Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 133. Freitag, den 20. September. 1907 (Nachdruck verboten.) es) Vie Mutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. XI. Am nächsten Tage standen morgens ein paar Dutzend Männer und Frauen am Eingang des Krankenhauses und warteten auf den Sarg ihres Genossen. Um sie herum schlichen behutsam Spione, die einzelne Ausrufe auffingen und sich die Gesichter, Manieren und Worte der Leute ein» prägten; von der anderen Straßenseite aber blickte eine Ab- teilung Polizisten mit Revolvern am Gürtel herüber. Die Frechheit der Spione, das spöttische Lächeln der Polizisten und ihre Bereitschaft, ihre Macht zu zeigen, erregte die Menge. Die einen verbargen ihre Unruhe und scherzten, die anderen blickten mürrisch zu Boden und bemühten sich, das kränkende Benehmen nicht zu bemerken; wieder andere, die ihren Zorn nicht zurückhalten konnten, lachten ironisch über eine Behörde, die sich vor Leuten fürchtete, deren einzige Waffe in Worten bestand. Ein blaßblauer Herbsthimmel blickte hell auf die mit runden, grauen Steinen gepflasterte und mit gelben Blättern besäte Straße; Wind wirbelte die Blätter in die Höhe und warf sie den Leuten unter die Füße. Die Mutter stand in der Menge, beobachtete die be- kannten Gesichter und dachte voll Kummer: „Ihr seid wenige... nur wenige..." Das Tor öffnete sich, der Sargdeckel mit Kränzen, an denen rote Bänder befestigt waren, wurde auf die Straße getragen. Die Menschen nahmen schweigend alle zusammen die Hüte ab: es war, als wenn ein schwarzer Bogleschwarm über ihre Köpfe flog. Ein großer Polizeioffizier mit dichtem, schwarzem Schnurrbart im roten Gesicht schritt schnell in die Menge hinein, hinter ihm stießen Soldaten ohne viel Feder- lesen die Menge beiseite. Ter Offizier sagte in schrillem Kommandoton: „Bitte, die Bänder zu entfernen!" Männer und Frauen umringten ihn, sagten ihm etwas, bewegten die Hände und stießen sich erregt hin und her. Bor den Augen der Mutter schimmerten blasse, erregte Gesichter mit bebenden Lippen; über das Gesicht einer Frau rollten große Tränen infolge der erlittenen Kränkung. „Nieder mit der Gewalt!" schrie die jugendliche Stimme eines Anwesenden, die sich dann einsam in dem lärmenden Gezänk verlor. Die Mutter empfand auch Bitterkeit und wandte sich cinpört zu ihrem Nachbarn, einem ärmlich gekleideten, jungen Menschen: „Nicht einmal begraben lassen sie die Leute, wie ihre Freunde es wünschen!" Die feindselige Stimmung wuchs. Ueber den Häuptern schwankte der Sargdeckel, der Wind spielte mit den Bändern, die Köpfe und Gesichter einhüllten, und man hörte das trockene und knisternde Rauschen der Seide. Kalter Schreck vor einem möglichen Zusammenstoß er- griff die Mutter, sie sprach schnell und hastig halblaut nach rechts und links: „Laßt sie doch nur... sollten die Bänder abnehmen... lieber nachgeben..."* Eine laute, scharfe Stimme übertönte den Lärm: „Wir verlangen, daß man uns nicht hindert, dem von Ihnen zu Tode Gequälten das letzte Geleit zu geben..." Jemand, wahrscheinlich ein junges Mädchen, sang mit hoher, zarter Stimme: „Ihr seid im Kampf als Opfer gefallen..." „Ich bitte, die Bänder fortzunehmen! Jakowlew, schneid' sie ab!" Man hörte das Schleifen eines herausgezogenen Säbels. Tie Mutter erwartete einen Schrei und schloß die Augen... aber es wurde still, die Menschen brummten und knurrten wie gehetzte Wölfe. Dann bewegten sie sich schweigend mit gesenkten Köpfen, vom Bewußtsein ihrer Ohnmacht be- zwungen, vorwärts und erfüllten die Straße mit dem Ge- rausch ihrer Schritte. Vorauf schwankte durch die Luft der geplünderte Sara- decke! mit zerknüllten Kränzen, und von einer Seite auf die andere schaukelnd ritten Polizisten nebenher. Die Mutter. ging aus dem Trottoir. In der dichten, sie eng umringenden Menge, die unmerklich anwuchs und bald die ganze Straßen- breite einnahm, konnte sie den Sarg nicht sehen. Hinter; der Menge erhoben sich ebenfalls die grauen Gestalten Be- rittener. An den Seiten schritten, die Hand am Säbel, Fußgendarmen, und überall blitzten der Mutter bekannte, scharfe Spionenaugen entgegen, die sich aufmerksam auf die Gesichter der Leute hefteten. „Leb wohl, Genosse, leb Wohl,. sangen zwei hübsche Stimmen traurig... „Nicht nötig!" ertönte ein Ruf.„Wir wollen schweigen, Genossen! Einstweilen!" In diesem Ruf lag etwas Strenges, Gebietendes, etwas drohend Verheißendes, das die Menge bezwang. Das traurige Lied riß ab, der Lärm der Unterhaltung wurde leiser und nur die festen Schläge der Füße auf den Steinen erfüllten die Straßen mit dumpfen, gleichmäßigen Klängen. Sie erhoben sich über die Köpfe der Menschen, schlvammen in den durchsichtigen Himmel und erschütterten die Luft, ähnlich dem Widerhall des ersten Donners bei einem noch entfernten Gewitter. Kalter Wind, der stets an Heftigkeit zunahm, wehte den Menschen den Staub und Schutt der Straßen feindselig entgegen, blähte die Kleider auf, blendete die Augen, schlug gegen die Brust und verwickelte sich zwischen den Beinen... Dieses schweigende Begräbnis ohne Popen und ohne Gesang, die nachdenklichen Gesichter, die gerunzelten Brauen und die festen Fußtritte auf der Erde riefen in der Mutter ein unsicheres Gefühl hervor; ihre Gedanken aber kreisten langsam umher und kleideten die Eindrücke in traurige Worte: «Ihr seid nur wenige, die für die Wahrheit sind.., wenige. Aber trotzdem fürchten sie Euch!.. Sie schritt mit gesenktem Kopf dahin, und es war ihr, als wenn man nicht den Jegor, den sie kannte, beerdigte, sondern etwas anderes, ihr Vertrautes und deswegen Nahes und Notwendiges. Ihr war traurig und unbehaglich zumute. Ihr Herz war voll von einem unruhigen, rauhen Gefühl der Nichtübereinstimmung mit den Leuten, die Jegor zum Grabe geleiteten. „Natürlich," dachte sie,„Jegor hat nicht an Gott ge». glaubt und sie alle ebensowenig.. Aber sie verstand ihren Gedanken nicht zu Ende zu führen und seufzte schwer. „O Gott... Jesus Christus... soll ich wirklich auch so..." Man kam auf dem Kirchhof an und irrte lange auf den schmalen Pfaden zwischen den Gräbern umher, bis man auf einen freien Platz gelangte, der mit niedrigen, weißen Kreuzen besät war. Die Leute drängten sich um das Grab zusammen und verstummten. Und dieses mürrische Schweigen lebender Wesen zwischen den Gräbern stellte etwas Schreckliches in Aussicht, wovor das Herz der Mutter zitterte und vor Erwartung stillstalch. Zwischen den Kreuzen pfiff und heulte der Wind... auf dem Sargdeckel zitterten traurig zerknüllte Blumen... Die Polizei wurde aufmerksam und entfaltete sich, den Blick auf den Vorgesetzten gerichtet. Am Grabe stand ein großer, junger Mann ohne Mütze mit langem, schwarzem Haar, schwarzen Augenbrauen und blasser Gesichtsfarbe. Und im selben Augenblick ertönte die schrille Stimme deS Polizcikommandanten: „Meine Herren „Genossen I" begann der mit den schwarzen Brauen laut und klangvoll. „Erlauben Sic!" rief der Polizeioffizier.„Ich erkläre Ihnen, daß ich Reden nicht gestatten kann..." „Ich werde nur einige Worte sagen!" erwiderte der junge Mann ruhig.„Genossen, laßt uns am Grabe unseres Lehrers und Freundes schwören, niemals sein Vermächtnis zu vergessen: unaufhörlich der bösen Gewalt, die unser Vaterland bedrückt, depz Selbstherrschertum ein Grab zu graben!" »NcHM festl tief Set Polizeloffihlet. aber seine .Stimme wurde von einem wüsten Geschrei übertönt: ..Nieder mit dem SelbstherrschertumI" Die Polizisten jagten die Meng« auseinander, stürzten auf den Rednex los: dex aber schrie, von allen Seiten dicht Umringt: „Es lebe die Freiheit! Mit ihr laßt uns leben und isterben l" Die Mutter wurde beiseite gestoßen: sie lehnte sich voll Angst an ein Kreuz und schloß in Erwartung von Schlägen die Augen. Stürmisch durcheinander wirbelnde mißtönende Klänge betäubten sie, die Erde schwankte unter den Füßen, der Wind und die Angst erschwerten den Atem. Unruhig drang das Pfeifen der Polizisten durch die Lust, eine rohe Kommandostimme erscholl, Frauen schrien hysterisch, die hölzerne Einfriedigung krachte, und dumpf klang das schwere Stampfen der Füße auf der trockenen Erde... Das dauerte lange und das Stehen mit geschlossenen Augen wurde der Mutter schließlich unerträglich... Sie blickte geradeaus und stürzte mit ausgestreckter Spanb schreiend vorwärts. Nicht weit von ihr auf einem schmalen Wege zwischen Gräbern hatten Polizisten den tang» haarigen Menschen umringt und trieben die von allen Seiten auf sie eindringende Menge zurück. In der Luft blitzten weiß und kalt die Säbel: sie flogen über den Köpfen hin und fielen schnell nieder. Spazierstöcke und Zaunlatten tauchten auf und in ihrem wilden Tanz erhob sich das blasse Gesicht des jungen Menschen: seine feste Stimme übertönte den Sturm wütender Erregung: „Genossen! Wo�u vergeudet Ihr Eure Kraft?,, Er trug den Sieg davon. Die Menschen warfen die Stücke hin, sprangen einer nach dem anderen fort: die Mutter aber drang von einer unbezwinglichen Macht getrieben vor- wärts und sah, wie Nikolaj, den Hut in den Nacken geschoben. die vor Wut sinnlosen Menschen zurückdrängte. Sie hörte seine tadelnde Stimme: „Ihr habt den Verstand verloren... so seid doch ruhig!,. Es schien ihr, als wenn seine eine Hand rot war.., „Nikolaj Jwanowitsch, gehen Sie fort!" schrie sie, auf shn zustürzend. ».Wohin wollen Sie? Man wird Sie schlagen«T» (Fortsetzung folgt) Das Los der indifchen frauen. _ Von Dr. F. W i e s e, "■ Es gibt bielleicht kein zweites Volk auf Erden, bei dem alle Vorkommnisse des täglichen Lebens so unter dem Einfluß reli- giöser Gebräuche stehen, als das indische. Die kleinsten häuslichen Tätigkeiten werden verrichtet nach vorgeschriebener Weise, unter vorgeschriebenen Gebeten oder ebenso vorgeschriebenem Schweigen. So ist auch die Stellung der Frau in der Familie durch religiöse Gesetze geregelt: eine Acnderung ihrer Lage ist nur unter Verlust der Kaste möglich, der furchtbarsten Strafe für den Hindu, weil sie den Verlust der Familienehre und Rechte, wie jeder gesellschaftlichen Stellung bedeutet. Nach der Lehre der Bedas, der kanonischen Bücher der Hindus, ist die Frau ihrer Natur nach unfähig, selbständig zu sein. Sie ist ein unreines Wesen, muß unter steter Bewachung gehalten werden und kann nur durch die Geburt eines Sohnes, der fie«er- löst", einen Anspruch auf Seligkeit erlangen. Der Vater, dem zu Seinem Verdruß ein Mädchen erwächst, hat darum die religiöse Zslicht, sie so bald als möglich mit einem Manne der eigenen Kaste zu verheiraten. Nach den Vorschriften des Manu ist acht Jahre das früheste, zwölf Jahre das höchste Alter, in dem ein Mädchen verheiratet sein muß; bei den Brahmanen ist das Alter von ö bis zu elf Jahren die gewöhnliche Zeit der Verheiratung. Von dem Augenblicke an, wo der junge Gatte sein Kinderweib in sein Haus abholt,— waS unter so kostspieligen Gebräuchen geschieht, daß fchon deshalb die Geburt mehrerer Töchter als ein Unglück ange- sehen wird, das zum Gebrauch des Mädchenmordes geführt hat— ist sie ihm auf Gnade und Ungnade unterworfen; kein Recht schützt sie, keine Barmherzigkeit hilft ihr. Eingeschlossen in der Zenana, dem Frauengemach, lebt sie als Sklavin des Mannes und der alteren Frauen deö Hauses. Das heilige Buch des Manu sagt: „Eine kinderlose Frau kann im achten jähre, eine, deren Kinder sterben, im zehnten, eine, die nur Töchter hat, im elften Jahre ent- lassen werden; eine, die krank ist, ohne Aufschub. Dagegen:«Wenn der Mann ein Trrnker ist und bösen Leidenschaften ergeben, und die Frau erzeigt ihm keine Achtung, so soll sie ihres Schmuckes und ihrer Gerätschaften beraubt und auf drei Monate verlassen werden." Auch die Ungerechtigkeit, daß das Unglück der Frau harter bestrast spird, als das Laster des Mannes, beruht auf religiösen Vor- stcllungen. Der Hindu glaubt an die Unsterblichkeit der Seele, in, sofern sie eines Wesens mit Gott ist. Der Mensch wird mehreren Existenzen verschiedener Art unterworfen, um den Lohn seiner Taten zu ernten. Wird er endlich stei von den Folgen seiner Handlungen, so geht er auf in den Geist und hört auf. ein Jndi- viduum zu sein, wie der Fluß sich nicht mehr als Fluß unterscheidet, wenn er in den Ozean aufgeht. Das ist der Begriff der Seligkeit des Hindu. Jedes Vergehen aber unterwirft ihn einer neuen, niederen Existenz. Ein so großes Unglück, wie das, keine Söhne zu haben, kann nur die Strafe schwerer, in einer früheren Existenz begangener Sünden sein, und ist die Frau demnach jeder Züchii. gung wert. Am furchtbarsten zeigen sich die Folgen dieser An» schauung in dem Looö der indischen Witwen, die nach dem Volks. glauben stets den Tod des Mannes verschuldet haben. Oft noch dem Kindesalter angehörend, nicht wissend, was es verschuldet hat wird ein solch armes Geschöpf behandelt wie die fluchwürdigste Verbrecherin. Ausgestoßen von allem freundlichen Verkehr, ihres Gutes, ihrer Kleider, sogar ihres Haares beraubt, hat sie hinfort nichts mehr zu erwarten als Absperrung, Verachtung, Mißhandlung. Was Wunder, wenn es früher Tausende dieser unglücklichen Wesen dazu trieb, den Tod auf dem Scheiterhaufen zu suchen? Dann waren sie das Elend ihrer Existenz los, ja. sie waren aus dem Zustande tiefster Verachtung zu fast göttlicher Ver» ehrung erhoben und durften die Erlösung hoffen, die ihnen sonst ewig verschlossen bliebt Die englische Regierung hat die Witwen» Verbrennung verboten, aber fie hat das Los der Witwen nicht bessern können. Eine der letzten Volkszählungen ergab im britischen Gebiet 20 030 628 Witwen, ein Verhältnis, das sich nur dadurch erklärt, daß bei verschiedenen Volksstämmen Indiens, sowie in der großen Brahmanenkaste die Vielweiberei herrscht Von diesen Witwen waren 73 976 unter 9 Jahren. 207 388 kamen auf das Alter von 10— 14 Jahren und 382 736 auf das Alter von 14 bis zu 19 Jahren. Alle diese Kinder an Alter und Verständnis ver» fallen dem furchtbaren Schicksal, das der religiöse Fanatismus über sie verhängt.„Die Engländer haben die Suttee oder Sati abge» schafft", schreibt ein gelehrter Hindu,„aber acht weder die Eng- länder noch die Engel wissen, was in unseren Häusern vor sich gehtt Mit der armen Hülflosen Witwe der hohen Kaste steht es gerade wie in früheren Jahrhunderten. Das einzige Mittel, ihr Elend zu enden, ist ihr mit der Suttenfeier genommen« und niemand ist da. der ihr helfe l" Allerdings ist es nicht ganz richtig, anzunehmen, daß die Sitte der Witwenverbrennung vollständig in Indien beseitigt fet Gerade in der neuesten Zeit zeigt sich die britische Regierung in Indien lebhaft beunruhigt, daß alle ihre Bemühungen, die„Satt* oder den frelkvilligen Feuertod der Witwen auszurotten, diesen furchtbaren Brauch nicht völlig haben beseitigen können. Im vorigen Jahre wurden sieben bei einer solchen Verbrennung be» teiligte Personen streng bestraft um ein Exempel zu statuieren, und vor kurzem kam schon wieder die Nachricht, daß eine junge Witwe mit Hülfe von Verwandten und Nachbarn auf dem Scheiter- Haufen ihrem Gatten in das Paradies gefolgt ist. Man weiß nicht genau, wann der Brauch der Sati begann. Der griechische Geschichtschreiber Diodorus Siculus erwähnt ihn als etwas ganz Gewöhnliches zu der Zeit, als die Mazedonier zum erstenmal nach Indien kamen. Heute sieht man in allen heiligen Orten an den Wegen der Hindustanischen Pilgerfahrten kleine weiße Säulen zur Erinnerung an die„Sati"— der Name bedeutet im Sanskrit eigentlich„Die Gute",„Die Treue", und ist erst spät von Euro» päcrn irrtümlich auf die Witwenverbrennuna übertragen worden die sich neben der Leiche ihres Mannes in die Flammen geworfen haben. Erst im Jahre 1829 wagten es die Engländer, den tief ein- gewurzelten religiösen Brauch als„strafbaren Mord" zu bezeichnen, und Sir William Bentinck hielt aus eine so strenge Anwendung des Gesetzes, daß die„Sati" nur in abseits gelegenen Gemeinden im geheimen geübt wurde. Im Jahre 1817 waren allein in der Präsidentschaft Bengalen 700 Witwen lebendig verbrannt worden. Die Witwe, die nicht freiwillig den Flammentod starb, mußte ein elendes Leben führen und wurde von allen verachtet. Den Hindus erschien„Sati" als das einzige Mittel, das Glück der Eheleute im zukünftigen Leben zu sichern. Der letzte Fall, über den ein Mitarbeiter des„World Maga» zine" berichtet, hat sich erst vor kurzem ereignet. Die Beamten in Lucknow erfuhren, daß eine jugendliche Witwe in Cawnporc den Feuertod gestorben wäre, und die Untersuchung ergab, daß das Gerücht auf Wahrheit beruhte. Verhaftungen konnten nicht vor- genommen werden, da die fanatischen Anhänger der allen Religion die Namen der Mitschuldigen geheim hielten. Auf demselben Scheiterhaufen, der die Leiche des Arbeiters Thunder Mookerjhan verzehrte, hauchte auch seine fünfzehnjährige Witwe freiwillig den Atem aus. Die beiden Eheleute, die der alten Religion anhingen, hatten sich erst vor kurzem geheiratet und liebten sich leidenschast- lich. Als dann Chunder Mookerjhan nach kurzer Krankheit starb, schien die junge Witwe wie betäubt. Niemand drängte fie zu ihrem Opfer, fie begleitete die Leiche auch nicht zum Scheiterhaufen. Erst als das Holz schon angezündet war, erschien sie ganz in Weiß gekleidet. Ihre Gewänder waren mit Kerosin gettänkt, und ihren Unterkiefer hatte fie festgebunden, als ob fie schon eine Leiche wäre, wahrscheinlich um nicht vor Schmerz zu schreien, wenn die Flammen sie ergriffen. In ihren Augen leuchtete der Entschluß, sich mit ihrem Gatten in der anderen Welt zu vereinen, und ohne einen Augenblick zu zögern, warf sie sich neben der Leiche mitten in die Flammen. Als ihre Gewänder aufflammten, sprang sie empor und blickte mit erhobenen Armen zum Himmel aus, dann sank sie erstickt und bewußtlos zurück und war bald in Asche ver- wandelt. Gerade zu derselben Zeit baten die Mitschuldigen der„Sati", die vor einem Jahre zu Gefängnisstrafen von neun Monaten bis zu fünf Jahren verurteilt worden waren, um eine Milderung ihrer Strafen. Die Verhandlung hatte gezeigt, daß es sich hier um das Beispiel einer sehr feierlichen Sati handelte. Chaudrhi Missir war ein einflußreicher Brahmane aus hoher Kaste, der im Dorfe Sanchari bei Behau lebte. Nach seinem Tode gruben seine Verehrer unter Leitung seines ältesten Sohnes Juggernath flache Gräben in Form eines Andreas-Kreuzes und schichteten darauf das Holz zum Scheiterhaufen. Beim Fallen des Holzes, das einen Teil der Trauerzeremonie bildet, hatte Juggernath geholfen. Als die Dorfbewohner die Witwe im Flusse baden sahen, raunten sie sich zu!«Die Witwe Chaudrhi Missirs will Sati werden!" Da man seit einem halben Jahrhundert keine Sati in Sarichari ge- sehen hatte, strömten Hunderte herbei. Freiwillige Musikanten kamen mit Trommeln, Zimbeln, Gongs und heiligen Sanks oder Muscheln, auf denen feierlich geblasen wurde, wann der Geist der Witwe sich mit dem ihres Gatten vereint. Endlich war der Scheiterhaufen fertig. Träger brachten die Leiche und legten sie mit den Füßen gegen die untergehende Sonne, und die jüngeren Söhne legten die Kleider und die Ausrüstung des Verstorbenen daneben. Dann erschien in Begleitung zweier Mädchen in ihren Brautgewändern die Witwe. Sie strahlte wie eine junge Braut, und die Frauen, die bisher Klagetone ausgestoßen hatten, ließen jetzt triumphierende Töne hören. Sie senkten die Köpfe und murmelten:»Sati! Ein gutes Weib! Gesegnet sei Chaudrhi Missir!" Juggernath reichte gefaßt seiner Mutter die Hand. Diese bestieg mit seiner Hülfe den Scheiterhaufen und legte sich ausgestreckt neben die Leiche, den Kopf unter die Schulter des Toten, wie eS einem demütigen Weibe geziemt. Nun war alles bereit. Die Männer entlockten den heiligen Sanks langgezogene Töne, Trommeln, Zimbeln und Gongs erklangen gedämpft. Dann sagte die Witwe sanft:„Mein Sohn, da Du hier bist und das Gesetz nicht fürchtest, so tue Deine Pflicht als getreuer Hindu." Da entzündete Juggernath einige Weizenhalme, umschritt dreimal den Scheiterhaufen und brachte das Feuer dem Munde des Leich- nams nahe. Als aber der Scheiterhaufen noch nicht brannte, bat er vier gute Brahmanen, ihm zu helfen. Seiner Aufforderung entsprächen seine jüngeren Brüder. Sie verbrannten erst Weih- rauch auf dem Scheiterhaufen, tauchten Späne in Fett, entzündeten sie und legten sie unter das Holz des Scheiterhaufens. Nun sprangen die Flammen auf und vereinigten sich mit dem Rauch oes Weihrauches: die Trommeln, Gongs und Zimbeln fielen laut ein. Als die Flammen die Gewänder der Witwe ergriffen, wand sie sich vor Schmerzen, dann stand sie in Flammen gehüllt auf, erhob die Arme und kehrte das Gesicht der untergehenden Sonne zu. Die Menge mit dem feierlichen Ruf„Sat Ram! Sita Ram! Sati Mai! Kai Jai!" übertönte die Musik. Plötzlich fiel die Witwe über den Leichnam des Gatten, und beide schienen sich gemeinsam aufzulösen, Bald mischte sich ihre Asche mit der des Scheiterhaufens... Dem Gesetze nach konnte allerdings eine Witwe nicht zur Mit» Verbrennung gezwungen werden; aber wenn der Mann gestorben war, kamen alsbald die Priester(Brahmanen) sowie Verwandte zu der Witwe und forderten sie auf, ihre Einwilligung zu er- klären, indem sie ihr mit allen Künsten der Ueberredung vor- stellten» wie sie sich damit den Ehrcnnamen der„Reinen", der „Sati" verdienen und welch glückseliges Leben sie hinfort mit ihrem verstorbenen Gatten ini Himmel führen werde. Am ersten wird ein solcher Zuspruch Erfolg gehabt haben bei sehr jungen Witwen, von 10— 20 Jahren, die nach ihrer Erziehung zu einem festen, eigenen Willen nicht gekommen sind, am wenigsten bei älteren Witwen, namentlich bei solchen, die Kinder haben, da die Trennung von den Kindern den Opfermut begreiflicherweise er» schwert; aber auch nicht bei denen, die vom Manne schlecht be- handelt worden waren oder dessen Liebe mit anderen Weibern und Dirnen teilen mußten, wie dies bei den Großen die Regel bildete. Hatte die Witwe im ersten Schmerz über des Mannes Tod oder der Ueberredung nachgebend, ihre Einwilligung erklärt, so konnte sie sie zwar nach dem geschriebenen Gesetz widerrufen, aber tatsächlich wurde sie dessenungeachtet meistens verbrannt, jeden» falls in einen noch elenderen Zustand verstoßen, als die von An- ang an sich Weigernde. Den Witwen der Fürsten, der Radschas, blieb keine Wahl; sie wurden immer verbrannt, auch ihre Kebs- Weiber und Dirnen. Welches Interesse die Thronfolger hatten, die Witwen ihrer Vorgänger nicht am Leben zu lassen, läßt sich leichter beurteilen, wenn man die Vorgänge an diesen Höfen genauer kennt. Wenn der Thronfolger der Mörder des Fürsten war, ein im ganzen Orient häufiger Fall, mußte er wünschen, auch die Witwe be- seitigt zu sehen, um deren Rache vorzubeugen; war der Fürst eines natürlichen Todes gestorben und waren minderjährige Kinder vorhanden, die eines Vormundes bedurften, so lag es im Interesse der nächsten volljährigen Verwandten des Mannes, die Kinder in ihre freie Gewalt zu bekommen, sie leichter um ihr Thronfolgerecht hringen oder ganz aus dem Leben schaffen zu können, Die Verbrennung der Witlve hat hiernach sin IS. Jahrhundert im allgemeinen nicht auf wirklich freiem Willen der Witwe beruht, sondern auf unmittelbarer Gewalt oder mittelbaren» Zwang, und das gleiche ist bis zmn Beweise des Gegenteils auch für ältere Zeiten anzunehmen. De« Wunsch einer Witwe, möglichst bald wieder mit ihrem Gatten vereinigt zu sein, ist nur in Ausnahmefällen ein begreiflicher und ließe sich erfüllen durchs einen einfachen Selbstmord, den jeder Mensch dem qualvollen Tods auf dem Scheiterhaufen vorziehen wird. Was man aus altgermani»! schen Gedichten zum Beweis dafür beibringt, daß Heldinnen frei- willig in den brennenden Holzstoß über ihren Geliebten gestürzt seien, sind eben Gedichte, Verherrlichung seltener Heldentaten einzelner hochstehender Personen können eine irgend verbreitete! Sitte in keiner Weise wahrscheinlich machen.»— Zwang bleibt also der wahre Ursprung der greuelhasten Sitte, und er ist nur denkbar bei denienigen orientalischen Völkern, bei denen die Frau auf einer sehr tiefen Stufe des Rechts und der Bildung stand. Einige Lehrerinnen der Zenana und europäische Damen, die durch besondere Einladung zugelassen wurden, haben bei gewissen Gelegenheiten die Frauengemächer besucht, aber ein sehr genauer Kenner der einschlägigen Verhaltnisse, ein Engländer, der lange Fahre in Indien in einflußreicher Stellung gelebt hat, sagt, daß auch nicht eine einzige von ihnen in die Geheimnisse des Hindu- lebens gedrungen sei. Die einzige Frau, die. obwohl nicht Familien- Mitglied, dennoch in die geheimsten Teile der Zenana gelangt, ist: die„weiße Frau", die die eingeborene Dame pflegt und, wenn sie eS ohne Gefahr dürste, furchtbare verbrecherische Taten erzählen könnte. Die Hindufrauen gleichen Vögeln in Käfigen. Sie sind' unfähig, von der Freiheit Gebrauch zu machen, aber bessere Mittel! zur Verbindung mit der Außeirtoelt müßten für sie geschaffen wer- den, und autorisierte Personen müßten gerade wie in Europa sii den Irrenhäusern dort Zutritt hccken. Die Hindufamilie in allen Graden ihrer Verwandtschaft leA in kolossalen Erbresidenzen versammelt. Nur die Männer reise» nach.allen Teilen Indiens, aber sie lassen die Frau und Kinder zu Hause und kehreu zurück, sobald sie können. Diese Residenzen sind so eingerichtet, daß sie besondere getrennte Viertel bilden. Andere enthalten gemeinsame Wohnräume, und zu noch anderen hat nur der Hausherr Zutritt. Unser Gewährsmann beschreibt das geheime Innere einer verlassenen Zenana. Der Eingang war verborgen in einem Gewölbe schwarz wie die Nacht. In einem Winkel führte eine kleine niedere Tür zu einem Korridor im Zickzack, an dessen Ende sich schließlich der geheime Teil der Residenz befand. Dort waren Höfe. Sieingebäude, Erdhütten, Sauten aus Ziegelsteinen zu sehen, die durchaus nicht miteinander in Verbindung standen. Dort sah er Brunnen, mit Trümmern aller Art bedecktes Land. Zimme« mit eisenvergittcrten Fenstern, Löcher in den Mauern. Verstecke für die Kleinodien. Eine dunklere und nach europäischem Geschmack furchtbarere Wohnung konnte nicht g-dacht werden: ein Palast nach Hindu-Anschauung, ein ekelhaftes Gefängnis in der Tat, in den« alle Arten Verbrechen begangen werden können. Hier kann eine Frau oder ein Mann ermordet und im Geheimen beerdigt werden, ohne daß jemand außerhalb der Mauer je etwas von der Tat erfährt,,._ Klelned fcmlleton- Die Flucht auS dem Himmel.„Ach ja, schließlich wirds doch langweilig!" sagte der kleine Engel Tommy zu sich selbst und über» legte, wie er denn wieder hinauskommen könnte aus dem Himmet, Er war nun schon eine ewig lange Zeit darin, und er wäre schon am liebsten wieder auf der Erde gewesen. Aber der Himmel war allenthalben geschlossen, und wenn mal irgendwo ein Loch in das blaue Laken hineinkam, flugs! waren welche dabei, es wieder zu» zuflicken. Aber eines Tages hatte Tommy Glück! Er fand ein Loch im Himmel, daS noch niemand wieder zugenäht hatte. Er probierte gleich, ob er hindurch käme. Aber er mußte es noch cm wenig weiter machen. Dann schlüpfte er hindurch, und weil daS Loch gerade da im Himmel saß, wo er mit seinem Rande auf dia Erde stieß, so konnte er leicht hinausspringen und davonlaufen. Nichts war einfacher als das! Da stand er nun in der blühenden eide, rieb sich vor Vergnügen die Hände und sagte:„Gott sei ankl Da wären wir wieder mal ein Stück weiter!" Weil aber die Engel im Himmel weder Höschen noch Röckchen tragen, stand der kleine Knirps so splitternackend da, daß ihn gewiß bald g'roren hätte, wenn nicht ein solch schönes warmes Wetter gewesen wäre. Er lief nun weiter durch die Heide, wo es so einsam und still war und man nur die Heidelerche zwitschern horte. Immer weiter lief er, bis er in ein Dorf kam, wo gerade die Schule aus war. Die Kinder blieben auf den Straßen stehen, guckten den Kleinen an und brachen dann in ein lautes, jubelndes Gelächter aus und riefen:„Wo kommst du denn her?" und klatschten in die Händq, warfen die Tornister fort und die Mützen hoch in die Luft und rannten dem Kleinen nach. Da lief Tommy, s» schnell er nur konnte, und eilte zum Dorfe hinaus und wieder in die blühende Heide hinein. Nach einiger Zeit kam er an einen einsamen Bauern- Hof, in dessen Garten Wäsche bleichte. Da nahm das Bübchen ein Hemdchen und ein Leibchen und ein Nöckchen und zog es an und sagte dabei:„Wer nichts hat, dem gehört alles zu!" und dachte daran, daß das die großen Engel im Himmel gesagt hatten, und die mutzten es wissen. Als es so angezogen war. lief es weiter und kam in eine Stadt, Da fuhren Wagen auf der Straßen, und We Hunde bellten, und die Kinder in den Schulen sangen:„Guter Mond, du ge— e— best so sti— il— le!" und es war doch heller Tag und der Mond gar nicht zu sehen. Da lachte es laut und fröhlich. Dann sah es die Eisenbahnen fahren, und die Loloinotive tutete so laut, als wenn sie den ganzen Bahnhof umtuten wollte. So lief es oen ganzen Tag in der Stadt herum, sah die großen Schorn- steine an und dachte:„Hier muh man aber grohe Pfannkuchen backen!" und weil eS gerade an Pfannkuchen dachte und so lange nichts gegessen hatte, ging es in eines der Häuser hinein und bat um ein Stück Brot. Weil es aber so unerfahren war, war es gerade in das Haus eines Schutzmanns hineingeraten, und der fragte eS gleich:„Woher kommst du?" Da fing das Bübchen an zu zittern(denn der Schutzmann hatte einen gewaltigen Schnauz- bart) und wuhte nicht, was es sagen sollte. Der Schutzmann aber sagte, es sei ein Herumtreiber und Schulläufer und seinen Eltern weggelaufen und nahm es beim Kragen und brachte es auf die Wache. Da sagte es denn, dah es geradewegs aus dem Himmel käme, aber das nützte ihm nichts. Der Wachtmeister brummte, es wäre wohl verrückt, und der Schutzmann sagte:„Jawohl!" So sperrte man es ein und machte in den Zeitungen bekannt, dah ein Kind aufgegriffen worden sei. Aber es meldete sich niemand, dem es gehörte. Am folgenden Sonnabend kam eine Bauernfrau auf die Polizei und zeigte an, dah man ihr ein Hemdchen und ein Leibchen und ein Viöckchen gestohlen habe. Die fanden sich nun bei dem Buben. Da sagte der Wachtmeister:„Ich Hab ja gleich gesagt, dah du ein verdorbenes Kind bist!" und dann räusperte er sich und spuckte in die Stube. Als aber wirklich niemand kam, um das Bübchen abzuholen, sat man es aus Staatsmitteln in erne Besserungsanstalt. W. Scharrelmann. Technisches. Eine neue Dampfturbine. Gerade in diesen Tagen, in denen die Dampfturbine ihre bisher gröhten Triumphe als Schiffsmaschine auf dem Ozean gefeiert hat, kommt die Nachricht von einer Neuerung, die ihren Siegeszug jedenfalls noch wesentlich fördern wird. Ein erheblicher Mängel, den man der Turbine mit viücksicht auf ihre Benutzung auf Schiffen vorwerfen konnte und muhte, war ihre Unfähigkeit zur Umsteuerung. Eine Dampfturbine konnte sich ebenso wie jede andere Turbine bisher immer nur in einer Richtung drehen, und es war so nicht möglich, dieselbe Maschine für die Vorwärts- und Rückwärtssteuerung zu benutzen. Solveit bisher überhaupt die Turbine benutzt worden ist, muhten daher, weil selbstverständlich ein Schiff mit gleicher Kraft vorwärts wie rückwärts muh fahren können, zwei Maschinen von derselben Leistungsfähigkeit aufgestellt werden. Dieser Nachteil, dessen Be- Deutung auch dem Laien auffällig fein muh, wird jetzt angeblich durch die Erfindung eines österreichisch-amcrikanischeu Ingenieurs inamens Deutschmann behoben werden. Nach einer Mitteilung von „English Mechanic" wird diese Erfindung aber nicht nur die Um- peuerung der Turbine in gleich einfacher Weise wie bei jeder änderen Maschine ermöglichen, sondern auch iwch andere Verbesse- rungen einführen, die den Betrieb der Turbine wesentlich sparsamer machen sollen. Der Dampfverlust, der sich bisher noch immer nicht ganz hatte vermeiden lasten, wird von Deutschmann ganz ausge- schaltet, indem er seine Turbine durch«inen besonderen Mantel vollkommen dampfdicht macht. Auherdem will er noch dadurch Kraft gewinnen, dah der Dampf rechtwinkelig zum Motor oder zur Trommel in die Vertiefungen einströmh, und diesem somit einen senkrechten Stoß erteilt, tvährend er bei den bisherigen Formen schief austraf. Die ganze Trommel wird auherdem in einem Stück bergestellt und nicht mehr in der Form abnehmbarer Fächer. Der Mantel um die Turbine wird aufs genauste angepaht und die Reibung auf das Minimum beschränkt. Die wesentlichste Neuheit, die Rückwärtssteuerung, wird durch ein Flügelventil bewirkt, das auf der Innenseite des Mantels sitzt und mit einem Ansatzstück vcr- sehen ist, das abwechselnd einen der zwei 5w»üle für den Einlah ides hochgespannten Dampfes fchlieht. Je nachdem der eine oder der andere der Kanäle offen ist, dreht sich die Turbine in der einen »der der anderen Richtung. Bei Schiffsmaschinen besteht die Ge- famtheit aus einer Reihe von Rädern, die der Dampf nacheinander durchströmt, und diese Räder nehmen in demselben Verhältnis an Gröhe zu, als die Spannung des Da-uipfcs nachläht. Jedes ein- zelne Rad ist selbstverständlich mit dem erwähnten Ventil versehe�, «nd diese Ventile sind sämtlich mit einem Hebel verbunden, durch dessen Benutzung der ganze Apparat gleichzeitig vorwärts oder rückwärts gesteuert wird. Deutschmann ist von dem Erfolg seiner Erfindung derartig überzeugt, dah er schon jetzt zu prophezeihen� wagt, die Turbine werde in der Benutzung von Dampf oder Gas, wahrscheinlich aber von letzteren, sogar für den Antrieb von Kraft- wagen gebraucht werden können. Nach seiner Meinung werde eine Turbine von 1ö bis 20 Pferdestärken in der Massenerzeugung für L00 Mark hergestellt werden können. Die grühte Zukunft sieht er «ber doch für die Schiffahrt voraus. Während das vielgenannte englische Kriegsschiff„Dreadnought" zu seiner Ausrüstung lZ Turbinen, nämlich 4 für die Vorwärts- und 2 für die Rückwärts- Zbewegung erhalten muhte, würden in Zukunft 4 Deutfchmann- Turbinen für ein Schiff von gleicher Gröhe und Geschwindigkeit genügen. Die Kosten würden also, abgesehen von einer etwaigen Verbilligung der einzelnen Maschine, um ein Drittel crmähigt werden. Notizen. — Das konfiszierte Lu st Wäldchen. Eine Anthologie von Dichtungen des 17. Jahrhunderts, die unverstümmelt einige für die Zeit charakleristische Erotika enthält, das Lustwäldchen, das unter Redaktion von Franz Blei im Verlage von H. v. Weber in München erschienen war, wurde in Leipzig polizeilich vergewaltigt. Da das Büchlein schon vor längerer Zeit erschien, dürste diefe nach- trägliche Reklame kaum noch Schaden anrichten. — Von F. Mamroth, dem verstorbenen Feuilletonredakteur der„Franks. Ztg." wird demnächst eine Sammlung von Arbeiten unter dem Titel:„Aus dem Leben eines fahrenden Journalisten' erscheinen. — Der deutsche Naturforscher- und Aerztetag wird seine nächstjährige Tagung in Köln abhalten. — Wer ist ein Mann? Theobald Kerner, der jüngst verstorbene Sohn Justinns Kerners charakterisierte in einem dem „Berl. Tagebl." zur Verfügung gestellten Briefe an eine Kölnerm den Mann nach seinem Herzen also: Er nmh sich geben wie er ist, keine Floskeln, keine Flamen, kein äusserer Schein, keine Ueber- stürzigkeit I Hat ihn die Natur als knorrigen Waldbaum wachsen lassen, so soll er nicht eine Palme sein wollen; kein Komödienspiel, keine Maske, keine krankhaste Lenanische ferrissenheit, keine Geibelsche Mannasühe, keine unmännliche oketterie; keinem Gott, keinem Herrn Untertan, nur sich selbst vertrauend! In der Politik soll er rücksichtslos wahr und streng gegen sich und andere sein, ohne diplomatische Feinschleiferei, lieber Bär als Fuchs, er soll starke Knochen, unbeugiamen Nacken haben, keine Dlolluskenweichheit, kein nationalliberales„Mädchen für alles" sein, gegen oben stolz, auch den niedrigsten nicht für gering achten, dann ist er— mag er schön oder hählich, groß oder klein sein— eS muh auch kleine Leute geben— ein Mann und— jedes Töpfchen findet auch sein Dcckelchcn— für seine Frau gibt es keine Täuschung. — Die Friedenskonferenz diniert.... Die Dele- gierten der Friedenskonferenz, so schreibt ein französisches Blatt, find durchaus nicht zu beklagen. Die Gesamtzahl der Liebesmähler während der Fricdenskonfereuz ist bereits auf 6« gestiegen. Von dieser Zahl entfallen auf die Vereinigten Staaten 13 Diners, auf Deutschland 9, auf Frankreich und England 8, auf Oesterreich 7. auf Argentinien S, auf China 8; Russland, Chile, Peru. Kolumbien und die Türkei zählen bisher nur 2 Diners, Schweden, die Nieder- lande und Kuba haben eins gegeben. Jedes dieser internationalen diplomatischen Liebesmähler hat im Durchschnitt 20—30 Frank pro Kopf gekostet. Das teuerste Diner— 40 Frank pro Kuvert, ohne Wein— hat der brasilianische Delegierte veranstaltet.... Diese Statistik der Liebesmähler scheint das wichtigste Ergebnis der Haager Sommerbelustigung zu sein. — Ein moderner Tugendgürtel. Der Wiener„Ar- beiter-Zeiwng' wird aus Budapest geschrieben: Vor einigen Tagen meldeten mehrere antiklerikale Blätter, dah die Dominikaner in Kaschau eine„St. Thomas von Aguino-Gesellschaft" gegründet haben, deren Mitglieder Mädchen und Frauen in schon oder in noch mann- barem Alter sind. Den Mitgliedern wird von den Dominikanern ein mit dem Bildnis des heiligen Thomas von Aquino ge- schmückter Gürtel angelegt, und zwar an einer Stelle des Körpers, der als der Ursitz aller Weiblichkeit gilt. Der Gürtel soll das Mädchen v or dem Liebhaber, die Frau vor ihrem Gatten schützen, was zur Folge hatte, dah viele Ehemänner über diesen Tugendschutz, dessen An- und Ablegung die Dominikanerpatres eigen- händig vornehmen, Skandal machten. So weit die Meldung. Der Prior der Kaschauer Dominikaner, Martin Molnar, hat daraufhin folgendes Dementi veröffentlicht:„Das Ziel der St. Thomas von Aquino-Gürtelgesellschaft ist, die Reinheit seiner Mitglieder meinem gewissen Zustand zu behüten; am allerwenigsten aber bezweckt sie, dass Mädchen nicht ehelichen oder verheiratete Frauen ihren ehelichen Pflichten nicht entsprechen sollen. Was aber das Anlegen des Gürtels betrifft, so ist es eine direkte Eni- stellung, daß irgend ein Geistlicher den Gürtel anbringt oder löst, sondern er trägt nur den betreffenden Namen in das Buch der Gesellschaft ein. Schließlich kann jeder kluge Mensch unter Wieder» Herstellung der Reinheit nur die seelische Erneuerung verstehen." Der Bestand der Gesellschaft, das Tragen des Gürtels mit dem Heiligenbild an einer sehr diskreten Stelle des weiblichen Körpers, die Anweisungen der Geistlichen, wo und wie der Gürtel zu tragen und wann er abzunehmen ist— all die» ist sonach amtlich ein- gestanden. Es müssen sehr erbauliche Unterweisungen sein. Freilich, all dies geschieht zur seelischen Erneuerung. — Radium im Simplontunnel. Bei der Durch- siechung des Simplons hat sich Radium in solchen Mengen ge- funden, daß die Forschung über diesen geheimnisvollen Stoff daraus Vorteil zu ziehen hofft. Professor Jolly-Dublin hat die geologische Beschaffenheit der Schichten, die beim Durchstich des Simplons ge- schnitten worden find und die Verteilung des Radiums in ihnen untersucht. Nach seinen Angaben enthalten sie beträchtliche Radium- mengen. Der Gehalt daran ist größer, als in allen anderen bisher bekannten Fundorten. Er zieht daraus den Schluß, daß unsere gegenwärtigen Schätzungen über die gesamte Menge Radium, die auf der Erde vorhanden ist, ungenügend ist. Terantwortl. Redakteur: HanK Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Vuchdruckerei u.VerlagSaustalt Paul Singer LrCo., Berlin 8 VV.