UnterHaltungsvlatt des Vorwärts Nr. 202. Donnerstag� den 17. Oktober. 1907 (Nachdruck verboten.) 78] Die JNIutter. Roman don Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heh. Ihre Ansicht?" sagte der kleine Vorsitzende. Der kahlköpfige Staatsanwalt stand auf, stützte sich mit einer Hand auf das Pult und sprach schnell über etwas, wobei er Ziffern anführte. Aus seiner Stimme klang ebenfalls nichts Schreckliches. Aber gleichzeitig berührte ein trockener, stechender Schmerz das Herz der Mutter und versetzte es in Unruhe. Er drohte nicht und schrie nicht, sondern entwickelte sich un- sichtbar, unfaßbar. Sie blickte auf die Richter und konnte ihr Benehmen nicht verstehen. Diese Menschen waren nicht böse auf Pawel und Fedja, wie sie erwartet hatte, kränkten sie nicht durch Worte und alles, wonach sie fragten, schien sie wenig zu interessieren. Sie fragten unwillig, hörten mühsam die Antworten an, als wüßten sie alles vorher. Jetzt stand ein Gendarm vor ihnen und sagte im Baß: „Paul Wlassow haben alle als Anstifter bezeichnet...' „Aber Nachodka?" fragte der dicke Richter träge und halblaut. „Den auch...." Einer der Verteidiger stand auf und sagte: „Darf ich?" Der Greis fragte jemanden: „Haben Sie nichts dagegen?" Alle Richter erschienen der Mutter als kranke Menschen. Krankhafte Müdigkeit sprach aus ihrer Haltung und ihren Stimmen und lag auf ihren Gesichtern, krankhafte Müdigkeit und fade graue Langeweile. Augenscheinlich war ihnen alles schwer und ungemütlich— die Uniformen, der Saal, die Gendarmen, die Verteidiger, ihre Pflicht, auf den Sesseln zn sitzen und zu fragen und zuzuhören. Sie hatte überhaupt wenig Herren gesehen, kürzlich schon gar nicht mehr und be trachtete jetzt die Gesichter der Richter wie etwas ganz Neues, das eher Mitleid als Schrecken erregte. Jetzt steht vor ihnen der bekannte Offizier mit dem gelben Gesicht; er zieht seine Worte gewichtig in die Länge und erzählt laut von Pawel und Andrej... Die Mutter denkt während sie ihn anhört unwillkürlich: „Viel weißt Du ja nicht, Freundchen.. und blickte die Leute hinter dem Gitter, schon ohne Sorge um sie und ohne Bedauern mit ihnen, an. Sie erregten keine Furcht in ihr, kein Mitleid hängte sich an sie, alle riefen ihr nur Be� wunderung und Liebe wach, die das Herz warm umfing. Und diese Bewunderung war ruhig, die Liebe freudig und klar. Jung und fest saßen sie auf der Seite an der Wand und nahmen fast keinen Anteil an dem einförmigen Gespräch der Zeugen und Richter und an dem Gezänk der Verteidiger mit dem Staatsanwalt. Nilowna blickte hin, stellte Ver- gleiche an, dachte nach und konnte die unruhige Empfindung von Feindseligkeit, die sie überkam, nicht begreifen und nicht in Worte kleiden. Ssisow berührte sie leicht am Ellbogen. Er war zu- frieden, aber etwas besorgt. Er flüsterte: „Sieh doch, wie die Muttersöhnchen sich kräftig entwickelt haben! Die reinen Barone, ah? Nun, sie werden sie schon verurteilen.... Gegen die Gewalt läßt sich nichts machen!" Die Mutter hörte zu und bestätigte unwillkürlich bei sich: „Ja, sie werden sie verurteilen... Im Saal sprachen die Zeugen— schnell mit farblosen Stimmen, die Richter— widerwillig und teilnahmslos. Der dicke Richter gähnte und bedeckte den Mund mit seiner fleischigen Hand: der Rotbärtige war noch blasser geworden, er erhob oft den Arm, drückte einen Finger fest gegen das Schläfenbein und blickte mit kläglich aufgerissenen Augen die Decke an. Der Staatsanwalt kritzelte ab und zu mit dem Bleistift auf dem Papier herum und setzte seine lautlose Unterhaltung mit dem Adelsmarschall fort. Das Stadtober- Haupt saß mit übergeschlagenen Beinen da, trommelte un- hörbar mit den Fingern auf dem Knie und beobachtete ge- spannt seine Fingerbewegungen. Nur der Bezirksälteste, der den Bauch auf den Knien fest verstaut hatte und ihn be- kümmert mit den Händen stützte, saß mit gesenktem Kopf da und es war, als wenn er allein auf das einförmige Stimmen- gemurmel horchte. Der auf dem Sessel in sich zusammen- gesunkene Alte hing unbeweglich wie eine Wetterfahne an einem windstillen Tage. Stas dauerte geraume Zeit und wieder schlug Langeweile die Menschen in ihre Fesseln und blendete sie. Die Mutter fühlte, daß in diesem großen Saal noch immer nicht die kalte, drohende Gerechtigkeit zugegen sei, die streng die.Seele entkleidet, sie beschaut, mit unbestechlichen Augen alles abschätzt und mit ehrlicher Hand streng abwägt: es war nichts da, was durch seine Kraft und Größe erschrecken konnte. Die blutleeren Gesichter, die erloschenen Augen, die mtiden Stimmen glichen der trüben Gleichgültigkeit eines kalten Herbstabends. „Ich erkläre..." sagte der Greis deutlich und erhob sich, während er mit seinen dünnen Lippen die folgenden Worte zerquetschte. Lärm, Seufzer, leise Ausrufe, Husten und Fußtrampeln erfüllten den Saal. Die Angeklagten wurden abgeführt. Beim Fortgang lächelten sie, nickten ihren Verwandten und Bekannten zu: Iwan Gussew rief sogar jemandem halblaut nach: „Hab keine Angst, Jegor!.. Die Mutter und Ssisow traten in den Korridor. „Gehst Du ins Wirtshaus Tee trinken?" fragte der Alte sie bekümmert und nachdenklich.„Wir haben anderthalb Stunden Zeit." „Ich will nicht." „Nun, ich gehe auch nicht hin.... Nein, was für Kinder sind das! Sitzen da, als wenn sie allein richtige Menschen wären, alle übrigen aber gar nichts! Und der Fedja, was?" Samoilows Vater trat mit der Mütze in der Hand zu ihnen. Er machte ein mürrisches Gesicht und sagte: „Mein Gregor? Der hat auf den Verteidiger verzichtet und will nicht sprechen.... Weißt Du? Er hat das zuerst ausgedacht. Deiner, Nilowna, ist für Verteidiger gewesen... meiner aber sagt... ich will keinen! Und da haben vier verzichtet...." Neben ihm stand sein Weib. Sie blinzelte und wischte die Nase mit einem Tuchzipfel ab. Samoilow nahm seinen Bart in die Hand und fuhr, auf den Fußboden blickend, fort: „Verstehst Du die Art? Sieht man die Burschen an, so denkt man, sie haben alles ohne Ueberlegung angestellt— und richten sich ganz unnütz zugrunde.... Dann überlegt man aber plötzlich:„Vielleicht haben sie doch recht?"... Es fällt einem ein, daß sie in der Fabrik immer mehr werden, die anderen sie aber immerfort einfangen. Aber wie Karauschen in einem Fluß werden sie nicht alle. Und wieder überlegt man:„Vielleicht ist auch die Macht auf ihrer Seite?" „Für uns ist es nicht leicht, Stephan Petrow, diese An» gelegcnhcit zu verstehen!" sagte Ssisow. „Richtig!" stimmte Samiolow ihm bei. Sein Weib, das die Luft laut durch die Nase einzog, meinte: „Gesund sind die Luder alle...." Sie konnte auf dem breiten, welken Gesicht ein Lächeln nicht verbergen und fuhr fort: „Du, Nilowna, sei nicht böse... ich Hab Dich vorhin angefahren, Deiner hätte die Schuld... aber das mag der Teufel wissen, wer die meiste Schuld hat, wenn man die Wahrheit sagen soll! Hast Du gehört, was die Gendarmen und die Spione über unseren Gregor gesagt haben? Der hat sich auch Mühe gegeben... der rote Teusel!" Sie war augenscheinlich stolz auf ihren Sohn, ohne dieses Gefühl vielleicht selbst zu verstehen. Nilowna aber wußte Bescheid, und sie antwortete auf ihre Worte mit einem Lächeln: „Ein junges Herz ist der Wahrheit stets nahe.. Auf dem Korridor schlenderten Leute hin und her, ver» sammelten sich in Gruppen und unterhielten sich erregt und nachdenklich mit dumpfen Stimmen. Fast niemand stand allein, in allen Gesichtern spürte man den deutlichen Wunsch zu reden, zu fragen und zu hören. In der schmalen weißen Röhre zwischen den beiden Wänden schwebten die Menschen, wie von starken Windstößen getrieben, hin und her und eS war, als wenn alle nach einer festen Unterlage suchten. — 806— DukinS älterer Bruder, ein großer und ebenfalls färb loser Mensch, bewegte schnell die Hände, drehte sich geschwind nach allen Seiten und führte aus: „Der Bezirksälteste Klepanow ist bei diesem Prozeß nicht an der richtigen Stelle.. „Schweig, Konstantini" tadelte ihn sein Vater, ein kleiner Greis, der sich furchtsam umsah. „Nein, ich bleibe dabei! Es geht das Gerücht, er hätte im borigen Jahr seinen Kommis getötet... wegen seiner Frau... Wie kann er Richter sein, frage ich Sie? Die Frau des Kommis lebt jetzt mit ihm. Wie soll man das verstehen? Dabei ist er ein notorischer Dieb.. „Ach, Du lieber Gott... Konstantin!" „Das stimmt!" sagte Samoilow.„Stimmt! Das Gericht ist nicht gerade schön zusammengesetzt."» Als Bukin seine Stimme hörte, trat er schnell zu ihm, zog alle hinter sich her und rief gestikulierend und rot vor Erregung: „Bei Diebstahl und Mord urteilen Geschworene, einfache Leute... Bauern, Bürgersleute, möchte ich bemerken! Wer aber gegen die Obrigkeit angeht, der wird von ihr selbst verurteilt... Wie darf das sein?" „Konstantin! Sind sie denn... gehen sie denn gegen hie Obrigkeit an? Ach, Du..." „Nein, wart' einmal! Wenn ich Dir für Deine Bc- leidigung einen aufs Maul gebe, und Du mich dann selbst verurteilst, so bin ich natürlich der Schuldige.- Aber wer hat denn zuerst beleidigt? Du! Jawohl!" Der Gerichtsdiener, ein grauer Mann mit höckeriger Nase und mit Medaillen auf der Brust, trieb die Menge aus- einander und sagte zu Bukin, mit dem Finger drohend: „He... schrei nicht so! Bist Du hier in der Kneipe?" „Erlauben Sie, mein Kavalier... Ich verstehe! Hören Sie, wenn ich Sie schlage und Sie mich, und ich Sie selbst verurteile, was meinen Sie dann..." „Ich laß Dich hinausschnieißen!" sagte der Gerichtsdiener strenge. „Wohin denn? Warum?" «Auf die Straße, daniit Du nicht so brüllst., Bukin maß alle mit Blicken und sagte leise: „Für sie ist die Hauptsache, daß die Leute den Schnabel halten." „Ja, was glaubst Du denn?" rief der Alte strenge und grob. Bukin breitete die Hände aus und begann leiser zu reden. „Und wiederum, warum wird das Volk nicht zur Ge- richtsverhandlung zugelassen, sondern nur die Verwandten? Wenn man gerecht urteilt, soll man es vor allen Leuten tun. Wüs hat man da zu fürchten!" Samoilow wiederholte schon lauter: „Das ganze Gericht taugt nichts, soviel ist sicher!,. Die Mutter wollte sagen, was sie von Nikolai über die Ungesetzlichkeit des Gerichts gehört hatte, sie hatte das aber schlecht verstanden und die Worte zum Teil vergessen. Sie trat beiseite, um sie sich wieder ins Gedächtnis zurückzurufen und bemerkte, wie ein junger Mensch mit Hellem Schnurrbart sie anblickte. Die rechte Hand hielt er in der Hosentasche, dadurch war seine linke Schulter niedriger, und dieser be- sondere Zug an der Gestalt kam der Mutter bekannt vor. Er wandte ihr aber den. Rücken zu. Sie war mit ihren Er- inncrungen beschäftigt und vergaß ihn sofort wieder. Einen Augenblick darauf traf ihr Ohr die halblaute Frage: „Die? Links.. Ja!" (Fortsetzung folgt.) Die Radioaktivität als Qrfacbe der Heilkraft der JVIineralquelleii» ES ist wohl allgemein bekannt, daß man das Radium bezw. die radioaktiven Körper in der Medizin vielfach verwendet. Die physiologische Wirkung der Radiumstrahlen und der Radium- emanaüonen ist eine äußerst heftige.. Die Haut wird unter ihrem Einflluß vollständig zerstört, es entstehen sehr schwer heilende schmerz- haste Wunden. Das mutzte der bekannte Entdecker des Radiums Curie zu seinem Leidwesen an sich selbst erfahren. Er war nämlich oewöbnt. das kleine FläschK-n. welibes kein Radiumbromid ent- hielt, in der Westentasche Lei sich zu tragen, bis er die schmerz- hafte Entdeckung einer beginnenden Entzündung machte. Das Zentralnervensystem wird so stark affiziert, daß junge Meerschweinchen in tetanische Krämpfe jverfallen, wenn man eine Radium enthaltende Glasröhre über ihre Wirbelsäule hält. Die große bakterientötende Wirkung der Radiumstrahlen haben wohl die ausgedehnteste Anwendung in der Medizin gefunden. Besonders Hautleiden und krebsartige Gebilde sind schon mit Erfolg behandelt worden. Cholera- und Milzbrandbazillen werden in 16 bis 48 Stunden durch Radiumbestrahlung getötet. In den letzten Fahren hat man nun entdeckt, daß die Menschen schon seit Tausenden von Jahren die heilkräftige Wirkung des des Radiums und der radioaktiven Körper praktisch anwenden. Untersuchungen von Mineralquellen ergaben nämlich das über- raschende Ergebnis, daß sie alle mehr oder weniger stark radioaktiv sind. Eine große Anzahl von Forschern wendete sich der Unter- suchung der Radioaktivität der Mineralquellen zu. Aber erst durch neuere Arbeiten, vor allem von Engler und Sieveking in Karlsruhe, ist wohl die Tatsache einwandfrcl festgestellt worden, daß die Mineralquellen eine wesentliche Ursache ihrer Wirkung der Radio- aktivität zuzuschreiben haben. Durch genaue vergleichende Unter- suchungen bestimmten die beiden Gelehrten die Stärke der Radioaktivität der verschiedenen Mineralquellen und zogen auch die Sedimente, die festen Ausscheidungen der Mineralquellen, in den Kreis ihrer Untersuchungen. Sie bestätigten dabei das schon vor ihnen wiederholt festgestellte Ergebnis, daß die Sedimente noch weit stärker radioaktiv sind, als die Quelle selbst und daß die Radio- aktivität dem Gehalt an Radium und Radiothor zu verdanken sei. Wir sehen aus den Arbeiten von Engler und Sievesing, daß die berühmtesten Quellen, wie die von Gastein und Baden-Baden vor allen, ferner die Quellen von Nauheim, Karlsbad, Soden, Kreuznach, Homburg, Wiesbaden usw. stark radioaktiv sind. Eine altrömische Quelle bei Lacco Ameno übertrifft alle diese Quellen bei weitem. Es ist natürlich zweifellos, daß die mineralischen Bestandteile von Quellen oder die aus ihnen sich ent- wickelnden Gase auch eine mehr oder weniger starke physiologische Wirkung ausüben. Durch die Entdeckung der Radioaktivität der Heilquellen haben sich aber nun bisher unverständliche Erscheinungen aufgehellt: die künstlich, nach den Analysen hergestellten Bade- oder Trinkwasier ergaben niemals den Ersatz der Quellen selbst, und ebenso zeigte das verschickte Bade- oder Trinkwasser nicht mehr die Wirkung des frisch an der Quelle benutzten. Daß die künstlich hergestellten Wasser nicht radioaksiv find, liegt auf der Hand, und beim Versand verliert das natürliche Mineralwasser seine Radioaktivität; schon nach vier Tagen ist nämlich mehr als die Hälfte der Radioaktivität der« chwunden. Weiter konnte man in einigen Heilquellen chemisch wirksame Stoffe nicht auffinden, so z. B. im Gasteiner Waffer, von dem Liebig ägte, als er dort Heilung gefunden:»Chemische Ursachen kann das nicht haben, nur physikalische; es müssen magnetifch-elektrische Verhältnisse obwalten, welche so heilsam wirken." Liebig hat da den richtigen Grund vorausgeahnt. Die Gasteiner Quellen gehören zu den radioaktivsten. Noch ein weiteres Rätsel klärte sich auf: Der berühmte„Fango"- chlamm, der aus einer Sprudelquelle bei Battaglia m Ober- Italien gewonnen und der zur Herstellung von Bädern und Um- chlägen von dort versandt wird, ist sehr stark radioaktiv. Und es liegt hier ganz besonders nahe, die bekannte Heilwirkung des Fangos seiner Radioaktivität zuzuschreiben, denn die Reizwirkung der radioaktiven Körper auf Haut und Nerven steht außer allem Zweifel. Doch nicht nur für Heilquellen scheint die Radioaktivität von großer Bedeutung zu fein. Auch Lustkurorte verdanken möglicher- weise der Radioaktivität der Lust einen Teil ihrer Erfolge. Von Elster, Geitel und Giesel ist schon vor einiger Zeit gefunden worden, datz die Lust in geringem Maße radioaktiv ist. Ein auf hohe negative Spannung gehaltener, in fteier Lust befindlicher Kupferdraht zeigte. ins Laboratorium zurückgebracht, deutliche Aktivität, die sich� bei Abreiben mit einem ammoniakalischen Läppchen auf dieses übertrug. Die Lust ist um so stärker radioaksiv, je durchsichtiger sie ist. Besonders starke Aktivität der Luft wurde in Altjoch bei Kochel und in dem oberitalienischen Ort Arosa, der 1800 Meter über dem Meeresspiegel liegt, beobachtet. Nun ist bekanntlich die reinste durchfichtigste Lust auch die gesundeste, heilkräftigste. ES erscheint da keineswegs aus- geschlossen, daß neben anderen Faktoren auch die Radioaktivität ein wesentliches Moment der Heilwirkung ist. Systemattsche Unter- fuchungen hierüber stehen unseres Wissens noch aus. Aber es wäre nicht zu verwundern, wenn das Studium der radioaksiven Körper, das schon so manches Rätsel gelöst hat, auch hier Klarheit schaffen würde. O. L. Kleines f euilleton* Der Apfel. Gerüche wirken sonderbar anregend auf den Menschen. Der Geruch des Meeres, der Duft des Waldes, der Erdgeruch bei einem Spaziergang durch das Feld, daS verfaulende Herbstlaub, das Aroma einer guten Zigarre und der Geruch von Obst, namentlich der wunderbare Duft der Aevfel versetzen uns oft in eine seltsame Stimmung, wecken längst Vergessenes wieder zum Bewußtsein mit einer Deutlichkeit, als ob es eben geschehen wäre. Auf meinem Tische liegt ein großer Apfel. Köstlich ist sein Duft und frisch. Draußen klappern die Droschken,- glockenläutend saust die Elektrische vorbei. Die liebe Jugend johlt und schreit. Und doch muß ich immer an die Herbstnacht denken, die der Apfel mir wieder vor die Augen gerufen hat. Es war eine stille, taufrische Oktobernacht. Wir fünfzehn- jährigen Stifte wollten von einem Turnabend nach Hause gehen. Müde war noch keiner. Desto mehr hatten wir Abenteurerlust und Hunger. In jenen Jahren bin ich eigentlich niemals satt ge- worden, lieber Geld verfügten wir fünf Fabrikjungens ebenfalls nicht. Ein guter Rat, unsere Lüste zu befriedigen, war also immer willkommen. Plötzlich blieb ein Freund— Weber mit Namen, die Proletarierkrankheit hat ihn auch schon hingerafft— stehen und teilte uns mit, daß er in dem nahen Dorfe Schloßig in dem Garten eines reichen Bauern einen Aepfelbaum gesehen habe, der zahlreiche riesiege Früchte trage. Sofort wurde be- schloffen, diesem Garten einen nächtlichen Besuch abzustatten und den Baum tüchtig zu„strafen". Eine Stunde später waren wir an Ort und Stelle. Alle Lichter im Dorfe waren erloschen. Hoch am Himmel stand das diamantene Siebengestirn. In der Ferne schlug ein Hund an. Das Knarren eines Tores war noch zu hören. Dann herrschte Totenstille. Einer mußte Schmiere stehen. Wir vier anderen überstiegen so geräuschlos als möglich den Zaun. Ein Haufen Brennholz— dem Aroma nach frische Kicfernscheite— erleichterte das Eindringen. Beim Vorgehen in der Dunkelheit muhten wir die Füße so hoch als möglich heben und ganz langsam vorwärts tappen, um das Geräusch des Schlürfens in dem trockenen Laube zu ver- meiden. Der herrliche Duft der frischen Aepfel reizte uns noch besonders stark. In der Tiefe des Gartens sah ich phantastische Bilder. ES kam mir vor, als ob sich flackernde Flämmchen um die Bäume bewegten. Die schwarzen Umrisse meiner Freunde erzeugten riesenhafte Schatten,, die auf die Obstbäume fielen. Bald legte sicki eine schwarze Hand an einen Stamm, bald zeichneten sich darauf zwei Beine ab, wie zwei schwarze Säulen. Weber war lange umhergeirrt, ehe er in der Nähe des Wohnhauses, das hundert Jahre alt zu sein schien, den Baum mit den Riescnäpfeln entdeckte. Zwei Mann kletterten hinauf. Ich mußte einen anderen Zugang suchen, wenn ich solche Aepfel haben wollte. Ein mit Früchten überladener Ast reichte bis an die Wand des Hauses Aber wie hinaufkommen? Wenn nur eine Leiter vor- handen gewesen wäre. Ich tastete an der Wand herum. Plötzlich fühlte ich ein Weinspalier. Ich drückte fest mit der Hand darauf. Es schien zu tragen. Auch einige Trauben löste ich. Sie waren aber essigsauer. Langsam schob ich mich in die Höhe, fast bis zum ersten Stock des niederen Bauernhauses. Dann griff ich in die Zweige des Apfelbaumes und füllte innerlich frohlockend die Taschen mit den prächtigen Früchten. Aber in jede Tasche ging nur ein Apfel. Also nur vier Stück konnte ich dort unterbringen. Einige ließ ich noch zu Boden fallen. Ich hörte, wie Weber schon tüchtig kaute; er war schon wieder hinabgeklettert, hatte eine Schürze um und schien diese als Sack zu benutzen und zu füllen. Ich wollte nach den anderen Umschau halten. Da— ein Prasseln und Krachen.... Das Weinspalier gab unter meinen Füßen nach. Unsanft lag ich am Boden. Die Hose war durch einen vorstehenden Nagel erheblich zerrissen worden. Auch im Fleische des rechten Ober- schenkels verspürte ich eine blutige Schramme. Hände und Gesicht hatten ebenfalls Abschürfungen erlitten. Wegen des starken Geräusches schlug ein Hund an. Zehn— zwanzig folgten seinem Beispiel. Ein wahrer Höllenspektakel tobte durch das Dorf. � Die Genossen waren schon geflüchtet. In Todesangst stürzte ich nack, zumal als ich hörte, wie ein Fenster geöffnet wurde und eine Weiberftimme„Spitzbuben" schrie. Einmal fiel ich zu Boden. Mehrmals rannte ich gegen Baum- stamme und holte mir eine nußgroße Beule an der Stirn, so daß mir fast Hören und Sehen verging. Endlich war der Zaun er- reicht. Ein Satz und das Hindernis war genommen. Dabei hatte fich aber der Riß in der Hose um fast einen Viertelmeter ver- längert. Dann flog ich wie ein Pfeil die Dorfftraße entlang, denn die freunde schienen schon einen erheblichen Vorsprung zu haben. ußerhalb des Dorfes an einer Scheune erwarteten sie mich. Ganz erschöpft hielt ich inne und rang nach Luft. Durch die Torritzen der Scheune drang der Geruch von frischem Stroh und Spreu, der mich zum Husten reizte. Wir lauschten gespannt in die Nacht hinaus. Anscheinend wurden wir nicht verfolgt, atmeten darum erleichtert auf und wanderten durch die frische Herbstkühle leicht fröstelnd zurück. Aber plötzlich schlug das Wetter um. Ein scharfer Wind setzte ein und zauste und schüttelte den am Wegrande stehenden Bäumen das letzte Laub herunter. Es wurd kälter. Schwere aschfarbene Wolken ballten sich am Himmel zusammen und verdeckten die Sterne. Und schließlich liefen wir unter einem Regenguß in Sturm, Nebel und Finsternis. Trotz alledem verzehrten wir Aepfel. Weber holte feine Pfeife aus der Tasche und stopfte sie mit billigem schwarzen Rippentabak und rauchte dann,„um sich den Hals etwas zu erwärmen". Der Regen konnte uns nicht verdrießlich stimmen. Wir waren froh, daß man uns nicht erwischt hatte, und stimmten aus Uebermut noch ein Lied an. Das Lied vom Mägdelein im Rosengarten..... Endlich war die heimische Schwelle erreicht. Der Morgen dämmerte schon am östlichen Horizonte, als ich wie zerschlagen auf mein Strohlager sank und sofort in tiefen Schlaf fiel. Wir mußten uns damit beeilen, nach drei Stunden standen wir schon wieder fröhlich an der Maschine. W. B r o m m e. Musik. Neue Männer chor-Musik. Aus dem Verlag Jos. Günther in Dresden liegt uns eine Reihe neuer steuerfreier Männerchöre für das arbeitende Volk vor, auf die wir strebsame Arbeitersängerkrcise hiermit aufmerksam machen. An der Spitze steht der junge hochbegabte G. A d. U t h m a n n mit den vier Chören: „Gottes Stimme"(Ludwig Fulda),„Sonntagsfeier" (Rob. Prutz),.Mein jauchzend Lied"(F. W-inkirch), „Arbeit"(unbekannter Dichter). Uthmanns neue Männerchöre wurden zum 16. Bundesfest des Rheinischen Arbeiter-Sängcrbundes- festes im Juli dieses Jahres in der Stadthalle in Barmen aus der Taufe gehoben und gelangten nach vorliegenden Berichten mit außergewöhnlichem Beifall und teilweiser Wiederholung zur Auf« führung. Sie verdienen seitens der Chorleiter dieselbe Beachtung wie des verstorbenen Wiener Komponisten Joseph Scheu vortreffliche Arbeiten, denn fie vereinigen in sich alle Anforderungen, die man gercchterweise an ein Arbeiterlied stellen kann. Ihre Satzweise ist so leicht und einfach gehalten, daß jeder einigermaßen geschulte Arbeitergcsangverein sie bald beherrschen lernt' llnd mit diesen einfachen Mitteln, ohne Chromatik, ohne übermäßige Akkorde und unsangbare Jntervallschritte erreicht der Komponist doch gute künst- lerische Wirkungen, durch eine natürliche, eingängige Melodik, durch Ivuchtige Deklamation mit packenden Höhenpunkten gegen den Schluß, durch die Kunst einer musikalischen StimmungSsteigcrung an der Hand der poetischen Vorlage. Von den genannten vier Liedern eignet sich„Arbeit" mit seinem hhmnäischcn Rhythmus:„Gehe dahin mit der streuenden Hand" ganz besonders als effektvoller Massenchor sür Sängerfeste. Auch der Männerchor„Erwachen derGeister" von Peter M a r i n i wird gut klingen in seinem weichen �s-ckur, wenngleich hier die ersten Bässe schon musikalisch sicher sein müssen im Halbton- singen. Etwas tiefer wie die genannten stehen die Arbeiten von Kurt Rottet(„Fcstgrüße") und A. S ch e ü f l e r(„Unser Lied"). Hier weht mehr der Liedertafelton, reckt und schlecht, Mittelmaß der Empfindung, Verzicht auf eine im Rahmen bescheidener Mittel immerhin mögliche Charakteristik der Textesworte, der ganzen seelischen und poetischen Stimmung, dafür einige Anleihen bei der leidigen Sentimentalität wie bei der Stelle:„der Zapfenstreich der Freiheit" im Scheüflerschen Eher. Sandra Blumenthal hat Karl Henckells„Lied der Armen"(Wir find die Armen, wir sind die Elenden, Arme und Elende sind wir nicht) vertont. Die Satzweise ist in der Mittelstrophe recht anspruchsvoll mit ihren enharmonischen Verwechselungen. Und doch entspricht dem Auswand der Mittel nicht die Wirkung. Es fehlt an der nötigen schwung- vollen Empfindung, an der trotzigen Begeisterung, die das prächtige Gedicht unseres Henckcll doch in der Brust des mitfühlenden Ton- dichters mit elementarer Kraft entfesseln müßte. Zum Schluß sei aus A h r e n s s e n S F e st l i e d als ebenso anspruchslosen wie dank- baren Masienchor mit Orchester— oder Klavierbegleitung hingewiesen. Naturwissenschaftliches. Wie ist daS Leben entstanden? Zwei Tatsachen sind eS, die zwischen lebender und lebloser Materie eine scharfe Grenze ziehen. Als was auch immer jene uns entgegentritt, ob als eine einfache Zelle oder als ein hochorganisiertes Wesen, stets ist sie ge» formt; spricht man doch ganz allgemein von den Lebcnsgcbilden. Sodann leistet diese Materie unausgesetzt Arbeit, sie«st tätig, und zwar unter dem Grundsatz der Arbeitsteilung. Die lebenden Körper sind also nicht allein Gebilde, sondern auch gleichzeitig Or- ganismen. Diese letztere Erscheinung ist so bezeichnend für die lebende Materie und so auffallend, daß man sie kurz auch die organische nennt. Die lebende Materie ist fortwährend in Fluß, und sie wird beständig im Rahmen der Organismen chemisch auf- und abgebaut. DaS Material dazu, die„Nahrung" im weitesten Sinne des Wortes, wird ununterbrochen eingeführt, und ebenso werden die Zerfallstoffe ausgeschieden, und zwar geschieht dieser Transport durch rhythmische Bewegungen der Ausdehnung und Zu- sammenziehung, d. i. durch Saug, und Druckbewegungen, die bei den höheren Tieren von dem Herzen und den Atmungsorganen ausgeführt werden. Dieser„Stoffwechsel" ist also nicht allein ein chemischer, sondern gleichzeitig auch ein physikalischer Vorgang. Da der chemische Vorgang hierbei in der Hauptsache ein Ver- brennungsprozeß ist, so wird in den Organismen andauernd Wärme erzeugt, die ihrerseits den Körper iniuernd in Spannung hält; und dieser Tatsache wiederum verdankt die organische Matdrie die Erscheinung des Geformtscins.. Weiterhin aber schöpfen die lebenden Körper aus der in ihnen erzeugten Wärme auch die Kraft zu ihren verschiedenen Arbeitsleistungen, wie Wachs- tum, Bewegung u. a. Die Stoffe, welche beim Auf- und Abbau der lebenden Materie Verwendung finden, sind keine besonderen. find bielmehr auch in der..leblosen" Natur auf der Erde vorhanden. In erster Linie sind es Kohlenstoff, Sauerstoff, Waffer» und Stick- stoff, welche sich an der Bildung derselben beteiligen. Die lebenden Körper sind also„Erde" wie alle übrige Materie auf unserem Planeten. Wie aber war es möglich, daß Materie unserer Erde in den Besitz eines besonderen Vorgangs und damit in den Besitz einer besonderen Wärme gelangen konnte?— daß sie zu„leben" an- fing? Daß diese Möglichkeit für unsere Erde einmal wirklich gegeben loar, daS darzulegen hat Dr. Emil Koenig in einem soeben im Verlage von Strecker u. Schräder, Stuttgart, erschienenen Buche„Wie ist das Leben entstanden?" unternommen. Hier die Grundgedanken seiner Ausführungen. Die Erde besitzt, wie jeder Weltkörper, ihre eigene Wärme. Früher war sie in einem ähnlichen Zustande wie die Sonne, hat fich aber im Laufe der Zeiten abgekühlt, hat ihre Wärme aus- gestrahlt, an den Weltraum abgegeben. Die Eigenwärme der Erde beträgt heute auf ihrer Oberfläche etwa— 73 Grad, die Be- strahlungswärme durch die Sonne daselbst 4-83 Grad, so daß auf der Oberfläche der Erde eine Durchschnittstemperatur von etwa -s-ltS Grad herrscht. Die Eigenwärme muß früher einmal höher gewesen sein als die Bestrahlungswärme und dann mit der Ab- kuhlung der Erde bei ihrem Sinken die Bestrahlungswärme ge- kreuzt haben. Erst mit dem Heruntergehen der Eigenwärme der Erde an ihrer Oberfläche unter die Bestrahlungswärme kam die letztere zur Geltung; erst jetzt setzte die wirksame Bestrahlung der Erde durch die Sonne ein, während gleichzeitig die Erde ihre Wärme nicht mehr an den Weltraum abgeben, nicht mehr aus- strahlen konnte, da ihre Ausstrahlung von der Sonne zurückgeworfen wurde. Das Ergebnis war ein Kampf zwischen der Ausstrahlung der beiden Weltkörper, der sich auf der Oberfläche der Erde ab- spielte in rhythmischen Bewegungen der Ausdehnung und Zu- sammcnziehung der Erde zum Ausdruck gelangte. Diese rhythmischen Bewegungen an der Erdoberfläche machten sich nun in einer besonderen Materie und in einer besonderen Weise be- inerkbar, indem die chemischen Bestandteile dieser Materie sich rhythmisch banden und lösten, sich rhythmisch ausdehnten und zu- sammenzogen. Die Masse kam damit in ständige Bewegung, sie begann zu„leben", und in ihr wird jene Wärme zurückgehalten, welche die Erde infolge der einsetzenden Bestrahlung durch die Sonne nicht mehr abgeben, nicht mehr ausstrahlen kann. Diese Materie kam also nicht nur in den Besitz eines besonderen Vor- gangs, sondern auch in den Besitz einer besonderen Wärme. Besaß sie von vornherein Eigenwärme, so befand sie sich auch von vorn- herein in Spannung und konnte nur als eine Summe von Ge- bilden in Erscheinung treten. Das Leben stellt also nach Koenig ein kontinuierliches Verhältnis, einen kontinuierlichen Vorgang auf unserer Erde dar. Dieser Vorgang erfolgte aber von Anfang an in einer gewissen Abhängigkeit von dem übrigen Geschehen aus der Erde, und da sich die Dinge auf unserem Heimatsplaneten im Laufe der Zeiten allmählich änderten, so mußte der Lebensvorgang diesen Veränderungen Rechnung tragen und sich ihnen anpaffen. Damit wurde der Lebensvorgang immer mehr modifiziert: auS dem ursprünglich einfachen und einzigen Vorgang wurde ein Kom- plex von verschiedenen besonderen Vorgängen, und die besondere Materie, an welche dieser ursprünglich einfache Vorgang geknüpft war, erhielt immer mehr besondere Fähigkeiten, d. h. die Lebe- Wesen wurden immer höher organisiert. Das Leben und die Lebe- Wesen haben sich also„entwickelt". Daß das Leben auf der Erde in einem Abhängigkeitsverhältnis von der Sonne steht, hat der Mensch längst erkannt oder gefühlt; dahbr auch die besondere Ber- chrung dieses Himmelskörpers bei vielen Völkern! Ihre Strahlen haben also auf der Erde auch das Leben erweckt, und mit dem„Es »«de Licht!" war auch der Anfang des Lebens gegeben. Humoristisches. — Verbesserter V ü ch m a n n. Simon Feilchenblüt, An- Haber eines Herrenwäschegeschäfts on gros feiert sein Geschäfts» Jubiläum. Ein als poetisch bekannter Kommis wird aufgefordert, üe Festrede zu halten. Und er macht seinem Rufe alle Ehre. Mit markigen Worten feiert er die Verdienste seines Chefs auf dem Gebiete der Herrenwäsche on gros und schließt mit den Worten: Auf unfern Simon Feilchenblüt paßt so recht, was der Dichter sagt: „Es kann, die Spur von seinen Herrenkragen Nicht in Äonen untergehn!" —„Haben Sie eine Idee, wie ich meine Sachen schone? Beispielsweise diesen Hut— vor orei Jahren habe ich ihn gekauft, mindestens sechsmal Hab' ich ihn Herrichten lassen, ziveimal nahte ich mir selbst ein neues Band daran, und einmal Hab' ich ihn gegen einen neuen im Cafö unigetauscht l" („Lustige Blätter".) Notizen. — Oeffentliche Vorträge de? Instituts für Meereskunde. Die Direktion des Instituts für Meereskunde wird auch in dem komnienden Winterhalbjahr, in der Zeit vom 4. November 1907 bis 8. März 1908, einen Zyklus öffentlicher Vor» träge veranstalten. Das Institut hat fich mit der Veranstaltung dieser Vorträge die Aufgabe gestellt, Sinn und Verständnis für das Meer und seine Erscheinungen, den Reichtum seines Lebens und dessen wirtschaftlichen Wert sowie für die volkswirtschaftliche und staatliche Bedeutung von Schiffahrt, Seeverkehr und Seemacht in weiteren Kreisen anzuregen und zu verbreiten. Die Vorträge sind öffentlich und finden in dem großen Hörsaal im Gebäude de? Jnftituls und Museums für Meereskunde, Georgenstr. 34—36, in den Abendstunden statt. Einlaßkarten werden in den Geschäfts- räumen des Instituts, Georgenstr. 34— 36. wochentäglich in den Stunden von 12— 2 Uhr und an den Vortragsabenden selbst von 6 Uhr ab gegen Entrichtung eines Entgeltes von 0,2S— 0,50 M. ausgegeben. — Ein neues Drama von Erich Schlaikjer, das einen modernen Stoff behandelt und den Titel„Leidenschaft- führt, wird im Frankfurter Schauspielhause zur Uraufführung konunen. — DaS Kernerhaus in Weinsberg, das eine Fülle von Erinnerungen an Justinus Kerner und die schwäbische Dichter- schule birgt, ist für 50000 M. in den Besitz des Justinus Kerner- Vereins übergegangen, der eS in feinem bisherigen Zustande er- halten wird. — Ein Denkmal für Furtwängler in Athen. Die Archäologische Gesellschaft zu Athen beschloß, dem dort ver- storbenen Professor Furtwängler ein Denknial zu errichten, seine Mitarbeiter bei der Fortsetzung der Ausgrabungen zu unterstützen und die Ergebnisse der Ausgrabungen auf Kosten der Gesellschaft zu veröffentlichen. — Das Ende der BouquinisteS. Aus Paris wird der„Köln. Ztg." geschrieben: Man muß nicht glauben, daß in dem leicht beweglichen Paris die gute alte Zeit keine-Lobredner habe. Man empfindet ihr Schwinden dort vielleicht schärfer als anderswo. So berührt es uns altväterisch, um nicht zu sagen kleinstädtisch- sentimental, wenn wir in den Tagebüchern derGoncourts lesen, wie Edmond Goncourt klagt, es gäbe jetzt keine eigentliche Literatur in Frankreich mehr, weil es keine Sitze in, den Buchläden mehr gibt.(Geschrieben um etwa 1875.) Das war die gute, alte Zeit! Die Buchläden waren literarische Zirkel, die Berühmtheiten trafen sich da, man besprach die neuesten Erscheinungen und man plauderte, auf Stühlen sitzend, stundenlang, ohne daß es jemand einfiel, etwas zu kaufen. Dazu hat die geschäftswütige Gegenwart keine Zeit mehr. Alles kommt und geht heute, zum behaglichen Plaudern und Stehenbleiben gelangt niemand mehr. Eine der Eigentümlichkeiten von Paris, die„douguinistss" der Kais, merken diese Veränderung des Zeitgeistes auch. Wie wohl alle Fremden wissen. ziehen sich auf dem linken Ufer der Seine in endloser Reihe auf den Steinplatten der Kais die Auslagen der Buchhändler—„bouquinistes" — hin, die hier ihre alten Sachen ausbieten. Für billiges Geld kann man sowohl wertlosen Schund, wie auch, wenn man den Blick dafür hat, eine interessante Rarität erwerben. Hier ist das große Antiquariat von Paris, ein Antiquariat in freier Lust und unter grünen Bäumen. Wenn der Blick von den Büchern ermüdet ist, trifft er auf die Schiffe. die unten auf der Seine fahren, auf die Palasttürme deS Louvre, die gerade gegenüber am anderen Ufer liegen. Hier läßt fichs behaglich flanieren, dort von dem Werk ein bißchen naschen, hier von dem. Ja. es gibt Leute, die hier halbe Stunden lang stehen und lesen, dann weitergehen und niemals einen Sou für irgend ein Buch aus- geben. Die Buchhändler, die friedlich daneben auf einem Stuhl mitten auf dem Kai sitzend ihre Zeitung lesen, nehmen scheinbar keine Notiz von all diesen Passanten. Diese Bücherauslagcn auf den Kais mit ihren Buchhändlern bilden eine natürliche Ergänzung des ge- lehrten lateinischen Viertels mit seinen Anstalten, Instituten und Akademien. Aber in neuerer Zeit sind die Geschäfte dieser „doiiqiümstos" aar zu schlechte geworden, und einer von ihnen hat kürzlich einem Interviewer geklagt, daß sie der Konkurrenz der Sortimenter, die ebenfalls das Antiquariat betreiben, bald ganz er- legen sein werden. — Opfer der wildenTiere inJndien. Nur schwer macht sich der Europäer eine Borstellung von der Größe der Menschenopfer, die alljährlich in Indien durch die wilden Tiere ge- fordert werden. Die letzten amtlichen Feststellungen zeigen, daß im Jahre 1906 nicht weniger als 2034 Menschen durch Raubtiere ihr Leben verloren haben; 1905 zählte man 2051 Opfer. Allein durch die Wölfe wurden 178 Menschen getötet. Im Distrikt Madras find die Tiger die schlimmsten Feinde der Menschen. In Sholapur, Bombay hat ein einziger toller Wolf 16 Todesfälle verursacht. In Bengalen haben die Elefanten 18 Opfer gefordert gegen 9 im Jahre 1905. Die siirchtbarsten Verheerungen aber werden nicht von den Raubtieren, sondern von Giftschlangen angerichtet. Im Jahre 1906 sind 22854 Menschen infolge von Schlangenbissen ge- storben, 1905 zählte man 21797 Todesfälle. Die Steigerung wird mit der Hochflut in Zusammenhang gebracht, durch die die Reptile im Jahre 1906 mehr als je in die menschlichen Siedelungen und Heimstätten getrieben wurden. «erantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlaqsanstaltPaul Singer �Co.,Berliu5W.