Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 194. Sonnabend, den 5. Oktober. 1907 (Nachdruck verboten.) 703 Die JVIutter» Roman von Maxim Gorli. Deutsch von Adolf Heß. Als die Mutter geendet hatte, stand Nikolai auf, ging, die Fäuste tief in den Taschen, eine Minute lang schweigend im Zimmer auf und ab. Dann murmelte er durch die Zähne: „Das muß ein großer Mann sein... Diese innere Schönheit I Es wird ihm schwer im Gefängnis werden, Leute, wie er fühlen sich da schlecht!" Dann blieb er vor der Mutter stehen und rief mit tönender Stimme: „Natürlich, all diese Kommissare und Wachtmeister sind gar nichts, sind der Stock in der Hand des klugen Schurken, des Dresseurs, ja, ja... Aber man muß das Tier deswegen töten, weil es sich in ein Raubtier hat verwandeln lassen! Man muß toll gewordene Schweine töten!..." Er barg seine Hände immer tiefer und bemühte sich, seine Erregung zu dämpfen, trotzdem fühlte die Mutter sie, und sie teilte sich ihr mit. Seine Augen waren ganz klein ge- worden, wie Messerspitzen. Er schritt wieder im Zimmer hin und her und sagte kalt und zornig: „Sie sehen den Schrecken! Eine Hand voll dummer Menschen, die ihre verderbliche Macht über das Volk ver- teidigt, schlägt, würgt, vernichtet alle... Die Verwilderung wächst, die Grausamkeit wird Lebensgesetz— bedenken Sie! Die einen schlagen und gebärden sich wie wilde Tiere, weil sie straflos ausgehen, sie kranken an der wollüstigen Gier nach Folterqualen, der abscheulichen Krankheit von Sklaven, denen gestattet ist, ihre Sklavengefühle und tierischen Ge- wohnheiten in ganzer Schändlichkeit zu zeigen. Andere werden durch Rachedurst vergiftet, noch anderd, die bis zur Stumpf- sinnigkeit geprügelt sind, werden stumm und blind... So wird ein Volk verdorben, ein ganzes Volk!" Er hielt inne, griff sich an den Kopf und schwieg einen Augenblick, indem er die Zähne aufeinander preßte. „In diesem tierischen Leben wird man unwillkürlich selbst zum Tier," sagte er leise Dann beherrschte er aber seine Erregung und blickte fast ruhig in das von stummen Tränen überströmte Gesicht der Mutter. „Aber wir dürfen keine Zeit verlieren, Nilowna... Wo ist Ihr Koffer?" „In der Küchel" antwortete sie. „An unserein Torweg stehen Spione— solche Menge Schriften werden wir nicht unbemerkt aus dem Haufe schaffen ... Verstecken können wir sie nirgends, denn ich denke, sie kommen heute nacht wieder. Ich will nicht, daß Sie verhaftet werden... Also, so leid mir die Arbeit auch tut, wir wollen alles verbrennen." „Was?" fragte die Mutter. „Alles, was im Koffer ist." Sie verstand ihn, und so traurig ihr auch zu Mute war, jetzt rief ein stolzes Gefühl über ihren Erfolg in ihrem Gesicht ein Lächeln hervor. „Da ist nichts, kein einziges Blatt!" sagte sie und begann allmählich lebhafter von ihrem Zufammentreffen mit Tschumakows zu erzählen. Nikolai hörte sie anfangs mit unruhigem Stirnrunzeln, dann mit Erstaunen an und rief schließlich' indem er sie in ihrer Erzählung unterbrach: „Hören Sie— das ist ja ausgezeichnet! Sie haben er- staunliches Glück..." Er blieb verwirrt stehen, preßte ihre Hand zusammen und rief leise: „Sie sind rührend mit ihrem Glauben an die Menschen. Sie haben solch gutes Herz... Ich liebe Sie wirklich mehr als meine leibliche Mutter..." Sie faßte ihn um den Hals und preßte schluchzend seinen Kopf an ihre Lippen. „Vielleicht..." murmelte er erregt und verwirrt über dieses neue Gefühl„vielleicht spreche ich sehr dumm..." Als sie sah, daß er wieder auflebte und die große Freude in ihm spürte, beobachtete sie ihn lächelnd mit leiser Neu- gier de: sie wollte dahinter kommen, warum er so strahlend und lebhaft geworden sei. „Ueberhaupt— das ist wundervoll!" sagte er, die Hände reibend und lachte dabei leise und freundlich.„Wissen Sie, ich habe diese Tage ein furchtbar schönes Leben geführt— die ganze Heit mit Arbeitern gelesen, gesprochen, zugesehen ... und in meinem Herzen haben sich so erstaunliche, ge- sunde, reine Gefühle angesammelt... Was sind das für gute Menschen, Nilowna l Wie Maientage! Ich spreche von den jungen Arbeitern— die sind so stark und feinfühlig... voll Begierde, alles zu verstehen... Sieht man die an, so weiß man— Rußland wird die erleuchtetste Demokratie auf Erden!" Er hob zur Bekräftigung die Hand auf, als leistete er einen Schwur und fuhr nach kurzem Schweigen fort: „Ich habe hier gesessen und geschrieben und bin gleich- sam— versauert, über den Büchern und Ziffern verschimmelt ... fast ein Jahr solchen Lebens— Das ist Blödsinn... Ich bin gewohnt, zwischen Arbeitern zu sein, und wenn ich mich von ihnen entferne, wird mir ungemütlich... Ich gräme mich und sehne mich nach diesem Leben... Aber jetzt kann ich wieder mit ihnen zusammentreffen, mich be- schäftigen... Sie verstehen— Da stehe ich dann an der Wiege ungeborener Gedanken, vor dem Angesicht junger, schöpferischer Energie. Das ist erstaunlich einfach und hübsch und regt schrecklich auf... Man wird jung und fest, strahlt und führt ein reiches Leben!" Er lachte verwirrt und glücklich, und seine Freude ergriff auch das Herz der Mutter, die sie wohl verstand. „Dann aber— sind Sie eine furchtbar gute Frau!" rief Nikolai.„Sie besitzen eine so große, sanfte Macht... Die zieht gebieterisch die Herzen an Sie heran... Wie hell zeichnen Sie die Menschen... Wie gut sehen Sie sie!..." „Ich sehe ihr Leben und verstehe es, mein Freund..." „Sie— liebt man... und es ist so wundervoll, jemand zu lieben... so schön...!" „Nein, Sie sind es, die die Menschen von den Toten auf- erwecken, Sie!" flüsterte die Mutter, innig seine Hand streichelnd.„Mein teurer Freund, ich denke und sehe— eS ist viel Arbeit und viel Geduld nötig! Und ich möchte, daß Ihre Kräfte nicht schwinden... Hören Sie also, wie es weiter war... Da ist ein Weib, die Frau dieses Mannes." Nikolai setzte sich neben sie, wandte sein frohes Gesicht verwirrt ab, strich sein Haar, wandte das Gesicht aber bald wieder um, blickte die Mutter an und hörte ihre fließende, einfache und klare Erzählung begierig an. „Ein erstaunlicher Erfolg!" rief er.„Es war sehr wohl möglich, daß Sie ins Gefängnis kämen... und da plötzlich diese Ueberraschung! Augenscheinlich rührt sich auch der Bauer... Das ist übrigens ganz natürlich. Dieses Weib — ich sehe sie wunderbar deutlich!... Fühle ihr zorniges .Herz... Sie haben recht gesagt... das erlischt nicht... niemals! Wir müssen für die ländliche Arbeit besondere Leute ausbilden... Leute! Es fehlt uns an Leuten... überall! Das Leben verlangt hundert Hände..." „Wenn doch Paul frei käme... und Andrej" sagte sie leise. Er blickte sie an und senkte den Kopf. „Sehen Sie, Nilowna... es wird Ihnen schwer werden, das mit anzuhören, aber ich will Ihnen dennoch sagen... Ich kenne Paul gut— aus dem Gefängnis geht er nicht fort! Er will ein Gericht, er will in ganzer Größe dastehen... Darauf verzichtet er nicht. Das ist auch nicht nötig!... Er wird aus Sibirien entfliehen." Die Mutter seufzte und erwiderte leise: „Nun... Er weiß am besten.. Nikolai sprang schnell auf und sagte, plötzlich wieder von Freude ergriffen und den Kopf neigend: „Ich danke Ihnen, Nilowna, ich habe heute herrliche Minuten durchlebt... vielleicht die besten in meinem Leben... Ich danke Ihnen... und kommen Sie— wollen uns küssen!" Sie umarmten sich und blickten sich schweigend in die Augen. „Das— ist gut!" sagte er leise. Die Mutter löste die Hände, die semen Hals umschlangen und lächelte glückselig. „Hm!" meinte vi der nächsten Minute, indem er sie über die Brille hinweg anblickte.„Wenn doch Ihr Bauer sich mit seinem Kommen beeilen möchte!... Sehen Sie, über Rybin müssen wir unbedingt ein Flugblatt für das Land verfassen, ihm schadet das nicht, wo er sich einmal so tapfer führt, der Sache aber nützt es... Ich will es heute noch schreiben, Ludmila druckt es geschwind... Aber wie kommt das Flugblatt dahin?" „Ich bringe es hin.. „Nein, danke!.. rief Nikolai schnell.„Lb Wjessowschtschikow nicht dafür taugt, ah?" „Soll ich mit ihm sprechen?" „Ja, versuchen Sie es!... Und instruieren Sie ihn." „Aber was soll ich dann tun?" „Darüber machen Sie sich keine Sorge!" Er setzte sich zum schreiben hin. Sie räumte den Tisch auf, blickte ihn an und sah, wie die Feder in seiner Hand zitterte, während sich das Papier mit schwarzen Wortreihen bedeckte. Bisweilen zitterte die Haut an seinem Halse, er warf den Kopf zurück, bedeckte die Augen, und sein Kinn zitterte. Das versetzte sie in Erregung. „Straf sie gehörig!" murmelte sie leise.„Hab kein Er- barmen mit den Bösewichtern..." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) Oer elektrische Mensch. Von Pierre Souvestre. Deutsch von Klara Hertz. Wo zum Teufel war das verdammte Ding geblieben? Der Chauffeur Marius, der soeben eine leichte„Panne" rc- pariert hatte, suchte ärgerlich in dem umhergestreuten Inhalt seiner Werkzeugtasche, warf die englischen Schraubenschlüssel durch- einander, schüttelte die schmierigen Tuchfetzen, schlug mit der flachen Hand auf das Gras, das in einem dichten Streifen am Grabenrand stand und kehrte die Tasche mit den Luftschläuchen um und um. Umsonst! Nicht zu finden! Dieses infame Ding! Marius dachte ernstlich nach, und seine geistige Anstrengung brachte ihn auf den vorzüglichen Gedanken, die fünf Finger seiner rechten Hand zwischen seine Kiefer zu stecken und den Inhalt seiner Mundhöhle zu untersuchen. Denn dieser ausgezeichnete und sehr sympathische Angestellte der berühmten Firma„Moto-Vitesse" in Toulouse hatte die Gewohnheit, seinen Mund als eine ihm von der Natur gratis zur Verfügung gestellte Tasche anzusehen. Abgesehen von dem Priemchen, das seinen festen Platz in einer Ecke hatte— diese Gewohnheit stammte aus früheren Jahren, wo er zur See gefahren war— brachte er darin, wenn seine Hände voll waren, alles unter, was ihm beim Arbeiten nötig war, Bolzen, Schrauben, Kapseln, Drahtenden, Korken usw. Zuerst entnahm Marius dem genannten Aufbewahrungsort eine alte Tube mit Schmieröl, die schon fast leer und ziemlich zer- kaut war; hierauf ein Stümpfchen Wachslicht und den Brenner zu einer Laterne; dann aber war er sehr überrascht, gegen Ende der Untersuchung in der Nähe der Backenzähne ein ganz neues Stückchen Kautabak zu finden, das er seiner Ueberzeugung nach vor wenigen Augenblicken gerade verschluckt hatte. Wie konnte das nur zugehen? Dann mußte er ja eben etwas anderes verschluckt haben... was konnte das gewesen sein?... Donnerwetter! Da war kein Zweifel... natürlich der Kontaktbolzen l Marius war wie niedergeschmettert. Nicht daß er für seinen Magen fürchtete, der hatte schon sonst manches erlebt und würde sich aus dem Stückchen Kupfer nichts machen... aber wie sollte er es wieder erlangen? ES war nicht daran zu denken, etwa den Bolzen durch einen Nagel zu ersetzen, sein Durchmesser war viel zu groß dazu; und trotz der Verschiedenartigkeit seines Handwerkzeugs fand Marius kein Stückchen Eisen oder Stahl darunter, dem er eventuell die Form des verloren gegangenen Gegenstandes hätte geben können. Tie Drähte aber waren durch häufiges Ausbessern so kurz geworden, daß er sie ohne Bolzen nicht in Kontakt bringen konnte. Den Tod im Sinn, die Verzweiflung im Herzen und, oh grau- same Ironie, ohne Zweifel den Bolzen im Magen, bestieg Marius mechanisch seinen Wagen, um aufs neue über seine Lage nach- zudenken und neue Pläne zu ihrer Verbesserung zu schmieden. Aber oh Wunderl Kaum berührte sein Fuß das Pedal�und seine Hand das Schwungrad, als der Trcmbleur zu zittern anfing; offenbar hatte sich an der Zündkerze ein Funken entwickelt, und der Motor fing langsam an zu arbeiten. Marius konnte nicht umhin, sich zu sagen, daß das wieder verdammt merkwürdig sei, aber er hütete sich wohl, die augenscheinlich ihm günstigen Absichten seiner rätselhasten Maschine zu durchkreuzen. Behutsam regelte er die Karburation, schaltete sachte zum Anfang auf„Erste" ein, dann auf„Zweite", dann auf„Dritte", ließ endlich noch den Akcelerateur in Krast treten und landete schließlich vor den Hallen der„Moto-Vitesse" ohne den geringsten neuen Unfall, wenn er auch etwa zehnmal„im Fluge" wegen zu schnellen Fahrens aufgeschrieben wurde. Von diesem Tage an erfreute sich Marius einer kolossalen Popularität. Sein Abenteuer war in aller Munde. Jeder Un- gläubige wurde durch den Augenschein bekehrt; denn die wider» spenstigsten Motoren wurden durch Marius in Gang gesetzt, indem er einfach durch Auflegung seiner Hände die Verbindung herstellte. Zeitungen und Zeitschriften brachten sein?'ld und seine Biographie und nannten ihn den„elektrischen Menschen". Marius erzählte sogar eines Tages seinen Freunden, daß er sich den Herren von der medizinischen Fakultät vorgestellt habe, und daß einer von fhncn einen wissenschaftlichen Bericht über seinen Fall unter der Feder hätte. Die Firma, für die er eine glänzende Reklame war, legte sich enorme Geldopfer auf, um ihn zu halten. Man bezahlte seine Anwesenheit mit purem Golde. Trotz alledem war Marius noch nicht zufrieden, und darauf sinnend, seinem Ruhmcskranz neue Blätter hinzuzufügen, verbreitete er in den Cafes der Stadt das Gerücht, daß er nicht nur Motoren mit Zündkerzen in Bewegung setzen könne, sondern es auch unter- nehmen wolle, Akkumulatoren zu laden, indem er ganz einfach ein bißchen mit seinen Fingern auf ihren Polen herumtippe. Aber dieses großartige Projekt, dessen Gelingen geeignet gewesen wäre, eine vollständige Umwälzung in der Wissenschaft und Industrie hervorzubringen, sollte nicht zur Ausführung kommen. Es scheiterte an folgendem Vorfall: Der Automobilklub der Haute-Garonne hatte nämlich unter- dessen eine Wettfahrt ausgeschrieben, von Toulouse nach Montpellier und zurück. Zahlreiche Teilnehmer hatten sich gefunden, und als einer der Ersten hatte sich Marius eingeschrieben, der mit seiner Zuversicht in bczug auf Elektrizität nicht unterwegs stecken bleiben zu können, seines Sieges gewiß war. Indessen war er die Tage, die der Fahrt vorausgingen, sehr haushälterisch mit seinen Kräften und war zu keinerlei elektrischen Kundgebungen zu bewegen. Der große Tag kam. Es hatten sich etwa dreißig Wagen ver- sammelt, die zusammengenommen wohl an tausend Pferdekräfte repräsentierten und unter Pfauchen und Pusten auf das Signal zur Abfahrt warteten. Seiner Gewohnheit getreu, hatte Marius weder einen Kontaktbolzen noch eine Zündkerze bei sich. Er selbst war da. Das genügte. Und in der Tat, von Anfang an legte er eine geradezu fabelhafte Anzahl von Kilometern per Stunde zurück; er schlug jeden bisher dagewesenen Rekord, überholte ohne Aus- nähme alle Konkurrenten und gewann einen solchen Vorsprung, daß er ganz gut unterwegs hätte ein Schläfchen machen können, ohne seinen Sieg zu gefährden. Aber er dachte nicht varan, sein Ziel auch nur für einen Augenblick aus den Augen zu lassen. Mit spähendem Blick, unbeweglich über das Schwungrad gebeugt, sauste. er weiter. Plötzlich fühlte er einen sonderbaren Schmerz, der ihm den kalten Schweiß auf die Stirn treten ließ. Ein starkes allgemeines Unbehagen schüttelte seinen Körper; dann konzentrierte sich der Schmerz unterhalb der Rippen, in der Gegend seines Unterleibes, woraus Marius schloß, daß sein Inneres gebieterisch die AuS- führung einer gewissen Handlung forderte, der er sich nicht ent- ziehen konnte.—„Schadet nichts," dachte er,„ich habe einen solchen Vorsprung, daß ich auf keinen Fall mehr eingeholt werden kann." Es blieb ihm nur noch übrig, ein passendes verborgenes Plätzchen zu finden, wie es einem sittsamen Menschen geziemt. Er sah sich um; etwas weiter hin schimmerte durch dichtes Gebüsch oas halbzerbröckelte Mauerwerk eines alten verlassenen Brunnens, aus dessen Tiefe einige Ginsterbüsche aufragten, während in dein Rest Wasser am Boden eine Froschfamilie ein beschauliches Dasein führte. Der Rand dieses Brunnens schien Marius ein passender und bequemer Sitz,-- dann kehrte er zu seinem Wagen zurück und stieg ein. Aber oh Schrecken! Der Trembleur zitterte nicht, die Zünd- kerze gab keine Funken, der Motor machte keinerlei Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Was war nur vorgegangen? Gar nichts besonderes, und Marius brauchte sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen, um das Verzweifelte semer Lage ein- zusehen. Der Bolzen, der berühmte Kontaktbolzen... es war nicht wegzuleugnen, er hatte nach einer langen Reise durch das Innere des phänomenalen elektrischen Menschen endlich Sehnsucht nach dem Sonnenlicht verspürt... und—„Mag ihn da im Brunnen suchen wer Lust hat!" schrie Marius verzweifelt. Und so kam eS, daß Marius längst nach dem Letzten am Ziel ankam, geschleppt von zwei von einem Bauern geleiteten Ochsen. Keine Zeitung sprach mehr von ihm, der Gelehrte von der medizinischen Fakultät lieg seinen Bericht unvollendet liegen, und die Firma gab ihm den Ab- schied. Marius versuchte zwar die Sache wieder gut zu machen, indem er einen neuen Bolzen verschluckte, aber er mußte es wohl ungeschickt angefangen haben, denn das Ding blieb ihm in dey Kehle stecken, und er mußte elendiglich ersticken. Armer Marius l KL. Der geneigte Leser, der vielleicht an der Echtheit dieser Geschichte zweifelt, wird gebe�m, zu beachten, daß sie sich an den Ufern der Garonne zugetragen hat, ferner, daß Marius auS Mar- seillc stammte, und daß der Erzähler ein Gascogner ist.,,, dq« durch wird ihm viel erklärt! — 775— Hus den Hnfancfen der proleta- rifcben ßildungsbeftrebunefen. Die proletarischen Bildungsbestrebungen, die sich jetzt so niachtig entfaltet haben, gehen in ihren Anfängen ziemlich weit zurück: in England bis ins erste Viertel des verflossenen Jahr- Hunderts. Der große Utopist Robert Owen hat bekanntlich auch auf diesem Gebiete bahnbrechend gewirkt. Große Verdienste aber hat sich da noch ein anderer unter den ersten theoretischen Vor kämpfern des englischen Proletariats erworben, der lange Zeit so gut wie vergessene Thomas Hodgskin(1787— 1869). Von diesem Denker ist vor einigen Jahren zu Unrecht behauptet worden, daß er der eigentliche Vater der Marxschen Lehre sei. Ist das auch ein Unsinn, so ist dagegen nicht zu leugnen, daß Hodgskin eine bedeutende Stelle unter den englischen Ockonomcn einnimmt, die zuerst aus der Ricardoschen Lehre sozialistische Konsequenzen zogen, den Mehrwert des Kapitalisten beseitigt wissen wollten. Für uns Deutsche ist er noch dadurch von besonderem Interesse, daß er über seine Fußreisen durch Norddcutschland ein sehr inter- essantes und sehr gediegenes Werk geschrieben hat. Nach seiner Rückkehr vom Kontinent und der Veröffentlichung seines Buches über Deutschland(1829) trat er dadurch zuerst wieder in die Oesfcntlichkeit, daß er 1823, von Edinburgh nach London über gesiedelt, hier mit dem Schotten Robertson zusammen das „Arbeitermagazin" herausgibt, eine Wochenschrift zur Belehrung der Arbeiter über technische und chemische Fortschritte, aber auch über ökonomische Fragen. In diesem Organ nun schlägt Hodgskin auch bald— im Oktober 1823— vor, neben dem„Arbeiter� magazin" ein„�lecksnies Institute", ein Arbeiterinstitut ins Leben zu rufen oder, wie wir uns ausdrücken würden, eine Arbeitcrbildungsschule, die von den Arbeitern selbst unterhalten werden und sich von den öffentlichen Anstalten dadurch unter- scheiden soll, daß hier nicht zum blinden Gehorsam, zum demütigen Verzicht auf eigenes Denken abgerichtet, sondern der Arbeiter über seine eigenen Interessen, seine Klasseninteresscn belehrt iverden soll. Hodgskin hat dabei schon Vorbilder im Auge. In Glasgow hatten sich Arbeiter zusammengetan und mit ihren freiwillig zu- sammengesteuerten Beiträgen eine Schule begründet, deren Lehrer in Naturwissenschaften und industrieller Technik unterrichteten. Aehnliche Anstalten sind in Edinburgh und Liverpool begründet worden. Daran knüpft Hodgskin an, aber er geht darüber hinaus, indem er das in London zu begründende Institut nicht auf Chemie und Mechanik beschränken will, sondern es soll auch die„Wissen- fthaft der Gütererzeugung und-Verteilung" umfassen, die Arbeit«; über ihre ökonomischen Interessen aufklären. Die Idee findet auch Anklang, und es entsteht mit Hülfe von Arbeitcrgroschen noch im Jahre 1823 das Londoner Arbeitcrinstitut,»ls deren erste provisorische Sekretäre Hodgskin und Robertson tätig sind. Es kommt dann aber gleich ein fremdes Element in die Sache hinein. Hodgskin war mit Francis Place bekannt, einem Hauptführer der radikalen, Benthamitischen Richtung. Mit Place setzte er sich über die Idee der Arbeiterschule auseinander. Place ist ganz ein- verstanden, erklärt es aber für unmöglich, die Sache auf die Bei- träge von Arbeitern zu begründen. Kapitalkräftige Leute müssen nach seiner Meinung zugezogen werden. Er weiß es auch durch- zusetzen, daß eine Subskription im Einvernehmen mit allen be- kannten Namen der radikalen Partei eröffnet wird. Nur mit Widerstreben waren Hodgskin und Robertson darauf eingegangen, weil sie die Empfindung hatten, daß die Schule damit aufhören würde, einen rein proletarischen Charakter zu tragen. Und sie traten dann Place offen und scharf entgegen, als es dahin kam, daß der Dr. Birkbeck ein bedeutendes Kapital gegen Zinsen für die Sache hergab, weil sie befürchteten, daß die Schule damit ins kapitalistische Fahrwasser gebracht werden würde. Mit seiner über- legenen GeschäftskcnnntiS setzte Place aber gegen Hodgskin und Robertson seine Absichten durch, und es geschah denn auch bei der definitiven Organisation des Unternehmens, daß Hodgskin und Robertson, die bisherigen provisorischen Sekretäre, am 16. De- zember 1823 nicht in den Verwaltungsausschuß gewählt, sondern durch einen besoldeten Sekretär ersetzt wurden, womit denn die eigentlichen Väter des Arbeiterinstituts beiseite gedrängt waren. Robertson zog sich darauf sofort gänzlich vom Institut zurück. todgftin dagegen konnte es noch nicht übers Herz bringen, die offnung aufzugeben, daß sich in dem Institut trotz alledem eine ersprießliche Tätigkeit werde entfalten lassen. In seiner 1825 er- schienenen Schrift„Verteidigung der Arbeit gegen die Ansprüche des Kapitals" erklärt Hodgskin an einer Stelle, daß er für die ökonomische Aufklärung der Arbeiterklasse auf die Arbeiterinstitute rechne, deren Mitglieder sich gewiß nicht für bloße tote Buch- gelehrsamkeit interessieren, sondern vor allem darauf Gewicht legen würden, zu erfahren, warum die Arbeiter allein unter allen Klassen immer in Armut und Not versenkt gewesen sind:„eS gibt," fährt Hodgskin weiter fort,„keine heilige Allianz, welche die ftiedliche Erhebung unterdrücken könnte, durch die das Wissen alles um- stürzen wird, was nicht auf Gerechtigkeit und Wahrbeit gegründet ist." Aus Liebe zur Sache überwand sich Hodgftin sogar dazu, sich mit dem Dr. Birkbeck einigermaßen auf guten Fuß zu stellen. Er erreicht denn auch zunächst soviel, daß ihm gestattet wird, einen Vortragszyklus über Wirtschaftslehre zu halten, den er hernach unter dem Titel:„Volkstümliche politische Oekonomie" veröffent- licht hat. Francis Place hatte von vornherein dagegen protestier� daß man diesen Gegner kapitalistischer Ausbeutung zu Wort« kommen ließ. Und hernach war man sich denn auch im hohen Rat darüber einig, daß dies Experiment nicht wiederholt werden dürfe. Nicht etwa, daß Hodgskins Vorträge keinen Anklang gefunden hätten. Im Gegenteil waren sie sehr stark besucht und fanden bei den Arbeitern außerordentliches Interesse.„Alle die," sagt Place darüber,„welche die Verheißungen und Voraussagungen Robert Owens irregeführt hatten, fanden sich bereit, in die Falle de? Herrn Hodgskin zu laufen, der durch seine Vorträge und seine Publikationen Tausende von Menschen überzeugte, daß das ganz« Ärbcitserzeugnis von Rechtswegen dem Arbeiter gehöre." Welchen Eindruck die antikapitalistischen Ausführungen Hodgftins machten, sieht man daraus, daß noch mehrere Jahre später, 1831, die„Ge» scllschaft zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse", eine radikale Gründung, an deren Spitze Lord Brougham stand, von Charles Knight eine besondere Widerlegung Hodgskins abfassen ließ. Knight ging mit heiligem Eifer gegen die„gefährlichen" An- schauungen Hodgskins ins Zeug. Er schrieb u. a.:„Diese Lehren können wohl im Vortragssaal anfangen, sie scheine« da als abstrakte Sätze unbedenklich, aber sie laufen aus in Tollheit, Raserei, Tumult, Plünderung, Feuer und Blut." Die Radikalen, deren Koryphäe Lord Brougham nun auch im Arbeiterinstitut maßgebend war, ließen Hodgskin zwar anstandshalber noch zweimal, 1826 und 1828, zu Worte kommen— über philosophische Themata—, aber sie hatten dem„Feuerbrand" natürlich den Weg verlegt, um in der Richtung wirken zu können, wohin er strebte, und so mußte Hodgskin alle Hoffnung aufgeben. Er zog sich gänzlich von dem Institut zurück, dessen Hauptbegründer er war. DieL letztere kam so gänzlich in Vergessenheit, daß in den fünfziger Jahren, als Hodgskin schon ein alter Mann war, die Legende kolportiert wurde, daß Brougham der Vater des„Mcchanics Institute" sei. Hodgskin stellte demgegenüber den wahren Sachverhalt fest. Brougham war nur der hervorragendste unter den Radikalen, die das Arbeiter- institut seinem ursprünglichen Zweck entfremdet, inS kapitalistische Fahrwasser gesteuert hatten. Nach HodgskinS Absicht hatte es der Emanzipation der Arbeiterklasse dienen sollen. Wenn diese Absicht auch vereitelt worden ist, so soll doch nicht vergessen werden, daß Hodgskin zu den ersten gehört, die auf dem Gebiete der prole« tarischen Bildungsbestrebungen tätig waren.«. c, Kleines feirilleton* Theater. Zur Frage der Volksvorstellungen hat der in Frankfurt a. M. nun schon länger als anderthalb Jahrzehnte be» stehende Ausschuß für Volksvorlesungen, ein von bürgerlicher Seite in losem Anschluß an das„Freie deutsche Hochstift" gegründete» Institut, eine interessante Enquete(erschienen im Verlage von Quelle u. Mayer in Leipzig) v.ranstaltet. So glänzend sich die Freien Volksbühnen in Berlin entwickelten— die Gesamtzahl ihrer Mitglieder übersteigt bereits die 30 000 und rekrutiert sich nach einer in dem älteren Stammvcrein vorgenommenen Berufs- statistik mit erdrückender Majorität aus Arbeiterkreisen—, so wenig ist es doch bis jetzt geglückt, selbständige, zu künstlerischen Zwecken regelmäßige Monatsbeiträge erhebende Arbeiter-Theatcr» vereine in der Provinz zu schaffen. Die wenigen Versuche brachten es zu keinem dauernden Best'.nde. Was da an Arbeiter- und Volksvorstellungcn existiert, stellt sich einstweilen noch zum größten Teil als Zufallsgabe, nicht als ein durch eigene Initiative der Arbeiterschaft Errungenes und Ausgestaltetes dar. Daß aber auch in diesem Rahmen Wertvolles erreicht, Anregungen zur Eni- Wickelung eines höheren künstlerischen Genießens geboten werden können, ist trotz der Geringfügigkeit des bisher Geleisteten nicht wohl zu bestreiten. Wo die Bühnen eine städtische Subvention beziehen, wäre es direkt Aufgabe der Kommunen, auf deren Er- füllung die Arbeitervertreter in den Stadtparlamenten dringend hinzuwirken hätten, die Thcaterdircktoren durch Vertrag zu einer dem Bedürfnis entsprechenden Anzahl von Volksvorstellungen mit niedrig bemessenem Einheitspreise zu verpflichten. Die Masse der Besucher solcher Aufführungen würde den Ausfall auS der Er, Mäßigung der Entrees auf ein geringes Maß reduzieren oder völlig wettmachen. In Frankfurt wurde 1894 zuerst in Deutschland auf Betreiben des Ausschusses für Volksvorlesungen der Beginn mit regelmäßigen Volksvorstellungen gemacht. Die anfänglich nur private Ver- einbarung ward dann im Jahre 1900 bei der Erneuerung deS Vertrages zwischen Stadt und Theater kontraktlich festgelegt. Danach hatte die Direktion jährlich fünf, von 1905 ab acht Vor- stellungen, in denen die Preise nur 30— 40 Pfennige, die Logensitze 1er Opcrnvorstellungen nicht mehr als 1 Mark betragen dürfen, u liefern. Die Verteilung der im ganzen zur Verfügung stehenden jZlätzc, deren Zahl je läng«r je weniger dem ra ch zunehmenden Bedürfnisse in der Arbeiterschaft entspricht, erfolgt durch eine Kommission, die aus dem Sekretär des Ausschusses und den Dele- gierten der dem Ausschuß für Volksvorlefungen angeschlossenen 68 Arbeitervereine gebildet ist; freie Gewerkschaften, christlich« Gewerkschaften und sonstige Organisationen mit im ganzen 21 5d auch in die der Nord- uiü> Ostsee hinauf. Humoristisches. — Beim Doktor.„Sie leiden, wie ich mich vurch die Untersuchung überzeugt habe, an chronischer Nikotinvergiftung.'— .Ich rauche doch gar nicht I'—„Was. Sie rauchen nicht... ja warum haben Sie das nicht gleich gesagt I? — Summarisch.„Nu' weiß ich nich', was der Knoten im Taschentuch bedeutet I... Na, ich wert»' für alle Fälle meinen Jungen prügeln, meine Frau ärgern und meinen Freund anpumpen. Eins von den drei Dingen kann's bloß gewesen sein.' (»Flieg. Blätter'.) Notizen. — Drei Einakter von Hermann Sudermann er« lebten iin Wiener Burgcheater ihre Uraufführimg. Sie sind unter dem Namen„Rosen" zusamincugefaßt— weil in allen dreien Rosen vorkommen. An seine früheren Einakter reichten die drei neuen nicht hinan, in deren jedem—„Margot",„Ferne Prinzessin",„Der letzte Besuch"— das Charakterbild einer Frau gegeben wird. — Der Freiheit wiedergegeben wurde der Schrift« steller Roda Roda, dessen lustige und ernste Schilderungen aus dem österreichischen Militär- und Völkerleben unsere Leser öfter er- probt haben. Er hatte das Unrecht begangen, österreichischer Reserve- offizicr zu bleiben, trotzdem er über die für diese Auszeichnung »öligen Eigenschaften längst nicht mehr verfügte. Irgend ein Ehren- rat hat den Fehler wieder gut gemacht, indem er erkannte, daß Roda Roda die Standesehre verletzt habe, worauf das Kriegs- Ministerium ihin den bunten Rock auszog. Wie konnte auch ein Schriftsteller, der in freier Ehe lebt und in seinen Skizzen den Rcipckt vor höheren Militärpersoncn gröblich vernachlässigt und zwar mit Vorbedacht, Talent �uud Rückfälligkcit— auch noch Reserveoffizier sein können? Schon aus Gründen des unlauteren Wett- bcwerbes nicht. Denn was sollten sonst alle die Leute anfangen, die nur Reserveoffizier sind? — Rache für M i r a b e l l. Der Erzbischof von Salzburg hat ein heiliges Gelübde auf sich genoinmen, alles Nackte zu ver- folgen und— soweit eS heutzutage noch angeht— zu vertilgen. Seine Vorgänger haben es in Fleischlichkeiten weit über das landes- übliche Maß hinaus gehalten. Einer ist durch Bierbaums Brettllicd „Im Schlosse Mirabell" bis in Kreise hinein populär geworden, in denen sonst keine Nachfrage nach Erzbischöfen ist. Das alles will er durch unnachsichtige Strenge reu- und leiderweckend ab- büßen. Und so ließ er dieser Tage durch einen getreuen Hoskaplan bei der Salzburger Polizei Anzeige wegen Schaustellung unzüchtiger Sachen erstatten. Die richtete sich gegen einen Kunsthändler, der in seinem Schaufenster eine Nachbildung der nicht ganz unbekamiten A r i a d n e auf dem Panther von Dannecker, dem wir die beste Büste Schillers danken, ausgestellt hatte. Das Ansuchen an den irdischen Arm der Kirche schloß mit dem Verlangen, besagtes unsittliches Weibs- bild ab- und wegzutun. Aber merkwürdig, die Salzburger Polizei war klüger als er, wollte sich nicht nntblamieren mit dem Herrn Erzbischof und tat, als ob nichts der- gleichen geschehen wäre. Ariadne steht immer noch im Schaufenster. Der keuschheitslüsterne Erzbischof aber hat das eine mit seinem Eifer erreicht, daß man wieder einmal die Abenteuer seiner Salz- burger Vorgänger aufftischt. Die„Franks. Ztg." besorgt daS ganz nett, wenn sie daran erinnert: Der Amtsvorgänger des Kardinals Erzbischof Wolf- Dietrich hatte intime Beziehungen zu einer Salz- burger Bürgerstochter, der schönen Saloine Alt; er lebte mit ihr im gemeinsamen Haushalte, dem Verhälwisse entsprossen zahlreiche Kinder, und für sie erbaute er das Schloß Mirabell. Im ehe- mals erzbischöflichen Lustschlosse Hellbrunn liegt in einer ver- schwiegenen Grotte das prächtige, ebenfalls unbekleidete Marmor« bildnis einer schönen Frau. Ans der Weißen Marmorbrust trägt sie ein Medaillon mit dem wohlgettoffenen Porträt Sr. hochfürstlichen Gnaden des Erzbischofs Marcus SitticuS, ihres Freundes. Sie hieß Frau v. Mabon und war die Gattin des damaligen Salzburger Schlvßhauptmanns. Hoffentlich läßt der brüskierte Herr nun nicht seine Rache an den seiner Machthoheit unterstehenden„Nuditäten" aus. — Amüsieren— Ball. Schon die bloße Gegenüberstellung der beiden Wörter wird genügen, in jedem jungen Mädchen oder Manne das lebhafteste Interesse zu erwecken. Und so erfahren wir denn, daß das Wort amüsieren s— vergnügen, unterhalten) vom französischen aimrsor abstammt. Es ist einfach mit einer deutschen Endung versehen und in Gebrauch genommen worden. Dem fran- zösischen»mussr würde eine lateinische Form adimisars entsprechen. Dies Wort ist wieder aus ad(an) und musare oder mussare zusammengesetzt. Masare bedeutet: wie eine Katze schnurren, summen, brummen, leise singen, dudeln. Es ist ab- geleitet von nrnaa, mussa Schnauze, wozu das französische museau zu vergleichen ist. Die ursprüngliche Bedeutung deS französischen amuser ist also: jemand anbrummen, andudeln, ihm etwas vorsingen und dadurch unterhalten. DaS Wort Ball be- deutet erstens: Wurfgeschoß. Kugel und zweitens: Tanz. Beide Bedeutungen scheinen nicht viel miteinander geinein zu haben, beide stammen aber vom italienischen balle und dies wieder von ball arg werfen, den Körper rhythmisch im Takt hin und her werfen, hin und her bewegen. Hiernach wird man nicht mehr an ihrer gemeinsamen Abstammung zweifeln. Hinzuzufügen wäre noch, daß dem italienischeu dallare daS griechische dalloiu oder xallein werfen, zugrunde liegt. Berantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlag»anstalt Paul Singer SrEo..Berlin 8 Vk.