Nnterhaltungsblatt des Nr. 175. Dienstag, den 10� September� (Nachdruck verVoten.) 611 Die JVIutter» Roman von Maxim Gor!i. Deutsch von Adolf Hetz. Ssawely atmete schnell, zog die Luft mit kurzen, gierigen Zügen ein. Seine Stimme setzte oft aus, seine knochige» Finger an den kraftlosen Händen glitten auf der Brust hin und versuchten, die Paletotknöpfe aufzuknöpfen. „Es schadet Ihnen so spät im Walde... Laubwald ist feucht und schwül!" bemerkte Sophie. „Mir hilft nichts mehr!" keuchte er.„Mir hilft nur noch der Tod..." Es war nicht leicht, ihn anzuhören, und seine ganze Gestalt rief jenes überflüssige Mitleid hervor, das seine eigene Ohnmacht kennt und verdrießlichen Aerger erweckt. Er setzte sich auf ein Faß, beugte die Knie so vorsichtig, als fürchtete er, sie könnten brechen, und rieb die schweißige Stirn. Sein Haar war trocken, tot. Der Scheiterhaufen flammte auf, ringsum zitterte und schaukelte alles, die Schatten flohen furchtsam in den Wald, alÄ hätten sie sich verbrannt, und über dem Feuer schimmerte das runde Gesicht Jgnatys mit aufgeblasenen Backen. Es roch nach Rauch: wieder ballten sich Stille und Nebel lauernd auf dem Platz zusammen und lauschten auf die heiseren Worte des Kranken: „Aber dem Volk,,. kann ich als Zeuge von Verbrechen noch Nutzen bringen.,. Da, sehen Sie mich an... ich bin achtundzwanzig Jahre, aber— ein toter Mann! Und vor zehn Jahren habe ich ohne Mühe zwölf Pud getragen... Mit der Gesundheit, dachte ich, brauchst Du noch siebzig Jahre bis zum Kirchhof... Aber dann vergingen zehn— und jetzt kann ich nicht mehr. Die Herren haben mich bestohlen, mir vierzig Jahre meines Lebens geraubt.,. vierzig Jahre..." „Das ist seine Melodie!" sagte Rybin dumpf. Das Feuer flammte wieder auf. aber jetzt schon kräftiger, Heller, wieder wichen Schatten in den Wald, wieder schlichen sie an's Feuer heran und zitterten um den Scheiterhaufen in stummem, feindseligem Tanz. Im Feuer knisterte und ächzte nasses Reisig. Die Blätter an den Bäumen flüsterten und rauschten, von der warmen Luftwelle beunruhigt. Fröhliche, lebendige, gelbe und rote Flammenzungen spielten mitein- ander, umfangen sich, stiegen in die Höhe, streuten Funken, heiße Blätter flogen auf, und die Sterne am Himmel fun- leiten lächelnd und lockten..» „Das ist nicht mein Lied... Tausend Menschen singen es... für sich, ohne die heilsame Lehre zu verstehen, die das Volk daraus ziehen kann... Wieviel Wesen werden durch die Arbeit zu Tode gequält, wieviel Krüppel gehen schweigend vor Hunger zugrunde... Wir müssen schreien, Brüder, müssen schreien!" Er hustete, krümmte sich und zitterte am ganzen Leibe. „Warum?" fragte Jefim.„Mein Kummer— ist meine Sache... Bin ich froh, dann sieh zu.. „Stör' ihn nicht!" riet Rybin. „Du hast ja selbst gesagt, man soll mit seinem Kummer nicht prahlen!" bemerkte Jefim finster. „Hier handelt es sich um etwas anderes, um das gemein- same Leid, nicht um das persönliche," sagte Rybin eindringlich. „Hier hat ein Mensch eine Tiefe ausgcmessen und ist nun am Ertrinken... Da ruft er der Welt zu:„He, geht nicht diesen Weg!..." Jakob stellte einen Eimer Kwas auf den Tisch, warf einen Bund grünen Lauchs hin und sagte zum Kranken: „5tonim, Ssawely, ich bring' Dir Milch..." Ssawely schüttelte den Kops, aber Jakob faßte ihn unter die Achsel, hob ihn auf und führte ihn zum Tisch. „Hören Sie," sagte Sophie leise und vorwurfsvoll zu Rybin,„warum haben Sie ihn hierher gerufen? Er kann' jede Minute sterben...* „Das kann er!" stimmte Rybin ihr bei.„Mag er doch unter Menschen sterben... das ist leichter, als allein... Einstweilen soll er nur reden... Sein Leben ist für nichts und wieder nichts zugrunde gerichtet— da mag er nun der Menschen wegen noch etwas ausharren... das tut nichts!" „Sie scheinen Ihr Vergnügen daran zu haben!" rief Sophie. Rybin blickte sie an und erwiderte finster: „Das waren die Herren, die ihr Vergnügen daran hatten, als Christus am Kreuze jammerte: wir aber lernen von den Menschen und wollen, daß Ihr noch etwas lernt.. Die Mutter hob erschreckt die Brauen und sagte: „Hört doch auf!" Am Tisch begann der Kranke wieder: „Sie richten die Menschen durch Arbeit zugrunde... warum? Stehlen den Leuten das Leben— warum? frage ich. Unser Herr— ich habe mein Leben auf der Fabrik Nefedow verloren— schenkte einer Sängerin goldenes Wasch» geschirr... und sogar ein goldener Nachttopf war dabei... In diesem Topf steckt meine Kraft, mein Leben... dafür ist es hingeopfert... Er hat mich durch Arbeit umgebracht. um seine Geliebte mit meinem Blut zu amüsieren... hat ihr sür mein Blut einen goldenen Nachttopf gekauft." „Der Mensch ist nach Gottes Ebenbild und ihm gleich geschaffen," sagte Jefim lachend.„Aber nun haben wir gehört, wozu man gebraucht wird... Das ist gut!" „Dazu schweigen wir nicht!" rief Rybin und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Das dulden wir nicht!" fügte Jakob leise hinzu. Jgnaty verzog das Gesicht. Die Mutter bemerkte, daß alle drei Burschen wenig sprachen, aber mit der unersättlichen Aufmerksamkeit hungriger Seelen zuhörten, und jedesmal, wenn Rybin sprach, blickten sie ihm lauernd ins Gesicht... Ssawclys Worte riefen in ihren Gesichtern sonderbaren scharfen Spott her- vor. Mitleid mit dem Kranken war in ihnen nicht zu spüren. Die Mutter beugte sich zu Sophie hin und fragte leise: „Sagt er wirklich die Wahrheit?" Sophie antwortete laut: „Ja. das ist wahr! Von solchem Geschenk hat etwas in der Zeitung gestanden... Das war in Moskau..." „Und dafür hat er keine Strafe bekommen..." sagte Rybin dumpf.„Das müßte er doch... er müßte zum Volk hinausgeführt und in Stücke gehauen werden, und sein Fleisch, das verfluchte, müßte man den Hunden vorwerfen... Große Strafgerichte wird das Volk halten, wenn es aufsteht. Wird viel Blut vergießen, um seine Kränkungen abzuwaschen. Dieses Blut ist— sein Blut, aus seinen Adern gesogen. DaS gehört ihm." „Es ist kalt!" sagte der Kranke. Jakob half ihm aufstehen und führte ihn zum Feuer. Der Scheiterhaufen brannte gleichmäßig hell, und die gesichtslosen Schatten zitterten um ihn herum und beobach- teten erstaunt das lustige Spiel des Feuers. Ssawely setzte sich auf einen Baumstumpf und streckte seine durchsichtigen, trockenen Hände nach dem Feuer aus. Rybin nickte nach seiner Seite hin und sagte zu Sophie: „Das— ist schärfer als Bücher! Das— muß man wissen! ,. Wenn eine Maschine einem Arbeiter den Arm abreißt, oder ihn tötet, so wird erklärt— hat selbst Schuld. Wenn aber einem Menschen das Blut ausgesaugt und er weg- geworfen wird, wie Aas... so läßt sich das nicht erklären. Ich begreife jeden Mord... aber dieses Foltern zum Ver- gnügen— das begreife ich nicht!... Und warum foltert man die Leute, warum quält man uns alle? Zum Vergnügen, aus Scherz, damit man lustig auf Erden leben, sich sür das Volksblut alles kaufen kann— eine Sängerin, Pferde, silberne Messer, goldenes Geschirr... teures Spielzeug für die Kinder. Du mußt arbeiten, immer mehr arbeiten, ich aber scharre mir durch Deine Arbeit Geld zusammen und schenke meiner Geliebten einen goldenen Nachttopf." Die Mutter hörte zu. Wieder blitzte als heller Streifen in der Finsternis der Weg Pawels und seiner Mitgänger vor ihr auf, Als das Abendessen beendet war, lagerten sich alle um den Scheiterhaufen: vor ihnen brannte geschwinde das Holz aufzehrende Feuer, und hinter ihnen hing Finsternis, die den Wald und den Himmel verhüllte... Der Kranke blickte mit weitgeösfneten Augen auf das Feuer, hustete im interbrochen und zitterte am ganzen Leibe. Es schien, daß die Reste seines Lebens unaufhaltsam aus seiner Brust hervorbrachen und Ken trockenen, von Krontheit aufgezehrten Korper zu der- lassen sllchten. Der Abglanz der Flanmie zitterte in seinen! Gesicht, ohne die tote Haut zu beleben. Nur die Augen des Kranken brannten in einem bläulichen, erlöschenden Feuer. „Vielleicht willst Du in die Hütte gehen, Ssawely?" fragte Jakob, sich über ihn beugend. „Warum?" erwiderte e» mühsam.„Ich bleibe hier sitzen ... werde schon nicht mehr lange unter Menschen sein... nicht mehr lange!" Er betrachtete alle, schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit schwachem Lächeln fort: „Bei Euch fühle ich mich wohl... sehe Euch an und denke— vielleicht entschädigt Ihr uns für die, die man aus- geplündert hat... für das ganze Volk, das aus Gier hin- geniordet ist..." Er bekam keine Antwort und schlief bald, den Kopf kraft- los auf die Brust gesenkt, ein. Rybin blickte ihn an und sagte leise: „Da kommt er nun zu uns, sitzt hier und erzählt immer ein und dasselbe... von diesem Hohn auf die Menschen. Darin liegt seine ganze Seele, als wenn man ihm die Augen ausgestochen hätte und er nichts weiter sähe." (Fortsetzung folgt.? Oer präkiftoriscde Mtild). (Ein Traum.) Nach dem Französischen von M. E. Schade. Nachdem ich lange Stunden damit zugebracht hatte, über den Ursprung des Menschen nachzudenken, war ich, erschöpft von der Uebermudung und den unnützen Anstrengungen, eingeschlafen, Da hatte ich einen Traum. Eine große und schöngewachsene Frau, in ihr edleS Gewand gehüllt wie eine Göttin von Phidias, stand plötzlich vor mir und sagt-, mit ernster Stimme:„Ich weiß, was Du suchest, und ich kann Dich zufriedenstellen! willst Du mir folgen?" „Wer bist Du, eine Fee, eine Seherin?" „Ich bin die menschliche Wissenschaft." „Du hast so oft diejenigen getäuscht, die ihr Vertrauen in Dich setzten," „Ich habe bisweilen irren, ich habe mich In Engpässe und in wirres Gestrüpp verlieren können� aber ich habe immer den rechten Weg zurückzufinden gewußt, und jetzt wird mein Gang von Stunde zu Stunde fester und sicherer." „Ich stelle mich Dir zur Verfügung, führe mich. Wohin gehen wir?" „Wir werden in die unermeßliche Nacht vergangener Jahr- hunderte hinabsteigen. Vergiß die Chronologie, die man Dich während Deiner Kindheit gelehrt hat; der Gedanke an die Zeit, die wir jetzt durcheilen werden, wird Deine Phantasie erschrecken. Während dieser langen Reihe von Jahrhunderte» hat die Erde mehrere Male sich umgebildet. Vollständige Schöpfungen, Meere und Länder, Tierreiche und Pflanzenreiche sind entschwundenen Schöpfungen gefolgt. Nach einem Ausdruck der Bibel selbst„hat die Natur ihre Kleidungsstücke gewechselt, wenn sie alt tvaren". Nichts auf dieser Welt von ehemals vermag an die Welt von heute zu erinnern." „Wieviel Jahrhunderte," fragte ich.„sind verflossen seit dem Zeitpunkte, in dem wir uns befinden, und dem, den Du mich kennen lehren wirst?" „230 000 bis 240 000 Jahre." Ich zitterte, als ich diese Ziffer hörte, aber ich hatte nicht Zeit, einen Zweifel auszudrücken oder eine Frage zu stellen;„die Wissenschaft" legte ihre harte und marmorkalte Hand auf mich und sagte:„Komm!" Ich fühlte mich davongetragen mit einer wunderbaren Ge» schwindigkeit durch unermeßliche Räume. Lille Arten schrecklicher und lachender Gestalten, herrliche Landschaften, merkwürdige Färbungen setzten sich zusammen zu grandiosen Gemälden, die ohne Ende auf meiner Fahrt sich änderten. Die ganze prähistorische Aera rollte sich vor mir ab mit ihren kolossalen Wanderungen. ihren blutigen Kriegen, ihren seltenen Idyllen. Dann sah ich den guarternären Menschen mit seinen wilden Gesichtszügen, mit seiner Fellbckleidung und seinem Steinbeil, wie er Schutz sucht unter Felsen oder in Höhlen. Die Natur bot mir majestätische und un- vorhergesehene Anblicke. Wo man heute bevölkerte und blühende Städte sieht, dehnte sich ein Ozean ohne Grenzen aus. Vulkane schleuderten Flammen und Laven unter Donncrgekrach und furcht- baren Erdbeben, während die Gletscher der Eisperiode ungeheuere erratische Blöcke bis zu 280 Kilometer von dem Punkte ab trugen, wo sie sie herausgerissen hatten. In dem Maße, wie ich vorrückte, wurde das Licht weniger leb- hast. Oft hieß es sogar, vollständig ncbelerfüllte Räume zu durch. queren; aber ich hörte nicht auf, unter der Leitung meines Führers voranzuschrciten, und plötzlich, als ich gleichsam aus einer dunklen Wolke hervortrat, fühlte ich, wie die Marmorhand mich zurückhielt. „Jetzt schaue auf!" sagte man z» mir. Ich ließ die Augen umherschweifen und sah folgendes: Ich stand am Ufer eines Sees, dessen azurblaues Wasser sich bis zu den letzten Grenzen des HorizönteS ausdehnte. Diese Wasser spiegelten ruhig und milde den Himmel wider und waren stellenweise mit prächtigen Seerosen bedeckt, deren runde Blätter und breite, wohlduftende Blüten bei der geringsten Bewegung der Fluten hin und her schwankten. Nahe am Ufer war ein Wirrwarr von Sumpfpflanzen, wo man unter Rohrkolben und Binsen, die zu unserer Flora gehörten, Bambus und Papyrus der tropischen Fkora bemerkte. Ebenso sah ich am niedrigen Ufer viele Bäume unserer Himmelsstriche, Eichen, Pappeln, Eschen, Ahornbäume; aber» o Wunder, inmitten dieser Pflanzen des gemüßigten Europas standen hohe, herrliche Palmen, die ihre grünen Fächer über- da» Blau des Himmels ausbreiteten, baumhohes Jarrnkraut. wie das von Madagaskar, Myrten, Lorbeeren, Kamphcrbäume, die weithin aromatische Düfte ausströmten— eine ganze Welt kostba�r Bäume, die heute in Afrika und Asien leben und gedeihen. Die Luft um mich war warm, rein und klar, und die Sonne ver» breitete Wärme, wie sie unter unserem Himmel nicht üblich ist. Ich betrachtete mit Erstaunen und Bewunderung diese herrliche Landschaft und suchte einige ihrer Bewohner zu entdecken.'Sie waren zahlreich, und alle waren neu für mich. Wenn die Vege- tation in gewissen Arten fast mit der unserigcn gleich schien, so boten die Tiere, die diese kräuterreichcn Ebenen durcheilten, nur ganz eigentümliche Typen, von denen man in der Periode des letzigcn Erdenlcbens ähnliche nicht finden kann. Breite, schwarze Punkte, die sich auf der Oberfläche des Sees zeigten und schnell wuchsen, nahmen schließlich die Gestalten enormer Krokodile an. Mehrere dieser furchtbaren Saurier zwängten sich durch die Rohr- gewächse uns versuchten, irgendwelche lebende Beute auf dem Ufer zu erfassen. Zweifellos waren sie nicht von derselben Art wie die Krokodile des Nils, die Kaimans Amerikas oder die Gavials von Sumatra; sie flöhten aber gewaltigen Schrecken den Wasservögcln wie den kleinen Säugetieren ein. die dabonflohen oder davonflogen» indem sie unbekannte Schreie ausstießen. Gewisse Landtiere erschienen mir sehr bemerkenswert. Da waren Rhinozerosse ohne Horn auf der Nase; viel länger und schmaler alz unsere afrikanischen Rhinozerosse, wühlten sie in dem Sumpf, verfolgten sich und lieferten sich, bedeckt mit Schlamm, Schlachten. AuS dem Dickicht sah ich einen Tapir herankommen, ganz verschieden von den unseriaen, aber mit dem Halbrüsscl, der die Art charakterisiert, dann eine Art Wildschwein mit kurzen Glied» maßen, dessen Formen denen des Flußpferdes alichen. Sie machten Jagd auf kleine Schweine, die sich zufällig auf ihrem Wege befanden, und stießen ein Geheul aus, das die Ruhe jener pittoresken Einsamkeit störte. Hier und dort weideten auf der Wiese alle Arten bizarrer Wesen, die jetzt vollständig von der Oberfläche der Erde ver» schwundcn sind. Zuerst eine Art Pferd von hohem Wuchs, dessen schwere und massige Glieder in nichts an die graziösen Glieder unserer Pferde erinnern. Antilopen von verschiedener Größe, aber meist ohne Hörner, eilten durch die Ebene mit Windesschnelle, und unter ihnen unterschied ich eine Art von Bisamhirschcn, deren ge» schmeidige Bewegungen und winzige Form aus ihnen die reizendsten Wesen ihrer Art machten. Voll Bestürzung betrachtete ich diese wunderbaren Einzel» heiten. Unter dieser brennenden Sonne, in Gegenwart dieser Palm- und Kampherbäuinc, dieses baumhohen FarrneS, sagte ich» indem ich mit dem Blicke die Bewegungen der Krokodile in dem See, der Rhinozerosse an dem Ufer verfolgte, ganz laut zu mir: „Ich bin zweifellos in Llegypten, und dieser See ist einer von denen, die der Nil in seinem gewaltigen Laufe bildet; vielleicht auch bin ich nach Indien, an die Ufer des Ganges gelangt.... „Du bist," sagte eine rauhe Stimme hinter mir,„an dem Orte, wo sich in mehreren Hunderttausenden von Jahren das fron- zösische Dorf Thenay im Departement Loire-ct-Chcr erheben wird. Dieser See bedeckt das, was eine? Tages die Ebene von la Beauce mit den üppigen Saatfeldern sein wird, ich habe Dich an eine der ältesten Niederlassungen des prähistorischen Menschen geführt." „Der Mensch." rief ich auS,„der Mensch, wo ist er?" „Suche ihn, er wird Dir ohne Zweifel verschieden von dem erscheinen, den Du Dir vorstelltest. SIber erinnere Dich daran, daß ich Dich in diese Unterwelt geführt habe, aus der nach manchen Modifikationen die Arten hervorgehen, die jetzt auf der Erde leben. ?llle die Tiere, die vor Dir sind, werden verschwinden, um denen Platz zu machen, deren Vorgänger sie sind. Der Mensch wird sich diesen verhängnisvollen Gesetzen der Lebewesen nicht entziehen können." Ich Härte nicht mehr hin; die Versicherung, daß der Mensch nah bei mir sei, nahm mich ganz und gar in Anspruch. Eifrig fing ich an umherzuspähen. Plötzlich erregte ein bis dahin unbemerkter Umstand meine Aufmerksamkeit. Einige hundert Schritte entfernt hinter einem Wall von Mimosen und Koniferen am Fuße eines mit Dornen» bäumen besetzten Felsens stieg ein dünner Faden Rauch zum Himmel.empor.„Feuer," rief ich auS,„die Entdeckung des Feuer» ist der erste Ausdruck menschlicher Intelligenz"eweien. Der Mensch ist also dort." tlnd verfolgt von dem ein wenig spöttisckien Lachen meines Führers, rückte ich zu der Stelle vor, wo der Rauch sichtbar war. Ich erreichte den Rand eines Waldes, wo Bäume des Hoch- Waldes mit einigen mit Farrenkraut bestandenen Felsen wechselten. Dichtes Gesträuch bildete das Unterholz, und mitten durch dieses schlängelten sich leichte Pfade, ähnlich denen, die in wildreichen Gegenden das Wild zurückläßt, wenn es zur Aesung geht. In dem Maße, wie ich mich näherte, hörte ich ein verworrenes Geräusch und unterschied endlich Stimmen von ganz neuem Charakter. Bald stand ich vor einer großen Anzahl rätselhafter Wesen.... Wenn diese Wesen tatsächlich zuni Menschengeschlechts ge- hörten, dann waren sie von viel kleinerem Wüchse als der unserige; die größten schienen nicht mehr als einen Meter hoch zu sein. Sie gingen auf zwei Füßen, indem sie die ganze Sohle auf den Boden stützten: aber ihre große Fußzehe war von den anderen Zehen weit getrennt und beweglich wie unsere Daumen, was ihnen die Fähigkeit geben mußte, auf die Bäume zu klettern, wie gewisse Neger unserer Tage. In der Tat waren die meisten auf Bäumen. deren Blätter sie schüttelten und deren Zweige sie beim Spiel oder im Zorn zerbrachen. Einige traten zu mir! sie gingen ein bißchen gekrümmt, und trotz ihrer ofsenbaren Lebhaftigkeit stützten sich mehrere auf große Stäbe. Sie trugen keine Art Kleidung und waren vom Kopf bis zu den Füßen mit Haaren bedeckt, deren Nuance mehr oder weniger dunkel war, je nach dem Geschlecht oder Alter. Sie hatten lange Arme und dünne Beine. Ihr Kops war von langer Form, der innere Teil ihres Gesichts sehr hervor. stehend, ihre Nase sehr kurz. Die Ohren standen sehr nach hinten. die Stirn war sehr niedrig, das Auge indessen, wie das sich für einen Pflanzenesser gehört, entbehrte nicht der Milde, und sein Ausdruck erschien mehr wild als grausam." Ich wurde von einer Art Schrecken ergriffen. „Aber das sind doch keine Menschen." schrie ich.»das sind Affen." „Schaue besser hin." sagte die Stimme hinter mir. Ein sehr rauhaariger Zweihänder entfernte sich von der Ge- scllschaft und ging zum See; es war eine Mutter, die ihr Kind an der Brust trug. Das Kleine klammerte sich an sie, wie es der junge Orang-Utang macht, und sie hatte es kaum nötig, es mit einer der Hände zu halten, während die andere sich auf einen Stab stützte. Das Junge wimmerte, ohne daß ich erkennen konnte, ob es Tränen vergoß, und die Mutter antwortete ihm in mono- tonen Gutturallauten, offenbar zu dem Zweck, es zu beruhigen. Eine Bucht des Sees schien absichtlich ihrer Rosensträucher beraubt zu sein: der Rand war festgestampft, als wenn er ge- wohnlich zum Abwaschen diente. Das Wasser war an dieser Stelle klar und durchsichtig, man konnte auf den weißen Sand des Grundes hinabschauen. Nichtsdestoweniger näherte sich die Mutter dem Ufer mit Miß- trauen und heftete lange ihre Augen auf die Tiefe, wo ein Krokodil An Hinterhalt liegen konnte. Zur noch größeren Sicher- heit schlug sie das Wasser unter großem Geräusch mit ihrem Stabe. Nach diesen Vorsichtsmaßregeln füllte sie ihre hohle Hand und bot es dem Kleinen dar, das gierig den Trank schlürfte. Nachdem eS mehrere Male diese natürliche Tasse geleert hatte, hörte es aus zu wimmern und bekundete Lust zu spielen. Die Mutter trug dem aber keine Rechnung, und nachdem sie sich selbst mit Wasser gelabt hatte, tauchte sie ihr kleines Kind in das Wasser, um es zu reinigen. Das Wimmern begann von neuem, aber die Mutter setzte ruhig ihre Arbeit fort, als ich sie plötzlich sich auf- richten und eilends davonfliehen sah. Gewisse Bewegungen in dem Wasser verrieten die Annäherung von Krokodilen. (Schluß folgt.) kleines feuilleton. DaS streikende Meer. Auch im Reiche Thalias ist der Streik eine furchtbare Waste. Das hat der Direktor eines Berliner Lorstadttheaters mit Schrecken erfahren. Er hatte, wie die »Berliner Volksztg." schreibt, vor einigen Tagen in einem Aus» stattlingSstllcke zur Darstellung eines Ungewitters auf dem Meere 15 Männer engagiert, die, unter einer grün bemalten Leinwand ver- borgen, durch Heben und Senken des Körpers das Wogen des Meeres und das Branden der Wellen nachzuahmen hatten. Die Darsteller des Meeres erhielten anfangs für iede Vorstellung 1 Mark; doch die Einnahmen wurden magerer, und der Direktor setzte ihr Salair auf 50 Pf. herab. DaS empörte Meer beschloß nun zu streiken. Als bei der nächsten Vorstellung wieder der Donner grollte und flammende Blitze die Szene erhellten, blieb das Meer völlig ruhig. Vergeblich befahl der Regisseur, rot vor Zorn, mit dem MeereSstnrm zu beginnen. DaS Meer rührte sich nicht. Dagegen tauchte unter der Leinwand der Kopf eines Mannes auf, der dem Regisseur zurief:»Eine Mark, Herr Regisseur.— oder kein Mensch wogt."—»Nein— fünfzig Pfennig!" DaS Meer bewahrte seine heitere Ruhe, während im Zuschauer» räum stark gelacht wurde.»Eine Mark?"—»Nein, sechzig Pfennig!' Das Meer kräuselte sich leicht, wie vom Abendwind bewegt.»Achtzig Pfennig I" brüllte der Regisseur, der schon den Erfolg des Abends gefährdet sah. Die Wogen stiegen ein wenig, wie weine ein linder West sie berührte.„Gut, eine Mark!' schrie jetzt endliche de. verzweifelte Regisseur.»Aber zum Teufel, empört EuÄ endlich, Ihr MeereSwogen I" Und flehe— das Meer grollte furchlbar und begann, wie vom Sturme gepeitscht, rasend zu schivellen, während der Donner sich verdoppelte und leuchtende Blitze über die Bühne hinfuhren. Erziehung und Unterricht. F. Kuypers: Volksschule und Lehrerbildung in den Vereinigten Staaten.(Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung wisseuschaftlich-gemeinverftändlicher Darstellungen.) Ver» lag von B. G. Teubner in Leipzig. 146 Seiten. l.LS M. Werlvoller für die Entwickelung des deutschen ErziehungöwescnS als der mit aller offiziellen Feierlichkeit bewirkte Professoren» aiistaufch find die Eindrücke und Erfahrungen, die neuerdings ver- fchiedene deutsche Schulmänner von ihren amerikanischen Studien» reisen mitgebracht haben. Am meisten Aufsehen erregten im vorigen Jahre vorübergehend die dem preußischen Abgeordneten- Hause vorgelegten Reiseberichte. die mehrere RegiermigS- kommissare als Ergebnis ihrer Entsendung zur Weltausstellung in St. Louis erstattet hatten. Leider nur vorübergehend. Einige markante Partien aus den Berichten machten wohl die Reise durch die deutsche Presse; aber die Berichte selbst bildeten einen dicken, schwer erhältlichen Band, und ihr reicher anregender Inhalt wurde daher nicht genügend ausgeschöpft. Die preußische Regierung konnte freilich wenig Interesse am Bekanntwerden dieser offiziellen Berichte haben, da sie alle mehr oder weniger danach angetan waren, die preußische Schulpolitik in denkbar blamabelster Weise bloßzustellen. Jetzt hat einer der damaligen NegieningSkomniissare seine Reiseeindrücke in erweiterter Form und durch zahlreiche Abbildungen belebt als Band der Teubnerschen Sammlung gemeinverständlicher Darstellungen herausgegeben, was hoffentlich dazu beiträgt, die Kenntnis über das amerikanische Schulwesen in Deutschland zu er» weitern. Jemehr man aber davon erfährt, umsomehr springt die Rückständigkeit des preußisch-deutschen Schulwesens in die Augen. und umsomehr wird der Eifer angefacht, durch vermehrte politische Betätigung den verfallenen deutschen Schulkarren aus dem Schmutz herauszuholen und auf eine fahrbare Bahn zu stellen. Der Verfasser der Schrift ist ein preußischer Schulmann, ein Stadtschulinspektor, welche Eigenschaft ihn öfter verhindert, mit der ungeschminkten Deutlichkeit zu reden, zu der er in seiner hellen Freude am amerikanischen Schultoesen merklich ausholt. Auch versucht er über verschiedene deutsche Rückständigkeiten den Mantel der Liebe zu hängen. Man darf ihm ferner darin reckt geben, wenn er mehrmals Vorbehalte gegen die vorläufigen praktischen Cr- gebnisse der amerikanischen Schultendenzen erhebt. Zweifellos ist auch in Amerika nicht alles Gold, was glänzt; oie teilweise vorzüglichen, musterhaften Schuleinrichtungen kommen erst einer Minderzahl— wenn auch nicht nur, wie in Deutschland, einer finanziell bevorzugten Minderheit— zugute, auch mischt fich bei dem frischen fröhlichen Draufgängertum der Amerikaner noch manche Spreu unter den Weizen. Aber wenn man auch das alles in Rechmmg stellt, so bleibt doch noch ein himmelweiter Unterschied zwischen dem eingerosteten, verstaubten und veralteten deutschen Schulwesen und dem fortschrittlichen, großzügigen, in vielen Dingen geradezu vorbildlichen amerikanischen Erzichnngs» Wesen. Mit Absicht wird hier ein Unterschied zwischen Schul» und Erziehungswesen gemacht. In Teutschland beschränkt fich die öffentliche Erziehung des Volkes auf acht Schuljahre, in denen nach veralteten Methoden den Kindern Wissens- und Lernstoff eingedrillt wird, ob sie wollen oder nicht, ob sie eS verstehen oder nicht, ob sie es später einmal gebrauchen können oder nicht; in Deutsch» land ist die Schule die Hauptsache, die Kinder sind gleichsam nur .der Schule wegen da. In Amerika ordnet sich die Schule dem Kinde und in weiterer Konseauenz dem Leben mit seinen mannigfaltigen Bedürfnissen unter; dem Kinde wird viel mehr Freiheit und Selbständigkeit gelassen, körperlich wie geistig; nicht Gedächtniskram ist die Hauptsache, sondern die Erweckung her Kräfte des Kindes. Dabei ergibt eS sich von selbst, daß die öffenttiche Erziehung eher beginnt als in Deutsch- land, daß sie beim Kindergarten anfängt, daß fie aber auch länger dauert und je nach den Neigungen und Fähigkeiten des Krudes in eine höhere Schule übergeht; vor allem aber ergibt sich daraus. daß sie ein Hauptgewicht auf den Arbeitsunterricht, auf die körper- lichc Arbeit der Kmder legt. Auf KuyperS hat der Erfolg und der belebende Charakter des ArbeitSuriternchts so überzeugend gewirkt, daß er ausruft:»Ist es nicht ein geiwichtlich gewordener Irrtum im Leben unseres Volkes, daß alle körperliche Arbeit erniedrigen, alle geistige veredeln soll! An dieser Einschätzung sind unsere Schulen mit schuld." Es ist dannn auch nicht weiter verwunde rlicb, wie Küppers sich überzeugt zu haben glaubt, daß die A B C Schützen drüben lieber in die Schule gehen als bei uns." Bei alledem handelt es sich auch in Amerika immer erst um Ansäuge, die mühsam, wenn auch ungleich leichter und erfolgreicher als im verjunkerten Deutschland, dem steinigen Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung abgerungen werden müssen. Die Reise und Ausgestaltung dieser Anfänge unter Benutzung der wert» vollen theoretischen Vorarbeiten der berufenen Pädagogen— genannt seien nur Eomenius, Pestalozzi und Fröbel— und in sinnvoller Anwendung aus die kulturellen Bedürfnisse der Allgemeinheit kanik:rst die sozialistische Gesellschaft bringen. t». sab. Astronomisches. Der Eulennebel. Die älteren Astronomen haben trotz str noch unvollkommenen optischen Kunst ihrer Zeit durch die Groß- artigkeit ihrer Pläne und Mittel manches Außerordentliche zustande gebracht. Namentlich hat Lord Rosse mit seinem ungeheuren Spiegelfernrohr, das den Namen Lebiathan führte, manche Be- obachtung am Himmelszelt gemacht, die erst in allerneuster Zeit wieder aufgenommen worden ist. Dies Spiegclfernrohr ist in seinen Ausmaßen auch bis auf den heutigen Tag noch von keinem Jnstru- ment wieder erreicht worden. Andererseits hat es den Fehler, daß eigentliche Messungen damit kaum ausgeführt werden konnten. Immerhin verdienen und erhalten die jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Forschungen von Lord Rosse bei den heutigen Astronomen eine achtungsvolle Aufmerksamkeit. Einen Beweis dafür liefert ein wichtiger Bericht, den Professor Barnard, «ach dem Urteil seiner Fachgcnossen wohl der schärfste Beobachter unter den lebenden Himmelsforschern, außerdem der glückliche Bc- nutzer des größten Refraktors der Welt, von der Derkes-Sternwarte aus an die„Monatsberichte der Britischen Astronomischen Gesell- schaft" gesandt hat. Der Inhalt bezieht sich auf einen durch Lord Rosse berühmt gewordenen Himmelskörper, den sogenannten Euten- nebet. Dies zarte Gebilde wurde der Welt zuerst im Jahre 1848 durch eine Zeichnung von Lord Rosse bekannt und erhielt auch so- fort seinen höchst bezeichnenden Namen. Der Nebel stellt sich näm- lich wie andere als crne schwach leuchtende Masse dar, die aber zwei Löcher zeigt, durch die der völlig dunkle Hintergrund hindurch- sieht. In diesen beiden Oeffnungen sah nun Lord Rosse je einen Stern, und die Erscheinung erhielt daher eine so verblüffende Aehnlichkeit mit zwei Augen, daß die Wahl des Namens„Eulen- «ebel" nahe lag. Wahrscheinlich wegen der ungenügenden Schärfe an- derer Instrumente oder auch durch Zufall war dieser Himmelskörper Jeitdem nicht wieder beobachtet worden, und als Professor Barnard as Riesenfernrohr der Aerkes-Sternwarte unlängst darauf richtete, fand er zu seiner Ueberraschung ein wesentlich anderes Bild, als Lord Rosse es gezeichnet hatte. Die beiden Sterne waren zwar noch vorhanden, aber sie standen nicht mehr in den dunklen Löchern des Nebels, sondern auf dessen schwach leuchtender Masse selbst, obgleich noch dicht am Rande'euer Oeffnungen. Daraus zieht Barnard den Schluß, daß entweder die Zeichnungen Lord Rosses ungenau gewesen sind, oder daß sich seitdem erhebliche Verände- rungen in dem Gebilde vollzogen haben. Die erstere Annahme ist nicht wahrscheinlich, weil, die Erläuterung, die Lord Rosse seiner Zeichnung beigegeben hat, mit dieser selbst genau übereinstimmt. Es wäre auch kaum glaubhaft, daß Rosse dem Nebel den merk- würdigen Namen gegeben hätte, wenn dieser nicht genau so er» schienen wäre, wie er von ihm dargestellt worden ist. Wenn eS daher wahrscheinlich ist, daß in den letzten 80 Jahren durchgreifende Veränderungen in dem Himmelskörper geschehen sind, so ist diese Entdeckung von großer Bedeutung. Professor Barnard vermutet, daß der ganze Nebel sich in einer Drehung von Westen nach Osten um eine Achse befindet, die in einem Winkel von 50 Grad gegen die Richtung zur Erde gestellt ist. Wenn die Umdrchungs- geschwindigkeit groß genug ist. so läßt sich aus dieser Annahme erklären, daß die beiden Sterne im Laufe der letzten Jahrzehnte dadurch aus ihrer frühere« Stellung, die sie in den„Eulenaugcn" besaßen, herausgerückt worden sind.— Bergbau. Neue Lager von Edelmetallen. Eine ungewöhnlich große Zahl von Entdeckungen neuer Gold- und Silberlagcr wird in ein und derselben Wochenausgabe von„English Mechanic" mit- geteilt. Zunächst soll in England selbst ein neues Goldfeld ge- fundcn worden sein. England ist überhaupt goldreicher, als ge- wöhnlich angenommen wird, denn es werden jährlich rund 30 000 Tonnen Golderze gefördert. Das neue Goldlager liegt in dem Tal des Wye, der im mittleren Wales entspringt und etwa gegenüber Bristol in den Severn mündet. Die bisher untersuchten Proben haben eine weite Verbreitung des Goldes erwiesen, aber der Ge- halt des Gesteins an dem Edelmetall scheint nicht groß genug zu sein. Dennoch hat sich bereits eine Gesellschaft unter dem Namen Wye Vallch-Goldfield gebildet, die das ganze Gebiet gemutet hat und in größerer Tiefe unter der Oberfläche des Bodens größere Goldmcngcn zu finden erwartet. Außerdem werden zwei Funde von Silbcrlagern in der Umgegend von Barnstaple im nördlichen Teil von Tcvonshire gemeldet, und zwar sollen dte Erze sehr reich sein, so daß ihr Abbau sofort in Angriff genommen werden wird. Diese Nachricht ist wahrscheinlich mit mehr Zutrauen aufzunehmen als die vorige, da in demselben Gebiete noch vor 50 Jahren be- rühmte Silbcrbcrgwcrke im Betriebe gewesen sind. Freilich macht sich auch dort die Wünschelrute breit, mit deren Hülfe eine zweite wertvolle Silbcradcr in derselben Gegend nachgewiesen worden sein soll. Dieser Bericht ist so märchenhaft abgefaßt, wie es dem dabei benutzten Verfahren zukommt, denn es heißt, die Wünschelrute habe sich an der betreffenden Stelle so heftig herumgedreht, daß ihr Benutzer Schwielen an der Hand bekommen habe. Außerdem werden neue Funde aus Südafrika angekündigt, namentlich die Entdeckung eines neuen Goldfeldes in Rhodcsia, das den Namen Fclixburg-Goldfeld erhalten hat. Die Stelle liegt etwa 80 Kilo- meter nördlich von Victoria. Gleichzeitig meldet die Ocsterreichische Monatsschrift für den Orient die Entdeckung eines Platinlagcrs verantwortl. Redakteur: HanS Weber, ä'irlin.— Druck u. Berlag: im Kapland, wo im Bezirk von Albanh ein reichlich platinführender Quarz offen zutage liegen soll, so daß er auf die leichteste Art abgebaut werden könnte. Archäologisches. Neue Ausgrabungen in Athen. Seit etwa fünl Wochen werden in Athen auf Anregung von Professor Ä. Brückners seitens der griechischen archäologischen Gesellschaft im antiken Fried- Hof des Kerameikos, am Dipylon-Tor, Grabungen ausgeführt, deren Resultate zu den überraschendsten zählen. Die Untersuchung hat er- geben, daß die Denkmäler-Reihe, die sich an der bekannten Gräber- straße aufbaut, auf hohen Terrassenmauern ruht. DaS ursprüngliche Straßenniveau liegt etlva 1,50 bis 2,50 Meter unter dem heutigen Boden, der bisher fälschlich als die alte Straßenhöhe gegolten hatte. Die Grabmonumente haben sich also in beträchtlicher Höhe über dem Beschauer befunden, und so erklärt sich jetzt mit einem Male, weshalb diese Bildwerke eine perspektivische Darstellung erfahren hatten, die von den bisher bekannten Grundsätzen abwich. DaS bekannte Monument des Reiters Dexileos türmt sich nach der neu gewonnenen Auffassung hoch auf. Von den Schuttmassen wurden auch die Gesandtenstelen am Eingange zum Friedhofe befteit, und wie anders stellen sich diese nun dar auf ihren schwer- dorischen Unterbauten I Der ernste, vornehme Gedanke, der bei der Errichtung dieser Denkmäler vorgeschwebt hat, wird uns nun klar. Aber auch sonst hat Brückners Untersuchung, die noch einige Wochen fortgesetzt werden soll, glänzende Erfolge in der Auffassung der Grabanlagen. in ihrem einheitlichen Charakter, in dem Wesen ihrer Verwaltung ganz besondere Erfolge zu verzeichnen, auf die wir erst dann zurück- kommen können, wenn diese Untersuchung ihren Abschluß ge- funden bat. Humoristisches. — Norderney. Auf dem Sommer ruht kein Segen: Wahlrecht, Block und immer Regen, Unentwegt das gleiche Lied. DaS schlägt scheußlich ins Geblüt. Mopsend zieht man aus dem Lande Nach dem gelben Nordseestrande, Wo die Woge wilder braust Und der Bülow friedlich haust. Dort die Führer der Parteien Willig ihm die Ohren leihen, Schmidt und Kaempf und Bassermann.—- Naumann kommt wohl auch noch'ran. Man trinkt Grog und echte Biere, Sitzt bei Tisch von eins bis viere--» Und dann zieht man mit Gesang In ein andres Restorang. (Gottlieb im.Tag».» — Manöverkritik..Meine Herren, eS ist alles sehr schön gegangen, nur wird man es im Ernstfalle gerade umgekehrt machen." — Baden-Baden..Heuer is s' schon garnischt mit'm Totalisator."—.Kein Wunder, hier stehen alle Wetten auf Hau." — Auskunft..Können Sie mir nicht sagen, Ivie ich von hier am schnellsten in die Karlstraße komme?"—.Ja mei, in die Karlstraßen? Wissen S', dös kann ma net a so leicht beschreib'». Da gehnga verschiedene Straßen hin und her, bis in die Karl- straßen. Aber schaugn S', i tat ja mitgehn, wann i kunnt. I tat Sahna hiführn, g'wiß a no. Aber schaugn S', i hob a so viel Durscht, und i möcht jetzt grad a bissel ins Hofbräuhaus gehn. Wissen S' was, gehngas do a mit ins Hofbräuhaus I WaS tuan denn Sö in da Karlstraßen?' („SimplicisfimuS".) Notizen. — Der französische Dichter Sully Prudhomme ist im Alter von 88 Jahren auf seinem Landgute bei Paris gestorben. — GriegS letzte Kompositionen, eine Reihe von Liedern, die noch nicht veröffentlicht waren, sind, wie aus Kopen- Hagen berichtet wird, in einem Hotel der Stadt, in dem der ver« storbene Komponist während des letzten Sommers wohnte, verloren gegangen und es ist bisher nicht möglich gewesen, das Manuskript wieder aufzufinden. Grieg hat ein Vermögen von etwa 300 000 M. hinterlassen, von dem der größte Teil seiner Vaterstadt Bergen zufällt. — Zum 100. Geburtstage Fritz Reuters soll dem Dichter in seiner Vaterstadt Stavenhngen eil, Denkmal errichtet werden. Die Sammlungen, die schon früher annähernd 10 000 Mark ergeben hatten, werden jetzt wieder aufgenommen. — Die Hauptversammlung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine findet in Verbindung mit dem 7. Deutschen Archivtag vom 14. bis 18. d. M Mannheim statt. Vorwärts Buchdruckcrei u.Verlaglaiistalt Paul Singer LcCo..Berlin L W.