Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 182. eg Donnerstag den 19 Septeml'er. 1907 (Nnchdnick ucvbotcn.) Die JVIutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. X. Den ganzen folgenden Tag verbrachte die Mutter in reger Geschäftigkeit, traf Vorkehrungen für das Begräbnis: abends aber, als sie, Nikolai und Sophie Tee tranken, er- schien Sascha, sonderbar laut und lebhaft... Ihre Wangen brannten rot, ihre Augen glänzten fröhlich, und ihr ganzes Wesen>var, wie der Mutter schien, von Hoffnung erfüllt. Diese Stimmung drängte sich scharf und stürmisch in die traurigen Erinnerungen an den Toten und verwirrte alle, blendete sie wie ein Feuer, das plötzlich in der Finsternis auflodert. Nikolai klopfte nachdenklich mit dem Finger auf den Tisch und sagte: „Sie sind sich heute selbst nicht ähnlich, Sascha.. „Ja, vielleicht," antwortete sie und lachte glücklich. Die Mutter sah sie mit einem stummen Vorwurf an, «Sophie aber meinte belehrend: „Wir sprachen von Jegor Jwanowitsch..." „Ein prächtiger Mensch, nicht wahr?" rief Sascha.„Ich habe ihn nie anders gesehen, als mit einem Lächeln im Ge- ficht, einen Scherz in Bereitschaft, und wie hat er gearbeitet! Er war ein Künstler der Revolution, er beherrschte den re- volutionären Gedanken wie ein großer Meister. Mit welcher Einfachheit und Kraft zeichnete er Bilder der Lüge, der Ge» Walt, der Unwahrheit... Ich bin ihm in vielen Stücken Dank schuldig." Sie sprach halblaut mit nachdenklichem Lächeln, aber dieses brachte die deutlich sichtbare, triumphierende Freude in ihrem Blick nicht zum Erlöschen. Die Menschen lieben bisweilen ihre Gefühle zu ihrem eigenen Schaden, sie kokettieren mit ihnen und bereiten sich oft sogar aus ihrem Kummer einen gefährlichen Zeitvertreib, der das Herz zerfrißt. So wollten auch Nikolai und Sophie die Trauer über den Freund nicht Saschas Gefühl der Freude opfern, verteidigten unbewußt ihr trauriges Recht auf Kummer und beniühten sich unwillkürlich, das Mädchen in ihre Stimmung hineinzuziehen. „Und nun ist er tot!" sagte Sophie hartnäckig und blickte sie aufmerksam an. Sascha maß alle mit einem schnellen fragenden Blick, und ihre Brauen schoben sich zusammen. Sie senkte den Kopf, schwieg und ordnete mit einer langsamen Hand- bewegung ihr Haar. „Ist tot," sagte sie laut nach einer Pause.„Es wird mir schwer, mich damit abzufinden..." Sie ging im Zimmer hin und her, blieb plötzlich stehen und sagte in sonderbarem Ton: „Was heißt das, er ist tot? Was ist tot? Ist etwa meine Verehrung für Jegor, meine Liebe zu ihm, dem Ge- nossen, meine Erinnerung an seine Gedankenarbeit tot. ist meine Vorstellung von ihm als von einein mannhaften, rechtschaffenen Menschen zertrümmert. Mir scheint, wir haben es allzu eilig, von jemandem zu sagen, er sei tot. Seine Lippen sind tot, aber sein Wort lebt in lebendigen Herzen weiter." Sie setzte sich erregt wieder an den Tisch, stützte die Ellbogen auf und fuhr leiser fort: „Vielleicht ist das dumm, was ich sage,— aber ich glaube an die Unsterblichkeit aller guten Menschen..." „Ihnen ist etwas Gutes passiert?" fragte Sophie lächelnd. „Ja!" nickte Sascha.„Etwas sehr Gutes, scheint mir! Ich habe mich die ganze Nacht mit Wjessowschtschikow unter- halten... ich habe ihn früher nicht geliebt, er schien mir roh und finster. Ja,"t war unzweifelhaft so... Unbeweg- liche, diisterc Erregung gegen alle lebte in ihm: er stellte sich stets mit einer Art tödlicher Schwere m den Mittelpunkt aller Dinge und redete roh und böse von seinem Ich. Darin lag etwas Philiströses, Niedriges, das gegen ihn aufbrachte." Sie überflog wieder alle mit einem strahlenden Blick: „Jetzt sagt er:„Genossen!" und man muß hören, wie er das sagt... es ist nicht mit Worten wiederzugeben. Er ist erstaunlich einfach und aufrichtig geworden und ganz voll vom Wunsch nach Arbeit. Er hat sich selbst gefunden, weiß, was ihm nicht gegeben ist... In ihm ist ein wahres, kameradschaftliches Gefühl entstanden, das alle Schwierig- ketten im Leben anlächelt." Frau Wlassow hörte Saschas Worte, und sie freute sich, das stets strenge Mädchen so milde und freundlich zu sehen, Aber gleichzeitig dachte sie schmerzlich an ihren Sohn. „Er ist ganz von Gedanken an die Gefangenen in An» spruch genommen," fuhr Sascha fort,„und wissen Sie, wovon er mich überzeugt hat? Von der Notwendigkeit, ihnen zur Flucht zu verhelfen... ja! Es sei sehr einfach und leicht.. Sophie erhob den Kopf und sagte lebhaft: „Wie denken Sie denn darüber, Sascha? Ist das wirk« lich so einfach?" Die Teetasse in der Hand der Mutter zitterte, und sie stellte sie auf den Tisch. Sascha runzelte die Brauen, unter- drückte ihre Erregung, schwieg einen Augenblick und sagte dann ernst, aber freundlich und etwas verwirrt: „Er ist fest überzeugt. Wenn alles so ist... wie er sagt, müssen wir es versuchen. Das ist unsere Pflicht..." Sie errötete, ließ sich auf einen Stuhl nieder und schwieg. „Mein liebes Kind," dachte die Mutter freundlich, während Nikolai milde in Saschas Gesicht blickte und still vor sich hinlachte. Da erhob das Mädchen den Kopf, blickte alle strenge an und sagte in gekränktem Ton: „Ihr lacht... ich verstehe Euch... Ihr haltet mich für persönlich an der Flucht interessiert?" „Warum, Sascha?" fragte Sophie listig und trat zu ihr. Diese Frage erschien der Mutter überflüssig und kränkend für das Mädchen, und sie blickte Sophie vorwurfsvoll an. „Aber ich verzichte!" rief Sascha.„Ich will die Frage nicht niit entscheiden, wenn Ihr sie so beurteilt..." „Hören Sie auf, Sascha!" sagte Nikolai ruhig. Die Mutter trat ebenfalls zu ihr, beugte sich nieder und streichelte behutsam ihren Kopf. Sophie aber setzte sich neben das Mädchen und sagte: „Sie sind ein wunderliches Ding?..." „Ja, ich habe wohl eine Dummheit gemack't.., abe� ich liebe diese Anspielungen nicht..." Nikolai unterbrach sie ganz geschäftsmäßig und ernst? „Ueber die Flucht kann man unmöglich verschiedener Ansicht sein. Vor allem aber müssen wir wissen, ob die ge- fangenen Genossen damit einverstanden sind." Sascha senkte den Kopf. „Wie sollten sie damit nicht einverstanden sein," fragte die Mutter seufzend.„Aber ich glaube nicht, daß eA geht.. /' Alle schwiegen und blickten sich imschlllssig an. „Ich muß Wjessowschtschikow sehen!" sagte Sophie. „Gut. Morgen sage ich Ihnen, wann und wo," er« widerte Sascha leise. Nikolai aber trat zur Mutter, die die Tassen auswusch und sagte zu ihr: „Sie gehen übermorgen zum Besuch hin... da müssen Sic Pawel einen Brief übergeben... verstehen Sie— das ist, um Bescheid zu bekommen..." „Ich verstehe, verstehe!" erwiderte sie hastig.„Werde ihn schon besorgen..." ..Ich gehe!" erklärte Sascha und verabschiedete sich schnell. Sophie legte die Hände auf die Schulter der Mutter. und fragte lächelnd: „Nilowna, wiirden Sie solch eine Tochter lieben?...* „>O Gott! Wenn ich die beiden nur einen Tag bei- sammen sähe!" rief Frau Wlassow, beinahe in Tränen aus, brechend. „Ja, etwas Glück... ist gut für jeden!.. bemerkte Nikolai halblaut.„Aber es gibt keine Menschen, die sich nur etwas Glück wünschen... und wenn es viel wird, ist eS wohlfeil..." Sophie setzte sich ans Klavier und spielte ein weh« mutiges Stück (Fortsetzung folgt.) J�eue ßelletriftih. Von Ernst Kreowski Nachdem die Jungen und Jüngsten von der deutschen Literaten� zunft alle„Ismen" versucht und die unschma�h öftesten Tränklein destilliert haoen, 4st der Baum wieder dürr und seiner..c, tändigen Laubkrone beraubt worden. Tafür treiben allerhand geile Schoß- linge aus seiner Wurzel. Das Romanschrciben ist zur gewöhn- lichcn Erwcrbssache erniedrigt worden; die Dcgenericrung schreitet sort. Wie zum Beispiel aus der modernen Lyrik der letzten Jahre zeglickie Männlichkeit entwichen ist, so auch aus der erzählenden Dichtung jede soziale Note. Um einem literarischen Charattcrkopf zu begegnen, muß man ins Ausland gehen. Wir haben keine Lyriker? Gewiß! Und keine Dramcnvcrfasscr? Und kein? Romanschrciber? Zweifellos. Und so zahlreich wie Sand ani Meere. Aber das ists ja� eben: aus dem Düncnsandc wächst nur Gestrüpp hervor. Das Spezifikum: Dichter, das ist die 5lon° zcntration eines reichen Erlebens, eines kosmopolitischen Geistes, eines elementaren Zeugungsdrangcs— wo ist daL? Also, sagte ich, müssen wir zu den Russen und Skandinaviern gehen. Auch bei dem Dänen Johannes V. Jensen werden wir rasch dahinter kommen, daß er ein D i ch t e r is� obwohl er Prosa reibt. Eigentlich Landständiges hat sein Pövellenbrich:„Die e l t i st t i c f...(S. Fischer, Berlin IWij nicht an steh, mehr etwas Kosmisches. Ter«chauplatz bei jedem Stück ist ein an- derer: Amerika in:„Entschwundene Wälder", Spanien in:„Dolo- res", Paris in:„Louison", die indischen Tropen in:„Wälder". Diese vier Stücke sind es auch bloß, die den Band ausmachen. Und auf den Titel„Novelle" können obendrein nur zwei:„Dolores" und„Louisvn" Anrecht erheben. Freilich auch nur teilweise. Es sind Herzcnserlcbnisse, novellistisch gestreift, ohne Avschlriß. So- bald der Dichter merkt, daß er sich tragisch verlieren könnte, bricht er ab, indem er aus und davongeht. Sein Wesen ist von anderer Art, ist der vollkommene Gegensatz einer romanischen Volkhcit, ist germanisch. Seine„unglückliche Liebe" sei Deutschland gewesen, sagt er im Vorwort:„Es loar im Winter 1899, daß ich eine Eni. dcckungsrcisc in das innere Deutschland machte, eine Forschungs- reise, die gleichzeitig eine Wallfahrt war, indem ich den Teuto- burger Wald zu sehen und an Heinrich Heines Geburtsort zu weilen wünschte. An Stelle von Arniins Wäldern sah ich Fabrik- schornsteinc, und von Heine sah ich keine Spur in Düffeldorf, als daß die alte Äirchturmspitze dort am Flusse noch immer schief war, seit er damit in seiner Kindheit gespielt hatte; aber sie stand noch da. Wie es geschah, daß ich mir bei den ungeheueren Geißeln der Fabrikschornstcine und vor dem Antlitz des Kölner Domes, in irgend einer Nibelungcnnacht, den Sklaven und die entschwundenen Wälder vorstellte, dos weiß ich jetzt nicht mehr; aber es muß in diesem Anschluß etwas von dem Urion der germanischen Phantasie widergeklungen, ich muß den Generalnenner aller Zeiten dadurch getroffen haben, denn ich habe eigentlich seitdem ein anderes ge- schaffen..." Er empfindet in allem, was er schrieb,„eine innere ewige Gleichartigkeit."„Damit hatte ich die Wälder ge- undcn, und dadurch war der am Rhein begonnene Ring ge- chlosscn." Seitdem hat er sich von Deutschland entfernt. Nicht celisch, aber durch den Gedanken. Während seiner Wanderungen in den Tropen hatte er sich Hoffnungen gemacht,„die Geschichte des ganzen Menschengeschlechts noch einmal durchzulebcn, von der Zeit, als es aus den Sumpfwäldern am Aequator auswanderte, bis es bei der Schneegrenze endigte, nachdem es die temperierten Zonen durchwandert hatte.... Alles mit dem einen Ziel vor Augen, neue Möglichkeiten für einen gesteigerten und diffcrcn- ziertcrcn Lebensgenuß zu finden..." Diese Möglichkeiten glaubt Jensen auf dem Wege der Religion gefunden zu haben, in- dem er sich dem Isla m zuwendete. So sind also in seinen tro- pischen„Wäldcr"-Skizzen tiefere seelische Entwickelungsphasen ge- geben, die sich mit gewissen rcligioiisphilosophischen Strömungen in Deutschland in mehr als einem Punkte berühren, und es ist leicht möglich, daß Jensen, wie er hofft, Deutschland, und daß Vescs ihn„jetzt haben will"— ivofern eben dies Deutschland einzig und allein durch die Bourgeoisie repräsentiert wird! Ein Blick auf eine Auswahl belletristischer Erzeugnisse bei uns zeigt allerdings ganz andere Meinungen. Zu solchen weltrcligiösen Problemen, besser Phantasmagorien, wie Jensek versteigt sich kaum ein deutscher Schriftsteller. Man bleibt am kleinen kleinlichen Dasein haften. Es gibt da soviel herumzubosscln. Und wems schließlich zu enge wird, der flüchtet sich mit seiner Bilderphaitasse aus der geräuschvollen schwächlichen Gegenwart ins rauhe Mittel- alter hinein, wie etwa Felix Saiten in seiner Geschichte: .Herr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel"(S. Fischer, Berlin 1997). Die Erzählung spielt in Bayern, zur Zeit Karls V. KaSpar, der Waffcnknccht des Junkers Wenzel, hat dem Kaiser, weil dieser ihm während der vcr- meintlich zu langsamen Fahrt einen Schlag versetzt, mit der Peitsche um die Ohren geschlagen. Der Kaiser verurteilt den Majestats- beleidiger zum Tpde durch den Strang. Kaspar hat aber den Kaiser gar nicht gekannt. Deshalb bittet der Junker für seinen getreuen Knecht um Pardon. Karl V. läßt sich erweichen. Hinter- drein aber stellt eS sich heraus, daß sich die Begnadigung nur aufs nackte Leben erstreckte; der Kaiser ivill, daß Kaspar Nase und Ohren abgeschnitten. Diesen Schimpf will der Knecht nicht an sich er- leide«; er bittet daher seinen Herrn, ihn zu erschießen. Der tut .. cS, weil kein anderer Ausweg bleibt; aber an der spitzbübischen Doppelzüngigkeit eines JlaiserworteS ist ihm die Lust am Kriegs» bandwerk verekelt worden: er nimmt sofort seinen Abschied.... Der Autor leistet mit dieser Geschichte ein Stück großer Dar- stcllungskunst. Kaiser Karl V., wie er war. seine Mutter, die ihn auf dem Abtritt geboren, das lockere Sittenleben bei Hofe, der Kanzler Granvella nebst anderen weltlichen und geistlichen Per- sönlichkeiten treten da hervor, und zwar mit seltener Plastik. Das Zcttkolorit ist mit ausnehmender Treue geioahrt, und der bewundernswert getroffene mittelalterliche Chronikenstil, der doch vom feineren modernen Sprachgefühl durchpulst wird, ohne seiner holzschnittartigen Kraft beraubt zu werden, tut das beste dazu. Wenn diese Geschichte nicht eine so wertvolle Gabe wäre, müßte ich bedauern, daß Felix Saiten solche reichen, mit bewußter Üebcr- legenheit angewendeten Kunstmittel an eine Vergangenheit, die für uns schließlich bloß ein historisches Interesse haben kann, der- schwendete. Die Saltcnsche Erzählung gehört in jede wirklich gute Volksbibltothek!' Der Sprung von da inS Gegenivartslcbcn, wohin uns eine Landsmännin Saltens, die Wiener Schriftstellerin Grete Meisel-Heß versetzt, ist doch zu unvermittelt, als daß man gleich den Atem gewänne. Dort geschlossene Form, hier Aphoris- mns. Tie Autorin hat keinen Roman nach üblichem Muster ge» schrieben.„D t e S t i m m e"(Verlag Dr. Wcdekind u. Co., Berlin 1997)— so heißt das Buch— ist ein„Roman in Blättern". Denn: „Die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne Buchblätter fallen fie aufeinander, zerfliegen und zerstieben oder— werden zusammengefaßt von einer stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein Schicksal, wie eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden Blättern ein Buch.„Geschichten" mit Vorsatz und Absicht ver- fälschen das Leben. Blätter find es, aus denen ein Schicksal wird." Das Licbeslebe» einer Frau wird hier durch die Geschichten mehrerer Männer aufgerollt und zusammengehalten. Wie vcr- schieden der Mann auf eine weibliche Psvche einwirkt, wird ge- schildert. Es sind Impressionen seltenster Art, und man fühlt, daß alles erlebt sein müsse. Tie Heldin ist Sängerin. Das erklärt den roman'tischen Einschlag in ihrem Liebes- und Eheroman. Aber die Künstlerin ist eben doch auch ein Weib, gleich allen anderen. lind des Weibes natürliche Bestimmung und höchstes wie einziges Glück ist— das Kind. In diesen Akkord klingt die Melodie dieses Buches hinüber. Grete Meisel-Heß ist zweifellos eine Schrift- stellerin von Eigenart. Und sie entfaltet eine reiche philosophische Bildung, die sich in tiefsinnigen Reflexionen ergeht, immer gleich bereit, psychologische Rätsel zu lösen und die geheimsten Vorgänge im weiblichen Geftihlsleben durch eine packende Formel zu fixieren. Einmal läßt sie ihre Heldin ausrufen:„Was wäre das Höchste, das ich mir von einem„Buch" wünschte, das ich schreiben und heraus- gebcn� Würde: Unglücksträgern sollte es den Hals brechen und ge- fangene Glücksgeister lösen aus ihren Verzauberungen. Rufen sollte eS diese Geister, herausrufen von dort, wo sie hineingehext, hineingebannt sind. Frei sollen sie werden durch Berührung mit solcher— Feder, wie verzauberte und gefangene Genien in Märchen, wenn die Wünschelrute ihr Gefängnis berührt. Die Freude mehren I" Nun, solcher Art ist das Buch. Anders wieder der Roman„Stille Wege"(F. Fontane u. Co., Berlin 1997) don Fritz Wernthal. Vielleicht der Helv dieses Lebenslaufes selber, der sich hinter einem Pscudonamen verschanzt. Was tut es aber? Ein„Deklassierter" erzählt, daß er Landstreicher wurde. Wie es kam will er erst gar nicht unter- suchen, weil es ihm selbst ein„Problem" geblieben und„die Auf» lösung der meisten Probleme auf einen Irrtum hinausläuft". Nun. da er auf die„schiefe Ebene" gekommen, hat er hinter die Moral der einzelnen Stände und Kasten gesehen. Es ist eben überall etwa» „faul". Um zu verhüten, daß diese Bresthaftigkeit den„Kredit" erschüttere, mutz sie vor den Augen der Mitwelt sorglich verborgen werden. Wenn nun überhaupt die Moral„nur die Eintracht zwischen Herz. Geist und Willen, und wenn diese drei gemeinsam die Freiheit als höchsten Lcbensgewinn erstreben, so hat auch der Vagabund eine Moral". Der Held dieses Ich-Romans hat wie Faust Philosophie, Juristerei und Medizin studiert, zwar eben nicht „mit heißem Bemühen", doch mit der ehrlich empfundenen Absicht, das Gebiet des Wissens zu finden, welchem es sich ein ganzes Leben zu weihen verlohnte. Allein er fand es nicht und verlor sich. Schließlich, als das Geld vertan, kehrte er als„verlorener Sohn" ins HauS der Mutter zurück. Als auch sie gestorben war, verlor er jeden Halt. An der Wissenschaft hatte er sich einen un- überwindlichen Ekel geholt. Dafür beseelte ihn der Drang nach Unabhängigkeit. Er ging in die Weite. Bald fehlte ihm jegliches „Kleingeld", und er mußte bei„Mutter Grün" nächtigen. Da kam er nun zum Nachdenken über die Macht des Kapitalismus und„wie der Mensch so recht ein Geschöpf des Geldes ist. Das Geld bestimmt die Klasse seiner Geburt, entscheidet über den Ver- lauf seiner Jugend, schreibt ihm Beruf und Lebensart vor und weist ihm endlich das Plätzchen ans dem Kirchhof, welches dem Menschen, je nach seinem Verhältnis zum Gelde, zukommt. Ohne Geld bleibt er zeitlebens auf der Stufe des Animalischen stehen, wie auch meist nur das Geld ihn in höhere Bahnen zu führen vermag. Ja, und die Armut ist so ziemlich die einzige Gemein- heit, für welche es keine Verzeihung gibt..." Daß ein solcher Mensch, der eigentlich zu uichrs nütze, auf die Landstraße kommt. ist kaum verwunderlich. Wegen Bcttelns gerät er-«K der lieben Polizei in Konflikt. Kittchen! Nachdem er abgesessen, wird er mit anderen Vagabunden an die Landesgrenze abgeschoben. So wandert er nach Süddcutschland. Auf Kreuz- und Ouerzügcn des Landstrricherlcbcns müde geworden, entde«kt er sich einem Gastwirt. Der empfiehlt ihn seinem Bruder, einem Rechtskonsulenten als juristischen Burcauarbeiter. Nun ist er wieder ein Mitglied der Gesellschaft. Aber es hält ihn nicht. Unglückselige Liebcsleiden- schast läßt ihn zum Trinker werden. Schliesslich vergreift er sich an der Kasse seines Brotgcbers und— verduftet. Nun vaga- bundiert er in der Schweiz umher. Tonn bleibt er bei einem Bauern als— Viehknecht. Die Bäuerin, von ihrem Manne, der ein Trinker ist, vernachlässigt, wirft ein begehrlich Auge aus den Knecht. Nun könnte er eS sich bequem einrichten. Sie hätte ihn auch geheiratet, als der Bauer bald mit Tode abging. Aber der Tor packte nicht das„Glück", will sagen, die dralle Bäuerin am Zipfel, sondern räumte die Stelle. Ein Klosterbruder hat ihm, falls eS ihm schlecht gehen sollte, geraten, gcradcstvegs ins mönchische Asyl zu kommen. Erst hat er als Protestant sich gegen diese Einladung gesträubt. Aber schliesslich— was kanns schaden. So wird er Laienbruder. Jedoch, alle Bekehrungsversuche prallen von ihm ab. Endlich in die Enge getrieben, verlässt er nächtlicher- weile das Kloster im grünen„Jaga"-Kostüm des Priors, das er diesem gemopst hat. Wieder ei» Landfahrcr. Auf seiner Wände- rung ziehts ihn heimatwärts. Er will sehen, was jenes verlassene Mädchen treibe. Aber in dem Städtchen wird er troh seines langen Mönchbartcs von jemand erkannt und dem Kriminalschutzmann überantwortet. Eine alte Schuld, die einst begangene Unterschlagung, muh im Gefängnis gesühnt werden. Aber dort lächelt dem Sträfling endlich das Glück. Eine fern im Lstpreussischen verblichene Erbtante hat ihm ihr ganzes Vermögen testiert. Als er dann die Zelle als freier Mann verlassen kann, geht er weit weg, kauft sich irgendlvo ein Einsiedelhäuschen, heiratet und verbringt nun den Rest seines Lebens in behaglicher Zufriedenheit, und in künstlerischer Beschäftigung. Dah dieser Roman ein Abglanz eines so gearteten Lebensganges ist, erkennt der aufmcrkfame Leser un- schwer an der Ungesprertztheit und schlichten Natürlichkeit des Vor- träges. Solche Erkenntnisse, wie hier niedergelegt sind, können nur durch schwere Kämpfe errungen werden. Mehr ein Unterhaltungsroman, ja nur ein solcher ist:„ L e u t- n a n t d. R."(Carl Reissner, Dresden 1907.) Freiherr von Schlicht ist sein Verfasser. Man wird dem ehemaligen Offizier einräumen, dass er sein„Milieu" kennt. Er verfolgt auch gewisse erzieherische Absichten. Er will, dass man die Kaste im„vornehmsten Rock" in ihrer Hohlheit und äusserlicben Bestcch- lichkeit recht verstehe. Aber sind es denn, bei Licht besehen, tiefere, als allgemein bekannte Gasscnwahrheiten, die der gräfliche Autor predigt? Gewiss, er hat eine Ahnung von der sozialen Kluft der Stände; aber es mangelt ihm am sozialistischen Wissen und Geiste. Ihm kommt es nicht darauf an, das rauhe Kriegshandwerk mit- samt dem Offiziersstande als eine völlig unfruchtbare Kultur» Widrigkeit zu beweisen. Er hütet sich sehr Wohl, den Ast ab- zuschneiden, auf dem er selbst sitzt; denn schliesslich ist „man" im Offiziershabit— mag es der Schneider immerhin auf Pump geliefert haben— trotz aller Schcintugend und aller lächerlichen Ehrenstandpunktc, doch ein Ausnahmemensch, vor dem das vermaledeite Zivilistenpack stramm zu stehen hat. „Ja, ja, der Leutnant der Reserve," läßt von Schlicht jemand reden, „das ist eine gar eigenartige Pflanze, die da in unserem deutschen Vaterlande wächst. Geradezu unentbehrlich für den Krieg, von der eminentesten Wichtigkeit für den Fall einer Mobilmachung, eine Institution, die wir so dringend nötig brauchen, dass wir sie schaffen mühten, wenn wir sie noch nicht hätten".— An diesen haltlosen Phrasen ist der Standpunkt des Romanschreibers erkennbar. Nun will Schlicht in dem Refervcleutnant Harald Ahrens einen„Aus- wuchs" charakterisieren, einen jener„Auswüchse, wie sie im Frieden" hcrvortrciben. Es fällt Schlicht nicht ein. daS ganze jämmerliche System— die Fabrikation der Reserveoffiziere nämlich>— festzunageln; sondern er konstruiert sich aus lauter Lappem und Läppchen eine Figur, an der im Grunde bewiesen werden foll, dass die Ein- richtung gut sei und dass nur manche Vertreter die Vorzüglichkeit gedachter„Institution" auf die Spitze der Lächerlichkeit treiben. Dazu musste eine passende Romanhandlung konstruiert werden. In ihr treten, ausser Offizieren, heiratslustigen Oftizicrs- und Millionärstöchtern, Grosskaufleuten und Fabrikanten, auch Fabrik- arbeiter auf. Diese Typen sind aber ebenso gewaltsam konstruiert, wie das Ganze. Kurz: dieser militärische Reklameschrciber hält nirgends stand, wo es sich um eine Aufdeckung wirklicher Schäden handelt. Wenn Herr Gacdke noch jüngst' in seinem Prozess um die ihni vcrtvcigerte Fortführung des Oberst-Titels zu dem ehrlichen Geständnis gelangte, dah es so manchen Lumpen und Schwindler gäbe, der dennoch als Osfizier herumlaufe, so bemäntelte Herr von Schlicht solcherlei„Auswüchse", indem er sie auf unschuldige Eitel- keit basiert. Sein Roman ist also bloss Unterhaltungsfuttcr, was nicht hindert, dass der Verfasser in feiner blaublütigen Kaste als ein ungeheuer kühner Wahrheitskämpfer angestaunt und bewundert wird. Von diesem aristokratisch-miliiaristischen Ständeroman bis zu den Romanen aus dem„Berliner Leben" von E r d m a n n Graes« r ist ein klaffender Spalt. Wir geraten bei„Lotte G l t m in e r" und„Lemkes s e l. Witwe" �Herm. Seemann Nachf., Berlin und Leipzig. 1907.) vollends ib die Sphäre der Destillen und Bierkeller des Wcddingvicrtcls hinein. Angenehm ist dieser Dunstkreis gewiss nicht, und auch die ganze Mache hat durchaus nichts Künstlerisches an sich. Dass aber der Verfasser gut beobachtet und auch dem trockenen Humor des Urberlinertums zu seinem Rechte vcrhilft, soll ihm gebührend angerechnet sein. Den geistigen Bedürfnissen der Leser Ullstenischer und Scherlschcr Lokal- blätter passen sich Graesers Romane würdig an. Dort werden sie wohl auch„verschlungen" werden Kkirns Feuilleton. Das Heim im Blumenfeslschmuck. Die International« Kunst- und Grosse Gartenbau- Ausstellung in Mann» heim hatte Mitte September eine Eigenart, die in diesem Umfang neu für das Gartcnbau-Ausstellungswesen war. Das„Heim im Blumenfestschmuck" nennt der Katalog diese Ab-- teilung. Es handelt sich hierbei um die Ausschmückung der der- schiedenartigstcn Wohnräume mit abgeschnittener� Blumen und Blumcnarbeiten. Seither wurden aus den Sstirtcnbau-Aus- stellungen die Blumcnbindereisachcn einfach ohne Rücksicht auf ihren Zweck aneinander gereiht, entweder nach Wettbewerben oder es blieb den Ausstellern überlassen, ihre verschiedenen Arbeiten zu einer mehr oder minder dekorationsfähigen Gruppe zusammen- zustellen. Vereinzelt sah man ans den letzten Gartenbau-Ausstellungen allerdings ruch schon mit Möbeln usw. vollständig eingerichtete Wohnräume, die dann von einem Gärtner mit Blunicn aus- gestattet waren. In Mannheim hat diese Art der Sckzaustellung einen recht großen Umfang angenommen. Das Programm steht allein 20 Aufgaben vor, und es sind wohl an 40 der verschieden- artigsten Räume vcrhanden. Unter zweckmäßigster Benutzung �-r Pfeiler, der Nischen und Mrker sind in den grossen Sälen des präckitigen Rosengartens auf primitive Weise Einbauten geschaffen worden, die einzelne Räume des Hauses darzustellen haben. Mit Möbeln und sonstigen Wohnungseinrichtungen ist jedem Raum ein ganz bestimmter Charakter verliehen worden. Diesem Charakter entsprechend hat der Gärtner seinen Blumenschmuck gelvählt. Wir finden auf der Ausstellung wohl au 40 Räumlichkeiten mit angewandtem Blumenschmuck. Es bleibt nur bedauerlich, daß dies« eigenartige Schaustellung nur von so kurzer Dauer ist. Man wird alle Ursache haben, zu überlegen, ob bei Wiederholung dieser Ausstellungsart diese nicht zu einer ständigen Einrichtung gemacht wird, die während der ganzen AusstcllungSdauer unterhalten bleibt. Das wird bei Aus- stellungen von monatelanger Dauer zweifellos viel Geld erfordern, denn alle drei, vier Tage müssen die Blumen ersetzt werden. Aber der Kostenpunkt wird sich überwinden lassen, und bei den künftigen Ausstellungen werden zweifellos solch blumengeichmückte Zimmer zu einer ständigen Einrichtung werden, hoffentlich schon auf der Berliner Gartenbau- Aus st ellung von 1909. Dann sollte man aber auch nicht versäumen, die Wohnung des„kleinen Mannes" in Blumenschmuck vorzuführen. Wir haben auf Kunst- gewerbe-Ausstellungen einfache für den Arbeitcrstand berechnete Wohnungseinrichtungen gesehen; die keramische Industrie hat zu wohlfeilen Blumengefässen verhalfen, die zu kaufen manchem Ar- beitcr möglich ist; die Natur läßt eine Menge von Kraut und Blumen erstehen, das sich vorzüglich zum Füllen der billigen Vasen eignet, und das der Arbeiter sich sonntäglich aus Feld und Wald zusammenholen kann— man bereine also diese drei dem Arbeiter zugänglichen Gegenstände und zeige auch ihm, wie er sein einfaches Heim durch Blumenschmuck wohnlicher zu gestalten vermag. Physiologisches. Farbiges Licht und Blutbildung. Nachdem sich die von F i n s c n eingeführte Behandlung gewisser Krankheiten durch farbiges Licht so bewährt hat,-daß nicht nur im Hcimatl.nds Finsens, in Dänemark, sondern mich anderwärts, z. B. in Berlin, in öffentlichen Krankenanstalt»» Einrichtiiiigen zur Lichtbehandlung geschaffen wurden, geht man darao, die bisher nur rein erfahrungs. gemäss gefundene Heilwirkung des Lichtes auch wissenschaftlich zu untersuchen, um ihre Ursachen zu ersizrschen. Man sucht zu diesem Zweck zunächst festzustellen, wie das Licht auf normale Organismen wirkt und ob es bei ihnen irgendwelche Veränderungen hervorruft. Schon die bisherigen auf diesem Gebiete erzielten Resultate er- scheinen höchst bedeutungsvoll. Jedes gesunde Tier, jeder gesunde Mensch besitzt eine gewisse Menge Blut, derart, dass zwischen Körpergewicht und Blutgewicht für jede Tierspezieö ein bestimmtes Verhältnis besteht. Man sollte nun glauben, dass es, abgesehen von der mechanischen Blutentzichung oder Blutzusnkr, gewaltiger Eingriffe bedürfe, um dieses Verhältnis und die Blutmenge zu ändern. Wenn dies richtig ist, so muß die Belichtung des Menschen oder Tieres ein sehr wichtiger Lebenssaktor sein, denn die Dunkel- heit setzt nach den im Kopcnhagcncr Finscrinstitut gemachten Be- obachtungen die Gesamtblutmcnge um nicht weniger als 3 Proz. herab; entsprechend der Blutmenge des gesamten Organismus ändert sich auch die des Herzens. Es handelt sich hierbei nicht um die eigentliche Lichtwirkung oder um die mit jeder Belichtung not- wendig verbundene Wärmewirkung, sondern um eine chemische Wirkung des Lichts. Bekanntlich geht die hauptsächlichste chemische Aktion von den blauen, violetten und den für unser Auge völlig unsichtbaren ultravioletten Strahlen aus. während die besonders durch ihren Glanz und übrigens auch durch starke Wärmcwirkung ausgezeichneten roten Lichtstrahlen chemisch so unwirksam sind, daß ja z. B. in der Dunkelkammer des Photographcn rotes Licht vor- Händen sein darf, weil dies eben auf die photographische Platte keinerlei Wirkung ausübt. Aehnlich muh nun die blutbildende Kraft des Lichts chemischer Natur sein, denn das der chemischen Tätigkeit unfähige rote Licht ist ebensowenig imstande, den Blut- geholt auf der normalen Höbe zu erhalten, wie die Dunkelheit dazu ausreicht. Der Beweis dafür wird dadurch gegeben, dag auch bei Belichtung mit rein rotem Licht die Blutmenge»in eben denselben Betrag sinkt, wie bei dem Fehlen jeder Belichtung über- Haupt, nämlich um 3 Proz. Der direkte Beweis für die grohe Bedeutung des blauen Lichtes für die Blutbildung wurde dadurch geliefert, daß man bei Belichtung von Tieren mit blauem Licht eine direkte Blutübcrfüllung sowohl im ganzen Körper, als auch im Herzen hervorrief. Die große Wirksamkeit des Lichtes tritt noch überraschender hervor, wenn man erfährt, daß sie nicht etwa größerer Zeiträume bedarf, um sich zu entwickeln, sondern sich ziemlich schnell vollzieht. Ein Lichtbad ist imstande, die Blutmcngc im Laufe von 4 Stunden um 2 bis sogar 5 Proz. zu vermehren. Ilebrigcns zeigt sich auch hier wieder, daß allzuviel ungesund ist, denn gar zu intensives Licht vermehrt den Blutgchalt nicht nur nicht, sondern setzt binnen 4 Stunden die Herzblutmcnge sogar herab. Man darf auch nicht glauben, daß der Blutdruck, d. h. der Druck des Blutes auf die Blutgefäße, nur von der Menge des in diesen Gesäßen befindlichen Blutes abhängt, sondern die An- spannung der Adernwände, der Widerstand, den sie dem fließenden und dabei diese Wände anspannenden Blut entgegensetzen, kommt ebenfalls in Betracht. Diese Spannung der Blutgefäße scheint in der Dunkelheit sehr vermehrt zu werden, denn nur so ist es zu erklären, daß trotzdem bei Lichtmangel die Blutmcnge abnimmt, dennoch der Blutdruck selbst steigt. Die ganzen Bcobachtungs- resultate sind so merkwürdig, daß man mit großem Interesse der Fortsetzung der Untersuchungen entgegensehen darf.— Geologisches. Die Emporhebung der Westküste von Süd» a m e r i k a. Eine der interessantesten geologischen Erscheinungen ist die allmähliche Hebung der Südspitze des amerikanischen Konti- nentS, welche neuerdings namentlich wieder von Professor I. Do- mehko auf die Beachtungen Darwins hin nachgewiesen worden ist. Darwin seinerseits hat bereits aus den daselbst vorkommenden Seemuscheln zur Genüge dargetan, daß die dem Atlantischen Ozean zugewandte, stufenweise sich erhebende Küste südwärts vom La Plata und in ganz Patagonicn in verhältnismäßig neuer Zeit über den Meeresspiegel emporgehoben worden und zwar allmählich mit längeren Intervallen der Ruhe, in welchen das Meer Zeit hatte, an dem jeweiligen Strande die hohen Ufer auszuwaschen, die nach der nachfolgenden Hcbungsperiode als die erste Stufe des terrasscn- förmig aufsteigenden Küstenlandes erschienen. Nun hat aber Pro- feffor Domcyko ziemlich klar nachgewiesen, daß nicht nur die Ost- küste, sondern noch mehr die Westlüste in junger Zeit einer solchm Emporhcbung unterworfen gewesen sein muß. Ohne näher auf die Umstände einzugehen, die ihm zur Beweisführung seiner An- ficht behülflich gewesen sind, wollen wir nur die endlichen Haupt- resultate von DomehkoS und Darwins Beobachtungen angeben. Es finden sich nach diesen Meercsmuscheln auf emporgehobenem Ter- rain der Westküste Südamerikas von 4S Grad 35 Minuten bis 12 Grad südlicher Breite in einer Längenausdehnung von 2075 gco- graphischen Meilen von Rord nach Süd, und wahrscheinlich auch noch weiter nach Norden hin. Da man annehmen darf, daß die Höhen, in welchen jetzt Muscheln gefunden worden sind, welche mit den jetzt noch im Meere lebenden identisch sind, früherhin unter dem Meeresspiegel lagen, so hat die Erhebung der Küsten zu ihrer gegenwärtigen Höhe getragen: in Chile...,, 350 Fuß ln Conccption... 025— 1000 Fuß in Valparaiso.». 1300 Fuß in Coquimbo... 252 Fuß in Eopiapo.,,. 200— 250 Fuß in Lima..... 85 Fuß Es geht aus diesen, wenn auch noch nicht als ganz zweifellos hinzustellenden Angaben hervor, daß die bedeutendste Küsten- erhebung unter der Breite desjenigen Teils der Anden statt- gesunden hat, welcher die höchsten Berge dieser Kette besitzt, den Iconcagua u. a Medizinisches. Vergiftungen durch einen Zier st rauch. In kllordamerika und Japan ist ein Strauch heimisch, der wegen seiner hübschen weißen Blüten und Früchte auch in unseren Gegenden seit langem als Gartenzicrde Verwertung gefunden hat, trotzdem er ein recht gefährlicher Bursche ist. Seine schlechten Eigenschaften sind auch bald offen zutage getreten, denn sowohl die deutschen Be- Nennungen Giftbaum, Gifteiche oder Giftsumach, wie der wissen- schaftliche Name Rbus toxicodendron weisen deutlich genug dar- auf hin. Die Vergiftungen, die von diesem Gewächs ausgegangen sind, haben die Aufmerksamkeit der Forscher in besonders hohem Grade erregt, weil manches daran rätselhaft erscheinen mußte. Einmal sind die einzelnen Personen sehr verschieden für die Wi» long dieses besonderen Giftes veranlagt, und man glaubte bald zu bemerken, daß blonde Menschen mehr dafür anfällig sind. Außer- dem sind auch schwer erklärliche Fälle von Vergiftung vorgekommen, bei denen keine unmittelbare Berührung mit dem betreffenden Strauch nachzuweisen war. Die früheren Untersuchungen haben diese Frage nicht genügend aufzuklären vermocht, während jetzt neue Forschungen, die von Acrce und Syme im„Journal für Bio- logische Chemie" veröffentlicht worden sind, mehr Erfolg zu bringen scheinen. Demnach enthält der Giftbaum einen giftigen Gummi oder Wachs als eigentlich wirksamen Stoff, der durch Säuren zer- setzt werden kann, übrigens vom chemischen Standpunkt beurteilt, ein ziemlich verwickelter Körper ist. Vor allem haben die neuen Untersuchungen zur Entdeckung eines zuverlässigen Heilmittels gegen solche Vergiftungen geführt, und diese Feststellung ist um so mehr befriedigend, als das Gegengift in einem ganz gewöhnlichen Stoff besteht, nämlich in dem übermangansauren Kali, das ohne- hm überall käuflich ist und sich jchon zu anderen Zwecken auch in vielen Hauswirtschaften vorfindet. Die Forscher erinnern daran, daß schon vor 40 Jahren das genannte Salz gegen Sumachvergif- tungen empfohlen, aber eigentlich niemals gebraucht wurde, da es die unliebsame Eigenschaft besitzt, Flecken auf den Kleidern und auf der Haut zu hinterlassen. Da aber die Vergiftung unter Um- ständen zu recht bösen Folgen führen kann, hat man diese Schön- hcitsrücksichtcn außer acht lassen müssen. Humoristisches. — Der Spiritist.»Entschuldigen Sie bitte, ist hier der Spiritistenverein?' „Ja r „Könnte ich vielleicht mal auf fünf Minuten meine gestern verstorbene Frau sprechen?" „Was wollen sie von ihr?' „Ach, ich wollte bloß mal fragen, wo sie eigentlich meine Man- schettenknöpfe hingelegt hat?" — Unüberlegt. Aufsichtsrat: Meine Herren! Schlag« Wörter I Schlagwörter sind die Losung des Tages! Wie sich die Hamburg- Amerikanische Paketfahrt- Aktien- Gesellschaft Hapog, die Berliner Elektrische Droschken- Aktien- Gesellschaft Bedag nennt, so so müssen wir auch für unsere neugegründete Handels- Und Moderne Börsen- UnternehmungS- Gesellschaft ein Schlagwort bilden («Lustige Blätter.") Notizen. — DieZensuranfReisen. Die Zensur, die gewohn- heitsmäßig ihren Stammsitz in Rußland, Preußen und den bcnach- karten Vaterländern einnimmt, hat einen Abstecher nach Italien unternommen. In Italien ist«Der Gott der Rache" von Schalom Asch verboten worden und zwar in Mailand, Der Zensor scheint die italienische Sittlichkeit für ein sehr gebrechliches Wesen zu halten. — Die nächste totale Sonnenfinsternis findet am 3. Januar statt. Zu ihrer Beobachtung wird nach der«Voss. Ztg." eine astronomische Expedition von der nordamerikanischen Lick« Sternwarte nach der im Stillen Ozean gelegenen Flint«(Feuer- stein-) Insel, etwa 400 Seemeilen nordwestlich von Tahiti, geschickt werden. Die Dauer der Totalität wird diesmal etwas über vier Minuten betragen und die Verfinsterung selbst kurz vor der Sonnenkulmination eintreten, wenn die Sonne auf jener Insel nur etwa 15 Grad vom Zenith absteht. Die astronomischen Bedingungen für eine erfolgreiche Beobachtung jener totalen Sonnen- finsternis sind daher sehr günstig und auch die meteorologischen Be- dingungen auf jener Insel im Stillen Ozean können als vorzüglich gelten. Die nordamerikanische astronomische Expedition soll San Francisco am 22. November verlassen und von Tahiti mit einem Kanonenboot der amerikanischen Marine zur Flint-Jnsel gebracht werden. — B ü st e. Hierunter versteht man die Brust mit dem darauf« sitzenden Kopfe. ES gibt daher Büsten von Männern sowohl als von Frauen. In dem Worte Vüstenfabrik denkt man aber mir an letztere, an die volle Frauenbrust. DaS lebendige Gelvoge einer solchen sollte eS begreiflicherweise unmöglich erscheinen lassen, daß die dem Worte Büste zugrunde liegende Vorstellung an einen Ort führt, wo der Tod uns mit seinem Grauen umfängt. Und doch ist es so. Wir haben daS Wort aus dem Französischen, wo eS busts lautet. Im Italienischen bedeutet daS entsprechende Wort busto, eigentlich: daS auf dem Grabmale aufgestellte Bruststandbild deS Verstorbenen. DieS gehl wieder auf das lateinische bustrun, Brand- statte für Leichen zurück. Auch bedeutet es Grabmal, das auf der Brandstätte aufgestellte Zeichen. Von hier bis zum Brustbild ist es nicht mehr weit. Verantivortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaul Singer ScCo..BerlinLW.