Ilnterhaltungsblatt des Worwärls Nr. 163. Dienstag, den 27. August. 1907 lRachdMik vevbotm.j 40 Vie Mutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. Durch die harmonische Melodie brachen leise Worte: „Er kommandiert.. „Das Gewehr— an!" ertönte vorne ein scharfer Schrei. Wellenförmig schaukelten die Bajonette in der Luft, fielen nieder und streckten sich schlau lächelnd der Fahne entgegen. „Vorwärts— marsch!" „Sie kommen!" sagte der Einäugige und schritt mit den Käudcn in der Tasche breit zur Seite. Die Mutter blickte starr gerade aus. Die graue Sol- öatenwclle schwankte, zog sich über die ganze Stratzenbreite hin und bewegte sich gleichmäßig, kalt vorwärts, vor sich einen Kamni mit silbern schimmernden Stahlzähnen. Sie schritt breit aus, ging näher an ihren Sohn heran, sah, wie An- drej ebenfalls vor Pawel trat und ihn mit seinem langen Körper deckte. „Geh neben mir. Genosse!" rief Pawel scharf. Andrej sang, seine Hände waren auf den Rücken gelegt, den Kopf trug er hoch. Pawel stieß ihn mit der Schulter an und rief wieder: „Neben mirf Du hast kein Recht, vor der Fahne zu gehen!" „Auseinander!" rief der kleine Offizier, den weisen Säbel schwingend, mit dünner Stimme. Er hob die Fi�x hoch und schlug ohne die Knie zu biegen, heftig mit den Sohlen auf den Boden. Der Mutter sielen seine blank ge- putzten Stiefel in die Augen. Seitwärts und etwas hinter ihm ging mit schweren Schritten ein großer rasierter Mann mit dickem, grauen Schnurrbart in langem, rotgefütterten Rock und mit gelben Generalsstreifen im weiten Beinkleid. Er hielt ebenfalls wie her Kleinrusse die Hände auf dem Rücken, schob die dicken grauen Brauen in die Höhe und blickte Pawel an. Die Mutter sah unendlich viel, in ihrer Brust stand un- beweglich ein lauter Schrei, der mit jedem Seufzer nach außen dringen wollte: er erstickte sie. aber sie hielt ihn im Innern gurück, indem sie mit den Händen nach der Brust griff. Man stieß sie, sie schwankte auf den Füßen und ging ohne Gedanken, fast bewußtlos vorwärts. Sie fühlte, daß die Menschen hinter ihr immer weniger wurden, eine kalte Welle schritt Ühnen entgegen und sprengte sie auseinander. Immer näher bewegten sich die Leute mit der roten Fahne an die dichte graue Menschenkette, man konnte deutlich das Gesicht der Soldaten sehen— ein breites über die ganze Straße reichendes, garstig platt gedrücktes und in einem schmutzig gelben schmalen Streifen auseinander gczerrtes Ge- ficht, in das verschiedenfarbige Augen ungleichmäßig hinein- gespritzt waren, und vor dem die feinen Bajonettschneiden grausam blitzten. Indem sie sie auf die Brust der Menschen richteten, schnitten und stießen sie bereits, ohne sie zu be- rühren, nach einander einzelne von der Menge los und zer- sprengten den Haufen. Tie Mutter hörte hinter sich das Trampeln der Fort- laufenden. Verhaltene, unruhige Stimmen riefen: „Geht auseinander, Kinder!.. '„Wlasjow lauf!.. „Zurück, Pawel!" „Wirf die Fahne fort, Pawel..." sagte Wjcssowtschikow fniimsche.„Gib her, ich verstecke sie!" Er griff mit der Hand nach der Fahnenstange, die Fahne schaukelte zurück. „Laß?" schrie Pawel. Nikolai zog die Hand zurück, als hätte er sie verbrannt. Der Gt'saug war verstummt. Die Leute machten Halt, um- xingten Pawel dicht, aber er drängte vorwärts. Jetzt trat un- Versehens etwas heran, als wäre es unsichtbar von oben herabgcschwcbt und umsinge nun die Menschen in einer durch fjchtigcn Wolke. Unter der Fahne standen etwa zwanzig Mann, nicht Mehr, aber sie standen fest, zogen die Mutter durch ein Gefühl der Besorgnis an sich heran, und den unklaren Wunsch, ihnen» etwas zu sagen... „Leutnant, nehmen Sie das da weg!" ertönte die gleich« mäßige, grobe Stimme des großen, alten Mannes. Er streckte die Hand aus und deutete nach der Fahne.. Der kleine Offizier sprang an Pawel heran, griff mi? der Hand nach der Stange und schrie kreischend: „Her damit!" „Hände weg!" sagte Pawel laut. Die Fahne zitterte rot in der Luft, neigte sich nach rechts und links und stand wieder gerade hoch. Der kleine Offiziev flog zurück, setzte sich auf die Erde. An der Mutter glitt mit» ungewohnter Schnelligkeit Nikolai vorüber, der die Hand zur Faust geballt vor sich hertrug. „Nehmen Sie die Leute fort!" schrie der Alte, mit dem Fuß aufstampfend. Ein paar Soldateil sprangen vor. Einer schlug mit dem Kolben, die Fahne zitterte, neigte sich und verschwand in dem grauen Soldatenhaufen. „E— eh!" rief jemand traurig. Die Mutter brach in tierisches Geheul aus. Als Antwort darauf erklang aus dem Soldatenhaufen die klare Stimme Pawels: „Auf Wiedersehen, Mama! Auf Wiedersehen, liebe.. „Er lebt, denkt an mich!" schlug es zweimal ins Herz der Mutter. „Auf Wiedersehen, Mütterchen!" Sie erhob sich auf den Zehenspitzen, winkte mit den Händen, bemühte sich, die Beiden zu sehen und erblickte über den Köpfen der Soldaten das runde Gesicht Andrejs— es lächelte, nickte ihr zu. „Meine Lieben... Andrej... Pawel..." rief sie, „Auf Wiedersehen, Genossen!" riefen sie aus dem Sol- datenhaufen. Ihnen antwortete ein vielstimmiges zerrissenes Echo. Es klang aus den Fenstern, irgendwoher von oben, von den Dächern. XXX. Man stieß die Mutter vor die Brust. Durch den Nebel in den Augen sah sie vor sich den kleinen Offizier, sein Gesicht war rot. angestrengt, und er schrie sie an: „Weg da. Alte." Sie blickte ihn von oben bis unten an, sah zu seinen Füßen die Fahnenstange, die in zwei Teils zerbrochen war— an einem hing noch ein Stück roter Stoff. Sie beugte sich nieder und hob sie auf. Der Offizier riß den Stock aus ihrer Hand, warf ihn beiseite und schrie, mit den Füßen auf» stampfend: „Weg da! sage ich!..." Zwischen den Soldaten loderte und floß das Lied dahin: „Steh auf, erheb dich, Arbeitervolk.. Alles drehte sich, schwankte, zitterte. In der Luft stand dichter, beunruhigender Lärm, ähnlich dem matten Summen in Telegraphendrähten. Der Offizier fprang fort und kreischte erregt: „Lassen Sie den Gesang aufhören! Feldwebel Krainow.. Die Mutter trat schwankend zu dem Fahnenstangcnrest, den er fortgeworfcn und hob ihn auf. „Stopfen Sie ihnen das Maul.. Der Gesang verwirrte sich, erlosch. Jemand faßte die Mutter an der Schulter, drehte sie um und stieß sie in den Rücken. „Geh. geh..." „Die Straße säubern!" schrie der Offizier. Die Mutter sah zehn Schritte von sich wieder einen dichten Menschenhausen. Die Leute brüllten, brummten, pfiffen, traten langsam zurück und strömten in die Höfe. „Vorwärts. Ihr Teufel!" schrie ein junger schnurr- bärtiger Soldat neben der Mutter ihr direkt ins Ohr und stieß sie ans das Trottoir. Sie ging auf die Fahnenstange gestiitzt und ihre Beine knickten ein. Um nicht zu fallen, klammerte sie sich mit der anderen Hand an die Wände und Zäune- Vor ihr wichen die Menschen zurück, neben ihr und hinter ihr schritten Sol- baten, die schrien:. „Vorwärts, vorwärts.. Die Soldaten überholten sie, sie blieb stehen und blickte um sich. Am Straßenende standen wieder Soldaten in einer dünnen Kette, die den Weg auf den freien Platz versperrten. Der Platz war leer. Vorne bewegten sich ebenfalls graue Ge- stalten langsam auf die Menschen zu... Sie wollte sich umwenden, ging aber unwillkürlich wieder vorwärts, und als sie an die Ecke gelangte, bog sie in die schmale und leere Gasse ein. Wieder machte sie halt, horchte und atmete schwer. Irgend wo vorne tobte das Volk. Sie schritt weiter, bewegte die Brauen, schwitzte stark, bewegte die Lippen, schwenkte die Hand, und in ihrem Herzen blitzten wie Funken Worte auf, drängten sich zusammen und entzündeten in ihr den hartnäckigen, heftigen Wunsch, sich auszusprechen, hinauszuschreien... Die Gasse machte eine scharfe Biegung nach links, und hinter ihr sah die Mutter einen großen dichten Menschen- Haufen. Eine Stimme sprach laut und kräftig: „Aus Skandalsucht läuft man nicht in Bajonette!" „Und wie haben sie sich benommen ah? man geht gegen los— sie aber halten stand, ganz furchtlos. „'x�a a.,. „Sieh einer den Pawel Wlassow!.. „Und der Kleinrusse..." „Hände auf den Rücken, lacht der Teufel., (Fortsetzung folgt.) Die Klavierlehrcrln. Von Hugo F r ü n d. Frau Wulke, die Besitzerin von einem großen Vergnügung?- lokal, hatte für ihr siebenjähriges Töchtcrchen Fanny einen schönen Flügel gekauft. Nicht etwa, weil sich die Kleine als ein musikalisches Genie entpuppte, sondern weil Oesterheids— eine der Frau Wulke befreundete Familie— ihrem Sohne Albert aus Freude über seine Versetzung nach der Untertertia eine teure Geige geschenkt hatten. Frau Wulke mutzte das natürlich übertrumpfen. Naserümpfcnd hatte sie sich geäuhert, was so„plundrige Bäckermeesters" könnten, das könnte sie schon lange, und so hatte sie, Oesterheids schwer zu ärgern, viel tiefer in den Geldsack gegriffen und bei einer Firma von Weltruf einen ganz neuen und blitzblanken Flügel erstanden. Nun aber galt es, auch für Fannys Musikunterricht zu sorgen. Das Kind sollte ihn zu Hause haben; weil aber Frau Wulke von einem Lehrer nichts wissen wollte— sie war Witwe und hielt streng auf ihren llüif— so hatte sie an ein Fräulein geschrieben. die ihr sehr empfohlen worden war, und hatte sie zu sich bestellt mit der Bemerkung: sie wäre nicht abgeneigt, sie zu„ankafchüren", sie mutzte jedoch das Fräulein erst mal.Prihfen', ob sie auch eine »Dichtige persohn" wäre. Die Kkavierkehrerin, eine junge Dame, hatte über den Brief der Gastwirtin tüchtig gelacht und sich auch ein bitzchen darüber ge- ärgert. Sie hatte die besten Zeugnisse und braucht sich von einer Frau, die mit der Rechtschreibung so arg auf dem Kriegsfüße stand, wirklich nicht erst prüfen lassen. Dennoch entschloß sie sich, hin- zugehen— sie lebte in bescheidenen Verhältnissen und war auf ihr Stundengeld angewiesen— und so fand sie sich zu der an- gegebenen Zeit bei Frau Wulke ein. Sie mutzte eine halbe Stunde warten, denn Frau Wulke, die einst Zofe bei einem Arzt gewesen war, hielt es für vornehm, fremde Leute, die zu ihr kamen, antichambrieren zu lassen. Endlich erschien ein Dienstmädchen und sagte:„Die gnädige Frau lassen bitten". Das Fräulein atmete erlöst auf und folgte dem Mädchen in den Salon, wo Frau Wulke sehr steif auf einem mit blauer Seide bezogenen Sofa saß und an der Hand die kleine Fanny hielt, die neben ihr stand. Die Lokalbesitzerin war, obschon sie anfing, stark zu werden, immer noch eine hübsche Frau, und ihr frisches Gesicht mit der lecken, kleinen Stumpfnase verriet das allerliebste Kammerkätzchen von ehemals. Sie war fichtlich bemüht, sich fein zu geben: sie reichte der Lehrerin würdevoll die Hand— Fanny mutzte auch die Hand reichen, wiewohl der Unart sich sträubte— und dann bot Frau Wulke der jungen Dame einen Sessel an. Das Fräulein dankte und setzte sich und sah mit stiller Heiterkeit auf die schwarze Samt- taille der Hausfrau, worauf so viele Goldsachen hingen wie auf den großen Samtständern in den Schaukästen der Juweliere. „Gefällt Sie der Flügel?" leitete Frau Wulke das Gespräch ein. Die Lehrerin warf einen Blick auf die Firma und er- widerte:„Er ist für ein Kind eigentlich zu schade".„Zu schade?" Frau Wulke zog ein wenig die Nase kraus.„Nun ja", meinte fie.»für anderer Leute Kinder genügt ja schon ein Klavier. Aber meine Fanny hat solchen Allerweltsklimperkasten Gott sei Dan! nicht nötig." Dann gab sie dem Gespräch eine andere Wendung und fragte mit einem mitleidigen Blick aus das saubere, aber etwas abge- tragene Tuchkleid der Lehrerin:„Das Stundengeben bringt auch wohl nichts ein?" Das Fräulein war über diese Taktlosigkeit innerlich empört; allein sie bezwang sich und sagte ruhig:„Oh, ich bin ganz zu- frieden, Frau Wulke. Ich habe mem Auskommen". Die Gastwirtin, die sehr darauf hielt, daß man sie„gnädige Frau" nannte, machte, als die Klavierlehrerin sie ganz einfach „Frau Wulke" anredete, ein Gesicht, als hätte fie sich einen Zahn ausgeblssen. Sofort wurde sie sehr kühl, und sie sagte so recht von oben herab:„Ganz schön, meine Liebe, aber ich habe nur wenig Zeit. Wollen Sie mich also bitte mal was vorspielen." Die junge Dame setzte sich an den Flügel und spielte von Beethoven die Lonute pathetique. Sie hatte sie einem berühmten Musikprofcssor vorgetragen und von ihm darauf hin ein glänzendes Empfehlungsschreiben erhalten. Allein, obwohl sie auch jetzt das Tonwerk meisterhaft vortrug, Frau Wulke gähnte einmal über das andere und schlietzlich rief sie mitten hinein in das Spiel:„Lassen Sie man gut sein, ich höre schon! Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das klingt alles so gebumst und so huschelig, und das dürfte für meine Fanny..." Weiter kam sie nicht. Die Dame hatte es vorgezogen, sich ohne jede Erwiderung schleunigst zu entfernen.— Einige Tage später sah Frau Wulke in ihrem Kontor und plauderte mit dem Oberkellner. Er hatte ihr soeben wegen einer Klavierlehrerin eine Annonce aufgesetzt, und sie konnte ihm nicht genug erzählen von dieser„impertinenten Person", von der sie noch immer nicht begriff, wie man sie ihr hatte empfehlen können. Selbst das Kind, sagte fie, hätte gegen das„eingebildete WeibS- bild" sofort die größte Antipathie gehabt, was Fanny, die am Fenster Fliegen fing, mit dem Rufe bekräftigte:»Pfui Daibell Die olle dämliche Liese!" Frau Wulke, die auf daS Fräulein noch sehr erbost war, log daS Blaue vom Himmel herunter, sie anzuschwärzen. Als sie nun gerade erzählte, es hätte nicht viel daran gefehlt, daß sie daS „schnippische Frauenzimmer" hätte„rausschmeitzen" lassen, klopfte es draußen an die Tür, und auf das Herein der Gastwirtin trat eine dicke, kleine ältere Frau inS Kontor, die einen so tiefen ftnix machte und vor Entzücken und vor Ehrfurcht so die Augen ver« drehte, daß Frau Wulke, der Oberkellner und Fanny in ein helleS Gelächter ausbrachen. Sofort stimmte die putzige Frau darin ein und rief, strahlend vor Freude:„Ganz so habe ich mir die liebe, hochverehrte gnädige Frau vorgestellt! So ein heiteres, sonniges Wesen! Ich habe aber auch von der hochverehrten gnädigen Frau schon so viel Gutes gehört, daß ich mich wirklich außerordentlich glücklich schätzen würde, wenn die liebe gnädige Frau mich engagieren wollte." „Ihnen engagieren", fragte Frau Wulke, immer noch lachend, „als was denn?" „Ach, hochverehrte gnädige Frau, ich habe gehört, Sie suchen eine Klavierlehrerin, und wo ich doch in so hochfeinen Familien unterrichte, bei Herrn Lichtheilanstaltsdirektor Häweker, bei..." „Wie heißen Sie denn?" unterbrach Frau Wulke die Red- selige. „Bommel! hochverehrte gnädige Frau. Frau Berta Bommel." Der Name rief neue Heiterkeit wach, und die kleine Fanny jubelte:„Berta Bommel, alte Trommel!" „O Du mein süßes Goldkind", rief entzückt die Klavier» lehrerin,„Reime machen kannst Du auch schon? Du bist mal ein herzige« Schelmchen! So ein talentvolles Töchterchen! Freilich, wer eine so liebe, schöne und kluge Mama hat..." ES vergingen nicht zehn Minuten, da faß Frau Berta Bommel im Salon am Flügel. Allein, bis sie zum Spiel kam. dauerte es noch lange; denn sie hatte so viel zu bewundern: Das prachtvolle Instrument, den großartigen Salon und daS hochinteressante, aristokratische Gesicht der Hausfrau, die so sehr einer italienischen Prinzessin ähnelte. Frau Wulke, die vor Vergnügen ganz rot geworden war, lenkte bescheiden ab und fragte:„Haben Sie ein Konservatorium besucbt, Frau Bommel?" „Das nicht, hochverehrte gnädige Frau; aber seien Sie über- zeugt: Die Ausbildung in den Konservatorien taugt gar nichts, sie ist viel zu oberflächlich. Ich habe weit gediegeneren Unterricht erhalten: von meinem guten seligen Vater. Er war erster Geiger in einer berühmten Stadtkapclle." Frau Wulke lachte und meinte:„Na, dann fangen Sie mal an! Aber spielen Sie recht was Hübsches, wo ordentlich Musike drin liegt." „O, ich weiß schon", rief die Klavierlehrerin exaltiert.„Kennen Sie das Gebet einer Jungfrau, gnädige Frau? Nein? O, das müssen Sie hören! Das ist ganz wundervoll! Und ein so rührendes Stück! Man hört darin die Jungfrau ordentlich aufschluchzen und sie so recht inbrünstig beten für ihren lieben, fernen Bräutigam." Frau Berta Bommel spielte nun los und gab gleichzeitig die Erläuterung. „Hören Sie, gnädige Frau? Hier... hier kommt ihr Schluchzen! Und hier, hier ruft sie so sehnsuchtsvoll: Wann kehrst Du heim, mein Süßer, Heißgeliebter? Und hier— hören Sie doch nur, gnädige Frau!— hier tönt don oben eine Engels- stimme: Tröste Dich, er kommt Wiederl Du sollst ihn haben, meine Tochter." Frau Wulke war so gerührt, daß ihr die dicken Tränen über die Backen liefen. Die Lehrerin trocknete sich auch die Augen, als fu geendet hatte und sagte:„Ja, hochverehrte gnädige Frau, so ist es immer, wenn ich das Gebet spiele. Das wirkt tiefergreifend auf alle die Herrschaften, die Herzensbildung haben und ein wirk- liches Kunstverständnis." Dann zog sie Fanny, die sich gerade damit vergnügte, mit beiden Fäusten auf die Tasten zu hämmern. auf ihren Schoß, hätschelte sie und fragte:„Willst Du auch so schön spielen lernen, mein Herzblatt?" Fanny lutschte nachdenklich an ihrem rechten Daumen, dann zog sie ihn aus dem Munde heraus, wischte ihn an Frau Bommels Kleid ab und erwiderte:„Näh... ich will nicht!" „Ungezogenes Balg", schalt die Mutter,„Du wirst schon wollen." „Näh!" trotzte Fanny auf und wollte anfangen zu heulen. Aber Frau Bommel zog geschwind eine Zuckertüte aus der Tasche, gab sie der Kleinen und flüsterte:„Nicht weinen, mein Liebling, nicht weinen!" Dann wandte fle sich wieder an die Mutter und beteuerte:„Das geht anfangs mit all den lieben Kinderchen so. Aber die Lust und Liebe kommt bald. Man muß nur die richtige Methode haben und die Kleinen nicht ermüden mit Sonaten und weiter so dummem Zeug." Dann rief sie:„Nun paß mal auf, Fannychen, was Du bei mir für schöne Stücke lernen wirst!" Und sie spielte und sang:„Putt, putt, putt, mein Hühnchen", woraufhin Fanny hell aufkreischte vor Vergnügen und wie ein kleiner Straßenjunge lärmend einfiel:„Putt, putt, putt, mein Hahn!" Die Frauen lachten, und die Klavierlehrerin klatschte in die Hände und rief:„Sehen Sie, gnädige Frau, da kommt schon die Lust und Liebe! Das Talent braucht nur geweckt werden. Man muß nur eine gediegene Methode haben." kleines Feuilleton. Australiens Wasserversorgung. Tie Besiedelung und Wirt- schaftliche EntWickelung Australiens, dieses an Mineralien und anderen Schätzen so reichen Landes, das einen 14mal so großen Flächenraum einnimmt wie daS Deutsche Reich, wird hauptsächlich dadurch aufgehalten und verhindert, daß der größte Teil des Landes fast das ganze Jahr unter großer Dürre leidet, die nur selten und stellenweise von gewaltigen, schnell abfließenden Regenmengen unterbrochen wird. Aber die Kolonialverwaltung ist nicht gewillt, diesen Mißstand untätig zu ertragen. Daher macht die künstliche Wasserversorgung des australischen Kontinents, wie die„Geogr. Zeitschrift" berichtet, stetige und gewaltige Fortschritte, besonders durch die im Jahre 1908 eröffnete, 525 Kilometer lange Wasser- leitung von Perth nach den Goldfeldern. Bisher hat Süd- Australien mit 389 900 Einwohnern bereits über 199 Millionen Mark für Wasserbauten ausgegeben, hauptsächlich für Berieselungs- kolonien am Murray, die außerordentlich günstige Erfolge auf- weisen. Die früher wüstenähnlichen Gegenden sind jetzt von Obst- und Weingärten bedeckt. Gewaltige Maschinen pumpen das Wasser aus dem Flusse in unzählige Berieselungskanäle. Hauptsächlich werden Weintrauben, Aprikosen, Pfirsiche, Feigen, Oliven, Orangen und Zitronen angebaut, wovon ein großer Teil exportiert wird. '.Victoria und Neu-Süd-Wales planen jetzt auch die Anlage ge- waltiger Staubecken, die an Ausdehnung alles weit übertreffen werden, was auf diesem Gebiete irgendwo auf der Erde geleistet worden ist. In Neu-Süd-Wales beabsichtigt der Staat die Gewässer des Murrumbidgce durch einen gewaltigen Damm bei Barren-Jack aufzustauen und die Gewässer zur Berieselung zu verwenden. Die Kosten des Bauwerks wurden auf 31� Millionen Mark veranschlagt. Noch gewaltiger sind die am Goulbourefluß in Victoria geplanten Wasserbauten; dieser in den australischen Mpen ent- springende Nebenfluß des Murray hat ein starkes Gefälle, und die von ihm zu liefernde Kraft wird ausreichen, um ganz Melbourne sowohl mit elektrischem Licht wie mit bewegender Kraft zum Be- triebe der Straßenbahnen und Vorstadt-Eisenbahnen zu versorgen. Außerdem soll die 499 Kilometer weit zu leitende elektrische Kraft imstande sein, sämtliche Maschinen der Minen zu Ballarat und Bendige zu treiben. Das zu erbauende Reservoir wird das größte der Welt werden und dreimal so viel Wasser fassen, wie der Nil- dämm zu Affuan aufzustauen vermag. So ist die Verwaltung der australischen Commonwealth eifrig dabei, in Australien das LebenSelement jeder Kultur, die Be- Wässerung, nicht nur künstlich zu schaffen und zu regeln, sondern auch die lebendige Energie der künstlich angesammelten Wasser- mengen wirtschaftlich auszunutzen, v. Musik. Von den Münchener Wagnerfestspielen. Die Saison im Münchener Prinzregententheater steht in voller Blüte. Der erste Ring-Cyklus. Tannhäuser. Die Meistersinger liegen hinter uns. Das Theater Kar jedesmal ausverkauft und besetzt von den blasierten Mitgliedern der europäischen Geldaristokratie. Wagner ersehnte in„Kunst und Religion", dem kommunistischen Manifest der dramatischen Kunst, eine demokratische Kunst und ein demokratisches Publikum. Denn ihm war das Volk der Zu» sammenschluß aller jener, die eine gemeinsame Not empfinden. Und sein Kunstwerk sollte eben die Erlösung aus dieser gemein» samen Not bringen. Sein Ideal war somit ein Publikum, das mit Höher gestimmter Seele sich seinem Drama nahen und in ihm einzig künstlerische Erschütterung und durch die Weihe des ton- dichterischen Ausdrucks Erhebung über die Prosa des nüchternen Alltags suchen wollte. Ob das mondäne Publikum der Münchener Festaufführungen dem Ideal des Bayreuther Reformators ent- sprechen würde? Ich möchte es verneinen, wenn ich die Physiognomie dieses schwirrenden, plaudernden, lachenden Völkchens überblicke und einen Rückschluß auf sein geistiges Niveau ziehe. Es ist an der Isar genau so wie am roten Main, an der Mutterbühne Bayreuth genau so wie an der Tochterbühne München. Der Wagncrkult ist Modesache und bleibt Modesache für die internationale Lebewelt. wird aber nie Herzenssache für diese Oberflächenmenschcn werden. Tristan, Siegfried und Hans Sachs und das, was ihr tiefstes Wesen ausstrahlt, ist keine notwendige Forderung ihrer geistigen Kultur, loohl aber eine interessante Station im sommerlichen Reise- Programm. Man sah in den Wandelgängen und Prunksalons, in dem teuren Restaurant, um die bengalisch beleuchtete Fontäne des halb a la Versailles, halb a la Wotan kostümierten Gartens in überwiegender Mehrzahl Engländer, die den Gralsport be- kanntlich mit demselben Eifer betreiben wie den Futzballsport. Daneben verschwanden die Angehörigen anderer Nationen be- scheiden im Hintergrunde. Namentlich die Deutschen, gar nicht zu reden von den einheimischen Münchenern. Aber für die Münchener münzt die kleine Exzellenz Speidel— der bei der ganzen Sache übrigens Mann im Schatttcn ist im Gegensatz zu dem Ex-Jnten- danten Poffart, dessen Name auf aller Lippen schwebte!— ja auch nicht aus Rheingold reines Gold.— Nun zur künstlerischen Seite der Sache. Da muß konstatiert werden, daß der Charakter des Außerordentlichen, des Muster- haften im Niveau der Vorstellungen, wie das ja in Bayreuth jahrelang der Fall war, im Durchschnitt nicht erreicht worden ist. Dazu fehlt vor allem die Einheitlichkeit des Ensembles, die in Bayreuth Vorbedingung ist. Das an sich gute und geschulte Wagner-Ensemble wird vielmehr durch eine Reihe glänzender Fixsterne vom europäifchen Wagnerhimmel vorübergehend illu- miniert. Es liegt auf der Hand, daß jeder von diesen berühmten Gästen seine private Auffassung von der betreffenden Rolle fix und fertig mitbringt und sich von dem Münchener Regisseur nichts dreinreden läßt. Da gibt es natürlich oft Disharmonien und bedenkliche Unstimmigkeiten. Es fehlt eben die harmonische Durch- arbeitung aller Teile des großen dramatisch-musikalisch-szcnischen Gesamtorganismus, ein Ziel, das nur durch gewissenhafte Proben und durch Selbstlosigkeit der Künstler zu erreichen ist. Da sah man z. B. einen Tristan(Ernst Kraus- Berlin), der mit naturalistischen Mätzchen arbeitete und rhythmisch sehr willkürlich sang, einen Loge(Dr. B r i e s e m« i st e r). der ebenso wie sein Kollege Mime (Breuer-Wien) im„Atelier Cosima" bis aufs letzte Tüpfelchen fertig gestellt war und einen regelrechten Mephisto der Oper zeigte. Auch die Brünnhilde des ersten Rings, Frau Ellen G u l» branson, ist eine Meisterschülerin der Bayreuther Stilbildung, aber ihre eigene Persönlichkeit durchbricht doch immer feurig und lebensvoll die starre Schablone. Einen verunglückten Siegmund gab Herr Burgstaller- New York, einer der Ueberläufer Bayreuths zu Direktor Conried. Prächtige Leistungen boten da- gegen Frau W i t t i ch- Dresden als Isolde, Heinrich Knote» München als Siegfried und F e i n h a l s- München als Wotan. Hofoperndirektor Felix Mottl brachte die Partituren des Ring und Tristan mit prachtvoller Deutlichkeit und organischer Gestaltungskraft, großzügig in der motivischen Linienführung und beseelt in allen lyrischen Teilen zum tönenden Leben. Die Maschinenmeister und Dekorationsmaler sind mit ihren Feuern, Wassern, Lichtbögen, Gewittcrschlägen. Lindwürmern und Hallen- einstürzen dem Prohlem der naturalistischen Darstellung der Welt Wotans und Alberichs wieder ein Stückchen näher gekommen. Die Frage ist nur, ob hier überhaupt der Naturalismus am Platze ist. m. Aus dem Tierreiche. DeS Hammers gräuliche Ungestalt. Wer ein- mal daS Bild eines Hammerfisches gesehen hat, wird es begreiflich finden, daß Schiller in seinem„Taucher" sich gerade diesen Ver- treter der Fischklassc, der überdies noch zu der berüchtigten Familie der Menschenhaie gehört, dazu auserwählt hat, um mit ihm neben den Nochen und Klippenfischen die Tiefen des Meeres möglichst erschreckend zu beleben. Die Hammerfische könnten kaum anders benannt werden, weil ihr verbreiterter Kopf unwiderstehlich an den eines Hammers erinnert, während der übrige Körper ähnlich ist wie bei anderen Haien. Bei einer Länge von 3— 4 Metern und einem Gewicht bis zu 6 Zentnern muß dieser Fisch schlechthin einen entsetzlichen Eindruck gewähren, der noch bis ins Phantastische dadurch gesteigert wird, daß die Augen ganz an den beiden Seiten des ungestalten Hammerkopfes sitzen. Dabei ist der Hammcrfisch ziemlich weit verbreitet und gelangt zuweilen in europäische Ge- Wässer, kommt dem Menschen aber doch nicht häufig vors Auge, Weil er den schlammigen Meeresgrund liebt, wo er auf Nochen und die auf diese Weise über großen Seeflächen oder über dem Ozean entstehen, ziehen das Wasser selbst zu beträchtlicher Höhe hinaus. Geschieht dieser Vorgang auf dem Meere, so sollte man glauben. daß die Wasserhosen aus Salzwasser bestehen müssen. ES lag aber eine Beobachtung, die eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, aus früherer Zeit bor, wonach diese Vermutung irrig wäre. Ein Schiff wurde von einer Wagerhose betroffen, die so gewaltige Wasser- massen entwickelte, daß der Kapitän des Schiffes beinahe über Bord gewaschen worden wäre. Jedenfalls hatte er eine gehörige Portion davon zu schmecken bekommen. Er wurde nun nach seiner Heimkehr von einem Meteorologen, dem er Bericht darüber er- stattete, befragt, ob das Wasser frisch oder salzig gewesen wäre, und versicherte, daß es so frisch gewesen sei, wie er nur je ein Oucllwasser gekostet habe. Nun hat der englische Dampfer „Dayarth" nach einem Bericht des Meteorologischen Magazins im Schwarzen Meer ein ähnliches Erlebnis gehabt. Es waren mehrere Wasserhosen, die sich zum Teil auf das Schiff entluden, als ob eine Sintflut hereingebrochen wäre, und nicht einmal die Blitze des gleichzeitigen Gewitters durch die Finsternis hindurchdringen konnten. Auch in diesem Fall erwies sich das Wasser als frisch. andere Plattfische Jagd macht. Zuweilen allerdings wagt er sich auch an die Oberfläche und sogar bis in die Stühe von Häfen, um die Schiffe zu umlauern. Einen fesselnden Bericht über die Untersuchung von Hammerfischen hat der amerikanische Zoologe Gudger in der Wochenschrift.Science" erstattet. Die Forschungen wurden ermöglicht durch ein Erlebnis des Segelbootes.Gladys", das an der atlantischen Küste der Vereinigten Staaten eines Tages mehrere mächtige Haie zu Gesicht bekam. Alsbald wurde die Harpune ausgeworfen und eine der Bestien getroffen, die gerade einigen großen Rochen nachjagte. Die Harpune riß jedoch aus, und erst ein zweiter Angriff auf einen anderen Hai war von Erfolg begleitet. Es stellte sich heraus, daß es ein Hammerfisch war, der im Gegensatz zu früheren Erfahrungen bei der Ge- sangcnnahme wenig Widerstand leistete und nach 18 Stunden geborgen war. Das ungeheure Tier wurde photographiert, ge- messen und dann zerlegt. Die Gesamtlänge betrug gegen vier Meter, die Länge des Hammers zwischen den Augen fast einen Meter, der Umfang vor den Brustflossen Meter, die Länge der Schwanzflosse 70 Zentimeter. Leider waren keine Mittel vorhanden, den Riesenkörper zu wiegen, aber nach der Kraft, die seine Fort- schaffung erfordert hatte, konnte das Gewicht auf wenigstens 40l) bis 500 Kilogramm geschätzt werden. Leider war der Fang für die Zoologen nicht ganz so wertvoll, als man gehofft hatte, weil die inneren Teile des Fisches stark verletzt worden waren. Die Schiffsjungen hatten sich nämlich damit beschäftigt. Steine in den Rachen des Ungeheuers zu werfen, während eS an der Schiffsseite hcrabhing, und durch das Hin- und Herschütteln während der Fahrt und durch das mehrfache Hinaufziehen zu wiederholter Besichtigung waren die inneren Organe verunstaltet worden. Immerhin konnte nach der Untersuchung des Mageninhalts festgestellt werden, daß der Hammerhai ein sehr eifriger Vcrtilger von Rochen ist. Im Magen fand sich ein vollständiges Rochenskelett von gewaltiger Größe, und außerdem waren viele Rochenstachcln in dem ganzen Körper und im Maul verteilt. Geographisches. Das Land der Suafa, das im Osten von Tuggurt sich von den algerischen Schotts im Norden bis zu der Sanddünenregion (Erg) im Süden ausdehnt, hat im Winter 1905/06 Robert Rousseau im Auftrage des algerischen Generalgouverncurs bereist. Nach seinem Vortrage bor oer Pariser geographischen Gesellschaft wird darüber im„Globus" berichtet. Die Regen sind im allgemeinen auf den Herbst beschränkt, aber ihr Eintritt ist ganz unsicher: es regnet stellenweise, aber mau kann nie vorher wissen, wo. Diesen unsicheren Nicdcrschlagsverhältnisscn entspricht die Vegetation, doch kann man mit Bezug auf ihren Charakter drei große Gebiete unter- scheiden. Auf dem rötlichen, harten Boden im Westen zwischen El-Ued, Vir cr-Ressoff und dem Wadi Jghargar herrschen Pflanzen mit sehr großen, harten und langen Wurzeln vor. mit denen sie der Feuchtigkeit nachgehen. Im Osten, zwischen El-Ued, Vir cr-Rcssoff und der Ostgrenze des Erg. in den Dünen mit nassem Untergrund, gibt es sehr kräftige Pflanzen mit zartem Laub und tiefen Wurzeln wie Drin, Had. Lebbin und Esal. Die Gebiete im Norden endlich in der Nähe der Schotts tragen die Flora des Salzbodens. Die Bewohnerschaft gliedert sich in nomadisierende Hirten, seßhafte Gartenbauer und Händler, doch sind die Garten- bauer manchmal auch.gleichzeitig Hirten und Händler und um- gekehrt. Ter Brunncnreichtum in der Dünengegend begünstigt das Fortkommen zahlreicher Ziegen- und Schafherden. Mit ihnen ziehen die Hirten nach den Regen auf der Suche nach Weideplätzen umher. Die Männer jagen auch Hasen und Antilopen, die Frauen spinnen und weben. Die Gartcnbauer haben für ihre Palmen- gärten im Norden Wasser in einer Tiefe von 3 bis 15 Meter. Wo außerdem die Versandungsgefahr nicht groß ist, wird Tabak angebaut, der für diese seßhafte Bevölkerung eine gute Einnahme- quelle bildet. Im Umkreise der Gärten ist sie natürlich am dich- testen, und El-Ued, Buemar, Behima und Kuinine sind richtige Städte mit Steinhäusern. Ein großes Feld zur Betätigung findet die zahlreiche Händlerilasse. Das Land der Suafa bringt die nötigen Lebensbedürfnisse nicht in ausreichendem Maße selbst her- vor, die daher importiert werden: Gerste und Korn von den Hoch- ländern, Datteln aus dem Wadi Rhir, Orangen vom Djend, Stoffe aus Gafsa und GabeS. Außerdem vermitteln jene Leute den Handelsverkehr zwischen Südtunisicn und Südalgerien. Hydrographisches. Süßes Meerwasser. Zu den merkwürdigsten Natur- erscheinungcn, die zu sehen man sich vorsichtigerweise allerdings kaum wünschen darf, gehören die Wind- und Wasserhosen, im all- gemeinen auch als Wettersäulen bezeichnet. Ihr Ursprung liegt stets in der Entstehung eines Luftwirbels in größerer oder ge- ringerer Höhe über der Land- oder Wasseroberfläche der Erde. Die Wirbelbewegung saugt dabei mit großer Kraft die Luft au? den unteren Schichten in die Höhe, die nun in den Wirbel mit- gerissen wird, während sie weiter oben dann nach allen Seiten sich ausbreitet. Wird viel Staub oder Feuchtigkeit mitgerissen, so wird die Erscheinung als Wettersäule sichtbar. Selten stehen diese Säulen still, sondern sie bewegen sich mit verschiedener, zuweilen mit großer Schnelligkeit und mit zerstörender Kraft. Auch ihr Durchmesser und ihre Höhe können sehr verschieden sein, und letztere soll gelegentlich bis zu 1000 Metern reichen. Die Wasserhosen, Notizen. — Im Kleinen Theater geht am Mittwoch Sven Langes Lustspiel:„Die Stimme der Unmündigen" zum erstenmal in Szene. — Die 10. Versammlung deutscher Historiker wird in Dresden in der Zeit vom 3. bis 7. September 1907 stattfinden. — Der Wiener Stadtrat beschloß in einer seiner letzten Sitzungen, die Drucklegung einer kritischen Gesamtausgabe der Werke Franz Grillparzers zu unterstützen. Auf dem Titelblatte dieses Werke? erscheint die Gemeinde Wien als Herausgeber. Die Bearbeitung wird durch den Professor der Literaturgeschichte an der Universität in Prag Dr. August Sauer besorgt werden. — Ein jiddisches Theater ist am letzten Donnerstag im Ost ende von London eröffnet worden. — Deutsche und französische Universitäten. In Frankreich gibt es 16 Univcrsiläten, die nach einer uns vor- liegenden Statistik im letzten Jahre von 35 670 Studenten besucht wurde»; für diese wurden insgesamt 13 761 180 Fr. ausgegeben, von denen über 11 Millionen auf das Personal kommen. Deutschland hat dagegen 2l Universitäten, die von 37 813 Studenten besucht werden, und in dem Rechnungsjahr 1905/1906 tvurden für 18 Uni» versitäten se» fehlen die Angaben für drei von ihnen) 31 903 607 Fr. ausgegeben. Die Zahl der Studenten ist im Verhältnis zur Be- völkenmg in Deutschland kleiner als in Frankreich; aber es ist zu berücksichtigen, daß in diesen Zahlen die technischen Hochschulen, die ihnen gleichstehen, nicht mit einberechnet sind: andererseits find hier die Studenten der Theologie mitgezählt, die es in Frankreich nicht gibt. — Die M o t o r luf tsch iff- S tu d ieng es ell sch a ft in Berlin hat Preise im Gesamtbetrage von 20 000 M. aus« geschrieben zur Erlangung von Modellen für einen Lustschiffmotor. Für die Preisbewerbung werden nur Motore deutschen Ursprungs zugelaffen, die mindestens eine Betriebsstärle von 20 Pferden be- sitzen. Die eingelaufenen Entwürfe werden hinsichtlich ihrer Betriebs- ficherheit während eines Dauerversuches von 10 Stunden durch elcttrischc-Z Abbremsen ihrer gesamten Energie genau untersucht und mit Beziehung auf das Verhältnis zwischen Bremsleistung und Gesamtgewicht einschließlich Schwungrad. Umlaufpumpe, Zünd- Vorrichtung, Benzinbchälter und Wasserbehälter verglichen. — Die drahtlose Telegraphie in der Welt. Nach einer Statistik, die daS.Navy Departement" der Vereinigten Staaten aufgestellt hat, verteilen sich die Stationen für drahtlose Telegraphie in der ganzen Welt folgendermaßen: Vereinigte Staaten 38, England und Irland 43, Italien 18. Deutschland 13, Rußland 8, Holland 8, Frankreich 6, Türlei 6, Argentinien 5, Brasilien 5, Kanada 5, Chiim 5, Havai 5, Dänemark 4, Spanien 4, Schweden 3, Gibraltar 2, Oesterreich- Ungarn 2, Rumänien 2, Mexiko 2, Panama 2, Japan 2, Ändamanen 2, Aegypten 2. Marolko 2. Mozambique 2. Tripolis 1, Costa-Rica 1. Montenegro t. Portugal 1. Chile 1, Malta 1, Belgien 1, Norwegen 1. Das sind zusammen 251 Stationen, von denen über ein Drittel auf die Ler« einigte» Staaten entfallen. — Ein Feldzug gegen die Ratten ist mit großer Energie seit einem Jahre in Bangalur, der Hauptstadt des britischen Vasallenstaates Maisur in Ostüidien geführt worden, und die Resultate haben sich als äußerst günstig für die Bekämpfung der Pest erwiesen, bei deren Verbreitung die Ratten betanntlich eine große Rolle spielen. Nach den soeben veröffentlichten offiziellen Berichten sind während des Jahres. daS im Juni zu Ende ging, 21 500 Ratte» vergiftet und 108 771 in Fallen gefangen und dann getötet worden. In derselben Zeit ging die Sterblichkeit an der Pest um 40 Proz. zurück, und die Gesamtzahl der Todesfälle war die niedrigste, seitdem die Pest zum ersten Male in Maisur auf« getreten war(1893). verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.--- Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlaglanstalt Paul Singer LcCo., Berlin LV,