Nttterhallungsblalt des Horwärts Nr. 170. Dienstag, den 3 September. 1907 (Nachdruck verboten.) 46] Die JMutter. Roman Cö« Maxim QSorlt. Deutsch von Adolf Hetz. III. Um vier Uhr erschien Nikolai. Man aß zu Mittag, und beim Essen erzählte Sophie lachend, wie sie den aus der Ver- bannung geflohenen Menschen getroffen und versteckt hätte, wie sie sich vor Spionen gefürchtet und in jedem Menschen einen solchen erblickt und wie komisch der Flüchtling sich be- nommen.... In ihrem Ton lag etwas, das die Mutter an das Prahlen eines Arbeiters erinnerte, der eine schwere Arbeit gut verrichtet hat und mit sich zufrieden ist. Sie trug jetzt ein leichtes, weites, stahlgraues Kleid. Es fiel in wannen Wellen von der Schulter auf die Füße, war weich und rauschte nicht. Sie erschien in diesem Kleide höher an Wuchs, ihre Augen waren dunkler und ihre Bewegungen ruhiger geworden. „Sophie!" begann Nikolai nach Tisch,„Du mußt Dich jetzt noch an eine Arbeit niachen.... Du weißt, wir planen eine Zeitung für das Land... haben aber infolge der letzten Verhaftungen die Fühlung mit den Leuten verloren. Nur Pelagca Nilowna kann uns zeigen, wie wir den Mann finden, der die Zeitung verbreiten will. Fahr' Du mit ihr... aber bald..." „Schön!" sagte Sophie und tat einen Zug aus ihrer Zigarette.„Fahren wir. Pelagca Nilowna?" „Warum nicht,. „Ist es weit?" „Achtzig Werst..* „Ausgezeichnet!... Aber jetzt will ich ein wenig spielen. Wie ist's, Pelagca Nilowna, wird Sie das nicht stören?" „Fragen Sie mich nicht, tun Sie, als ob ich nicht hier wäre!" sagte die Mutter und setzte sich in eine Ecke des Wachstuchsofas. Sie sah, daß Bruder und Schwester sie an- scheinend nicht beachteten, und dabei kam es so heraus, daß sie, gleichsam von ihnen aufgefordert, sich die ganze Zeit in ihre Unterhaltung mischte. „Da hör zu, Nikolai, das ist Grieg. Ich habe ihn heute mitgebracht... Schließ das Fenster!" Sie blätterte das Notenheft �auf und schlug leicht mit der linken Hand auf die Tasten. Saftig und dicht sangen die Saiten. Mit einem tiefen Seufzer floß eine volle Note zitternd in ihren Gesang hinein. Unter den Fingern der rechten Hand flog ein hellklingender, unruhiger Schwärm durchsichtiger Töne auf, die hin und her schaukelten und sich wie erschreckte Vögel auf dem dunklen Untergrund der tieferen Noten verkrochen: die aber sangen gemessen, harmonisch, wie von Sturm ermüdete Meereswogen. Die Antwort auf das Lied gaben hoffnungslose, dichte, dunkle Klangwcllen, die breit und laut die Schar klangvoller, zu einem unruhigen Lied vereinigter Klagen, Fragen und Seufzer in ihrer Tiefe ver- schlangen. Bisweilen flog das Lied verzweifelt hoch auf, schluchzte und seufzte, fiel wieder, glitt dahin, schaukelte auf dem schwankenden, tiefen Baßnotcnstrom, ertrank, verschwand in ihnen und brach wieder durch das gleichmäßige, hoffnungs- los ruhige Getön, wuchs, klang auf, schmolz dahin und löste sich im breiten Schwung feuchter Noten auf. Und diese seufzten immer fort, stark und ruhig, unermüdlich ohne Ant- wort, ohne Jubel... Anfangs berührten all diese Klänge die Mutter nicht und waren ihr unverständlich, sie hörte aus ihnen nur ein tönendes Chaos heraus. Ihr Gehör konnte in dem kom- pliziertcn Zittern der Tonmasscn die Melodie nicht erfassen. Schläfrig blickte sie auf Nikolai, der mit übergeschlagenen Beinen am anderen Ende des Sofas saß und Sophies strenges Profil und ihren von der schweren, goldenen Haarmcnge ge- beugten Kopf betrachtete. Die Sonne ging unter, und ein estrahl beleuchtete zuerst den Kopf und die Schultern Sophies, legte sich dann auf die Tasten und zitterte unter den Fingern des Weibes, die er umspielte. Die Musik erfüllte daS Zimmer immer dichter und erregte unmerklich das Herz der Mutter. Drei wie Fedja Masins Stimme hellklingende Noten, die sich gegenseitig ablösten und sich gegenseitig auf gleicher Höhe hielten, glänzten im Strom der Klänge wie drei silberne Fische in einem Fluß.... Bisweilen gesellte sich zu ihnen noch eine Note, und zusammen sangen sie dann schmeichelnd und tröstend eine einfache, das Herz rührende Melodie. Die Mutter verfolgte sie, wartete auf ihr Singen und hörte nur diese Note», die sie aus dem unruhigen Klangchaos absonderte, das allmählich nicht mehr an ihr Ohr drang.... Und aus irgend einem Grunde tauchte aus der dunklen Grube der Vergangenheit eine längst vergessene, jetzt aber mit bitterer Deutlichkeit wieder ericheinende Kränkung vor ihr auf. Ihr verstorbener Mann kam einst spät abends stark be- trunken nach Hause, packte sie am Arm, warf sie aus dem Bett auf den Fußboden, trat sie in die Seite und schrie: „Scher Dich fort, Pack, ich habe Dich satt!... Scher Dich fort!" Um sich vor seinen Schlägen zu schützen, nahm sie schnell den zweijährigen Sohn auf den Arm und deckte sich kniend mit seinem Leibe, wie mit einem Schilde. Ter kleine erschreckte, nackte und warme Knabe strampelte auf ihrem Arm. „Scher Dich fort!" schrie Michail mit seiner brüllenden -Stimme. Sic sprang auf, stürzte in die Küche, warf eine Jacke über die Schultern, wickelte das Kind in einen Schal und ging schweigend, ohne Schreien und Jammern barfuß, nur im Hemd und einer Jacke darüber, auf die Straße. Es war Mai, und die Nacht war frisch, der Straßenstaub klebte kalt an ihren Füßen und setzte sich zwischen die Zehen. Das Kind weinte und strampelte. Sie öffnete die Brust, preßte den Sohn gegen ihren Körper und schritt, von Furcht getrieben, leise singend auf der Straße dahin. „Oh— oh— oh.,,. Oh— oh— oh....." Es dämmerte aber bereits, sie hatte Angst und schämte sich, es könnte jemand auf die Straße kommen und sie halb nackt sehen.... Sie ging zum Sumpf und setzte sich unter einer dichten Gruppe junger Eschen auf den Boden. So saß sie von der Nacht umfangen lange unbeweglich da.. Mit weit- geöffneten Augen in die Finsternis starrend, lullte sie gleich- zeitig das schlummernde Kind und ihr wehes Herz ein: „Oh— oh— oh.... Oh— oh— oh...." Während einer der Minuten, die sie hier zubrachte, schimmerte ein schwarzer, stummer, weit in die Ferne fliegen- der Vogel über ihrem Haupte. Er weckte sie, sie stand auf und ging zitternd vor Kälte nach Hause, den gewohnten schreck- lidje» Schlägen und neuen Kränkungen entgegen.... Zum letzten Male seufzte ein lauter, gleichgültig-kalter Akkord, seufzte und erstarb. Sophie wandte sich um und fragte halblaut ihren Bruder: „Hat es Dir gefallen?" „Sehr!" sagte er und fuhr dabei zusanimen, wie aus dem Schlaf geweckt.„Sehr..." Ein leiser, hübscher Akkord flog unter ihren Fingern auf. In der Brust der Mutter sang und zitterte ein Widerhall ihrer Erinnerungen: sie wollte gern noch mehr Musik hören. Und irgendwo abseits, nebenbei, tauchte der Gedanke in ihr auf: „Da leben diese Leute— Bruder und Schwester— freundlich und ruhig... treiben Musik... schelten sich nicht, trinken keinen Branntwein, zanken sich nicht wegen eines Happens... haben nicht den Wunsch, sich zu kränken, wie die Menschen im gemeinen Leben...." Sophie rauchte schnell eine Zigarette. Sie rauchte viel, fast ununterbrochen. „Dies ist das Lieblingsstück meines verstorbenen Kostja!" sagte sie und griff wieder einen leisen, traurigen Akkord. „Wie gern Hab' ich ihm vorgespielt. Er war so sein empfindend, auf alles erwidernd... von allem voll..." „Sie spricht wahrscheinlich von ihrem Gatten..." dachte die Mutter.„Und da lächelt sie!..." „Wieviel Glück hat mir dieser Mensch gegeben.. fuhr Sophie fort und begleitete ihre Gedanken mit leichten Saitenklängen.„Wie wußte er zu leben... Freude, kind- liche Lebensfreude brannte in ihm..." „Kindliche..." wiederholte die Mutter für sich. Ja— a!" sagte Nikolai, seinen Bart zausend.„Eine singende Seele!..." Sophie warf die angerauchte Zigarette irgendwohin, wandte sich zur Mutter und fragte sie: „Mein Lärm stört Sie nicht?" Die Mutter erwiderte mit leichtem Aerger, den sie nicht zurückhalten konnte: »Ich sage, fragen Sie niich nicht... ich verstehe gar nichts... sitze da. höre zu und denke über mich nach..." „Nein, Sie müssen das verstehen!" sagte Sophie.„Ein Weib mutz Musik verstehen... Besonders, wenn sie traurig .ist.. Sie schlug stark auf die Tasten, und es ertönte ein lauter Schrei, als wenn jemand eine schreckliche Kunde gehört, die ihn ins Herz getroffen und ihm diesen Klang herausprctzt. Junge Stimmen zitterten erschreckt und stürzten geschwind und verwirrt irgendwohin, und wieder schrie die laute, zor- mge Stimnie, alles übertönend... Ein Unglück mutzte ge- schehen sein, das aber im Leben keine Klage, sondern Zorn erweckte... Tann erschien etwas freundliches. Starkes und sang ein einfaches, hübsches Lied, zuredend und an sich heran- ziehend. Beleidigt und dumpf brummten die Batzstimmen... Sie spielte lange und säte singende Tonmassen, die die Mutter erregten und den Wunsch in ihr erweckten, ncichzu- fragen, wovon die Musik sprach, die so undeutliche Bilder, Gefühle und Gedanken erweckte, die sofort von anderen ab- gelöst wurden. Kummer und Unruhe traten ihren Platz ruhig schimmernder Freude ab, es schien, als wenn eine Schar un- sichtbarer Vögel im Zimmer- flog, die überall hindrangen, mit zarten Fittichen das Herz berührten, es beunruhigten und trösteten, und ernst etwas sangen, was mit Worten nicht aus- zudrückende Gedanken hervorrief und das Herz mit unklarer Hoffnung ermutigte. Die Brust der Mutter war übervoll von Wünschen, diesen beiden Menschen und überhaupt allen Menschen etwas Gutes zu sagen. Sie suchte mit den Augen, was sie etwa tun könne, stand leise auf und ging in die Küche, um den Samowar aufzu- setzen. Aber jener Wunsch schwand nicht bei ihr, er hämmerte hartnäckig und- glcichmätzig in der Brust, und als sie Tee auf- gotz, sprach sie erregt und verwirrt: „Wir Menschen des genieinen Lebens fühlen alles, aber es wird uns schwer auszudrücken, wie uns ums Herz ist; Gedanken leben in uns, wir schämen uns darüber, datz wir etwas verstehen, es aber nicht aussprechen können. Und oft sind wir wegen dieser Scham auf unsere Gedanken böse. Und ebenso auf diejenigen, die sie uns einflößen. Ist doch das Leben schon so unruhig— es schlägt und stößt uns von allen Seiten. Ta möchte man gern ausruhen... die Gedanken aber er- regen die Seele und befehlen ihr hinzuschauen." lFortsctzung folgt.) Oer Garten cles �aiibenkoloniften. September. Kürzlich las Herr Prictzke einen Aufruf zur Teilnahme an der in diesem Monat in Nicdcrscbönhausen stattfindenden Kürbis- tonkurrenz. Ehrenpreise und keine Platzmiete, dazu ein Extrapreis für den größten Kürbis, das ist verlockend, da muß Prietzke mit- machen, und er macht mit. Letzten Sonntag holte er mich selbst nach dem nassen Dreieck ab, ich sollte seine Kürbisse beäugen» scheinigcn und begutachten. Das habe ich getan, und ich muß ge- stehen, daß sich die unförmigen, gelben Riesenknödel an seinen Kürbisstauden selbst in Niedcrschönhauscn sehen lassen können. Die andauernde Feuchtigkeit war den Kürbissen günstig, noch einige heiße Septcmbcrwochen und die Kolosse sind ausgereift, Aller- dings ist die Größe nicht maßgebend für den Wert der Frucht, die größten Kürbisse zeigen immer einen beträchtlichen Hohlraum und nur eine dünne, wenig fleischige Wand, matzgebend für den inneren Wert ist allein das Gewicht, deshalb sollte der höchste Preis nicht dem größten, sondern dem schwersten Kürbis zuteil werden. Speise- kürbisse im Gewichte von 100 Kilogramm kommen vor, namentlich in Süddcutschland, so im Maintal und in Baden, wo man neben den uns Norddeutschen ungewohnten Hopfenpslanzungen aus- gedehnte Becker mit Zentnerkürbisscn bestellt sieht, deren Ertrag dort aber nicht, wie bei uns, als Delikatesse in Zucker eingemacht, sondern als— Schweincfutker verwertet wird. Als Prietzke jüngst bei mir im Albertshain war und die viel- fach zum Brechen voll hängenden Obstbäume bewunderte, von den reifen Sommeräpfcln auch eine tüchtige Kostprobe zu sich genommen hatte, suchte er auch nach großen Kürbissen, allerdings vergeblich. Ich führte ihn nun an ein Kürbisfeld, über das er sich nicht genug wundern konnte. Da fand er meist suerlicbe Früchte in Hülle und Fülle und in oft prächtigen Farben, aber am meisten wunderte er sich über deren mannigfaltige Formen. Früchte in Gestalt von Keulen, Pulverhörnern, Bischofsmützen, Birnen, Aepfeln und Kugeln wechselten ab, am wunderlichsten fand er indessen solche in Gurkcnsorm, reich mit Warzen bedeckt. Eine solche Kürbis- gurkc möchte er wohl auch in seinem Garten, aber uni keinen Preis im Gesichte haben. Ich erklärte Prietzke, daß dies Zierkürbisse sind, die ich zum Herbste abnehme, einige Wochen später schneide ich dann aus dem Boden jeder Frucht mit haarscharfem Messer ein vier- eckiges Stück heraus, groß genug, um mit einem langstieligen Blechlöffel hindurchfahren zu können, hole mit diesem alle Samen und alles lose Fleisch heraus, leime dann gleich das ausgeschnittene Stück mit dick eingekochtem Tischlerleim wieder fest und lasse die Früchte in der Nähe des Ofens durch mehrere Wochen trocknen, Ivorauf sie noch mit Firniß gestrichen werden. So präpariert bilden die Früchte einen dauernden Zimmerschmuck, in den Tropen Iverden sie vielfach auch als Feldflasche verwendet. Einige besonders seltene und interessante Kürbisse, sogenannte Lagenarien, die bei uns nur in sehr heißen Sommern reifen, dann aber auch durch ihre silbergraue Belaubung, ihre duftenden, schneeweißen, fein- gefranzten Blüten und durch ihren fabelhafte» Wuchs unsere Be- wunderung erregen, bilden, wie vorstehend geschildert,, präpariert, nun schon seit tö Jahren einen immer und immer wieder be- wunderten Schmuck meiner sogenannten gute,« Stube. Ich zeigte Prietzke auch zwei Zierkürbisse, die eingemacht weit besser als die immer wieder angepflanzten riesenfrüchtigcn Sorten, ja besser als echte Melonen schmecken, den absonderlich gestalteten Türkenbund und die Angurie, mit ovalen, marmorierten Früchten; von beiden hatte ich im Vorjahre Prachtexemplare. Auch meine Gurken inter- essicrten Prietzke in diesem schlechten Gurkenjahre, weil sie so klein, so dick und so rund sind. Es sind Traubengurken, sagte ich ihm, die werden nicht größer, zeichnen sich aber durch feinsten Geschmack aus; ich nehme sie grün ab und lege sie in Weinessig. Einige Tage später kam Prietzke mit seiner Frau zu mir, diese Essiggurken zu besehen. Ich ließ beide nicht nur an den Töpfen riechen, sondern auch Kostproben nehmen, und Frau Prietzke wollte dann durchaus noch das Rezept haben. Hier ist es: Zu einem 4%— 5 Lieter fassenden Topf nimmt man 200 Gramm Salz, 375 Gramm Perloder andere Zwiebeln, 125 Gramm Meerrettig in Würfel ge- schnitten, 15 Gramm weiße Pfefferkörner, 8 Gramm Nelken, einige Lorbeerblätter, etwas Dill und Esdragon. Die grünen Gurken werden gewaschen, reichlich mit Salz be. streut und bleiben so zwölf Stunden stehen. Dann werden sie schichtweise mit den genannten Wurzeln und Kräutern in den Topf gelegt, der danach mit rohem Weinessig zu füllen und mit Per- gamentpapier zu verbinden ist. So bleibt der Topf' vierzehn Tage in einem kühlen, luftigen Zimmer stehen, dann wird der Essig abgegossen, gekocht, abgeschäumt, nach dem Erkalten wieder auf- gegossen und— die Essiggurken sind fertig zum Genuß. Sie halten sich im Keller ein volles Jahr und schmecken weit besser und würziger als Pfeffergurken. In diesem Jahre, wo die Gurken infolge des kalten, nassen Wetters nur schlecht reifen, wird das vorstehende. die Verwertung grüner Gurken ermöglichende Rezept der Frau manchen Parzellenbcsitzcrs willkommen sein. An Stelle von Wein. essig, der 60 Pf. pro Liter kostet, kann schließlich auch gewöhnlicher Essig verwendet werden. � Auf der Parzelle gibt es jetzt Platz, da manches Beet ab- geräumt ist. Diese Beete werden, wenn nötig, gedüngt, tief ge- graben und neu bestellt. Auf frisch gedüngte Beete pflanzen wir Wintersalat, der, wenn ihn die Mäuse nicht fressen, zu Anfang Juni des nächsten Jahres die ersten Köpfe liefert, ferner säen wir Feldsalat, dem ein mit der Hacke oberflächlich gelockertes Beet genügt, und Spinat, beides Gemüse, die uns im Winter frisches Grün in die Küche liefern. Für den Winterbedarf haben wir auch Blätter- und Rosenkohl angebaut, die jetzt für einen kräftigen Dungguß dankbar sind. Wo neue Erdbeerbeete angelegt werden sollen, da wurden schon in der zweiten Hälfte des verflossene» Monats die kräftigsten Rankenpflanzen von den alten Beeten ab- genommen und auf ein gutgegrabenes Beet in 10 Zentimeter Ab- stand verpflanzt. Nachdem sich diese Pflänzlinge gut bewurzelt haben, werden sie sorgfältig mit Wurzclballen herausgenommen und in 50— 60 Zentimeter Abstand auf ein gut gedüngtes und ge- grabcnes Beet gepflanzt, auf welchem sie dann drei bis vier Jahre Ertrag liefern. Es ist nützlich, vor Eintritt des Winters reichlich Kompost nicht nur zwischen den frisch gepflanztcn, sondern auch zwischen den alten Erdbeeren auszubreiten. Von älteren Erdbeer- pflanzen werden jetzt alle Ranken entfernt und die Beete danach leicht behackt. Zur Anpflanzung staudenartiger, also mehrjähriger, aus- dauernder Gemüse, wie Rhabarber Und verschiedene Küchenkräuter (Schnittlauch, Esdragon, Lawendel, Pimpinelle, Raute, Salbei usw.) ist der September die beste Zeit. Aeltere Büsche ausdauernder Küchcnkräuter werden ausgenommen, geteilt und auf andere Beete gepflanzt, ebenso verfährt man auch mit abgeblühten Zierstauden, wie Astern, Flammenblume, Rittersporn, Iris u. a. Zimmer- und Fensterblumen, die überwintert werden sollen und in ihren Töpfen gut eingewurzelt sind, verpflanzen wir in den ersten Tagen des Monats nochmals vorsichtig, aber nur in wenig größere Töpfe. Pelargonien, fälschlich Geranien genannt, lassen sich nun auch leicht durch Stecklinge vermehren, von welchen man 5— 7 dicht um den Rand eines 8— 10 Zentimeter weiten Topfes steckt. Sonnig, luftig und nur mäßig feucht gehalten, wurzeln sie baldz sie werden in den gemeinsamen Gefäßen überwintert und erst im Frühling einzeln in Töpfe gepflanzt. tick. kleines fsmUeton. Theater. Lessing-Theater.„Kollege C r a m p t o n". Komödie von Gerhart Hauptmann. Dadurch, daß B a s s e r m a n n an Stelle von Engels den alkoholischen Maler spielte, erhielt das Stück eine ganz andere Färbung. Das Drollig-Sympathische in der Figur des Crampton, der Ton, die Stimmung der Gestalt, durch die sie in das Luftspielgenre hinnberschillert, trat in ausgesprochenem Gegen- sah zu der berühmten Engelschen Darstellung bei Bassermann voll- ständig zurück. Die vom Dichter als Komödie bezeichnete Porträt- skizze erschien in dieser Reproduktion als düster pathologische Studie; und der Schluß, gegen den man oft den Vorwurf schön- färberischen Optimismus erhoben, verstärkte noch die schrille Dissonanz der Traurigkeit. Die Hoffnungen des jungen Paares, daß in dem neu erbauten Henne Cramptons verdorrter Lebensbauni noch einmal Saft und neue Triebe erhalten könne, klangen lvie schneidende Ironie. Jede Bewegung, Haltung und Stimme des Bassermann- schen Alkoholikers sprach davon, daß es für ihn keine Rettung mehr gäbe. Quälend und lichtlos war daS Bild; auch wo die Liebe zu der Tochter durchbricht, hatten die Worte mehr eine an den Krank- heitszustand geinahnende fliegende Hitze, als schlichte, von ver- borgener Güte zeugende Wärme. Ein Konterfei, das in der strengen Geschlossenheit der Linien, im frappierenden Reichtum der Beob- achiungen dem Verstand Bewunderung abnötigte, dem aber in seiner unbarmherzigen grauen Wirklichkeitslreue kein Schimmer ausstrahlte, teilnehmende Gemüter anzuziehen. Es wäre interessant, von den jüngeren Mitgliedern des Brahmschen Enseinbl.es einmal Herrn M a r r in der Rolle zu sehen. Seine Leistungen lassen vermuten, daß er imstande wäre, in durchaus eigenartiger Weise,'naturalistisch scharf und doch mit voller Herausarbeitung der humoristisch ver- söhnenden Momente den Kollegen zu formen. In der Nebenfigur des trocken ironischen Adolf Strähler gab er hier wieder einmal eine neue Probe seiner ungemeinen Wandlungsfähigkeit und frischen Laune. Ida Orloff war in den Szenen des' letzten Aktes eine Gertrud von reizend verliebtem Jugendübermut, Paul Marx ein trefflicher Pedell Janetzki. Kurt Stark, zuerst ein wenig steif, hatte als Max Strähler, Fräulein S u s s i n in der Figur der Schwester Agnes einzelne glückliche Momente. ckt. Neue Freie Volksbühne.„Die Möwe". Schau- spiel in vier Aufzügen von Anton Tschechow.— Ein Stimmungsstück voller Grübelei und Melancholie, das seinen Titel von einer im Schauspiel vorkommenden Episode trägt: Konstantin, der junge, ehrgeizige Dichter, legt eine Möwe, welche er geschossen, vor Nina nieder, die ihm das Liebenswerteste der Erde dünkt. Dem Dichter Trigorin, dem dieses Mädchens Herz glüht, erscheint die Episode geeignet zu einem Novellenstoff, den er der lauschenden Nina erzählt:„Am See lebt ein junges Mädchen. Es ist da ge- boren und aufgewachsen— so wie sie. Sie liebt den See wie eine Möwe, und ist frei und glücklich wie solch ein Vogel. Zu- fällig kommt ein Mann vorbei, er sieht sie, und— aus Langeweile, zum Zeitvertreib— richtet er sie zugrunde,— wie ihr Freund hier diese Möwe". Das ist die Fabel des Stückes. Ninas Idealismus ist die Möwe; er wird durch Trigorin zugrunde ge- richtet. Die Liebe zu ihm und die Sehnsucht, eine große Schau- spielerin zu werden, locken sie aus dem Elternhause, häufen Not und Entehrung auf sie. Dennoch aber ringt sie sich durch und ruft dem zusammenbrechenden Konstantin bei einer letzten Zusammen- kunft, kurz bevor sich dieser eine Kugel durch den Kopf jagt, zu: „Jetzt weiß ich's, Kostja, jetzt verstehe ich»— zu dulden müssen wir lernen, zu dulden und zu ertragen. Trage Dein Kreuz in Geduld und glaube! Ich glaube, Kostja, und mein Kreuz ist mir leicht; und wenn ich an meinen Beruf denke, so hat das Leben keine Schrecken für mich." Auch anderen Personen des Stückes haften Züge an, die an das Schicksal dör Möwe erinnern: sie alle haben gesucht und konnten doch ihren Weg nicht finden.... Die schauspielerischen Leistungen befriedigten fast durchweg. Allen voran bot Fanny Ritter als Nina Prächtiges. Mit ihrer klangvollen Stimme, ihrer geschmeidigen Gestalt, ihren.getreu dem Leben abgelauschten Gesten und Bewegungen verstand sie es, den Zuschauer ganz in den Bann ihrer großen Kunst zu zwingen. In Carlos Zizold, der einen temperamentvollen Konstantin gab, fand sie einen nahezu ebenbürtigen Partner; nur war in dieser Rolle— wenigstens im ersten Aufzuge— das Jungenhafte, mit dem Tschechow die Figur des zwanzigjährigen Dichters etwas überreich ausgestattet, allzusehr unterstrichen. Als Dritter wäre dann noch Heinrich Schroth zu nennen. Er spielte den Schriftsteller Trigorin, einen weichlichen, feigen, und vom Erfolg verwöhnten Burschen, der ein Mädchenlcben zugrunde richtet„aus Langeweile, zum Zeitvertreib". In allen Bewegungen kam das Gcistig-Vcrlottcrtc dieses Menschen vorzüglich zum Ausdruck. Das Gemachte der Sprechweise, die Trivialität, die hier Geistreichigkeit sein soll, der wiegende, wichtigtuerische Gang: all das wirkte zu- sammen, um das leicht karikierte Bild eines sich als Boheme aus- spielenden Spießbürgers zu geben, der das Nobcllcnschreiben zu seinem Metier gemacht hat. Beachtenswertes boten ferner Marie G l ü m e r, die die verwöhnte, fahrige und hhperncrvöse Schau- spielerin Irene, die Mutter Konstantins, darstellte; den alten, gichtkranken Sorin gab Albert Schindler mit prächtigem Humor, und Arnold Stange verstand es, in die Rolle des barsch-sarkastischen Arztes Dr. Dorn so viel Liebenswürdigkeit hineinzulegen, daß die Schroffheit und Derbheit, die dieser Figur anhaftet, ganz in den Hintergrund trat. Paula Levermann war als Mascha, der Tochter des Gutsverwalters, nicht an ihrem Platze. Die Schauspielerin vermochte ,n dieser sekundären Rolle nur wenig von den Feinheiten ihrer sonst so gerühmten Kunst zu entfalten. Auch Karl� Parow, der den Gutsverwalter Schamrajew darstellte, wirkte steif und hölzern. Die schau- spielerischen Leistungen der anderen Mitwirkenden traten nicht über den Durchschnitt hinaus. Die Inszenierung des Stückes, das in der Uebertragung von Heinrich Stümcke gegeben wurde, war in»allen Einzelheiten fein durchgeführt; es bot Bilder, die sich dem Auge einprägen, und deren zarte Stimmungen viel zum Gelingen des Schauspiels bei- trugen.— gl, Freie Volksbühne(im Neuen Schauspielhausj:„Fuhr» mann Heus che l." Mit einem der problematischsten Dramen Gehrhart Hauptmanns führte sich A r t u r R e tz b a ch, der es in Szene gesetzt, nebst dem Ensemble des Theaters am Nollendorfplatz vertrauenerweckend ein. Ich sage: problematisch; denn an dem Stücke ist viele», was enttäuscht., als da sind: zufalls- mäßig zusammengewürfelte Personen, schloache Psychologie, Worte und Reden, die nicht jn Handlung umgesetzt wurden. Reminiszenzen an Anzengrubers„Mcineidbauer" und sonstige Schwächen. Lediglich die ersten Szenen mit Frau Henschel(Hedwig Stübcr) auf dem Krankenlager atmen poetisch» Konzentration. Im übrigen bilden die beiden Hauptpersonen des Schauspiels, nämlich der Fuhrmann und seine zweite Frau nur Aufgaben für hervor- ragend nachschöpferisch befähigte Darsteller. Hans Siebert und Gertrud Arnold waren hier wohl am Platze; beide erfreuten durch achtbare Leistungen. Unter den Vertretern der zahl- reichen Nebenrollen, insofern diese Typen in die Handlung tätig eingreifend verflochten sind, kommen für die Beurleilung in Frage: Ar'tur Retzbcrch, der den Mann mit der stereotypen weißen Weste(Siebenhaar) gab, ferner Albert Boröe als entwurzelter Schmiercnkomödiant Wermelskirch, Fritz Kleinke, dem der Kellner George und der sächsische Dialekt gut gelang, solvie endlich Klara Berger(Frau Wermelskirch) und Käte Ehren (Franziska). Im einzelnen haperte es sehr mit dem schlesischen Dialekt; im ganzen war's eine befriedigende Wiedergabe des Dramas, an der die Regie ihren gemessenen Anteil hatte. s. k. Astronomisches. Astronomische Neuigkeiten. Die nächste vollständige Sonnenfinsternis wird am 3. Januar 1903 unter merkwürdigen Um- ständen stattfinden. Der Mondschatten Ivird nämlich bei dieser Ver- finsterung überhaupt keinen Erdteil treffen, und als einzige Plätze festen Bodens, von denen aus das Naturschauspiel zu beobachten sein wird, kommen zwei Inseln mitten im Stillen Ozean in Frage. Dennoch werden sich die Astronomen auch diesmal die Gelegenheit zuin Studium der verfinsterten Sonne und der mit einein solchen Ereignis verbundenen Erscheinnngen nicht entgehen lassen. Die berühmte Lick-Sternwarte wird eine besondere Expedition nach der Flint-Jnsel entsenden, die etwa 600 Kilometer nordwestlich von Tahiti gelegen ist. Die Dauer der vollständigen Ver- finsterung wird dort S Sekunden über 4 Minuten betragen und gegen Mittag eintreten, während die Sonne nur 15 Grad vom Zenit entfernt ist. Jn dieser Hinsicht werden die Bedingungen für die Beobachtung also ungewöhnlich günstig sein. Professor Abbot wird sich der Expeditioir anschließen, um Wärmemessungen an der Sonnenkorona mit dem Bolometer auszuführen. Die Lick-Sternwarte ladet übrigens in der Monatsschrift„Observatory" auch ausländische Himmelsforscher ein, an der Reise teil- zunehmen.— Der Planet Mars beschäftigt während der diesjährigen Zeit seiner Erdnähe die Astronomen sortgesetzt. Prozessor Lowell berichtet in den„Astronomischen Nachrichten", daß er den Marskanal Gihon in Verdoppelung auf die photographische Platte bekommen habe. Außerdem will er ganz deutlich zwei Schnee- fälle und ihr Fortschmelzen im Südpolargebiete des Planeten be- obachtet haben. Er zieht aus seinen Beobachtungen ferner den Schluß, daß die Polargebiete des Mars während ihrer Sommerszeit wärmer sein müssen als die der Erde, obgleich die mittlere Temperatur des ganzen Planeten mit etwa 7 Grad hinter der mittleren Tempe- ratur der Erde zurücksteht. Tiefgründige Bedenken gegen die aus den neuen Marsbeobachtungen gezogenen Schlüsse hat niittlerweile Professor Simon Newcomb, unter den lebenden Vertretern der theoretischen Astronomie jetzt wohl unbestritten der bedeutendste, im „AstrophysicalJournal" geltend gemacht. Er beurteilt diese Frage einer- seits vom optischen, andererseits vom psychologischen Standplinkt, um vor allem zu einem Ergebnis bezüglich der MarSknnäle zu kommen. Vom optischen Gesichtspunkt weist der berühmte Forscher darauf hin, daß in den besten Fernrohren die durch die Lichtbrechung ent- stehenden Fehler zu einer Verbreiterung jeder Linie führen. Nach einer rohen Schätzung würde eine vollkommen schwarze Linie auf dem Mar?, die eine Breite von 8 Kilometern besäße, von der Erde aus sichtbar sein, falls die Oberfläche des Mars durchaus gleich- förmig wäre. Da dies aber nicht der Fall ist, müßte die Linie schon gegen 15 Kilonreter breit sein, um für ein irdisches Ferirrohr beut» lich wahrnehmbar zu werden. Die Fehler in der Linseuwirkung des Fernrohrs würden dann eine weitere Verbreiterung einer solchen Linie bis auf 80 Kilometer und mehr herbeiführen. Da nun Lowcll im ganzen 400 Kanäle hat feststellen wollen und tat- fächlich aus seiner Marskarte eingetragen hat, so würden diese allein über 80 Millionen Ouadratkilomeier bedecken, während die gesamte Oberfläche des Mars nur etwa 140 Millionen Quadratkilometer umfaßt. Nelvcomb betrachtet diese Berechnung zwar nicht als einen durcbans sicheren Einwand gegen das Vorhandensein der Mars- kanäle, meint aber doch, daß ihre Existenz dadurch sehr unwahr- scheinlich gemacht wird. Man muß sich nur vorstellen, eine wie große Schärfe der, teleskopischen Beobachtungen dazu gehörte, um ein so dicht zusammengedrängtes Netzwerk von Linien auf einer Scheibe wahrzunehmen, deren Durchmesser in den stärksten Fern- röhren nur 50 Zentimeter betrügt. Geologisches. VorgeschichtlicherBcrg stürz in den Alpen. Große Bergstürze gehören im Hochgebirge zu den notwendig und häufig eintretenden Ereignissen, die aber glücklicherweise nur Verhältnis- mäßig selten bewohnte Gegenden heimsucht. Der Mensch, der sich im Gebirge anfiedelt, muß die Gefahren, die ihn dort bedrohen, vorher möglichst in Rücksicht ziehen und wird daher solche Gegenden meiden, in denen sich die Neigung zur Entwickelimg von Bergstürzen kundgibt. Im großen und ganzen müssen die Bergstürze als ein"wichtiges Moment in der Umgestaltung und Zerstörung der Gebirge betrachtet werden,, und es ist ganz selbst- verständlich', daß sie in jedem Gebirgslande schon lange vor dem Erscheinen des Menschen auf der Erde eine große Rolle gespielt haben. Obgleich ein Beispiel wie das des berühmten Goldauer Bergsturzes zeigt, daß die Spuren einer solchen Katastrophe in einem Jahrhundert durchaus nicht verwischt werden, so arbeitet die Zeit doch an ihrer Vertilgung, und es gelingt nur selten, einen Bergsturz nachzuweisen, der noch aus vorgeschichtlicher Zeit stammt. Zum eistenmal wies Eduard Brückner im Jahre 1891 einen vorgeschichtlichen BergsNirz in den Alpen nach, und zwar im Gebiet von Kondersteg südlich vom Thuner Seer Neuerdings hat Turnau diesem Gegenstande eine noch gründlichere Untersuchung in einer Doktordissertation zu Bern gewidmet. Es hat sich auch mit Sicherheit nachweisen lassen, daß der Bergsturz von der nord- westlichen Seite des Fissi-Stocks herabgetommeu ist. wo eine Nische von etwa drei Kilometern Länge und last einem Kilometer Breite seinen Ursprung kennzeichnet. Das Trümmerfeld nimmt im Kandertal eine Länge von 8 Kilometern ein, und es ist auch noch sichtbar, wie die herabgleitende Masse an der gegenüber liegenden Talseite empor- gebrandet ist. Die Dicke der Trüminerschicht, soweit sie sichtbar ist, beträgt bis zu 150 Meter, der Gesamtinhalt der niedergekommenen Steiinnasscn wird auf 900 Millionen Kubikmeter geschätzt. Turnau berechnet den Rauminhalt des berühmten Bergsturzes von Elm im Vergleich dazu auf 10, den des Goldauer ans 15 Millionen Kubik- melcr, den des gleichfalls vorgeschichtlichen Bergsturzes von Flims im Gebiet des VorderrheiuS dagegen auf 15 Milliarden Kubik- meter. Geographisches. In Afrika ist kürzlich eine Gradnressungsex.pcdition zum Abschluß gekommen, die zu den wichtigsten wissenschaftlichen Unternehmungen der Neuzeit gehört, da eS sich darum handelt, auf der Erde eine möglichst große zusammenhängende Strecke zu messen, um Klarheit über die wirtliche Erdform zu gewinnen. Zu diesem Zwecke haben die Engländer schon in den achtziger Jahren von Kap- sladt aus mit Messungen begonnen, die bis zum Sanibesi hinauf- gehen. Von dort sind mm, wie die„Schlei. Ztg." schreibt, die Arbeiten fortgesetzt worden. Die von England ausgerüstete Expedition, deren Leiter Dr. Rubin soeben> heimgekehrt ist, trat im Jahre 1903. die Reise nach Afrika an und fuhr zur Mündung des Sambesi, von wo aus die Fahrt aus dern Strom ins Innere bis Zumbo weiterging, und hier begannen die Arbeiten der Expedition. Dr. Nnbin hatte eine ganze Anzahl europäischer Assistenten sowie eine große, aus mehreren Hundert Schwarzen bestehende Karawane, da so ziemlich alles, was zum Unierhalt diente, mitgeführt werden mußte. Zum Teil bewegte sich die Expedition durch Gebiete, in die erst wenige oder aar keine Weiße gedruiigen sind. Fieber ist dort eine häufige Erscheinung. doch sind die Gefahren niciil mehr groß, seitdem Dr. Roß, einer der Empfänger des Nobel-Preiscs für Medizin, bahnbrechende Forschungen über die Ursachen des Fiebers ausgeführt hat. Ungehindert konnte die Gradinessmig bis zur Südgrenze des Taugantiikasecs, wo das deutsche Interessengebiet beginnt, durchgeführt werden, und hier ist nun der vorläufige Endpunkt. Ethnographisches. Die K ei- Inseln im Westen von der Anigruppe hat kürzlich Kapitän Piin, ein Mitglied der ethnographischen Expedition Dämels' nach Neuguinea, besucht. Aus einem Bericht des Reisenden teilt der „Globus" einiges mit. Indem Pim um das Südende der Haupt- insel herumfuhr, landete er in Ellat, dem Sitz des holländischen Postmeisters. Er kam bei seiner Küstenfahrt an vielen kleinen Dörfern vorbei, zwischen denen gute Straßen durch die sie trennenden Felsspitzen angelegt wären. Die Hügel und Berge(offenbar Kalkstein) waren mit üppigster Vegetation bedeckt, Flecke kahlen Bodens waren nirgends sichtbar. Ellat ist der Sitz einer einheimischen Töpfcrindustrie, die vor Generationen durch Flüchtlinge aus Banda dorlhin gelangt sein soll. In Ellat war die Bevölkernng zumeist malaiischen Blutes, doch fand Pim bei einem Ausfluge nach einem Binnendorfe der Südost- feite der Insel eine Bevölkerung papuanischer Rane. Der Pfad dahin war sehr roh und das Dorf lag auf einem steilen Hügel 300 Meter über dem Meere. Unterwegs sah er Tabuzeichen, die an die in Waima in Neuguinea in Gebranch befindlichen erinnerten, auch be- gegnete er parallelen Steinmauern, die in alten Zeiten zur 51enn» zcichnung eines neutralen Landstreifens zwischen zwei Clans oder Stämmen gedient haben sollen. An einer.Stelle des Hügelabhanges waren aus flachen, zum Teil großen Steinen Stufen gebaut und der innere Teil des Dorfes selbst war von einer 4 bis 6 Meter hohen Mauer umgeben, durch die eine auf einer Holzleiter erreichbare Oeffnung ins Innere führte. Pim fand die Bewohnerschaft damit beschäftigt, einen Sarg aus einem in zwei Teile zerspaltenen Baumstamm zu zimmern, wobei sie Aexte, Hohl- beile und Zugmcffer anwandte: die Arbeit war sehr sauber. Be- kleidet waren die meisten Leute nur mit Matten einheimischer Arbeit, ivie man sie in einigen Teilen Neuguineas findet, und selbst diese Kleidung schien erst in den letzten Jahren angenommen zu sein, obwohl Männer wie Frauen viel Schmuck trugen. Das Haar war laug und gekräuselt nach Neuguinea-Mode, doch wurden zwei der» schiedene Typen unterschieden, einer steif und borstig, der andere weicher und länger. Die Bewohner schienen Ackerbauer zu sein, und das Mutterrechtssystem schien vorzuherrschen. Aus dem Tierreiche. Kormorane am Rhein. Die Kormorane, mit echt deutschem Namen Scharben genannt, find von all den vielen Fisch- räubern die gefräßigsten. Wer einmal einer Fütterung dieser Vögel in einem zoologischen Garten beigewohnt hat, muß einen geradezu ekelhaften Begriff von der Gier erhalten haben, mit der sie sich auf die vorgeworfenen Fische stürzen und sie blitzschnell in unglaublich großen Bissen verschlucken. Es ist daher auch durchaus gerechtfertigt, daß die Scharben, wo sie sich nur blicken lassen, mitleidslos verfolgt werden. In Deutschland zeigen sie sich an, häufigsten im nordöstlichsten Teile der Seeküstcn, nanwiltlich auf der Kurischen Nehrung. Neuer» dings aber haben sie sich auch im Westen angesiedelt und zwar im lieblichen Rhcingau, wo sie seit Menschengedenken nicht zu sehen ge- wesen sind. Nach der„Allgemeinen Fischerei-Zeitung" sind die Kor- morane dort an verschiedenen Plätzen beobachtet worden und eine Verwechselung dieses Bogels kann wohl als ausgeschloffen gelten. Die Wanderungen der Kormorane beruhen darauf, daß es ihnen zu« weilen gelingt, den Fischbcstand einer Gegend so gründlich zu der- nichtcn, daß sie nichts mehr zu fteffen haben. Im Rheingau haben sie die zahlreich vorhandenen Reiher und Raben kurzerhand aus ihren Nestern herausgeriffen und wohne» dort nun wie gewöhnlich in größeren Kolonien, so lange es ihnen der Mensch gestatten wird. Jedenfalls werden sie ihrer neuen Eroberung nicht froh werden, denn die StimrodS werden sich mit Wonne auf das neue Wild stürzen, das ihnen zwar keinen schmackhaften Braten, dafür aber die An- erkcmnmg einträgt, mit der Ausübung ihrer Passion gleichzeitig ein wohltätiges Werk zu verrichten. Wenn die Kormorane in Deutsch« land sich wieder vermehren sollten, wäre es vielleicht zweckmäßig, von den Chinesen die Ausnutzung dieser Vögel zum Fischfang zu lernen, wobei der Mensch die doppelte Genugtuung einpfinden kann, dem Fischräuber einen Nutzen abzugewinnen und ihn außerdem noch für seine Gier zu bestrasen, da der Vogel dann einen Ring um den Hals bekommt, der ihn am Verschlucken der Beute verhindert. Humoristisches. — Aus einer Ge n dar n, erie-An zeige. Der Be- schuldigte gibt zu seiner Verteidigung an. daß die Körperverletzung, welche mit zwei gegenseitig geworfenen Pressackhäuten begann, in bierstofflicher Verfassung verübt worden sei. Die Schriftstellerin.„Otto, das Kind schreit. Tu ihm etwas Belegexemplare in den Mund." — Wahres Geschichtchen. Die 7- Kompagnie des Infanterieregiments in X. ist zum Löhnungsappell angetreten. Der Hauptmann iuacht bei dieser Gelegenheit bekannt, daß am kommenden Donnerstag eine Abendmahlsfeier für die im Herbst zur Entlassung kommenden Mannschaften stattfinden würde. Der Hauptmann hebt besonders hervor, daß die Teilnahme an dieser Feier nicht als Befehl aufzufassen sei, sondern daß eS jedem freistehe, das Abend- mahl zu nehmen oder nicht. Auch bemerkt er, daß entsprechend der Würde der Feier kein weiterer Dienst wäre. „Wer also das Abendmahl nicht nehmen will, trete bor!" be- fiehlt der Hauptmann. Es meldet sich ein Mann. „Sie wollen nicht daran teilnehmen?" „Nein, Herr Hauptmann!" „Na, dann können Sie dafür nachexerzieren!" entgegnet der Hauptmann.(„Ingen d.") Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlttt.— Druck u. Verlaa: Vorwärts Buchdrücke«, u.Verlagsanstalt Paul Singer S-Co.. Berlin S W,