Nnterhaltungsblatt des Nr. 162. DonnerStng den 22 Llugust. 1907 (Nachdruck tMvboUUO 881 Die JVIuttcr. Noman don Maxim Gorii. Deutsch von Adolf Heß. In das Fenster spielte ein junger Sonnenstrahl. Tie Mutter streckte ihm die Hand hin, und als er sich hell auf die Hand legte, streichelte sie ihn leise mit der anderen Hand und lächelte nachdenklich und freundlich.... Dann stand sie auf, nahm das Rohr vom Saniowar ab, wusch sich und begann sich eifrig zu bekreuzigen und mit bewegten Lippen leise zu beten. Ahr Gesicht war bell, und die rechte Braue schoo sich langsam bald in die Höhe, bald senkte sie sich wieder.... Das zweite Pfeifen klang heiser, nicht so zuversichtlich, und in dem tiefen, feuchten Ton zitterte etwas. Der Multer schien die Pfeife heute länger als je zu rufen. Im Zünmcr ertönte die hell klingende Stimme des Kleinrussen. „Powell Hörst Du! Sie ruft..." Einer von ihnen tappte mit bloßen Füßen auf den Fuß- boden, und jemand gähnte behaglich.... „Der Samowar ist fertig!" rief die Mutter. „Wir stehen auf!" antwortete Pawel vergnügt. „Die Sonne gebt auf!" sagte der Kleinrusfe.„Und Wolken ziehen. Die sind heute überflüssig, die Wolken..." Und er trat zerzaust, aber vergnügt in die Küche. „Griten Morgen, Mütterlein. Wie habt Ihr geschlafen?" Die Mutter trat zu ihm und sagte leise: „Andrej, geh Du doch neben ihm!" „Natürlich!" flüsterte der Kleinrusse.„Solange wir zu- sammcn sind— gehen wir überall neben einander... Das laßt Euch gesagt sein!" „Was flüstert Ihr da?" fragte Pawel. „Wir? Nichts, Pawluschka." „Sie sagt mir, ich soll mich sauber wasche«! Die Mädchen gucken nach mir!" erwiderte der KIcinrusse, in den Flur tretend, uin sich zu waschen. „Steh auf, erheb dich, Arbeitervolk!" sang Pawel leise. Der Tag wurde immer heiterer, die vom Winde ge- triebenen Wolken stiegen immer höher. Die Mutter holte das Tagesgeschirr und dachte kopfschüttelnd, wie die beiden an diesem Morgen sonderbar scherzten und lachten, wo doch mittags ihrer— Gott weiß was wartete. Dabei war sie selbst auch ganz ruhig, fast vergnügt. Den Tee trank man langsam, um die Ungeduld zu unter- drücken. Und Pawel rührte wie stets sorgfältig den Zucker im Glase um, streute vorsichtig Salz auf sein Stück Brot— einen Knust, den er so gern inochte. Der Kleinrusse bewegte seine Füße unter dem Tisch hin und her— er konnte sie nie sofort bequem unterbringen— und als er sah, wie an der Decke und der Wand ein Sonnenstrahl entlang lief, er- zählte er: „Als ich ein Junge von zehn Jahren war, wallte ich die Sonne in einem Glase fangen. Ich nahm das Glas, schlich mich heran und— schwapp I gegen die Wand I Zerschnitt mir die Hand und bekam dafür Prügel. Als ich die eingesteckt hatte, ging ich in den Hof, sab dort die Sonne in einer Pfütze und trat mit den Füßen nach ihr. Ueber und über mit Dreck bespritzt, bekam ich wieder Prügel.... Was sollte ich tun? Ich schrie also der Sonne zu:„Tut mir gar nicht weh� roter Teufel, gar nicht weh!" Und streckte ihr immer die Zunge aus.... Das tröstete mich." „Warum schien sie Dir denn rot?" fragte Pawel lachend. „Uns gegenüber wohnt ein Schmied, der hatte ein roteS Gesicht und einen roten Bart. War ein lustiger, guter Mann, dem sah meiner Meinung nach die Sonne ähnlich..." Die Mutter hielt nicht länger an sich und sagte: „Ihr solltet mal darüber sprechen, wie Ihr geht!" „Ist alles gesagt!" antwortete Pawel. „Ueber abgemachte Dinge spricht man nicht mehr!" meinte der Kleinrusse weich.„Falls man uns alle festnimmt, kommt Nikolai Jwanowitsch zu Euch und sagt Euch Bescheid. Er wird Euch in allem helfen." „Gut!" sagte die Mutter mit einem Seufzer. „Wir sollten auf die Straße gehen!" schlug Pawel vor. „Nein, bleib einstzveilen lieber zu Hause!" erwiderte Andrej.„Warum der Polizei unnötig auffallen? Du bist ihr ziemlich genau bekannt!" Ueber und über strahlend, mit roten Flecken auf den Wangen, kam Fedja Masin gelaufen. Voll Unruhe und Freude verscheuchte er die Langeweile der Erwartung. „Es geht los!" begann er. Das Volk rührt sich?... Man drängt auf die Straße, die Gesichter sind scharf wie Beile.... Am Fabrikwr haben die ganze Zeit über Wjessowtschikow, Wasja Gussew und Samoilow Reden ge- halten... haben eine Menge Arbeiter zur Umkehr bewogen? ... Kommt, es ist Zeil! Schon zehn Uhr!..." „Ich gehe!" sagte Pawel entschlossen. „Ihr sollt sehen," prophezeite Fedja,„nachmittag steht die ganze Fabrik auf!" Und er lief fort. „Brennt wie ein Wachslicht im Winde!" rief die Mutter ihm nach, stand auf, trat in die Küche und begann sich an- zukleiden. „Wohin wollt Ihr. Mutter?" „Mit Euch!" sagte sie. Andrej blickte Pawel an und zupfte seinen Schnurrbart. Pawel ordnete mit einer schnellen Handbelvcgung sein Haar und trat zu ihr hinaus. „Mutter, ich sage Dir nichts... sag Du mir auch nichts!... Abgemacht, Mutter?" „Ja, ja.... Christus sei mit Euch!" murmelte sie. XXVII l. Als sie auf die Straße trat und das feiertägliche Summen von Menschenstimmen, das unruhige, erwartungsvolle Rauschen in der Lust hörte, überall in den Fenstern und in den Torwegen Gruppen von Leuten sah, die ihren Sohn und Andrej mit neugierigen Blicken begleiteten— erschien in ihrem Auge ein Nebelbild, das hin und her tanzte, die Farbe veränderte, bald durchsichtig grün, bald trüb grau war. Man begrüßte sie, und in dieser Begrüßung lag etwas Sonderbares. Ihr Ohr fing abgcrisiene, halblaute Bcmer- kungen auf. „Da sind die Heerführer..." „Wir wissen nicht, wer bicr Heerführer ist.. „Aber ich sage ja nichts Schlimmes!..." An einer anderen Stelle schrie jemand auf dem Hof erregt: „Die Polizei nimmt sie fest... sie gehen zugrunde!* „Hat sie schon einmal gehabt!..." Eine kreischende Frauenstimme sprang erschreckt aus einem Fenster auf die Straße. „Sei doch vernünftig, bis Du etwa ledig, was? Die sind ledig— denen ist alles egal..." Als sie an Sosimows Hause vorübcrkamen, der keine Füße hatte und als Krüppel jeden Monat von der Fabrik eine Unterstützung erhielt, streckte er den Kopf zum Fenster hinaus und rief: „Wlassow! Sie drehen Dir dafür den Hals um, Du Schuft, sollst sehen!" Die Mutter schrak zusammen und blieb stehen. Dieser Ruf erweckte heftige Wut in ihr. Sie blickte in das auf- gedunsene dicke Gesicht des Krüppels, der schimpfend den Kopf versteckte. Sie beschleunigte ihre Schritte, holte ihren Sohn ein und ging dicht hinter ihm her. Er und Andrej hatten scheinbar nichts bemerkt: die Rufe, die sie begleiteten, nicht gehört. Sie schritten ruhig dahin und sprachen laut von einfachen Dingen. Jetzt hielt Mironow sie auf, ein bejahrter und bescheidener Mann, den alle wegen seines nüchternen, anständigen Lebenswandels verehrten. „Arbeitet Ihr auch nicht, Daniels Jwanowitsch?" fragte Pawel. „Meine Frau steht dicht vor der Niederkunft... Nun. und solcher Tag... ist doch unruhig." Mironow blickte die Genossen scharf an und fragte leise: „Kinder, Ihr wollt dein Direktor wohl einen Skandal machen, ihm die Scheiben einschlagen?" „Wir sind doch nicht betrunken!" rief Pawel „Wir ziehen einfach mit Fahnen durch die Straßen und fingen dabei!" sagte der Kleinrusse.„Hört unsere Lieder einmal an— in ihnen liegt unser Glaube." „Euern Glauben kenne ich!" sagte Mironow nachdenklich. „Hab Eure Schriften gelesen... Na, Niluwiw" rief er dann der Mutter zu,„machst Du auch mit?" „Man mutz wenigstens vor dem Tode mit der Wahrheit zusammcnspazieren I" „Oho," sagte Mironow.„Ist also richtig, was man von Dir sagt, daß Du die verbotenen Schriften in die Fabrik gebracht hast!" „Wer sagt das?" fragte Pawel. „Nun, die Leute! Also lebt wohl... Benehmt Euch anständig!..." Die Mutter lachte leise, es war ihr angenehm, daß man in dieser Weise über sie sprach. Pawel sagte zu ihr: „Du kommst sicher ins Gefängnis, Mutter!" „Ich weigere mich nicht!" nieinte sie. Die Sonne stieg immer höher und goß ihre Wärme in' die starke, frische Frühlingsluft. Die Wolken zogen lang- samer, ihre Schatten wurden dünner, durchsichtiger... Sie glitten weich über die Straße und die Hausdächer, hüllten die Menschen ein und reinigten gleichsam die Vorstadt, wischten den Schmutz und Staub von den Wänden und Dächern und die Langeweile von den Gesichtern. Man wurde lustiger, die Stimmen klangen lauter und übertönten den ent- fcrnten Lärni der Maschinen und die Seufzer der Fabrik. Wieder drangen von allen Seiten aus den Fenstern und von den Höfen an das Ohr der Mutter unruhige und böse, nachdenkliche und heitere Worte. Aber jetzt fühlte sie den Wunsch, darauf zu erwidern, zu danken, sich in das sonderbar bunte Leben des Tages einzumischen. (Fortsetzung folgt.) k)aknenkämpfe in Amerika. Die erschrecklich hohe Zahl von 70 S34 Personen, Toten und Verwundeten, welche der amerikanische Eisenbahnbetrieb im letzten Jahre an Menschenopfern gefordert hat, gab uns Veranlassung zu einer Unterhaltung mit einem Amerikaner der mittleren Ge° sellschaftsklasse über die Ursachen dieses geradezu frevelhaften Hin- mortens von Menschenleben.„Ein paar Menschen weniger, was macht das aus. es bat deren so wie so zu viele", das war seine Antwort. Und diese hiep ausgesprochene Ansicht ist typisch für das amerikanische Leben überhaupt. Ter Amerikaner rühmt mit Stolz, daß er rascher und schneller lebt als die Europäer, und ein Menschenleben weniger hoch bewertet.— Diese Anschauung findet auch im amerikanischen Sportsleben ihren Ausdruck und An- Wendung. In keinem Lande der Welt steht der Sport in so hoher Blüte wie in Amerika, und vor allem dicicnigc Art, wo neben Gewandt- hcrt rohe körperliche Kraft und Nichtachtung des eigenen Lebens die ausschlaggebende Rolle spielt. Von den verschiedenen Ball- spielen, die in Amerika besonders in hohem Ansehen sind, ist das Fußballspiel nicht ganz ungefährlich, und die verflossene Spiel- saison hat allein 10 Menschenleben und 160 Schwerverletzte gefordert. Ein geradezu barl>arischcr Sport aber sind die Boxer- kämpfe, die in einigen Staaten noch oft bis zur völligen Kampf- Unfähigkeit des Gegners ausgefochten werden. Geschwollene blut- unterlaufene bis zur Unkenntlichkeit entstellte Gesichter, gebrochene Nasenbeine sind oftmals noch harmlose Folgen eines solchen Weit- kampfes. Tic Preise, um welche gekämpft wird, sind enorm hoch, und Summen von 10-, 20- und 30 000 Dollar sind keine Selten- heit. Allerdings sind auch die Eintrittspreise zu einem solchen Schauspiel ziemlich gesalzen, und bewegen sich gewöhnlich in der Höhe zwischen 3 und 20 Dollar. Anstandslos werden diese Preise bezahlt, und Zchntauscndc von Menschen bilden die Zuschauer eines solchen Kampfes. Daneben werden dann noch Hunderte von Dollar für Wetten ausgegeben, denn der Amerikaner läßt sich keine Gelegenheit, wo es etwas zu wetten gibt, entgehen. In den Zei- tungen brüstet man sich nachher noch damit, daß man für die Vcr- onstaltung solcher Wettkämpse größere Summen aufzubringen imstande ist,— als der Präsident der Vereinigten Staaten an Jahresgehalt bezieht I In den östlichen Staaten, New Uork, Mary- land, Pcnnsylvanicn usw.. sind die Boxerkämpfe durch das Gesetz wenn nicht ganz verboten, so doch auf nur wenige Runden be- schränkt, währenddem sie in den westlichen Staaten, Nevada, Kalifornien usw., durch keine gesetzlichen Vorschriften gehemmt sind. Hunde- und Hahnenkämpfe find durch Gesetz in allen Staaten, wohl mit der einzigen Ausnahme von Lousiana(New Orleans), verboten. Sie werden dennoch abgehalten, hauptsächlich in den sildlichcn und südwestlichen Staaten sind sie sehr verbreitet— natürlich im geheimen. Oesters jedoch auch mit Wissen der Polizei, welche dann gewöhnlich ein Auge zudrückt oder gar selbst als Zuschauer beteiligt ist. und dann für„reine Luft" sorgt. Die Teilnchmcrschaft ist gewöhnlich eine bunt zusammengcloürfclte, aber der aktive Teil des Programms liegt in der Regel in den Händen des mittleren Bürgcrstandes; uns selbst ist der Präsident einer Arbeitcrunion als guter„Hundetraineur" bekannt. Zeit und Ort der Veranstaltung sind, weil sie streng geheim gehalten werde», meist nur dem Eingeweihten bekannt, und für den Frem- den ist es deshalb äußerst schwer, Zutritt zu erlangen. Nur unsere zufällige nähere Bekanntschaft mit einem dieser Vertrauten ermöglichte uns die Teilnahme an einer„Cockfight", welche in der Hauptsache einen Wettkampf zwischen den Hähnen zweier Züchter von Vollblut-Kampshähnen darstellte. Der Schauplatz war in den Baulichkeiten einer jener großen Branntweinbrennereien, wo der„berühmte" Kentucky-Whisky her- gestellt wird, außerhalb dem Weichbilde der Stadt, und so außer dem Bereich und der Kontrolle der städtischen Polizei. Eine Viertelstunde Straßenbahnfahrt, und wir waren an Ort und Stelle. Es war gegen 9 llhr abends als wir anlangten. Die grauen Backstein-Lagerhäuser der Whisky-Fabrik waren in düsteres Schweigen gehüllt. Nur eine im Hofe stehende größere Anzahl von Gespannen verriet uns, daß im Innern eines der Gebäude etwas Außergewöhnliches vor sich gehen mutzte. Unter der Führung unseres kundigen Begleiters betraten wir das Innere eines der Lagerhäuser. Nachdem wir einige Zeit im Dunklen zwischen zerstreut umherliegenden leeren Branntwein- fässern umhergetappt waren, belehrte uns unser Führer, daß wir an der falschen Stelle seien. Der Träger einer brennenden La- terne brachte uns dann nach dem richtigen Ort. Nachdem wir die Eintrittsgcbühr von 50 Cent entrichtet hatten und noch belehrt worden waren, daß eben der„zweite Gang" seinen Anfang gc- nonimen habe, betraten wir den Raum, wo wir uns sofort über- zeugen konnten, daß der Kampf im vollen Gange war. Der Raum war eine Art Gerätckammer und Reparaturwcrkstätte mit allerlei auf dem Fußboden umherliegenden und an den Wänden entlang hängenden Werkzeugen und Geräten angefüllt, alles in schönster echt amerikanischer Unordnung. In der Mitte des Raumes war in der Größe von etwa 3 zu S Metern in ovaler Form die Primi- tivc„Arena" errichtet. Der Boden war natürlicher Lehmboden, und die erhöhten Seitenwände waren bis zur Höhe von 30 Zenti- mcter über dem Fußboden aufgepolstert und mit grauer Leinwand überzogen. Rund herum standen oder saßen auf roh gezimmerten Bänken etwa 260 Männer aus allen Alters- und Gcsellschafts- klassen, tabakkaucnd, die gespannten Gesichter auf die Vorgänge in der Arena gerichtet. Wir sahen viele bekannte Gesichter von „prominenten" Bürgern der Stadt in der vorderen Reihe. In der Mitte der Arena war außer den beiden Männern, welche den Kampf der beiden Hähne leiteten, nöch der Preisrichter, welcher mit der Uhr in der Hand den Kampf überwachte und Weisungen erteilte. Wir erkannten in ihm den Besitzer und Redakteur des offiziellen Organs des Gouverneurs! Am Morgen hatten wir »och seinen„Jhanksgivingday"-Artikel gelesen, der von Gottes- furcht und frommer Sitte förmlich triefte, und fanden ihn nun am Abend in offener Uebertretung und flagranter Verletzung der Gesetze des Staates— und der Humanität I Indessen konnte uns das nicht weiter überraschen; denn wir wußten, daß für den Amerikaner seine Religion und Frömmigkeit eine ganz für sich selbständige Sache ist, welche man nicht in Vergleich zu seinen Ge- fchästspraktikcn und seinem Privatleben bringen darf.— Das Gesamtbild war, wie ein Hohn auf alle menschliche Kultur, durch fünf große elektrische Glühlampen taghell erleuchtet. Noch bevor wir uns einen einigermaßen günstigen Platz ge» sichert hatten, hatte der Kampf sein Ende erreicht, welcher unter gcgenseiligem Einverständnis beider Parteien, wegen totaler Er- schöpfung der beiden Kämpfhähne, unentschieden endigte. Während der nun entstehenden Pause von etwa 10 Minuten beginnt die Arbeit der„Buchmacher", und es kommt Leben unter die Zuschauer. Wetten werden abgeschlossen und Rufe wie:„fünf Dollar an den grauen Hahnl",„2 Dollar an den roten Hahnl". erschallen herüber und hinüber; dazwischen hört man das Klappern der Silberdollar und das Rascheln des Papiergeldes, welches durch die Hände der Wettenden gleitet. Inzwischen sind zwei andere Hähne für den Kämpf vorbereitet worden. Eben werden sie auf ihr Gewicht geprüft: die letzte Prozedur, der sie unterworfen sind, ehe sie auf den Kampfplatz gebracht werden. Sie dürfen sich im Gelaicht nur um ein geringes voneinander unterscheiden. Es sind zwei prachtvolle Tiere, mit glänzendem buntem Gefieder; ein roter und ein grauer. An dem hinteren Teile der Füße, ein wenig oberhalb der Stelle, wo sich der natürliche Sporn befindet, hat man ihnen zwei dünne, spitze, ungefähr 10 Zentimeter lange, nach oben gebogene Stahlsvoren befestigt, durch deren Anbringung der Kamps sich allerdings kürzer, aber auch um so grausamer ge- stalter. Jeder der beiden Besitzer oder sein Angestellter bringt nun sein Tier in den Kreis, und, nachdem sie beide Hähne mehrere Male im Kreis umhergcdreht haben, werden die Tiere aufeinander losgelassen. Auf den Boden gestellt, gehen sie mit voller Wucht aufeinander los. Die Federn fliegen und das Blut fließt. Die Erregung und das Wettfieber der Zuschauer steigt. Die alten Rufe ertönen wieder, vermischt mit allerhand scherzhaften Bemer- kungen. Der eine der beiden Hähne hat einen tödlichen Hieb mit dem Sporen erhalten; aus einer klaffenden Halswunde strömt fco? Vlut. Der„Sieker" steht auf ihm und führt Sebnabelhiebc noch feinem Kopf und den Augen. Aufmunternde, anfeuernde Zurufe wie:«Das ist recht, pick ihm das Auge ausl" ertönen a/uS den Reihen der Umstehenden. Uns schaudert die Haut ob so viel Roheit. Ein letztes Aufflackern der Lebensgeister, und der unterlegene Hahn verendet. In der nun entstehenden Pause wiederholt sich das frühere Bild, und so geht es die ganze Nacht hindurch bis zum Tages- anbruch. Nicht immer ist der Kamps so kurz. Oft erfordert es 40 und mehr Runden, bevor ein Hahn auf der Strecke liegen bleibt. Oft sind auch beide derart zerzaust und ermattet, dah der Kampf un- entschieden bleibt und beide getötet werden müssen. Haben sie sich beiin Kampfe mit den Sporen in den Federn verwickelt, so werden sie frei gemacht, um nach einer kurzen Rast wieder von neuem aneinander losgelassen zu werden. Diese Rast wird von den Eigentümern der Tiere bcnützt, um die Hähne wieder in kampffähigere Verfassung zu bringen. Das geschieht durch Glätten der Federn, Benetzen des Kammes und Schnabels mit Speichel. Hebung der geschwächten Atmungstätigkeit durch Einblasen von Luft und dergleichen Manipulationen mehr. Denn so lange noch ein Funken Leben vorhanden ist, muh gekämpft werden! Die Empfindungen, die der Anblick eines solchen Schauspiels in der Brust eines Sozialisten hervorruft, der zum ersten Mal Zeuge derartiger, ihm bisher fremder Vorführungen ist, sind recht seltsame. Die einzelnen Erscheinungen, wie die Ruhe und Gleichgültigkeit, mit der die Wetten eingegangen und abgeschlossen werden, die ebenso ruhige Gelassenheit, mit der die Verluste hingenommen werden, haben für den leidenschaftslosen, kritischen Beobachter entschieden etwas Interessantes und Anziehendes. Da fällt kein- Wort des Bedauerns, da gibt es keinen Streit, alles geht glatt und ohne jede Störung vor sich, ganz kühl und geschäftsmäßig. Hählich und widerwärtig ist der Gesamteindruck des Bildes. Wenn sie so dasitzen, der Mund voller Tabak in fortwährender Tätigkeit, kauend und spuckend, die ausdruckslosen Augen uner- müdlich in unersättlicher Gier auf das rohe, grausame Schauspiel in der Arena gerichtet, dieser Anblick erzeugt ein unsägliches Ge- fühl des Ekels und Abscheus, das uns schon nach wenigen Stunden Aufenthalt mit unwiderstehlicher Gewalt von dem Schauplatze niedriger Leidenschaften und Instinkte hinwcgtrieb. Wir schieden, wieder einmal bestärkt in der traurigen Wahrheit, dah die Mensch- heit doch noch recht weit entfernt ist von den Höhen wahrer Kultur und idealer Menschlichkeit. C. B. Kleines Feuilleton. Eine neue prähistorische Stadt auf Kreta entdeckt. Der Boden des alten Kreta ist in letzter Zeit besonders ergiebig an Schätzen aus der frühesten Epoche der griechischen Kultur gewesen; vor allem haben die Ausgrabungen von Evans an der Stätte des alten Knossos ganz überraschende Ergebnisse gezeitigt. Nun ist auch an einer anderen Stelle der Insel, an der Nordwestküste, eine neue prähistorische Stadt aus mykenischer Zeit entdeckt worden, über die A. N. Jannaris in der„Contemporary Review" einen interessanten Bericht erstattet. Etwa 2t) Meilen von Canea, drei Meilen östlich von einer Einbuchtung, die auf einigen Karten als die Bai von Eanca bezeichnet ist, dehnt sich eine fruchtbare Ebene von etwa einer Ouadratmeile aus, die nach Norden vom Meeresufer, nach Westen von dem kleinen Bach Tavronitcs und nach Osten von dem Dorfe Maleme begrenzt ist. Im südlichen Teile steigt der Boden, der nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt, in leichten Stufen zu einer Reihe von Anhöhen empor, die eine Höhe von etwa M Meter erreichen. Schon seit langem wußten die Bewohner jener Gegend, daß man bei der Bestellung des Bodens an vielen Orten der Ebene aus alter Zeit stammende Dinge entdeckte, Reste von Gräbern, Mauern, Bruchstücke von Vasen, Porzellanflaschen usw. Der südöstliche Teil der Ebene führte daher in der Gegend bereits von altersher den Namen„Paleochora", d. h.„alte Stadt". Merk- würdigerweise war dies jedoch der Aufmerksamkeit der Archäologen entgangen, bis im vorigen April zwei Bauern, die in einem Wein- berge auf einer der Anhöhen arbeiteten, einen großen quadratischen Block entdeckten, der, wie man bei genauerem Zusehen erkannte, den oberen Abschluß eines von einer Wölbung überdachten Raumes bildete, der der mykenischen Periode angehörte; das Bauwerk war den Totenkammcrn, die in Sparta und in Menis in Attila ent- deckt worden sind, sehr ähnlich. Die Wölbung, die völlig im Boden vergraben ruhte, ist etwa fünf Meter hoch und bildet den oberen Abschluß eines viereckigen Bauwerkes, das 4fH Meter lang und 4 Meter breit ist. Ter untere Teil des Gebäudes ist auS Blöcken von einem porösen Stein aufgeführt, der in dieser Gegend nicht zu finden ist und der daher auf dem Seewege eingeführt sein mutz. Die Blöcke sind in sechs Reihen angeordnet und nicht durch Zement miteinander verbunden; die Zwischenräume zwischen den einzelnen Blöcken sind nur durch kleine runde Steine ausgefüllt. Der Boden des Gemaches ist mit Steinplatten belegt, die mit Kalk befestigt find. Das Gewölbe ist aus elf Reihen Blöcken gebildet, die immer enger werden und schließlich im Gipfel in dem quadratischen Stein, der zuerst entdeckt wurde, endigen. So bildet das ganze Gebäude eine Art„Tholos" mit einer Eingangstür in der Nordseite und einem Atrium, das noch mit Erde gefüllt ist. Die Türöffnung mißt 2 Meter in der Höhe und 1,30 in der Breite; sie ist bei der Dicke der Wände natürlich auch sehr tief. Der Boden dieser Tür ist von drei nur roh geglätteten Steinplatten gebildet, während sie oben von zwei schön polierten Marmorplatten bedeckt ist. Oberhalb der Tür ist ein grojzer dreieckiger Raum in der Mauer ausgespart, um den Druck zu erleichtern. In dieser Kammer wurden außer einigen Vasenfragmenten, einem Srück blauer Kreide und einem Häufchen gutcrhaltener Holzkohle sechs menschliche Skelette gefunden, die alle mit dem Kopf nach Norden gerichtet lagen. Ein Skelett lag in der Mitte des Raumes, zwei lagen in einer Ecke und die übrigen drei waren in die anderen Ecken verteilt. Diese Entdeckung hat nun im Zusammenhange mit den früheren, auf die man erst jetzt aufmerksam geworden ist, die Vermulung nahegelegt, daß es sich um eine Reihe von Bauten aus der mykenischen Periode handelt und daß auf der Anhöhe, auf der dieser Bau gefunden wurde, eine Akropolis gelegen hat, die eine Stadt beherrschte, die sich in bc- deutender Ausdehnung vom Fuße des Hügels bis zum Meeres- ufcr über die ganze Ebene erstreckte. Auch über den Namen dieser prähistorischen Stadt haben angesehene Archäologen Vermutungen geäußert. Auf Grund der Ueberlieferungen bei Plinius und Vcrgil hat man die Hypothese aufgestellt, daß in dieser Gegend der Ort liegen müsse, an dem die Stadt Pergamos lag, die Agamemnon auf seiner Rückreise von Troja gegründet haben und in der später Lykurg gestorben und begraben sein soll. Literarisches. Emma Adler:„Jane Welsh Carlyle� �Akademischer Verlag Wien und Leipzig 1907) Ihrem Buche:„Berühmte Frauen aus der französische» Revolution" vom vorigen Jahre, das an dieser Stelle eingehend besprochen wurde, hat Emma Adler, die Gattin unseres Wiener Parteigenossen Viktor Adler, rasch ein zweiles folgen lassen. In ihm setzt sie der Lebensgefährtin Thomas Carlyles ein biographisches Denkmal. Carlyle. der berühmle Geschichtsschreiber der französischen Revolution, einer der originellsten, freilich auch paradoxesten englischen Schrifisteller, hat sich als ausgezeichueler Kenner und Förderer deulscher Literatur in seinem Heimallande auch bei uns große Verdienste erworben. Bloß um seinetwillen von Jane Welsh zu reden, würde müßig sein, wenn sie eine gewöhnliche Frau gewesen wäre. Das war sie aber nicht. Deunoch gestaltete sich die Ehe zwischen Carlyle und Jane eher tragisch als glücklich. Die Biographin unternimmt es in diesem Buche, den Nachweis fiir die tragische Verkettung jenes Ehebundcö zu führen. Eine demokratische Natur, die alles sich selbst verdanken, alles durch sich selbst erringen wollte und mußte, daher auf Protektion und Sinekuren verzichtete, hatte Carlyle sein wie seiner Frau Leben auf seine Feder gestellt. Er mußte Tag aus Tag ein schaffen, sich tief ins Studium vergraben. Wohl ist er nicht freizuspreche», weil er Jane mit ihren geistigen Ansprüchen wie seelischen Sorgen und Schmerzen sich so ganz allein überlassen kennte; aber sein mühevoller Beruf entschuldigt ihn. Damit ist natürlich noch lange nicht die Frau abzutun. Sie war eine Edelnatur, die vielleicht än anderer Stelle großes geleistet hätte. Ihre umfassende Bildung hätte sie dazu befähigt. Jetzt, an der Seite eines ausgezeichneten Mannes, der als Schriftsteller Weltruf errang, begnügte sie sich, das Los der Entsagung von allem würdevoll zu ertrage». Erst nach ihrem Tode erfuhr Carlyle aus den hinterlasiencn Tagebücher», welch ein Juwel von Geist und Charakter Jane gewesen ivar. Sie wurde als die Tochter des Dr. John Welsh am 14. Juli 1801 zu Haddingron in England geboren und genoß eine vorzügliche Erziehung und Schulung in klassische» Bildungselcmenten. Ihrer schließlichen Verheiratung mit Thomas Carlyle, dem Sohne eines ehrenhaften Landmannes und Bildhauers, war ein lauger Austausch der Meinungen vorangegangen. Es handelte sich dabei um Existenzsragen von prinzipieller Be- deutung. Hernach nahin Jane die schwersten Mühen auf sich. In Wohlhabenheit erzogen, füllte sie nun die Pflichten der Hausfrau auS. In der Einöde zwischen Moorland und Granitfelsen jahrelang lebend, war ste gezwungen, alle Arbeit, selbst die des Brotbackens, grobe Haus- und Landarbeit zu verrichten. Und sie tat alles ohne Murren. Freilich, wie sehr sie unter der Vereinsamung gelitten, das ersieht man aus ihren Auf- zeichnungen. Emma Adler gibt daraus Auszüge, ebenso lehrt sie unS Jane aus Briefen an ihren Gatten, an Goethe u. a. erkennen. Ein Leben voll stillen Kummers war vorübergegangen. Endlich, als Carlyle zum Rektor der Universität Edinburg ernannt worden war, erlag Jane am 21. April 1366 zu Hause plötzlich und unerwartet einem Schlaganfall. Es ist einer Jane Carlyle gegenüber keines- wegs überflüssig zu untersuchen, ob mehr oder wenig Glück in ihrem Leben vorhanden war. Mit Recht tritt Emma Adler der Auffassung des Professors Paul Hensel entgegen, als hätte Jane Welsh etwas anderes denn Glück vom Leben erwartet. Nicht, daß es ihr ver- gönnt gewesen wäre, Carlyle zur Ausbildung alles dessen verhelfen zu dürfen, was die Natur in rhm angelegt hatte, vielmehr ist das Gegenteil erwiesen.„Auch war Frau Carlyle selbst ein eigenartiges Talent, das durch Schicksal und böse Zufälle nicht zur Enifaltung kam. Mit einen, Los, das Professor Hensel als ein genügend wünschenswertes erscheint, mit einem derartigen Los kann sich der Durchschnitt der guten Frauen zufrieden geben, nicht aber ein Wesen, wie es Jane Welsh Carlyle war!" Das Buch Emma Adlers ist als ein wichtiger Beitrag zur Lebeusgeschichte hervorragend befähigter g-raitcn, denen e? aBer versagt war, der Menschheit höhere Dienste zu leisten, willkonunen zu heisjen.«. ic. Medizinisches. Der Stand der Radiumbehandlung. Gleich allen neuen Heilverfahren hat die Radiumbchandlung, wie in einem Leitartikel der„Archive für Röntgenstrahlen" ausgeführt wird, drei Stufen der EntWickelung durchlaufen. Auf der ersten Stufe soll das neue Heilmittel gegen alle Krankheiten helfen, denen der Mensch überhaupt zugänglich ist, auf der zweiten taugt es wieder gar nichts, und auf der dritten wird es wenigstens für eine de- fchräntte Zahl von krankhaften Zuständen als nützlich befunden. Es sind jetzt rund zehn Jahre verflossen, seit Frau Curie das Radium entdeckte, und bald darauf wurden auch versuche damit zu Heilzwecken angestellt. Dieser Zeitraum ist selbstverständlich für eine gründliche Erforschung einer so vollkommenen Neuheit zu kurz, aber es läßt sich doch sagen, dast die Radiumbehandlung schon im Legriff steht, die dritte Stufe ihrer EntWickelung zu erreichen und dah sich infolgedessen jetzt schon einigermaßen sagen läßt, in- wieweit sie überhaupt von Wert sein kann. Die ersten Versuche waren von Folgen begleitet, die keineswegs ermutigend wirken konnten, indem dadurch schwere Verbrennungen der Haut bis in tiefe Schichten hinein verursacht wurden. Immerhin hat gerade diese Erfahrung zu der Erkenntnis geführt, daß die Domäne der Radiumbehandlung auf dem Gebiete der Hautkrankheiten liegen müßte, und hier hat sie tatsächlich ihre größten Triumphe gefeiert. So wird nach dem Gutachten vieler hervorragender Aerzte die Radiumstrahlung als eine schlechthin ideale Behandlung für fressende Geschwüre, für einen Teil der Lupuserkrankungcn und für oberflächliche 5irebswucherungen erklärt. Daun hat sich ihr Gebrauch noch ausgedehnt auf starkes Hautjucken, auf dir Be° seitigung von Muttermalen und noch einige andere krankoaftc Hautderänderungen. Gegen Krebsbildungcn von größerer Auö- dehming und tieferem Sitz hat dagegen weder die natürliche Strahlung de» Radium? noch die künstliche der Röntgen-Röhrc ein Heilmittel von irgendwie beträchtlichem Einfluß an die Hand geliefert. Am meisten beschäftigen sich jetzt die Aerzte und die nrit ihnen zusammenarbeitenden Forscher mit der Frage, wie die Radiumstrablen phvsiologisch wirken und welchen Einfluß fie auf krankhafte Gewebe verschiedener Art besitz n, und diese Frage geht wieder in einer anderen auf, die nach einem gemeinsamen Grund der Wirkung de» Radiums, der Röntgen-Strahlen und de» ultra- violetten Lichtes sucht. In dieser Beziehung befindet sich die Wissenschaft leider noch ziemlich im dunkeln, und eS ist eine durch die neuesten Ilutersuchungen nahe gelegte Vermutung, daß die Wirkung des Radiums eine chemische sein dürfte, indem dadurch vielleicht eine Oxydation, also eine gesteigerte Aufnahme von Sauerstoff, bedingt wird, jedenfalls setzen die Strahlen die Teilchen der Gewebe in eine Bewegung, die ein schnelle» Wachstum der Zellen verhindert. Der Fortschritt der Radiumbchandlung hat am meisten darunter gelitten, daß man bisher nicht mit Sicherheit hat feststellen können, welcher Grad der Bestrabtung zur Erzielung eines Heilerfolge» der richtige ist. Vorläufig ist es fast unmöglich. daß ein Farscher die Versuche eine? anderen vollkommen nach- ahmen kann, weil die StrahlungSfähigkeit der einzelnen Radium- proben zu verschieden ist und noch viele Nebenumstände die Wirkung beeinflussen. Der größte llebelstand endlich ist die ungeheure Kostspieligkeit deS Radiums. Während man bei zahlreichen anderen Mineralstoffen die Erfahrung gemacht hat, daß fie bei stärkerer Nachfrage in größeren Mengen und auf billigere Art ge- Wonnen werden können und dadurch im Preise zurückgehen, hat daS Radium leider durchaus eine Ausnahme von dieser Regel gebildet. Die Kosren seiner Gewinnung sind außerordentlich hoch, und eS liegen keine Anzeichen dafür vor, daß sie eine Herabsetzung er- fahren iverden. Ein Arzt berichtet, daß er neulich in einem öffent- liche» Krankcnhause ein Kind gesehen habe, das von einem ungeheuren, eine ganze GesichiShälfte bedeckenden Muttermal durch Radinmbehandlung befreit worden war. Die Behandlung hatte aber über ein Jahr gedauert und so viele Kosten gemacht, daß nur ein Millionär oder ein ganz Armer darauf rechnen kann, emcr solchen Segnung teilhaft zu werden. Tetstnifches. Die Verwendung elektrischer Akkumulator- wagen im Eisrnbahit betriebe ist überall da von Wert, wo die verhältnismäßige Geringfügigkeit de? Verkehrs den Betrieb von ganzen Zügen unwirtschaftlich macht. Ein Zug erfordert immer eine Lokomotive, die bei nur wenigen Wagen fast ebensoviel Kosten verursacht wie bei normaler B-lastung. Auch daS rollende Mate- rial wird nur zu geringem Teile ausgenutzt. Die Eisenbahnver- walrurig beginnt jetzt daher, an manchen Stelleu elektrische Akku- mulatoreneinzclwagcn einzustellen, die allein laufen und gleich die verschiedenen Klassen besitzen. Für den Vorortverkehr Trier— Conz und Trier— Ehrang ist kürzlich wieder solch Wagen geliefert wor- den, worüber dir„Zeitung de» Verein? deutscher Eisenbahnver- waUungen" berichtet. Der Wagen wiegt betriebsfähig 60 Tonnen; er faßt in fünf Abteilen 88 Fahrgäste, davon 8 in zweiter, die übrigen je zur Hälfte in dritter und vierter Klasse. Von den vier Achsen werden drei angetrieben. Die Akkumulatorenbatterie ist in acht Gruppen unterteilt und unter den Sitzen aufgestellt. Beim Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Bremsen wird die vorhandene Energie deS Wagens durch die Ve- fchleunigung dazu benutzt, um die Batterie aufzuladen. Mit einer Ladung kann jeder Wagen 70 Kilometer zurücklegen, also gut zwei- mal über Trier nach Ehrang und zurück fahren. Naturgemäß wird ein solcher Wagen viel besser ausgenutzt als ein ganzer Zug. Der Betrieb ermöglicht also auch eine schnellere Betriebsfolge, ein nicht zu unterschätzender Vorteil des Akkumulatorenwagcns. t HnmoristischcS. — Auch eine Berechnung. A.: Also in Marienbad waren Sie jetzt wieder. Donnerwetter, Ihr Bauch wird Ihnen ober schön teuer! B.: Ich habe mir's so«»gefähr rniSgerechnet; die Anschaffung hat pro Pfund vierhundert und die Abjchassung fünfhundett Mark gekostet! — Der kluge Hund. Der Kaufmann Meyer bat einen Hund, dieser war so funtubar schlau, daß er einem Gefiilfeii seines Herrn, namens Kap, ständig in die Beine fuhr. Meyer nahm sich einen anderen Gebülfen, namens Eckstein, den hat er aber auch bald eullasjen müssen. — Technische Unmöglichkeit.„Warum stick» die Fische stumm?" fragt der Lebrer de» kleinen Moritz Bernstein. „.Heißt ü Frag, Herr Lehrer,"" antwortet Moritz,„„probierst Sie umer dein Wasser zu reden!"" — Aus der I u st r u k t i o n s st u n d e. Leutnant: Wie viel Geld bekommt der Soldat täglich, Woczek? Woczek: Dreiundzwaiizig Pfennig, Herr Leutnant. Leutnant: Was macht der Soldat damit, Woczek? Woczek: Er tut sich kaufen Butter, Herr Leutnant, für zwölf Pfennia. Leutnant: Wa° macht der Soldat weiter? Woczek: Hat Soldat noch elf Pfennig, Herr Leutnant, tut Soldat fich kaufen Brot für acht Pfennig, Herr Leutnant. Leutnant: Es bleiben noch drei Pfennig, was macht der Soldat damit? Woczek: Die darf Soldat nicht verprassen, Herr Leutnant l („Lustige Blätter.") Liotize». — Fulton-Hundertjahrfeier in New Dork. Der New Dorker Hafen hatte am Sonnabend zur Eriimeruug an die erste Fahrt von Amerikas erstem Dainpfboot, die vor hundert Jahren (17. August 1807) stattgefunden hat. ein Festgewand angelegt, und auch die großen atlantischen Dampfer, die an diesem Tage einliefen, bedeckten sich in dem Augenblick, da sie in die Bai gelangten, über und über mit bunten Wimpeln. Um 1 Uhr mittag? dipptcn die Hunderte von Schiffen im Hafen ihre Flaggen und ließen ihre Dampspfeifen ertönen, denn gerade zu dieser Stunde war Robert Fultons„Clermont" vor hundert Jahren mit großer Mühe langsam den Hudson River hinausgedmnpfr, während die Segler sich über ihn lustig machten und ihm höhnisch zuriefe», ob sie ihm nicht ein Tau zuwerfen sollten, und während auch die Zuschauer am Lande den unternchmeudnl Mann hänselten, da ste völlig überzeugt waren, daß daö kleine Fahrzeug daS Umnögliche versuchte. — Ein Denkmal für Lamarck soll, wie aus Pari? be» richtet wird, im Jardin deS Plante? errichtet werden. Auf dem Monument sollen die Titel seiner hervorragenden Werke eingraviert werden, darunter besonders die seiner spekulativen Schriften, die bei seinen Zeitgenosse» so wenig Beachtung fanden und in denen er doch als einer der wichtigsten Vorgänger Darwins ein vollständiges System der Transmutationstbcorie aufgestellt hat. Durch dieses Denkmal soll dem verkannten Gelehrten, der seine letzte Ruhestätte in einem Armengrabe gefunden hat, wenigstens ein Nachruhm ge- sichert werden. — RodinS„Turm der Arbeit". Ein Werk von fligan- tischen Proportionen plant Auguste Rodin, der große französische Bildhauer, in einein„Turm der Arbeit", der in einem großen Symbol die Arbeit deS Menschen zusammenfassen und verherrlichen soll. In einem Gespräch ließ sich der französische Meister über die Idee seines Monumentes folgendermaßen aus:„Der Turni wird sich ganz auf einer Krypta erHeden, in die die Bergleute und die Taucher wie überhaupt alle die, die unter der Erde oder unter dem Wasser arbeiten, verwiesen werden. Die Tore der Krypta werden von den Gestalten des Tages und der Nacht bewacht werden. Eine Reihe anderer Berufe— die Schmiede, Schreiner, Töpfer, Maurer— werden auf einem spiralförmigen FrieS, der den Turm umgibt, zur Darstellung ge- langen. Zwei Engel, die vom Himmel herabschwebcn und die Ar- beiler aus Erden unter ihren Schutz nehmen, sollen das Ganze krönen." Die Kosten der Ausführung seines Planes schätzt Rodin selbst nach Miilionen, und er denkt daran, daß eine internationale Zusammenarbeit möglich sein wird, das große Werk zu vollenden. Eine große Schwirrigleit hat er bereits überwunden; er hat einen Architekten gefunden,' der den architektonischen Au-bau des Ganzen übernehmen will, während Rodin sich auf die Aiisführung der Bild« bauerarbeiten beschränken wird. Der Architekt ist M. Nönot. Rodin äußerte sich sehr zuversichtlich über die Ausführung seines Planes. Vorwärts Buchdruckerei u.ÄcrlagSanjmlt Paul Singer �Co..Bcrlu! 8 Ak.