Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 204. Sonnabend, den 19. Oktober. 1907 (Nachdruck Dcidoleit.) 80] Die)VIuttcr. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. Aber jetzt erhob sich Pawel, und es wurde plötzlich still. Die Mutter schwankte mit dem ganzen Körper vorwärts. Pawel begann ruhig: „Als Parteimann erkenne ich nur das Gericht Meiner Partei an und werde nicht zu meiner Verteidigung sprechen, sondern auf Wvnsch meiner Genossen, die ebenfalls auf eine Verteidigung verzichtet haben, will ich versuchen, Ihnen das zu erklären, was Sie nicht verstanden haben.... Der Staats- onwalt hat unseren Eintritt in die Reihen der Sozialdcmo- 5ratie einen Aufstand gegen die höchste Gewalt genannt und uns die ganze Zeit als Rebellen gegen den Zaren angesehen. Ich muß erklären, daß der Zar in unseren Augen nicht als die einzige Kette erscheint, die dieses Land fesselt. Er ist nur das erste und nöcbstliegendc Glied, von dem wir das Volk befreien müssen... Während seine feste Stimme erklang, wurde die Stille noch tiefer, und es war, als wenn Pawel weit von den Menschen fortrückte und ein helleres, erhabeneres Aussehen gewann. Ihr wurde kalt. Die Richter bewegten sich schwerfällig und unruhig. Der Adclsniarschall flüsterte dem Richter mit dem trägen Gesicht etwas zu, der nickte und wandte sich an den Greis, dem gleich- zeitig von der anderen Seite der kranke Richter etwas ins -Ohr flüsterte. Der Greis beugte sich in seinem Sessel nach rechts und nach links, sagte Pawel etwas, aber seine Stimme ging in dem gleichmäßigen und breiten Redestrom Wlassows unter. „Wir sind— Sozialisten. Das heißt, wir sind Feinde des Privateigentums, das die Menschen entzweit, sie gegen einander rüstet und unversöhnliche Interessengegensätze schafft, das im Bemühen, diese Feindschaft zu verbergen oder zu rechtfertigen, lügt und alle Welt durch Lüge, Heuchelei und Bosheit verdirbt.... Wir sagen: eine Gesellschaft, die den Menschen nur als Mittel zu ihrer Bereicherung betrachtet, ist menschenwidrig: wir können uns mit ihrer heuchlerischen und lügenhaften Moral nicht aussöhnen. Ihr Cynismus und ihre Grausamkeit der einzelnen Persönlichkeit gegenüber sind uns verhaßt, wir wollen und werden gegen alle Formen physischer und moralischer Knechtung der Menschen durch eine solche Gesellschaft, gegen alle Arten Menschenschinderei kämpfen.... Wir Arbeiter... sind die Leute, durch deren Tätigkeit alles geschaffen wird— von den riesigen Maschinen an bis zum Kinderspielzeug, wir sind die Leute, die man des Rechts beraubt hat, für ihre Menschenwürde zu kämpfen, uns will und kann jeder in ein bloßes Werkzeug verwandeln, um seine Zwecke zu erreichen. Wir wollen jetzt so viel Freiheit haben, daß wir durch sie in die Möglichkeit versetzt werden, mit der Zeit alle Macht zu eribern. Unsere Losung ist ein- fach: fort mit dem Privateigentum, alle Produktionsmittel — dem Volk, alle Macht— dem Volk, die Arbeit— verbindlich für alle. Sie sehen— wir sind keine Rebellen I" Pawel lächelte, fuhr langsam mit der Hand durch daS Haar, und das Feuer in seinen Augen flammte heller auf. „Ich bitte Sie... zur Sache zu sprechen!" sagte der Vorsitzende deutlich und laut. Er hatte sich Pawel mit der Brust zugewandt, blickte ihn an. und der Mutter war es, als wenn sein linkes, trübes Auge in bösem, gierigem Feuer brannte. Und alle Richter betrachteten ihren Sohn so, daß es schien, als wenn ihre Augen an seinem Gesicht anklebten, sich in seinen Körper einsögen, nach seinem Blut dürsteten, um dadurch ihre ausgemergelten Leiber neu zu beleben. Er aber stand gerade, fest und sicher in seiner ganzen Größe da, streckte die Hand nach ihnen aus und sagte nicht laut, aber deutlich: „Wir sind Revolutionäre und iverden es so lange bleiben, wie Privateigentum existiert, so lange, wie die einen nur kommandieren, die anderen— nur arbeiten. Wir sind gegen die Gesellschaft, deren Interessen zu verteidigen man Ihnen. befohlen hat, wir sind deren und Ihre unversöhnlichen Feinde. und eine Aussöhnung zwischen uns ist so lange unmöglich, bis wir siegen. Wir werden siegen, wir Arbeiterl Ihre Auf- traggeber sind durchaus nicht so stark, wie sie glauben. Das- selbe Eigentum, für dessen Anhäufung und Aufbewahrung sie Millionen geknechteter Menschen hinopfern, dieselbe Kraft, die ihnen Macht über uns gibt, erregt unter ihnen feind- selige Reibungen, verdirbt sie physisch und moralisch. Das Eigentum erfordert zu seinem Schutz allzu viele An- strcngungen, und im Grunde genommen sind sie, unsere Ge- bieter, mehr Sklaven als wir. Sie sind geistig versklavt, wir nur körperlich. Sie können dem Druck der Vorurteile und Gewohnheiten nicht entrinnen, einem Druck, der Sie seelisch getötet hat; uns hindert niemand, innerlich frei zu sein. DaS Gift, mit dem Sie uns vergiften, ist schwächer als das Gegen- gift, das Sic— wider Ihren Wunsch— unserem Bewußtseil! einträufeln.... Das wächst, entwickelt sich unaufhaltsam, entzündet sich immer schneller und reißt alle Guten, alle geistig Gesunden selbst aus Ihren Reihen mit sich. Blicken Sie ein- mal hin, Sie haben schon keine Leute mehr, die mit Ideen für Ihre Macht kämpfen könnten, Sie haben die Argumente ausgegeben, die Sie vor dem Ansturm historischer Gerech- tigkeit schützen können, Sie können im Ideenreich nichts Neues schaffen, Sie sind geistig unfruchtbar. Unsere Ideen wachsen, flammeil immer heller auf. sie ergreifen die Volksmassen und organisieren sie zum Freiheitskampf. Das Bewußtsein der großen Rolle, die die Arbeiter zu spielen berufen sind, der- einigt alle Arbeiter der ganzen Welt zu einer Seele. Sie können diesen Erneucrungsprozeß des Lebens durch nichts aufhalten, außer durch Schamlosigkeit und Cynismus. Aber die Schamlosigkeit fällt sofort ins Auge, die Grausamkeit ruft Erbitterung hervor. Und die Hände, die uns heute erwürgen, werden bald brüderlich die unseren drücken. Ihre Energie — ist die mechanische Energie des zinstragenden Goldes. Sie vereinigt Sie in Gruppen, die dazu berufen sind, sich gegenseitig aufzufressen, unsere Energie— ist die lebendige Kraft des stets zunehmenden Bewußtseins der Solidarität aller Arbeiter. Alles, was Sie tun, ist ein Verbrechen, denn es ist darauf gerichtet, die Menschen zu Sklaven zu machen. Unsere Arbeit dagegen befreit die Welt von Gespenstern und Ungeheuern, die Ihre Lüge. Ihre Bosheit. Ihre Gier erzeugt haben und die das Volk erschrecken. Sie haben die Menschen ans dem Leben herausgerissen und sie zugrunde gerichtet. Der Sozialismus vereint die von Ihnen zerstörte Welt zu einem harmonischen Ganzen und das— wird kommen!" Pawel hielt eine Sekunde inne und wiederholte leise, kräftiger: .Das wird kommen!" Die Richter flüsterten miteinander, schnitten sonderbare Grimassen und wandten ihre gierigen Augen nicht von Pawel ab: die Mutter aber fühlt?, daß sie seinen biegsamen, festen Körper mit ihren Blicken beschmutzten, daß sie ihn um seine Gesundheit, Kraft und Frische beneideten. Die Angeklagten hörten der Rede ihres Genossen aufmerksam zu, ihre Gesichter waren blaß, die Augen blitzten freudig. Die Mutter ver- schlang die Worte ihres Sohnes und sie prägten sich in wohl- geordneten Reihen ihrem Gedächtnis ein. Der Greis unter- brach Pawel ein paar Mal, erklärte ihm etwas, einmal lächelte er sogar traurig, Pawel hörte ihn ruhig an, sprach dann strenge und hart und erztvang durch seine Ruhe, daß man ihn anhörte. Das dauerte lange, aber endlich schrie der Greis etwas, indem er die Hand gegen Pawel ausstreckte. Als Ant- wort darauf ergoß sich etwas spöttisch Pawels Rede. „Ich schließe. Hch wollte Sie persönlich nicht tränken, im Gegenteil, da ich nun einmal bei der Komödie, die Sie Gericht nennen, zugegen bin, fühle ich fast Mitleid mit Ihnen. Sie sind doch immerhin Menschen, und c3 tut uns stets leid, Menschen zu sehen, die zwar Feinde unserer Ziele sind, aber doch in so schimpflicher Weise gezwungen sind, der Gewalt Dienste zu leisten, die in diesem Maße das Bewußtsein ihrer Menschenwürde verloren hat... Er setzte sich, ohne die Richter anzusehen: die Mutter hielt den Atem an, blickte ihrerseits die Richter unverwandt an und wartete. Andrej, der über das ganze Gesicht strahlte, drückte Pawel fest die Hand, Samoilow, Masin und alle anderen beugte» sich lebhaft zu ihm hin. Er lächelte durch die Beifclls« kezeugiingcn feiner Freunde etwas verwirrt, blickte dahin, wo seine Mutter sah, nickte ihr zu und fragte gleichsam: „Ist es so richtig?" Sie antwortete, von einer heißen Liebeswelle überströmt, mit einem tiefen, freudigen Seufzer. „Da... hat das eigentliche Gericht angefangen!" flüsterte Ssisow.„Wie hat er sie vorgenommen... was?" Sie nickte schweigend, zufrieden damit, daß ihr Sohn so kühn gesprochen hatte— vielleicht noch zufriedener, daß er zu Ende war. In ihrem Kopfe hämmerte die unruhige Hrage: „Nun? Was tut Ihr jetzt?" Was ihr Sohn gesagt, war ihr nicht neu, sie kannte diese Gedanken, aber sie fühlte zum ersten Male hier angesichts des Gerichtes die seltsame, hinreißende Kraft feines Glaubens. Pawels Ruhe setzte sie in Erstaunen und seine Rede floß in ihrer Brust zu einem sternähnlichen Strahlenbündel fester Uebcrzeugung von der Wahrheit dieses Glaubens und seinem Siege zusammen. Sie erwartete, die Richter würden er- bittert mit ihm streiten, ihm böse erwidern und ihre eigene Wahrheit ins Treffen führen. (Fortsetzung folgt.) Hrzt und ScbulbetmK Von Otto Rühle. Die Eiitwickelung des ErziehungStvesenS weist die iinvcrlennbare Tendenz auf. immer mehr Sache der ganzen Gesellschaft zn werden. Die engcn Wände des Fatnilieiizimmers. zwischen denen sich bisher der erste und bedeutsamste Abschnitt der Erziehungsarbeit vollzog, und der geschlossene Wirkungskreis des Berufspädagogen, der sich noch heute vielfach als alleiniger Herr und Meister der Jugend- bildung fühlt— sie weiten und recken sich unausgesetzt aus, rücken ihre Grenzen immer ferner und gewähren so der Erziehung neue Gebiete, neue grotze BewegungS- und BetätigungSmöglichkciten. Erziehung des Kindes für die Gesellschaft durch die Gesellschaft, so lautet das' Ziel der Sozialpädagogik, dem mit der Länge der Zeit immer mehr Blicke sich zuwenden. Mit der Einführung des Arztes in den Schul- betrieb wurde zum erstennial die starre Mauer durchbrochen, die den Bcrufscrzichern die Schule als ansschlictzliche Domäne sichern sollte. Der Erfolg ermunterte zu weiteren Anläufen. Bald klopfte die KuusterziehungSbewegung an die Pforten, Einlast fordernd für den Künstler, dast er mit den, Kunstschaffen und Kunstgcniesten in den Dienst der Menschencrzichung trete und seine Mission schon bei der Jugend beginne, lind eine weitere starke Strömung, die beständig an Einfluß gewinnt, fordert neben Lehrer, Arzt und.stünstler den Handwerker, Gärtner und L a n d tv i r t, durch deren Hände die praktische Arbeit als Erziehungsmittel Geltung und wirksame Kraft gewinnen soll. So werden die engen und beengenden Bande des pädagogischen ZünftleNums und der zünftlerischen Pädagogik gesprengt, und in breiten Wogen wird einst das ivcchselvoll flutende Leben der Gesellschaft seine Aiiregimgen, Impulse und ErziehungSmomentc in den Kreis der Jugend tragen, um diese mit dein Geiste zu erfüllen und der Kraft zu befruchte», die eben dieses Leben später von ihr wieder erfordert. Dein Schularzt ist heute im allgemeinen nur ein noch ziemlich kleiner Wirkungskreis eingeräumt. Meist beschränkt sich seine Tätigkeit auf periodische Untersuchungen der Kinder, deren Ergebnisse'in Tabellen niedergelegt und am Jahresschlüsse veröffent- licht lverden. Da und dort wird er noch bei Auswahl der Ferien- kolonisten und der Schwachsinnigen um seine gutachtliche Aeusterung ersucht, und in vereinzelten Fällen erteilt er in Form von Vorträgen den Eltern Aufschlust über Kinderpflege, Krankheitsverhütung, Schulhygiene usw. Damit aber— änsterstensalls— ist seine Wirksamkeit erschöpft. Das ist der gröstte Mangel der ganzen Einrichtung, denn in der Schule gibt es so unendlich viel für den Arzt zu tun, dast, selbst wenn er ihr seine gesamte Arbeitskraft widmete, immer noch zu tun genug für ihn übrig bliebe. Die Tätigkeit des Arztes dürfte sich keineswegs nur auf die Acusterlich- leiten in der Beschaffenheit der llnterrichtLränme, der Verfassung der Schüler, der Organisation des Schillbetriebs beschränken, sie müßte auch das ganze Wesen der Erziehung in all ihren Aeui-erungs- und Erscheinungsformen durchdringen. Vielleicht wäre ei.> idealer Zu- stand im gewissen Sinne erreicht, wenn Arzt und Pädagoge ein und dieselbe Person wären. Darair ist fteilich vor- läufig nicht zu denken. Es muß dem Arzte in der Schule das Terrain schrittweise erobert werden und dieses Vordringen kostet viel Kampf und Schloeiß, beim der Kapitalismus, der Leben nnd Gesnndheit des Volkes verwüstet nnd zerstört, hat Ursache genug, die Koirstatierrrngerr der Aerzte an den verkümmerten und verwahrlosten Leibern der unter Not und Entbehrung heranwachsenden Jugend des Proletariats zu fürchten. Jedoch die Furcht bietet keiire« dauernden Widerstand, die Entwicklung schreitet über ihre Schatten hinweg. Einen rüstigen Schritt auf diesem Wege stellt eine S a m in lung von ärztlichen Gutachten dar, die im Auftrage des Eltern- bundes für Schulreform der bekannte Bremer Pfarrer Strudel her- ausgegeben hat1*); die Gutachten beziehen sich zunächst auf die lleberbürdungsfrage, haben aber über den Rahmen dieses SpezialzweckS hinaus als Beitrag zu dem bedeutsame» Kapitel Arzt und Schulbetrieb Wert und allgemeines Interesse. Der im Dezember 1WS im Anschluß an den Beginn der ReligionSunterrichtSkampagiic der Bremer Lehrer begründete Eltern- build für Schulreform ist 190C mit,'.tt Gutachtensammluiig über den Religionsunterricht zum ersten Male vor die Oeffentlichkeit ge- treten. Durch den Erfolg ermutigt, hat er später sein Interesse auch andere» pädagogischen Fragen gewidmet, unter denen besonders die Ueberbürd»iigsfrage Beachtung erheischte. Es wurde eine Umfrage veranstaltet, die von zirka 800 Acrzten Ausichluß darüber zu erhalten wünschte,„ob bei dein Maße von geistiger Arbeit, daS heutzutage dem Schüler in höheren nnd auch niederen Schulen zugemutet Ivird, auch für geniigeude ErholuugSzeit von feiten der Schule vor- gesorgt ist und ob die tägliche Schulzeit, wie sie fast überall gleichmäßig vorgeschrieben ist. den Rücksichten entspricht, die auf die geistige und körperliche Frische des in den wichtigsten EntwickelungS- jähren stehenden Schülers genommen werden muß". Unbegreiflicher- weise hatte die Umfrage in bezug auf die Zahl der eingelaufenen Antworten ein geradezu beschämendes Ergebnis. Von 800 Frage- bogen kamen— sage und schreibe— 49 zurück, darunter 16 von Bremer Aerzten und 4 ohne Unterschrift. Bon Fachautoritäten und medizinische» Hochschuldozcnten, die in erster Linie angegangen Ivorden lvaren, hatten Bernhardt, Grotjahn, Eramer, Sollmann, Hosfa, Monti, Griesbach, Rindfleisch u. a. geantwortet. Entsprach die Reihe der„berühmte»" Namen, so stattlich sie immerhin sein mag, auch nicht entfernt den gehegten Erwartungen, so gab sie doch schließlich den Ausschlag in der Frage, ob das in seiner Totalität deprimierende Ergebnis der Umfrage überhaupt literarisch und propagandistisch verwendet werden solle oder nicht. Der Elternbund entschloß sich zur Herausgabe und hat damit der Sache der Schul- Hygiene wie dem Bestrebe», auch den Unterricht mehr den Forderungen der Hygiene anzupassen, keinen schlechten Dienst er- lviesen. Die erste der in der Umfrage gestellten Fragen lautete: Halte» Sie es für richtig, daß, wie jetzt noch überall geschieht, ohne Rück- ficht auf die Benchiedenheiten individueller EntWickelung beim Kinde, daS schulpflichtige Alter auf ein bestimmtes Lebensjahr festgelegt wird? Welches Lebensalter würden Sie durchschnittlich als dasjenige bestimmen, in welchem dem Kinde der Eintritt in die Schule zugemutet werden darf?— Von den 33 Be- antloorluugen der Frage sind nur 10 für die Festlegung aus ein bestimmtes Lebensjahr. Während vor zirka 16 Jahren Otto Janke. noch an der Hand des gesamten ausschlaggebenden schulhygienischcn Materials den Nachweis führen konnte, daß der Beginn der Schul- Pflicht mit vollendetem sechsten Jahre gutgeheißen werden könne, vorbehaltlich einiger Ausnahmen, ergeben die Antworten der Um- frage als Durchschnitt für den Schulbeginn bei normalen Kindern das siebente Lebensjahr, dasselbe Jahr?also, das auch ein 1883 erstattetes Gutachten der königlichen preußischen wissenschaftlichen Deputalion für das Medizinalwcscn als das geeignetste erachtete. Sechs Gutachter sind für das achte, einer für das zehnte Lbensjahr, 13 halten das sechste, unter Umständen schon das fünfte Jahr für zweckmäßig und unbedenklich. Von mehreren Beantwortern wird betont, daß es ein Unding sei, den Schulbeginn nach Schema? für alle Kinder regeln zu wollen, da hierfür einzig die geistige und vor allem die körperliche Entivickeluvg des Individuums matzgebend sein könne. Der Herausgeber vertritt denselben Standpunkt mit dem Hinweis auf die oft bestättgte Tatsache, daß ein zu früher Schulbeginn viel bedenklicher ist als ein zu später. Die Aufnahme jedes Kindes in die Schule sollte an die Bedingung geknüpft sein, daß es zuvor von einem Arzte gewissenhaft auf seine körperliche und geistige EntWickelung untersucht iverde. Ohne den Ausweis einer auf Grund solcher Untersuchung ausgestellten ärztlichen Einwirkung sollte es nicht aufgenommen werden dürfen. Daß man sich dabei nicht immer auf die Einsicht des Schularztes, dein die Schul- neulinge vorgeführt zu werden Pflegen, verlassen kann, beweisen die glitachtlichen Aeutzerungen des städtischen Schularztes Dr. Götz in Leipzig(des Vorsitzenden der deutschen Turnerschast und fanatischen Sozialistenfrcsscrs). die sich— wie mehrfach ausdrücklich betont wird— durch ihre Härte und Rllckständigkeit unrühmlich ans- zeichnen) Die zweite Frage der Enquete lautet: Was halten Sie von der Zeit des täglichen Schulbeginns? Wieviel Schlaf bedarf ein Mensch im Alter von 6—10, wieviel imSllter von 10—14 und wieviel im Alter von 14— 20 Jahren? Auf welche Stunde würden Sie den Anfang des Unterrichts in den Sommer- und in den Wintermonaten für die drei genannten Altersstufen ansetzen? Antwort: ES sind für das Alter von 6—10 Jahren lO'� Stunden, von 16— 14 Jahren l)3/- Stunden nnd von 14— 20 Jahren Stunden Schlaf dnrchsch, sittlich erforderlich. Je mehr Schlaf das Kind braucht, desto länger soll es schlafen. Zuviel Schlaf kann einem Kinde kaum geboten werden. Im Schlaf wächst das Gehirn, erneut sich die Nervenkraft, erholen sich die Muskeln. Damit das Kind morgens nicht aus dein Schlaf ge- *)Arzt nnd Sckulbetrieb. Gutachten deutscher Aerzte- Hcre.'L�cgcben von Fr Hteudel. Teulonia-Vtrlag, Leipzig 1907. ttficn zu loftben braucht, soll die Schule für die Unterstufe im Sommer etwa um 8 Uhr. im Winter um!) Uhr beginnen: für die Oberstufe um 8 bezw. S'/a Uhr. und für das Mter Von 1s bis M Jahren durchschuiUlich um 8 Uhr. Der Herausgeber geht noch über die Forderungen der Aerzte hinaus, indem er verlangt, dag der Unterricht unter keinen Umständen weder bei jungen noch älteren Schülern vor 9 Uhr beginnen sollte. Wenn auch nicht auf dem Lande, so doch sicher in Grogstädten wird diese Forderung shinpathischcr Aufnahme begegnen, und das berechtigtermaben. Sind Sie der Meinung, so forscht die dritte Frage, dah der ganze Schulunterricht auf den Vormittag beschränkt und aller NachmittagSnuterricht fabgeschen etwa von Spiel- und Hmrdfertigkcits-Unterricht) abgeschafft werden must? Der Heraus- geber bezeichnet das Ergebnis dieser Frage als eine„für uns �schulreforiner" geradezu glänzende Genugtuung, denn 84 von 47 Gutachten befürworten die Beschränkung des Unterrichts auf den Vormittag. Wir vermögen dem Resultat' keine so glänzende Seite abzugewinnen, weil wir das Streben nach Nur-Vormittags-Unter- richt nicht teilen. Dieses Streben ist— wie allseitig zugegeben wird— eine Folgewir'nng der Fruchtlosigkeit des Nachmittags- Unterrichts. Waruni aber ist der NachinittagSunterricht fruchtlos? Weil der heutige Schulunterricht ein ganz einseitiger Lern- und Drillunterricht ist, der sich lediglich an den Intellekt wendet. Man schaffe Leben in_ den Unterricht, baue ihn auf dem Fundamente des Spiels, der Waitderung. der Arbeit auf— und man wird die Erfahrung machen, daß das Kind unter so gearteten Ilinständen des Nachmittags ebenso gern, leicht, froh und ohne die Zeichen der vorzeitigelt Erschlaffung lernt und geistig arbeitet ivie des Vormittags. Warum beschränken sich die Landerziehungsheime nicht bloß auf den Vormittagsunterricht? Warum lassen selbst die eifrigsteir Befürworter des VormittagsuntcrriältS für Spiel- und Handfertigkeit den Nachmittagsunterricht zu? Weil eS bei ArbeitS- unterricht keine Ermüdung im Sinne der heutigen Schulpraxis gibt. Die Frage der Neberwindung der Nachmittags-Achülermüdigkeit ist unseres Erachtens keine Frage der Stundeuplantechnik oder der Uitterrichtsorganisation, sondern lediglich eine Frage der Methode. Hier ist das Rhodus, wo getanzt werden muß I Die vierte Frage lautet: Was erachten Sie für die drei gc- nannten Altersstufen je als die M a x i»n a l z a h I von Unterrichtsstunden, die den Kindern an e i n e m V o r m i t t a g zugemutet werden darf? Darauf antworten die Befragten: 6—19 Jahre durchschnittlich 3, 19—14 Jahre 4, 14—29 Fahre 8 Stunden. Ein Gutachter erklärt 1—2 Stunden geistiger Arbeit für genug, eilt anderer— unglaublich!— bringt 8 Stunden in Vorschlag. Muß der Mann, ein Leipziger Arzt, Verständnis für das physische rrnd psychische Wohlergehen der Jugend haben I Die weiteren Fragen beziehen sich auf die P a u s e zwischen Vor- und Nach niittags Unterricht, die Pausen zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden, die HauSau f» gäbe», den Unterricht im Freien und die Dauer und Verteilung der Ferien. Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Zwischen dem Vormittags- und dem Nach- mittags-(Spiel- oder Handarbeits-> Unterricht müssen vier Stunden Pause liegen. Der ungeteilte, mit geistig anstrengenden Fächern ausgefüllte Vormittagsunterricht darf für 6—19 Jahre nicht über 2% für 10—14 Jahre nicht über 3, für 14—29 Jahre nicht über 4 Stunden dauern. Eine selbständig zu bewältigende, etwa 2 Stunden beanspnichende Arbeit darf dem Schüler für Sonn- abendnachmittag aufgegeben werden. Ein Nachmittag der Woche muß schul- und aufgabenfrei belassen werden. Wenn nachmittags Unterrichtsstunden erteilt werden, auch Zeichnen, so müssen Haus- aufgaben behördlich verboten werden. Wird nur Singen, Turnen, Experimentieren und ähnliches getrieben, ist eine kleine Memorier- aufgäbe statthaft. UebcrsetzuiigSpräparatiouen sind abzuschaffen, alle unnötigen Schreibereien den: Schüler zu ersparen. Die eigentliche Lernstunde in der Schule soll nicht über 49 Minuten dauern. Alle Fächer, die einen Unterricht im Freien erfordern oder ver- iragen, sollen bei zusagender Witterung in, Freien ab- gehalten werden. Damit er hierzu die schönen Tage ausnützen kann, soll der Stundenplan nicht starr festgelegt sein. Einmal in der Woche hat der Lehrer einen Ausflug, Spiele oder sportliche Hebungen zu veranstalten, doch nicht an einen, schulfreien Nachmiltage. Hausaufgaben dürfen an diesem Tage nicht gegeben werden. Die Ferien sollen insgesamt 13 Wochen'betragen und nicht durch Fericnaufgabcn belastet sein. Außerdem ist der erste Montag jedes Monats freizugeben. Im Schulstaub ergraute und verknöcherte Pedanten werden ob all dieser Forderungen die Hände über dein Kopfe zusammenschlagen und erstauin fragen, ob denn dann überhaupt noch Zeit zun. Unterrichten und Lernen für Lehrer und Schüler übrig bleibt. Sie mögen um des- willen ruhig schlafen, denn hier gilt das Wort: Die Menge tut es nicht! Je frischer und gesünder, gepflegter und geschonter das Kind, desto höher seine Leistungsfähigkeit: je kürzer die Kraftanstrengung, desto inten- jiver die Kraftentfaltung. Käme zu all den weitgehenden Erleich- terungcn, die die Schul- und Unterrichtshygiene der lernenden Jugend zu bieten den gitten, ehrlichen Willen hat, noch eine der Kindes- natur völlig angepaßte Methode, die freilich nur auf dem Wege einer grundsätzlichen Rcvolutionicrung des gesamten öffentlichen Erziehungs wesenS zu geivinnen ist, dann müßte die E ch n l q» a l von hente sich in eine wahrhaste und beglückende Echulfreude verwandeln und cS würde nicht mehr möglich sein, daß in einer in bürgerlichen Kreisen so angesehenen Zeitschrift wie der„Jugend" die Worte zu lesen find: Ein Zucht Hans ist die Schule, kein Haus gesunder Zucht— Was Wunder, daß der Jüngling di» Schinder hauö verfluch». Kkines femtteton. Hennen, die täglich zwei Eier legen. Nach der allgemein vcr- breiteten Ansicht ist es für eine Henne unmöglich, mehr als ein Ei an einem Tage zu legen, und doch erleidet auch diese Regel zu- weilen eine bewundernswerte Ausnahme. Die Geflügelzucht hat überhaupt die Leistung der Hennen erheblich gesteigert. Professor Gowell hat an einer der landwirtschaftlichen Versuchsstationen in den Vereinigten Staaten durch Zucht die Lcgetätigkeit der Hennen zu steigern versucht und hat als höchsten Betrag eine Lieferung von LSb Eiern im Jahr von einer einzelnen Henne erzielt. Ob dies Ergebnis einer noch weiteren Steigerung fähig ist, läßt sich schwer sagen, jedoch sollte theoretisch die Grenze erst bei einem Zustand angenommen werden, in dem die Henne die von ihr aufgenommene Nahrung nicht mehr schnell genug zum Aufbau der Eier verarbeiten kann. Em biologischer Grund liegt, wie Dr. Drew in der Wochen- schrift„Science" schreibt, nicht vor, warum nickt eine Henne an fedcm Tag des Jahres ein Ei oder warum sie nicht an einem Tage mehr als eines legen sollte. Jedenfalls ist die Geflügelzucht in ihrer Praxis, wenn sie dies Ziel zu erreichen sich bemüht hat, bisher immer auf unüberwindliche Schwierigkeiten gestoßen. Dr. Trcw hat selbst Experimente ausgeführt, wozu er besondere Vorrichtungen für die Beaufsichtigung der Hennen anlvairdte. Sol>ald eine Henne ein Nest betrat, fiel eine Tür hinler ihr zu und sperrte sie nicht nur selbst bis zur Erfüllung ihrer Pflicht ein, sondern hielt auch alle anderen Geschwister fern. Auf diese Weise wurde die Eigen- schaft jeder einzelnen Henne festgestellt. Nach einigen Wochen lenkte sich auf eine Henne der erfreuliche Verdacht, daß sie zwei Eier an einem Tage gelegt hätte. Man war sich zunächst nicht sicher genug, ob nicht ettva ein Versehen in der Beobachtung vorgekommen wäre. aber nach einiger Zeit wurde von derselben Henne der gleiche Rekord ermittelt. Im Verlauf von zwei Monaten wiederholte sich diese Leistung fünfmal. Im ganzen brachte es diese Henne im Verlauf von 33 Tagen auf 34 Eier. Die weiteren Beobachtungen zeigten, daß das Legen von zwei Eiern an einem Tage gar nicht einmal so selten war, daß die betreffende Henne aber dann gewöhnlich am Tage vorher oder nachher kein Ei legte. Theater. Deutsches Theater:„Was Ihr wollt", Lustspiel in fünf Akten von Shakespeare. In seinem Buche über Shakespeare, das den Spuren von des Dichters Persönlichkeit, dem Wechsel seiner Welt- und Lebensanschauung feinfühlig nachgeht, hat Brandes für die in den Shakcspearischcn Komödien lebende Grundstimmung einen höchst glücklichen Ausdruck gefunden. Wer sich eine Vorstellung machen will, wie Shakespeare damals, als er — ein Dreißiger— seine Rosalindcn, Bcatriccs und Violas schuf, wohl zu Mut gewesen, der möge sich eines Tages erinnern, wo er mit der Empfindung vollster Frische und Gesundheit erwachte, wo er das Gefühl hatte, daß alle Organe seines Körpers in glücklicher Wirksamkeit waren; das Atmen ging leicht von statten, der Kopf war klar und frei, das Herz klopfte ruhig; es war eine Lust zu leben. Mau denke sich dies Lebensgesühl, wie man es kennt, hundertmal so kräftig, man stelle sich seine Einbildungskrast, seine Beobachtungsgabe, sein Darstcllungsvermögcn hundertmal vermehrt vor, so ahnt man Shakespeares Scclenzustand zu jener Zeit, wo die lichteren, froheren Seiten seines Wesens sich entfaltet hatten. Ob der psychologische Rückschluß auf des Dichters eigenes Glücks- gefühl zutreffe oder nicht, jedenfalls malen die Worte aufs An- schaulichste die Stimmung, die das freie Phautasiespiel jeuer Komö» dien, in seinen Höhepunkten erfaßt, bei dem Genießenden auszu- lösen vermag. Aber dieser feinste Reiz erschließt sich eher dem Leser, der am Gleichgültigen vorbeicilen, beim Fröhlichen und Schönen nach Belieben verweilen kann, als dem auf seinen Sitz gebannten Zuschauer, der alle Szenen, auch die den Stempel ganz zufälligen Zeitgeschmackes tragenden, in gleichem Tempo vorüber- ziehen sieht. Die bunte Mannigfaltigkeit wirkt da zerstreuend und ermüdend. Auch die Aufführung auf der Reinhardtbühue, so viel Fleiß, Geist und Einbildungskraft da mit gearbeitet hatten, gab bei zu- sammenfaffendem Uebcrschlag nach meinem Empfinden weniger, nicht mehr, als eine ungebundene Lektüre bietet. Die von H u m p e r d i n ck für die cingestreutcnLieder komponierten Weisen »lögen noch so paffend sein, was hilft das. wenn die wundervollen, vom schweren Atem verliebter Leidenschaft durchglühten Verse zum Preise der Musik von einem Herzoge lHerr B e r e g i) gesprochen werden, dessen nüchternes Organ den Strophen den Zauber seclen- vollen Wohllauts gänzlich abstreift. Die Pagenrolle der Viola fand in Fräulein Höflich eine Vertreterin von einfach natürlicher Anmut und liebenswürdiger Herzlichkeit. Indes der Volkslied- mäßige lyrische Einschlag treu harrender Liebe in dieser Mädcheu» gestait, die Tiefe hinter der Wunterleit kam, ohne daß die Dar, slellerin darum ein Vonmirf träfe, in dem Zusammenhang des Bühnenganzen nur flüchtig zur Erscheinung. Die um den Hof- mcister'Malvolio gruppierten Possenszenen, die zum Teil doch schon recht altfränkisch anmuten, drängten alles Ucbrige vollständig in den Hintergrund. Eine besonders frappante Leistung trat hier nicht hervor. Mass manns vorzüglicher Junker Christoph von Bleichenwand war dieses. Schauspielers früheren Shakcspcarc- rollcn schon im voraus bekannt, Schildkrauts Malvolio exzellierte mehr durch karikierte Häßlichkeit als charakterisierende Komik. M o i s s i gab dem Narren, ohne rechte Begründung schien mir, einen weltschmerzlich weichen llnterton.— Else Heims war eine auffallend hübsche, zierliche Olivia. Hedwig Mangel als Äammcrfräulein ein Ausbund lachlustiger Durchtriebenheit. Die Kulissen zeigten einfache und stimmungsvolle Stilisierung. Beim Szenenwechsel unterhielt Reinhardt das Publikum durch ein ganz eigenartiges Experiment. Der Vorhang fiel nicht. Man sah im Halbdunkel die Drehbühne mit ihren verschiedenen Bildern sich langsam fortbewegen. Das Hin und Her der Bilder erinnerte etwa an Zierleisten, wie sie beim flüchtigen Durchblättern eines Buches rasch vorüberhuschen. Zum bunten Märchcncharakter der Komödie stimmte das Spukhaft-Phantastische, das Durcheinander von vor und hinter den Kulissen gar nicht übel. 6t. Kunst. „II eber die künstlerischen Probleine der heu- t i g e n Architektur" sprach Architekt August E n d e l l in dem von ihm erbauten Festsaal Rosenthalerstr. 40. Endell ist_ einer der begablesten jüngere!? Architekten Berlins und so boten seine Aus- einandersetzungen vieles Interessante. Zu Ansang betonte er die Notwendigkeit, zu neuen Baufornien zu kommen. Da unsere Technik, unsere KonstruktionSmöglichkeitcn, unsere Art des Wohnens, unser Lcbeusgefühl andere geworden seien, müßten auch die Formen der Architektur von selbst sich ändern. Die Nönier konnten Gewölbe von 20—30 Meter überspannen, wir können solche von 70, ja 100 Metern überdachen. Andererseits wohnen wir enger beieinander, dichter übereinander und wir verlangen anderes und mehr von unseren Räumen, in denen wir wohnen, als die Borfahren. Man habe versucht, durch Auswahl alter Formen zu einer neuen Architektur zu kommen. Sowohl in dein einfachen Sinn, daß man die Stilspratbe überträgt(wobei meist, da die Verhältnisse andere sind. Entgleisungen vorkommen) oder in dem feineren Sinne eines Messel und Hofsmann, die in sorgfältiger, geschmackvoller Weise wirklich den Geist der alten Architektur in cineiu Extrakt darbieten. Aber auch hier sei oft das Resultat ein ungünstiges, da moderne Forderungen oft mit der alten Architektur kollidieren. Aber speziell auf dem Gebiete des Grundrisses, der Naumatt-niitzung sei diese ältere Generation vorbildlich tätig gewesen. Danach kam die kunstgewerbliche Bewegung der achtziger Jahre, die nach einein allgemeinen Ucberschwang bald eine Ernüchterung brachte. Die Folge war, daß inan nun. um sich vor der Fülle des Falschen und Ncbertriebencn zu retten, betonte, man dürfe nur zweck- gemäß, inaterialgerecht, konstruktiv bauen. Dies tvar ein Notbehelf, kein Ende. Den» über der Notdurft steht die Schönheit. Schönheit in Form und Farbe sei etwas sehr Reales, speziell in der Architektur. Man sehe dnS an den alten Bauwerken, bei denen uils oft eine unerklärliche Schönheit entzücke. Diese Schönheit kann, da sie in den architektonischen Verhältnissen liegt, studiert, untersucht, gelehrt werden. In dieser Weise sei das Studium der Mten zu cnipfehlen. Sowie ich eine antike Säule nicht darauf ansehe, tvie ich sie benutzen kani'. sondern zu dcnr Zwecke, zu ergründen, wie ist der Baumeister zu diesem Ausdrucke gekommen, warum hat er hier geändert, dort fortgelassen, dort hinzugefügt, belebt sich vor meinen Augen die Vergangenheit. Ich suche nicht Motive zusammen, sondern ich lerne verstehen, erziehe mich, bereichere mich durch Erkenntnis der Arbeits- weise der alten Meister und finde auf diesem Wege neues. Ebenso geht c3 mit der Natur. Sie liefert einen nnerschöpflichcn Schatz von Vorbilden!. Diese muß ich studieren. Ich muß mir z. B. ein Blatt, eine verschiedene Serie von Blättern an- sehen, so genau ansehen, daß siih mir die individuelle Form jedes Blattes einprägt. Dann arbeite ich weiter; ich variiere: ich lasse hier eine Schwingung weg, füge eine Linie zu, stelle das Blatt auf den Kops. Aus diesem Vorrat suche ich mir dann das jeweilig Passende aus, das den RythmnS der Form, die ich verlange, am geschmeidigsten ausdrückt. So kann ich auch mit Linien operieren: überall beleben sich vor meinem Blick neue Möglichkeiten. Das ist eine Technik des Schaffens, die gelehrt werden kaiin, da sie auf Kenntnissen, Gesetzen beruht, und in diesem künstlerisch lebendigen Sinne ist das Studiunl der Resthetik zu empfehlen, um durch Vor- gltichung der Formen zu euer lebendigen Anschauung, zu einer Kritik zu kommen. Indem ich die Wandlung der Formen überblicke, eröffnen sich mir neue Perspektiven. Da die Architektur von heute überall durch Vorschriften gebunden ist,' gilt eS durch geschmeidige Ausivahl jeweils das Passendste zu suchen. In diesem praktischen Sinne will Endell im kommenden Winter Vorträge über Architekt rr halten, an der Hand von Zeichnungen, Photographien und Lichtbilde m. Der Zyklus erstreckt sich über zwei Jahre und soll eine zusan» nenhängende Bauformeiilchre geben. Endell vereinigt Temperament und kühles Urteil; er strebt hin zum Bcwußt-Schöpferischen; er besitzt damit ein vorzügliches Lehrtalenl und e§ ist zu wünschen, daß ihm Gelegenheit gegeben wird, fördernd und anregend zu wirken. Nicht nur als Lehrer, sondern auch als Künstler, als Architekt niit praktischen Beispielen seiner Kunst, daS heißt, daß er Aufträge erhält. Es ist ein Gewinn, daß ein Architekt, der Künstler ist, der in seiner Kunst so bewußt das Neue sucht, von dieser zu reden unter- nimnlt. Nur der Künstler überzeugt uns. Wir beginnen uns von der Wissenschast zu emanzipieren. Und es ist das wohl als ein iveitercs erfreuliches Zeichen dafür anzusehe», daß die Freude an der Baukiinst im Steigen begriffen ist. o. s. Medizinisches. D i e Heilung der zerrissenen Leber. In der Chirurgie gibt es heute nichts Unmögliches mehr. Die schwersten Verletzungen, die ohne operative Eingriffe sicher zum Tode geführt hätten, werden jetzt durch die kühnen Eingriffe des Chirurgen gc- heilt. In Zürich geriet kürzlich ein Bahnarbciter zwischen die Puffer zweier Güterwgaen, und eS wurde ihm der Unterleib stark gequetscht. Er konnte immerhin noch 200 Meter weit zum Arzte gehen, siel aber bei demselben mit den schwersten Zeichen der inneren Blutung ohnmächtig zu Boden. Bei der in der Klinik 2 Mi Stunden nach der Verletzung vorgenommenen Leibesöffnung, stürzten große Massen Blut aus der Leibeshöhle heraus. Als Ur- fache der Blutung erwies sich«ine schwere Verletzung der Leber, der linke Lappen war fast völlig vom rechten abgerissen. Um die sehr starke Blutung zu stillen, wurde der linke Lcbcrlappen völlig entfernt, wobei eine 16 Zentimeter lange Wundflächc des rechten Lappens znrückblieb. Der Stumpf wurde alsdann zusammen- gedrückt und die blutenden Gefäße unterbunden, dann wurden acht Nähte angelegt, welche den ganzen Lcberquerschnitt durchsetzten. Der entfernte linke Lappen wog 320 Gramm. Nach mehrtägigem Fieber und Erbrechen erholte sich der Kranke allmählich von der schweren Operation und dem Kräftcvcrfall und wurde genesen cnt- lassen. Technisches. Elektrische Rattenvertilgung. Damit ein große» Unheil auch nicht ganz ohne gute Folgen sein sollt«, hat das Auf- treten der Pest in Indien mit ihren beispiellosen Verwüstungen einen Fortschritt gebracht, der sowohl in materieller wie in hygic- nijcher Beziehung, was übrigens oft in einem engen inneren Zu- sammenbang steht, nicht gering zu veranschlagen ist. Die alte Lehre von der Ausbreitung der Pest durch die Ratten ist wieder aufgelebt und von der Wissenschaft bestätigt Ivordcn, und dadurch ist es zu einer richtigen Kriegserklärung des Menschen gegen dies Ungeziefer gekommen. Namentlich bat die Technik alle möglichen Mittel aufgeboten, die zu einer Vernichtung der Schiffsratten führen könnten, toeil die Rattcnbcvölkerung der Schiffe selbstvcr- ständlich in erster Linie dazu geeignet ist, die Pest auf weite Eni- fcrnungen und über Meere hinweg zu verpflanzen. Die meisten Beiträge zu dem Arsenal dieses Krieges hatte bisher die Chemie geliefert, indem sie verschiedene giftige Gase, wie Kohlensäure, schweflige Säure nebst den zu ihrer wirksamen Anwendung nötigen Apparaten zur Vergiftung der Ratten empfahl. Jetzt hat auch die Physik mobil gemacht, denn im„Gesundheitsingenieur" ist von einer Erfindung zu lesen, die von Albert von Biederheim in Wien herrührt und den elektrischen Strom zu dem erwähnten Zweck be- nutzen will. In den Schiffsräumen wird eine große Zahl von metallischen Spitzen angebracht, die ziemlich dicht nebeneinander stehen und mit einer elektrischen Starkstromleitung verbunden sind. Jede Ratte, die mit einer dieser Spitzen in Berührung kommt, ist sofort verloren. Nun wird außerdem zwischen die Spitzcnreihen noch irgendein Köder gelegt, und außerdem fällt die elektrisch hin- gerichtete Ratte in ein geschickt angebrachtes Faß. Selbstverständ- lich kann diese Erfindung auch au anderen Stellen außer auf Schissen verwandt werden, z. B. in Kanalisationen. Man läßt die elektrische Mausefalle in den Kanal hinab und zieht sie dann mit den getöteten Tieren wieder herauf. Versuche, die mit der Er- findung in Trieft angestellt worden sind, haben befriedigende Er- gebnisse erzielt. Humoristisches. — Glückliches Zusamn, en treffen. Wohiniiigs- Vermieterin:„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich im Geld- punkte sehr energisch bin. Ihr Vorgänger blieb mir drei Monate die Miete schuldig, und als er auch da noch nicht zahlen konnte, habe ich ihn einfach hinausgeworfen."— Mieter:„Macht nichts. Unter diesen Bedingungen nehme ich die Wohnung auch l" — Die Hauptsache. Else:„Was, Du gehst schon wieder ins Theater? Das Stück hast Du doch schon gesehen l"— Grete: „Ja— aber noch nicht in meiner neuen Toillettel" Kathederblüte. Professor der Naturgeschichte:„... Sie lehnt hier, meine Herren, ein selten schönes Exemplar ciueS Gorillaschädels. Solche Schädel existieren in unserer Stadt nur zlvei; den einen besitzt das Museum, de» anderen habe ich." („Fliegende Blätter".) Berantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrci u.Vcr!ag,a»>taItPaulSingcr LiCo..B-lliii2VV.