Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 169. Sonnabend, den 31. August. 1907 (Ndchdnil! BtrBotcn.) 45] Die JVEutter. Roman von Maxim Gor!i. Deutsch von Adolf Heß. „Die Blumen müssen begossen werden!" meinte die Mutter, nachdem sie die Erde in den Blumentöpfen am Fenster befühlt hatte. „Ja. ja!" sagte der Hausherr schuldbewußt.„Wissen Sie, ich liebe Blumen, habe aber keine Zeit, mich damit zu beschäftigen...." Als sie ihn beobachtete, sah sie. daß Nikolai auch in seiner gemütlichen Wohnung vorsichtig und geräuschlos, seiner Um- gcbung fremd, umherging. Er legte sein Gesicht dicht an die Gegenstände, die er anblickte, rückte mit den dünnen Fingern der rechten Hand die Brille zurecht, blinzelte und es war, als ob er stumme Fragen an das Ding, das ihn interessierte, richtete. Bisweilen nahm er einen Gegenstand, eine Statuette oder etwas anderes in die Hand, hielt es dicht vor dem Ge- ficht und betastete es sorgfältig mit den Augen. Es schien, als wenn er mit der Mutter zusammen in das Zimmer zum ersten Male getreten und als wenn ihm hier alles ebenso un- bekannt wäre wie ihr. Die Mutter fühlte sich bald in diesem Zimmer am richtigen Platz. Sie begleitete Nikolai durch die Räume, merkte sich, wo die Gegenstände standen, fragte ihn nach seiner Lebenseinteilung, und er antwortete ihr in schuldbewußtem Ton, wie jemand, der wohl weiß, wie alles sein muß, sich aber nicht zurechtfindet. Nachdem sie die Blumen begossen und die auf dem Klavier umherliegenden Noten richtig in einen Haufen zusammen- gelegt hatte, sagte sie mit einem Blick auf den Samowar: „Der muß geputzt werden." Er fuhr mit der Hand über das blinde Metall, hielt einen Finger an die Nase und betrachtete ihn ernsthaft. Die Mutter lächelte freundlich. Als sie sich schlafen legte und über ihren Tag nach- dachte, erhob sie den Kopf erstaunt vom Kissen und blickte um sich. Zum ersten Male in ihrem Leben war sie im Hause eines fremden Menschen und das bedrückte sie gar nicht. Sie dachte besorgt an Nikolai und empfand deutlich den Wunsch, alles möglichst gut für ihn herzurichten und Freundlichkeit und Wärme in sein Leben hineinzutragen. Die Ungeschicklich- keit und komische Unsicherheit Nikolais, seine Unkenntnis der gewöhnlichsten Dinge und das Kindlich-Weisc in seinen hellen Augen rührte sie. Dann verweilten ihre Gedanken hart- näckig bei ihrem Sohn, und vor ihr spielte sich wieder, ganz in neue Farben gekleidet und von einem neuen Sinn be- seelt, der erste Mai ab. Und sogar der Kumnier dieses Tages war wie der ganze Tag ein besonderer, er stieß den Kopf nicht wie ein stumpfer, betäubender Faustschlag zu Boden nieder, sondern stach das Herz und erzeugte in ihm stillen Zorn, der den gekrümmten Rücken gerade bog. „Die Kinder ziehen in die Welt," dachte sie. auf die unbekannten Klänge des Nachtlebens der Stadt horchend. Sie drangen in das offene Fenster, rauschten in den Blättern im Garten, kamen müde und blaß von weither geflogen und er- starben still im Zimmer. Früh am nächsten Morgen putzte sie den Samowar, stellte ihn auf, setzte leise das Geschirr zurecht und wartete in der 5tüche, bis Nikolai ausgeschlafen hatte. Jetzt ertönte sein Husten, und er trat, in der einen Hand die Brille, mit der anderen den Mund bedeckend, in die Tür. Sie ant- wartete auf seinen Gruß und trug den Samowar ins Zimmer. Nikolai aber begann sich zu waschen, wobei er den Fuß- boden mit Wasser bespritzte, Seife und Zahnbürste fallen ließ und unzufrieden sich selbst anfuhr, Beim Tee erzählte Nikolai: „Ich bin in der Semstwoverwaltung mit einer sehr traurigen Arbeit beschäftigt: ich beobachte, wie unsere Bauern verelenden...." Und mit schuldbewußtem Lächeln wiederholte er: „Ja. ja! Beobachte nur! Die Leute hungern, legen sich infolgedessen vorzeitig ins Grab, die Kinder werden schwach aeboren und sterben wie die Fliegen im Herbst.-* Alles das wissen wir. wir kennen die Ursachen des Unglücks, und dafür beziehen wir unser Gehalt.,,, Weiter tun wir eigentlich nichts... „Was sind Sie denn?— Student?" fragte sie ihn. „Nein, ich bin Dorfschullehrer... mein Vater ist Fabrik» direktor in Wjatka, ich aber wurde Lehrer. Auf dem Lande gab ich den Bauern Bücher, und dafür wurde ich ins Ge- sängnis geworfen. Nachdem ich meine Zeit abgesessen hatte, wurde ich Buchbindergehülfe, war wieder nicht vorsichtig genug und kam abermals ins Gefängnis: später wurde ich nach Archangelsk verbannt.... Dort hatte ich wieder Un- annehmlichkeiten mit dem Gouverneur und wurde in ein kleines Dorf an der Küste des Weißen Meeres verschickt, wo ich fünf Jahre zubrachte." Seine Erzählung klang in dem hellen, von Sonnenlicht erfüllten Zimmer ruhig und gleichmäßig. Die Mutter hatte schon viele solche Geschichten gehört und niemals begriffe� wie man sie so ruhig erzählen konnte und niemandem Vor- würfe machte, sondern das alles wie etwas Unvermeidliches hinnahm. „Heute kommt meine Schwester," teilte er ihr mit. „Ist- sie verheiratet?" „Sie ist Witwe. Ihr Mann war nach. Sibirien der« bannt, floh aber von dort, zog sich unterwegs eine heftige Er- kältung zu und starb vor zwei Jahren im Auslande.,. „Ist sie jünger als Sic?" „Nein. Sechs Jahre älter.... Ich bin ihr in vielen Dingen Dank schuldig.... Sie sollen einmal hören, wie sie spielt! Das ist ihr Klavier.... Sie hat überhaupt viele Sachen hier. Die Bücher sind mein." „Aber wo wohnt sie denn?" „Ucberall!" antwortete er lächelnd.„Wo eine Hand nötig ist, da ist sie." „Gehört sie mit dazu?" fragte die Mutter. „Natürlich!" Er ging bald in den Dienst: die Mutter aber dachtx über die Sache nach, an der diese Menschen Tag für Tag hartnäckig und ruhig arbeiteten. Und sie fühlte sich vor ihnen, als wenn sie nachts vor einem Berge stände. Gegen Mittag erschien eine hohe, stattliche, schwarz ge- kleidete Dame. Als die Mutter ihr die Tür ösfnete, warf sie einen kleinen, gelben 5�offer auf den Fußboden, ergriff schnell Frau Wlassows Hand und fragte: „Sind Sie Pawel Mickailowitschs Mutter?" „Ja!" erwiderte die Mutter, durch ihre elegante Klei» dung verwirrt. „So habe ich Sie mir auch vorgestellt! Mein Bruder schrieb, Sie würden bei ihm wohnen.... Pawel Michails- witsch und ich sind schon lange befreundet. Er hat mir oft von Ihnen erzählt." Ihre Stimme war etwas dumpf, sie sprach langsam, ihre Bewegungen waren aber kräftig und schnell. Die großen, grauen Augen lächelten jugendlich heiter, an den Schläfen aber glänzten schon feine strahlenförmige Runzeln und über den kleinen Ohrmuscheln schimmerten silbern graue Haare. „Ich will esienti' erklärte sie.„Eine Tasse Kaffee trinken..." „Ich koche sofort welchen!" erwiderte die Mutter und holte das Kaffeegeschirr aus dem Schrank. „Spricht Pawel denn über mich?" „Natürlich! Oft..." Sie zog eine kleine lederne Zigarettentasche heraus, zündete sich eine Zigarette an und fragte, im Zimmer umher- gebend: „Sind Sie sehr besorgt um ihn?" Die Mutter beobachtete, wie die blauen Flammcnzungen der Spritlampen unter der Kaffeekanne zitterten, und lächelte. Ihre Befangenheit vor der Dame verschwand. „Also er spricht von mir... der gute Junge!" dachte sie und sagte langsam:„Sie fragen, ob ich mir Sorge mache? ... Natürlich, es ist nicht leicht... Aber früher war es schlimmer... jetzt weiß ich— er ist nicht allein... Und wie ist Ihr Name?" «Sophie." Die Mutter blickte sie scharf an. In ihrem Wesen lag etwas Schwungvolles, Großspuriges und Hastiges... Sophie ging schnell im Zimmer auf und ab und sagte zuversichtlich: „Die Hauptsache ist, daß alle nicht lange im Gefängnis fitzen, daß sie bald abgeurteilt werden. Sobald mau sie in die Verbannung schickt, verhelfen wir Pawel Michailowitsch sofort zur Flucht... Er ist hier dringend nötig." Sie suchte mit den Augen einen Platz für ihren Zigarettenstuinmel und steckte ihn in einen Blumentopf. „Davon gehen die Blumen aus!" bemerkte die Mutter Unwillkürlich. „Entschuldigen Sie!" sagte Sophie.„Nikolai sagt mir das auch immer..." Und sie nahm den Stummel aus dem Blumentopf und warf ihn zum Fenster hinaus. „Sie müssen entschuldigen! Ich habe das ohne Ueber- Zleguug gesagt. Wie kann ich Sie belehren?" „Warum nicht, wenn ich schlampig bin?" erwiderte Sophie achselzuckend.„Ist der Kaffee fertig? Danke! Aber warum nur eine Tasse? Trinken Sie nicht?" Und plötzlich ergriff sie die Mutter bei der Schulter, zog sie an sich heran und fragte sie erstaunt: „Genieren Sie sich wirklich?" Die Mutter erwiderte lächelnd: „Erst gestern bin ich zu Ihnen gekommen und benehme mich nun schon so, als wenn ich zu Hause wäre, Sie schon längst kenne... fürchte nichts, spreche, was ich will mache sogar allerhand Bemerkungen." „So muß es auch sein!" rief Sophie. „In meinem Kopfe dreht sich alles... ich komme mir selbst fremd vor... Früher ging und ging man um einen herum, bevor man ihm etwas Herzliches sagte... jetzt aber liegt das ganze Herz offen da, und man sagt sofort, was man früher nicht einmal gedacht hätte..." Sophie zündete sich wieder eine Zigarette an und be- trachtete die Mutter freundlich und schweigend mit ihren grauen Augen. «Sie wollen ihm zur Flucht verhelfen?... Aber wie wird er als Flüchtling leben?" „Das ist eine Kleinigkeit!" antwortete Sophie und goß sich noch Kaffee ein.„Wie andere Flüchtlinge... Ich habe soeben einen getroffen und begleitet... war auch ein sehr wichtiger Mensch... ein Arbeiter aus dem Süden, der auf fünf Jahre verbannt war und dreiundeinhalb Monate in der Verbannung gelebt hat... Deswegen gehe ich auch so üppig. Sie denken wohl, ich kleide mich immer so? Ich kann Putz und diese rauschenden Gewänder nicht ausstehen ... Der Mensch ist einfach und muß sich einfach kleiden, hübsch, aber einfach..." Die Mutter schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte leise: „Nein, dieser erste Mai hat mich anscheinend ganz und gar aus der Fassung gebracht! Mir ist so ungemütlich, wie »oenn ich jetzt auf zwei Wegen gehe... Bald kommt es mir so vor, als wenn ich alles verstehe, dann ist mir wieder, als wäre ich in Nebel geraten... Jetzt Sie, zum Beispiel... eine feine Dame... beschäftigen sich mit denselben Dingen wie Pawel... kennen ihn, schätzen ihn... das danke ich Ihnen.. >„Nun, eigentlich sollten wir Ihnen danken," lachte Sophie. „Was ist denn an mir? Ich habe ihn das nicht gelehrt! ... Also ich sage," fuhr sie hartnäckig fort,„bald kommt mir alles einfach und nahe vor, bald kann ich diese Einfachheit nicht begreifen. Auch ist mir bald ruhig zu Mut und dann wieder ängstlich, daß es so ruhig ist. Ich Hab' mein ganzes Leben Angst gehabt... jetzt aber, wo wirklich Grund vor- Händen ist... Hab ich gar keine. Woher kommt das? Ich begreife es nicht!"... Sophie erwiderte nachdenklich: „Mit der Zeit werden Sie alles begreifen!... Nun, ich muß aber endlich diese ganze Herrlichkeit ablegen..." Sie legte den Rest der Zigarette auf ihre Untertasse, schüttelte den Kopf, ihr goldiges Haar fiel in dichten Strähnen über den Rücken, und sie ging fort. Die Mutter blickte ihr nach, seufzte, sah sich um, ohne an etwas zu denken und begann in einem halbträumerischen, sie bedrückenden Zustand der Ruhe das Geschirr abzuräumen. lFortsetzung folgt.) I�seue Sauten in Berlin. Von Ernst Schur. Das Schiller-Theater baute auf Charlotten» b u r g e r Gebiet an der Bismarckstraße, deren radikale Neubildung der Magistrat dieser Stadt, einem kaiserlichen Wunsche allzu willig nachgebend, mit einer Schnelligkeit vollzog, die an anderen Stellen und bei anderen Aufgaben erwünschter gewesen wäre, ein Volkstheater. Entwurf und Ausführung besorgten die Münchener Architekten Heilmann und Littmann. Im Stil der Fassade ist ein Anklang an den Biedermeierstil unverkennbar. Doch drängt sich dieser Einfluß nicht so markant auf. Was man als angenehm empfindet, das ist das Ruhige, Intime des Eindrucks. Nament- lich bei Theatern wird der Architekt leicht in eine bombastische Pose hineingedrängt. Dieser Bau hat etwas Schlichtes und macht im mittleren, nach der Straße zu liegenden, vorspringenden Eingangsteil mit dem germideten Vorbau. der die Portale(einfache, nicht zu große Türen) und darüber einen sich schmal hinziehenden Balkon zeigt, eigentlich mehr den Eindruck eines villenartigen Landhauses als eines großstädtischen Ächeaters. Erfreulicherweise. Dieser Eindruck wird noch durch den zierlichen und doch soliden Holzzaun in Weiß, der das Grundstück und den Vorgarten gegen die Straße abschließt, erhöht. Auch der ebenfalls ganz in Weiß gehaltene Putz der Fassade trägt dazu bei. Im Innern ist in Treppe, Foyer, Garderobe eine Raumgestaltung inne- gehalten, die nicht originell genannt werden kann, jedoch mit Umsicht die modernen Anregungen verwertet. Bedeutungsvoll wird wieder der Zuhörerraum und die Bühne. Es ist hier zum ersten Male auf ein Volksrheater das Prinzip des amphnheatralischen Aufbaues, das im Bayrcnthcr Wagner-Theater und im Münchcner Prinzregenten» Theater zur Geltung gekommen ist, angewandt, ein Prinzip, das im eigentlichen Sinne als demokratisch zu bezeichnen ist. Die Logen fallen weg. Der Parkettraum steigt bis zu der Hinteren Rückwand gleichmäßig an, so daß jeder Besucher die Bühne frei vor sich liegen sieht. Auch der störende Kronleuchter ist fortgelassen. Die Beleuchtung findet-von der der Bühne gegenüberliegenden Rückwand her statt. so daß das Licht niemand stört. Leider ist die Farbe in diesem Räume sehr geschmacklos ausgefallen. Die Archi- tektur der Wände leidet unter einem schlecht gegliederten Säulenarrangcmcnt, und die farbige Bcmalung der Wand zerreißt durch kleinliche Motive die Großzügigkeit des Raums. Auch die Decke läßt Eigenart und Kraft vermissen. Die Sitze disharmo» nieren ebenfalls mit ihrer geschmacklosen Farbe(rotbraun) in dem wesentlich auf Grau, Grün und Weiß gestimmten Raum. So leidet schließlich der Gesamteindruck. Die Architekten haben nicht ver- standen, diesem neuen Prinzip des Thcaterbaues, das von der sonst üblichen und ein deutliches Abbild unserer sozialen Verhältnisse ge» währenden Einschachtelung und Absonderung der einzelnen Klasien absieht und wieder einmal den Anblick einer festlich ver- sammelten Menge ermöglicht, eine gleichermaßen. neue, vollendete Form zu geben. Das ist um so mehr zu be- dauern, als dieses Prinzip gerade dem architektonischen Vermögen Gelegenheit gibt, sich mit aller Kraft zu betätigen, indem eben durch die Vermeidung von Logen und Rängen der Raum einheitlicher wird, die Wände groß und entscheidend hervortreten, auf die Bühne sich alle Linien konzentrieren, der Zuschauerraum selbst nur eine große Einheit bildet, so daß überall nur große Flächen und Massen vorherrschen, die gerade den Architekten reizen müßten. Während er sonst den praktischen Bedürfnissen folgen muß, hier etwas anfügen. da unterbrechen muß, kann er hier, den Bedürfnissen folgend, groß- zügig gestalten und wird dann gerade das Wesen treffen. Jeden- falls ist eS aber von Vorteil, daß dieses Prinzip des anrphi- theatralischen Aufbaus einmal zum Durchbruch gelangt. Dies ist wertvoll. Und zweitens wird man die Fassade als eine neue, glück» liche Lösung des großstädtischen Thentcrbaues betrachten, die um so befriedigender ist, als sie an Stelle der protzigen Rcklamesucht schlichte, einladende Einfachheit setzt. • Am Potsdamerplatz, von der Bellevucstratze durchgehend nach der PotSdamerstraßc, baute Professor Bruno Schmitz das Rhein- gold-Restauranr. Schmitz ist ein Architekt, der nach seinen letzten Baute», dem Buchgewerbehaus in der Deffauerstraße, dem Marmor- automat in der Friedrichstraße, neben Mefsel genannt werden muß. Er strebt ins Monumentale: er weiß Massen zu gliedeni, und in der Herbeiführung einer großzügigen, fornivollen Einheit übertrifft er vielleicht sogar»och Messel. Messel gibt Aphorismen, kühne Einjälle, Versuche, Schmitz gibt ausgereifte Werke. Am höchsten ist in dieser Beziehung die Faffade nach der Bellevnestraße zu werten. Sie baut sich in kompakter Monumentalität auf: sie ist modern, ohne in Künsteleien auszuarten: sie hat alte. reife Schönheit und Ausgeglichenheit, ohne in irgend welche Nach- ahmung früherer Formen zu verfallen. Prachtvoll ist der Stein ge- wählt: er schimmert mattgrau und stumpf, und die Formen treten hierin mit wuchtiger Silhouette heraus. Große Palastfenster im unteren Mittelteil, seitlich flankiert von vorspringenden Portalen, über denen bronzene Dachkappen sich wölben; darüber eine Linie schmaler Fenster; oben eine breitere Betonung und schließlich das imposante, schiminernde Metalldach, das in hoher Schrägung auf« ragt, dessen Grün zu dem Grau der Fassade vornehni wirkt, durch keinen Schornstein m der Silhouette unterbrochen. WaS die innere Ausschmückung anlangt, so ist die Lust am Material oft in Verschwendung ausgeartet, der die künstlerische, formale Würdigung und Vereinfachung fehlt. Speziell im Hinblick auf den Zweck eines Restaurants dürfte diese Pracht emes mykenischen Palastes geschmacklos zu nennen sein, zumal die Tische sich nicht sehr von gewöhnlichen Wirtshaustischen unterscheiden. Sieht man von dieser Disharmonie ab, so mub man auch hier noch die Kraft bewundern, mit dem der Baukünstler Innenausstattungen von starker Material- schönheit, die von Bildschmuck ganz absieht, geschaffen hat. Darin liegt der Wert: nicht in dem Schaffen einer neuen, dekorativen Architektonik, im wesentlichen bleibt er bei der barbarischen Ueberladung Berliner Kunstanschauung. sondern in dem Verwenden des schönen, prunkenden Materials(keine Farbe ist aufgesetzt, Steine und Hölzer schimmern in natürlicher Schönheit) und die Arbeit ist ebenso sehr eine Glanzleistung des Berliner Tischlerhandwerks, was Akkuratesse, Genauigkeit und Feinheit der Leistung angeht. Zweifellos liegt in diesem Materialwüte» Unreife und Barbarismus, und nur selten spürt man, wie in dem mit Bronze kassettierten und verkleideten grosten Saal, wie in den« feicr- lichen, ganz in kostbarer Wassereiche erbauten Saal, deren Farbe so sein zwischen Grau und Schivarz schwankt, eine wirklich schöpferische Gestaltung. Man muff sich an Einzelheiten halten: an die einfachen breiten, nur mit wenig markanten Formen gegliederten Türen, an die zweckmäßigen Beleuchtungskörper, die aus geschmackvollem Arran- gement in breit ausladende Vierecke eine eigene Form gewinnen, an die resolute Gestaltung von Säulen, die' in Viereckform auf- wachsen. An der Jungfernheide, in bevorzugter Lage(der angrenzende Teil darf bestiinniungsgemäst nicht bebaut werden), hat Ludwig Hoffmann das Rudolf Virchow-Krankenhaus erbaut. Eine kleine Stadt für sich. Sorgen die Waldungen für gute Lust, so hat der Baumeister darauf Bezug genommen, daß die Sonne überall Zutritt hat. Alle Krankcnräumc sind nach der Sonnenseite gerichtet. Um von der Größe und dem Umfang des Ganzen eine Vor- stcllung zu geben: es sind 57 Einzelbauten, die sich in den Garten- anlagen befinden; sie nehmen 3000 Menschen auf Das Baugelände ist 4000 Quadratmeter größer als das Viereck, das Wilhelni- und Fricdrichstraße einerseits, die Linden- und Kronenstraße andererseits begrenzen. Die Kosten betrugen 20 Millionen Mark. Ludwig HoffmannS besondere Begabung liegt in der fein- fühligen Art, wie er Nutzbarkeit und Schönheit verbindet. Er schmiegt sich den Bedingungen, dem Zweck an und scheint nur eine strenge Sachlichkeit zu kennen. Aber unbemerkt fügt er dem Mtz- lichen eine heitere Schönheit bei. Er richtete sein Augenmerk darauf, daß alle Gebäude für sich wie in ihrer Gesamtheit einen äußerst beruhigenden Eindruck in dem Kranken auslösen. Er verzichtete auf unruhige Bauformen, auf beengte Gliederung, auf lebhaften Farben- Wechsel. Einfache Gestaltung, ruhige Durchbildung im Aeußem; im Innern Betonung des intimen Charakters. Das sind die Zweck- gedankcn, denen der Baukünsller folgte, der allgemeine Rahmen, in dem er seine besonderen Absichten verwirklichte. Wo die Größe des Gebäudes(bei den Eingangskomplexe») es vcr- langt, ist Hoffmann sachlich streng und von einer gewissen Groß- zügigkeit. Bei den kleineren Häusern, wie es die KrankeiipavillonS find, ist er intim, bescheiden und bevorzugt das Anheimelnde. Und dann setzt er, in der technischen Anlage, einen Wasserturm hin von prägnanter Wucht, von imponierender Massigkeit. In kolossaler Rundung strebt er empor; die rauhe, graue Umfassungsmauer ist ganz glatt gelassen, nur wenig Fenster, klein, lukcnartig, unter- brechen die Fläche, die dadurch um so monumentaler wirkt. Ganz oben, bevor die Dachkrönung beginnt, legt sich ein Giebelsimö herum wie ein leichter Kranz. Und dann setzt das Dach an, das fich nur wenig erhebt; so daß das Massige, Gedrungene mit um so eindringlicherer Wucht sich einprägt. Man mutz diesen Turm gegen den weiten Himmel ragen sehen, um die Kraft und Schönheit dieser von allen Kleinheiten befreiten Formen- spräche, die in ihrer Schlichtheit an märkischen Baucharakter anklingt, zu empfinden. Man durchwandert das Krankenhaus und glaubt, in einer modernen Gartenstadt zu sein. Eingeschossige Häuschen, villenartig, jedes umsäumt von Hecken und Sträuchcrn. Ucberall Blumen an den Fenstern. Von jedem Bett aus hat man den Blick ins Freie. Die Fassaden sind granweiß in der Farbe. Die Möbel hellgrau. Die Fensterumrahmungcn weiß. Ein heiterer Anblick überall. Vor jedem Haus ein breiter Altan, so daß die Kranken jederzeit ins Freie gelangen können. Eine lange Allee führ! vom Eingang bis zum Ende. Dort blühen Blumen in wohlgepfleglcn Beeten. Unter Bäumen stehen hübsche weiße Bänke. Und zu beiden Seiten dieser Allee liegen die Häuschen, zwischen denen wiederum Anlagen grünen. Zu jedem Haus führen seitlich Stufen hinauf, die sich am Eingang teilen; ein leichtes Geländer; über der schmalen, grauen Tür mit der leicht durchbrochenen Krönung ist jedesmal in der Mauer eine dnnkclbronzene Laterne angebracht. So wirkt alles zu einem intimen Eindruck zusammeir. In dem kleinen, anschließenden Park gibt es einen erhöhte» Standpunkt, von da aus sieht man weit über das rote, hellglänzende Dächermeer der kleinen Stadt. Und zugleich hört man von fern das dumpfe Rauschen der Großstadt, ganz fern; und nur noch so hörbar, um die Ruhe hier tiefer empfinden zu lassen. Hoffmann unterscheidet fich in seiner Wesensart markant von dem anderen Baukünstler, den Berlin besitzt: Messel. Messel ist kühner. Aber Hoffmann hat dafür etwas anderes: in der liebe« vollen Durchdringung der Architektur mit dem, was nötig, nützlich und schön zugleich ist, steht er beinahe einzig da. Er bedenkt alles und vergißt nicht das kleinste und behält doch den Hinblick auf das Ganze, die Einheit, so daß schließlich nachher ein so ungeheuerer Komplex in allen Teilen Zeugnis seines Geistes ist. kleines f euilleton. Der Bonbon. Ein Mädchen hatte einen Bonbon; der war in ein Papierchen eingewickelt, mit einem Bildchen darauf. Früher hatte sie viele davon gehabt, sie hatte sie jedoch auf» gegefien und es blieb ihr nur einer übrig. Da dachte das Mädchen bei sich:„Soll ich ihn selbst auf- essen oder soll ich ihn Armen schenken?' Und sie beschloß:„Ich will ihn einem armen Mädchen gebend Nachher aber überlegte sie sich:„Ich will lieber mit den Armen teilen.' Und fie aß die Hälfte vom Bonbon auf. Nach einer Weile besann sie sich:„Ich tue wohl am besten, wenn ich das nächste Mal schon damit anfange, so lange ich noch alle habe. Und jetzt will ich ihnen nur die Hälfte vom Halben geben.' Und sie aß die Hälfte von dem auf, was geblieben war. Da hatte sie aber ein so winziges Stückchen, daß es nicht mehr lohnte, es dem armen Mädchen zu schenken— und sie aß auch das auf Der zärtliche Knabe. Paul liebte Süßigkeiten. Die Mutter jedoch gab ihm nicht viel davon, damit seine Zähne nicht verdorben würden. Da kam er darauf, wie er von ihr etwas erbetteln konnte: so- bald er nur weiß, daß die Mutter Bonbons hat, so beginnt er so- gleich sie zu küssen und ihr zuzureden. „Du mein süßer Bonbon, Du mein berzallerlicbster Bonbon!' Die Mutter nniß nun lachen und gibt Paul Bonbons. Dann kam der pockennarbige Onkel und hatte Pfefferkuchen mit. Paul kroch sofort zu ihm auf den Schoß und beginnt ihm zu» zureden: „Du mein Pfcffcrkuchchen, mein Thorner Pfefferkuchchcn dul' Der pockennarbige Onkel aber sagte: „Ich liebe keine Schmeichelkatzen.' Und versteckte die Pfefferkuchen in die Tasche. (Aus Feodor SologubS„Buch der Märlcin'.) Mchlfeinde und ihre Einschleppung. Es scheint selbst bei größter Vorsicht unvermeidlich zu sein, daß bei der Einfuhr von Getreide in Gestalt von Mehl gewisse Schmarotzer eingeschleppt werden, die sich später als recht schädlich erweisen können. So viel man weiß, sind die meisten Mehlschmarotzer auf diesem Wege aus dem Ausland gekommen. So soll der Kornkäfer, dessen Larve als Kornwurm berüchtigt ist, ursprünglich aus dem Orient stammen. Die Mehlmotte wurde erst vor 20 Jahren mit amerikanischem Weizen eingeschleppt, und auch der sogenannte Brotbohrer oder Brotkäfer ist ein Ausländer, der aber gleichfalls leider recht heimisch bei uns geworden ist. Diese Beispiele zeigen deutlich, wie not- wendig es ist, beizeiten auf solche Geschenke des Auslands zu achten. Hat sich doch die Mehlmotte innerhalb der kurzen Zeit von zwei Jahrzehnten derart in die Müllereibetriebe eingebürgert, daß ihre Ausrottung jetzt kaum mehr möglich erscheint. Die Zahl dieser Beispiele ließe sich übrigens noch vermehren, und besonders verdienstlich ist es, wenn dies mit Bezug auf eine neue Gefahr ge- schieht. So lenkt jetzt Schaffnit in Fühlings„Landwirtschaftlicher Zeitung" die Aufmerksamkeit auf einen neuen Speichcrschädling des Rcismehls. Es handelt sich um einen kleinen braunen Käfer Driboiium lerrugineum, der mit dem gewöhnlichen Rciskäfer (Calaiiclra) zusammen massenhaft in Schlesien beobachtet worden ist. Obgleich seine Verbreitung vorläufig noch nicht groß zu sein scheint, muß vor einer Unterschätzung der Gefahr gewarnt werden, weil der kleine Käfer, der übrigens mit dem Mehlkäfer (Denebrio) in die gleiche Familie der Schwarzkäfer gehört, sich nicht auf Reismehl beschränkt, sondern auch auf Weizen, Roggen und andere Ccrealicn geht. Die Larve ist dem Mehlwurm ahn- lich, aber kleiner, weißlicher und durch ockergelbe Qucrstreifen auf dem Rücken ausgezeichnet. Außer in Schlesien ist der Schödling auch schon in Bayern, Baden und am Rhein beobachtet worden, und vcrloandte Arten kommen in Italien, Oesterreich und Frank- reich vor. Theater. Deutsches Theater. Kammcrspiele..Fräu» lein Juli e." Drama von August S t r i n d b c r g. Im zweiten Teil, des Stückes fehlt es an bühnenmäßiger Proportion» das allzu beharrliche Zurückkommen auf dieselben Motive, die aus» spinnende Wiederholung erschwert das Mitgehen, die Situation ist quälend, die Farbengebung grell bis zum äußersten, die Sprache schwankt zwischen naturalistisch charakterisierendem Stile und einer hitzigen Rhetorik, in der der leidenschaftliche Haß des Dichters gegen das weibliche Geschlecht sich Luft macht— und dennoch imponiert das Ganze als Werk von seltener Stärke. Von den dramatische» — 6 Pamphleten, in denen Strindberg über die Frauen hergezogen, hat dies den unvergleichlich größten Zusatz dramatisch dichterischer Phantasie, den wärmsten Atem. Während der männliche Widerpart des schlechten Weibes bei Strindberg sonst meist recht schematisch vis ein edel argloses Wesen erscheint, das durch seine Güte wehr- und waffenlos weiblicher Tücke ausgeliefert ist, stellt er der girevlerin hier nicht ein Bewcisexemplar des besseren männlichen Herzens, sondern eine durchaus individuell gefaßte Kontrastsigur in dem Lakaien gegenüber. Jean ist noch mehr Kanaille als das Fräulein und ihr im Kampfe überlegen. Sie, das verdorbene, von einer verbrecherischen Mutter zu männerverachtender Herrsch- sucht erzogene Aristokratenblut hat nur aufschäumende Launen, die an seinem rücksichtslös-brutalcm Streberwillen wirkungslos zerschellen müssen. Wütend bricht, nachdem Juliens lüstern perverse Verliebtheit in den hübschen, erst mit bedächtiger Vorsicht abwehrenden Burschen ihr Ziel erreicht hat, der Streit zwischen beiden los. Rauh weist er ihre Sentimentalitäten zurück. Das Geschehene zu verheimlichen, sei nicht mehr möglich, so gelte es denn rasch zu handeln. Sie soll aus ihres Vaters Sekretär Geld entwenden, dann will er mit ihr fliehen und, wovon er lange geträumt, ein großartiges Hotel in der Schweiz eröffnen. Julie bäumt sich auf, sie nennt ihn Dieb, er sie Dirne. Sie möchte dem Vater alles gestehen, nur damit Jean seiner Strafe nicht entgehe, und berauscht sich im nächsten Äugenblick wieder an dem Hotclproiekt. Wirr treibt das alles durcheinander. Da klingelt es von ohen, ein Zeichen, daß der alte Graf zurückgekehrt, und Jean, der ehrgeizige Lakai, der sich noch eben selbst als künstigen Herrn gefühlt hat, klappt jammervoll zu. sammen. Ein Messer, mit dem Julie spielt, ein Wort von ihr, sie tvürde, fände sie die Kraft, sich das Leben nehmen, treibt den Ge- vngsteten zum teuflichen Versuche, um, da die Flucht unmöglich, ' durch die Macht seines Willens der Willcnslosen den zwingenden Entschluß zum Selbstmorde zu suggerieren. Dann kann ihn nie- mand mehr verraten. Julie wankt mit dem Messer in der Hand hinaus, auf sein Geheiß sich in der Scheune zu töten. Jean starrt ihr nach und stürzt beim ersten Tone eines neuen Klingclns zitternd an das Sprachrohr, untertänig die Befehle des gnädigen Herrn in Empfang zu nehmen. Der Eindruck der Aufführung, die Reinhardt früher in dem Kleinen Theater veranstaltete, schien eindringlicher als der bei dieser Wiederholung. Die schwüle ausgelassene Fcststimmung kam im Gesang und Tanz der Bauern damals farbiger heraus, und Waßmanns Lakai konnte nicht mehr überboten werden. Stein- rück spielte die Figur mit einer stärkeren Betonung der Brutali- tat, auch im Acußerlichcn. Die Gestalt war klar und konsequent angelegt, doch ihre Wirkung wurde durch eine gewisse Unsicherheit, eine allzu merkliche Assistenz des Souffleurs wescntkich beeinträch- tigt. Die Julie Gertrud Eysoldts hatte vielleicht noch feinere Züge als in der früheren Darstellung.«it. Gesundheitspflege. Rohes Fleisch in der Diätik. Man nimmt allgemein an, daß rohes Fleisch besonders leicht verdaulich sei und in der Krankenküche wird daher das rohe Fleisch nicht selten verordnet. In Betracht kommen das Fleisch vom Rinde und vom Hammel. Schweinefleisch ist, abgesehen von seiner Schwcrvcrdaulichkcit, des- wegen auszuschließen, weil sehr leicht Trichinen und Finnen durch dasselbe übertragen werden können. Beim Hammelfleisch kommt diese Gefahr nicht in Betracht, es empfiehlt sich aber zum Roh- gcnuß deswegen weniger, weil cS nicht so appetitlich aussieht, bielntchr eine trübrötliche Färbung hat. Zum Rohgenuß ist das Rindfleisch wegen seines schönen Aussehens und Wohlgeschmackes am meisten geeignet, jedoch soll man nicht die zartesten Stücke wählen, weil diese erst beim kochen den besten Geschmack aufweisen. Die französischen Aerztc Dr. Hirtz und Bcaufume empfehlen zum Rohessen die Muskeln, die an der Innenseite des Schenkels liegen, die nicht von Fett durchwachsen find und leicht geschabt werden können. Die Gefahr der Bandwurmübertragung soll überhaupt gering sein und nur vorzugsweise beim Kalbfleisch drohen. Das rohe Fleisch darf nicht gehackt, sondern geschabt ge- Nossen werden und die Gewinnung von Schabefleisch wird er- leichtert, wenn man das Fleisch schief gegen die Muskulatur schneidet. Ein Fleischstück etwa von 250 Gramm liefert 200 Gramm Schabefleisch. Manche Personen können rohes Fleisch nicht ohne weiteres genießen, man muß daher den Geschmack durch Zusatz von Pfeffer und Salz, allenfalls auch durch Zucker und Alkohol verbessern. Auch kann man es in kleinen Portionen verabreichen, die in Oblaten eingeschlossen sind. Die Franzosen empfehlen, da» Schabefleisch in lauwarmer, nicht zu fetter Bouillon zu nehmen. Zu Beginn jeder Hauptmahlzeit sollen je 100 Gramm genommen werden, besteht Widerwillen dagegen, so nimmt man es in heißer Bouillon, deren Mcngd nach und nach immer mehr verringert wird.— r. Aus der Pflanzenlvelt. Wie entsteht die Vegetation auf neuen Inseln? Der Spiegel des mittelschwedischen Sees Hjälmarcn Latte sich in den Jahren 1882 und 1386 um 1,2 bezw. 0,7 Meter gesenkt und 20 kleine Inseln freigelegt, von denen die größte einen Durchmesser von etwa 100 Meter aufweist. Diese günstige Gelegenheit benutzte Selim Birger, um Beobachtungen über die 70— Entstehung und Weiterverbreitung der Vegetation anzustellen. Er unterschied nach der„Umschau" eine zufällige und eine ständige Verbreitungsart, von denen die erstere durch das Austreten von einem oder wenigen Individuen erfolgt und die andere häufigere und darum wichtigere sich durch regelmäßige Zufuhr von Samen oder Vermehrungsorganen aushrcitet. Dabei scheint das Wasser die erheblichste Uebertragungsarbeit zu leisten. Der Wind, der meist in der Richtung der Seeströmung von Osten nach Westen weht, streute Samen und Früchte auf den See aus, so daß sie in die Wasserftrömung gelangten, fortgetragen und am Ufer abgesetzt wurden. Dementsprechend ist die artenreichste Flora auf der West- feite der Inseln anzutreffen. Auch Tiere tragen zur Besiedelung bei: so fand Callme im Rest der Wühlmaus Samen und Früchte von Binsen- und Knötericharten, im Rest einer Meerschwalbe Pflanzenteile, hauptsächlich Halme und Wurzelstöcke vom Schilf- rohr. Bittersüß, Wasserpest, Riedgras und Algen, in dem des Tauchers Moose, der Wildente Weiden- und Erlenkätzchen mit reifen Samen, während Kuhblume und Kreuzkraut mit den Kartoffelkörben der Krebssischer auf die Inseln gebracht wurden. Die Weiterentwickelung der so übertragenen Pflanzen ließ sich einigermaßen deutlich durch abgegrenzte Formationen erst auf etwa zehnjährigen Inseln nachweisen. Sie zeigen einen Außen- rand von dicht stehenden Ufer- und Riedgräsern, dahinter einen Strauchgürtel, vorwiegend aus Weiden, gegen das Zentrum zu etwa 4 Meter bohcn jungen Birkenwald und in den Zentren auf baumlosen Kiesfleckcn�einc charakteristische Vegetation von Weiden- röschen, Erdbeeren, Äschgras und Nesseln. Nach 22 Jahren hatte sich der Wald durch Einwanderung von Pappeln, Buchen, Weiden und Nadelbäumen vermehrt und sehr ausgedehnt, der Strauch- gürtel war infolge der starken Ueberschattung eingegangen. Wenig verändert hatte sich indessen der Untergrund; er setzte sich aus Arten zusammen, die die Ueberschattung und den säurereichen Humus gut vertragen können, wie Erdbeeren, Nesseln, Weiden- röschen, Hahnenfuß, Storchschnabel usw. Dagegen war der Ufer» pflanzcngürtel durch die Ueberschattung wie die von den Kies- und Humusanhäufungen hervorgerufene Trockenheit bis auf Reste an den Westseiten der Inseln verschwunden, und der frühere Leber- krauttcppich war lediglich auf die Strauchregion beschränkt. Auf diese Weise wurden die ersten Pflanzenkolonisten von den nach ihnen auftretenden Ansiedlern, die verhältnismäßig schnell und fest zusammengesetzte Formationen bildeten, verdrängt und der be- obachtete Rückgang der Artenzahl herbeigeführt Humoristisches. — Zerstreut. Gattin:„Sieh nur, wie der Mond zum Fenster hereinblickt!" Professor:„Ja, das sind die Nachteile der Parterrewohnungen I" — Aus der Sommerfrische. Gast:„Das nennen Sie eine große Portion?" Kellner:„Ja, Sie glauben gar nicht, wie klein bei uns eine kleine Portion sein kann!" — Devot. Schreiber(als eine Fliege, die er von seiner Nase wegjagt, sich auf die seines Vorgesetzten niederläßt):„Bitte tausend- mal um Entschuldigung, Herr Rat; wenn ich das gewußt, hätte ich sie natürlich ruhig sitzen lassen!" — Letzte Hoffnung. Patient:„Wegen meines Fettherzens raten Sie mir also ab, zu heiraten... glauben Sie nicht, daß durch eine echte, heiße Liebe das Fett zum Schmelzen gebracht werden könnte, Herr Doktor? l„ Fliegende Blätter.") Notizen. — Eine Trauerfeier am Sarge des verstorbenen Schrift« stellcrs Wilhelm Holzamer findet am Sonntag, den 1. Sep» tember, nachmittags 5 Uhr, in der Kapelle des neuen Schöneberger Kirchhofes, Maxstraße, statt. Alsdann erfolgt die Ueberführung zur Einäscherung nach Jena. — Im Kunstsalon Wert heim wird Anfang nächster Woche eine neue Ausstellung eröffnet. — Ein deutscher Hochschullehrertag findet am 8. und 0. September in Salzburg statt; die Eröffnungsrede hält Prof. v. Amira tMünchen). — Sarah Bernhardt hat ei» Sittenstück in vier Akten ge- schrieben. � Internationale Ballonfahrt. Am 4., S. und 0. September finden in den Morgenstunden internationale wissen« schaftliche Ballonaufssiege statt. ES steigen Drachen, beinanntc oder unbemannte Ballons in den nieistcn Hauptstädten Europas auf. Der Finder eines jeden unbemannten Ballons erhält eine Belohnung, wenn er der jedem Ballon beigegebcnen Instruktion gemäß den Ballon und die Instrumente sorgfältig birgt und an die angegebene Adreffe sofort telegraphisch Nachricht sendet. Verantwortl. Redakteur: Hanö Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Singer ScCo..BcrlinLW.