hier zu zweien, der Jcfim ist bei mir ... Haben Teer gebracht, na, haben dann einen kleinen Umweg gemacht und sind zu Dir gefahren... Gib mir Bücher, ehe Jesim kommt... Der braucht nicht gar zu viel zu wissen..." Die Mutter sah Nybin an, und es kam ihr vor, als hätte er nnt seinem Jackett noch etwas anderes abgelegt. Er sah wieder solide aus und seine Augen blickten ver- schlagener, nicht so offen wie früher. (Fortschung folgt.) (lebsrpflan�en. Mit dem„Ucberkultus" haben die Pflanzen, von denen hier die Rede sein soll, nichts gemein, es sind zumeist recht bescheidene Pürger des Pflanzenreichs und etliche von ihnen zählen zu den stattlichsten Pflanzen, die wir kennen. Bei uns sind die Uebcr- pflanzen meist nur Moose und Flechten, die sich an der Borke der Wänme ansiedeln, in den Tropen aber gibt es Farne, Orchideen, Bromcliacecn, Araccen und andere Blutenpflanzen in so großer Menge auf den Bäumen, datz man, wie France sagt, oft genug im Tropcnwaldc einen?lst zusammenbrechen sieht, der seiner leben- den Uebcrlast nicht mehr gewachsen ist. Der Name„Uebcrp stanze" wird dadurch leicht erklärlich, der Botaniker nennt diese Pflanzen auch E p i p h y t e n. Alle diese Pflanzen sind Xerophyten, Dürr- pflanzen, deren Hauptlebensfrage in der Beschaffung von Wasser besteht. Datz ein Gewächs, das in luftiger Höhe auf einer anderen Pflanze aufsitzt, ohne mit dem Erdboden in Verbindung zu stehen, mit steter Trockenheit zu kämpfen hat, ist ohne weiteres ein- leuchtend. Wie ist es aber möglich, datz sich diese Unglücklichen, die sich einen so unvorteilhaften Lebenssitz ausgesucht haben, überhaupt am Leben erhalten, datz sie nicht aus Mangel an Nahrung eingehen? Zumal da sie nicht, wie die Schniarotzer dazu ausersehcn sind, den Bäumen, auf denen sie leben, Säfte zu entziehen. Diese Frage be- antwortet France durch den Hinweis, datz die Ueberpflanzen so bescheiden sind, datz ihue? die wenigen humosen und mineralischen Substanzen zum Leben genügen, die ein gütiger Windstoh bei den Flechten in die Fugen und Ritzen der Borke, bei sonstigen Ueber- pflanzen zwischen ihr oft lang herabhängendes Wurzelgeflccht oder die Winkel und Nischen ihrer Blätter trägt, die häusig zu diesem Aufsaugen recht zwcckmätzig eingerichtet sind. Aus der Luft können sie Kohlensäure nach Bedarf ausnehmen, da ihnen ihr hoher Stand- ort stets das dazu nötige Licht in genügender Menge gewährleistet. Einige von ihnen sind übrigens so raffiniert, datz sie ihre Luft- wurzeln bis zur Erde herabsenden. Tie aller genügsamsten unter diesen. Pflanzen sind denn auch die ersten Vorboten des Pflanzen- lebens und die kühnsten Pioniere, die an steiler Felswand und im dürrem Geröll vordringen und den Boden mit ihren Leichen düngend spätere Ueppigkeit vorbereiten. Tie Flechten und Moose wagen sich sogar mitten tu unsere Städte hinein, siedeln sich am Bretterzaun, am Ziegeldach, an der Kirchturmmauer an und wissen sich derart zu behaupten. Jene Ueppigkeit, welche die tropischen Ueberpflanzen zeigen, ist in unseren heimischen Fluren nicht aufzufinden, aber es ist den- noch ein malerischer und hochcharakteristischer Anblick, den eine alte ehrwürdige Tanne bietet, die von der Bartflechte wie mit einem wallenden silbcrgraucn Barte behangen ist. Und in manchen ver- wahrlosteii Wäldern, wo es an Ort und Stcll� vermodernde gc- stürzte Baumricsen gibt, dort siedeln sich auf den dicken Moosborken gelegentlich auch etliche Farnkräuter an, die sich übrigens auch an feuchteren Stellen unserer Mittelgebirge nicht selten als Ueber- pflanzen vorfinden. In der sächsisch-böhmischen Schweiz, nament- lich in der Edmundsklamm, sind Erlen, Hainbuchen und Buchen häufig mit Engelsütz und einigen anderen anspruchsloseren Farn- kräuter besetzt, die sich in der fcuchtschwangeren Luft ganz wohl lbefinden. Auch Bärlappe werden hier gelegentlich angetroffen. Die meisten dieser Ueberpflanzen. die tropischen eingerechnet, sind besonders für ihren luftigen Standort ausgerüstet. Sie haben sich diesem derart angepatzt, datz ihnen ihr Fortkoinmeu im Erd- boden unmöglich gemacht ist. Darum mutz der Gärtner, sobald er diese sonderbaren Gesellen in seine Kulturen aufnimmt, seine Zu- flucht zu Moos und Rindenstücken nehmen, womit er den Kultur- boden für derartige Epiphhtcn beschafft. Es gibt noch eine weitere Gruppe von Ueberpflanzen, die in manchen Gegenden Deutschlands vielfach, an anderen Stellen wieder seltener angetroffen werden. Man hat sie Gelegen- Heits-Ueberpflanzeu genannt. Es handelt sich hierbei um bodenständige Pflanzen— Pflanzen, die unter normalen Um- ständen im Boden wurzeln—, von denen durch irgend welchen Umstand Samenkörner aus die Krone irgend welcher Bäume gelaugt sind und hier sich dann entwickelten. Da die Wasserversorgung bei diesen Pflanzen, die für den Standort der Ueberpflanzen nicht bc- sonders angepatzt sind, eine wesentliche Rolle spielt, werden solche Ueberpflanzen am häufigsten in feuchten Wäldern und in un- mittelbarer Nähe von Flutzläufcn oder sonstigen Wafferflächen zu finden sein. Sonderbarer Weise kommen in Ausnahmefällen der» artige Pflanzen aber auch an sehr lusttrockenen Orten fort. Und in vereinzelten Fällen sind auch schon besondere Organe für die Aufnahme der Luftfeuchtigkeit bei solchen Ueberpflanzen beobachtet worden; es handelt sich dabei um Luftwurzeln, die den im Erdboden wurzelnden Individuen der gleichen Art nicht eigentümlich sind. Die beste Unterlage für diese Ueberpflanzen geben die söge- nannten Kopfweiden ab, denn auf dem Kopf dieser Weiden sammelt sich allerlei organische Substanz an, die zu Moder umgewandelt wird. Der Wind steuert gelegentlich ein paar Erdkörnchen bei, so- datz bald ein kleines Häufchen Humus entstanden ist, das zur Keimung der hincingcratenen Samenkörner vollauf ausreicht. Wie aber gelangen die Samenkörner auf die Bäume? Diese Frage ist noch nicht in allen Fällen gelöst, wie denn überhaupt das Studium der hier in Betracht kommenden Ueberpflanzen erst wenig systematisch betrieben wird. Profcffor Loew, der, dem Anschein nach als erster, sich eingehender mit der epiphytischen Lebensweise unserer Gefätzpflanzen beschäftigt hat, stellte sechs Klassen zu» sammen, in welche unter Berücksichtigung der den Früchten und Samen zu Gebote stehenden Vcrbreitungsmittel die Ueberpflanzen untergebracht werden können. Die erste Klasse umfatzt jene Pflanzen, deren Früchte Tieren zur Nahrung dienen, wobei die Samenkerne unbeschädigt mit den Exkrementen wieder an die Oefsentlichkeit gelangen. Solche Pflanzen find Erdbeere, Stachelbeere, Johannisbeere, Himbeere, Vogelbeere, Gcisblatt. Auch Nüsse, wie die Haselnutz, können von Tieren verschleppt werden. In der zweiten Klasse werden solche Pflanzen zusammengefatzt, dcrew Früchte sich vermöge Kletter- und Haftvorrichtungen im Pelz oder Gefieder der Tiere festsetzen und auf diese Weise verschleppt werden. Von Pflanzen dieser Art, welche als Ueberpflanzen seither beobachtet werden konnten, seien genannt: Klette, klebriges Labkraut, Nelkenwurz und Hohlzahn. Eine weitere Pflanzengruppe lätzt ihre Vertreter durch den Wind auf den luftigen Standort befördern. Es sind Pflanzen, wie Birke, Bergweidenröschen, Habichtskraut, Kreuzkraut, Löwenzahn, ver- schiedcne Gräser und andere mehr, deren Früchte mit besonderen Flugapparaten ausgestattet sind. Andere Pflanzen können einen solchen Flugapparat entbehren, da der Wind die Samenkörner wegen des autzerordentlich geringen Gewichts ohnehin weit ver» streut und sie so auch gelegentlich im Geäst von Weiden oder anderen Bäumen ablagert. In diese Gruppe gehören u. a. zunächst die Farnkräuter, dann manche Mierengewächse, das gemeine Horn» kraut, die grotze Brennessel, Schafgarbe und Beifutz. Zu einer fünften Gruppe sind solche Pflanzen zusammengefatzt, deren Früchte wie beim Storchschnabel und Sauerklee mit Schleudervor- richtungen ausgestattet sind. Es erscheint jedoch fraglich, ob solche Pflanzen ihren Standort auf anderen Pflanzen lediglich ihrem Schlcudermcchanismus verdanken, es wird auch hier wohl häufig Verschleppung durch Tiere vorliegen. Die letzte Gruppe wird von jenen Ueberpflanzen gebildet, über deren Verbreitungsweise nichts bestimmtes bekannt ist. Hierzu sind einige der am häufigsten auf- tretenden Ueberpflanzen zu rechnen, so der Waldkerbcl, das Wald» ziert, das weiche Labtraut und andere mehr. Alle derartigen Ueberpflanzen, die wir gelegentlich bei Streif- zügen durch die Fluren beobachten können, sind für gewöhnlich nicht weit verschleppt worden. Es wird in den meisten Fällen gelingen, von den als Ueberpflanzen beobachteten Pflanzenarten gleiche In- dividucn als bodenständige Pflanzen in nächster Nähe des die Ueberpflanzen beherbergenden Baumes zu finden. Aber es kommen auch Ausnahmen vor, so wurden Weidenröschen als Ueberpflanzen beobachtet, deren Samen von einem 4 Kilometer entfernten Felde herübergeflogen sein mutzten. Die Häufigkeit der verschiedenen Arten als Ueberpflanzen ist in den verschiedenen Gegenden ebenso sehr vom Zufall abhängig wie das Vorkommen verschiedener Arten auf ein und demselben Baume. Mit irgend welchen Regeln ist hier nicht viel auszurichten. Auch für die oben gemachte Angabc, datz die Ueberpflanzen an Gegenden mit hohem Luftseuchtigkeitsgehalt gebunden sind, gibt es Ausnahmen. So wurden im Sommer 1902 auf den Robinien der Wtlhelminenstratzc in Darmstadt 20 verschiedene Pflanzcnartcn als Ueberpflanzeri gezählt. Nun hat Darmstadt anerkanntcrmatzcn nicht nur ein verhältnismätzig trockenes Klima, sondern die in Betracht kommenden Robinien stehen noch dazu auf einem der höchsten Punkte der Stadt. Bis zu SO Exemplaren saßen Tie Ucberpflanzen auf einem Baume beisammen. Es ist verständlich, daß die für ihren luftigen Standort wenig oder gar nicht ausgerüsteten Ueberpflanzcn der zuletzt gedachten Art in ihrer EntWickelung nicht selten zurückbleiben, wie auch, daß mchrzährige Gewächse kein allzu großes Alter als Ueberpflanzcn erreichen. Aber auch hier wieder sind nicht wenige Ausnahmen anzuführen. In der Umgegend von Klagcnfurt wurde der Weser- darm auf Robinien IVs Meter lang herabhängend, reichlich mit Blüten besetzt angetroffen. In Darmstadt fühlte sich das Spring- kraut in Beständen von 20—30 Exemplaren aus Robinien sitzend äußerst wohl, gut ein Drittel der Anzahl blühte. Ebenda wurde ein kräftiger Fliederbusch von etwas über 1 Meter Höhe beobachtet, desgleichen ein schwarzer Hollunder, der nahezu 1 Meter hoch gc- worden war. Vom mittleren Zkeckar wird über viele Fälle durch- aus normalen Wachstums berichtet, ein Hollunderstrauch war gegen 2 Meter hoch. Der Bittersüß fand sich vor in großen mehrjährigen Stöcken, deren unteren Stengel eine Dicke von 2 Zentimeter auf- weisen konnten. Der Hohlzahn war bis 1 Meter hoch und reich verzweigt gewachsen, Schöllkraut stand in dichten Büscheln. Auf einer alten verwitterten Kopfweide im Galizischen war eine Birke bis zur Höhe von 1 Meter aufgewachsen, als ihr ein Forscher das Weitcrgedeihen unmöglich machte. In Vorpommern fiel eine Eberesche der Anlage eines Entiväjserungsgradens zum Opfer, die ihrem Hausherrn, einer Kopfweide, mehrere Meter über dem Kopf gewachsen war. Eine vollständig ebenmäßig entwickelte Wey- mutskiefer von etwa 35 Zentimeter Höhe mit 3 Wirbeln wurde auf einer Robinie in Darmjtadt vielfach bewundert. Manchmal bringen es die Uebcrpflanzen trotz jahrelangen Strebens allerdings nur zu einer recht kümmerlichen Entfaltung, so kam eine Rottanne in der Umgegend von Klagcnfurt in 19 5/cbensjahrcn nicht über eine Höhe von 2 Meter hinaus. Im Stcigerwald bei Erfurt hatte sich im Geäst einer starken Eiche eine Fichte angesiedelt, die es auch über eine kümmerliche Ent- faltung nicht hinaus brachte und nach einer Reihe von Jahren wieder einging. Um dem Sonntagspublikum diese„Sensation" nicht zu rauben, wurde das verdorrte Fichtenbäumchen durch einen frischen Säumling ersetzt, der seit einigen Jahren unter sorgender Pflege ein notdürftiges Dasein fristet. Derartig durch Menschen- Hand versetzte Pflanzen haben mit den natürlichen Ueberpflanzcn selbstverständlich nichts gemein Herm. Krafft. kleines femUetcm. Es werde Licht.... Dicht vor dem Dorfe liegt das Säge- werk. Die Chaussee führt an dem Werk vorüber,— die lange, grauweiße, staubige Chaussee. Sie führt durch Laub- und Nadel- wald und verbindet die Kreisstadt mit dem Marktflecken, der vier Meilen entfernt liegt. Sommer und Winter liegt der steinerne Weg einförmig, grauweiß und müde zwischen dem Grün. Am Sägewerk hört der Wald auf der einen Seite der Chaussee auf, an der anderen Seite geht er noch ein paar hundert Schritte weiter, bis zu den Gutskatcn. Das Dörfchen ist wie viele Dörfer cher Mark, still, friedlich, mit kleinen Häusern, uralten schattigen Bäumen und dem Kirchhof in der Mitte. Aber die Chaussee macht es lebendiger und das Sägewerk hat es zur Hälfte aus einem Agrardorf zu einem In- dustricdorf gemacht. In dem Sägewerk bekommen sie, wenn sie bekannt tüchtige Arbeiter sind, einen Lohn von 14 M. die Woche. Das ist wenig, blutwenig, aber es ist fast das Doppelte von dem, was sie durchschnittlich bei der Gutsherrschaft verdienen und die Frau braucht nicht mit, sie kann die kleine Landwirtschaft neben der Häuslichkeit besorgen. Dadurch kommt man weiter als die Gutsarbcitcr, kommt schließlich von einem Stückchen Pachtland zum eigenen, wenn man selbst noch mitarbeitet, und das Säge- werk läßt einige Stunden flau, denn man arbeitet nicht 14 Stunden im Sommer, sondern 10,— man hat seinen Sonntag, alles, was man unter der Gutshcrrschaft nicht hat. Die Woche hat zwar immer nur 0 Wochentage, so oder so, aber zum Lohn des Guts- arbeiters" gehört ein Stückchen Land, das ihm die Kartoffeln und was er sonst braucht zu seinem kärglichen Leben, tragen soll, und dieses Land muß er am Sonntag bestellen, in Ordnung halten und abernten.„Sechs Tage sollst Du für die Herrschaft arbeiten und der siebente Tag sei Dein" wenn nicht gerade ein Zufall eintritt, der Dich auf den Gutshof ruft. Und darum drängen sich die Männer um die Stellen zu 14 M. Wochenlohn im Sägewerk. Und darum ist es dem Sägewerk möglich, konkurrenzlos billig zu liefern. Darum hat es jetzt soviel Auf- träge, daß die gewöhnliche Arbeitszeit nicht mehr ausreicht,— es müssen Uebcrstundcn gemacht werden. Und als die Arbeit immer mehr anwächst, entschließt man sich zu Nachtschichten. Diese Nacht- schichten sind die von den Arbeitern am begehrtesten; da gilt nur eine Arbeitszeit von 8 Stunden für 14 M. Wochcnlohn. Das kleine Dorf liegt still und verschlafen. Und ich schreite durch die duftenden Wildrosen- und Jasminhecken hinter den Gärten. Der-Mond gießt sein silbernes Licht über die kleinen Häuser und einzelne hohe weiße Grabsteine leuchten gespenstisch zu mir herüber. Verschlafen zirpt hin und wieder ein Vögelchen in den Hecken auf. Friede— Friede. Die Turmuhr kündet die dritte Morgenstunde Und ich gehe bis an die Gutskaten, bis dahin, wo der Wald das Dörfchen umfängt. Vor mir sehe ich eine Männergestalt. Mit großen schweren Schritten geht er von einer Kate zur anderen, klopft an jedes der kleinen Fenster und„Uppstohn" sagt er mit dumpfer, harter Stimme. Dann werden die Hausthüren geöffnet und auf den Herden flammt Reisigfeuer auf. Sie müssen raus, um 5 Uhr geht es an die Arbeit und 2 Stunden sind nicht viel, um alles für das Vieh und die Kinder zu besorgen. Von 11 bis 1 ist Mittagsstunde, aber der Weg vom Feld ist manchmal so weit, daß die Frauen gerade das Vieh füttern können. Die Kinder gehen erst um 0 Uhr zur Schule, darum werden sie erst um 5 Uhr geweckt. wenn die Eltern gehen. Ihre Pflichten für den Tag kennen sie und das bißchen Essen steht fertig im Flurfenster. Um 9 ist die Schule für die Großen zu Ende, dann werden die ganz Kleinen. die noch die Muttcrbrust haben müssen, aufs Feld gebracht; die Stillzeit ist'des armen Weibes Ruhepause.— Manche mögen mit einem Seufzer die bleischweren Glieder erheben, aber es geht nicht anders, es ist Sommer, da mutz gearbeitet werden und verdient» damit der Mann das ganze Jahr durchschnittlich 8 M. Wochen- lohn hat. Ich wende mich um und gehe bis zum Sägewerk. Zwei groß: Bogenlampen erhellen den Platz. Die Maschinen stöhnen, die Kreissägen kreischen und die Menschen arbeiten hart und schwer. Hier schweigt der Friede dieser wundersamen Julinacht; die Menschen arbeiten, arbeiten, arbeiten und verdienen— 14 M. die Woche bei achtstündiger Nachtarbeit. O, Ihr, warum versteht Ihr uns nicht, wenn wir mit unserem Evangelium der Bruderliebe zu Euch kommen? Warum? Lacht über mich, wenn Ihr noch lachen könnt, Ihr in den dumpfen Katen und Ihr im Lichtkreis der großen Bogenlampen. Ihr solltet Zeit haben, ein Evangelium zu empfangen und in Euch auszunehmen, Ihr, die Ihr nicht einmal Zeit habt darüber nachzudenken, daß es die Menschsehnsucht ist, die Euch im Blute brennt. Und doch muß die Zeit kommen, wo Ihr Euch selbst versteht, wo Ihr es begreift, daß man Eure Armut und Euren Hunger nimmt, um Euch das Mark aus den Gliedern zu saugen und— Euren Brüdern auch. Der Tag, an dem Ihr begreift, daß Ihr mit 14 M. Wochcnlohn dazu helft. Eure Brüder zu treten, die den Nacken nicht mehr beugen wollen unter jedem Peitschenhieb. Kämpfen wir nicht denselben Kampf mit dem Leben wie Ihr? Aber wir haben dabei noch etwas Zeit auch für Euch zu kämpfen und um Euch. Die Arbeit ist schwer. Noch gibt es un- endlich viele Dörfer, in denen die Menschen bei 7 und 14 M. Wochen lohn stumpf— und zufrieden sind. Aber die Sehnsucht der Menschwerdung brennt ihnen im Blute, wenn sie sie auch noch nicht verstehen, und das ist unsere Hoffnung. Und im Winter werden im Sägewerk, oder wie es heißen mag, auch nur 10 Stunden gearbeitet und der Acker liegt still, da bleiben ein paar Stunden Zeit, und das ist auch unsere Hoffnung. An jedem Morgen steigt die Sonne neu empor und einmal wird es auch bei Euch Licht werden. Physikalisches. Die WahrnehmungSgrcnzen beim Sehen hau- gen bekanntlich von der Farbe der Lichtstrahlen ab, welche der be- treffende Gegenstand aussendet oder, da das Licht aus sehr kleinen! wellcnförinigen Schwingungen des Acthers besteht, von der Wellen- länge der betreffenden Lichtstrahlen. Unsere Augen sind nun so eingerichtet, daß sie nur Wellenschwingungen wahrnehmen, die eins Länge von 400 bis 790 Millionstel Millimeter pro Welle haben. Die dazwischen liegenden Wellenlängen enthalten in einer sogenannten „Oktave" alle Farben, die es gibt. Die längsten Wellen von 760 Millionstel Millimeter bilden das äußerste Rot, die von 400 das äußerste sichtbare Violett. Nun gibt es aber Körper, die sehr viel- kleiner sind als eine solche Wellenlänge. Unterschreitet die Größe eines Körpers den Betrag einer halben Wellenlänge, so kann der Körper kein Licht mehr aussenden und infolgedessen nicht mehr ge- sehen werden. Alle Körper also, die kleiner sind als 200 Millionstel- Millimeter, bleiben unseren Blicken stets verborgen. Das sind aber schon die äußersten Grenzen; Helniholtz und Abbe haben auch mathematisch nachgewiesen, daß es mit Hülfe von Mikroskopen un- möglich ist, wirkliche Einzelheiten zu sehen, wenn deren Größe 0,00025 Millimeter unterschreitet. Neuerdings ist nun die Grenze der Wahrnehmbarkeit nach unten noch etwas erweitert worden. Zwar kann man Körper dann nicht mehr als solche sehen, sie aber noch sichtbar wahrnehmen als optische Schcibchcn, die durch die Beugung der Lichtwellcn an ihren Rändern entstehen. Siedentopf und Zsigmondy in Jena haben das zum erstenmal getan, indem sie die bisher übliche Beleuchiungswciss unter dem Mikroskop abänderten. Gestalt und Form besitzen die Körperchcn in unserer Wahrnehmung dann nicht mehr, man kann nur ihre Existenz durch Bcugungsbildcr auf diese Weise nachweisen. Um eine Anschauung davon zu geben, was diese neue Methode noch leistet, geben die beiden Physiker das folgende Beispiel an: Ein Goldrubinglas enthielt in einem Knbikmillimeter 80 Millionstel Milligramm Gold. Durch eine Auszählung einer Anzahl äußerst kleiner Raumelemente überzeugten sich die beiden Physiker, daß in einem Kubikmillimeter Rubinglas mehrere Tausend Millionen winziger Goldteilchen enthalten sind. Nimmt man, um hier runde Zahlen zu erhalten, auch nur 1000 Millionen solcher Teilchen in dem angegebenen Raums an, fo beträgt seine Masse nur den tausendbillionsten Teil von einem Milligramm. Solche Teilchen konnten die Genannten noch nachweisen. Die Größe dieser Gold- teilcken kckiwanken bei den verschieden gefärbten Rubingläsern zwischen 0,000 004 Millimeter und 0,000 03 Millimeter im Durchmesser. Warden die Teilchen über Smal grösser, so wird die Färbung des Niubinglases schon trübe, die Gläser sind dann verdorben. Diese Methode zum Wahrnehmbarmachen sehr kleiner Körper ist von Wichtigkeit in den verschiedensten Wissenszweigen. Wissen wir z. B. doch nicht, ob Lebewesen so kleiner Art existieren, die sich sonst unserer Wahrnehmung nur entziehen. Man kann durch die neue Methode wichtige Aufschlüsse nach der ultramikroskopischcn Seite erhoffen. Technisches. Das neue drahtlose Telephon. Seitdem die Tele- graphie ohne Draht schon einige Zeit im Dienste des Verkehrs steht, hat sich der Eifer vieler Physiker, Techniker und Erfinder mit aller Macht auf die drahtlose Telephonie geworfen, die bisher über das Versuchsstadium nicht hinausgelangt war. Zu den bis jetzt am meisten bekannt gewordenen Versuchen von Professor Ruhmer ist nun als neuestes„System" für drahtlose Telcgraphie eine Erfindung des oftgcnannten italienischen Physikers, Professor Majorana getreten, der seinen neuen Apparat und die von ihm gelieferten Ergebnisse vor der Elektrotechnischen Gesellschaft Italiens beschrieb. Seine Ausführungen werden jetzt im Elektro- technischen Anzeiger erörtert. Die Grundidee kommt sclbstver- ständlich auch bei Majorana darauf hinaus, dass die von einer Funkenstrecke in den Raum ausgesandten elektrischen Wellen in ihrer Stärke durch die Schwingungen verändert werden müssen, wie sie als Schallwellen in der Luft durch die in ein Telephon oder Mikrophon hineingesprochenen Worte entstehen. Die Be- schreibung des Apparats tieginnt bei der Vorrichtung zur Er- zeugung der Funken, wozu eine rotierende Funkenstrecke benutzt wird. Diese besteht aus einem sogenannten Rotor, also einer sich drehenden Scheibe oder Welle, auf deren Achse eine Scheibe aus Hartgummi befestigt ist. Diese trägt wieder zwei einander gegen- über stehende Metallringe, auf denen zwei Metallbürsten schleifen, die mit dem Entladungsstrom in Verbindung stehen. Zwei von den Metallringen ausgehende Stahldrähte schliessen sich an je einen der beiden Poldrähte an, die ihrerseits einander parallel laufen, aber in so geringem Abstand, dass die Entladung zwischen ihnen überspringen kann. Die beiden Drähte der Funkenstrecke stehen mit einem Umformer in Verbindung, der bei den Versuchen von Majorana durch Wechselströme aus der städtischen Leitung gespeist wurde. Der Umformer lieferte eine Höchstspannung von 100 000 Volt, tvurde aber nur für eine solche von 25 000 Volt verwandt. Wenn nun die Funkenstrecke in Drehung versetzt wird, so entsteht eine heftige Blaswirkung der Luft, die zu einer Zerstörung der Funken führt und infolgedessen die Zerspitterung in etwa 10 000 einzelne Funken in jeder Sekunde bewirkt. Es handelt sich nun darum, diese Funken in bestimmter Weise zu beeinflussen. Majo- rana hat zu diesem Zweck eine ganze Reihe von Versuchen mit verschiedenen Mitteln angestellt, wobei sich die Benutzung eines von ihm selbst erfundenen Mikrophons als das beste erwiesen hat. Für die drahtlose Telephonie wird von einem Telephon etwas wesentlich anderes verlangt als beim gewöhnlichen Fernsprechen. Die Telephone und Mikrophone, die wir täglich benutzen, sind auf schwache Ströme eingerichtet, während die entsprechenden Apparate bei einer Telephonie ohne Draht gerade durch hochgespannte Ent- ladungen in Tätigkeit treten sollen und Spannungsuntcrschiede von mehreren Tausend Volt aushalten müssen, sich auch bei starken Strömen nicht erhitzen dürfen. Um diesen Bedingungen zu ge- nügen, hat Majorana ein hydraulisches Mikrophon erfunden, das die Eigenschaften eines feinen Flüssigkeitsstrahls benutzt. Wenn ein solcher aus einer engen Oeffnung ausfließt, so löst er sich, wie man sich durch einen einfachen Versuch an jeder �Wasserleitung überzeugen kann, nachdem er eine gewisse Strecke durchfallen hat, in eine Folge von Tropfen auf. Treffen nur irgendwelche mecha- tlische Schwingungen von aussen auf den Wasserstrahl, so wird dadurch die Aufeinanderfolge der Tropfen in ihrer Schnelligkeit beeinflußt. Majorana läßt diesen Strahl auf eine elastische Metall- scheide auftropfen, die gerade an der Stelle eingeschaltet ist, wo die Auflösung des Flüssigkeitsstrahls in Tropfen eintritt. Diese Scheibe gibt, solange der Strahl in Ruhe gelassen wird, einen be- stimmten Ton, der sich aber unter dem Einfluß der auf den Strahl treffenden Schwingungen verändert. Daraus ergibt sich ganz klar, daß der von der Scheibe ausgehende Ton in vollkommen ent- sprechender Weise durch solche Schwingungen, wie sie eben durch die Vermittclung des Schalls erzeugt werden können, verändert werden wird. Ausserdem liefert die Scheibe, wenn der Strahl senkrecht aufschlägt, einen Flüssigkcitsschlcier, der sich ebenso in seiner Dicke nach den Schwingungen des Strahls verändern muß. Diese geistvolle Konstruktion ergibt Telephonströme von ausser- ordentlicher Stärke und Reinheit. Dabei ist das hydraulische Telephon ein einfacher und in seinen Grötzenverhältnissen be- schcidener Apparat. Es besteht nämlich nur aus einem Mundstück, durch das die Schalltvellen verdichtet werden, aus einem Glas- röhrchcn und einer damit festverbundencn Scheibe. Das Glas- röhrchen wird von Wasser durchflössen, dem man etwas Säure zusetzt und ist so angebracht, dass es sich unter dem Einfluß der Schwingungen, von denen die an ihm befestigte Scheibe betroffen wird, frei bewegen kann. Die Flüssigkeit schlägt in bestimmtem Abstand auf die ebene Fläche eines sogenannten Sammlers auf, der aus zwei zylindrischen, von einander isolierten Platinstücken zusammengesetzt ist. Dadurch verwandelt sich der Strahl in einen dünnen Schleier, der beide Platinstücke trotz der Isolierung elek» irisch verbindet. Wird nun mit diesen beiden Hälften des Sammlers ein Stromkreis mit dem Telephon verbunden, so wird in letzterem der Strom unverändert bleiben, solange der Flüssig- keitsstrahl keine Veränderung erleidet. Sobald dies aber geschieht, indem die erwähnte Scheibe durch Schallwellen in Schwingungen versetzt wird, so wird der Stromkreis des Telephons infolge der Veränderungen des Flüssigkeitsschleiers und der dadurch bedingten Schwankungen in der leitenden Verbindung zwischen den beiden Platinstücken in entsprechender Weise auch seinerseits verändert. Dadurch entstehen in dem Telephon genau die gleichen Töne und Worte, deren Schallwellen zuerst auf die an der Glasröhre be- festigte Scheibe eingewirkt haben. Das Mikrophon wird nun mit der beschriebenen Funkenstrecke verbunden, wodurch sich die Inten- sität der Funken nach den in das Mikrophon hineingcsprochenen Worten verändert. Genau derselbe Vorgang vollzieht sich in der Empfangsstation. Auch diese Erfindung steht fürs erste selbst- verständlich noch auf der Stufe des Versuchs, hat aber schon so vorzügliche Ergebnige geliefert, dass man einer weiteren Prüfung mit Spannung entgegensehen darf. Notizen. — Der grosse Geigenkünstler Joseph Joachim ist am DonnerStagnachmittag v e r st o r b e n. In der nächsten Nummer des Unterhaltungsblattes wird der berühmte Musiker eingehend ge- würdigt werden. — Ein Esperantistenkongress tagt diese Woche in der englischen Universitätsstadt Cambridge. Ungefähr 2000 Anhänger der Weltsprache Esperanto, aus 20 Ländern, nehmen an dem Kongreß teil. — Die Arbeit der Feder. Man macht sich gewöhnlich keine rechte Vorstellung von der Summe der Muskelarbeit, die die schreibende Hand leistet, und von der Länge der Reisen, die sie bei einem einfachen Briefe ausführt. Wie ein französischer Statistiker berechnet, kann eine einigermaßen schreibgewandte Person durch- schnittlich 30 Worte in der Minute schreiben, was mit all den Kurven einen Weg von fiinf Meter Länge macht. Das wären 300 Meter in der Stunde, 3000 an einen» zehnstündigen Arbeitstage oder 1005 Kilometer im Jahre. Wem» man 30 Worte in der Minute schreibt, so niacht die Feder im Durchschnitt 480 Kurve»», das sind 28 300 in der Stunde oder 105 120 Kilometer im Jahre. Das ist eine ganz anständige Arbeitsleistung für den Daumen ui»d die Finger eines Schreibers und vermag die Entstehung des Schreibkran»pfes sehr gut zu erklären. — Die Arbeite rschutzhütte am Padasterjoch. Das Schutzhaus der Naturfreunde am Padasterjoch in Tirol wurde am 12. August eröffnet. An dein Akt nahmen 700—600 Personen teil, darunter drei Reichsratsabgeordnete. Der Abgeordnete Genosse Freundlich hielt die Festrede über den Wert des Alpinismus für die Erziehung der Arbeiterklasse. Die Hütte liegt in einer Höhe von 2213 Meter und bietet ein entzückendes Panorama. — Entdeckung einer Eishöhle. Am Hochjochgletscher im Oetztal haben drei dort tätige Gletschervermesser eine Eishöhle entdeckt, die prächtige Farbei»effekte bietet und ohne Gefahr und Beschwerlichkeit zugänglich ist. Der ui»gefähr hundert Meter lange Gang ist überall so hoch, daß»nan darin gehen kann. — Ein Unterseeboot zu friedlichen Zwecken hat der amerikanische Erfinder Lakee konstruiert. Es soll zu Nach- forschungen rnls den, Meeresgrunde, zur Bergung untergegangener Schiffe oder ihrer Ladungen verwendet werden. Das Boot kann auch auf dem Meeresboden fahren; es ist zu diesem Zweck mit einem Rade am Vorderteil und zwei Rädern ain Hinterteil aus- gerüstet. Als Triebkraft des in Gestalt einer Zigarre gebauten Bootes dient eine Schraube, die von einem eleltnschen Motor in Bewegung gesetzt wird. Soll das Boot auf den Grund gehen, so nimmt eS soviel Wasserballast ein, dass seine Schwimmfähigkeit völlig aufgehoben wird. Sobald es an den Ort gelangt ist, an dem es seine Arbeit vornehmen soll, tritt ein bollständig ausgerüsteter Taucher in ein Abteil, das vollständig abgeschlossen wird, läßt dieses mit Wasser voll laufen, öffnet dann eine Falltür nach aussen und geht hinaus, um seine Arbeit auf dem Meeresboden aufzu« nehmen. — lieber Malerpaletten aus vorgeschichtlicher Zeit berichtet der„GlobuS": Es sind Schiefer- oder Sandstein- platten aus den Dolmen von Aveyron, dünn, rechteckig, so gross wie eine Handfläche und in der Mitte mit einer schwachen Vertiefung. Bisher sind zehn Stück, alle gleichartig, aufgefunden worden. Sie sind vollständig gleich den bekannten altäghptischen, die noch Spuren von blauer und roter Farbe zeigen und zur Bcmalung der Leichen dienten. Den gleichen Zweck werden die der Steinzeit angehörenden französischen Platten gehabt haben. Berantwortl. Redakteur: HanS Weber» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer 3»Co..Berlin SW.