Mnterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 201. Mittwoch, den 16� Oktober. 1907 (Nachdruck Devdoten.) 77] Die JVIutten Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. Durch die hohen Fenster füllte sich der Saal mit trübem Licht, draußen an den Scheiben glitt Schnee entlang. Zwischen den Fenstern hing ein großes Zarenbild in dickem, fett- glänzendem Goldrahmen: schwere himbeerfarbene Gardinen zogen sich an der Seite in geraden Falten über dem Rahmen hin. Vor dem Bilde erstreckte sich fast über die ganze Breite des Saales ein mit grünem Tuch bedeckter Tisch, rechts an der Wand standen hinter einem Gitter zwei Holzbänke, links zwei Reihen himbeerfarbener Sessel. Durch den Saal liefen lautlos Gerichtsdiener mit grünem Kragen und goldenen Knöpfen auf der Brust und dem Bauch. In der trüben Luft irrte schüchtern leises Flüstern und schwebte eine Art Apothekengeruch. Alles das— die Farben, der Glanz, die Töne und Gerüche— legte sich schwer auf die Augen, drang mit dem Atem in die Brust, verdrängte jedes lebhafte Gefühl und erfüllte das leere Herz mit unbeweglicher Furcht. Plötzlich sagte einer von den Menschen laut etwas, die Mutter fuhr zusammen. Alle standen auf. sie erhob sich ebenfalls, indem sie nach Sisows Arm griff. In der linken Saalecke öffnete sich eine hohe Tür, schwankend trat ein altes Männchen mit einer Brille heraus. In seinem grauen Gesichtchen zitterte ein dünner, weißer Backenbart, die rasierte Oberlippe schob sich in den Mund. die spitzen Backenknochen und das Kinn stützte sich auf den hohen Uniformkragen, so daß unter dem Kragen kein Hals zu sein schien. Dicht auf den Fersen folgte ihm ein großer junger Mensch mit einem roten runden Porzellangesicht. Hinter diesen beiden gingen langsam drei Leute in gold» gestickten Uniformen und drei Zivilisten. Sie machten sich lange am Tisch zu schaffen, setzten sich auf die Sessel, und als sie saßen, begann einer von ihnen. in aufgeknöpfter Uniform und mit trägem, rasiertem Gesicht, dem alten Männchen etwas zuzuflüstern. Der Alte hörte sonderbar gerade und unbeweglich zu, hinter seinen Brillen- gläsern sah die Mutter zwei winzige, farblose Flecke. Am Ende des Tisches stand ein großer, kahlköpfiger Mann vor einem Schreibpult, räusperte sich, blätterte in ein paar Heften. Der Alte schwankte vorwärts und sagte etwas. �Das erste Wort sprach er deutlich aus, die folgenden aber rutschten ihm gleichsam von den dünnen, grauen Lippen. „Ich eröffne.. „Sieh dal" flüsterte Sisow, die Mutter leise anstoßend, und stand auf. In der Wand hinter dem Gitter öffnete sich eine Tür. Ein Soldat, mit bloßem Degen über der Schulter, trat ein, hinter ihm erschienen Pawel, Andrej, Fedja Masin. die beiden Gussews. Samoilow, Bukin, Somow und noch fünf junge Leute, deren Namen die Mutter nicht wußte. Pawel lächelte freundlich. Andrej nickte ihr ebenfalls vergnügt zu. Im Saal wurde es scheinbar heller und einfacher von ihrem Lächeln und von der Bewegung, die sie in das gespannte, peinliche Schweigen hineinbrachten. Der fette Goldglanz der Uniformen wurde trüber und weicher, ein Hauch mutiger Zuversicht und lebendiger Kraft berührte und regte das Herz der Mutter an. Auf den Bänken hinter ihr. wo bis dahin die Menschen in gedrückter Erwartung gesessen hatten, er- tönte halblautes Murmeln. „Die sind nicht bange!" hörte sie Ssisow flüstern, auf der rechten Seite aber schluchzte Samoilows Mutter leise. „Still!" ertönte ein strenger Ruf. „Ich mache darauf aufmerksam.. sagte das Männchen. Pawel und Andrej saßen nebeneinander, außer ihnen saßen auf der ersten Bank noch Masin. Samoilow und die Gussews. Andrej hatte sein Gesicht rasiert, sein Schnurrbart war gewachsen, hing herab und machte seinen runden Kopf dem einer Katze ähnlich. Ein neuer Ausdruck lag in seinem Gesicht: etwas Scharfes und Beißendes in den Falten um den Mund herum und etwas Dunkles in den Augen Aus Masins Oberlippe schimmerten zwei schwärzliche Streifen, sein Gesicht war voller geworden: Samoilow war ebenso lockig wie früher und Iwan Gussew lächelte noch ebenso breit. „Ach, Fedja. Fedja I" flüsterte Ssisow und senkte den Kopf. Die Mutter bemerkte, daß sie jetzt freier atmen konnte. Sie hörte die undeutlichen Fragen des Vorsitzenden— ev stellte sie ohne die Angeklagten anzublicken, und sein Kopf lag unbeweglich auf dem Uniformkragen. Dann hörte die Mutter die ruhigen, kurzen Antworten ihres Sohnes. Ihr schien, daß der Vorsitzende und alle Beisitzer keine bösen und grausamen Menschen sein könnten. Sie betrachtete aufmerk- sam die Mienen der Richter, versuchte aus ihnen etwas her- auszulesen und horchte gespannt auf das Erscheinen einer neuen Hoffnung in ihrer Brust. Der porzellanene Mensch las gleichgültig aus einem Heft vor, seine ruhige Stimme erfüllte den Saal mit Lange- weile, die über die Anwesenden dahinfloß. Sie saßen un- beweglich wie erstarrt da. Die vier Advokaten unterhielten sich lebhaft mit den Angeklagten: sie machten kräftige, schnelle Bewegungen und glichen großen schwarzen Vögeln. Auf der einen Seite des Vorsitzenden füllte ein dicker» aufgedunsener Richter mit kleinen schwimmenden Augeti den Sessel mit seinem Körper, auf der anderen faß ein Krumm- gewachsener mit rötlichem Schnurrbart im blassen Gesicht. Er hatte den Kopf müde gegen die Stuhllehne geworfen und dachte mit halbgeschlossenen Augen über etwas nach. Das Gesicht des Staatsanwalts war ebenfalls müde, langweilig und gleichgültig. Hinter den Richtern faß das Stadt- oberhaupt, ein beleibter, gesetzter Mann, der sich nachdenklich die Backe streichelte, der Adelsmarschall, ein grauer Mensch mit langem Bart, rotem Gesicht und großen, gutmütigen Augen: der Bezirksälteste im Wams, mit riesigem Bauch, der ihn augenscheinlich genierte, denn er bemühte sich forr- während, ihn mit dem Nockschoß zu bedecken, doch ohne Erfolg. „Hier gibt es keine Verbrecher und keine Nichterl" er» tönte Pauls feste Stimme.„Hier gibt es nur Sieger und Besiegte...." Es wurde still, ein paar Sekunden lang hörte die Muttee nur das feine schnelle Kritzeln der Federn auf dem Papier und das Schlagen ihres Herzens. Der Vorsitzende schien ebenfalls auf etwas zu horchen und wartete. Seine Kollegen rührten sich. Da sagte er: „M— ja... Andrej Nachodka I... Bekennen Sie sich schuldig..." Jemand flüsterte: „Steh auf... Stehen Sie auf!..." - Andrej erhob sich langsam, richtete sich auf, zog an seinem Schnurrbart und blickte finster auf das Männchen. „Worin kann ich mich wohl schuldig bekennen?" er- widerte der Kleinrusse achselzuckend, singend und gemächlich wie immer.„Ich habe nicht gemordet und nicht gestohlen, ich stimme einfach mit dieser Lebensrichtung, bei der die Menschen gezwungen werden, zu rauben und sich gegenseitig zu töten, nicht überein...." „Antworten Sie kurz— ja oder nein.. sagte der: Alte mühsam, aber deutlich. Die Mutter fühlte auf den Bänken hinter sich Unruhe. die Leute flüsterten leise und bewegten sich hin und her, als befreiten sie sich aus dem Spinngewebe der grauen Wort? des porzellanenen Menschen. „Hörst Du, wie sie sind?" flüsterte Ssisow „-V�»••• «Fedor Masin, antworten Sie...." „Ich will nicht!" sagte Fedja deutlich, indem er aufsprang.. Sein Gesicht war vom Rot der Erregung überströmt, seine Augen blitzten. Ssisow stöhnte leise, die Mutter riß erstaunt die Augen auf. „Ich habe auf eine Verteidigung verzichtet... Ich werde nichts sagen... Ihr Gericht halte ich für ungesetzlich!... Wer sind Sie? Hat das Volk Ihnen das Recht gegeben« über uns Gericht zu halten? Nein, das hat es nicht getant Also kenne ick Sie nicht an!" Er setzte sich und verbarg sein flammendes Gesicht hinter Andrej's Schulter. Ter dicke Richter neigte seinen Kopf dem Alten zu und flüsterte etwas. Ter Richter mit dem blassen Gesicht blickte seitwärts nach dem Angeklagten hin und kritzelte etwas mit Bleistift auf ein Blatt. T!er Bezirksälteste schüttelte den Kopf und setzte die Füße vorsichtig um. Der Adelsmarschall unterhielt sich mit dem Staatsanwalt, das Stadtoberhaupt hörte zu und lächelte, indem es sich die Backe rieb. Wieder erklang die trübe Rede des ältesten Richters. Die Advokaten horchten alle vier aufmerksam, die An- geklagten sprachen leise mit einander. Fedsa, der verwirrt lächelte, hatte sich verstockt. „Wie hat er abgeschnitten?... Geradezu— am allerbesten!" flüsterte Sisow der Mutter ins Ohr.„Ach, Tu. Bürschchen!.. Tie Mutter lächelte verwundert. Sämtliche Vorgänge waren ihr zuerst als eine überflüssige und schwere Einleitung zu dem Schrecklichen erschienen, das plötzlich alle mit kaltem Schrecken erfüllen würde. Aber Pawels und Andrejs ruhige Worte klangen so furchtlos und fest, als wenn sie in dem kleinen Haus der Vorstadt und nicht angesichts des Gerichts- hotes gesprochen wären. Fedjas leidenschaftlicher jugend- lichcr Ausfall kani ihr komisch vor. Im Saal bildete sich eine mutige, frische Stimmung: aus der Bewegung der Leute hinter sich erriet die Mutter, daß sie diese Stimmung nicht allein empfand. (Fortsetzung folgt.; »' Grzäblungslltcratur. ©Iba Ibsens G e s ch i ch! e. Ein Finale zum Tagebuch einer Verlorenen von Margarete Böhme. Fontane u. Co., Berlin. Hedwig Harb. Die im Schatten geben. Gustav Rieckes Nachfl., Berlin W. ES ist nicht so ohne weiteres zu entscheiden, ob die Zeit die Literatur bestimmt, oder ob umgekehrt die Literatur die Zeit be- einsticht. Manchmal ist letzteres der Fall. Eine bestimmte Liieratur- gattung, ein beftimniter Literaturtyp. frei au? der Phantafie eines Dichters herausgeflossen, färbt auf Zeit und Menschen ab. In Zeit und Menschen wird lebendig, was dichterische Intuition geboren. Man könnte das Buch-Zeugung nennen. Ibsen?.Nora" ist ein Bei- spiel hierfür. Mit Nora wurde die ganze Generation der un- verstandenen Frauen gezeugt. Das Drama färbte auf Zeit und Menschen ab. Die Literatur aller Länder ist reich an der- artigen Zeugungsbüchern, die die Empfindungen und das Gebaren der Menschen in eine bestimmte Mode klei- deten, die gewissermaßen dem Angesicht der Zeit auf eine kurze Spanne Zeit ihren Stempel aufdrückten. Zwischen Goethes „Werther" und Ibsens„Nora" wären die verschiedensten Beein- flussungsbncher zu nennen. Solche Beeinflussung ist aber nur dann möglich, wenn die Zeit die Kraft verloren hat, ihren Stil selbst zu bestimmen. In kraftvollen Zeiten befruchtet das Leben die Literatur und nicht die Literamr das Leben. In Sturm- und Drangperioden, wo Gedanken und Ideen, und mit den Gedanken imd Ideen Menschen reifen, bestimmt fich die Zeit selbst und ihre Signatur manifestiert fich dann in den Büchern. Unsere heutige Zeit ist keine kraftvolle, keine große Zeit, aber fie hat immerhin doch ihre gewisse Signatur. Wo find die Bücher, die diese Signatur eingcfangen haben? Etwa Stilgebauers größenwahnsinniger„Götz Krafst", das fich ei» Buch der Zeit nennt, oder Bierbaums erotischer„Prinz Kuckuck", das sich den Untertitel ein Zeitroman gibt? Oder findet fich ein Abbild unserer Zeit in den Büchern wieder, die nach Margarete Böhmes„Tagebuch einer Verlorenen" wie Pilze aus dem Erdboden wachsen und von denen gerade jetzt ein ganzer Stoß auf meinem Schreibtisch liegt? Sehe ich mir diese Bücher aus ihren Zusammenhang mit dem Leben hin an, wahrlich so muß ich annehme», daß wir jetzt im Zeitalter der Dirne leben. Tie Dirne und immer wieder die Dirne liefert den Stoff. Es sind Beichten, Tagebücher. Briefe. Geschichten, die alle das Faktum des Erlebten für sich in Anspruch nehmen. Und die Dirne soll umgewertet werden zu einem hochfittlichen Wesen. Weiß Gott, die Prostitution ist ein trauriges Kapitel in unserer Gesellschastsordnung, aber das Bestreben dieser ganzen neuen Ge- fallen«»- und Berlorenen-Literatur. die Dirne zu glorifizieren, eben weil sie Dirne ist, heißt demr doch die Begriffe arg verschieben. Die mutigen Kämpfer- und Borkämpferinnen für die gerechte Beurteilung der unglücklichen käuflichen Geschöpfe haben gewiß ein verdienstvolles Stück Arbeit getan. Margarete Böhmes..Tagebuch einer Ber- lorenen" zeigte, daß iu den verachteten Mädchen auch eine Seele, sagen wir poetisch ein Funken Göttlichkeit lebt. Aber nun eine Regel daraus machen und alle Dirnen quasi als göttlich besingen, das geht wider— den Strich. Und darum sind alle diese Epigonenschrifte», die Margarete Böhme heraufbeschworen hat, nicht viel höher als Spekulationsbücher zn bewerten. Da» Thema Dirne stieg im Kurs und man vemtbie die Konjimktur. Margarete Böhme selbst, des guten Geschäftes eingedenk. kopierte sich und warf abermals die Geschichte einer Ver- lornen auf den Büchermarkt. Mir scheint, es ist an der Zeit, daß man gegen diese nunmehr zum Geschäft herabgesunkene Literawr mit ihrem schief behandelten Thema langsam Front macht, wie es mir nötig schien, obige Ausführungen vorauszuschicken. Denn unser Jahrhundert hat vorläufig noch andere Zwecke und Ziele als ein Jahrhundert der Dirne zu werden. Es könnte wiederum Buch- Zeugung geschehen nnd eine Generatiov der Dirnen aus Passion entstehen, da ja alle Bücher so viel Schönes, Bewunderungswürdiges, Ruhmvolles von ihnen zu erzählen wissen. Dida Ibsens Tagebuch — der Name Ibsen fällt schon sehr verstimmend in das Kapitel Spekulation— zeigt wiederum die sogenannte schöne Seele einer Gefallenen, umrankt von Webklagen über die pharisäische Welt, die aus den schweren Beruf der Dirne verächtlich herabsieht. Wie alte Kirchenbilder aus Goldgrund, so ist hier die Verführte und Aus- gehaltene tendenziös als Heilige aus den geldvergoldeten Hinter- grund der reichen Lebewelt gemalt. Psychologisch stößt man auf manche Feinheiten, namentlich in der Schilderung der Kinderjahre Didas in der Marsch(wobei Frenffen sichtlich abgefärbt hat), dann aber drängt sich eine Sensationstaktik unkünstlerisch vor. Der senti- mentale Einschlag und die gewaltsame Verherrlichung der Freuden spendenden Heldin und dito Genossinnen, die alle wobl den Mut zur bequemen freien Liebe, nicht aber den Mut zur unbequemen frei- willigen Arbeit haben, machen aus dem Buch ein Zwitterding. Man dient den käuflichen Mädchen nicht, daß man für idealere An- schaumig ihrer Person sorgt, sondern daß man für idealere Wirt- fchaftliche Verhältnisse sorgt. Denn die Prostitution ist keine Sittlichkeitsfrage. sondern eine soziale Frage. Margarete Böhme faßt vom sentimentalen Frauenstandpimkt die Sache in erster Linie beim morali- schen Zipfel und gerät dabei zu falschen Perspektiven. Vom sozialen wie Itterarischen Standpunkte aus ist Dida Ibsens Tagebuch mithin wenig hoch zn bewerten, als Sittenbild aus dem Großstadtsumpfe wird es interessieren. Hedwig Harb, deren Skizzen:„Die im Schatten gehen" ich aus dem Stoß der«Verlorenen- Literatur" gerade herausgegriffen habe, wandelt ganz im Schatten resp. in der Sonne Margarete Böhmes. In ihrem ersten Buche:„Beichte einer Ge- sallcnen" bekemtt sich die Verfasserin selbst als einstige Halbweltlerin. Aus diesem Grunde sah man in den Aufzeichnungen ein menschliches Dokument. Und man übersah die Unzulänglichkeit ihrer schriftstellerischen Begabung. Die vorliegenden Skizzen von jenen Schatten- geherinnen, die heute in Sekt schwelgen und morgen in der Hastzelle sitzen, können jedoch kaum noch auf eine ernstere Beurteilung Anspruch machen. Wollte man der Verfafierin auch ihren dilettantischen Stil nachsehen, die rührselige Ausinachung ihrer Erinnerungen an Arbeitshaus. Haft, nächtliches Gewerbe usw. gemahnen imerqnicklich an die Hintertreppe. Frau Hard zeigt eine tiefere Schichte der Venusjüngerinnen, als Frau Böhme die Kontrolldirnen. Kleine An- läufe zn einer gewissen Sachlichkeit verlieren fich hierbei bedauerlich in üppig wuchernden Sentimentalitäten. Die romanhaften Effekte sind ebenso kitschig wie das für den Käuferfang berechnete Titelbild des Buches. I. E. Poritzky: Meine Hölle. Erschienen im Selbst- Verlag des Verfassers. Berlin. Schleswiger- Ufer 6. F. E. Poritzky: Liebesgewalten. Novollen. Karl Freund, Berlin. Der Verfasser nennt die Reihe seiner Schriften, für die sich erst in letzter Zeit ei» paar Verleger ttiteressierten. Sammlung mensch- licher Dokunrente. Wenn man mir ein paar Blätter gelesen hat, fiihlt man, daß hier ein Mensch mit seinem Herzblut schreibt. Und hinter den Tränen, hinter der Berzwerflung. dem mrflehnenden Trotz mrd wildem Hasse gegen eine grausame Welt sieht man einen Menschen, ein menschliches Herz. Ein Leidender schreibt hier einer- schütterndes Anllagebuch: Meine Hölle. Nur StrindbergS grimmige Beichte, Dostojewskis zerfleischende Seelenbohrungeu, GorkiS peinvolle Skizzen aus seinem Vagabmrdenleben unter Brücken- bögen und Kellerbewohnern oder Knut HamsunS be- klemmender Hmrgerroman predigen die Erbärmlichkeit des Daseins so aus dem Erlebten heraus, wie Poritzkys flammendes Lied vom Hunger, von dem fressenden Hunger, der das Gehirn taub macht und die Seele vergiftet. Der Verfasser ist eine jener tiefen problenrattschen Naturen, an denen das moderne slawische Judentum so reich ist. Er ringt mit dem Leben, das er in seiner ganzen schmutzigen Bestialität in Paris keimen lernt. Seine Ein- geweide breniieir, weil er nicht den Sinn für die Brutalität hat, die man prahlerisches Leben nennt. Denken muß er, ttnmer denken, lernen möchte er, aber der Magert kmirrt und meldet sich als der oberste Herr der Maschine Mensch. Sein Bauch und seine Seele schreien zusammen nach Brot, aber das Leben schreit: verrecke. Er geht zn den Ausgestoßenen. bei denen er ein Herz fiir seine Qualen findet und flicht leinenr Buche ein Kapitel ein: Den Huren ge- widmet. Ein Kapitel voller Schmrrz. voll grausamer Wahrheit, voll weinender Menschenliebe, phrasenloS bis zur Erschütterung! Margarete Böhme möge es lesen. In Berlin, wohin er der Hölle Paris ent- flieht, kriecht der Hungertod abermals an ihn heran. Er wohnt in einer Eierkiste und nährt fich von faulen Heringen, schreibt Adressen und wartet als inigelesener Autor auf da» Wunderkare, bis e» ihm endliS gelingt, gutritt zu der vniber» fität zu erhalten. Doch auch hier dauert sein Martyrium fort. Er martert sich dort über Rätsel und Sinn des Lebens aufreibend weiter. ein friedloser, moderner Prometheus. Die bittere Eelbstbeichte ist zugleich ein grausames Gericht über die beste aller Welten. Keine wüste Elendsfchilderei, sondern ein einziger Schrei aus zerrissener Seele. Seine Seele möchte die Welt lieben und die Menschen, die heimatlos, gekränkt, gebrandmarkt, erniedrigt und geknechtet sind. Diese Menschlichkeit fiebert durch daS Buch, den Unglücklichen ist eS gewidmet. In Liebesgewalten, kleinen an den neueren russischen Dichtern geschulten Novellen, ist Poritzky weicher und wärmer. Zwar bleibt er auch hier der schneidend-tühle Beobachter, aber es geht wie ein Rausch durch die Geschichten: die Verkündigung der Liebe. Nicht der geschlechtlichen Lieb«— obwohl er auch deren Lied zu singen weiß—.sondern jener unseligen und seligen Macht, die Menschen zu Märtyrern und Heiligen, zu Königen und Sklaven macht. Er zeigt oer größeren Liebe tötende und gebärende, niederreißende und aufbauende Kraft, jene starken Empfindungen und heißen Triebe, die dem Menschen zum Schicksal werden. Die Liebe zur Kunst, die Liebe zu einer Idee, die Mutterliebe, die Kindesliebe, das große Mitleiden mit der Menschheit— davon reden die Skizzen mit leidenschast- lichem Gefühl, poetisch und stiinmungsvoll. War Pontzky in.Meiue Hölle" der große Zweifler und Verzweifler, hier ist er der große Gläubige. Wenn er von der Liebe zur Mutter spricht, findet er die zärtlichsten und innigsten Töne und es gelingt rhm, wie im vor» genannten Buche, so auch hier— den Leser zu bewegen. Schalom Asch: Bilder aus dem Ghetto, Novellen. S. Fischer. Berlin. Das Buch ist sympathisch um seiner Ehrlichkeit willen. Man könnte es als ein Stück jüdischer Heimatskunst bezeichnen. Poritzky strebt mit allen Fasern seiner Seele hinaus ins Licht, Schalom Asch hat sich seine Ghetto-Seele bewahrt und verharrt inbrünstig bei den Gebräuchen seiner Väter. Mit einem kleinen, aber gewandten Talent leuchtet er in diese orthodoxe Welt, in der eS von Talmudsprüchen und Sentimentalität trieft. Er hält sich fast ausschließlich an diese Sentimentalität und darum bekommen seine Skizzen eine Melancholie. die auf die Nerven fällt. Wer nicht niehr in dem Buche sucht, als eine getreue Milieuschilderung, wird diese Bilder von betenden. arbeitenden, zankenden, scherzenden und schlauen Juden mit Interesse lesen. Die Jargon-Skizzen bleiben indessen unbefriedigend an der Oberfläche. Sie verweilen mit Umständlichkeit beim Aeußerlichen; wo das Menschliche gepackt werden soll, kommt der Verfafler über Flachherten nicht hinaus. Der Geist des Ghetto wird viel weniger lebendig, als z. B. in den Büchern von Franzos oder Bernstein. * Edward Stilgebauer: Der Börsenkönig, Roman. R i ch. Bong, Berlin. 411 Seiten Tcxt l Diese wichtige Bemerkung setzt der Verlag jeder Anpreisung des neuesten Artikels von Ed. Stilgebauer hinzu. Allem Anschein nach ist es eine Spezialität Stilgebauers, seine Bücher nach Gewicht herzustellen. w»e schon die ungeheueren Quantitäten Papier belviesen, die für die Qualität des tantieme- fetten Götz Krafft entschädigen sollten. Gewiß, es gibt viele Lese- futterfabrÜanten. Ed. Stilgebauer aber ist der alleroberste Macher. Wahrlich es ist eine Geschichte mit vielen Kapiteln für sich, wie hier ein leerer Geist,«in Schreiber ohne jede dichterische Inspiration und Künstlerschaft dem Lesepöbel Sand in die Augen streut l Freilich muß man zu solchem literarischen Caglioftto-Kunststückchen Arm in Arn: mit einein reklamekundigcn Verleger gehen, wie Herr Bong einer ist. Da kann's nicht fehlen, daß die Hintertreppenerzeugnisse voll breitmäuligstem Reporterdeulsch wie ein.zündender Funke iu die deutsche Leserwelt" einschlagen. Die letzte papierene Untat: Der Börsentönig nennt der Verlags- Waschzettel mit derselben nnver— krorenen Barnumrellame.ein mächtiges Kulturbild von lückenlosem Ausbau aus dem Babel jüdischer Millionäre, die von, Glauben ihrer Väter abgefallen find". Stilgebauer schildert„die Lügner des Lebens" im großen Stil.in ihrer Sünden Maienblüte". In der Tat, man kann sich nichts Eben- bürtigereS zu diesen, phrasenhaften Küchendeutsch denken, als Stilgebauers mauschelnd- sentimental- gerisieneS Buch. In diesem famosen Waschzettel steckt der ganze Geist deS Stilgebauerschen RomanS, der nichts weiter ist, als die sensationell mit allen Grusel- affekten auflackierte Schanergeschichte vom Glück und Ende eines Frankfurter Kaligrubenbesitzers. An diesem König der Börse und semer Familie läßt Stilgebaner seine ganze unheimliche Kolportagephontafie aus. Es ist zum Totlachen, wenn's nicht fo traurig wäre, daß eine große Leserschicht auf solche Geschmacksversenchung hereinfällt. Alles, was den Bilsen der Minderjährigen im Geiste hebt und die Haare sträubt, geschieht in dem Roman in prafielnder Reihenfolge: Der Kalikönig wird verrückt, seine Arbeiter versaufen in der Grube, seinen Schwiegersohn trifft der Schlag, ein junger edler Jude.mit Dichterträumen in der Seele" wird von Pferden zerstampft, und des Börsenkönigs Töchterchen kriegt erst einen Prinzen und dann eine Fehlgeburt.... Wa« will man schließlich mehr? Finger- fertigkcit, ihr ungelesencn Dichter I Lernt bei Stilgebauer, wie'S gemacht wird! I Und künnneit Euch nicht um Ideale, foudern mn die unterste,, Instinkte der Menzel Vinzenz Faulhaber. ein Schelmenroman von Wilhelm Schuber. Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart und Leyzzig. Wie sehr haben sich doch in unseren Tagen die Schelme ver» ändert I In den alten Schelmenromanen großen Stils, da hatten fie ein rotbäckiges Geficht, leichtes Blut, in ihrem Kopf flatterten tausend lustige Gedanken und zu ihren tausend tollen Stteichen lachten fie. lachten ausgelassen und munter. Wilhelm SchusserS Schelm, der Torfstecher Vinzenz Faulhaber hat ein bleiches Neurasthenikergesicht, sein Blut fließt träge und schwer, in seinem Kopf wälzen sich philosophische Gedanken und seine Stimmung ist trübselig, reflektierend! Er ist ein Pesfimist, wie die großen Schelme der Grimmelshausen, Gil Blas, Rabelais usw. Optimisten»»d Welt- verlacher waren. Es ist daher auch gar nicht kurzweilig und Humor- voll, mit diesem hysterisch belasteten Kind deS 20. Jahrhunderts zu spazieren, keinesfalls bringt es den Gewinn, den der echte Schelmen- roman uns bringen soll: das befreiende Lachen I Vinzenz Faulhaber verläßt sein armes Dorf, um nach allerlei Irrfahrten, bei denen er sogar Zeiwngsredakteur und Nietzscheleser wurde— armer Schelm— zuletzt als Vagabund wieder in seinen, heimatlichen Ried zn landen. Wollte der Verfasser an dieser humorlosen Fabel die Schimäre der Welt zeigen und die wnnschlose Einfalt predigen? Dafür hat er seine Feder in zu viel Galle getaucht? dafür fehlt auch seinem Gestaltungsvermögen viel zu sehr die große Einfachheit Simplizität, die über den Dingen steht. J. V. Kleines f euilleton* Kunstgewerbe. Zur Befichtigung der Kartons und der Farbensklzze zu einem großen dreiteiligen Glasgemälde, das für das Treppenhaus des neu erbauten Provinzial-Landesmnseums in Münster i. W. bestimmt ist, hatte Melchior L e ch t e r eingeladen. Man muß die Genauig- keit und Beherrschung im Zeichnerischen daran bewundern. Ein breites Mittelfenster, flankiert von zwei kleineren Seitensenstern. Die Komposition greift über diese Trenimng hinlveg und faßt das Ganze als Einheit zusammen. Die Kunst ist als heiliger Quell dargestellt, von den. Gestalten in feierlichen Gewändern, die die einzelnen Künste symbolisieren aus Schalen trinken. Ein hoher, kathedrak- artiger Bau wächst, schlank sich verjüngend, darüber empor mid ver- schwindet in Wolken. Die Farbenskizze gibt einen Anhalt für die Farbenwirknug. Tiefblauer Himmel mit silbernen Sternen. Ein dunkelgrüner Hügel besät mit kleinen gelben Blumen. Vor diesem Hintergrund, defien Glut tief aufleuchtet, baut sich in strenger architeltomscher Schönheit das Ganze aus und erinnert in dieser konzentrierten Farben- schönheit an dt« Pracht alter, mittelalterlicher Glassenster. Der strenge Stil, linear und flächig, ist durch die Technik be- dingt. Lechter beherrscht fie vollkommen und es ist fein Verdienst, daß er uns diese alten Fenster wieder in modernem Sinne aufleben läßt. Mit der Liebe der alten, mittelalterlichen Handlverker behandelt er jedes einzelne Glasstückchen— es sind etwa 7000 Teile— selbst, um aus diesem langwierigen Wege den Enttvurs in Material umzusetzen. Diese Stückchen werdet, geätzt, mit Silber unterlegt, ausgekratzt, und unter schwierigsten Versuchen kommt endlich die ge- wünschte Wirkung in der Farbe heraus. Lechter stammt aus Westfalen. Seine Kunst ist noch deutlich ein Abglanz jener tiefem beinahe mystischen Kunst, von der wir in den Kunstdenkmälern Westfalens Proben erhalten haben. Ein strenger Stil, eine glühende Phantastit. Das ist die ganz persönliche Note in dem Schaffen Melchior Lechters. die ihn abseits von der modernen Kunstentwickelung stellt. Sein« Kraft wächst aus einem tiefen Ge- fühl, das alle Dinge durchströmt. Das Provinzialmuseum in Münster i. W.— dem Geburtsort LechterS— wird noch anderen, bedeutsamen Schmuck aufweisen. Lederer hat Plastiken dafür entworfen, Bruno Paul richtet eine Reihe von Zimmern her. Diesem Milieu wird sich Lechters Arbeit als ernste Schöpfung passend einfügen. e. s. Medizinisches. Rachenerkrankong und Genickstarre. Von Dr. Westenhöffer in Berlin ist zuerst die Behauptung aufgestellt worden, daß ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Eni» stehung der Genickstarre und den Wucherungen d«S Ras-nrachen» raiunes bestehe. Diese Theorie ist zwar von verschiedenen Seiten angefochten worden, aber sowohl die klinischen Untersuchungen wie die Beobachtungen am Sektionstisch bewiese», daß Dr. Westen- höfser mit seiner Annahme Recht hat. Zunächst find regelmäßig im Rachcnsekret die sog. Meningocoecen gefunden worden, dann ist festgestellt worden, daß die an Genickstarre erkrankten Kinder in größerer Zahl wie die gesunden Wucherungen im Rachen aus- weisen. Diese Rachenerkrankung ist am heftigsten in den ersten Krankheitstagcn, während sie manchmal nach acht Tagen schon V«» schwunden ist. Die Rachenerkrankung erklärt auch, warum die Schule niemals die Vermittlerin der Krankheit ist, obwohl die Genickstarre vorwiegend eine Kinderkrankheit ist«nd Kinder vom Säuglingsaltcr an bis zum 14. Lebensjahr ergriffen werden. Die Ursache liegt darin, daß die Kinder niemals auswerfen, sondern immer den Auswurf hinunterschlucken. Die Verbreitung erfolgt daher nicht durck Kinder, sondern durch erwachsene Personen, welche an Rachenkatarrh leiden und viel auswerfen oder welche jsog. Coccenträger sind. Unter letzterem versteht man bekanntlich Leute, welche, ohne selbst zu erkranken, ansteckungsfähige Keime beherbergen. Diese sind neulich von der Sanitatspolizei ganz besonders aufs Korn genommen worden. Menschen, die an Rachen- katarrh leiden, sind für die Verbreitung der Genickstarre ganz besonders disponiert, weil sie mit ihrem Auswurfe fortwährend die Krankheitskeime verstreuen. Im Kohlenrevier findet die Krankheit deswegen besonders leichte Verbreitung, weil die meisten Menschen dort infolge der Staubeinatmung an Rachenkatarrh leiden und sehr viel ausspucken. In Königshütte fand Dr. Westen- höffer in einer stark besuchten katholischen Kirche den Boden hinter den Sitzreihen mit zahlreichen Auswurfsprodukten besät. Technisches. Einen R i e sen sch w i m m kra n für 200 Tonnen Last hat die Duisburger Maschinenbau-Aktien-Gesellschast vormals Bechem u. Keetman jetzt für eine russische Werst im Bau. Bisher hielt man es für ausreichend, derartigen Kranen eine Tragfähig- keit von 100 Tonnen(2000 Zentner) zu geben. Nur wenige Aus- führungen der neuesten Zeit gehen bis lSV Tonnen(3000 Zentner) hinauf. Von den fünf Riesenschwimmkranen, welche die genannte Firma für Deutschland und das Ausland gebaut hat, befitzen vier 100 Tonnen und einer 140 Tonnen Tragfähigkeit. Die noch er- heblich vergrößerten Abmessungen sind die Folge der steten Ver- größerungen der Tonnage beim Schiffsbau. Namentlich die Rück- ficht auf die im Kriegsschiffsbau sich geltend machenden Be- strebungen, die Breite der Schiffe zu vergrößern, sind dafür von maßgebendem Einfluß gewesen. Der Kran ruht auf einem L3 Meter breiten, 30 Meter langen und 4 Meter hohen Ponton. Der Kranarm selbst, der selbst ein 46 Meter langer Riesenbau von Eisenfachwerk ist, trägt bei einer Ausladung von HVt Meter, von der Pontonkante aus gemessen, die Last von 200 Tonnen. Die Probelast für diese Ausladung beträgt 266 Tonnen. Bei einer Ausladung von 17,1 Meter sind noch 150 Tonnen Nutzlast— 200 Tonnen Probelast zulässig. Die größte Ausladung von 36?L Meter über der Ponwnkante gestattet noch Lasten bis zu 20 Tonnen. In größter Aufrichtung des Kraus ist seine Höhe 62Ms Meter, ein- sthließlich Ponton sogar 66% Meter. Das ist die Höhe des Berliner Rathausturmes. Neben dem Hauptkran, der zwei große Lasthaken trägt, sind natürlich noch mehrere kleinere Hebezeugs angebracht. Seitlich, am Ausleger, ist eine Schräglaufkatze von bloß 6 Tonnen (120 Zentner) Tragfähigkeit angeordnet. Ein weiterer Hülfs- drehkran, der dazu bestimmt ist, Lasten auf Längsseit liegenden Lastkähnen auf Deck des Ponton zu bringen, befindet sich unten an dem festen, 15 Meter hohen Stützgerüst. Vor dem Ausleger an Deck stehen zwei Lastwagen für je 75 Tonnen Tragfähigkeit, welche zur Aufnahme und Verteilung schwerer Lasten bestimmt sind. Die Krantriebwerke werden sämtlich durch auf Deck stehende Dampfmaschinen bewegt. Der ganze imponierende Bau soll im August 1908 in Betrieb genommen werden. Humoristisches. Denk' mal' Gesegnet war Karageorgis Würken (Er würgte nämlich unzählige Türken). Drum will der König auf Serbiens Thron Sein von Ruhme triefender Enkelsohn, Daß seinem Ahnen ein Denkmal ersteh' In der Sofianer SiegeSallee. Trotz dalleSdem und ohne Schwanken Gab Fiskus dreißigtausend Franken, Und Paschitsch lud sämtliche Partei'» Zur patriotischen Spende ein, Daß würdig dem Helden sein Denkmal ersteh'. Aber sie sagten einstimmig:„Ne 1* „"SaS Volk ist zurzeit nicht plastisch-dhnastisch/ Der Herrscher wurde vor Zorne spastisch. Durch Wölfs verkündet der Welt er ergrimmt; „Der König Peter ist tief verstimmt Ob diesem peinlichen Mißerfolg." „Nu wenn schon", schmunzelt sein treues Volk. (Gottlieb im»Tag'.) Notizen. — Pariser G a st s p i e I in Berlin. Frau H a d i n g, hse in Paris als Schönheit und Künstlerin Ruf genießt, wird Mite November im Neuen kgl. Operntheater ein Gastspiel veranstalten. Daß dies der ungeeignetste Ort dafür ist, scheint der Künstlerin niemand gesagt zu haben. Daß man aber in Deutschland mit den alten Trödelstücken, mit denen sie eben München beglückt hat, künstlerisch keine« Eindruck mehr macht, ist ihr gesagt worden. — Ein Japaner über Japan. An der„Freien Hoch- schule" wird Herr Dr. Daiji Jtchikara in diesem Quartal Vorlesungen über die Zlultur Japans halten, die am 16. Oktober be- ginnen. Es ist das die erste Vorlesung, die ein Japaner an einer deutschen Hochschule hält. Auch die sogen,»gelbe Gefahr" wird in diesem ChkluS behandelt werden. — Der Wissenschaftliche Verein, der sich bor kurzer Zeit im Anschluß an die Gesellschaft Urania gebildet hat, wird am Mittwoch, den 30. Oktober, abends 3 Uhr, seinen ersten Vortrags- abend in der Urania veranstalten. Es spricht Prof. Dr. Lecher-Prag über das Thema:„Elektrische und mechanische Naturauffassung?" mit Experimenten und Demonstrationen. Die Bedingungen zum Eintritt in den Wissenschaftlichen Verein sind an der Kasse der Urania, Taubenstr. 48/49, erhältlich. — Ein Deutscher Verein für Kun st Wissenschaft soll auf Anregung des Generaldirektors Bode begründet werden. Er will Kunstwiswn und Kunstleben auf breitester Grundlage fördern. Neben umfassenden und illustrierten Veröffentlichungen soll die aus- giebigere Benicksichtigung der Kunst im Unterricht der Universitäten, Hochschulen und der höheren Lehranstalten für Knaben sowie Mädchen erstrebt und Interesse und Verständnis für Kunst durch vielseitige Veranstaltungen erweckt werden. Wenn es dem Verein ernst ist mit seinen Aufgaben, so möge er vor allem zunächst dafür sorgen, daß die lästtgen Zahltage an den Berliner Museen wieder abgeschafft und populäre Kurse und Führungen veranstaltet werden. Oder sollen wir ihm erst einmal zeigen, wie das zu machen ist? — Professorenhoffnungen. Bei der Uebernahme des Rektorates an der Berliner Universität hielt Profeffor Stumpf eine Rede über die„Wiedergeburt der Philosophie", in der er u. a. sagte:„Hoffen wir, daß, was immer die Zukunft bringen möge, sie unS dreierlei nicht nehme: die Einigkeit unter den Nationen, die zu gemeinschaftlicher Geistesarbeit berufen sind, die Einfalt des Sinnes, ohne die auch Schlangenklugheit nicht zur Wahrheit führen kann, und die Freiheit wissenschaftlicher Forschung und Lehre, die keine Wissenschaft so unbedingt und rückhaltlos beanspruchen muß wie die Philosophie." Hoffnungen sind billig und trügerisch. Was wn aber die deutschen Professoren, um die Freiheit wiffenschastlicher Forschung, die in Deutschland ein nicht einmal mehr holder Wahn ist, herbeizuführen und zu gewährleisten? Oder sind die Stumpfen damit zufrieden, daß sie die vollste Freiheit haben, sich in der Pferdepsychologie zu blamieren? — Ein Archiv für Z e i tun g s k un d e erscheinen zu lassen regt in der„Franks. Ztg." Dr. Rob. Brunhuber an, der selber ein ansprechendes Büchlein über das Zeitungswesen(bei Göschen) ge- schrieben hat. Das Archiv soll vierteljährlich erscheinen und eine Sammelstelle für alle wissenschaftlichen Forschungen Über� da? Zeitungswesen bilden. ES ist in der Tat auffäll, g, daß für die Wissenschaft von der Zeitung bisher so wenig geschehen ist. — Ein Modell deS Luftschiffes, mit dem Graf Zeppelin seine Versuche am Bodensee ausführte, ist dem Deuffchen Museum in München überwiesen worden. — Alexander KiellandS Jugendideal. Da jetzt in Norwegen eine neue Ausgabe von Alexander Kiellands gesammelten Werken erscheint, taucht wiederum die Frage auf, welche Stellung dieser rücksichtslose Schilderer des Elends und der Versklavung der Armen in ihrem Gegensatz zum Wohlleben der Reichen mit ihrer heuchlerischen Wohlanständigkeit und Wohltätigkeit zur sozialistischen Bewegung eingenommen hat. Wer seine Weihnachtsgeschichte„Else" gelesen hat, die Geschichte jenes armen Kindes, das, verführt von einem reichen Mann, beim Hülfsverein für unverheiratete Mütter Rettung sucht, bei demselben Verein, in dem ihr Verführer die erst« Geige spielt; wer empfunden hat, wie Kielland z. B. auch in seinem Roman„Garman und Worse' die krasien Gegensätze zwischen arm und reich schildert, der erkennt auch, daß der Verfasser selbst von starkem sozialen Empfinden durchdrmigen gewesen sein muß. „Sozialdemokraten" in Kristtania knüpft an ein Eingesandt folgende Bemerkung: „Wie alle modernen Denker und guten Schriftsteller dachte und urteilte er sozialistisch. Wir können dem Einsender mitteilen, daß Kielland ein großer Bewunderer Ferdinand Lassalles war. Er erzählte uns vor einigen Jahren:„Laffalle war mein Jugend- ideal; ich träumte lange Zeit davon, in Norwegen eine ähnliche Rolle zu spielen wie Laffalle in Deutschland. Verhältniffe, die ich nicht meistern konnte, kamen dazwischen." — Neue Forschungen über die Höhlenbewohner Amerikas. Das archäologische Institut von Amerika bereitet eine neue und systematische Erforschung der Höhlen von Neu-Mexiko vor, in denen sich interessante Auffchlüsse über das wichtigste prä- historische Volk Amerikas darbieten. Bisher waren diese denk- würdigen historischen Stätten von Mlertumssammlern m ziemlich skrupelloser Weise beraubt worden. Aber von jetzt an wird sorg- sältige Aufsicht darüber geübt, daß nichts von den Reliquen mehr gesammelt und verkauft wird. Kein Denkmal oder Bauwerk, das da wo es steht, erhalten werden kann, darf beschädigt oder entfernt werden; die wichttasten Fundstätten sind für Nationaleigentum er- klärt worden und sollen auf Staatskosten erhalten werden. Unter diesen Monumenten befinden sich Höhlen, Felswohnungen, inter- essante geologische Formationen und viele andere Gegenstände, die von geschichtlichem und ethnologischem Interesse sind. Neu-Mexiko ist wohl daS an Ruinen reichste Land Amerikas. Berantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstalt Paul Singer 6,To..Berlin SVI.