Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 174. Sonnabend, den 7. September. 1907 (Nachdruck devSote».) 50] Die JVIuttcr. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß« Ry&in seufzte schwer. ..Sage ich denn etwas, was sie kränkt?" Sophie blickte ihn an und fragte trocken: ..Wollten Sie mir etwas sagen?" „Ich?... Ja! Hier ist kürzlich ein Mensch aufgetaucht, Jakobs Vetter, der ist krank, hat Schwindsucht, hat aber etwas los! Sollen wir den herrufen? „Warum nicht, tun Sie es nur!" erwiderte Sophie. Nybin sagte gedämpft: .„Jefim, Du sollst zu ihm gehen.,, sag, daß er heute nacht erscheint.. Jeftm ging in die Hütte, setzte seine Mütze auf und der- schwand schweigend, ohne jemanden anzublicken, ganz gc- mächlich im Walde. Rybin nickte ihm nach und erzählte dumpf: „Der quält sich, läßt aber nicht locker... Muß Soldat werden... er und Jakob... Jakob sagt einfach, ich kann nicht, aber der andere kann auch nicht und will doch... Er hat einen Plan... er glaubt, man kann die Soldaten aufwiegeln... Ich meine, man rennt nicht mit dem Kopf durch die Wand... Eh' man sich's versieht, hat man das Bajonett in der Hand und geht los. Wohin? Niemand sieht, daß es gegen die Brüder geht. Ja— a... der Junge quält sich! Dabei macht ihm noch Jgnaty unnütz das Herz schwer. Ganz und gar nicht unnütz!" sagte Jgnaty finster, ohne Rybin anzublicken.„Die werden ihn dort schon vornehmen, und er wird gerade so gut wie die anderen feuern..." „Nein, wohl kaum!" erwiderte Rybin nachdenklich.„Aber besser ist es natürlich, davonzulaufen... Rußland ist groß — wo soll man da jemanden finden? Man verschafft sich einen Paß und geht in die weite Welt..." „Das tue ich!" rief Jgnaty, sich mit einem Span auf's Bein schlagend...„Wenn schon einmal beschlossen ist, los- zugehen— dann sage ich: immer gerade aus, um so eher kommt man hin.. Die Unterhaltung stockte. Bienen und Wespen kreisten geschäftig umher und vertieften die Stille noch durch ihr summen. Die Vögel zwitscherten, und irgendwo in der Ferne klang ein Lied, das über die Felder dahinirrte. Nach kurzem Schweigen sagte Rybin: „Nun. wir müssen arbeiten... Ihr ruht Euch vielleicht aus? Da in der Hütte steht eine Pritsche. Schütt trockenes Laub hin, Jakob... Und Du, Mutter, gib die Bücher her. Wo sind sie?" Die Mutter und Sophie schnürten ihre Rucksäcke auf. Rybin beugte sich über sie und sagte zufrieden: „Sieh. Das langt... Feine Sachen! Seid Ihr schon lange dabei,.. Wie heißt Ihr denn?" wandte er sich an Sophie. „Anna Jwanowna!" antwortete sie.„Zwölf Jahre bin ich dabei... aber was soll das?" „Nichts. Wart wohl im Gefängnis?" »,>«a. „Siehst Du?" sagte die Mutter halblaut und Vorwurfs- voll.„Und Du hast so grob mit ihr gesprochen..." Er schwieg einen Augenblick, nahm einen Haufen Bücher in die Hand und meinte dann grinsend: „Seid mir nicht böse! Herr und Bauer, das verträgt sich wie Pech und Schwefel, kommt nicht zusammen... springt davon!" „Ich bin keine Herrin, sondern ein Mensch!" erwiderte Sophie. „Das kann sein! Die Hunde sollen früher auch Wölfe gewesen sein... Aber jetzt will ich das da erst einmal vcr- stecken..." Jgnaty und Jakob traten an ihn heran und streckten beide die Hände aus. „Gib uns auch etwas!" bat Jgnaty. «Sind alle Schriften gleich?" fragte Rybin Sophie ».Nein, es sind verschiedene. Da ist auch eine Zeitung.� „Oho!" Alle drei traten schnell in die Hütte. „Der Bauer ist Feuer und Flamme!" sagte die Muttee nachdenklich. „Ja," erwiderte Sophie leise.„Ich habe noch nie ein solches Gesicht gesehen... Wie ein Märtyrer] Gehen wir. auch hinein, ich möchte zusehen..." „Seien Sie ihm nicht böse, weil er so strenge ist», bat die Mutter leise. „Was sind Sie für eine prächtige Frau, Nilowna. �.* Als sie in die Tür traten, erhob Jgnaty den Kopf, blickte flüchtig nach ihnen hin. versenkte die Finger in sein Locken- haar und beugte sich über die auf seinen Knien liegende Zeitung. Rybin stand da, griff auf dem Papier nach einem Sonnenstrahl, der durch eine Dachritze in die Hütte drang, und las, die Lippen bewegend. Jakob lag auf den Knien, lehnte mit der Brust gegen den Rand der Pritsche und las ebenfalls. „Onkel Michailo, man schimpft uns Bauern!" sagte Jakob halblaut. Rybin drehte sich um und antwortete lachend: „Aus Liebe! Wer liebt, der beleidigt nicht— was et auch immer sagt." Jgnaty zog die Luft ein, erhob' den Kopf, lachte und sagte mit geschlossenen Augen: „Hier sieht geschrieben: Die Bauern haben aufgehört, Menschen zu sein... Allerdings, das haben sie!" Ueber sein einfaches, offenes Gesicht glitt ein Schatten von Unzufriedenheit. „Steck Du mal in meiner Haut, dann wollen wir einmal sehen, wie es Dir geht... Schlaukopf!" „Ich lege mich jetzt hin!" sagte die Mutter leise zu Sophie.„Bin doch müde, und mein Kopf dreht sich von dem starken Geruch. Und Sie?" „Ich will nicht!"> Die Mutter streckte sich auf der Pritsche aus und vcr« suchte einzuschlafen. Sophie saß neben ihr, beobachtete die lesenden Arbeiter, und wenn eine Wespe oder eine Hummel über dem Gesicht der Mutter kreiste, jagte sie sie fort. Die Mutter sah das mit halbgeschloss'enen Augen, und Sophies Sorge war ihr angenehm. Tann trat Rybin herzu und flüsterte: „Schläft sie?" Er schwieg, blickte gespannt in das Gesicht der Mutter, seufzte und sagte leise: „Sie ist vielleicht die erste, die ihrem Sohn auf seinem Wege gefolgt ist... die erste!" „Wir wollen sie nicht stören, wollen gehen!" schlug Sophie vor. „Ja, wir müssen arbeiten... ich wollte noch etwas plaudern, aber das hat Zeit bis zum Abend! Kommt, Kinder!" Sie gingen alle drei fort und ließen Sophie bei der Hütte zurück. Die Mutter aber dachte: „Nun, das ist schön... Gott sei Dank... die sind gute Freunde geworden." Und versank, den gewürzten Waldduft einatmend, in ruhigen Schlaf. Abends kamen die Teerbrenner, alle vier zufrieden, daß die Arbeit zu Ende war. Ihre Stimmen weckten die Mutter auf. Sie trat gähnend aus der Hütte und lächelte. „Ihr habt gearbeitet und ich habe geschlafen wie eine Dame!" sagte sie freundlich. „Macht nichts! Das wird Dir verziehen!" erwiderte Rybin. Er war jetzt ruhiger, Müdigkeit hatte seine über- mäßige Erregung gedämpft. „Jgnaty," sagte er,„sorge für Tee... Wir führen hier umschichtig die Wirtschaft... beute gibt Jgnaty uns zu trinken und zu essen..." „Diesen Tag möchte ich meinen Posten wohl abtreten!" seufzte Jgnaty und begann Späne und Reisig für einen Scheiterhaufen zu sammeln. „Gäste sind für alle interessant!" sagte Jefim und setzte sich neben Sophie. „Ich helf Dir, Jgnaty!" rief Jakob und trat in die Hütte. Er brachte einen Laib Brot, begann ihn zu schneiden und die Stücke auf dem Tuch auszubreiten. „Still!" rief Jefim leise.„Da hustet er.. Rybin horchte und nickte: „Ja, er kommt..." Und wandte sich an Sophie und erklärte: „Gleich kolpmt ein guter Zeuge... Ich möchte ihn Wohl in die Stadt führen und auf den Märkten aufstellen, damit die Leute ihn hörten... Er sagt stets dasselbe, aber alle müssen es hören..." Die Stille und Finsternis wurden dichter, die Stimmen klangen weicher. Sophie und die Mutter beobachteten die Bauern— alle bewegten sich langsam, schwer, mit einer sonderbaren Vorsicht und blickten ebenfalls'unverwandt auf die Frauen. Aus dem Walde trat ein hoher, stämmiger Mensch auf den freien Platz, er ging langsam, fest auf einen Stock gestützt, und man hörte seinen heiseren Atem, „Da ist Ssawelyl" rief Jakob. „Ja, da bin ich!" sagte der Mann stehend bleibend und hustete. Er trug einen langen Paletot, der bis auf die Hacken reichte, unter dem runden zerknüllten Hut hing gelbliches, schlichtes Haar in feuchten Strähnen kraftlos herab. Ein helles Bärtchen wuchs in seinem gelben, knochigen Gesicht, sein Mund war halb geöffnet, die Augen unter der Stirn tief eingesunken und glänzten fieberhaft in dunklen Höhlen. Als Rybin ihn mit Sophie bekannt machte, fragte er sie: „Ich habe gehört, Sie haben Bücher für das Volk mit- gebracht?� «/■v�a. „Danke schön... im Namen des Volkes... Es kann selbst die Wahrheit aus Büchern noch nicht verstehen... kann nicht danken... so will denn ich.,, der sie per- standen hat... es tun." (Fortsetzung folgt.) Miener Jux* ' Sehr geehrter Herr Redakteur t »Selbstredend"(oder vielmehr„selbstschweigend") erwarten Sie, dah ich eine Vereinbarung getreulich einhalte. Wir hatten verabredet, datz ich eine Reise in meine Vater-, Mutter-, oder Cousinenstadt Wien dazu benütze, Ihnen einen Bericht zu schreiben über den gegenwärtigen Stand des Donauwassers, mit dem ich getauft bin, sowie der übrigen Flüssigkeiten, welche die„im Reichs- rate vertretenen Königreiche und Länder" vor politischer Ver- Härtung bewahren. Aber die conditio»ine gus non(oder die cou-sine qua non) meines Berichtes sollte ein Füllhorn von ur- wienerischem Humor sein. Ganz besonders freuten Sie sich, daß ich wieder einmal,„wie einst im Mai", meinen lieben Onkel Kasperl im Prater besuche und durch ein Interview Seiner Erz- durchlaucht Ihre werten Leser auf ein Viertelstündchen über die Misere der— na, sagen wir: im Bundesrat vertretenen König- reiche und Länder hinwegtäusche. Ich bitte Sie recht dringend, erlassen Sie mir lieber die Er- füllung meiner Zusage! Wenn Sie wüßten, wie schwer mir über- Haupt, und ganz besonders in diesen Tagen und gerade erst recht in der Stadt des„Wiener Aristophanes", Johann Nestroy's, die alte Lustigkeit wiederkommt: Sie würden Tränenfluten weinen, dah damit die ganze Döberitzcr Heerstraße gespritzt werden könnte. Denn erstens bin ich zum Spaßmachen schon zu alt. Wie lang ist's nicht her, daß ich, um just mit Ncstroy zu sprechen, in etwas getreten bin— nämlich in den heiligen Ehestand! Wie lang ist es gar, seit der Knabe seine ersten Belehrungen über die schwierige Dramaturgie der Bretter und über die noch schwierigere der Welt, die sie bedeuten, durch väterliche und mütterliche und cousinliche Erzählungen über die einzigartige unmittelbare Wirk- samkcit des Autors vom„Lumpazivagabundus" bekommen hat! Ver- gessen kann ich sie nicht, die Weisheiten des Aphoristikers vom Karltheater— mag er nun als Landgraf in der Tannhäuserparodic die Erzählung vom Venusberg begleiten mit dem Ausrufe:„Merk- würdig, unsereiner kommt zu so'was netl", oder mag er die Dramaturgie der Ehe mit der Erkenntnis bereichern:„Wer ein zweites Mal heiratet, verdient nicht, daß ihm seine erste Frau ge- starben ist!" Vergessen kann man das nicht— aber allmählich wird man auch dafür zu alt. Dann zweitens: ich fürchte, Sie und Ihre Leser zu verletzen. Gut genug kennen Sie ja meine Begeisterung für die Bahnhöfe, auf denen man von Berkin abreisen, und für die, auf welchen man in Wien ankommen kann. Immerhin will ich zugestehen, daß Berlin für mich doch einen Vorzug vor Wien hat. In Berlin darf ich wienerisch reden, in Wien darf ich das nicht. Denn wenn ich hier heimatlich spreche, so heißt eS:„Das ist ein ungebüldeter Kerl!" tu ich es aber in Berlin, so tverde ich für einen öfter« reichischcn Ministerpräsidenten oder gar Burgtheaterdirektor ge« halten. Doch was nützt es dem, der's nun einmal nicht ist?! Und drittens: gerade heute sträubt sich meine Feder in einer Weise, deren sich die ältesten Leute nicht mehr entsinnen. Denken Sie sich, wo ich gestern überall war: nachmittags in der neuen Jrrenhausstadt mit einer sezessionistischcn Kirche von Otto Wagner und abends im„Wiener Bürgcrthcater"!— lediglich Zeitmangel hielt mich ab, mir bei den Barmherzigen Brüdern im zweiten Bezirk gratis einen Zahn ziehen zu lassen. Da soll ich Sie viel- leicht noch mit guten Einfällen unterhalten? Gerade in solchen Stimmungen lernt man einsehen, was die guten Einfälle mit den Schiffen gemeinsam haben, die im Sturme landen: sie liegen einem oft so nahe— und man kommt doch nicht d'rauf! Es ist mir so duster und„zuwider" zu Mute, daß ich keinen anderen Ausweg weiß, als entweder eine neue Zeitschrift heraus- zugeben— das letzte verzweifelte Mittel eines Deutschen, der nichts mehr auf der Welt anzufangen weiß— oder wenigstens einen Theaterbericht zu schreiben. Vielleicht fürchten Sie, daß ich Ihrem Herrn Musikreferenten ins Handwerk pfusche? Allein nichts dürfte unnötiger sein, als von Wien nach Berlin über Musik re- fcriercn: sind wir ja doch in Berlin sicher, daß wir dort hinter allem Musikalischen, was auf irgendeinem Opern-, Operetten- und Konzertbrettl der Welt neu geleistet wird, in einem Abstände von höchstens einigen Jahrzehnten herhtnken; besitzen wir ja doch die beste Opernbühne der ganzen Provinz Brandenburg; bringen wir ja doch auf dieser Bühne in jedem— wirklich jedem— Jahrhundert allermindestens eine neue Oper zum ersten Male heraus! Bleibt nichts übrig als ein simples Referat vom Schauspiel. „Wiener Bürgertheater!" Es liegt am Eingange des dritten Be- zirkes, ist als jüngst« Wiener Bühne eröffnet am 7. Dezember 1903, ist gebaut in dem die Bier-Renaissance ablösenden Stil eines Sekt-Empire, wohlbekannt aus verkrachten Volksopcrnbühnen Berlins, diesmal zu vernünftiger Konstruktion sowie zu leidlich eleganten und freundlichen Formen gesteigert.„Bürgertheater"— der Name klingt besser— als.Volkstheater" und wird darum wohl auch volkstümlicher werden. Die Billettpreise stufen sich von 7 Kronen bis zu einer halben Krone(bei den billigeren Vor- stellungen von 4 und 2 Kronen bis zu 3l> und 2l> Hellern) so ab, daß jegliche Reihe um einige Heller weniger kostet, als die vor ihr liegende. Sie glauben gar nicht, wie stolz ich mit unseren 3 Kronen zwischen den kleinlichen Berappern von 3 Kronen 20 Hellern und denen von 4 Kronen 80 Hellern einsam dasaß! Man hält eben bei einem Restroy-Zyklus. Für den Jux, den ich Ihnen nicht machen kann, entschädigte ich mich selber durch dcö Altmeisters Posse:„Einen Jux will er sich machen." Es liegt wirklich eine Größe in der Energie, mit welcher der ungezogene Liebling der Donaugrazicn fein Werk auf die unglaublichsten Wort- und Situationswitze hin zuspitzt. Nur darf unsereiner dabei keinen noch älteren Wiener neben sich haben: die Erinnerung an den Mann, dessen eigene Sprechkunst seine Dichtkunst erst so recht zur Geltung gebracht haben soll, stimmt den Berichterstatter wahrlich nicht weniger unfreundlich gegen heutige Bühnenkunst... Aber nun, verehrter Herr Redakteur, machen Sie sich auf eine Steigerung meines trostlosen Zustandes gefaßt, für die nur der Wiener einen Ausdruck hat, einen Ausdruck, den ihm sein be- rühmtes Leichenbegängnis-Jnstitut, die„Onterprise des pompcs kunebres" so schön zurechtlegt:„Pompfineber-Stimmung"! Ich haben nämlich heute vormittag in allem Ernst wieder meinen alten Freund Kaspar vom Prater besucht und interviewt, wie wir's verabredet haben, und wie ich's schon vor Jahren mit recht zwcifel- haftem Erfolge getan hatte. Sie erinnern sich ja meiner damaligen trübseligen Berichte. Daß ich aber noch um so viel trauriger ge- stimmt wurde als damals, können, Sie nicht ermessen, hätten Sie auch einen Maßstab, so groß wie die Hoffnung mancher Berliner, daß ihre Stadt noch einmal die schönste der Welt werden wird! Denken Sie nur: Kasperl ist jetzt ein an Kindern gesegneter Vater, sogar angehender Großvater. Seine Söhne sind bereits weit über die Lande verstreut. Einer von ihnen ist ein so echter Berliner geworden, daß er genau an der Grenze von Charlotten- bürg, Schöneberg und Wilmersdorf wohnt. Papa Kaspar zeigte einen Brief von ihm. Das Papier war in drei Kolonnen geteilt, und jede trug den Namen einer der drei Städte, deren Grenzen auf dem Schreibtische des Briefstellers zusammenlaufen. Und was stand in dem Briefe von Kasperl junior? 3!ichts Geringeres als ein Projekt für den„Zweckvcrband" Groß-Berlins, ein Projekt von einer Einfachheit, so verblüffend, daß ich starr wurde wie ein modernes Interieur. DaS Projekt bezweckt eine späten Ersatz für die versäumte Eingemeindung der Berliner Vororte in die Residenzstadt, für ihre versäumte Unterwerfung unter die weltberühmte Schwester- stadt von Rixdorf. Ich brauche Sie wohl nicht zu erinnern an den finanziellen Aufschwung, den diese Vororte genommen haben. seit wir Theater-, Musik- und Ausstcllungsrefercntcn des„Vor- wärts" mit fliegenden Fahnen und Möbelwagen aus Berlin hin- ausgezogen sind in die diversen Schlorndorfe. Genug: das Projekt meines guten Kasperl junior beabsichtigt nicht mehr noch weniger als eine Abtretung je eines geschlossenen Grenzstreifens jedes Vorortes an das Areal Berlins. Jeder von ihnen würde demnach mit einem Berliner Ring umgeben sein, nur genau so breit, daß auf ihm eine geschlossene Reihe von Denkmälern Platz hätte. So würde nicht nur das Zusammentreffen mehrerer Ortsaruvven auf einem und demselben Schreibtische vermieden sein, sondern wir würden auch Fortsetzungen der Siegesallee erhalten, wie sie glück- licher nicht zu denken sind. Die künstlerischen Entwürfe hat bereits Professor Messel, die Auswahl der Bedenkmälerten und des Stiles eine noch höhere Persönlichkeit übernommen... Ich brach das Interview rasch ab, und tue gleiches mit meinem Brief und bitte Sie nochmal, mir die Nichterfüllung meiner Zusage nicht übel zu nehmen; aber es geht wirklich nicht t Wien, b. September ISO?., Ihr traurige' _ HanS JsariuS. Kleines f eullletom MaikSferS Brautfahrt..Mutter,' sagte der junge Maikäser zu der alten Maikäferin,.ich will heiraten I Alles schwirrt herum und macht sich lustig und nur ich habe niemand, und da» ist mir der» leidet I' .Schön,' stimmte die Alte ihm bei und putzte an ihrem braunen Rock herum bis er glänzte,.aber vergiss nicht, dass sie au» guter Familie sein muß und die berühmten Maikäserkuchen sollte backen tonnen, denn die liebst du ja besonders.' .Natürlich,' sagte der Freier. Er rieb seine Flügeldecken, be- fühlte seme Fühlhörner, ob sie auch gerade standen, und betrachtete sich dann in einem Tautropfen. Er fand, daß er ein netter Kerl sei und eö wagen könne. Also machte er sich auf die Brautsahrt.— Zuerst kam er zum Rosenkäferchen. Er dienerte und brachte sein Anliegen vor, und da» nette blaue Ding war nicht abgeneigt. Da fing der Maikäfer an: Bor allen Dingen sollte ich wissen. ob Sie aus guter Familie sind, Mutter hält sehr darauf.' .Selbstverständlich,' sagte vornehm da» Rosenkäferchen. .Und reich find Sie auch?' .Natürlich,' sagte eö. .Und können Sie die benihmten Maikäserkuchen backen? Mutter meint...' .Maikäferkuchen? Fällt mir nicht einl' rief böse da» Rosenkäferchen. .wenn Sie welche wollen, können Sie sie sich selber backen l' Und e» drehte ihm den Rücken zu, so daß er sehen konnte, wie schön blau und glänzend e» war. E» tat dem Maikäfer leid, daß nicht» au» der Sache wurde, denn e» war ein herziger Käser, aber natürlich, Maikäferkuchen, das konnte er in der Ehe nicht entbehren l So flog er denn weiter und wischte sich ein Stäubchen vom Flügel, ehe er sich zum nächsten Buchsbaum begab, wo eine Bold- käserfamilie wohnte. Er wurde sehr freundlich aufgenommen, und da» junge Fräulein Goldkäfer saß ihm gegenüber und glänzte über und über. .Können Sie Maikäferkuchen backen?' frug er schüchtern, denn er war etwa» stutzig geworden,.meine Mutter hat mrr aufgetragen danach zu fragen.' .Ich backe vorzüglich,' sagte bescheiden da» Goldkäfercheu. .DaS ist gut,' atmete der Freier erleichtert auf..und reich find Sie ja auch, da» weiß ich. Und wahrscheinlich auch au» guter Familie?' .Rein,' schrie der Vater Goldkäfer,»frecher Kerl, und nun mach. daß du hinauskommst, je eher, je lieber I' Er warf den verblüfften Freier fast die Treppe hinab. .Schade, wirNich schade,' dachte er..Aber Mutter will, daß sie auch vornehm sei, dagegen ist nicht» zu machen I' Darauf machte er bei Laufkäfer» einen Besuch. Die waren wohl vornehm, und das Fräulein konnte auch gute Kuchen backen, aber reich waren sie nicht. Und zuletzt versuchte er es bei der Familie Roßkäfer. Eine gute Familie, eine reiche Familie, auch war da» Roßkäferlein HSuSlich erzogen, aber sie war so häßlich und roch so schlecht, daß der Maikäfer sich nicht entschließen konnte, um»hre Hand zu bitten. Endlich kam er unverrichteter Sache zu seiner Mutter zurück. .Mutter, mit dem Heiraten ist e» nichts!' sagte er, „Ach, dumme» Zeug,' brummte die alte Maikäferin..Morgen versuchst du eö noch einmal. Da hast du eine ganze Liste von jungen Maikäferfräulein», du brauchst nur auszusuchen I' Und am nächsten Morgen putzte sie ihm eigenhändig seine schwarze, seidene Weste, polierte seine Flügel, sprach ihm Mut zu. und gab ihm zum Schills; noch einen kleinen Schubs, denn er wollte nicht so recht zur Türe hinau». Langsam flog unser Maikäfer davon. So unternehmungslustig wie gestern war er nicht mehr, er traute der Sache nicht I Daher setzte er sich auf da» Blatt eines Löwenzahn», der am Wege stand und bat um ein Tröpfchen frischen Morgentau. Der Löwenzahn ließ sich nicht lange bitten und brachte da» gewünschte. .Profit,' sagte der Maikäfer. Da flog eine Libelle vorbei. „Halt l' schrie der Maikäfer,.halt, sitz doch ein wenig zu un» I' Die Libelle ließ sich aus einen, Wegerichstengel nieder. Ganz dunkel- grün und hellblau funkelte ihr Leib und ihre Flügel schimmerten. .Du bist aber schön I' sagte der Maikäfer ganz entzückt..Dich möchte ich heiraten. Du bist doch au» guter Familie?' .Bewahre,' lachte die Libelle. .Reich wahrscheinlich auch nicht?' frug der Freier beklommen weiter. »Roch viel weniger.' Und Maikäierkuchen wirkt du auch keine backen können?' .Warum nicht gark Ich weiß nicht einmal, was da» ist. AVer weißt du wa», backe du sie, und dann essen wir sie zusammen.' .Höre,' sagte der Maikäfer entschlossen,.du gefällst mir halt ausgezeichnet! Willst du mich heiraten?' .Warum nicht,' sagte da» Libellchen,.einmal wird eö ja seit müssen! Geld hast du doch?' .Ja.' sagte der Maikäfer. .Ich werde natürlich tun können, wa» mir gefällt?' »Natürlich,' sagte der Maikäfer wieder. »Und fliegen kann ich. wohin ich will?' .Selbstverständlich,' sagte er zum drittenmal. .Gut, so komme ich.' Und das schöne Geschöpf flog neben ihm her. Die alt« Maikäferin fiel fast von dem Stengel, auf dein st« saß, als die beiden angeflogen kamen. »Kann sie— wollt« sie fragen. Aber der verliebte Bräuttgam kam ihr zuvor. .Nein, sie kann nicht», sie hat nichts und sie ist nichts, aber gerade so gefällt sie mir!' Da» junge Libellchen gaukelte um die alte Maikäferin herum. .Nein, wa» hast du für solide Kleider', bewunderte sie, und darauf gab die Alte sich zufrieden. Am nächsten Tag wurde die Hochzeit gefeiert und bald nachher mußte der Maikäfer eine Reise antreten. .Binde sie an', riet die alte Maikäferin,»sonst fliegt sie dir fort.' Da nahm der Maikäfer einen langen feinen Grashalm und band die Libelle an einem Blumenstengel fest; sie wehrte sich, und flatterte, und schlug mit den Flügeln, aber e» half ihr nicht«, er war zu bange, daß sie ihm fortfliegen möchte. Darauf flog er davon, so schnell er konnte, damit er nur ja recht bald wieder daheim sei. Die Libelle aber langweilte sich sehr an ihrem Grashalm. Erst war sie böse, dann wurde sie still, darauf lachte sie und rief einem vorüberfliegenden Bienchen zu. e« möchte sie doch losbinden. Da« tat das Bienchen. Darauf schüttelte die Libelle ihre Flügel, breitet« sie au« und flog davon, und e» war gerade, al» ob ein blauer Funke vom Himmel gefallen wäre, so glänzte sie. Als der Maikäfer von seiner Reise zurückkam, war niemand mehr da und alles dunkel und öde. Da setzte er sich hin und weinte. Aber daS half ihm nun nichts mehr, warum hatte er die Libelle auch angebunden? I. w. BebrüteteS Obst. Daß für den Menschen die Allwissenheit nicht taugen würde, kann jeder Einsichtige allein danach ermessen. daß er vielleicht Hunger» sterben würde, wenn er von jeder ihm vorgesetzten Speise wüßte, welche Schicksale sie von ihrem natür» lichen Ursprung bis zu ihrem Erscheinen auf dem Eßtisch durch- gemacht hat. Weder die Gesundheitspflege, noch die Polizei, noch beide zusammen können so gründlich in all die gewerblichen und bändlerischen Betriebe hinein leuchten, daß sie einen säubern Zu- stand der Nahrung»- und Genußmittel verbürgen könnten. Viele der absichtlichen oder durch Nachlässigkeit geschehenen Verände- rungen, die den Nahrungsmitteln zu teil werden, sind auch gar nicht als gesundheitsschädlich zu bezeichnen und würden eben nur einen gewissen Ekel hervorrufen, wenn man sie im einzelnen Fall in Erfahrung brächte. Jedenfalls geschieht auch mit den Speisen. die Mutter Natur bereits in einem für den Genuß fertigen Zu« stand hervorbringt, alles Mögliche, was sich dem Licht des TageS entzieht, das gilt auch vom Obst. Im Interesse des Verkäufer» und schließlich auch deS Käufers liegt die Erfüllung zweier Wünsche, die gerade in entgegengesetzter Richtung gehen. Einmal möchte man die Früchte möglichst schnell reif haben, um sie früh und zu hohen Preisen auf den Markt bringen zu können, und andererseits möchte man ihre Reife möglichst lange verzögern, um sie noch in möglichst frischem Zustande zu späterer Jahreszeit mit gleichfalls größerem Nutzen an den Mann bringen zu können. Beides zu- sammen läßt sich natürlich bei ein und derselben Frucht nicht er» reichen, aber ein kluger Lbstgärtner wird vielleicht seine Ernte so einteilen können, daß er nach beiden Richtungen hin Vorteil zieht. Von dem Bebrüten des Obstes, also der Erzielung einer schnellen Reife, ist in letzter Zeit in fachlichen Kreisen häufiger die Rede ge- wesen, und das ist gut. damit das.landläufige' Verfahren, das schon manchem Obstliebhaber eine Gänsehaut verursacht hat. nämlich einfach die Wärme des BetteS zum Nachreifen von Obst zu benutzen, durch einwandfreiere Mittel ersetzt wird. Die Garten- flora sagt darüber, daß ein solches Bebrüten von Obst an sich auf diese Weise wohl erzielt werden kann und daß schon vor iü Jahren durch Anwendung von Federbetten unreif abgenommene MuS- kateller-Frühbirncn 1— 2 Wochen früher zur Reife und zum Ber- kauf gebracht wurden. Es ist dagegen wohl auch kaum etlvas einzuwenden, wenn eben nur saubere und unbenutzte Federbetten dazu gebraucht werden. Daß der größte Teil des Obstes unreif geerntet wird, ist an sich begreiflich und fast Gebot, weil ein bereits vollreifes Obst einen Versand kaum noch verträgt. Immerhin dürfte es von der Vorsicht geboten sein, die Benutzung von Betten zur Bebrütung von Obst für unzulässig zu erklären und statt dessen lieber die Verpackung in Fässern und Kisten mit Stroh oder noch besser die Aufbewahrung in leerstehenden Gewächshäusern oder in Mistbeeten zu empfehlen. Weit leichter und in ihrem Erfolge sicherer ist die Verzögerung der Reife. Es genügt zu diesem Zweck, nachdem das Obst selbswerständlich noch unreif geerntet worden ist, leine Ausbewabruna bei niedriger Temperatur, also aerade die entgegengesetzte Behandlung. Auf diesem Wege werden heute ja überhaupt die außerordentlichsten Erfolge erzielt, indem man auch die Blüte und Frucht der Gewächse selbst durch den Einfluß von Kälte nach Belieben hinauszögert. Kunst. Im Hause der Berliner Stzession wurde am Donnerstag eine Ausstellung von Antiquitäten und Kunstgegenständen feierlich mit Gesang und Kaiserhoch eröffnet. Es handelte sich bei dem Unternehmen um eine wohl- tätige Veranstaltung zu Gunsten des von„allerhöchster Stelle" pro- legierten Vereins Frauenerwerb, der von dem Erlös der Ausstellung sich ein Erholungsheim zu gründen gedenkt. Dieses Ziel wäre nun zweifellos auch auf einem weniger umständlichen Wege zu erreichen gewesen, aber das Arrangement solcher Aus- stellungen hat den Borzug, daß es nebenbei zahlreichen beschäfti- gungslosen Mitgliedern der Finanz- und Geburtsaristokratie Gelegenheit bietet, sich die Langeweile zu vertreiben und mit ihren Namen in der Oeffentlichkeit zu paradieren. Ueber das dabei zustande gekommene Unternehmen selber, dessen Vorbereitungen nach der Versicherung des eröffnenden Kvmiteemitgliedes„jähre- langen angestrengten Fleiß" erfordert haben, ist weiter kein Wort zu verlieren. Alte und neuere Oelbilder, Plastiken, Möbelstücke, Ansichtspostkarten, Teppiche, Uhren, frisches Obst, Gold- und Silberivaren, weibliche Handarbeiten, Geigen, Pianinos, Mammut- rippen und Riesen-Bismarck-Sonnenblunien füllen, wahllos durch- einander gewürfelt, die neun Säle des Sezessionshauscs. Einige Berliner Möbeltischler, Juweliere und Kunsthändler. Maler und Bildhauer ziocitcn und dritten Ranges, private Sammler und dilettiercnde Haustöchter haben diese Schätze aus ihren Vorräten beigesteuert. In der Antiken-Abteilung wimmelt es von Rem- brandts, Raphaels, Corregios, Murillos, Rubens, Lionardos, van Eycks, Dürers, Ruysdaels usw., für deren unzweifelhafte Echtheit eine, leider anonyme,„Begutachtungskommission bekannter Autoritäten" garantiert. Der Eintrittspreis beträgt 1 M. Wer durch die Leipziger» und Potsdamerstraße promeniert und die dortigen Schaufenster betrachtet, hat, und dazu gratis, denselben Kunstgenuß. J. S. Gesundheitspflege. Die Ueberfüllung unserer Krankenhäuser. Die Krankenhäuser gehören zu den kostspieligsten städtischen Jnsti- tutionen und die Ausgaben für dieselben wachsen mit der Zunahme der Städte und namentlich seit der Aera der sozialen Versicherung ins Ungemessenc. Ein charakteristisches Beispiel hierfür bietet die Stadt Berlin. Kaum ist das Rudolf Virchow-KrankenhauS eröffnet, das eine kleine Stadt für sich bildet, so stellt sich doch die Notwendigkeit heraus, in allernächster Zeit neue Hospitäler zu er- bauen. Die Krankenhäuser find ständig überfüllt und Schwer- kranke müssen oft von einem Spital nach dem anderen gefahren werden, bis sie endlich Unterkunft finden.' Bezeichnend dafür ist, daß die in einer Anzahl größerer Städte errichteten AuSkunfts- stellen über die Belegung der Krankenhäuser sich bald als unent- bchrlich erwiesen haben. Abhülfe kann hier nur auf einem Wege geschaffen werden, den bereits bor lö Jahren Professor v. Ziemssen in München angegeben hat, der aber bedauerlicherweise bis jetzt nicht weiter betreten wurde. Das ist die Errichtung ländlicher Sanatorien im Anschluß an die städtischen Krankenhäuser. In diese gehören alle Rekonvaleszenten von schweren Krankheiten und eine Reihe chronisch Kranker, die aus den allgemeinen Kranken- Häusern abkömmlich sind und dort nur den Platz versperren. Die Kosten für die Gelände, Gebäude und Einrichtungen solcher An» stalten erreichen nicht im entferntesten die Höhe der Kosten der städtischen Krankenhäuser. Diese Sanatorien sind einfach, aber doch solid und zweckmäßig einzurichten, ihr Betrieb ist bedeutend billiger wie derjenige der allgemeinen 5krankenhäuser, weil viel weniger Arzt- und Wartepersonal benötigt ist. Auf die BeHand- lung mit Arzneien wäre nämlich dort weniger Gewicht zu legen, wie auf reichliche Ernährung, Bäder und physikalische Behandlung. Mit diesen Sanatorien müssen daher Institute für physikalische Therapie verbunden sein und sie werden daher auch in Betracht kommen für ärmere Patienten, welche sich den Aufenthalt in teueren Sanatorien nicht leisten können.— r. Medizinisches. Sonn enbäder bei Tuberkulose. DaS Anlvendungs- gebiet der Sonnenbäder als Heilmittel ist neuerdings durch den Gebrauch derselben bei Tuberkulose in bemerkenswerter Weise er- weitert worden. Am frühesten ist das direkte Sonnenlicht zur Be- Handlung der Kehlkopituberkulose in der Heilanstalt Alland vcr- wendet worden. Nachdem dann örtliche tuberkulöse Affektionen zuerst von Poncet mit Sonnenbädern behandelt worden waren, derichtete neuerdings der Kinderarzt Dr. Oppcnhcimer in München über günstige Erfolge bei tuberkulöser Bauchfellentzündung. Diese? Leiden, das im Volksmund gewöhnlich als„Drüsen im Leib" be- zeichnet wird, beruht auf einer Lokalisation des Tubcrkelbazillus auf dem Bauchfell. Die davon befallenen Kinder leiden an Wasser- süchtigen Anschwellungen des LeibcS, wodurch sie einen unförmlich starken llnterleilwbckominen. der zu dem mageren Oberkörper in ausfallendem Gegensätze steht. DaS Leiden ist bisher vielfach durch den Bauchschnitt günstig beeinflußt worden. Oppenheimer konnke bei zwei kleinen Patienten gute Erfolge mit Sonnenbädern er» zielen. Der eine, ein tvjähriger Knabe, lief 14 Tage lang nackt auf einer Wiese herum, legte sich von Zeit zu Zeit in die Sonne und kühlte sich dann wieder ab. Dabei nahm die wassersüchtige Anschwellung ab, das Aussehen wurde besser und das Kind wurde vergnügt und munter. Auch bei dem anderen Patienten, einem Mädchen, das die Sonnenbäder auf dem Dache eines Wohnhauses nahm, hob sich das Körpergewicht, so lange es auf dem Lande war und dort die Bäder gebrauchte; kehrte es nach der Stadt zurück, so verschlimmerte sich sein Befinden und es verlor wieder an Ge- wicht. Die Wirkung der Sonnenbäder ist so zu erklären, daß sie einen Blutzufluß nach den kranken Teilen einleiten, wodurch die Heilung begünstigt wird. Vielleicht mag die desinfektorische Wirkung des Sonnenlichtes auch mitspielen. iL Humoristisches. — Au» der Physik st unde. Professor: Wie Sie sehen, meine Herren, sehen Sie jetzt nichts. Warum Sie nichts sehen, werden Sie gleich sehen." — Aus der Schule. Die Lehrerin will in der Schule den Begriff„Egoismus" und„Egoisten" erklären und sagt:„Wer find die Menschen, die alles für sich in Anspruch nehmen, welche der« langen, daß sich olles um sie dreht, daß alles sich um sie kümmert. daß ihnen stets das Beste gegeben wird und daß man sie niemals vernachlässigt, nnd welche doch wiederum keinem Menschen etwas Gutes erweisen, gar nicht daran denken, sich zu bedanken für das, ivas man ihnen tut, sich auch nicht die geringste Mühe geben, liebenswürdig zu sein?" — Nach einer langen Pause meldet sich ein kleines Mädchen und ruft:„Fräulem, das sind die Wickelkinder I" l-Fliegende Blätter".) — Wahr. Der Hausbesitzer war mit einem Arzt in Streit geraten, weil dessen Hund immer die Hühner jagte. Der Arzt klagte wegen verschiedener beleidigenden Worte, und der Hausbesitzer wurde verurteilt.„Sie hätten den Hund schelten sollen, nicht den Besitzer," sagte der Richter.— Seit diesem Tage schalt der Haus- besitzer, wenn er den Arzt mit seinem Hunde sah, immer:„Du Hund von einem Doktor I" f, D i e L u st i g e Woche".) Notizen. — Die diesjährige Hauptversammlung der Gesellschaft für Verbreitung von Bollsbildung findet von, 28, bis 30. September in Hannover statt. Die Ver- Handlungen sollen die Beziehungen zwischen der Heimat und den freiwilligen Bildungsbestrebungen zur Darstellung bringen. — Ein W i e I a n d- M u s e u m ist am 3. September im Geburtsort de» Dichters, in Biberach. eingerichtet worden. DaS Museum enthält eine beträchtliche Wieland-Bibliothek, vierzig Bild» nisse deS Dichters nnd zahlreiche sonstige Andenken an Wieland. — Die Auslegung eines den Erdball um» spannenden allbritischen TelegrapbenkabelS hat nach der„Elekt, World" die Handelskammer in Ottawa bei der Kanada-Regierung angeregt. Dir Regierung gab ihr Einverständnis mit dem Plane zu erkennen. — Die deutsche Sprache in Japan. Die Zeitungen in Tokio besprechen die Tatsache, daß das Studium der deutschen Sprach« in Japan in den letzten Jahren stark abgenommen habe, Sie konstatieren das auf Grund der Examina, die alljährlich in der Sprachschule zu Tokio abgelegt werden. Bei den Schlußprüsungen, die im Juli 1900, dem ersten Jahre des Bestehens der Anstalt stattfanden, waren die Sprachen, denen sich die meisten Schüler gewidmet hatten: Englisch, Chinesisch, Deutsch und Russisch; Französisch, Spanisch und Koreanisch standen zurück. Im Jahre 1904 hatte sich dann die Zahl der Chinesisch Erlernende» verdoppelt, die der Englisch Studierenden war stark zurückgegangen; die deutschen Sprachschüler hatten sich vermehrt. Im Jahre 1907 aber ist die Zahl der Deutsch Lernenden stark zurückgegangen und an die siebente Stelle gerückt. Während im Englischen 30 Schüler da? Schlußexamen bestanden, im Chinesischen 27, im Russischen 21. im Französischen 20, im Spanischen 19 und im Koreanischen 16. bestanden nur 13 Deutsch Lernende die Prüfung. DaS Deutsche zieht die Studenten, die sich praktischen Berufen widmen, nicht mehr so an, sondern wirb nur zu wissenschaftlichen Zwecken erlernt. — Ein Mammutfund. Eine Gesellschaft von Gelehrten, die unter der Führung des Professor C, W, Gilmore vom Smith- sonian-Jnstitut in Washington Alaska bereist, hat einen Mammut- fund in Zentral-Alaska gemacht. Das Tier lag wohl erhalten im Eise und maß in der Länge 75 Fuß und zwischen 40 und 50 Fuß in der Höhe; es wird als eines der besten bisher aufgefundenen bezeichnet. Stoßzähne und Knochen sind in guter Beschaffenheit; das Fleisch, das im Eise einen lebenswahren Eindruck bot, schrumpfte sofort zusammen, als eö mit der Lust in Berührung kam. Verantwortl. Redakteur: HanS Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerIag»anstalt Paul Singer ScCo., Berlin LtzV.