Nnterhattungsvlatt des Dorwnrt s Nr. 197. Donnerstag � den 10 Oktober. 1907 tNachdrilik verboten.) 731 l)ie jVlutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. Die Mutter lachte und Nikolai ebenfalls; das machte den Burschen verwirrt und wieder traurig. „Machen Sie sich keine Sorge I" tröstete Nikolai ihn. Sie brauchen die Bauern nicht zu binden... Werden schon gut aufpassen!..." „Nun, dann ist es etwas anderes!" sagte Jgnat be- ruhigt und lächelte Nikolai vertraulich und fröhlich zu.„Ich hätte auch wohl Lust in die Fabrik; da sollen ganz ver- nünftige Leute sein..." In seiner breiten Brust brannte die ganze Zeit über ein ungleichmäßiges Feuer, das seiner eigenen 5draft noch nicht vertraute. Es blitzte hell in seinen Augen, spiegelte sich wider, erlosch plötzlich und bedeckte sie mit dem Rauch un- verständlicher Unruhe und Zerfahrenheit. Die Mutter erhob sich, blickte nachdenklich zum Fenster hinaus und meinte: „Ach, dieses Leben... fünfmal am Tage lacht man, fünfmal weint man... Schön! Nun, bist Du fertig, Jgnat? Geh schlafen..." „Aber ich mag nicht.. „Geh, geh... „Seid Ihr aber strenge! Also, ich gehe... Danke für die Bewirtung... für die Freundlichkeit..." Als er sich in das Bett der Mutter legte, murmelte er, den Kopf krauend: „Jetzt wird alles bei ihnen nach Teer riechen... Hat alles gar keinen Zweck... ist das eine Verzärtelung... Ich will gar nicht schlafen... Sie sind aber nette Leute... sogar etwas fremdartig... Als wenn man hunderttausend Werst von feinem Dorfe fort wäre... Wie er da eingriff, als von der„Mitte" die Rede war... In der Mitte... stehen die Leute, die den Prügelmeistcrn die Hand küssen und ihren Opfern das Blut aussaugen... die Teufel.. Und dann schlief er plötzlich laut schnarchend mit hoch- geschobenen Brauen und halb offenem Munde ein... XX. Spät abends saß Jgnat im kleinen Zimmer des Keller- geschosses Wjessowtschikow gegenüber und sagte in ge- dämpftem Tone: „Gegen das mittlere Fenster, viermal,,>" „Vier?" wiederholte Nikolai besorgt. „Zuerst— drei, sieh so"... und er klopfte mit ge- krümmtem Finger auf den Tisch und zählte: „Ein, zwei, drei. Dann, nach kurzer Pause, noch einmal." „Ich verstehe." „Dann öffnet ein rothaariger Bauer und fragt:„Wegen der Hebamme?" Sie sagen ihm:„Ja, vom Fabrikbesitzer!" Weiter nichts; er begreift schon." Sie saßen mit zusammengesteckten Köpfen, beide stämmig und fest, da und unterhielten sich leise; die Mutter aber hatte die Hände auf der Brust zusammengelegt, stand am Tisch und betrachtete sie. All dies geheimnisvolle Klopfen, die verabredeten Fragen und Antworten machten sie innerlich lachen und sie dachte: „Noch die reinen Kinder..." An der Wand brannte eine Lampe, die dunkle Flecke von der Feuchtigkeit und Bilder aus Journalen beleuchtete; auf dem Fußboden lagen zerdrückte Eimer, Reste von Dach- eisenblech; in das Fenster blickte aus der dunklen Höhe ein großer, heller Stern. Ein Geruch von Rost, Oelfarbe und Feuchtigkeit erfüllte das Zimmer. Jgnat trug einen dicken Herbstrock aus rauhem Stoff; der gefiel ihm; die Mutter sah, wie er liebkosend mit der Hand über den Aermel strich, wie er sich musterte, den festen Hals schwerfällig hin und her drehte. Und in ihrer Bruit regte sich ein weiches Gefühl. „Die Kinder... die lieben..." „So!" sagte Jgnat aufstehend.„Also, vergessen Sie nicht, zuerst zu Muratow, fragen Sie den Alten..." „Ich denke schon daran," antworte Wjessowtschikow. Aber Jgnat glaubte ihm augenscheinlich nicht, wieder- holte von neuem alles Klopfen, die Worte und Zeichen und reichte ihm schließlich die Hand: �„Jetzt sind wir fertig! Leben Sie wohl, Genosse! Grüßen Sie von Jgnat, er wäre munter und gesund! Eine brave Gesellschaft— werden Sie sehen..." Er maß sich mit einem zufriedenen Blick, streichelte seinen Rock und fragte die Mutter: „Soll ich gehen?" „Findest Tu auch den Weg?" „Gewiß!... Also auf Wiedersehen, Genossen!" Er ging mit hochgeschobenen Schultern und vorgestreckter Brust, mit seiner neuen Mütze� auf einem Ohr, die Hände tief in den Taschen. Auf seüicr Stirn und an den Schläfen aber zitterten lustig seine hellen, jungen Locken. „Nun bin ich auch bei dem Werk!" sagte Wjessowtschikow leise, an die Mutter herantretend.„Es war mir schon lang- weilig geworden... war aus dem Gefängnis entflohen wozu? Ich tat nichts weiter, als daß ich niich versteckte... Hatte doch inzwischen was gelernt... Paul hat mir gehörig etwas eingetrichtert! Und Andrej hat mir dann noch den letzten Schliff gegeben. Aber sag, Nilowna, hast Du nicht gehört, was wegen der Flucht beschlossen ist? Wird etwas daraus?" „Uebermorgen erfahre ich es!" antwortete sie und wiederholte unwillkürlich seufzend: „Uebermorgen erst." Nikolai legte seine schwere Hand auf ihre Schulter und sagte: „Sag den Aeltcrcn, denn sie hören auf Dich, es sei sehr leicht! Sieh es Dir selbst an! Da— ist die Gefängnis- wand... daneben eine Laterne. Gegenüber ein freier Platz, links der Kirchhof, rechts Straßen und die Stadt. Zu der Laterne kommt der Anziinder,— am Tage, um die Lampen zu reinigen— stellt seine Leiter an die Wand, steigt hinauf, hakt an den Mauerrand die 5crampen einer Strickleiter, läßt sie in den Gesängnishof hinab und geht fort! Da hinter der Mauer weiß man die Zeit, wo das gemacht wird, bittet die Kriminalgefangcnen, Tumult zu machen oder macht selbst Lärm, und wer dann muß, steigt in der Zeit auf der Strick- lciter über die Mauer: eins, hwei und fertig! Dann begibt er sich ruhig in die Stadt, weil die Jagd vor allem auf den freien Platz, auf den LUrchhof geht..." Er bewegte vor dem Gesicht der Mutter schnell die Hände, zeichnete seinen Plan, und alles kam einfach, deutlich und geschickt heraus. Sie kannte ihn schwerfällig, plump und es war ihr ein sonderbares Gefühl, sein pockennarbiges Gesicht lebhaft und beweglich zu sehen. Nikolai blickte früher alles mit finsterer Bosheit und mißtrauisch an; jetzt schienen seine Augen wie neu geschnitten, hatten eine ovale Form an- genommen und leuchteten in gleichmäßigem, warmem Licht. „Bedenk doch, es geschieht— ain Tage!... Am hellichten Tage. Wem kommt der Gedanke, daß ein Straf- ling am Tage vor den Augen des ganzen Gefängnisses fortläuft?..." „Aber wenn sie ihn nun totschießen!" meinte das Weib zitternd. „Wer? Soldaten sind nicht da, und die Revolver der Aufseher tragen nicht weit." «Das ist alles sehr einfach!'� „Und sicher! Nein, sprich Du mit ihnen. Ich habe schon alles fertig, die Strickleiter und die Krampen... Mit meinem Meister habe ich gesprochen, der macht den Laternen- anzünder..." Vor der Tür bewegte sich jemand, hustete und klirrte mit Eisen. „Das ist der Meister!" rief Nikolai. In die offene Tür schob sich eine Vlechwanne und eine heisere Stimme sagte: „Rin, Du Luder..." Dann erschien ein runder, grauer, schnurrbärtiger und gutmütiger Kopf ohne Mütze nnt vorstehenden Augen. Nikolai half die Wanne hereinziehen, und in die Tür trat ein großer, stämmiger Mensch. Er hustete, blies die —< kasicricn Backen auf, spuckte aus und begrüßte heiser die An» wesendcn: „Grüß Gott.. „Ta ist er, frag ihn!" rief Nikolai. „Mich? Wonach?" „Nach der Flucht..* „3t— a!" sagte der Meister und wischte den Schnurr- bart mit schwarzen Fingern aus. „Jakob Wassiljewitsch, sie glaubt nicht, daß es ein- fach ist", „Hm... glaubt es nicht? Sie will Wohl nicht. Wir beide wollen aber und da— glauben wir auchl" sagte der Meister ruhig, bückte sich plötzlich halb nieder und hustete dumpf. Nachdem er ausgespien, rieb er lange seine Brust, blieb schnaufend im Zimmer stehen und betrachtete die Mutter mit weit aufgerissenen Augen. „Ich habe die Sache ja nicht zu entscheiden, Nikolai I" bemerkte Frau Wlassow. „Aber sprich mit ihnen, sag ihnen, alles wäre fertig I Ach, wenn ich sie sehen könnte«,, ich würde sie schon dahin bringen!" Er breitete die Hände weit aus und preßte sie zusammen, als wenn er etwas fest anfaßte, und aus seiner Stimme klang ein leidenschaftliches Gefühl, das die Mutter durch seine Kraft in Erstaunen setzte. „Ei, was bist Du für ein Bursche!" dachte sie, laut aber sagte sie: „Das entscheiden Paul und die Genossen,, Nikolai senkte nachdenklich den Kopf. „Wer ist das— Paul?" fragte der Meister, sich setzend. „Mein Sohn." „Wie ist der Name?."- „Wlassow." Er nickte, holte einen Tabaksbeutel heraus, zog eine Pfeife hervor, stopfte sie und sagte abgerissen: „Von dein habe ich gehört. Mein Neffe kennt ihn. Ter ist auch im Gefängnis— Jewtschenko heißt er. Mein Name ist Godun. 3llle jungen Leute haben sie nächstens ins Gefängnis gesperrt, da gibt es für uns alle Raum. Der Gendarm stellt mir sogar in Aussicht, den Neffen nach Sibirien zu schicken.,, Und er tut das wirklich, der Hund!" (Fortsetzung folgt.) Sine Stätte cler Arbeit in clen Oetztaler Hlpcn» Nach langen Jahren kam ich heuer wieder einmal zu einer Wanderung in den Alpen. In Jmst im Oberinntal verließ ich die Bahn und begann die Fußtour durch das reizend schöne Pitztal. Noch am Abend des ersten Reisetages kam ich nach ILstündigem Marsche zur Braunschwciger Hütte, deren gerühmte Aussicht durch Gewölk verdeckt war. Der folgende Tag brach trübe an. Da die von mir von hier aus geplante Besteigung der Wildspitzc keinen Genuß versprach, schloß ich mich einer Karawane an, die über das Tauskarjoch nach Beut im Octztale marschierte. Je höher wir kamen, um so schlechter wurde die Aussicht und von etwa 2900 Meter Höhe an wanderten wir im Nebel. Während der Stacht hatte es hier oben geschneit und bald wurde der Neuschnee so tief, daß die Führer abwechselnd vorangehen und Spuren treten mußten. Als wir die Jochhöhe fast erreicht hatten, trat Schneesturm ein. Die sonst 8- bis gstündigc Wanderung wurde für uns zu einer Ilstündigcn und von der in den Reisehandbüchern vielgerühmten Aussicht vom Taufkarjoch war. gar nichts zu sehen! Ermüdet kam ich in Beut an und hatte wenig Hoffnung, am nächsten Tage bei günstigerer Witterung die Reise fortsetzen zu können. Doch, über Nacht hatten sich die Verhältnisse gebessert und allmählich lichtete sich der Wolkenschleier, in dem die Bcrgspitzen versteckt waren. So versuchte ich neuerdings mein Glück und stieg gegen Abend zur Vrcslaucr Hütte auf, um womöglich am anderen Morgen von hier aus die Wildspitze, den höchsten der Oetztalcr Berge zu besteigen. Ich war aber nicht vom Wettcrgott begünstigt. Erst gegen Mittag wurde das Wetter so, daß man von der Hütte abmarschieren konnte. Bon einer Besteigung der Wildspitze konnte natürlich jetzt keine Rede mehr sein, und so entschloß ich mich zur Würzburger Hütte am Vernagtferner weiter zu gehen. Von diesem Gletscher hatte ich schon manches gehört und gelesen. Er ist einer der un- ruhigsten unter seinesgleichen. Mehrmals im Laufe der letzten Jahrhunderte schob er seine Eismassen weit hinaus durch den engen Graben, in welchem seine Schmelzwasser abfließen, bis ins Rosen- tal. Hier bildeten sie eine mächtige, fast 300 Meter hohe Wand, welche den Schmelzwässern des Hochjochferners und de« Hintereisferners, die von der südwestlichen Ecke der Um- rahmung des Octztales herabziehen, den Abfluß versperrte. Tal- auswärts von der absperrenden Eismasse bildete sich ein See, der zeitweise einen schwachen Abfluß unter dem Eise hatte. Mehrmals jedoch traten Verstopfungen dieses Abflusses durch die stark bc° wegten Eismassen ein, so daß sich das Niveau des Stausees be- deutend hob. Infolge der Eisbewegung und der Abschmclzung auf der Unterfläche des Eises blieb aber die Verstopfung keine dauernde, sondern brach unter der Wirkung des Druckes der aufgestauten Wass�rmassen zusammen, so daß der ganze Seeinhalt von 10 bis 20 Millionen Kubikmeter in ganz kurzer Zeit abfloß und zu einer mächtigen Flutwelle Veranlassung gab, die sich verwüstend durch das ganze Octztal bewegte und selbst in Innsbruck noch gefährlich wurde. Solche Katastrophen gab es in den Jahren 1600, 1678, 184�-�1848. Besonders bei den letzten Ausbrüchen war der Schaden im Tal recht bedeutend. Es ist leicht erklärlich, daß man dem Studium des Vernagtfcrners, dessen Verhalten zeitweise zu einer Gefahr für ein wohlkultiviertes Alpental wird, große Auf- merksamkeit widmete; bereits 1847 haben die Brüder Schlagintweit und später, I8S6, Freiherr von Sonklar längere Zeit mit besonderen Untersuchungen an diesem Eisstrome verbracht. Systematische Messungen werden hier seit 1888 ausgeführt. Die bayerischen Pro- fessoren Finsterwalde. Blümcke und Heß haben in diesem und dem folgenden Jahre eine genaue Karte des Gletschers und des ehemals von ihm bedeckten Gebietes aufgenommen und führen seitdem sorg- fältige Vermessungen durch, aus denen sich die Aenderungen in der Größe des Gletschers genau verfolgen lassen. Die Arbeiten fielen, wie Heß in seinem Buche„Die Gletscher" erzählt, in eine günstige Zeit, denn in den Jahren 1895— 1902 hat der Gletscher einen Vor- stoß ausgeführt. Einen kleinen nur, denn seine Länge ist nur um etwa 200 Meter gewachsen, gegen fast 2000 Meter, um welche das jetzige Ende des Gletschers weiter zurückliegt als im Jahre 1848. Aber da bei den Vermessungen auch die jährliche Ge- schwindigkcit des Eises bestimmt wird, so konnte doch die merk- würdige Tatsache festgestellt werden, daß das Eis, welches 1889 bis 1891 mit 17 Meter pro Jahr talabwärts wanderte, im Jahre 1898/99, als der Vorstoß seine größte Mächtigkeit erreichte, sich mit 289 Meter pro Jahr bewegte, während gleichzeitig die Ober- fläche des Eises in dem etwa 700 Meter breiten Mcssungsdurch- schnitt sich kaum um 10 Meter gehoben hatte. Wenn man diese auf Grund sehr zuverlässiger Messungen gewonnenen Resultate kennt, so schenkt man den Berichten der alten Beobachter leicht Glauben. nach denen bei dem Vorstoß vom Jahre 1848 das Eis mit 12 Meter täglicher Verschiebung in dem engen Vcruagtgraben vorrückte, eine Geschwindigkeit, wie sie sonst nur von den großen Ausläufern des grönländischen Inlandeises herichtet wird. Im Jahre 1902 hat der Vorstoß aufgehört. Seitdem geht der Gletscher wieder langsam zurück, weil von oben weniger Eis nachgeschafft wird, als am Ende abschmilzt. Die Geschwindigkeit des strömenden Eises ist auch wieder auf 40 Meter pro Jahr gesunken. Ohne Schwierigkeit konnte ich den Gletscher überschreiten und zur Würzburger Hütte gelangen. Dort fand ich in einem Album eine Reihe von Photographien, welche den Vernagtfcrncr während der letzten 13 Jahre darstellen. Von den gleichen Standpunkten aus aufgenommen, erlauben sie eine leichte Uebersicht der Vcr- änderungcn. welche der Gletscher in dieser Zeit erfahren hat. Die gewaltige Zerklüftung, welche er 1899 da zeigte, wo ich ihn heute leicht passieren konnte, hat den damals beim Hüttenbau tätigen Arbeitern große Hindernisse bereitet, jetzt sind nur mehr flache, spaltenlose Mulden vorhanden, wo damals lange, eineinhalb bis zlvei Meter breite Klüfte die Eismasse durchsetzten. Auch am folgenden Tage war das Wetter für Hochtouren noch nicht gut genug. So wanderte ich auf der rechten Seite des Vernagtgrabens den gut angelegten Weg entlang, hinaus ins Rofcntal, betrachtete mir die Spuren genau, welche der Vernagt- gletscher von 1848 hier hinterlassen hatte und wandte mich südwärts, hinan zum Hochjochhospiz, wo ich noch vor Mittag ankam. Von der Wirtschafterin erfuhr ich, daß die beiden Gletschcrforscher Blümcke und Heß Tiefbohrungcn ausführen und in etwa zwei Stunden zu erreichen seien. So beschloß ich denn, diesen Herren einen Besuch zu machen. Eine halbe Stunde nach dem Abgang vom Hospiz war ich auf der Zunge des Hintcreisgletschers. Ge- müchlich stieg ich auf der schwach geneigten, fast spaltcnlosen Eis- obcrflächc hinan. Hie und da traf ich farbige Steine, zum Teil mit Nummern versehen, dann auch Holzstäbe, die aus dem Eise ragten, weiter oben sogar weite Eisenröhrcn, die wie die Mündung eines artesischen Brunnens über das Eis hcrausstandcn. Tie Windstöße, die über den Gletscher herabwchcn, brachten auf ein- mal so ein gleichmäßiges Geräusch, wie es beim Ineinandergreifen von Zahnrädern entsteht, dazwischen einen scharfen Knall— da tauchte etwa 300 Meter bor'mir ein großes Holzgerüst auf. Als ich näher kam, erkannte ich einen Bohrturm, wie er bei uns zur Anlage von Brunnen gebraucht wird. Sechs tätige Menschen konnte ich aus der Ferne unterscheiden. Als ich ankam, fand ich richtig die beiden Professoren und vier einheimische Arbeiter in voller Beschäftigung. Ein Benzinmotor lief hier, in 2700 Meter Höhe, so rasch wie im Flachlandc und trieb eine Pumpe. Von den beiden Forschern erhielt ich bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Die vom Motor getriebene Pumpe hatte zirka 60 Liter von dem Schmelzwesser, da» auf der Gletschcrobcrfläche abläuft, jn da? — n Loch zu liefern, welches von den vier Arbeitern durch Drehen eines Rotationsapparatcs gebohrt wird. Einer der beiden Professoren regulierte den Tiefgang des Bohrers, der andere sorgte für Motor und Pumpe. Ich erfuhr, daß der Motor Heuer zum ersten Male hier in Betrieb war. Es handelte sich darum, einen möglichst kräftigen Wasserstrom zum Ausspülen des Bohrloches zu erhalten, in welchem der Bohrer das Gletschereis in kleinen Körnern los- reißt, so daß er pro Stunde um ckwa 8 Meter tiefer sinken kann. Da die Witterungsverhällnissc höchstens 8 Stunden täglicher Ar- bcitszeit gestatten sin der übrigen Zeit fehlt das Schmelzwasser, also muß die Spülung unterbleiben), so kann pro Tag zirka öS Meter tiefer gebohrt werden— wenn keine Störung eintritt. Deren gibt es, wie mir die Herren sagten, gerade genug, und die schlimmsten sind die, denen man kaum ausweichen kann, weil sie durch die Bewegung des Eises selbst hervorgebracht werden. Diese bewirkt nämlich das Entstehen neuer Spalten, die ansänglich haar- feine Risse in der gezerrtcn Eismasse bilden. Geht ein solcher gerade durch das in Arbeit befindliche Bohrloch, so fließt das Spül- wasser durch ihn ab; das losgeschabtc Bohrmehl kommt nicht mehr an die Gletscheroberfläche, sondern bleibt im Bohrloch und verstopft dieses in kurzer Zeit. Tann bleibt nichts übrig, als das Gestänge zu heben und an einer benachbarten Stelle das Glück von neuem zu versuchen. Die Bohrungen haben den Zweck, die Tiefe des Gletschers an den einzelnen Stellen auszuloten. In einem Profil, das etwa 2 Kilometer vom Gletschcrcudc entfernt ist, wurde diese Arbeit in den letzten Jahren ausgeführt. Nun wird sie in einem um etwa 2 Kilometer weiter pben gelegenen Querschnitt nochmals gemacht. Waren dort Tiefen bis zu 214 Meter ermittelt, so werden jetzt solche von zirka 320 Meter erwartet. Bis das neue Profil ausgelotet ist, bedarfs noch der Arbeit von zwei Sommern la drei Wochen) und der unzerstörbaren Geduld, von der die beiden Forscher schon manche Probe gegeben haben. Neben den Bohr- arbeiten laufen seit 14 Jahren Messungen der Geschwindigkeit der Eisbewegung an über 1v0 Punkten der Gletscheroberfläche, so- wie die Bestimmung des Betrages, um welchen infolge der Ab- schmelzung die Eisoberflächc im Laufe eines Jahres einsinkt. Sind die gewünschten Daten alle gefunden, so würde es zum ersten Male möglich sein, die Strömung des Eises in einem seiner Form nach gut bekannten Gletscherbett genau zu verfolgen und so die Unter- läge für«ine möglichst sichere Theorie der Eisbewegung zu geben. Da die Bohrungen auch über die Gestalt des Gletscherbettes Aus- kunft geben, so wird erwartet, daß man über die vom Eis ge- schaffcnen Talformen ein sicheres Urteil erhält und damit die Möglichkeit gewinnt, den Anteil zu bemessen, welchen das Eis rühcrcr geologischer Epochen an der Modellierring der Erdober- läche genommen hat. Da auch Messungen über die vom Gletscher transportierte und vom Felsboden abgescheuerte Schuttmcnge statt- sinden und außerdem noch Wasscrmengen-Messuugcn am Gletscher- bach in Aussicht genommen sind, so wird in einigen Jahren der Hintereisgletscher der bestbekanntc Gletscher sein— dank der ausdauernden Arbeit der Herren Blümcke und Heß und dank der Opferwilligkcit des Deutschen und Ocsterreichischcn Alpcnvereins, der die Hauptkosten der Arbeiten trägt.— Etwa eine Stunde nach meiner Ankunft bei der Bohrstelle wurde die Bohrung eingestellt, weil das Gestänge nicht mehr sank und der Bohrer bei der Rotation beständig festgehalten wurde, sobald er ganz hinabgelassen war. Es wurde vermutet, daß der Grund erreicht war— in 97 Meter Tiefe bei nur 120 Meter Entfernung vom linken Gletscherrand. In der Tat zeigte sich die gezahnte Schneide des Bohrers beschädigt, nachdem das Werkzeug durch Hebung des Gestänges(in zirka 1 Stunde) wieder an die Oberfläche gebracht war. Vergnügt über das was ich gesehen und gehört hatte, ging ich mit den beiden Professoren zurück zur Hütte. Unterwegs erfuhr ich noch manches über die Vcrmessungsarbeiten, welche den Beobachtungen am Gletscher zur Grundlage dienen. Im Hochjochhospiz waren nur wenig Gäste; wir verbrachten einen lustigen Abend, denn drei Studenten, die eben mit der Auf- nähme einer neuen Karte des HochjochferncrS beschäftigt waren, würzten durch allerlei witzige Bemerkungen die Unterhaltung, die sich zwischen uns älteren Leuten entwickelt hatte. Ich ging sehr befriedigt zur Ruhe; hatte mir auch das Wetter in den letzten Tagen den Genuß einer Gipfelbesteigung vereitelt, so konnte ich doch ein Gebiet durchwandern, das landschaftlich ganz anziehend ist und durch die unermüdliche Tätigkeit zweier Forscher, die eine sehr not- wendige, aber an äußerem Erfolg arme Arbeit verrichten, eine gewisse Weihe bekommen hat. Zeitig brach ich am anderen Morgen aus und trabte hinter meinem Führer her nochmals über den Hintereisfcrncr hinan, aber jetzt der ganzen Länge(9 Kilometer) des Gletschers folgend. Unterwegs, bis hoch hinauf in den Firn. stießen Ivir noch auf Messungssignale(zu Geschwindigkcits- und Schneehöhenmessungen dienend), welche von den Gletschermännern gesetzt wurden. Nack, sechsstündigem Marsche war ich vormittags 10 Uhr auf der Weißlugcl. Ich hatte eine wundervolle Aussicht; von den Dolomiten im Südosten aus übersah ich den ganzen Höhen- kränz der Adamello- und Ortlergruppe, die Bernina, die Berge des Engadin im Westen; nach Norden und Osten war die Fernsicht nicht srci. Aber die Naturbilder? Die ganze Oetztaler Zcntralgruppe unter mir; ausgedehnte glitzernde Schnccfcldcr, von dunklen Fels- gräten durchzogen, rings um mich, und dazu den Blick auf fünf Täler, deren saftiges Grün sich wohltuend einschiebt in das Weiß der Firnen und das Grau des Gesteins. Lange sitze ich da oben und betrachte die weite, weite Fläche, auS welcher die Gipfel der Berge hervorzutreten scheinen, und meine Gedanken schweifen zu- rück zu dem, was ich gestern gehört und gesehen habe. Möge eS der Arbeit der beiden Gletscherforschcr beschicden fem. ein gut Teil zur Aufklärung über die Entstehung der großartigen Formen bei» zutragen, welche ich von meiner hohen Warte aus überblicken kann! — Rasch gings abwärts, durchs Matschertal an die Vintschgaubahn und, leider nur zu bald, wieder heimwärts in die Tretmühle der Alltäglichkeit. Liemes Feuilleton. Theater. Neues Theater.„Die Waffen wieder." Lustspiel in 3 Akten von Benno Jacobson und Ludwig Bruckner. Das Buchstabenspiel, das der Titel mit dem Schlagwort des bc- kannten Suttnerschen Friedensromancs treibt, gab einen Vor» geschmack davon, was man vom Lustspiel selber zu erwarten hatte. An Schwärmerei für Leutnants nehme» es die Verfasser mit jedem Backfisch auf, ein Parkett von höheren Töchtern würde das Stück, schon allein der vielen Uniformen wegen, vermutlich himmlisch finden. Der lärmende Beifall so vieler Erwachsenen mühte als hedcnkliches Symptom des öffentlichen Geschmacksvcrfalls gelten, wäre es nicht Premicrcnbeifall gewesen. Was sich liebt, das ueckt sich; auch das Dichterpaar vermag bei allem Uniformencnthusiasmus sich einige Quersprünge nicht zu ver» sagen. Kein Wesen ist in jeder Lage tadellos, ein vollkommener Leutnant, in bürgerlichen Rock gesteckt, also noch nicht ein gleich vollkommener Zivilist. Und es muß auch Zivilisten geben I Die Serren Fabrikanten und Kaufleute werden ob ihrer Genialität als tützen der Gesellschaft von einem alten Prokuristen in langer Hurrarede extra gefeiert. Die beiden Offiziere, die, um zu heiraten, den Exerzierplatz niit dem Kontor vertauschen, beweisen die Schwierigkeiten des kapitalistischen Berufs, indem sie sich in ihrem neuen Amte wie vollendete Idioten aufführen, was aber nach der Ansicht der Verfasser ein noch um so helleres Licht auf ihre an- geborenen militärischen Tüchtigkeiten wirft. Das geistige Defizit, das mit dem Ausziehen des bunten Rockes sich einstellt, muß, wenn er wieder angezogen wird, im Nu verschwinden. Dies freudige Ereignis der Rückkehr zu den Waffen vollzieht sich bei einem Manöver, von dessen Reizen der Zuschauer nach Möglichkeit zu kosten bekommt. Wirkliche Soldaten marschieren auf und ihren Gipfel erreicht die künstlerische Illusion in dem Erscheinen eines Offiziers zu Pferde. Die ausstehenden Verlobungen werden pünktlich und pekuniär zufriedenstellend absolviert. Am crträg» lichstPi fiel noch der Mittelakt aus, der das den Kasernen- und Kasinostil nachahmende Fabrikregime der beiden zeitweilig außer Dienst getretenen Militärs karikaturistisch persifliert. Da gab es einige Ansätze zu einer gereiften Possenkomik. Die Einfälle hätten zu einer hübschen, satirisch pointierten Humoreske vielleicht hin» gereicht, im Stück verloren sie sich unter dem Wust von lang» weiligen Trivialitäten. Es wurde wie gewöhnlich bei Thcaterware solchen Schlages, besser als sie es verdient gespielt. Im Vordergrund standen die Herren Christians, Heinrich Schroth und Albert Schindler, welcher letzterer als alter biedermännischer Prokurist auch die schöne Rede auf den Kaufmannsstand vorzutragen hatte ckt. Kunst. Von königlich preußischer Kunst. Die Mächte, die sich so gern auf Traditionen und die angestammten Recbtc stützen, gehen nur zu oft mit bemerkenstverter Rücksichtslosigkeit zuwege. wenn sie ihr Eigenes dem Ueberkommenen aufpfropfen. In der Kunst ist durch diese Methode schon genug Unheil angerichtet worden. Gewiß, der Lebende hat Recht. Aber in dem Gebrauch, den er von diesem Rechte macht, hat er erst sein Recht zu erweisen. Wie es in der königlich preußischen Kunst damit aussieht, weiß man nur zu gut. Einige neuere Exrmpcl stellt die Zeitschrift„Kunst und Künstler" lCassircr, Berlin) in ihrem mit gewohntem Ge» schmack redigierten Oktoberheft zusammen. Wir lesen da: „Der Geist der Siegesallec bedroht neuerdings erfolgreich auch die reine Wirkung einer Kulturschöpfung, woran jeder Kunstfreund mit Zärtlichkeit zu denken gewohnt ist. Moderner Unverstand sucht auch in dem köstlichen stillen Park von Sanssouci seinen Ver- ballhornungsgclüsten Gelegenheiten. Er gibt vor, die historische Stimmung zu verstärken, wo er sie durch törichte Bilderfibclkünste doch zerstört. Der wundervolle Blick von der Hauptallee zum Schloß hinauf wird seit längerer Zeit schon beeinträchtigt durch ein in der Hauptachse ausgestelltes Denkmal des alten Fritzen, das in Hätz» licher Weise die zum Blickpunkt leitenden Treppen überschneidet. Es ist kein neuer Friedrich, der so vor sein Werk errichtet ist, wie die Photographie des Versassers wohl einem Buche vorangestellt wird; es ist vielmehr eine Nachbildung des Rauchschen Friedrich- denkmals Unter den Linden. Eine Nachbildung des Bronzcwcrkcs in Marmor! Das Pferd mußte darum auch eine Bauchstützc er- halten. Und natürlich ist nicht das ganze große Denkmal imitiert. sondern nur die verkleinerte Reitcrfigur ist willkürlich auf ein anderes Postament gesetzt und mit„gärtnerischen Anlagen" um- geben worden. Geschmackvoll, nicht wahr? Und welche Pietät doch, nach zwei Seiten zugleich! In einer Seitenallee, wenige Schritte weiter, begegnet man dann einem Denkmal des jungen Friedrich. Demselben, daS in Washington, In einem halben Dutzend preußischer Probinzstädte und In der Siegesallee steht und von Uphues stammt. Ein drittes Standbild des Schöpfers von Sanssouci— er hat in allen Lebens- lagen herhalten müssen— befindet sich dann in den intimen Räumen der zierlichen Königswohnung, in dem Sterbczimmer. Dort wird dem Besucher der sterbende Friedrich in Marmor von Harro Magnussen vorgcmimt. Das Schlößchen, in dem alle guten Geister der Geschichte aufs lebendigste Zwiesprache halten, wird durch solche Scherze zum Nusstellungsobjckt gemacht. Daneben trifft man in den schönen Gärten ästhetische Barbareien, die einem die Ein- gcwcide umkehren. Zum Beispiel die aus einer vom Landschafts- gärtncr stammenden, naturalistisch übergeschnappten Romantik geborene Idee, eine antike Ariadne ohne Postament so zwischen Steinen ins Moos und Farrenkraut zu legen, als wäre es eine dort wirklich schlummernde Frau. Solche Panoptikumgesinnung drängt sich an den hohen Adel eines Gesamtkunstwerkes, das ein ganzes Jahrhundert mit edler Grazie repräsentiert!" Hygienisches. Weniger Licht! Ein Ausspruch kann noch soviel bcrech- tigten Inhalt haben, man wird immer auch seinem Gegenteil einen gewissen Sinn abgewinnen können. Das angebliche Gocthc-Woct „Mehr Licht" enthält gewiß etwas Vcrchruugstvürdiges und Ewiges, und doch kann, in einer allerdings weit trivialeren Be- deutung, auch die Forderung„Weniger Licht!" vertreten werden. Das tut Dr. Oppenhcimer vom Standpunkt des Augenarztes in der Zentralzeitung für Optik, und jeder Großstadtmcnsch, dessen Nerven nicht ganz unempfindlich veranlagt oder abgestumpft sind, wird seiner Begründung von Herzen recht geben. Eine gute und reichliche Beleuchtung sowohl der Jnnenräume wie der Straßen liegt ganz gewiß im Interesse des Einzelnen und der Ocffcntlichkeit und kann für die Erhaltung der Sehkraft nur vorteilhast sein. In den Großstädten wird aber von manchen Firmen und Kauf- läden eine wahre Orgie an Belcuchtungseffekten entfaltet. Der Grund dafür liegt in dem Bestreben, die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Geschäft zu lenken. Da jeder an diesem Wettbewerb teilnehmen muß, um nicht in Nachteil zu geraten, so übertrumpft immer einer den anderen. Wäre es sonst überhaupt möglich, daß ein so schauderhaft blendendes Licht wie das der so- genannten Brehmer-Lampen eine solche Verbreitung und einen solchen hartnäckigen Bestand hatte finden können? Dazu kommt neuerdings noch das violette Ouccksilbcrdampflicht, und oben an und aus den Häusern zucken die großen elektrischen Reklamen, die bald plötzlich den blendenden Schein verbreiten, bald wieder in Dunkelheit zurücksinken. Es ist schon bor einiger Zeit darac� aufmerksam gemacht worden, daß namentlich diese wechselnden clek- Irischen Reklamen geradezu eine Gefahr für den Straßenverkehr bedeuten. Wenn man sich zum Beispiel auf dem berüchtigten Potsdamerplatz in Berlin bewegt und durch den Ricsenverkehr schon in eine gewisse Bedrängnis versetzt fühlt, so kann es un- schwer zu einem Unfall führen, wenn man plötzlich eine Lichtflut In die Augen bekommt, die eine richtige Beobachtung der wogenden Umgebung erschweren oder unmöglich machen muß. Solchen Ein- slüsscn unterliegt selbstverständlich alles, was Augen hat, also nicht nur der Mensch, sondern auch die Pferde, und auch da können Un- sälle entstehen, obgleich den Pferden im Straßenverkehr der Groß- stadt ohnebin wenig Spielraum zur Anwendung der eigenen-Sinne gelassen wird. Es ist durchaus nicht übertrieben, wenn Dr. Oppen- heimer sagt, man werde sich abends in den Hauptstraßen einer Großstadt nächstens nur noch mit einer möglichst dunklen Schutz- brille bewegen können. Das Auge zeichnet sich als der höchst- stehende Sinn des Menschen auch durch eine besondere Widerstands- fähigkcit und Geduld aus. Unser Ohr wehrt sich ganz anders gegen zu starke Zumutungen. Die Entfaltung möglichst starker Bc- lcuchtungseffekte dagegen scheinen die meisten Leute für einen Fort- schritt und ein Verdienst zu halten. Gegen diesen Unfug müßte entschieden eingeschritten werden. Medizinisches. Ueber KrebShäuscr. Dr. Alfred Fillassier berichtet in der..Gazette Medicale de Paris" über eine Anzahl von Fällen von sogenannten Krebshäusern. In einem Zimmer eines Hauses än Wouziers starben der Mann, die Frau, der Schwiegervater und ein Dienstmädchen am KrcbS in den Jahren 1870— 1875. In einem anderen Hause in Oyonnax starben drei aufeinander folgende Mieter, die weder bekannt noch miteinander verwandt waren, in einer Zeit von vier Jahren. In einem anderen Falle erlagen dem gleichen Leiden 5 Personen, die drei Familien angehörten und nach- einander ein Pfarrhaus im Laufe von 40 Jahren bewohnten. In Jassh wohnten im Laufe von 25 Jahren zu verschiedenen Zeiten In einem Hause 8 Familien; in einer jeden trat ein Fall von Krebs auf, in der einen sogar zwei Fälle.— Weitere Erörterungen über das örtliche Vorherrschen des Krebses sind im Gange, wenn das Studium der Familiengeschichten der Fälle beendet ist, die in einer Reihe von Jahren in einem Heim für unheilbare Kreb'slcidende aufgenommen waren. Die unzweifelhaften Beispiele von Krebs- gefangnisscn,� die während des Studiums von Jensens tm Mäusegeschwülsten, die sich als Krebs darstellten, beobachtet worden find, haben die Aufmerksamkeit wieder auf diesen Gegenstand gc- lenkt, und die Wahrnehmung neuer Beispiele von Erkrankungen an.Krebs verspricht nach dem„Medical Reeord" interessante Tat- fachen zu bringen, die vielleicht für die Erklärung bösartiger Ge- schwülste von Bedeutung sind. Kt�. Humoristisches. — Blusenleiden„Ich bitte um eine Bluse."— Ver« käuferin:„Jawohl, mein Herr, wäre Ihnen dieser Schnitt recht?'— „Ganz gleich." Verkäuferin:„Welche Farbe dürfte eS dann sein?"—„Auch gleich, auch gleich." Verkäuferin:„Aber um die Grvßennummer darf ich doch bitten?"—„Ist egal, ist alles egal, umgetauscht wird sie doch!" — Frech. Richter(zun, Angeklagten, der Ausflüchte macht): Denken Sic wirklich, wir glauben Ihnen das? Halten Sie uns denn für dumme Jungen?— Angeklagter: Auf diese Frage verweigere ich die Antwort.(„Lustige Blätter.") Notizen. — Professor Richard M u t h e r wird im Verein für Kunst am Freitag 7l/z Uhr im Scknller-Saal Charlottenburg einen von Lichtbildern erläuterten Vortrag über Rafael halten. — Der Salon der Hunioristen, der zirka IvtX) französische Karikaturen zur Ausstellung bringt, wird Sonnabend, den 12. Oktober, im SezessionSgebäude eröffnet. — Der diesjährige Delegiertentag der deutschen G o e t h e b ü n d e bat in der letzten Woche in Hamburg statt- gefunden; er beschäftigte sich mit Fragen der inneren Organisation des GcsamiverbandeS, dem heute 14 Bünde angehören. Außerdem verhandelte man über den Volks-Schillerpreis, der am 9. Mai 1908, am Todestage Schillers, wieder zur Verteilung kommen soll. Ter Preis besteht in einer Gabe von 3000 M.; er wird von einem besonderen Preisgericht der Goethcbllnde für ein neue? her- vorragendes Wert der dramatischen Dichtkunst verliehen. Bc- Werbungen sind an Herrn Dr. Gerh. Hcllmers, Bremen, Schwach- hauser Chaussee 188, zu richten. — Die Wiener Zensur verbot die Aufführung der Komödie „Die Waffe n übu>, g" von Hans Weiß. — Jonas Lies Gattin ist am Montag verstorben. Sie hat einen starken Anteil an den Werken des Dichters. Jonas Lie selbst sckgte:„Das Beste, was ich geschrieben habe, und da«, was mir am besten gelungen ist, es ist unter ihrem Geiste und Einflüsse entstanden. Ohne daß es irgendwie unberechtigt gewesen wäre, hätte ihr Name wohl als Mitarbeiter auf dem Titelblatt stehen können." Frau Lie hat ihrem Gatten mehrere Kinder geboren, von denen die beiden Söhne MonS und Erik Lie sich einen Namen in der norwegischen Literatur erworben haben. — Das größte Irrenhaus der Welt ist die„Landes- Heilanstalt für Geisteskranke", die jetzt in Wien eröffnet worden ist. Die österreichische Hauptstadt kann sich damit rühmen, nicht nur daS größte öffentliche Asyl zu besitzen, sondern auch wohl die am besten eingerichtete Anstalt dieser Art. Sie besteht aus einer großen An» zahl von Pavillons, die durch eine elektrische Bahn mit» einander verbunden sind. Die Gesamtfläche des Grund» stücks hat die außerordentliche Ausdehnung von 1'/, Millionen Quadratmetern. Der Preis des Bodens hat allein 4 Millionen Mark betragen, die Kosten der Gebäude 5 Millionen Mark. Die ganze Einrichtung ist auf 3000 Insassen berechnet. Die Anstalt zerfällt in drei Gruppen. Die erste ist für die unheilbaren Kranken b-stiinmt, die zweite für Kranke mit besseren Aussichten, denen teilweise auch Gelegenheit zur Ver- Wendung bei Arbeiten im Freien gegeben ist. Endlich ist ein Sana- torium für zahlende Patienten vorhanden. Die Küche enthält 20 Kochkessel für je 200 Liter Inhalt, und außerdem ist eine große Kapelle, eine Konzerthalle und ein allgemeines Erholungsgebäude vorgesehen. — Die Amputation von Fingergliedern als Standesabzeichen kommt nach den eben erschienenen Berichten der englischen Jnlandsexpedition in Australien besonder? im Süd- Westen' des australischen Kontinents vor und zwar fast ausschließlich bei Frauen, die das Fischen als Erwerbszweig betreiben. Sehr interessant ist die ebenso einfache als wirksame und gänzlich schmerzlose Methode wie ein Fingerglicd,— es handelt sich gewöhnlich um ein oder zwei Glieder des kleinen Fingers der rechten Hand— amputiert wird. AuS den Fäden der Scrubspinne wird ein sehr starker Faden gedreht das Glied abgebunden, wodurch die Blntzirknlation zuerst gehemmt und später ganz verhindert wird. Die letzte kleine Wunde chei!.t bei dieser trockenen Methode gewöhnlich in 1—2 Tagen. «erantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LcCo.. Berlin LW.