NnterhaltungsSlatt des vorwärts Nr. 173. Freitag� den 6 September. 1907 (Nachdruck verboten.) 49} Die JNlutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. ..Schon wieder?" rief Rybin.„Das hat ihm wohl ge- fallen..." Jgnaty hörte mit seinem Gesang auf. Jakob nahm der Mutter den Stock aus der Hand und sagte: „Setz Dich, Alte..." „Na und Ihr? Setzt Euch doch!" lud Rybin Sophie ein. Sie setzte sich schweigend auf einen Baumstuinpf und bctrach- tete Rybin aufmerksam. �„Wann wurde er verhaftet?" fragte Rybin und rief köpf- schüttelnd:„Du hast kein Glück. Nilownal" „Das macht nichts!" sagte sie. „Nanu? Glaubst Wohl, Du gewöhnst Dich daran?" „Nein, aber ich sehe— es geht nicht anders." „So!" sagte Rybin.„Na erzähl mal..." brachte einen Topf Milch, nahm einen Napf vom Tisch, spülte ihn mit Wasser aus, goß Milch hinein und schob ihn Sophie hin, indem er aufmerksam auf die Erzählung der Mutter horchte. Er bewegte sich und tat alles lautlos, vor- sichtig. Als die Mutter ihre kurze Erzählung beendet hatte, schwiegen alle einen Augenblick, ohne sich anzusehen. Jgnaty. der am Tisch saß, zeichnete mit einem Nagel auf die Bretter ein Muster, Jefim stand hinter Rybin und hatte seine Ell- bogen auf dessen Schulter gestützt. Jakob hatte sich gegen einen Baumstamm gelehnt, die Hände aus der Brust ver- schränkt und den Kopf gesenkt. Sophie musterte heimlich die Bauern. „Ja— a!" sagte Rybin langsam und finster.„So weit ist nian schon... daß man ganz offen über die Straße ziehen will..." „Hier würden uns die Bauern, wenn wir solche Parade machen wollten, zu Tode prügeln!" sagte Jefim und lächelte finster. „Unbedingt!" bestätigte Jgnaty kopfnickend.„Nein, ich gehe in die Fabrik, da ist es bosser." „Pawel wird verurteilt, sagst Du?" fragte Rybin. „Ja, das ist bestimmt," erwiderte die Mutter. „Na und— welche Strafe bekommt er?... Hast's nicht gehört?" „Zwangsarbeit oder lebenslängliche Verbannung nach Sibirien," antwortete sie leise. Die drei Burschen blickten sie alle auf einmal an, Rybin aber senkte den Lkopf und fragte: „Nun, als er die Sache anstiftete, hat er da gewußt. was ihm drohte?" „Ich weiß nicht... Sicher hat er es gewußt." „Er hat's gewußt!" sagte Sophie laut. Alle schwiegen unbeweglich, als wären sie in demselben kalten Gedanken erstarrt. „Ja!" fuhr Rybin finster und gewichtig fort.„Ich glaube auch, daß er es gewußt hat. Ohne zu wägen— wird der nicht wagen. Pawel ist ein ernster Mann. Habt Ihr das gehört, Leute? Der Mensch weiß, daß man ihn mit Bajonetten erstechen und ihm Zuchthaus ausbrummen kann, geht aber dennoch vorwärts. Er muß einfach. Und stellt sich ihm seine Mutter in den Weg. so geht er über sie hinweg und eilt lvciter. Wäre er über Dich hinweggegangen, Nilowna?" „Das wäre er," erwiderte die Mutter zitternd und blickte mit einem schweren Seufzer um sich. Sophie streichelte ihre Hand und sah Rybin finster und unverwandt an. „Das ist ein Mensch!" sagte er halblaut und maß alle mit seinen dunklen Augen. Und wieder schwiegen sie. Zarte Sonnenstrahlen hingen wie goldene Bänder in der Luft. Irgendwo krächzte nach- denklich eine Krähe. Die Mutter war durch Erinnerungen an den ersten Mai, durch Gram über ihren Sohn und Andrej verstimmt. Sie betrachtete ihre Umgebung. Auf dem kleinen, engen Platz lagen zerschlagene Tecrtonnen, spreizten sich ent- wurzelte Baumstümpfe und zitterten Holzspäne. Eichen und Birken drängten sich dicht um den Platz, rückten unmerklich von allen Seiten heran, als wollten sie das ganze Gerümpel. den ganzen Schmutz, der sie beleidigte, beseitigen und vor- uichten. Und von der Stille gleichsam gefesselt, warfen sie unbewegliche, dunkle, warme Schatten auf die Erde. Plötzlich schritt Jakob beiseite, bewegte den Kopf und fragte trocken und laut: „Sind das solche, gegen die wir mit Jefim losgehen sollen?" „Was glaubst Du denn, gegen wen sonst?" antwortest Rybin mürrisch.„Sie erwürgen uns mit unseren eigenen Händen... Das ist der Witz!" „Ich werde doch Soldat!" erklärte Jefim halblaut und hartnäckig. „Wer rät Dir denn ab?" rief Jgnaty.„Geh doch." Und Jefim scharf anblickend sagte er lächelnd: „Aber wenn Du auf mich schießt, dann ziel auf den .Kopf... nicht zum Krüppel machen, sondern mit einemmal töten!" „Das habe ich bereits gehört!" rief Jefim grob. „Wartet, Kinder!" begann Rybin und erhob langsam die Hand.„Da— seht einmal das Weib an! Ihr Sohn ist jetzt sicher verloren..." „Warum sagst Du das?" fragte die Mutter bekümmert und leise. „Das muß ich!" antwortete er finster.„Dein Haar darf nicht umsonst grau geworden sein, Dein Herz darf nicht um- sonst gelitten haben... Also sage ich Euch: haben sie sie damit etwa getötet? Nilowna, hast Du Bücher mitgebracht?" Die Mutter sah ihn an und erwiderte nach kurzem Schweigen: „Ja..." „So!" sagte Rybin und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.„Ich babe das sofort gewußt, als ich Dich sah... Weshalb solltest Du auch hierher kommen, wenn nicht des- wegen? Habt Jhr's wohl gemerkt! Den Sohn haben sie un- schädlich gemacht— da ist die Mutter an seine Stelle ge- treten!" Er richtete sich gerade und schrie bösartig, mit der Faust drohend: „Die Hunde"— er schimpfte unflätig—,„sie wissen nicht, was die nnt blinder Hand säen. Werden es schon wahr- nehinen, wenn unsere Macht gewachsen ist und wir das der- fluchte Unkraut abmähen. Dann sollen sie es sehen!" Die Mutter erschrak über sein Geschrei, sie blickte ihn an und sah, daß Michailos Gesicht sich gänzlich verändert hatte — es war magerer geworden, sein Bart war unegal, und unter ihm waren die Kinnbacken zu sehen. In dem bläulichen Weiß der Augen erschienen feine, rote Aedcrchcn, als hätte er lange nicht geschlafen, seine Nase war knorpeliger, raubtierähnlich gekrümmt. Der offene Kragen des teergetränkten, einst roten Hemdes ließ das hagere Schlüsselbein, die dichte schwarze Wolle auf der Brust sehen, und in der ganzen Gestalt lag etwas noch Finstereres und Feierlicheres. Der trockene, fieber- hafte Glanz seiner Augen erleuchtete das düstere Gesicht mit Gram- und Zornesflammen. Sophie war blaß geworden und schwieg, ohne den Blick von den Bauern abzuwenden. Jgnaty schüttelte den Kopf und blinzelte, Jakob, der wieder neben der Hütte stand, riß mit seinen dunklen Fingern ärgerlich die Rinde von den Stangen los. Am Tisch entlang schritt hinter dem Rücken der Mutter langsam Jefim. „Neulich," fuhr Rybin fort,„rief mich der Landrichter zu sich... Sagte zu mir: Was hast Du frecher Kerl dem Popen gesagt? Warum bin ich ein frecher Kerl? Ich ver- diene mir mein Brot mit schwerer Arbeit, habe niemandem etwas zu Leide getan, sage ich... Ja. Er brüllte mich an, fuhr nur ins Gesicht... Und drei Tage und drei Nächte saß ich im Loch. So geht Ihr mit den Leuten um! Ja. Da rechnet auch nicht auf Erbarmen, Ihr Teufel. Kriege ich Euch nicht zu fassen— so tut es ein anderer, und laust Ihr uns davon, so halten wir uns an Eure Kinder... das vergeßt nicht! Ihr habt mit den eisernen Krallen Eurer Gier die Volksbrust aufgepflügt und Böses hineingesät da rechnet nicht auf Gnade, Ihr Teufel! Das sage ich!" Er war ganz voll von glühender Wut, und in seiner Stimme zitterten Töne, die die Mutter erschreckten. „Und was habe ich dem Popen gesagt?" fuhr er ruhiger fort.„Nach der Gemeindeversammlung steht er mit Bauern auf der Straße und erzählt ihnen, die Menschen seien eine Herde, die immer einen Hirten nötig hätte... ja. Ta machte ich einen Scherz.— Wenn man im Walde den Fuchs zum Anführer wählt, dann gibt es wohl viele Federn, aber keine Vögel! Er schielte nach mir hin und sagte, das Volk müsse Geduld haben und mehr zu Gott beten, damit Er ihm Kraft zum Ausharren gebe. Ich aber sagte, das Volk bete wohl viel, aber Gott hätte augenscheinlich keine Zeit, denn er höre nicht. Ja. Ta fuhr er auf mich los: Weiches Gebet ich denn bete. Ich sage— nur ein einziges, wie das ganze Volk: Herrgott, lehre mich für die Herren Ziegel schleppen, Steine fressen und Balken spucken! Ta ließ er mich nicht zu Ende reden... Seid Ihr— eine Gnädige?" brach Nybin Plötzlich seine Erzählung ab und wandte sich an Sophie. „Warum soll ich eine Gnädige sein?" fragte sie ihn schnell und fuhr vor Schreck zusammen. „Warum!" lachte Nybin bitter.„Das ist das Schicksal, mit dem Ihr geboren seid. Ja. Glaubt Ihr, man kann mit einem Kattuntuch seine feine Herkunft verbergen? Wir er- kennen den Wolf auch im Schafskleide... Ihr seid mit dem Ellbogen auf dem Tisch in das Nasse geraten— da habt Ihr gezuckt und ein Gesicht geschnitten... Euer Rücken ist auch viel zu gerade für einen Menschen, der arbeitet." Die Mutter fürchtete, er würde Sophie in seiner groben Art beleidigen, so sagte sie denn schnell und streng: „Sie ist meine Freundin, Michailo Jlvanowitsch, sie ist ein gutes Menschenkind... und hat bei unserer Arbeit ihr graues Haar bekommen... Mach es nicht zu schlimm,, l Fortsetzung folgt.) 6 e b i r g 9 1 u f t* von Ern st Schur. Die Wiesen fliegen vorbei. Aecker schlichen sich an. Dann eine Villenkolome mit hellen Häubchen in bäurischem Stil. Wald. Eine Waldrestauration. Braun« Holzgitter mit Epheu umkleidet, blaue Stühle und Tische stehen dahinter. Dann ein Dorf mit roten Dächern, umzogen von einer weihen Mauer. Zum erstenmal fleht man die Berge, ganz schwach im Dunst der Fernen, ganz hinten am Horizont. Gran, nur wenig Erhebungen, noch unsicher. Weihlich schimmern die Schneegebiete, ober auch noch undeutlich, und man weih bei längerem Zusehen nicht, ist es Schnee oder schweben da weihliche Wolken. Dann verschwindet das Bild wieder. Felder tauchen auf, dicht mit bunten Blumen, weih, gelb und blau besät. Die weihen und blauen ganz niedrig im Gras, die gelben recken sich hoch darüber: eine volle, gesegnete Pracht. Radfahrwege längs der Bahn, am Wald entlang; Radfahrer fahren, bleiben langsam zurück hinter dem Zug. Die Sonne glitzert auf dem Metall. Blauer Himmel, dunstig und morgenfrisch. Weihe Wolken geballt. Der weihe Rauch der Lokomotive fliegt zurück, auch schwebende Wolken. Auf den Feldern liegt schon hier und da das Heu geschichtet. Die Frauen schütteln es durcheinander, mit grohen Strohhüten zum Schutz gegen die Sonne bewehrt. Zuweilen schon BauernhäuSchen mit grünen Läden, grünem Holz, weihen Mauern und Holzgiebeln. Sansthiigelig wellt sich das Feld und in leisen Intervallen be- ginnen die Erhebungen. Wie schnnmert solch' ein Feld l Das eine dort ganz weih. Daneben eins rotbraun. Weiche, warme, sonnen- glühende Teppiche! An einzelnen Stellen sammeln sich die roten Blüten, ticsrot der Anblick, die spärlichen, weihen Blüten breiten einen blassen Schimmer sanft darüber. Die grohen Butterblumen erscheinen in dieser Feme dein schnell Vorüberfahreuden wie kleine Pünktchen. Im Zuge befand sich eine rechte LanSvubengesellschaft, zehn« bis zwölstährige BcngelS mit blauen Mützen, einige waren anch wohl älter..Jetzt, wenn wir Zigaretten hätten"— das war der erste AuSruf des einen SpröhlingS, der eine Brille trug, ein dickes, rundes Gesicht hatte und so aussah wie ein Kaplan. Danach erzählten sie Witze von„Herrn Kollega Meyer", wahrscheinlich einer der Klaffen- lehrer. Sie vcrkehrien recht loyal mit ihren Lehrem und Präfekten. Die Präfekten waren junge Geistliche im schwarzen Gehrock und schwarzem Strohhut und Brillen. Diese machten sich eifrigst zu schaffen an den Haltestellen, um den Lausbuben warme Würste und Semmel, auch Bier heranzuschaffen. Wie die wilden Tiere fielen die JungenS darüber her. „Seid Ihr auch alle hübsch artig?"— fragte der Präfekt in da§ Coupö hinein, wo der Wunsch nach Zigaretten ausgesprochen war und über die Lehrer geulkt wurde. .Gcwih, Herr Präfekt"— drängte sich der zum Kaplan Prä- destinicrte Dickkopf hervor—„wir sind ganz artig, wir erzählen uns immer hübsche Geschichten!" Und der Chorus bestätigte, daß sie alle brav gewesen. »Das ist recht/— lobte der genaSführte Präfekt und alle» lachte. Als die CoupStür zuflog, lehnte sich der Dickkopf noch einmal heraus und rief dem Präfekt zu:„Seins nit so andächiig, Herr Präfekt I"— das Gebetbuch guckte diesem nämlich aus der Tasche. Der Herr Professor, der eigentlich bei den gröheren sich aufhielt, machte einmal die Runde und fragte, ob alle Brot und Bier be- konmien hätten. Plötzlich erschien ein Rächer. Der Professor fragt nach dem gnien Verhalten. Da antwortet plötzlich eine Stimme ans dem Rebencoupo. Ein Griesgram lehnt aus dem Fenster, der die Jungens schon lange giftig angeblickt hatte und als der Chorus er- klang: wir sind alle brav gewesen!— setzte der Griesgram nach- drücklich ein: Mit Ausnahme einiger Viechereien. Herr Professor I Die jungen Herren huldigen schon dem Nikotin und behaupten, daß das den Herren Lehrern angcnehin sei. Einige sind auch während der Fahrt auf die Bänke gestiegen und haben versucht, durch die Lampe oben in unser Coupe zu gucken." Dabei sah der Griesgram den Professor scharf an, sicher, diese entsetzlichen Enthüllungen würden den Lehrer mit Gift und Galle erfüllen und die ganze Partie verderben. Aber die Wirkung ging nicht so von statten. Mit einem langgedehnten„So" entfernte sich der Herr Professor, die verstummten Reden der Schüler begannen wieder aufzuleben, die Gesichter heiterten sich wieder auf, und voller Schadenfreude blicken sie höhnend den Denunzianten an. dessen Weltanschauung sicher in diesem Augenblick ob des unerwarteten Er- gebnisseS in den Fugen wankte. Die Jungens aber waren wieder wohl auf. schmissen dem einen Schwarzrock einen Fetzen Papier hin und gröhlten:„Da Habens ein Billett, Herr Präfekt, da könnens bei uns einsteigen!" Der Zug ging weiter und man hörte nur noch lautes Lachen. # Ein typisches Münchener Maler-Ehepaar saß in einem Abteil. Er in Radfahrerhose und Joppe und grünem Lodenhut. sie ebenfalls sehr gleichgültig gegen jeden Komfort gekleidet. Ein mächtiger Rucksack barg alle Lebensmittel für mehrere Tage. Er erzählte von Bilderverkäufen, augenscheinlich hatte er etwas verdient und sie leisteten sich nun den Ausflug. Sie zantten sich zuweilen und dann waren sie wieder guter Dinge, als wenn nichts passiert wäre. Zwei Kinder waren mit dabei. Das Mädchen schon respektabel dick, wie die Mutter. Der Junge dagegen ein Prachtkerl. Keine Achnlichkeit, weder mit Vater noch mit Mutter. Blond, hell« Gesichtsfarbe, strahlende Augen, schlank und sehnig. Etwa 10 Jahre alt. Der grüne Gebirgsanzug stand ihn, vorttefflich, Joppe und Wadlsttümpfe. Er wollte durchaus auf den höchsten Berg und zwar sofort nach der Ankunft und weinte voller Ungeduld, als es hieß, die Eltern wollten erst Bekannte auffuchen. Allzu v,el Geld schien bei ihnen nicht zu Hause zu sein. Einfach in den Bedürfnissen, fteuten sie fich über alles und sahen die Natur mit heiteren Augen an. DaS Mädchen sah stämmig und fest aus, ein Gesicht, wie man eS in der Schweiz oft findet, so offen und etwas unförmig, wie Hobler es malt. Die zu- ällige Laune eines Fabrikherren, der seine Fabrik partout in ganzer Größe im Bilde haben wollte und daher, da die Photographie nicht diese Aufgabe erfüllen konnte, notgedrungen zur„Kunst" greifen muhte,— die Fabrik sollte mit allem Zubehör perspektivisch dar- gestellt werden— verhalf dieser Familie zu diesem Genuß eines AuSflugS. Tausend Mark sollte der„Künstler" dafür erhalten. Die Münchener Maler leben von der Hand in den Mund. Weiß der liebe Himmel, wie sie durchkommen. Aber sie strecken fich nach der Decke und kommen auch durch. Da in München so viel zusammen- strömt, komnit an jeden wirklich einmal die Reihe, wo daS Glück ihn trifft. Und so saß denn auch meine Münchener Malerfamilie friedlich aneinandergelehnt und sorglos da. in dem sicheren Gefühl. daö Glück werde immer zur reckten Zeit zu ihnen kommen. Bis dahin warteten sie geduldig und schimpften nur zuweilen herzhaft. • An den Bahnhöfen stehen die Bäuerinnen im Schmuck ihrer grünen und roten Kostüme i umfänglich und majestätisch stehen sie da. steif und unbelveglich. Weihe Tüchlein schmücken die Schultern. Ein platter Hut, mit erhöhter Spitze, fitzt auf dem Kopf. DaS Haar ist fest gedreht. Wetter geht's. Da erscheinen die Berge wieder. Ein Dorf. Zwischen Feldern entlang. Durch eine schmale Schlucht senkt sich das Gelände der Eisenbahn, zu beiden Seiten Wald. Holzhäuser mit Balkons und Veranden. Der Zug fährt vorbei. Dort wieder ein Dorf. Die weihen Mauern der Häuser leuchten. Die obere Etage ist meist aus Holz ausgesetzt. Blumen stehen auf den Galerien. die ringS um daS Haus herumlaufen. Da liegt der See! Tegernsee. Blahblau und zartgrün die äche. Ganz still und unbewegt. Hinten die hohen Berge, dunst- verschleiert, grau. Grün und wann ist alles und die Sonne träumt schwer darüber. An den Ufern Dörfer, kleine Ansiedelungen, rote Dächer. » Ich setzte mich in die Gaststube eines Gasthofs. Nicht in die Stube für die Fremden, sondern in die Leutestube. Sie war offen nach der Strohe zu, die Kellnerin wollte mich durchaus in dem besseren Raum haben, aber ich hatte keine Lust dazu. Sah lieber unter den Leuten und hörte ihre Rede, ihren Austausch mit an. Da sahen einige, die waren recht redselig und schwatzten und lachten immerzu, und ein Junge, der bei ihnen saß, horchte ihnen aufmerk- sam zu. Andere grübelte» tieffinnig und mürrisch in ihren Teller und blickten gar nicht auf. Wieder andere hörten kaum zu, zeigten aber durch einen plötzlichen Einwurf, daß sie alles verfolgt hatten, Und eine andere Tafelrunde saß stumm bei einander, nur zuweilen flog ein Wort kurz von einem zum andern, dann war es wieder lange still. Großes Aufsehen machte eS daher, als ein schiefer Hausierer erschien, sich in die Nähe der Tür setzte und nun anfing, uimnter- Krochen von Christus und Petrus und sämtlichen Heiligen zu reden. Dabei redete er nicht zu Einzelnen, sondern in die Lust, zu einer eüigebildeten Allgemeinheit. Nur, wenn er eine Bestätigung brauchte, nahm er auf einen der Zuhörer, den, der ihm am aufmerksamsten zuhörte, Bezug und heischte von ihm Zustimmung. Wie lebhaft, bunt und abwechselungsreich war es hier I Alles ausgeprägte Typen. Jeder sich so gebend, ohne Rücksicht, wie er war. Ein kleines, niedriges Stübchen war's nur. aber voller Leben, aus- gefüllt mit den verschiedenen Regungen und Bildern in wechselnden Nuancen. Und wenn ich dann zufällig durch die Tür, wenn die Kellnerin hineinging, in den Raum für d.e Fremden hineinsah, wo alles so langweilig und gleichmäßig weiß gedeckt bei einander war, war ich stoh, hier geblieben zu fem. Nebenbei patzte mein Anzug besser hierher als zu den Fremden. Ein kleines, altes Büfett stand in der Ecke nach dem ?;lur zu, wohin ein Schiebefenster sich öffnete. Und die Kellnerinnen atten genug zu tun. alle zu versorgen. Es war lebhafte Be- wegung unter den Gästen. Und besonders groß war die Freude und das Reden, wenn, wie es gerade geschah, ein Alter aus dem teimatSdorfe ankam und mit einem„Sieh da, die Kathl*. die ellnerin begrüßte. Und dann ging es an ein langes Erzählen. « Ich trete hinaus aus dem dunstigen Raum, der von Reden und Lärmen erfüllt ist. Tief geborgen und ruhig liegt der See da und kaum dringt ein Laut über das Wasser. Noch ist es früher Vormittag. Die Fläche glänzt matt in zartem Gnin. Dazu bilden die dunkleren Wände der Berge einen scharfen Kontrast, dessen Uebergänge die kleineren dichtgrün beioaldeten und sonnenwarn, en Erhebungen dicht am See bilden, Ausläufer, die sich bis in die Ebene erstrecken. Am Ende des Sees Wiesen, die in aller Pracht der Fülle und der Farben strotzen. Am See entlang gehend höre ich ab und zu das leise Plätschern. Zuweilen der Pfiff eines Motorboots. Oder das Rufen von Kahn zu Kahn, das von den Bergen widerhallt. Diese Morgenruhe am See ist so feierlich und tiefruhig. Die Menschen haben alle in den Häusern zu tun. bereiten das Mittag vor, so ist es ganz einsam und still draußen. Nur daß vielleicht an der Bootstelle der Fährmann an seinen Rudern bastelt. Ich gehe an dem Brauhaus vorbei, das friedlich mit der Kirche zusammengebaut ist. Im Bierstübl sitzen schon einige Zecher. Ein Laubengang am Wasser. Dann über eine Wiese, strotzend in allen Farben. Da summt's und brummt's und glänzt und duftet. Die Blumen recken sich hier noch einmal so hoch, die Stengel sind noch einmal so dick, die Blüten noch einmal so prächtig und die Farben noch einmal so leuchtend. Die Sonne liegt voll auf der Wiese. Eine dustende Wärme umfängt den Spaziergänger. ES ist eine Lust, über die Wiesen zu wandern. Am äußersten Winkel deS Sees, auf einer Anhöhe mache ich Halt. Dort drüben liegen zwei Dörfchen, klein und bescheiden, Rottach und Egern. Lauter kleine Häuschen, die sich lebhaft zu- sammendrängen. Und dahinter steigt der dunkle Hirschberg hinan. Der Fährmann fährt hinüber. Seit Jahren immer derselbe. Ein hagerer, kleiner, sehniger Kerl. Das Gesicht wie Bronze so braun und glänzend. Die Augen hell funkelnd. Sehr gut steht dazu das grüne Kostüm. Auf grünem Waffer fährt dort drüben ein Boot, eine junge Bäuerin sitzt drin und rudert zum Bahnhof hinüber. Sie fingt kräftig und schnell, und der Schall dringt herüber. Es klingt, als wäre es ganz nah. Sieht man aber hin, so staunt man über die Entfernung, kaum ist die Gestalt zu erkennen. So weit trägt das Wasser herüber. Die Ruhe wird dadurch um so tiefer. Der volle Klang der Stimme ist herb und klar. Leise plätschert das Waffer zu meinen Füßen. Und hoch recken sich die Berge und thronen in ewiger, unbesiegbarer Kraft, Denkmäler von Gewalt und Schönheit, ruhend in der Sonne. Das Ganze ein herrliche» Bild des unermeßlichen, sonnendurchglühten Raums. Kleines f euilleton* Zauberkurcn. Der primitive Mensch flüchtet sich in allen Sorgen und Nöten» die ihm zustoßen, in das Gebiet deS Reli- giösen, wo er bei den überirdischen Mächten seiner dunklen Ahnung am ehesten Hülfe und Rettung zu finden hofft. So ist denn auch bei allen Krankheitsfällen die Besänftigung und Versöhnung, die Anrufung der Gottheit seine wirksamste und wohltätigste Medizin. Zahllos sind daher die Zaubermittel, Amulette und Talismane, denen er einen Zusammenhang mit segenspcndenden Mächten und göttlicher Heilkraft zuspricht. Gewisse Pflanzen spielen hierbei, wie im„Scientific American" des längeren ausgeführt wird, eine große Rolle. Eine wollige und knorrige Wurzel, verwandt der bei uns im Mittelalter so hoch geachteten Mandragora, dem wunder» tätigen„Alräunchcn", wird ihrem Aussehen nach bei manchen Völkern als„skhthisches Lamm", bei den Chinesen als„gold» haariger Hund"(Kaochi) bezeichnet. Sie gilt als ein Zaubermittel voll wundersamster Heilkraft, was sich schon in ihrem. halb tierischen, halb pflanzlichen Aussehen bekunden soll. Gesundheit. Jugend, Schönheit und Glück werden ihrem Besitzer in reichem Maße zuteil. Das Tierreich liefert eine große Anzahl von wirk« samen Amuletten Kröten und anderen Molchtieren wird eine ge- sundmachende Wirkung zugeschrieben; in China sind ein beliebtes Heilmittel Eidechsen, die getrocknet und sorgsam auf Bambusstäbe aufgezogen werden und die man nur bei sich zu tragen braucht, um aller Schmerzen ledig zu sein. In Japan gilt eine Schlangenhaut. auf den kranken Körperteil gelegt, als die kräftigste Medizin bei allen Unterleibsleiden. Auch den Schildkröten bringt der chinesische Arzt große Sympathie entgegen und wendet sie bei dieser oder jener Krankheit an. Ein merkwürdiger Aberglauben ist die Bedeu, tung, die man verkohlten Knochen von Tigern oder Affen beilegt. In China werden bestimmte Arten von Schwalbennestern als be« sonders kräftigende Nahrung den Kranken gereicht, und eine Besse« rung jedes Uebels wird von ihnen erwartet. Das Lsllheilmittel vieler Zauberer bei wilden Völkern ist das Erzeugen großen Lärms und Getöses, weil man dadurch die bösen Dämonen aus dem Körper des Kranken zu vertreiben hofft. Zu diesem Zwecke dienen hölzerne Klappern, die mit dem Fell eines Wildes überzogen werden und die Form einer Schildkröte haben. Die Lamas in Tibet verwenden zur Austreibung von Tcuftln, die die Menschen mit Beschwerden und Uebeln quälen, Pfeifen, die aus Menkchen- knochen gemacht und mit Menschenhaut überzogen find; dazu wird auf einer Trommel, die aus zwei Menschenschädeln besteht, ein dumpfes Geräusch erzeugt. Wundertätige Kraft und heilsame Zaubetti schreibt man auch alten Kleidern, Lumpen oder anderen Gegenständen zu, die ein heiliger Mann oder ein heiliges Tier be- rührt hat. Bei den Indianern, bei den Norwegern und anderen nordischen Stämmen gilt der Huf des Elch für die beste veruhi« aung aller epileptischen Anfälle; er wird dem von Zuckungen Be- fallenen aufe Herz und dann ans Ohr gelegt, worauf die Erschei» nungen sofort nachlassen sollen. Auf den Havaischen Inseln existiert ein merkwürdig geformter Fetisch, der aus einem mensch« lichen Schenkelknochen und dicken Strähnen menschlichen Haare« besteht und jegliches Unglück abwendet. In Korea werden am letzten Tage des Jahres auf allen Häusern menschlich gebildet? Strohwische herausgesteckt, weil man dadurch alle Sünden aus der Wohnung herauszutreiben meint und sich damit am besten aegen die unheilvollen Folgen des bösen BlickeS schützt. Ein probates Zaubermittel gegen Warzen und unreinen Teint wird aus dem Mittelalter und von einigen wilden Stämmen berichtet: ES be» steht darin, daß man ein Stück rohen Fleisches auf die betreffende Hautstelle legt und dann das Stück Fleisch vergräbt, worauf so- gleich die Warzen verschwinden. Schönheitsmittel der Frauen be- stehen auch darin, daß sie allerhand Pflanzen und Gräser essen. Bleicher, blasser Teint wird blühend und rot durch den Genuß von Rosen; in Algier essen die Frauen, um sckchn zu werden, den„Box- Hornklee", der dort vielfach wächst. Zahllos sind die Zeremonien und Opfer, die in China, Indien, Java und Korea den verschie- denen Göttern und Göttinnen dargebracht werden, auf daß sie die Krankheiten heilen möchten. Eine Hindugöttin, die die Pocken ver» treibt, ist beständig von Kranken umlagert, die zu ihr emporflehen» während junge Mädchen mit reinen Händen die opfergefiillten Körbe herbeitragen, die Priester ihre Musik ertönen lassen und be- stimmte Gebete laut vortragen. In Java haben viele Gottheiten große Glocken um den Hals gehängt, an denen der Bittflehende läutet, um die Aufmerksamkeit des mächtigen KrankhcitSbertrei- bers zu erregen. In Korea und bei den Indianern Nordamerikas werden Bildwerke aus dem verschiedenartigsten Material herge- stellt, in denen die Götter ihre Wohnung nehmen und durch die sie ihre Wundermacht betätigen. Ein merkwürdiges Amulett dieser Art ist die aus Leder verfertigte Figur eines Zauberers, die ritt- lingö auf einem Pferde sitzt, wie sie die Koreaner gegen Krankheit bei sich tragen. Die Zunni-Jndianer stellen aus Ton ein Abbild des Berglöwen her, den sie als den obersten der Jagdgötter und den Wächter in den ewigen Jagdgründen verehren, und der mächtig: Geist dieses Tieres kommt dann, um in dem tönernen Abbild zu wohnen und hilft dem Stamme auf dem Kriegspfad und beim Jagen. Eine merkwürdige Art der medizinischen Behandlung be- steht auch heute noch in einzelnen Teilen Japans, wo die Aerzte mit der modernen medizinischen Wissenschaft sich noch nicht bekannt gemacht haben. Die Diagnose erfolgt hauptsächlich durch die gc- naue Beobachtung des Pulses, und zwar gibt es sechs verschiedene „Pulse", drei an jedem Handgelenk, an der rechten Hand als obersten Puls den des Herzens, als mittleren den des Magens, als unteren den der rechten Niere; an der linken Hand als obersten Puls den der Lungen, als mittleren den der Leber, als unteren den der linken Niere. Mittels dieser merkwürdigen Einteilung stellen diese Aerzte durch bloßes Pulsfühlen jede Krankheit fest und wissen dann den rechten Weg zur Heilung vorzuschreiben, oder sie konstatieren auch mit Bestimmtheit, daß der Patient überhaupt nicht krank ist, und diese tröstliche Versicherung können sie recht oft geben, daß sie sehr häufig nichts Besonderes bemerken. Völkerkunde. E i n neu erforschtes Jndianervolk. In dem brasilianischen Staat Matto Erosso wohnt eine grosse Zahl von ur- sprünglichcn Stämmen, die noch fast ganz unerforscht sind. Diese Lücke ist jetzt ausgefüllt worden mit Bezug auf einen Indianer- stamm, die Bororo, zu denen Dr. Cook eine Reise unternommen hat. Der erste Bericht über das Ergebnis dieser Forschungen sowie über die von ihm mitgebrachten Sammlungen wird jetzt in den »Miscellaneous Collections des Smithsonian Institut" veröffentlicht und bietet eine Fülle höchst fesselnder Einzelheiten. Die Bororo- Indianer gehören vielleicht zu den am reichlichsten bemalten Menschen, die es auf der Erde gibt, denn überall, wo sie sich in zu. traulicher Annäherung an die Europäer niedergelassen haben, hinterliessen sie einen Farbenfleck wie ein Malertopf. Ueberhaupt benahmen sie sich mit der denkbar größten Naivität. Einige rauchten, andere kauten an den Körnern einer gerösteten Korn- ähre, noch andere knabberten an dem käseähnlichen Fleisch einer kleinen Palmenfrucht, und die männliche Jugend beschäftigte sich teils mit dem Verschlingen schwarzgcrösteter Fische, teils mit einer Art von Bogenschießen, die Frauen und Kinder bildete» in etwas größerer Entfernung einen Ring um die sonderbare Eruppe. Trotz des aufs höchste gesteigerten Interesses, das die Indianer an den Weißen Männern und ihrer ganzen Ausrüstung nahmen, stahlen sie nie etwas, TvaS den Fremdlingen von Anbeginn gehört hatte; da- gegen schienen sie für erlaubt zu halten, sich Gegenstände zu holen, die sie an die Europäer verkauft hatten. Die äußere Erscheinung war recht merkwürdig. Der Kopf war bei Männern und Frauen eingerahmt von einer wirren Masse von straffen, groben schwarzen Haaren, die bis auf die Schultern niederhingen, und reichlich, wie auch der übrige Körper, mit Fischtran gesalbt und mit einem eigen- tümlichen roten Teig von einer Beerenfrucht beschmiert waren. Für den Gipfel des Putzes schienen es die jungen Leute, Knaben und Mädchen, zu halten, wenn sie sich den ganzen Körper mit Federn bekleideten, und die Eltern gewährten diesen Schmuck ihren Kindern als besondere Belohnung. Alle jungen Männer und Knaben trugen in einem Loch der Unterlippe eine Kette aus Stücken einer Muschelschale, ältere Männer an derselben Stelle einen Pflock, und zwar aus praktischen Gründen, weil das Loch in der Unterlippe sonst beim Trinken hinderte. Die jungen Männer sind um die Lenden mit einem sehr bescheidenen Gürtel aus Palm- blättern bekleidet, der nur 2— 3 Zentimeter breit ist, und tragen außerdem mancherlei Schmuck aus Affenzähnen usw. Merkwürdig ist die Sitte, um den Hals oder um den Kopf Ringe aus Haaren zu tragen, die bei Leichenbegängnissen den trauernden Hinter- bliebenen ausgerissen werden. Das weibliche Geschlecht nimmt es viel genauer. Die kleinen Mädchen bekommen schon im Alter von sechs Jahren eine Art von Korsett, das aus Baumrinde hergestellt, besonders gegerbt und dann zweimal um den Körper herum- geschlungen wird. ES scheint dann damit den Bororos nicht anders zu ergehen, als der holden Eitelkeit bei uns, denn wenigstens in der ersten Zeit bereitet dicS Kleidungsstück den jungen In- dianerinnen sichtliches Unbehagen. Dafür haben sie weiter nichts an mit Ausnahme eines anderen Rindenstreifens, der von vorn nach hinten zwischen den Beinen durchgezogen wird. Alte Frauen der Bororos, die wahrscheinlich auf weitere Eroberungen verzichten, legen wohl daS Korsett ab oder ersetzen es wenigstens durch ein bequemeres ans weicherer Rinde. Die Bororo-Jndianer leben ge- wöhnlich zu je zwei Familien in einer Hütte zusammen, doch hat jede Familie ihr eigenes Feuer, über dem auf einem hölzernen Rost Fische, Fleisch und Gemüse gebacken werden. Etwa VA Meter über dem Feuer hängt ein zweiter sehr großer Rost, der gewisser- maßen die Speisekammer der Familie darstellt und zur Auf. bewahrung von leichter verderblichen Speisen dient, indem diese durch das Feuer von unten her angeräuchert werden. Jede Familie hat eine, zuweilen auch mehrere Matratzen, die aus langen Palmblättern geflochten sind; außerdem verfügt jeder einzelne über ein Kopfkissen, das freilich zuweilen nur in einem Stück Holz besteht oder auch in einer kleinen Rolle aus grünen Bananen- stengeln. Der Tod eines Kindes, das zu einer der angesehensten Familien gehörte, gab den Forschern Gelegenheit, eine Reihe sonder- barer Bcstattungsgcbräuche kennen zu lernen. Zunächst wurde eine ausführliche Totenklage abgehalten, die in dem lauten und tiefen Abfingen eine» Textes besteht, der etwa wie„hiauh huh äh äh" klang, und von einem Quartett nackter, bemalter und befedertcr Männer ausgeführt wurde. Bei jeder Note machten diese Leute eine kleine Kniebeuge und vollführten außerdem einen begleitenden Lärm mit Klappern, die aus Kürdissen hergestellt waren. Hinter dem Quartett stand ein Chor von Weibern, die mit Fächern die Fliegen abwehrten; dazu kam daS Geheul von zwei großen Flöten. das tiefe Gcwadl von Kürbistrompetcn und das Solo der klagenden Mutter, die, mit ihrem eigenen Blut beschmiert, neben dem Leich. nani ihres Kindes hockte und sich die Haare ausraufte, wobei der trauernde Vater ihr Beistand leistete. Die Toten der Bororo- Indianer werden in die Decke von Palmblättern eingewickelt, die ihnen als Bett gedient hat und dann nach Vollendung der Toten- klage nach dem öffentlichen Spielplatz getragen, wo sie mit etwa Vi Meter Erde bedeckt werden. Jeden Abend nach Sonnenuntergang versammelt sich hier die trauernde Familie nebst ihren Freunden und murmelt einen leisen Gesang, das Antlitz nach dem schwindenden Licht gerichtet. Außerdem wird das vorläufige Grab jeden Abend mit Waffer begossen, um den Zerfalk des Leichnam» zu beschleunigen. Ist dieser weit genug gediehen, so wird wieder eine große Feier abgehalten. Ein höchst phantastisch mit Palm- blättern und Federn geschmückter Mann spielt dabei die Hauptrolle und beginnt mit einem sonderbaren Tanz, an dem allmählich mehr Männer teilnehmen, die von Kopf bis zu Fuß mit Lehm beschmiert und außerdem mit schwarzen Strichen bemalt sind. Schließlich wird das Grab mit den Fingern aufgekratzt, der Tote in einer Weise zutage gefördert, die besser nicht geschildert wird, und in ein Feuer geworfen. Auch dann haben die armen Gebeine noch keine Ruhe erlangt, sondern erfahren noch«ine weitere Behand- lung, für die es schwer hält, eine Erklärung zu finden. Die Bororos glauben an eine Seelenwanderung. Hat der Ver» storbene einen sehr schlechten Lebenswandel geführt, so tritt er eine Wanderung in den unteren Regionen an. Die Seele schlägt ihren Wohnsitz in den Körpern gewisser Fische und Säugetiere auf, von denen sie immer wieder ausfahren muß, wenn das Tier stirbt. Dienen solche Tiere dem Bororo-Jndianer zur Nahrung, so muß vor dem Genuß ein Priester den etwa darin wohnenden Geist aus, treiben, weil auf die Speise sonst Krankheit und Tod folgt. Wenn ein Priester zu diesem Zweck einen Fisch beschwört, ruft er mit lautem Geschrei die Sonne an. vollführt einen ekstatischen Tanz, bläst und spuckt dem Fisch in den Mund und behandelt ihn mit Schlägen. Nur die Priester haben das Vorrecht, nach dem Tode ein Jenseits zu erlangen, wo die Sonne wohnt. Die Priester sind überhaupt mit großer Macht ausgestattet, auf deren Wahrung sie eifersüchtig bedacht sind. Wird ein Bororo krank, so wird ein Priester geholt, der feststellen soll, ob der Kranke gesunden oder sterben wird. Falls der Priester den Tod voraussagt, so zählt er an seinen Fingern ab, wieviel Sonnen der Kranke noch sehen wird. Hat dieser die Dreistigkeit, nach Ablauf der Zeit noch am Leben zu sein, so schickt der Priester seinen„Exekutor", der sich dem Kranken rücklings auf den Leib setzt und ihn erdrosselt, damit der Priester mit seiner Diagnose recht behält. Die Bororos find vielleicht das einzige Volk, dessen Aerzte infolge dieser Praxis stets imstande sind, den Tod eines Kranken auf den Tag vorauszusagen. Bücher- Einkauf. Romane, Novellen, Erzählungen. — Schalom Asch: Bilder aus dem Ghetto. Novellen. sS. Fischer, Berlin. 3 M., geb. 4 M.) — Margarete Böhme: D i d a Ibsens Geschichte, ein Final« zum Tagebuche einer Verlorenen. Roman.(F. Fontane u. Co., Berlin. 4 M.. geb. ö M.) — Dolorosa: Die Starken. Ein Athletenronmn. (Leipziger Verlag. G. m. b. H., Leipzig. 3 M.) — Erdmann Graeser: Lemkes fel. Witwe. Zur unterirdischen Tante.— D i e Sache macht sich. Zwei humoristische Romane.(H. Seemann Nächst, Berlin. Jeder Band 1 M.) — Hedwig Hard: Die im Schatten gehen. Skizzen. (G. Rieckes Buchhandlung Nächst, Berlin. 3 M.. geb. 4 M.) — Paul Oskar Höcker: Ich grolle nichtl(Grethlein u. Co., Leipzig und Berlin.) — JgnotuS: Die Dame in Weiß.(Karl Konegen. Wien. 4 M.) — Benno Jakobsen: Rund um die Liebe. Berliner Skizzen.(Harmonie, Berlin. 2 M., geb. 3 M.) — Gustav Adolf Müller: Unterm wilden Apfel- bäum.(Grethlein u. Co., Leipzig und Berlin.) — I. E. Poritzky: LieveSgcwalten. Novellen.(Karl Freund, Berlin.) — FrangoiS Rabelais: Pantagruel, Zweites Buch. Verdeutscht von Dr. Owlglaß. Unischlag nach einer alten Vorlage. (Geheftet 3,50 M., elegant gebunden 4,50 M. Verlag von Albert Langen in München.) — Wilhelm Schüssen: Vincenz Fanlhaber. Ein Schelmenroman.(Deutsche VerlagSanstalt, Stuttgart. 2,50 M., geb. 3,50 M.) — E. Stilgebauer: Der Börse nkön ig, Roman. (R. Bong. Berlin. 4 M.. geb. 5 M.) — Otto Weddigen: Krieg und Katastrophen, ein FriedenSroman.(R. Sattlers Verlag, Leipzig). — Emile Zola: L o u r d e s. Neue Ausgabe in einem Bande.(Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 2,50 M., gebunden 3.50 M.) Emile Zola: Rom. Neue Ausgabe in einem Bande. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 8 M., gebunden 4 M. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LTo..Berlin LiV.