UnteHaltungsblatt des Horwärts Nr. 190. Dienstag, den 1. Oktober. 1907 (Nachdruck verboten.) 66] Die JMutter. Nomon von Maxim G o r I i. Deutsch von Adolf Hetz. „Bleibst Du über Nacht hier?" fragte das kleine Mädchen. „Ja I Ich komme wegen Spitzen... Kaufe Spitzen..." erwiderte die Mutter. „Bei uns wird nicht geklöppelt! Das ist in Tinkowo, in Darjino... bei uns aber nicht!" erklärte das Mädchen. „Dahin gehe ich morgen..." Als sie den Tee bezahlte, gab sie der Kleinen drei Kopeken und erfreute sie damit sehr. Auf der Straße klatschten ihre bloßen Füße schnell auf der feuchten Erde; sie sagte: „Soll ich nach Darfino hinlaufen und den Frauen sagen, daß sie ihre Spitzen hierher bringen? Dann kommen sie und Du brauchst nicht hinfahren... Sind immer zwölf Werst..." „Ist nicht nötig, liebes Kind!" antwortete die Mutter, neben ihr herschreitend. Die kalte Luft erfrischte sie und langsam bildete sich ein unklarer Entschluß in ihr. Die Mutter wollte sein Wachstum beschleunigen und fragte sich hartnäckig: „Was nun?... Soll ich ganz offen und aufrichtig..." Es war dunkel und kalt. Die Fenster der Hütte glänzten trübe in rötlichem, unbeweglichem Licht. In der Stille brüllte träumerisch das Bich und ertönten kurze Rufe. Düstere, gedrückte, nachdenkliche Stimmung hüllte das Dorf ein... „Hierher!" sagte das Mädchen." Hast Dir ein schlechtes Nachtquartier ausgesucht... Ein sehr armer Bauer..." Sie betastete die Tür, öffnete sie und rief munter in die Hütte: „Tante Tatjana, die Mieterin ist da...w Und lief fort. Aus der Dunkelheit flog ihre Stimme herüber: „Leb wohl!,, XVl. Die Mutter blieb an der Schwelle stehen, bedeckte die Augen mit der flachen Hand und hielt Ausschau. Es war eine enge, kleine, aber saubere Hütte— das fiel sofort in die Augen. Hinter dem Ofen sah ein junges Weib hervor, das sich schweigend verbeugte und dann verschwand. Im Ehrenwinkel brannte auf dem Tisch eine Lampe. Der Hausherr saß am Tisch, klopfte mit den Fingern auf den Rand und blickte unverwandt der Mutter ins Geficht. „Tritt näher!..." sagte er nach einiger Zeit.„Tatjana, geh, ruf Peter,... aber schnell!" Das Weib ging schnell fort, ohne den Gast anzublicken. Die Mutter setzte sich dem Hausherrn gegenüber auf die Bank und blickte um sich. Ihr Koffer war nicht zu sehen. Qualvolle Stille erfüllte die Hütte, nur die Flamme in der Lampe knisterte kaum hörbar. Das besorgte, finstere Gesicht des Bauern schwankte in den Augen der Mutter unbestimmt hin und her und rief ein ärgerliches Gefühl in ihr wach. „Nu erzähl' mal!... Schnell!" „Wo ist mein Koffer?" fragte sie unerwartet für sich selbst laut und streng. Der Bauer zuckte die Achseln und erwiderte nachdenklich: „Der geht nicht verloren.. Er dämpfte dann die Stimme und fuhr finster fort: „Ich habe vorhin im Beisein des kleinen Mädchens ab- sichtlich gesagt, er wäre leer..- Nein, er ist nicht leer! Liegt etwas Schweres darin." „Nun?" fragte die Mutter. Er stand auf, trat zu ihr, bückte sich und erkundigte sich leise: „Kennst Du den Menschen?" Die Mutter fuhr zusammen, antwortete aber bestimmt: „Ja!" Dieses kurze Wort erleuchtete sie gleichsam von innen und machte außen alles klar. Sie seufzte erleichtert. Der Bauer lächelte breit. „Ich habe zugeguckt.». als Du ihm ein Zeichen ge- geben hast, und er Dir... Habe ihn leise gefragt: da steht wohl eine Bekannte auf der Treppe?" „Und er?" fragte die Mutter schnell. „Er? Wir sind viele... ja! Viele, sagte er.. Er blickte fragend in die Augen seines Gastes und fuhr wieder lächelnd fort: „Der Mann hat viel Kraft!... ist verwegen... spricht ganz offen... Sie schlagen ihn... und tun ihm alles Mög». liche... aber er läßt sich nicht irre machen." Die unsichere und nicht sehr kräftige Stimme des Bauern, sein unfertiges Gesicht und die hellen, offenen Augen be- ruhigten die Mutter immer mehr. Plötzlich sprach er leise zu ihr: „Ich habe also erraten, daß im Koffer Zeitungen sind... Stimmt das?" „Ja!" antwortete die Mutter einfach.„Für ihn habe ich sie hergebracht." Er blickte zur Seite und schwieg einen Augenblick. „Die Zeitung ist auch zu uns gelangt... Auch aller- Hand Bücher.,, Ich selbst kann wenig lesen, aber ich habe einen Freund..., der kann es besser. Mein Weib liest mir auch vor..." Der Bauer blieb stehen, dachte nach und fragte dann: „Was willst Du also jetzt damit machen... mit dem Koffer?" Die Mutter sah ihn an und sagte herausfordernd: „Den lasse ich Euch..." Er wunderte sich weder, noch erhob er Einspruch, sondern wiederholte nur kurz: „Uns..." Er nickte, kämmte seinen Bart mit den Fingern und setzte sich. Dann horchte er gespannt, beugte den Kopf zur Tür und sagte leise: „Sie kommen., ,* „Wer?" „Wohl unsere Leute-./ Sein Weib trat ein, hinter ihr schritt ein sommer» sprossiger Bauer in die Hütte. Er warf seine Mütze in die Ecke, trat schnell an den Hausherrn heran und fragte ihn: Nun, wie ist's?" Der nickte bestätigend. Stephan!" sagte seine Frau, die jetzt am Ofen stand, „vielleicht will die Fremde etwas essen?" „Nein, ich will nicht, danke, liebe Frau!" erwiderte die Mutter. Der Bauer mit den Sommersprossen trat an die Mutter heran und sagte schnell und abgerissen: „Erlauben Sie also, daß wir bekannt werden... Ich heiße Peter Jegerow Rjabinin, mit Spitznamen der Pfriem. Von Ihren Sachen verstehe ich einiges... 5tann lesen und schreiben und bin kein Schafskopf, sozusagen..." Er ergriff die ihm hingestreckte Hand der Mutter, schüttelte sie und wandte sich an den Hausherrn: „Da, Stephan, sieh! Barbara Nikolajcwna ist sicher eine gute Herrin! Sagt von diesen Dingen, das sei Klein- kram und Faselei... junge Burschen und Studenten, die das Volk aus Dummheit aufwiegeln... Aber wir beide sehen, wie man soeben einen Bauern verhaftet hat, der ganz solide war, und jetzt haben wir hier diese erfahrene Frau, die offenbar nicht von Herrcnblut abstammt. Nehmen Sie es nicht übel— aus welcher Familie sind Sie?" Er sprach schnell, eindringlich, ohne Atem zu holen. Sein Bart zitterte nervös, seine Augen betasteten blinzelnd und geschwind das Gesicht und die Gestalt der Mutter. Zer- lumpt und zerzaust, mit wirrem Haar, schien er sich soeben mit jemandem geprügelt, den Gegner niedergezwungen zu haben und nun von freudiger Siegeserregung ergriffen zu sein. Er gefiel der Mutter wegen seines mutigen Auftretens, und weil er tstcich so offen und einfach sprach. Sie blickte ihm freundlich ins Gesicht und antwortete auf seine Frage. Er schüttelte ihr noch einmal die Hand und sagte leise in trockenem, sprödem Ton: Siehst Du, Stephan, die Sache ist sauber! Die Sache ist ausgezeichnet!... Ich habe Dir gesagt: das Volk sängt sozusagen eigenhändig an..- Die Herrin sagt nicht die Wahrheit, die bringt ihr Schaden... Ich verehre sie, sie ist ein gutes Menschenkind und wünscht uns Gutes... Das heißt, nicht allzuviel und ohne Nachteil sür sich selbst!... Das Volk will aber geradeaus gehen und fürchtet weder Nachteil noch Schaden. Für das Volk ist das ganze Leben ein Schaden; überall ist Nachteil, es kann nirgends hin, ringsum hört man nichts als: Halt!—" „Das stimmt!" sagte Stephan kopfnickend und fügte sofort hinzu:„Sie macht sich Sorge wegen ihres Gepäcks..." Peter zwinkerte der Mutter verschmitzt zu und begann wieder mit einer beruhigenden Handbcwegung: „Macht Euch keine Sorget Kommt alles in Ordnung! Euer Koffer ist bei mir... Vorhin, als er mir von Euch erzählte, daß Ihr vielleicht auch teil daran hättet... und jenen Menschen kennt, sagte ich ihm: Paß auf, Stephan!... In solch schwerem Fall darf man nicht das Maul auftun! Na und Ihr habt uns offenbar gespürt, als wir bei Euch standen. Rechtschaffene Leute kann man gleich am Gesicht erkennen, weil nur so wenige auf der Straße gehen! Euer Koffer ist bei mir.. (Fortsetzung folgt.) I�atunviflensedaMicKe Geber fleht. (Aus dem Spinnenleben.) Von Dr. C. T h e s i n g. Der Herbst ist da, im Kalender so gut wie in der Wirklichkeit. Er ist herangekommen, fast ohne daß wir vor Regen und Kälte etwas von dem Sommer gemerkt hätten. Mit dem Herbst zugleich haben sich auch seine untrüglichen Vorboten, die silbernen Fäden des Altweibersommers, eingestellt. Ueberall in Wald und Feld kann man jetzt die leichten Herbststandarten die Lust durchziehen sehen. Sie haften an allen Bäumen und Sträuchern, sie flattern von den Pfählen der Telegraphen, wie mit einem glänzenden Netz überziehen sie die goldenen Stoppeln des abgeernteten Getreides, ja selbst in die engen staubigen Straßen der Großstadt trägt sie der Wind, damit sie hier ankünden, daß bald die Acquinoctialstiirme das Land durchbrausen und die dürren Blätter im tollen Wirbel zur Erde reißen werden. Ich glaube, so viel Fühlung hat wohl jedes Stadtkind mit der Natur, daß es den Altweibersommer kennt und seinem Fluge schon mit sehnsüchtigem Auge gefolgt ist; muß es doch jedem, der auch nur etwas Sinn für Natur hat, auffallen, wenn jahraus, jahrein, fast zck derselben Zeit, diese silbernen Herbstfäden erscheinen, wochenlang die ganze Luft erfüllen, um dann für viele Monate wieder spurlos zu verschwinden. Was mag es mit dem Altweibersommer wohl für eine Be- wandtnis haben? Woher mag er stammen und welches seine Be- deutung sein? Ja, da kann man bisweilen die merkwürdigsten Antworten hören. Die einen meinen, er stamme von gewissen Pflanzen, andere wissen wohl das richtige, daß der„fliegende Sommer" das Produkt kleiner Spinnen ist, aber nur selten erfährt man etwas Genaueres über seine Entstehung und Bedeutung, und warum er gerade im Herbst hauptsächlich zu fliegen beginnt. Wenn man einen solchen Herbstfaden genauer untersucht, findet man häufig an ihn angeklammert eine kleine junge Spinne, ie mit ihrem plattgedrückten Hinterleibe, ihren beiden langen vorderen Beinpaaren und den kurzen Hinterbeinchen fast an eine Krabbe erinnert und im Volksmunde daher auch den Namen Krabbenspinne führt. Auch die Art der Fortbewegung, die Ge- schicklichkeit, mit der die Tiere so gut vorwärts wie rückwärts und nach den Seiten eilen, gemahnt sehr an die Bewegungen einer Krabbe. Die Krabbenspinnen sind überhaupt recht sonderbare Ge- fellen. Obwohl echte Spinnen, bauen sie trotzdem kein Spinnen- netz, sondern betreiben ihre Jagd auf Insekten ohne alle künstlichen Hülfsmittel und verlassen sich nur auf ihre Gewandtheit und die lähmende Wirkung ihres Bisses. Sobald sie ein Opfer erspäht haben, schleichen sie sich vorsichtig schräg von vorne näher; dann ein rascher Sprung und mit nie fehlender Sicherheit bohren sich die scharfen Kicferklaucn in den Hinterkopf oder das Genick der Beute. Wie die meisten Giftschlangen ziehen sich auch die Krabbenspinnen nach glücklich ausgeführtem Angriff zuerst zurück, um ruhig die Wirkung des Giftes zu beobachten. Sobald aber das Opfer tot oder wenigstens gelähmt am Boden liegt, nahen sich die Räuber von neuem und beginnen mit ihrem Mahle. Zu Beginn der warmen Jahreszeit schreiten die Weibchen der Krabbcnspinnen zur Fortpflanzung. Sorgsam werden die Eier zwischen zusammengefalteten, nur lose mit einigen Fäden ver- bur.dcncn Blättern aufbewahrt und von der Mutter mit nie er- lahmender Ausdauer bewacht und gegen alle feindlichen Angriffe n.utvoll verteidigt. Spielt doch überhaupt die Brutpflege, wie wir später noch hören werden, in dem Leben der Spinnen eine wichtige Rolle. Mit dem Herannahen des Spätsommers endet endlich die mütterliche Pflege. Die jungen Krabbenspinnen sind dann in ibrer Ausbildung so weit fortgeschritten, daß sie selbständig den Daseinskampf aufnehmen und sich auf ihre luftige Reise zum Aufsuchen der Winterquartiere begeben können. � In den jungen Ärabbenspinnen haben wir nämlich die kühnen Luftschiffer vor uns, die auf den leichten Fädeu des Altweibersommers ihre erste Fahrt ins Leben antreten. Wer mit offenem Blick durch die Natur geht, kann in dieser Zeit häufig die winzigen Tierchen auf frei. gelegenen Blätern mit den Vorbereitungen zu der Reise beschäftigt sehen. Fest mit den sechs Vorderbeinen auf der Blattfläche an- gekrallt, recken die jungen Spinnen ihren Hinterleib, aus dessen Spinndrüsen die silbernen Fädchen hervorquellen, hoch in die Luft. Zuerst aber werden einige Spinnfäden zur Sicherheit als Anker- taue auf der Unterlage befestigt, damit nicht ein unverhoffter Windstoß vorzeitig die Tierchen herabbläst. Die später aus- tretenden Fäden jedoch werden dem Winde entgegengehalten; von ihm straff gespannt, verlängern sie sich so rasch, daß man fast den Eindruck gewinnt, als schösse die Spinne die Fäden mit Gewalt aus ihrem Körper. Hat endlich das Luftschiff eine genügende Länge und Tragfähigkeit erlangt, dann werden schnell die Anker» fädcn durchbissen, die Spinne klammert sich an das flatternde Fadenende und vom Winde getragen geht die luftige Reise von bannen; der Zufall entscheidet, wohin sie führt und wie lange sie dauern soll. Daß eine solche Fahrt bisweilen, wenn keine Hindernisse in den Weg treten, recht lange währen kann, beweist eine Beobachtung Darwins, der einen Schwärm fliegender Spinnen etwa hundert Kilometer vom Lande entfernt auf offenem Meere antraf. Es liegt auf der Hand, welche große Bedeutung diesem auf so eigentümliche Weise erlangten Flugvermögen für die schnelle Ausbreitung der Art und für die Erschließung neuer Wohngebiete zukommt. Entsprechend dieser Bedeutung finden wir denn die Gewohnheit, Luftschiffe zu bauen, außer bei den Krabben. spinnen auch noch bei den Wolfsspinncn, Kreuzspinnen, Luchs- spinnen. Weberspinnen und manchen anderen Familien aus» gebildet. Zweifellos ist die Fähigkeit, Fäden zu spinnen, eine der hervorstechendsten Eigenschaften aller echten Spinnen, wenn auch nur wenige solch kunstvolle Netze bauen wie die Kreuzspinnen. Die Spinnorganc liegen in unmittelbarer Nähe der Asteröffnung aus der Bauchseite. Doch bevor wie hierauf näher eingehen, wollen wir uns mit dem allgemeinen Bau der Spinnen etwas vertrauter machen. Der Körper der Spinnen gliedert sich deutlich in zwei Ab» schnitte, das sog. Kopfbruststück(Cephalothorax), das die sechs Paar Extremitäten trägt, und den sackförmigen gliedmaßenloscn Hinter- leib(Abdomen). Wie jedoch die Entwickelungsgeschichte lehrt, stammen die Spinnen von Vorfahren ab, deren Hinterleib nicht nur eine deutliche Gliederung zeigte, sondern auch eine größere Anzahl von Beinpaaren trug. Auch heute noch besitzen nämlich die jungen Spinnen in den frühen Stadien ihres Embryoallebens ein gegliedertes Abdomen mit zahlreichen Gliedmaßen. Im Ver- laufe der EntWickelung verschmelzen aber die. einzelnen Segmente (Glieder) miteinander und die Beinpaare verfallen wieder der Rückbildung, nur zwei oder drei Paare bleiben erhalten und wandeln sich allmählich zu den Spinnwarzen um. So erklärt es sich auch, warum die Spinnwarzen stets paarig angeordnet sind. Auf diesen rudimentären Beinchen münden nun in gewaltiger An- zahl in Form einzelner Röhren oder winziger Poren die Spinn- drüsen, die bei einzelnen Arten einen sehr bedeutenden Umfang gewinnen und den größten Teil des Hinterleibes erfüllen. Wie schon die verschiedenartigen Fäden und Gewebe, welche die ein- zelnen Spinnen herzustellen vermögen, vermuten lassen, müssen die Spinndrüsen in ihrem Bau recht erhebliche Unterschiede aufweisen, eine Vermutung, die auch durch die anatomische Untersuchung voll- auf bestätigt wird. So unterscheidet man. röhrenförmige und gelappte, birnförmige und beerenartige, ampullenförmige und zu» sammcngesetztc Spinndrüsen und jede Art hat eine besondere Auf» gäbe und liefert ein bestimmtes Sekret. Die röhrenförmigen Spinndrüsen dienen z. B. zur Herstellung des Eikokons, die birn- förmigen scheiden die Fäden zum Bau der Fangnetze und zum Wohngewebe aus, die lappenförmigen Drüsen liefern ein Sekret zum Bewerfen und Einsangen der Beute und in den zusammen- gesetzten Drüsen werden endlich die kleinen kleberigen Tröpfchen der sog. nassen Fäden erzeugt, die gleichfalls zum sicheren Fest» halten der Opfer bestimmt sind. Erwähnt muß aber werden, daß nicht alle diese verschiedenen Drüsenformen bei der gleichen Art vorzukommen brauchen. Vor den eigentlichen Spinnwarzen gelegen, findet man noch ein kleines Feld, das Cribellum, auf dem ebenfalls noch zahlreiche Drüsen münden.— Zum Ausspinnen der aus den Spinndrüscn hervorquellenden kleberigen Flüssigkeit, die an der Luft sofort zu einem elastischen Faden erhärtet, dienen die Hinterbeine, die zu diesem besonderen Zwecke mit zwei kammartig gezähnten Krallen und zahlreichen Borsten und Haaren ausgerüstet sind. Damit dieser Spinnapparat nicht vorzeitig abgenutzt und beschädigt wird, sind bei Arten, die sich durch ihre Webkunst besonders auszeichnen, noch andere Hülfsklauen ausgebildet, auf denen die Hinterbeine während des Laufens ruhen. In welch kunstvoller und sinnreicher Weise die Spinnen, und namentlich solche Webkünstlerinnen wie unsere einheimischen Kreuzspinnen, bei der Anfertigung ihrer Nester verfahren, das haben wir bereits in einem früheren Aufsatze (vergl. Unterhaltungsbeilage des„Vorwärts" vom 13. Juli 1806) in aller Ausführlichkeit kennen gelernt. Doch wir wollen heute nickt tieker in das Leben der Spinnen eindringen, vielleicht findet sich später einmal Gelegenheit, von der Ausgestaliung der Brut- pflege, ihrem Liebcsleben und manchen anderen Eigentümlichkeiten zu sprechen. Welche große Rolle der Altweibersommer im Volksglauben der früheren Zeiten spielte, das zeigen am besten die zahlreichen Namen, welche ihm in allen Ländern und Gegenden beigelegt wurden: Sommerflug, fliegender Sommer, Mariengarn, Herbst- faden, Graswcbe, Mädchensommer oder Flugsommer sind nur einige wenige der geläufigsten Bezeichnungen des deutschen Volks- mundes. Fast unzählig sind auch die Mythen und Sagen, welche sich an sein Erscheinen knüpfen. Während die christliche Zeit das Mariengarn mit Gott und der heiligen Jungfrau in Verbindung brachte, glaubten die heidnischen Germanen, daß kunstfertige Licht- elben aus der Gefolgschaft von Freya und Frigg zu nächtlicher Stunde die silbernen Fäden des Herbstes fertigten, Kleines Feuilleton. Musik. „Madame Butterfl y". Exotisches hat in der Kunst wohl immer Aussicht auf günstige Wirkung, gegenüber den uns geläufigen komplizierten Verhältnissen findet oder vermutet man dort primitivere. Namentlich denken wir uns jene ferneren Völker mit einfacheren, elementareren und darum auch mächtigeren, groß- zügigeren Gefühlen und Leidenschaften und Affekten. So hat sich denn auch Japan schon seit längerem dazu hergeben müssen, die Theaterkassen zu füllen. Bei diesem Volke kommt noch jenes Zier- liche hinzu, das den darstellenden Künstlern Gelegenheit zur Ent- faltung von Grazie mit sehr vielen Stichen ins Komische gibt. In diese kunsthistorische Linie der„Japonerien" gehört auch die Oper hinein, die wir letzten Freitag im Königl. Opernhause zu sehen bekamen. Der ursprüngliche Titel ist„Madame Butterfly", und er wurde auch diesmal beibehalten anstelle der allerdings gräßlichen Uebersetzung„Die kleine Frau Schmctter- ling".— Der Text wird als„Tragödie einer. Japanerin" be- zeichnet und stammt von zwei bewährten italienischen Textdichtern, L. I l l»c a und G. G i a c o s a, die wiederum„n a ch" zwei anderen gearbeitet haben. Die Inhaltsangabe wird uns gleich zeigen, daß es sich weniger um ein Drama, als um ein Stimmungsbild handelt: In Nagasaki, und zwar zu unserer Zeit, heiratet ein amerikanischer Marine- leutnant jene kleine Japanerin, deren Spitzname eben„Schmettcr- ling" ist. Die Szene, wie sie vor ihm ankommt, mit ihren Diene- rinnen und Verwandten, ist recht gut angelegt(und auch musikalisch reich verwertet� Dann kommt ein Onkel Boiize und verflucht sie wegen des Abfalles vom alten Glauben; die't-ippe zieht sich von ihr zurück, und sie bleibt mit ihrem jungen Mann in glühender Freude allein. Er reist heim und will zurückkehren„in dem holden Monat, wo leis' im Neste Jungrotkehlchen zwitschern". Schon drei- mal ist dieser„holde Monat" vorübergegangen, aber noch immer wartet unser„Schmetterling". Wieder hört sie ein Schiff konimen, und sie macht Löcher in die Papiertürc ihres Zimmers, drei Löcher, damit sie und ihr Kindchen und die Dienerin hinausspähcn können. Die ganze Nacht steht sie dort. Der Morgen bringt wirklich den Ersehnten, aber mit einer neuen Gattin. Da nimmt sie das Messer, das schon ihr Vater vom Kaiser zum Bauchaufschlitzen bekommen hat, und scheidet aus dem Leben. Das Textbuch schreibt vor, daß sie ihr Kind vorher hinausschickt. Auf unserer Bühne bekamen wir eine ganz gemeine Theaterszene: sie verbindet dem Kinde die Augen und gibt ihm ein kleines Sternenbanner in die Hand, damit das Kind dieses Fähnchen solange schwenkt, bis die Mutter tot ist.... Die Musik hat GiacomoPuccini komponiert. Wir kennen diesen Komponisten.(geb. 1858) am günstigsten aus seinem Haupt- werke„Die Boheme". Ebenso wie die auch uns bekannt gewordenen Opern„Manon Lescaut" und„Tosca" steht„Madame Butterfly" hinter dem erstgenannten zurück. Allein es ist eine ehrliche Musik im besten Sinne des Wortes, und wir freuen uns, die erste deutsche Aufführung erlebt zu haben, nachdem die italienische zu Mailand 1M4 herausgekommen war. Der Komponist ist sympathischer als der hoffähig gewordene Leoncavallo, und er hat bei dieser Aufführung auch keine höfische Hinaufsteigerung bekommen. Seine Musik zeichnet sich hier vor allem durch feine Charakterisierung aus. Doch trifft diese /Hör- wiegend nur die weichen und schwülen Gefühle, das sonnige Glück, die verhaltene Stimmung, das japanische Trippeln und dergleichen. Die Musik zerfällt nicht in sogenannte„Nummern", enthält aber sehr viel Melodiöses und wenig eigentlich Nezitativisches, das jedoch dann auch wirklich Eindruck macht. Ein häufiges Abwärts- gehen der Tonfolgen trägt zum Ausdrucke der verhaltenen Stim- mung gut bei. Das Trägische wird im Anfang nur durch kleine Unterbrechungen der sonst fast oppcrettenhaft heiteren Musik an- gedeutet. Von da an geht es in einer Steigerung vorwärts, die allein schon künstlerisch viel bedeutet und noch dadurch gehoben wird, daß sie sich so gut wie niemals auf etwas Derbes ein- läßt. Dazu nun eine wirklich geschmackvolle Verwendung der Klangfarben des Orchesters, die ergänzt sind durch zwei Harfen lowie durch Glockenspiel und Klavier. Namentlich die vorsichtige Auswahl, mit welcher d« Komponist Gruppen von Klangfarben verwertet, bis er erst in gewaltigeren Momenten mit der vollen bunten Glut kommt, zumal an triumphierenden Stellen von Mutter» glück, ist aller Ehren wert. Mit dem vielberufenen„Mikado" braucht man diese Leistung gar nicht erst zu vergleichen. Vielleicht hätte die Regie noch vor- sichtiger im Vermeiden des Operettenhaften sein können. Im übrigen leistet auch sie Geschmackvolles. Hinter unserem Theater- Vorhang geht ein japanisch bemalter Vorhang nach den Seiten auseinander, und es zeigt sich dadurch, wie leicht und schön sich das plumpe Auf- und Abrollen des Vorhanges vermeiden läßt. Der letzte Teil des Stückes spielt in einem japanischen Zimmer, das in gut zutreffender Weise als eine größere Mittelbühne her- gerichtet ist. Bei solcher Ausstattung ist ein Mißerfolg bereits unwahrschein- lich. Tatsächlich wurde denn auch die Neuheit zwar nicht mit stürmischem, aber mit starkem Erfolg aufgenommen, der allerdings den Darstellern erst recht gelten wollte. Nach unserem Gefühle gab der Baryton H o f f m a n n in der Rolle des vermittelnden Freundes jenes losen Gatten mindestens gesanglich die beste Leistung des Abends. Schauspielerisch war das Beste wohl die Darstellung der Titelrolle durch Fräulein Farrar: sie machte diese wahrlich nicht naturalistische Figur durchaus glaubhaft, und ihre ein wenig harte Stimme wurde gut charakteristisch verwertet. Mit einem etwas weicheren und wärmeren Ton gab Fräulein Rothauser die Dienerin des„Schmetterlings". Unser neuer Tenor Herr Maclennan erfreut durch einen der kräftigsten Tenors— mehr wuchtig als zart. Auch Herrn Gricswold lernten wir in der Baßrolle des Bonzen neu und günstig kennen. Aus der bewährten Garde sei die wohlgearbeitete Leistung von Herrn L i e b a n hervorgehoben.— Daß unser treffliches Orchester sich unter der Direktion von Leo Blech wieder gut bewährte, hedarf wohl keines Verweilens. se. Schubert und L or h i n g.„Mitten im Schimmer de? spiegelnden Wellen Gleitet, wie Schwäne, der schwankende Kahn." Die Zuhörer des Schubert-Abends, den der Berliner Volks-Chor im Mozartsaale gab, konnten nicht nur sich an der Vertonung dieser Verse freuen, sondern auch an ihnen selbst etwas wie eine Charakteristik der beiden Komponisten haben» die uns gerade in den letzten Tagen besonders beschäftigten. In der Tat erweckt uns die Musik der beiden einen solchen Eindruck des wohligen Dahingleitcus über spiegelnde Wellen. Wir klettern da nicht über die steilsten Bergeszacken; wir bleiben in der Ebene. aber in einer, die voller Schönheiten ist. Allerdings gibt es da manche ermüdende Breite; und ein Lortzing erhebt sich da oft genug zur höchsten dramatischen Größe, verlangt aber doch auch manchmal eine Zufriedenheit mit gewöhnlichem Singsang und traditionellen Wendungen. Unser Lo r tz i n g- T h e'a t e r hat in diesem Sommer böse Stun» den gehabt. Nun ersteht es wieder aus seinew finanziellen Schutt; und Direktor Max Garrison sorgt nicht nur für irdischen Erfolg, sondern auch für künstlerische Höhe. Besonders bezeichnend ist dafür dies, daß er sich u. a. zweier Sänger versichert hat, deren Wesen beträchtlich über allem Komödiantenniveau steht. Wir meinen den Tenor W. v. Haxthausen und den Baryton Dr. R. Pröll; der erstcre früher am Tcheater des Westens, der letztere bisher an der„Komischen Oper" tätig, an der sich sein Können allzuwenig entfalten konnte. Schon diese beiden Künstler machten die U n d i n e, mit welcher Oper das Lortzing-Thcate» am vergangenen Sonnabend wicdereröffnet wurde, genußreich. Es ist von einem eigenen Reiz, zu sehen, wie Herr Pröll den Wasscrfürst Kühleborn so darstellt, daß die vielen Seiten dieses Gliedes der Geistcrwelt zur Geltung kommen: der elegante Geist, der Bonvivant des Nixenreiches, der Freund eines irdischen Zechers, und vor allem der gefühlstiefe und klug � besorgte Vater Undincns. Daß bei dieser Kombination dem Künstler noch ein paar Spuren von Pathos des Theaters bleiben, oder daß die höheren Töne auf schwierigen Vokalen nicht so mächtig herauskommen wie die übrigen Töne, mit denen er gleichsam als der übermächtige Geisterfürst die irdische Welt in Grund und Boden singt: derlei kritische Gedanken zeugen viel eher für als gegen den Künstler. In der Titelrolle war Fräulein W. N e ß l e r für eine Kollegin rasch eingesprungen: wir freuten Uns, wenigstens eine sehr gute Sängerin kennen zu lernen. Schönen Gesang gab es auch an dem Schubert-Abcnd. Bei Fräulein Bremer, einem dunkel gefärbten Mezzosopran, sitzen die Töne so gut und fest, daß dadurch allein schon der Eindruck einer das Publikum packenden Wärme erzeugt wird. In ähnlicher Weise erfreute uns der Baryton N e u m a n n;»nd auch Fräulein Bisch off hat sich bereits ein gutes Stück der Gcsangstcchnik angeeignet. Ganz besonders verdienstlich aber war es, daß der Leiter des Berliner Volks-Chores uns mit einem der bedeutendsten Chorwerke Schuberts bekannt gemacht hat. Er hatte auch sehr recht, darauf hinzuweisen, daß„Mirjams Siegesgesang", kaum ein Jahr vor dem Tode des Komponisten erstanden, keineswegs ein Still- stehen der Kraft seines Schöpfers verrät. Hat doch Schubert kurz vor seinem Lebensende beabsichtigt, noch weitere Studien in der Kompositionstechnik zu machen! Und dazu liegen ja seine Ver» dienstc gar nicht einmal nur in der Schaffung und bedeutendsten Vertretung des deutschen Sololiedes(woran selbst seine noch reckt ungefüge Deklamation deS TerteS nichts ändert): vielmehr ist Schubert auch einer der größten Beherrscher der Harmonicnfolgcu, sogar geradezu mit einer revolutionären Kraft. Wir könnten und möchten noch lange von diesen Eindrücken plaudern und würden dann wohl abermals auf die Klage zurück- kommen, daß sich die öffentliche Musikpflcge unserer Berliner Kreise allzusehr in„Bewährtem" bewegt. Ergeben wir uns einmal in dieses Schicksal, so können wir uns um so eher freuen, daß immer mehr und mehr Gelegenheit geboten wird, wenigstens diesen Segen reichlich zu spenden und zu genießen. Namentlich wird die Lortzing- Oper zum Träger dieser Bestrebungen. Hat doch die„Freie Volks- bühne" die Freitage und die„Neue Freie Volksbühne" die Montage dieses Theaters für sich genommen, um ihren Mit- gliedern eine allmähliche Wanderung durch den traditionellen Opernschatz zu ermöglichen! Daß es da nicht nur gilt, ungefähr Gutes zu bieten, sondern vielmehr auch sich und andere zur Andacht im Kleinen zu erziehen, darf bielleicht selbst der Regie jenes Theaters gegenüber betont werden. se. Physikalisches. In das Reich der höchsten Temperaturen führen uns die Forschungen, die von den Professoren Mendenhall und Jngersoll in der„Physikal Review" werden. Es ist begreif- licherweise außerordentlich schwierig und erfordert besonders scharf- sinnige Mittel, Temperaturen von mehreren hundert oder gar mehreren tausend Grad zu messen, da die gewöhnlichen Thermo- meter dazu natürlich unbrauchbar sind, weil die dabei benutzten Flüssigkeiten, wie Weingeist oder Quecksilber, vollständig vcr- dampfen würden; als Grundlage für die Messung dieser Temperaturen ist namentlich das Verhalten des Platin genommen worden, das eine große Hitze bis zum Eintritt des Schmclzcns verträgt. Es kommt also zunächst darauf au, die Schmelztemperatur dieses Metalls aufs genaueste festzulegen, was aber bisher noch nicht recht gelungen ist. Auch die beiden genannten Forscher können nicht genau augeben, ob das Platin bei 174S oder 1789 Grad schmilzt. Als Mcldometer— so nennt man den Apparat zur Bestimmung von Schmelzpunkten— haben sie den Nernstschen Glühkorper bc- riutzt, auf den sie ein kleines Teilchen des Metalls brachten, worauf sie durch ein Mikroskop beobachteten, wann das Schmelzen ein- trat. Dann wurde zunächst ermittelt, bei welcher Stromstärke dies geschah, und daraus wieder die Temperatur des Glühkörpers bestimmt. Auf Grund dieser Untersuchungen und ihrer Fort- setzung sich dann noch andere schwer schmelzbare Stoffe in Ve- Handlung genommen worden, die zum Teil noch größere Hitze bis zum Schmelzen erfordern als das Platin. Reiner Kiesel schmilzt bei 1452 Grad, das Element Palladium bei 1576, Rhodium bei 1968 Grad und das seltene Metall Indium gar erst bei 2388 Grad. Diese Messungen waren selbstverständlich nur dadurch möglich, daß der benutzte Glühkorper noch höhere Temperaturen vertrug, und es ist festgestellt worden, daß er bei hellster Glut eine Tcnyicratur von 2480 Grad und im Augenblick des Schmelzens eine solche von L490 Grad besitzt. Ans dem Tierleben. Vogeldialekte. Das Vogellied, dessen Schönheit und Reichhaltigkeit sehr häufig mit dem Standorte des Tieres zu- sammcnhängt, ist immer ein Minnesang, denn es spielt bei der Werbung und Paarung, beim Licbcsstreit und bei der Abgrenzung der Brulrcvicre eine große Rolle. Der Gesang lockt das Weibchen an, und niemand außer ihm ist zur Kritik am Liede berufen. Der Gesang des Vogelmännchens aber steigt und fällt mit seinem Geschlechtsleben! Die Nachtigallenmännchcn, die im Frühling an- kommen, singen fast die ganze Nacht, um die später eintreffenden Weibchen auf ihren Ncftort aufmerksam zu machen, und auch während der Brutzeit verstummt der Gesang des Vogelmännchens wicht. Die Beobachtung hat— wie F. v. Lucanus in den „Ornithologischen Monatsblättern" schreibt— gezeigt, daß das zahlenmäßige Verhältnis der Männchen und Weibchen zueinander auf die Gesangsleistung einen großen Einfluß hat. Sind mehr Weibchen einer Art in einer Gegend vorhanden, so ist der Gesang der Männchen schlechter, weil sie sich bei der Brautwerbung nicht soviel Mühe mit dem Gesang zu geben brauchen. Ferner ist die Häufigkeit einer Vogelart siir einen guten Gesang bestimmend. Aus diesem Grunde sind die Singvögel in der Nähe großer Städte schlechte Sänger, denn sie finden nur wenig Nistgelegenheit und Raum zu geselliger Ausbreitung. Das beste Lied erschallt in Wald und Flur, namentlich aber im Gebirge, wo die Vogclwclt sich un- gestört ausbreiten darf. Der Gesang des Vogels trfigt immer das Gepräge der Gegend, wo er nistet. Jedes Tal, jede Wald- wiese und jedes BerAgeländc hat ein besonderes Lied. Bei einigen Bogclarien sind auch gewisse Dialekte zu unterscheiden, z. B. beim Rotkehlchen, die sämtlich eine große Gesangsmeisterschaft ber- raten. Je modulationsfähiger eine Vogelstimme ist, um so zahl- reicher sind die Dialekte. Ihre Erforschung hat einen Wissenschaft- lichcn Wert, denn sie sind ein Beleg dafür, daß die Vögel immer wieder an ihre alten Brutstätten zurückkehren. Jede Gegend be- sitzt demnach ihre ganz bestimmte Vogclrasse, deren Gesangsleistung durch die Anzahl der nistenden Vögel, durch die Häufigkeit der einzelnen Arten und durch Unterweifung im Gesang bedingt wird. Der Unterricht durch Eltern und Genossen ist für die Er- Haltung der örtlichen Dialekte durchaus Wichtig, denn die Er« fahrung lehrt, daß Vögel, die von Menschen aufgezogen wurden, im Gesänge Stümper blieben und später allerlei Töne und Ge- räusche aus ihrer Umgebung nachzuahmen versuchten. Das Lied ist dem Vogel also nicht angeboren, sondern es muß erlernt werden. Deshalb sind die Gesangsstunden, die von den alten Vögeln den Jungen erteilt werden, für die Bildung der Dialekte maßgebend. Bei der Ausbildung des jungen Vogels im Gesänge kommt aber auch, gerade wie beim Menschen, die Veranlagung zum Ausdruck, und gerade hier trifft Darwins Theorie von der geschlechtlichen Zuchtwahl, an der die weitere EntWickelung der Naturwissenschaft so viel Kritik geübt hat, gut zu. Humoristisches. — Nur nobel! Ms ein bei der Firma Thyssen u. Co. in Mühlheim a. N. veschästigter Ingenieur bei dem Versuch, einen durch Gasausströmimg betäubten Arbeiter zu retten, sein Leben ein- gebüßt hatte, verlangten die Hinterbliebenen Schadenersatz. Diesen verlveigerte die Firma, da der Ingenieur durch eigenes Verschulden verunglückt wäre und sich hätte sagen müssen, daß er in der gas- gefüllten Grube, in der jeuer Arbeiter lag, ersticken würde. In Anbetracht der guten Führung des Verewigten und nach dem Grundsätze„noblssss oblige" hat übrigens die Firma Thyssen großmütig darauf verzichtet, sich von den Hinter- blicbenen die bei Bergung der Leiche entstandenen Kosten ersetzen zu lassen oder ihm„Ivegen Aufenthalts in verbotenen Räumen" einen Strafabzug von seinein letzten Gehalt zu machen! Daß das Reichsgericht der Firma Unrecht gab, zeigt übrigens wieder einmal, wie wenig das Institut das Vertrauen der staatL- erhaltenden Kreise verdient. — In der VIL Klasse einer Münchener Mädchenschule stellte der Religionslehrer jüngst folgende Frage:„Wenn Dir auf der Straße die drei gölttichen Personen begegnen würden, welche würdest Du zuerst grüßen?"(„Jugend.") — V er so na. gratissima.„Beim heutigen Cercle zeich- neten Seine Majestät mich allergnädigst ganz allein durch eine An- spräche ans; Majestät klopften mich auf die Backe und bemerkten dazu:„Na, bist Du auch da, alter Schafskopp I"— Du kannst Dir denken, Adelheid,— der Neid von den anderen!" — A h n e n st o l z.„Finden Sie nicht, daß ich eine frappante Aehnlichkcit mit unserem allerhöchsten Laiidesfürsicn habe? Meine Urgroßmutter war nämlich eine königliche Maitresse l" — Alles für den König,„Reizend, reizend, mein lieber Bürgern, cister I Sogar Ehrenjungfrauen haben Sie zu meinem Enipfang aufgestellt!"--„Nur ungeniert, Hoheit, bal Eahna oane g'fallt." („Simplicissimus". Spez.-Num. Vhzanz.) Notizen. — Schmitthenner-Gedenkfeier. Um das Gedächtnis des im Januar d. I. verstorbenen Heidelberger Erzählers Adolf Schmitthenner zu ehren, der gerade in Berlin verhältnismäßig toenig bekannt lvurde, wird die Freie Lehrervereinigung für Kunst- pflege am 9. Oktober in der Aula der Augnsta-Schule, Kleinbeeren- straße, eine Gedenkfeier für den Dichter bei freiem Eintritt ver- anstalten. — DaS„Marionetten- Theater Münchener Künstler" tvird den Gegenstand des ersten Bortrages der be- ginnenden Mutersaison seitens der Vereinigung: Die Kunst im Leben des Kindes bilden. Herr Fritz Stahl hält diesen Vortrag am Freitag, den 4. Oktober, abends 3 Uhr, im Bürgersaal des Berliner Rathauses. — HerrBonn hat wieder einmal eine Rede an das am Sonnabend in seinem Theater versammelte deutsche Volk gehalten und dann ein neues Schauspiel:„Der Pastorssohn" aufführen lassen. Der Shakespeare des Berliner Theaters dichtet bekanntlich seinen Dramenbedarf selber. Diesmal ist er nach seiner Versicherung in sein„eigentliches Element" zurückgekehrt und hat mit dem Herzen gedichtet. Die anderen Chosen— die gruseligen, aber sittenreinen Detektivkomödicn— hat der edle Dichter, wie er hervorhob, nur seinem Publikum zuliebe geschrieben. Neben seiner sonstigen„un- geheuren" Arbeit. Also sozusagen aus reinstem Idealismus, Bonn« scher Färbung, und die guten Leute, denen Bonn so süß ums Maul ging, fanden das sehr ulkig und rührend, ließen ihn reden und be- klatschten die Rückkehr des beinahe verlorenen SohneS zum Quell der wahren Poesie. Wir aber stellen mit gebührendem Respekt fest: der Dichter der„Andalosia", hei leiwet noch! — Die Schacksche Gemäldegalerie in München, die der von den Hohenzollern seinerzeit gegraste Begründer dem deutschen Kaiser vermacht hat, soll in einem Neubau an der alten Stelle untergebracht werden. Die Licht- und Raumverhälnisse der an guten Kopien von deutschen Meistern aus dem 19. Jahrhundert (Schwind, Feuerbach, Böcklin) reichen Galerie sollen dadurch vcr- bessert werden. Hoffentlich muß diesesjGute nicht gegen eine Fassade des offiziellen Berliner Stils eingetauscht werden. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer S-Co., Berlin ZW.