Wnterhaltungsblatt des Horwärt Nr. 166. Mittwoch den 23 August. 1907 (Nachdruck verboten.) 42] Die JVIuttcr» Roman bon Maxim G o r k i. Deutsch von Adolf Heß. „Ihr lieben Leute!" rief die Mutter, sich in die Menge orängend. Man wich ehrerbietig vor ihr auseinander. Je- mand lachte: „Sieh da— mit der Fahne! In der Hand da die Fahne!" „Schweig!" sagte mürrisch eine andere Stimme. Die Mutter breitete die Hände weit aus... „Hört zu... um Christi willen! All Ihr— Lieben... all Ihr— Herzensfreunde... zeigt Euch, blickt ohne Furcht drein... ohne Angst.,, Was ist geschehen? Unsere Kinder gehen in die Welt... Unsere Kinder, unser Blut gehen der Wahrheit nach... suchen uneigennützig den Pfad für einen neuen geraden breiten Weg! Für uns alle, für Eure Kleinen haben sie das schwere Kreuz auf sich ge- nommen... Suchen eine neue Sonne... Tage, die immer hell sind... wollen ein anderes Leben in Wahrheit, Ge- rechtigkeit... Wollen gutes für alle." Ihr Herz zerriß, in ihrer Brust war es eng, im Halse trocken und bitter. Tief in ihrem Innern entstanden Worte einer großen, alles und alle umfangenden Liebe, die ihr die Zunge verbrannten und sie- immer stärker, immer freier in Bewegung setzten. Sie sah— man hörte ihr zu, alle schwiegen; sie fühlte— die Leute glaubten ihr, umringten sie dicht, und in ihr wuchs der Wunsch— jetzt schon ihr selbst klar— die Leute dorthin zu treiben, hinter ihrem Sohn, hinter Andrej her, hinter allen, die sich den Soldaten in die Hände gegeben, allen, die dort allein geblieben waren, von denen man sich getrennt hatte. Sie betrachtete die finsteren, aufmerksamen Gesichter ringsum und fuhr weich fort: „Unsere Kinder gehen zur Freude in die Welt, sie gehen für alle und um der christlichen Wahrheit willen, gegen alles. womit uns unsere bösen, falschen, gierigen Feinde gefangen genommen, gebunden und bedrückt haben! Meine Herzens- freunde— da hat sich unser junges Blut für das ganze Volk erhoben, für die ganze Welt, für alle Arbeiter sind sie dahin gezogen... Geht nicht von ihnen, laßt Eure Kinder nicht allein auf dem Wege.— Sie sind ausgezogen, um uns den Weg zur Wahrheit zu weisen, uns auf ihn zu führen... Begreift das Kinderherz, glaubt Euren Söhnen— sie haben die Wahrheit geboren, ihre Herzen sind davon entbrannt, sie gehen ihretwegen zugrunde. Glaubt ihnen!" Ihre Stimme riß ab, sie schwankte, jemand faßte sie unter den Arm...„Gott hat gesprochen!" rief jemand erregt und dumpf.«Gott selbst aus ihrem Munde, lieben Leute! hört zu." Ein anderer äußerte sein Bedauern: „Ach, wie sie sich quält!" Man machte ihm Vorwürfe. „Sie quält sich nicht, sondern straft uns Narren... begreis' das!" Ucber die Menge hin wand sich eine hohe zitternde Stimme: „Rechtgläubige! Mein Mitja— die reine Seele... Was hat er getan? Er ist hinter den Kameraden hergezogen, hinter den lieben... sie sagt die Wahrheit.— Warum lassen wir unsere Kinder im Stich? Was haben sie uns Schlimmes getan?" Die Mutter zitterte unter diesen Worten und ihre Ant- wort waren leise Tränen. „Geh nach Hause, Nilowna, geh, Mutter! Du bringst Dich um!" sagte Sissow rasch. Er war blaß, sein Bart war zerzaust und zitterte. Plötz- lich runzelte er die Augen, überflog alle mit strengen Blicken, richtete sich gerade auf und sagte gebieterisch:„Mein Sohn Matwei ist in der Fabrik umgekommen... Ihr wißt das. Aber wenn er am Leben wäre— würde ich ihn selbst zu ihnen, zu denen da, schicken... würde selbst sagen: Geh du auch. Matwei! Geh, das ist richtig... Das ist— ehrenhaft!" Er brach ab, verstummte, und alle schwiegen verdrießlich, von etwas Ungeheurem, Neuem stark umfangen, das sie aber schon nicht mehr ängstigte. Sissow erhob die Hand, schüttelte sie und fuhr fort: „Ein alter Mann spricht. Ihr kennt mich. Neunund- dreißig Jahre arbeite ich hier... dreiundfünfzig Jahre lebe ich in der Welt. Meinen Neffen, einen sauberen, klugen Jungen haben sie heute wieder aufgegriffen... er ist auch vorne neben Wlassow gegangen... dicht neben der Fahne!..." Er machte eine Handbewcgung, bückte sich, er» griff den Arm der Mutter und sagte: „Dieses Weib hat die Wahrheit gesagt... unsere Kinder wollen in Ehre, in Vernunft leben, und wir haben sie im Stich gelassen... sind fortgegangen, ja! Komm Ni- lowna..." „Ihr lieben Leute!" sagte sie, alle mit verweinten Augen anblickend,„den Kindern gehört— das Leben, ihnen gehört— die ganze Erde!" „Komm Nilowna, da nimm den Stock", sagte Sissow und reichte ihr das Bruchstück der Fahnenstange. Man blickte voll Kummer und respektvoll auf die Mutter, und lärmendes Mitgefühl begleitete sie. Sissow entfernte die Menschen schweigend, sie traten wortlos bei Seite und schritten, einer unklaren Macht gehorchend, langsam hinter der Mutter her und tauschten halblaute Bemerkungen aus. Bei ihrem Hauseingange wandte sie sich zu ihnen um, stützte sich auf die Fahnenstange, verbeugte sich und sagte leise und erkenntlich: „Ich danke Euch... Und wieder fiel ihr ihr Gedanke ein— der neue Gedanke, den— wie sie glaubte, ihr Herz geboren hatte— und sie sprach ihn aus: „Unser Herr Jesus Christus wäre nicht, wenn nicht Men- scheu zu seinein Ruhm umgekommen wären..." Die Menge blickte sie schweigend an. Sie verneigte sich noch einmal vor den Leuten und ging in ihr Haus; Sissow aber trat mit gesenktem Kopf neben ihr ein. Die Menschen standen am Tor und sprachen über etwas. Und gingen langsam auseinander. Zweiter Teil. ... D>er Rest des Tages verging im bunten Nebel der Erinnerungen, in schwerer Müdigkeit, die Leib und Seele fest umfing. Vor der Mutter hüpfte als grauer Fleck der kleine Offizier, und in einem dunklen Wirbel glänzte das bronze- farbene Gesicht Pawels und lächelten die Augen Andrejs. Sie ging im Zimmer hin und her, setzte sich an's Fenster, blickte auf die Straße und suchte ohne Nachdenken etwas... Sie trank Wasser, stillte aber ihren Durst nicht und konnte den Kummer und die brennende Scham iin Innern nicht er- sticken. Der Tag war mitten durchgeschnitten— sein Anfang hatte Inhalt und Sinn, aber jetzt war alles aus ihm heraus- geflossen, vor ihr dehnte sich eine öde Weite, und ratlos fragte sie sich: „Was wird jetzt?" Dann kam die Korssunowa. Sie fuchtelte mit den Händen, schrie, weinte, trampelte mit den Füßen, machte allerhand Vorschläge und Versprechungen und drohte. Alles das rührte die Mutter nicht. „Aha!" ertönte die kreischende Stimme Marjas.„Haben die die Leute ausgebracht! Jetzt ist die ganze Fabrik in Auf- rühr!" „Ja. ja!" sagte die Mutter leise, aber ihre Augen blickten unbeweglich auf das, was schon der Vergangenheit angehörte, was mit Andrej und Pawel von ihr gewichen war. Weinen konnte sie nicht— ihr Herz war ausgetrocknet, Lippen und Mund waren ebenfalls trocken. Die Hände bebten, über den Rücken lief feines, kaltes Zittern. Aber während der ganzen Zeit glomm in ihrem Herzen ein Funken des Zorns: der erlosch nicht, stach bisweilen wie eine Nadel in der Brust, und die Mutter antwortete darauf: „Wartet nur..." Dabei zog sie die Luft laut durch die Nase ein und senkte die Brauen. Abends kamen die Gendarmen. Sie ging ihnen ohne Er- staunen und furchlos entgegen. Die Gendarmen traten lär- mend ein und legten eine gewisse Lustigkeit und Zufriedenheit an den Tag. Der Offizier mit dem gelben Gesicht zeigte die Zähne: „Nun, wie geht's? Schon das dritte Mal, daß wir uns begegnen, wie?" Sie schwieg und fuhr mit der trockenen Zunge über die Lippen. Der Offizier sprach viel in belehrendem Ton, und fühlte, daß ihm das Reden Vergnügen machte. Aber feine Worte erreichten sie nicht, störten sie nicht. Nur als er sagte: „Du selbst hast schuld, Mutter, wenn Dil es nicht der- standen hast. Deinem Sohn Respekt vor Gott und dem Zaren einzuflößen..." Sie stand an der Tür und antwortete ohne ihn an- zusehen: „Ja... die Kinder--. sind unsere Richter— sie verurteilen uns mit Recht dafür, daß wir sie auf diesen» Wege im Stich lassen." „Was?" rief der Offizier.„Lauter!" „Ich sage— unsere Richter sind die Kinder" wiederholte sie schweratmend. Da begann er wieder schnell und böse zu reden, aber seine Worte drehten sich im Kreise und trafen die Mutter nicht. �Fortsetzung folgt.) I�aturwnensckaftttcde dcberficbt (Der Einfluß der Umgebung.) Von Dr. C. T h e s i n g. l. Wenn man in der Natur sieht, wie die Kinder stets dieselben Artmerkmale wie ihre Eltern tragen und sich, die geringfügigen individuellen Abweichungen abgerechnet, kaum von diesen unter- scheiden, drängt sich einem leicht die Vorstellung auf, als wären tierische und pflanzliche Arten unveränderliche, beständige Ein- heiten. Es ist ja bekannt, wie lange sich die Lehre von der Art- konstanz in der Wissenschaft erhalten hat. Umso erstaunlicher be- rührt es einen, welche tiefgreifenden Veränderungen ein Wechsel in den normalen Lebensbedingungen an einem Organismus her- vorzuzaubcrn vermag. Ja, wenn wir den gewaltigen Einfluß der Umgebung in Rechnung ziehen, scheint es kaum übertrieben, Tiere wie Pflanzen als Zwangsformen zu bezeichnen, deren Aussehen und Gestalt von den Reizen abhängig sind, die während ihrer Ent- Wickelung und auch noch im späteren Leben aus sie eingewirkt hoben. Es besteht gewissermaßen ein labiles(schwankendes) Gleich- gewicht zwischen den Organismen und den Lebensbedingungen, eine Abänderung der Netze ruft auch entsprechende Veränderungen in dem Bauplane hervor. Je einfacher dabei ein Lebewesen ist und je weniger es nach einer bestimmten Richtung spezialisiert ist, desto weniger Widerstand scheint es im allgeineinen einer Ab- änderung entgegenzusetzen. Ebenfalls gewinnt man aus zahl- reichen Beobachtungen den Eindruck, daß die Länge der Reiz- einwirkung einen erheblichen Einfluß auf die Beständigkeit eines bestinlmten Merkmales hat. Auf verschiedenen stärkemehlhaltigen Stoffen, auf feuchtem Brot. Kartoffeln usw. zeigen sich bisweilen kleine purpurrote Flecken, die wie Blutströpfchen aussehen. Diese seltsame Er- scheinung bildet auch den Anlaß zur Sage von der blutenden Hostie und wurde in früheren Zeiten oft zu kirchlichen Wundern ausgenutzt. Der Erreger des blutenden Brotes stellt sich bei der Untersuchung als ein winziger Spaltpilz heraus, die sogenannte Wundermonade(�licrococcus prodigiosus), deren Kolonien sich durch eine prächtige blutrote Färbung auszeichnen. Verpflanzt man den kleinen Pilz jedoch von seinem gewöhnlichen Nährboden auf eine alkalische Agar-Agarlösung, so dauert es gar nicht sehr lange, bis seine rote Farbe blasser und blasser wird und endlich voll- ständig schwindet. Die Lebenskraft des Micrococcus wird durch diese Behandlung in keiner Weise geschädigt. Bringt man den Pilz nach kurzer Frist unter normale Bedingungen zurück, dann stellt sich auch die blutige Farbe sofort wieder ein. War dagegen die Züchtung auf Agar-Agar sehr lange Zeit durchgeführt, dann wächst er auch auf Brot und Kartoffeln weiß weiter, erst nach zahl- reichen Generationen gewinnt er seine rote Färbung wieder zurück. Hier erkennen wir es ganz klar, daß durch veränderte Umgebung eine Umstimmung im Organismus hervorgerufen werden kann, die umso dauerhafter ist, je länger die neuen Verhältnisse ein- gewirkt haben. Noch auffälliger sind die Formveränderungen, welche wir durch künstliche Eingriffe bei einem einzelligen Urtierchen, der kleinen Amoeba limax, erreichen. Wie wir aus einer früheren Uebersicht wissen, bildet die Gestalt der Scheinfüßchen oder Pseudopodien, mit deren Hülfe sich diese niedersten Lebewesen fortbewegen, das wichtigste Unterscheidungsmerkmal der verschiedenen Amoeben- arten. So bildet A. limax für gewöhnlich nur ein einziges langes Pseudopodium, A. Proteus ist durch zahlreiche lappige Schein» füßchcn gekennzeichnet und bei A. radiosa endlich strahlen die Pseudopodien als lange, spitze Dornen nach allen Richtungen vom Körper aus. Jetzt wollen wir einmal die A. limax eine Zeit lang unter dem Mikroskop beobachten. Anfangs liegt das Tierchen von der Helligkeit erschreckt zu einer Kugel zusammengeballt. Bald aber regt sich in seiner Brust Tatendrang, nach allen Seiten werden breite, lappige Scheinfüßchen ausgesandt, und es entsteht eine Form, die sehr an eine junge A. Proteus erinnert. Das dauert jedoch nur kurze Zeit, dann streckt sich der ganze protoplasmatische Körper in die Länge und eine typische A. limax kriecht unter unseren Blicken umher. Wenn wir das Tierchen in Frieden lassen, wird diese Gestalt von nun an dauernd beibehalten. Ganz anders dagegen, falls wir uns einen kleinen Eingriff erlauben und das Wasser durch den Zusatz einer geringen Spur Kalilauge schwach alkalisch machen. Beunruhigt ziehen sich die Tiere wieder zur Kugel zusammen; allmählich gewöhnen sie sich jedoch an diese veränderten Verhältnisse. Wieder beginnen sich Scheinfüßchen vor- zub LIben, aber oh Wunder, diesmal haben sie keine breite lappige Gestalt, sondern sind spitz und dornförmig geworden. Weiter und immer weiter werden die Plasmafüßchen vorgewölbt, und aus der A. limax ist eine echte Radiosa geworden. Diese Gestalt bleibt be- stehen, so lange das Wasser eine alkalische Beschaffenheit behält» erst bei Zurückversetzung in gewöhnliches Wasser geht diese Zwangs» form wieder verloren und eine normale A. limax tritt von neuem hervor. Auch aus den Reihen der höheren Tiere und der Pflanzen kennen wir zahlreiche Fälle, die für die Abhängigkeit von äußeren Einflüssen eine beredte Sprache führen. Ein kleiner Schmetter- ling, das gemeine Landkärtchen, Vanessa levana, kommt bei uns in zwei Formen vor, die sich in ihrem Aussehen so von einander unterscheiden, daß sie lange Zeit für zwei scharf geschiedene Arten gehalten wurden. Kaum sendet die Sonne ihre ersten warmen Strahlen zur Erde hernieder, dann schüttelt die kleinere Früh- jahrsfcrm die Puppcnhülle von sich und beginnt ihren Flug. Jeder, der einmal Schmetterlinge gesammelt hat, kennt das hübsche. braun gefärbte Tierchen mit der bunt gefärbten Fleckenzeichnung auf den Flügeln. Aus den Eiern der Frühjahrsform entwickelt sich etwa im Juli die Sommerform, die nicht nur erheblich größer ist, sondern auch einen schwarzen Grundton mit hellen Flecken und Streifen besitzt. Da die Puppen der Frühjahrsform den rauhen Winter überstehen müssen, die der Sommerform dagegen niemals der Kälte ausgesetzt sind, lag es nahe, in der Temperatur den Grund für die Verschiedenheit des Aussehens zu suchen. Das Experiment bestätigte diese Vermutung. Man vermag nämlich jederzeit aus Puppe», die sich unter natürlichen Verhältnissen zur Sommerform entwickelt hätten, durch Kälteeinwirkung die Früh» jahrsform zu erzielen. Andererseits entwickelt sich aus den Eiern der Sommerform in der Wärme regelmäßig wieder die Sommer- form. Da auch zahlreiche Versuche an anderen Schmetterlingen. bei denen ebenfalls Jahreszeitenabartung vorkommt, zu den gleichen Ergebnissen führten, haben wir guten Grund anzunehmen, daß die verschiedenen Schmetterlingsrassen, die in der nördlichen, ge- mähigten und heißen Zone leben, lediglich durch die Einwirkung des Klimas entstanden sind. Wie bei den höheren Tieren unterscheiden sich auch bei vielen Schmetterlingen die beiden Geschlechter ganz bedeutend in ihrem Aussehen. Der männliche Zitronenfalter zeichnet sich durch ein prächtig leuchtendes Zitronengelb aus, die Flügel des unschein- baren Weibchens hingegen sind blatzgelb, fast weißlich gefärbt. Zieht man jedoch die Puppen in der Wärme des Zimmers auf, dann ver» schwindet dieser Geschlechtsunterschied und das weibliche Tierchen prangt gleichfalls in den Schmuckfarbcn des Männchens. Auch bei dem herrlichen Apollofalter gelingt es, wie Standfuß gezeigt hat. durch Wärme das Weibchen in das Gewand des Männchens, das Männchen durch Kälte in das Gewand des Weibchens zu kleiden. Wenn man diese tiefe Abhängigkeit der Färbung und Zeichnung der Tiere von der Temperatur sieht, erwachen einem da nicht un- willkürlich Zweifel, ob man wirklich die sogenannte Schutzfärbung und Farbenanpassung als eine Folge der Zuchtwahl auffassen darf? Liegt es nicht viel näher anzunehmen, die Färbung usw. sei über- Haupt das Resultat verschiedener Reizwirkungen, die wir freilich bisher noch nicht im Einzelnen zu bestimmen vermögen? Gleich Wärme und Kälte ist auch das Licht auf das Aussehen der Lebewesen von weittragendem Einfluß. Jeder weiß, daß die Bewohner dunkler Höhlen zum Verlust des Pigments(Farbstoffs) ihrer Körperoberfläche neigen. Der berühmte Einwohner der Adelsbcrger Grotte, der Olm oder Höhlcnmolch(Proteus snguineus) ist vollkommen farblos. Hält man aber das Tier längere Zeit in einem hellbelcuchteten Aquarium, so beginnt in seiner Haut Pigmentbildung und seine Färbung wird dunkler. Noch stärker als das tierische Leben werden die Pflanzen von der Einwirkung des Lichtes betroffen. Nicht nur für die Ernährung aller grünen Gewächse ist das Licht eine unerläßliche Vorbedingung, nein, es beherrscht auch in hohem Maße das Wachstum, die Organbildung und überhaupt die ganze äußere Erscheinung. Man vergleiche im Geiste nur einmal die gemeine Schwarzpappel mit der Pyramiden» pappel, welch gewaltiger Unterschied im Aussehen! Gehen wir der Ursache, die hauptsächlich an dieser Verschiedenheit Schuld trägt, auf den Grund, dann finden wir, daß es das Licht ist. Bei der Schwarzpappel ist im allgemeinen die Oberseite der Zweige dem Tageslichte ausgesetzt und nur hier vermögen sich die Blattknospcn zu entwickeln. Gerade das Umgekehrte liegt bei den Hochauf- strebenden Aesten der Pyramidenpappel vor, die hauptsächlich auf der Unterseite beleuchtet sind und daher nur hier Blätter zur Entfaltung bringen können. Am auffälligsten tritt uns die Abhängigkeit der Form von der Lichtwirkung an den Blattgrün(Cbloroptixll) führenden und der Assimilation dienenden Organen der Pflanzen entgegen. Im nor- malen Zustande sind z. B. die Stcngelglieder des gemeinen Feigen- kaktus(Opuntia ficus indica), der in den Mittelmeerländcrn zu den gemeinsten Gewächsen gehört, außerordentlich stark abgeflacht, so daß sie von Laien meistens für die Blätter des Kaktus ge- halten werden. Der Zweck dieser blattartigen Verbreiterung besteht in einer Vergrößerung der assimilierenden Oberfläche. Die eigent- lichen Blätter der Opuntien dagegen sind rück- und zu Dornen umgebildet. Zieht man diese Kakteen einige Zeit im verdunkelten Keller, so wachsen die Stengelglieder zylindrisch, wie sie ursprünglich angelegt werden, weiter; von einer Abflachung ist nichts mehr an ihnen zu bemerken. Bei manchen Orchideen wieder führen die Wurzeln Blattgrün und vertreten die Aufgabe von Blättern. So- lange nun die Wurzeln in den Moospolstern der Baumzweige, auf denen die betreffenden Orchisarten schmarotzen, verborgen wachsen, sind sie ebenfalls zylindrisch gestaltet; erst beim Heraustritt ans Licht, wenn sie ihre neue Aufgabe übernehmen, Kohlensäure zu assimilieren, flachen sie sich ab. Einen noch schöneren Beweis für die Abhängigkeit der Form von dem Lichte, bietet ein Angehöriger der sogenannten Lebermoose, Marchantia mit Namen. In vielen Gegenden gedeiht d?e Marchantia„herdenweise" auf feuchten Sandplätzen, Steinen oder auf Blumentöpfen. Das Pflänzchen besitzt einen ziemlich umfang- reichen, abgeplatteten Thallus(Vorkeim), besten Oberseite sich in ihrer Struktur auffällig von der Unterseite unterscheidet. Testen ungeachtet ist es sowohl bei den sogenannten Brutkörnern, wie bei den aus den Sporen hervorgehenden Keimscheibcn, noch unbestimmt, welcher Teil zur Ober- oder Unterseite des Thallus werden soll. Setzt man jedoch die jungen Keimlinge nur 2 bis 3 Tage dem Tageslichte aus, dann ist, obwohl noch keine Abflachung oder Ver- änderung sichtbar wird, unwiderruflich bestimmt, daß die belichtete Seite zur Oberseite wird. Man mag jetzt mit dem jungen Pflänzchen anstellen was man will, an dieser Tatsache ist nichts mehr zu ändern. Hier genügt also bereits ein nur kurze Frist einwirkender Reiz, um dauernd die spätere Struktur festzulegen. Wenn ich jetzt noch erwähne, daß der Epheu seine Haftwurzeln stets auf der Schattenseite bildet, daß der anatomische Bau der Laubblätter ganz verschieden wird, je nachdem sie voll oder mittel belichtet werden, oder im Dunkeln wachsen, so sind das Tatsachen übergenug, um die formbildende Kraft des Lichtes zu erweisen. kleines fcuxlleton. Aus einem marokkanischen Tagebuch. Eigenartige Szenen aus dem marokkanischen Volksleben find es, die Alice Lowther ihrem Rcisetagebuch entnimmt und in der„National Review" veröfsent- licht. Noch heute herrscht die alte Sitte, durch Tieropfer die Mächtigen sich günstig zu stimmen.„Heute kamen drei zerlumpte, verschleierte Weiber, schmutzig und arm, den Hügel herauf, auf dem unser Lager aufgeschlagen ist. Hinter sich her schleppen sie zwei ge- fesselte hülflose Schafe. Vor unserer Flaggenstange machen sie Halt. Sie legen die Tiere auf die Erde, und mit einem Messer- stich werden die Kehlen der sich windenden Schafe durchbohrt. Regungslos bleiben die Frauen vor den sterbenden Kreaturen sitzen, und mit starren Augen, wortlos und angstvoll, verfolgen sie die letzten Zuckungen und erwarten Allahs Ratschlutz. Als ich sie anrede, erfahre ich, datz sie die Frauen eines reichen Mauren sind, der vom Kaid eingekerkert wurde. Ihr Mann war reich gewesen. Nun plünderte der Machthaber den Besitz des Gefangenen und jagte die hungernden Weiber auf die Stratzc. Als die Unglücklichen hörten, datz demnächst ein Baschador, gewiß ein Freund des mächti- gen Sultans, die Gegend passieren würde, entschlossen sie sich, diese Schafe zu opfern, damit Allah die Seele des erwarteten Retters mit Barmherzigkeit erfülle. Denn der Kaid ist mächtig und von ihm kommt keine Gnade.... Der Brauch verbietet es den Opfernden, die hingeschlachteten Tiere als Nahrungsmittel zu benutzen; meine Diener ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, und mit zu- friedenem Lächeln schleppten sie später die getöteten Schafe zu ihrem Zelte." Ein anderes Bild.„Wie ich heute auf dem Wege zum Bazar durch die Straßen gehe, versperrt mir in der Gasse ein Körper den Weg. Lang hingestreckt auf den Steinen, halb bewußt- los, lag ein Frauenkörper. Ich fragte meine Begleiter, und sie erzählten, datz die Frau schon den ganzen Tag so daläge und ge- witz sterben würde. Hier gibt es kein Hospital, nur eine Art Asyl für Wahnsinnige; sie werden in der Nähe der großen Moschee an eine Wand gekettet, bis der Tod sich ihrer erbarmt, falls sie nicht unbeachtet auf der Straße sterben. Durch meine Leute ließ ich die Frau aufheben und zu einem englischen Arzt bringen; der ver» riet mir, daß keine Hülfe zu erwarten sei. Aber am nächsten Tag erschien zu meiner Beruhigung die Frau bei mir; voller Dankbar- reit erzählte sie mir, wie sie von dem Hufschlag eines Lastesels ge- troffen sei und nun wahrscheinlich tot wäre, wenn ich sie nicht durch meine Leute hätte aufheben lassen und für Hülfe gesorgt hätte." Besonders interessant ist die Schilderung einer marokkanischen Hochzeit, der beizuwohnen Alice Lowther Gelegenheit hatte.„Gestern wohnte ich einer Hochzeit bei. Eigentlich müßte ich es anders nennen, denn in Marokko gibt es kein Vermählungsfest; der ent- scheidende Akt geht beim Notar vor sich, wo die Eltern den Heirats- vertrag festlegen. Diese Formalität findet einige Tage vor der Stunde statt, da Braut und Bräutigam, oder eigentlich Mann und Frau, sich zuerst sehen. Denn der Mann sieht seine Erkorene zum ersten Male, wenn sie festlich geschmückt und mit Steinen und Ketten behängt, ihn stumm in seinem Hause erwartet. Bis dahin kennt er sie nur nach den Schilderungen, die andere ihm gegeben haben. Vielleicht ist sie ein entzückendes Geschöpf, ihre Augen strahlen so sonncnglcich, wie man sie ihm geschildert hat; vielleicht aber ist sie hätzlich, pockennarbig und mager. Dann aber hat er wenigstens den Trost, datz er sich nach Ablauf eines Jahres von ihr scheiden lassen kann, und datz die Schönheit junger Sklavinnen ihm die Anmut ersetzen können, die er bei seiner Frau vergebens sucht." Aber es gibt auch gewisse feierliche Zeremonien: das Ver- lassen des Vaterhauses und der Einzug der jungen Gattin in ihr neues Heim werden mit großem Pomp, mit Lärm, mit Musik, mit Flinten- und Böllerschüssen gefeiert. Sechs oder sieben Tage währen diese Feste, an strenge Gebräuche ist die junge Frau gekettet, und wenn sie dann das Haus des Gatten endlich erreicht, so ist sie meist völlig erschöpft, todmüde und oft gar ohnmächtig. Keine Braut- jungfern umgeben in diesen anstrengenden Tagen die junge Marokkanerin. Am Tage vor der Uebersiedelung in das Haus des künstigen Gatten werden die prächtigen Hochzeitsgeschenke besichtigt. „Eine Masse von Seidenstoffen und schwerem Brokat, der in allen Regenbogenfarben schillert," so beschreibt Alice Lowther die festlich geschmückte Braut.„Ueber und über ist sie mit Perlen und Smaragden, mit Spangen und Nadeln bedeckt und dicht verschleiert. Die berufsmäßigen„Heiratssklaven" führen sie zu ihrem Throne. wo sie tief in schwellende Seidenpolster versinkt. In einem seltsam geformten Gefäß bringt man der Erschöpften einen Trunk Wasser zur Labung. Und neben ihr steht der Leibsklave, nennt eine lange Reihe von Namen und deutet dabei auf die unzähligen Hochzeits- geschenke, die rings aufgestellt sind, purpurne und hellrote Samt- stoffe, Musselins und kostbare Brokate, hellfarbene Satins und leuchtende Seidengeständer, köstlich feingewebte große Schleier, die so zart sind, datz man sie durch einen Ring ziehen kann, alles liegt ausgebreitet in märchenhafter Farbenpracht. Aber die Braut ist ohnmächtig geworden. Die Sklaven eilen herbei, man hülst ihr und stützt sie, und endlich wird der Schleier ein wenig zurück- geschlagen, damit sie atmen kann. Die Sitte verbietet ihr, weder die Lippen zum Sprechen noch die Augen zum Sehen zu öffnen. und sie darf ihr Schicksal weder beklagen noch preisen. Inmitten eines fast barbarischen Reichtums, das jugendliche Gesicht in krampf- Haft beherrschter Anspannung verzerrt, so steht sie da als ein fremd- artiges und mitleiderrcgendes Wesen. Endlich ist die Zeremonie überstanden, mit Hülfe der sie stützenden schwarzen Frauen wendet sie sich zum Gehen. Immer hält sie die Augen geschlossen, mühsam nur geht ihr Atem, sie kann sich nicht mehr aufrecht erhalten und fällt ihren Begleiterinnen schwer in die Arme. Die Frauen aber lächeln, und erregt flüstern die Sklavinnen, Neid und Ehrgeiz in den Mienen."... Sozialwissenschaft. Das Zahlenverhältnis der Geschlechter. Es gilt als eine sichere Tatsache, daß innerhalb der gesamten Erd- bevölkerung das weibliche Geschlecht ein zahlenmäßiges Ueber- gesticht besitzt, aber wie sich denken läßt, steht diese Behauptung auf ziemlich schwanken Füßen. Wenn der Statistiker die Zahl der Erdbewohner ermitteln will, so sieht er sich dem peinlichen Umstand gegenüber, datz von dem größeren Teil der Erdbevölkerung genaue Zählungen gar nicht vorliegen. Der bedenklichste Faktor in dieser Rechnung ist das chinesische Reich, dessen Einwohnerzahl noch nicht einmal auf 200 Millionen genau bestimmt werden kann, denn die Angaben schwanken etwa zwischen 2S0 und 4S0 Millionen. Die Unsicherheit in diesem einzelnen Fall mutz das Gesamtergebnis selbstverständlich schon ganz erheblich beeinflussen. Das Land, das an Bevölkerungsdichte China am nächsten kommt, Britisch-Jndien, wird im Gegensatz dazu unter der englischen Verwaltung aufs genauste gezählt. Dafür gibt es wieder in allen Erdteilen mit Ausnahme von Europa noch zahlreiche Gebiete, über deren Ein- wohnerzahl nur oberflächliche Schätzungen vorliegen. Sind schon die Schwierigkeiten fir die Feststellungen der einfachen Gesamtzahl der Erdbewohner so große, so wird man begreifen, datz mit Rück- ncht auf die Verteilung der beiden Geschlechter die Angaben noch viel lückenhafter und unsicherer sein werden. Die Statistiker haben sich daher mehr einer anderen Aufgabe zugewandt, die auf einem Umweg zum Ziel führen könnte. Es wird nämlich darauf an- kommen, ob mit einiger Sicherheit das Verhältnis von männlichen und weiblichen Geburten ermittelt werden kann. In den Denk- schriften der Amerikanischen Anthropologischen Vereinigung dieses Jahres hat Nichols eine sehr umfassende Untersuchung angestellt, die auf der Verarbeitung von mehr als 700 Millionen Geburten beruht. Unter diesen waren rund 004 Millionen lebende und rund 14 Millionen totgeborene. Auch an diesem Material war freilich einige Kritik zu üben, da die Statistik der unehelichen Geburten immer wegen unvollständiger Anzeigen verdächtig bleibt, auch die Anzahl der Totgeburten nicht vollständig bekannt zu werden pflegt. Dennoch ist die Forschung über die Verteilung der Geschlechter unter den Menschen durch diese neuen Untersuchungen auf eme höhere Stufe gehoben worden. Es ist z. B. wichtig, daß zum ersten Mal die Einflüsse von Klima, Rasse, Stadt- und Landleben, Lebens- alter und Lebenskraft, sowie von sozialen und finanziellen Ver- Hältnissen, auch der Einfluß von kriegerischen Ereignissen usw. in Betracht gezogen worden sind. Nach dieser Richtung hin ist aller- dings vieles noch problematisch, aber schon die Fragestellung wird anregend auf die Forschung wirken. Recht beachtenswert ist unter den Ergebnissen der Nachweis, daß aller Wahrscheinlichkeit nach mehr männliche Nachkommen gezeugt, aber mehr weibliche lebendig geboren werden. Auf diesen Schluß führt die Feststellung, daß mehr männliche Embryonen vor der Geburt sterben als weibliche und daß auch an den Totgeburten das männliche Geschlecht stark beteiligt ist. Soweit sich überhaupt eine Zahl dafür finden läßt, wird das Verhältnis der Geschlechter für die Zeit der EntWickelung, in der sich überhaupt die Trennung der Geschlechter vollzieht, zu 1.063 Söhnen auf 1000 Töchter angegeben. Für die weiße Rasse dagegen kehrt sich dies Verhältnis bei den lebenden Geburten durchaus um, indem auf 1000 männliche 1057 weibliche Geburten entfallen. Die erhöhte Sterblichkeit des männlichen Geschlechts erstreckt sich auch noch auf das erste und die folgenden Lebensjahre, obgleich sie allmählich abnimmt. Vielleicht hängt diese schwächere Widerstandskraft der männlichen Kinder mit den größeren Schwierigkeiten bei ihrer Geburt zusammen. Außerdem ist noch ermittelt worden, daß in großen Familien die Söhne zahlreicher sind als in kleinen. Meteorologisches. D i e L u ftreinigung durch den Blitz. Nach Physika- tischen Experimenten haben starke elektrische Entladungen unmittel« bar leinen zerstörenden Einfluß auf Bakterien, aber es entstehen dabei gewisse chemische Borgänge, die einen solchen Einfluß aus- üben können. Was von den elektrischen Entladungen gilt, die der Mensch künstlich im Laboratorium erzeugt, möchte er wohl auch auf die elektrische Funkenbildung der freien Natur, also im besonderen auf die Blitze und ihre Folgen, übertragen. Auch hier aber trifft man noch auf eine empfindliche Lücke in der Forschung, da sogar die allgemein verbreitete Annahme, daß der Blitz einen reinigenden Einfluß auf die Luft besitzt, erst noch eines genauen Beweises be- darf. Auf sein Gefühl kann sich der Mensch dabei nicht verlassen. denn sein Wohlbehagen ist nicht allein durch die Reinheit der Luft bedingt, sondern noch mehr durch ihre Temperatur, ihren Feuchtig- keitsgehalt und andere Eigenschaften. Daher kommt es auch, daß die abkühlende Wirkung von Gewittern so unzuverlässig ist. Zu» weilen ist eine ganz merkliche Erfrischung der Luft wahrnehmbar, ein anderes Mal bleibt die Stimmung schwül und drückend. Die Reinheit der Luft müßte zunächst überhaupt erst als ein bestimmter Begriff aufgefaßt Iverden, und zwar würde sie abhängig zu machen sein einmal von dem Gehalt an Staub, zweitens von der Menge der Bakterien oder anderer schwebend erhaltener lebendiger Keime und endlich von der Menge der Kohlensäure, die einen bestimmten Rormalgchalt nicht übertreffen sollte. Die Forschungen müßten also daraus ausgehen, den Einfluß von Gewittern auf diese drei Punkte zu ermitteln. Dabei wird weiter zu unterscheiden sein, welcher Teil der Wirkung auf den Blitz und welcher auf den Regen zurückzuführen ist. Nach den Erfahrungen im Laboratorium bilden elektrische Entladungen in der Luft salpetrige und Salpeter-Säure und außerdem wahrscheinlich Ozon und Wasserstoffsuperoxyd, die sämtlich als kräftige Baktericnfcinde zu schätzen find und demnach zur Reinigung der Luft im wichtigsten Punkt beitragen können. Medizinisches. E i n n e u e s H e i I s e r n m. In der„Umschau" verbreitet sich Dr. I r i e d l i e b über ein neues tierisches Heilserum gegen mikrodische Infektionen beim Menschen, das von Prvf. Deutsch- manu in Hamburg hergestellt worden ist. Der Hamburger Forscher hat einen ganz neuen Weg eingeschlagen, indem er ver- suchte, ein Serum zu gewinnen, das nicht nur für eine bestimmte Erkrankung brauchbar war, sondern bei den verschiedensten parasi- tärcn Infektionen, sowohl örtlicher Natur, als auch des Gesamt- organismus, Anwendung finden sollte. Der springende Punkt bei diesem Serium ist der. daß es weder eine Immunisierung noch, wie die anderen Heilsera, die Erzeugung von Antitoxinen bezweckt, sondern lediglich die Eigenschaft haben soll, die Zellen deS tierischen Organismus im Falle der Gefahr in ihrem Kampfe gegen die Bakterien zu unterstützen, und ihnen frische Energie zuzuführen. Zu diesem Zweck hat Prof. Deutschmann Hefe benutzt, die er in steigenden Tosen durch Fütterung dem Tieriörpcr beibrachte. Hefe wird in letzter Zeit mit gutem Erfolg gegen Furunkeln, infektiöse Katarrhe der Vsxfina und ähnliche Ertrankungen angewandt. Da Hefe Bakterien nicht abtötet, so ging Deutschmann offenbar von der Ansicht aus, daß Hefe die Produktion von Schutzstoffen im Organismus steigere. In dem Serum der mit Hefe behandelten Tiere kann man Schutzstoffe abfangen und dem menschlichen Orga- nismus zuführen. Wie erwähnt, ist auch der menschliche Organis- mus selbst imstande, wenn man ihm größere Dosen Hefe allmählich einverleibt, solche Stoffe in seinem Körper zu bereiten. Mit Recht könnte man deshalb einwenden: Warum denn der Umweg durch den Tiertörper? Aus dem einfachen Grund?, weil zur Bereitung der Hülfskräfte ein gesunder Organismus gehört und bei dem er- krankten, der doch nur in Frage kommt, diese Fähigkeit eine be- Berantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin. grenzte ist, häufig auch versagt. Wenn man dem kranken Organis- mus so große Quantitäten Hefe zuführt, wie nötig find, so reagiert er darauf in ungünstiger Weise. Deshalb ist die direkte Hefezufuhr. namentlich bei fiebernden Kranken ausgeschlossen. Hier entfalten die vom Tierkörper bereiteten fertigen Schutzstoffe ihre Wirksam- keit. Sie bringen frische Hülfs- und Reservctruppen, die nicht erst angeworben, einexerziert und formiert zu werden brauchen, auf den Kampfplatz. Mit anderen Worten: man hat den gesunden Tierkürper eine Arbeit vollbringen lassen, zu welcher der erkrankte menschliche nicht mehr befähigt war. Deutschmanns Bestreben ging davon aus, ein Serum für infektiöse Augenerkrankungen zu ge- Winnen. Es war aber sehr natürlich, wenn alle theoretischen Vor- aussetzungen und Ueberlegungen sich in praxi bewährten, das Serum auch bei den verschiedensten mikrobischen Infektionen des gesamten Organismus zu benutzen, und in der Tat erwies sich das Serum gegen verschiedenartige infektiöse Erkrankungen von ganz hervorragender Wirkung. Es sind von Deutschmann Infektionen schwerster Natur, unter Ausschluß jeder anderen Behandlung, nur mit Hülfe des neuen Heilserums geheilt worden. Ebenso bieten die Versuche mit dem Serum in dem St. Georger Krankenhaus von Prof. Denechi eine Bestätigung seines Heilwcrtes. Es handelt sich hier um 2i Fälle von kruppöser Pneumonie(Lungen- eutzündung). Ich selbst, schreibt Dr. Friedlieb, habe das Serum mit überraschendem Erfolg bei fünf Fällen von infektiöser Hals- cntzündung gebraucht und in allen nach einmaliger Injektion von 1 bis 2 Kubikzentimetern prompten Tcmperaturabfall beobachtet. Das Allgemeinbefinden der Patienten war vortrefflich und die Heilungsdauer sehr kurz. Inzwischen sind auch von anderer Seite Erfahrungen mit günstigem Erfolge gemacht worden. Humoristisches. — Gemütlich. Herr(zur Frau des Baders):„Der Steffel- bauer soll bei Ihnen sein l Könnte ich ihn nicht sprechen?" Baderin:»Jetzt net, es wird ihm a Zahn zogü l" »Gut. dann komme ich später I"—(nach einer halben Stunde): »Könnte ich jetzt—* Baderin(unwillig):»Ich Hab' Ihnen doch schon g'sagt, daß ihm a Zahn zog'n wird!" — Bissiger T r o st. Frau:»Ich möchte gerne meine Tochter besuchen, aber das Geld langt nicht." Freundin:»Ach Gott, fahren Sie nur hin, die Rückreise wird Ihr Schwiegersohn gewiß gerne bezahlen l' — Umschrieben. Juwelier(zum Baron, welcher wieder daS Konto durch Einkäufe bedeutend belastet):»Und wenn Sie das nächstemal kommen. Herr Baron, da hoffe ich, daß Sie ein Ver« lobungspräsent kaufen!" — Schwer zu machen. Vater(zu seinem Sohn, der beim Vorübergehen an einer Schwimmschnle bittet, ihn baden zu lassen): »Nein, Fritz, Du gehst mir nicht früher ins Wasser, als bis Du schwimmen kannst!" — Rechen Methode bei P r o tz e n s. Besuch:»Wieviel ist zwei mal ztvei, Karlchen?"(Karlchen schweigt.) Vater:»Nu. wieviel Automobile ham' mer?" (»Meggend orfer- Blätter'.) Notizen. — Joseph Engel, ein bedeutender Illustrator des»Sim- plicissimus", ift m München gestorben. — Die Wellmannsche Expedition. Die letzten Nach- richten von Spitzbergen lassen es als zweifelhaft erscheinen, ob der Aufstieg Wellmanns noch in diesem Jahre wird erfolgen können: die Wittenmgsverhälwisse waren bislang andauernd ungünstig. — Eine neue Halbmonatsschrift für Politik, Wissenschaft und Kunst beginnt unter dem Titel»Reue Revue" am 1. Oktober in Berlin(Verlag Caspari) zu erscheinen. Als Herausgeber zeichnen Dr. Josef Adolf Boudy und Dr. Fritz Wolff. — Der Landschaftsmaler Gabriel Thurner ist in Paris g e st o r b e n. — Ein Hölth-Denkma! wurde in Mariensee bei Neu« stadt, dem Geburtsort des Dichters, am letzten Sonntag enthüllt. — Der Papiervcrbrauch der Zeitungen. Die 30000 Tageszeitungen der Welt verbrauchen nach den Berechnungen eines französischen Statistikers alltäglich etwa 1000 Tonnen Holzteig, und da außerdem im Durchschnitt 200 Bücher täglich erscheinen, fo beträgt der Jahresverbrauch für Druckpapier etwa 375 000 Tonnen Papierbrei. Dabei ist aber das Schreibpapier, das Packpapier usw. nicht berechnet. Um nun diese ungeheure Menge Holzteig zu produ- zieren, müssen ganze Wälder niedergeschlagen werden. In jedem Jahre verschwinden so 1250 Millionen Kubikmeter Holz, die der geistigen Nahrung des Menschen dienen. Amerika hat dabei einen noch stärkeren Bedarf als Europa; es braucht für sich allein 900 Millionen Kubikmeter Holz, während Europa nur die übrig bleibenden 350 Millionen verwendet. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BcrlagsaustaltPaul Singer Lr£o..Berli»SW.