Nnterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 206. Mittwoch, den 23. Oktober. 1907 (Nachdruck verboten.) 62] Die JMuttcr. Roman von Maxim Eorti. Deutsch von Adolf Hetz. Dieser rohe und seltsame Gedanke nahm eine um so be- stimmtere Form an. je aufmerksamer die Mutter die Richter betrachtete. Sie konnten anscheinend ihre heftige Begierde und die ohnmächtige Wut hungeriger Wesen, die einst viel hatten fressen können- nicht mehr verbergen. Für sie. die Frau und Mutter, der der Körper ihres Sohnes stets teurer ist. als das. was man Seele nennt, war es ein schrecklicher Anblick, wie die klebrigen, erloschenen Augen über sein Gesicht hinglitten: seine Brust, Schultern und Hände gleichsam be- tasteten, sich an seiner heißen Haut scheuerten, als wünschten sie aufflammend das Blut in den verkalkten Adern dieser halbtoten Menschen zu entzünden und zu erwärmen... Ihr schien, als wenn ihr Sohn diese feuchten, unangenehm kitzeln- den Bewegungen fühlte..- Pawel aber blickte mit etwas müden Augen ruhig und freundlich in das Gesicht der Mutter. Bisweilen nickte er ihr zu und lächelte. „Bald kommt die Freiheit!" sagte ihr dieses Lächeln und streichelte das Miltterherz mit weichen Händen. Plötzlich standen alle Richter auf einmal auf, die Mutter erhob sich ebenfalls. „Sie gehen fort!" sagte Ssisow. «Um das Urteil zu sprechen?" fragte die Mutter. «Ja..." Ihre Spannung ließ plötzlich nach, ihren Körper umfing tseiße Mattigkeit und auf ihrer Stirn trat Schweiß hervor. Ein schweres Gefühl der Enttäuschung und der Kränkung strömte in ihr Herz und verwandelte sich schnell in nieder- drückende Verachtung gegen die Richter und das Gericht. Da sie Schmerz in den Brauen verspürte, fuhr sie fest mit der flachen Hand über die Stirn und schaute um sich: die Ver- wandten der Angeklagten traten an das Gitter heran, der Saal füllte sich mit dumpfer Unterhaltung. Sie trat eben- falls zu Pawel, ergriff seine Hand und weinte still vor Schmerz und Freude. Pawel sagte ihr freundliche Worte. Der Kleinrusse scherzte und lachte. Alle Frauen weinten, aber mehr aus Gewohnheit als aus Kummer. Kummer, der wie ein unerwartet und unsicht- bar auf den Kopf niedersausender stumpfer Schlag das Be- wußtsein raubt, war eigentlich nicht vorhanden, es war mehr das traurige Gefühl der Notwendigkeit, sich von den Kindern trennen zu müssen. Aber sogar dieses Gefühl verging und löste sich in den Eindrücken auf. die der Tag hervorgerufen hatte. Väter und Mütter blickten ihre Kinder mit dem üblichen Mißtrauen gegen die Jugend und dem gewohnten Bewußt- sein der Ueberlegenheit über sie, gleichzeitig aber auch nnt einer sonderbaren Verehrung an. Auch stumpfte sich der auf- dringliche Gedanke, wie sie jetzt leben würden, an der durch die Jugend erregte Neugierde ab. einer Jugend, die kühn wtd furchtlos über die Möglichkeit eines anderen besseren Lebens sprach. Die Gefühle wurden dadurch zurückgehalten, daß man sie nicht auszudrücken wußte: Worte wurden reichlich ge- braucht, aber man sprach von einfachen Sachen, von Wäsche und Kleidung, von der Notwendigkeit, sich gesund zu erhalten und die Behörde nicht aus nichtigen Anlässen zu erzürnen. „Alle sind müde, mein Freund," sagte Samoilow zu seinem Sohn.„Wir ebenso wie Sie." Der alte Bukin überzeugte, die Hände in der Luft schwingend, seinen Bruder: „Das ist es ja gerade— Gerechtigkeit! Weiter nichts! Aber das können die nicht annehmen." Der jüngere Bukin antwortete: „Bewahr mir den Star auf... ich Hab ihn so gern gehabt...." .,5kommst Du zurück, ist er wohl und munter!" „Ich Hab da in der Ferne nichts zu tun." Ssisow hielt seinen Neffen an der Hand und sagte langsam: „Also Fedor.-- das heißt nun. Du gehst fort.--." Fedja beugte sich nieder und flüsterte ihm etwas ins Ohr. wobei er schelmisch lachte. Der Eskortsoldat lächelte eben- falls, machte aber sofort ein finsteres Gesicht und räusperte sich. Die Mutter sprach mit Paul über dieselben Dinge wie die anderen Anverwandten— über seine Kleidung und Ge» sundheit: in ihrer Brust aber drängten sich Dutzende von Fragen über Sascha, über sie selbst und über ihn. Aber dahinter lag und wuchs langsam ein Gefühl übergroßer Liebe zum Sohn, der dringende Wunsch, ihm zu gefallen, seinem Herzen näher zu sein. Die Erwartung des Sck'-'cklichen war verschwunden und hatte nur einen unan�.�ymen. dunklen Gedanken an die Richter hinterlassen. Sw fühlte in sich das Entstehen einer neuen, hellen Freude, verstand sie aber nicht und wurde verwirrt. Als sie sah. wie der Kleinrusse ununter- brachen mit allen sprach, wurde ihr klar, daß er freundliche Worte nötiger hätte als Paivel.. «Das Gericht hat mir nicht gefallen!" sagte sie ihm.» „Aber warum, Mütterlein?" rief der Klcinrusse mit dank- barem Lächeln.„Zwar ein altes Plappermaul, aber doch sonst nicht faul." „Es ist nicht schrecklich, und man versteht gar nicht, wer eigentlich recht hat?" sagte sie unentschlossen. „Oh. oh, sieh mal einer, was die alles verlangt!" rief Andrej.„Wird denn hier etwa um die Wahrheit prozessiert?" Sie seufzte und sagte lächelnd: „Ich glaubte früher, es würde schrecklich, schrecklicher als in der Kirche, es würde ein Wahrheitsdienst sein." „Du weißt, Mania, wo man der Wahrheit dient!" sagte Paul leise, als wollte er sie um etwas bitten. „Sonst nirgends, Mütterlein!" fügte der Kleinruss« hinzu. „Der Gerichtshof kommt?" Alle stürzten schnell an ihren Platz. Mit der einen Hand auf den Tisch gestützt, begann der Greis mit schwachsummender, hummelähnlicher Stimme ein Aktenstück, das ihm das Gesicht verbarg, zu verlesen. „Er spricht sie schuldig!" sagte Ssisow aufhorchend. Es wurde still. Alle standen auf und blickten nach dem Greis hin. Das kleine, dürre Männchen hatte Aehnlichkeit mit einem Stock, den eine unsichtbare Hand hält und als Stütze benutzt. Die Richter standen ebenfalls, der Bezirks- älteste beugte den Kopf auf die Schulter und blickte an die Decke: das Stadtoberhaupt hatte die Arme auf der Brust ge- kveuzt, der Adelsmarschall strich sich den Bart. Der Richter mit dem großen Gesicht, sein aufgedunsener Kollege und der Staatsanwalt betrachteten aufmerksam die Angeklagten. Hinter den Richtern aber und über ihre Köpfe blickte aus seinem Bilde mit gleichgültigem, weißem Gesicht der Zar in der roten Uniform herab und über sein Gesicht kroch irgend- ein Insekt oder zitterte Spinngewebe. „Zu Verbannung!" sagte Ssisow mit einem Seufzer der Erleichterung.„Nun ist die Sache zu Ende, Gott sei Dank! Es hieß sogar Zuchthaus! Sei ruhig, Mutter, es ist nichts!" „Ich habe es ja gewußt!" antwortete die Mutter müde, „Dennoch: jetzt ist es ganz bestimmt! Wer kennt denn auch die Gesellschaft?" Er wandte sich zu den Verurteilten um, die schon fortgeführt wurden und sagte laut: „Auf Wiedersehen, Fedor! Und Ihr alle. Gott fei mit Euch!" Die Mutter nickte schweigend ihriim Sohne und allen anderen" zu. Sie wollte weinen, aber schämte sich. XXVl, Sie trat aus dem Gerichtsgebäude und wunderte sich, daß über der Stadt schon Nacht lag, daß die Laternen auf der Straße und die Sterne am Himmel brannten. Beim Gerichts- gebäude drängten sich Haufen von Leuten, in der Frostluft knirschte der Schnee, klangen junge Stimmen, die sich gegen- seitig überboten. Ein Mensch im grauen Baschlik blickte in Ssisows Gesicht und fragte schnell: „Wie lautet das Urteil?" „Verbannung!" „Für alle?" ..Ja!" „Danke/ Der Mensch ging fort. «Siehst Du?" sagte Ssisow.«Sie erkundigen sich." Plötzlich umringte sie ein Dutzend junger Leute und Mädchen, und überall ertönten schnelle Ausrufe, die wieder anderes Publikum herbeizogen. Die Mutter und Ssisow blieben stehen. Man fragte nach dem Urteil, fragte, wie die Verurteilten sich benommen, wer gesprochen hätte und wo- rüber. und aus allen Fragen klang ein und dieselbe lebhafte, aufrichtige Neugierde. „Meine Herren! Das ist Pawel Wlassows Mutter!" rief jemand halblaut, und alle verstummten nicht gleichzeitig, aber schnell. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke!" Eine feste Hand preßte die Finger der Mutter zusammen, und jemand begann erregt zu reden. „Ihr Sohn wird uns allen in der Männlichkeit zum Vorbild dienen." „Hoch die russischen Arbeiter!" ertönte ein heller Ruf. «Es lebe die Revolution!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Gedeimrat Klette. Von Carl Busse. „Herr Doktor," sagte Klette,„wenn zwei gebildete Menschen zusammenhalten, läßt sich hier schon was machen. Eine Hand wäscht die andere. Auf mich hören die Dickschädel ja, denn ich tanz mit ihnen los! Ich schick Ihnen eine Menge Patienten, wenn Sie mich auch leben lassen. Sie können mich zuziehen— zur Narkose— macht eine Mark für mich— und wie vollblütig sind manche Menschen! Jeder hier verträgt, wenn man ihm Blutegel ansetzt— hirudo mcdicinalis— ich bin berühmt dafür! Schicken Sie alle zu mir. Meine Frau wacht auch bei Kranken. Ferner bei Obduk- tionen— es ist immer besser, wenn ich dabei bin! Außerdem rasiere ich die Leichen, über Gerechte und Ungerechte geht mein Messerl Jeder will leben! Dafür schick ich Ihnen die Leute Haufen- weise her. Sic verstehen— ich mache sie ängstlich. Nun, selbst ein Fliegenstich kann tödlich sein. Vorsicht ist immer angebracht!" Jetzt wüßt' ich ja, wen ich vor mir hatte, und daß der Ge- hcimrat, wie schon gesagt, ein mit allen Hunden gehetzter Gauner war. „Das müssen Sie mir schon überlassen, wenn ich Sie rufen will, Klette!" sage ich also kühler und schließ' den Kognak weg. „Ilebcrmorgen können Sie wiederkommen!" „ Very well, Sir! With pleasure! Ich seh' schon öfter mal vor. Ergebenster Diener— wichtige Gänge, wichtige Gänge!" Und als er schon draußen war, steckte er noch einmal den Kopf zur Tür hinein:„Wenn Sie mal eine lustige Gesellschaft haben, Herr Doktor, aus Berlin Ihre Freunde, dann erinnern Sie sich, keiner kann die geklemmte Katze so täuschend machen! Schon der Polypen wegen, Sie verstehen!" Fort war er. Ich mußte über ihn lachen, aber doch nahm ich mir vor, ihn bei erster Gelegenheit vor die Tür zu setzen. Monate- lang hatte ich nachher mit ihm zu tun. Und was mir zuerst un- faßbar erschien— ich verstand bald, daß der Arzt, den ich vertrat, mich an ihn gewiesen, und daß er ihn, trotzdem er zuzeiten un- ausstehlich ward, noch nicht rausgeworfen hatte. Gcheimrat Klette beherrschte wirklich das ganze Dorf. Er war das Bindeglied zwischen dem Arzt und der bäuerlichen Bevölkerung. Unweigcr- I ich ward erst bei ihm angefragt, ehe man in die Sprechstunde kam. Er konnte den Doktor, der ihm nicht paßte, mit leichter Mühe unmöglich machen. Es war also notwendig, ihn bei guter Laune zu erhalten. Und was sich irgendwie mit meinem ärztlichen Gewissen vereinbaren ließ, habe ich ihm denn auch zugeschanzt. Man mußte es ihm lassen, daß er sich dafür dankbar erwies. Er ging zuletzt für mich durchs Feuer, lief die längsten Wege für mich und steckte tagtäglich mehrmals seinen Kopf ins Zimmer, um zu fragen, ob ich ihn brauchen könne. Er beteuerte dabei unter deutschen und englischen Flüchen, daß er nie einen besseren �Kollegen" gehabt hätte, und jammerte jetzt schon darüber, daß -ich nicht für immer dableiben könne. Eines Morgens stürmte er nun plötzlich in mein Zimmer, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit: ohne anzuklopfen.„Herr Doktor," keuchte er,„was sagen Sie dazu? Der Schuft, der elendigliche! Der Betrüger! Dieser Saukerl!" In Saft und Kraft ging es weiter. Erst allmählich holte ich aus ihm heraus. daß vom ersten August ab sich ein zweiter Barbier im Dorf etablieren wolle. Es war nicht merkwürdig. Vielleicht war be- könnt geworden, daß der Gehcimrat, der zu raffen verstand, ein leidlich wohlhabender Mann geworden war. Vielleicht hatten die Bauern, die unter Klette doch auch zu leiden hatten, hinten herum «einem anderen einen Wink gegeben. Jedenfalls: der Geheimrat bekam Konkurrenz. Nicht wie eine geklemmte, sondern wie eine zornige Katze fauchte er Mit tausend Eiden schwur er, den„Neuen" so weit zu bringen, daß jhm das Dableiben vergehen würde. Das ganze Dorf wartete mit Spannung und geheimer Schadenfreude dep Kinge, die da kommen sollten. An einem Donnerstag traf der neue Barbier ein-«nd hing sein Blechbccken das funkelnagelneue, vor die Tür. Klette- mit den sieben Nasen kniff ein Auge zu. als er es sah.„Man muß o-e Anfänger unter« stützen," sagte er,„ich will ihm ein Freund und(änm.f.v feinj" Zu allgemeinem Erstaunen sah man richtig schon am Freouu die beiden Barbiere einträchtiglich beisammen. Am Sonnabend steckte der Geheimrat nur seinen Kopf ins Zimmer:„Wollte nur gehorsamst melden, daß wir schon Brüderschaft getrunken haben." Erst am Sonntag löste sich das Rätsel. Sonntags nämlich, in den Stunden vor der Kirche, war das Hauptgeschäft. Mes, was ringsum aus der Gegend zur Andacht strömte, ließ sich vom Gehcimrat die Bartstoppeln abnehmen. Wer das Sonntagsgeschäft hatte, hatte alles. Das wußte natürlich keiner besser als Klette. Und kurz entschloffen hatte er am Sonn» abendabend seinen neuen Duzbruder in die Kneipe gelockt und ihnl so eingeseift, daß er ihn um vier Uhr früh in sein Bett tragen mußte. Zu derselben Zeit verschwand das neue Becken. Als nun die Bauern und das Landvolk zu Fuß und zu Wagen ins Dorf strömten, sahen sie vergeblich nach dem neuen Barbier aus. Der lag da, voll wie eine Kanone, und schlief den Schlaf des Gerechten. Die Bauern schüttelten den Kvpf: so blieb nichts anderes übrig, als noch einmal zum Geheimrat zu gehen. Klette mit den sieben Nasen war bester auf dem Posten. Er hatte sich die Pappenheimer, die das Geld zu seinem Kollegen tragen wollten, wohl gemerkt. Aber höflicher als sonst lud er sie ein Platz zu nehmen. Zehn Stühle waren in zwei Reihen auf- gestellt. Da seifte der Geheimrat immer zehn Mann auf einmal ein, ging dann die Reihen durch und rasierte. Er rasierte erst die rechten, dann die linken Seiten. Inzwischen unterhielten sich die Bauern. Als er an diesem Sonntag die zehn Mann auf der rechten Gcsichtshälfte rasiert hatte, klappte er das Messer zusammen, steckte.sich einen Stummel an und sagte:„Nun zieht man Eure Schnupftücher und wischt Euch ab. Weiter rasier' ich nicht. Wenn Ihr Rabenbande, nachdem ich Euch über zwanzig Jahre den Dreck abgekratzt habe, gleich zum anderen laufen wollt, wenn einer seine Blechpauke raussteckt, dann verdient Ihr auch nicht besser rum- zulaufen. Für Euch ist selbst der„Schinder"— Ihr kennt das Messer ja— zu gut! Und Ihr anderen mögt man so vcrschweint, wie Ihr da seid, in die Kirche lausen! Ich rasiere nur noch meine alten Kunden, dke mir nicht das Geld aus dem Hause tragen!" Es gab eine stürmische Szene. Die Halbrasicrtcn schimpften, schrien, drohten, baten. Tic anderen versuchten nochmals ihr Heil bei dem Konkurrenten— vergeblich. So mußten sie zum Schluß alle noch himmelslehend bitten, daß Klette sie in Behandlung nahm. Er tat es nur gegen das Gelöbnis, daß man ihm treu bleiben wolle. Um fünf Uhr nachmittags erwachte der andere. Er hatte für den Spott nicht zu sorgen. Das ganze Torf lachte ihn aus. Drei Wochen stand er, sehnsüchtig spähend, bor der Tür; niemand kam zu ihm. Was sie mal versprochen hatten, hielten die Bauern. An einem Montag war der Konkurrent dann verschwunden auf Nimmerwiedersehen. „Herr Doktor," sagte der Gehcimrat,„als er kam, Hab' ich ihn eingeseift: wo er weg ist kauf ich mir einen Haarbcutell" „Aber pünktlich morgen früh um acht, Klette!" rief ich ihm nach. Er erwiderte nur:„Ich hoffe!—" Es ward am nächsten Tage acht, neun— der Gehcimrat kam nicht. Endlich, um halb zehn, klopft es— ein junges Mädchen tritt ein. Ich hatte sie schon ein paarmal auf der Straße gesehen, es war eine junge Klette, des Geheimrats Tochter. „Vater läßt sagen," bestellte sie,„daß sie heut in seinem Kopf schießen, und daß ihm die Hand man so fliegt. Er kann nicht kommen, weil der Herr Doktor dann auch wie nach der Schlacht von Jena aussehen wird." Lacht mich das Ding dabei an und reckt sich in der luftigen, weißen Bluse aus billigem Zeug— nicht übel, Junge! Ein paar Monate hatte ich außer abgearbeiteten Baucrnwcibern kann: was Weibliches zu sehen bekommen— na, ich streich mir gleich den Schnurrbart. „Wer soll mich denn da verschönern?" frag' ich. Sie verschränkt die Arme auf den Rücken. „Ich vielleicht?" fragt sie. Der Teufel weiß, wo das Mädel den Blick her hat.„Wenn ich das Messer hier hätt', traut' ich's mir schon zu!" Kurz und gut, es fliegen noch Worte hin und her, und dann wird's mir zu bunt: ich Hab' die Klette im Arm und drück' sie ab und küff' sie. Sie war ganz damit einverstanden. Aber eine Minute darauf kommt's mir doch zum Bewußtsein, daß ich eine Dummheit gemacht habe, ich ziehe die Sache ins Krühl-Frcund- schaftliche und komplimentirr' das Mädel— siebzehn war sie— nach draußen., Seit dem Freudenrausch, den sich der Gcheimrat angetrunken, war er nicht mehr so ganz auf dem Posten. Er war nicht mehr so unverschämt wie sonst, und ich schloß daraus, daß er sich weniger wohl fühlte. Eine peinliche Szene erlebte ich noch. Seine Lene, die junge Klette, verfolgte mich, und eines Tages war ich schwach genug, mich wieder mit ihr einzulassen. Sie Ivar unter dem Vorwand einer Besorgung gekonimen, und ich war wieder schwach und küßte sie. Dabei mochten wir das Klopfen überhört haben. Jedenfalls stand vlötzlich der Geheimrat in der Tür. kann mir angenehmere Lagen denken. Nun. der über- raschle Vater packte das Mädel zunächst am Ohrläppchen und führte toe Schreiende durchs ganze Dorf bis zu seiner Wohnung. Dann kam er zurück. „Wenn Sie nicht mein bester Kollege wären, Herr Doktor." er.„fo würd' ich das Limmer"*£♦ �<>�7 nf+7?l?T: w-s-r. w■«.iU-J» itc.tCiCiu«/»wvc*k Sie nichts— ich weiß alles. London Oxfordstrect 112— man war auch mal jung. Sie hieß Nelly— Schwamm drüber! Als ich die zweite Nase bekam, lief sie mir weg. Aber die Lene— darnned, sie hat es geerbt I Fort mutz sie. Mehr sag' ich nicht— verschlucken mutz man viel!" Damals Hab' ich mich vor dem alten Gauner geschämt. Er starb, wie mir der Arzt schrieb, zwei Jahre nach meinem Weggang. Hat englische Lieder gesungen, dann nochmal farewell gesagt— und weg war er. Er schläft schon lange, und seine sieben Nasen mit ihm. Die junge Klette ist in die Welt gelaufen. Gott weiß, an wen sie sich gehangen hat, und wo die Sonne sie jetzt bescheint. Sie hatte zu hitziges Blut. Es war ein Erbteil, sagte der Geheimrat._ Der Salon der fjumonften. Von Ernst Schur. Das Witzblatt„Le Nire" veranstaltete in diesem Jahre in Paris eine Ausstellung von Zeichnungen, die ausschlietzlich von Karikatu- risten herrührten. Eine wenn auch nicht neue, so doch gute Idee. In diesen scheinbar für den Augenblick aus aktuelle» Rücksichten geschaffenen Arbeiten ist oft viel Können niedergelegt, das wert ist, einer genaueren Betrachtung unterzogen zu werden. Wie lustig ist solch eine Sammlung! Das Leben scheint nur um des Lachens willen da zu sein, und plötzlich kommt uns zu Bewußtsein, wie allzu ernsthaft und oft langweilig unsere Kunstausstellungen sind; eS darf beileibe nicht gelacht werden und höchstens die unfreiwillige Komik spielt eine Rolle. Hier aber ist die Freiheit des Lachens. JedeS Blatt schreit dir zu: Lache, lache, hier ist ein Witz. Und— da der Witz hier so engros angeboten wird, wird man unwillkürlich ernsthaft. Und schon naht die Kritik und zerstört das momentane Genießen. Die„Lustigen Blätter" haben diese französische Ausstellung nach Berlin gebracht. Franzosen und Engländer überwiegen. Das macht die Ansstellung sehenswert. Deutschland ist inangelhast vertreten. Die neuen, künstlerisch- satirischen Witzblätter„Simplicissimus", „Jugend" fehlen. Aber auch die„Fliegenden" sind nicht vertreten. Es bleiben die Zeichner der„Lustigen Blätter", deren Arbeiten in bezug auf die Karikatur nicht die erforderliche freie Höhe erreichen, die im Künstlerischen ost zu seicht bleiben. Man sehe sich diese Paradestücke von Ernst Heilemann an, die eine ganze Wand bedecken. Oede und süßlich, ohne jede Kraft und Eigenart; Bonbon- tunst, für das liebe Publikum zurecht gemacht, das ein wenig gekitzelt sein will. Man sehe sich die Franzosen dagegen an, selbst diese gemäßigten hier(denn eS fehlt ebenso das in modernem Sinne, künstlerisch wie karikaturistisch maßgebende Witzblatt„LÄssiette au beurre", dessen Leistungen den„Simplicissimus" noch übertreffen), sie zeigen, daß sie das Leben beobachten, sie erfassen scharf, sie ver- waschen nicht das Gesehene. Besser ist noch Ernst Stern, der wenigstens bestrebt ist. einen gelvissen Stil zu geben, der die Bc- sonderhciten einer Erscheinung, hanptsächlich eines Gesichts so scharf nnd schärfer betont, daß beinahe etwas Monumentales herauskommt. Die Bewußtheit, mit der. er vorgeht, gibt seinen Arbeiten den Stempel des Künstlerischen. Zudem hat er sich japanische Holz- schnitte genau angesehen und arrangiert nach ihnen die Farbeneffekte. Sparsam, einfach, aber keck und wirksam; mit Bevorzugung von Gelb, Violett, Schwarz. Ja selbst die eigene Perspektive der Japaner, die die Dinge beinah ubereinanderstellt, hat er übernommen. Jedenfalls sucht er auf seine Weise einen eigenen, karikaturistischen Stil, der das Leben mit seinen Erscheinungen umwertet. Ebenso gibt es auch im Auslände eine ganze Reihe von Zeichnern, die man hier gern missen würde. Es sind hauptsächlich Engländer. deren Werke auffallend den schlechten Arbeiten deutscher Witzblatt- zeichner ähneln; wahrscheinlich sind es die Originale, die die Deutschen beeinflußten. Strichelchen ist mühsam neben Strichelchen gesetzt: alles keck Zugreifende ist vermieden. Das Inhaltliche soll das Künstlerische ersetzen. Ganze Szenen, meistens ans der Familie mit idhllischem Hintergrund, werden mühsam ausgetüftelt. Die Franzosen stellen in anderer Weise eine«char llcberflüssiger. Sic leisten sich manche Geschmacklosigkeit in einer süßlichen, oberfläch- lichen Manier, dsc die Erotik billig ausnutzt zum Hausgebrauch deL braven Publikums. Das Klitschige, Klischecavtige kommt dadurch unangenehm heraus. Es ist soviel Begnemlichkeit darin, es fehlt so ganz das gerühmte, lebhafte Temperament. Ein Zeichen, daß der Durchschnitt überall gleich ist. Immer wieder kokclte Blicke, immer wieder süßlich blasse Farben, das kommt einem schließlich zum Halse heraus. Manchmal sieht man auch plötzlich das Original zu einem Künstler, den man für originell hielt, und wenn die Modernen des Auslandes mehr vertreten wären, würde das wohl noch mehr der Fall sein. Caran d'Ache hat Zeichnungen hier, deren lineare, humoristische Haltung sofort an den Simplicissintuözeichner Gulbransson deukcit laffen. Und Caran d'Ache erinnert wieder auf- fallend an Busch. Auch Wille tte sagt uns nicht mehr viel, der einst und noch jetzt Gerühmte. Seine Zeichnung ist wohl leicht nnd er versteht, den Duft aufzufangen. Sieht man aber viel von ihm, so ist das zu seinem Schaden. Er wirkt dann oberflächlich und man meint, er kopiere sich ewig selbst, was nicht von Reichtum zeugt. In dem großen Mittelsaal hängen auch Plakate. Es ist daS ganz richtig, denn das Plakat hat sehr anregend auf die Zeichnung eingewirkt. Sie hat sie kecker, farbiger gemacht und der Moment dominiert entscheidender in der Erfassnng einer Situation. Eine glückliche Idee, denkt man, das zusammenzubringen! Wieder eine Gelegenheit, stilistische Vergleiche anzustellen, um eine Erkenntnis zu gewinnen. Aber was sieht man hier! Schablonenhafte Arbeiten in der nun schon zum Ueberdruß bekannten, französischen Art, zackiges Linien- gewirr, krasse Farben; das Ganze soll Temperament markieren. Kaum eine Arbeit, die künstlerisch nachhaltiger interessiert. Wo eS so reichliche Auswahl an vortrefflichen Plakaten gibt! Wo die Gelegenheit so günstig war, eine kleine Elite-Ansstellung wenigstens englischer und französischer Plakate zusammenzubringen, um dem Publikum Lehren zu geben. Statt dessen Mittelwar'e; und, was schon schlimm ist, das Plakat der Ausstellung selbst gehört zu jener Mittelware. So fehlt auch die ganze moderne Graphik, die von dem Plakatstil beeinflußt ist, die Menukarten, Einladungen. Reklame- blätter usw., in denen wir einen neuen, dekorativen Stil gesucht und gefunden haben, mit dem Hinstreben zu breiter Wirkung, kräftiger Farbigkeit. Es wäre wohl gerechtfertigt gewesen, diese Blätter hier einzureihen, da eine Fülle humoristischer Laune, karikaturistischen Könnens sich hier betätigt hat und ins praktische Leben eingegangen ist. Gerade das Originelle des gegenwärtigen Lebens wäre z. B. in den vielen, neuartigen graphischen Reklameideen zur Anschauung gekommen. So bleiben, da daS Ganze nicht befriedigt, einige Blätter übrig und wenige Künstler, die interessieren, die nun zusammen» gestellt seien. Die Franzosen gehen mehr auf daS Malerische, daS ist hier wieder der Gesamteindruck. Gleich beim Eingang, im ersten Saal. hängt eine feine Arbeit von B r u y e r, die diese Art sehr gut charakterisiert.„Alter Lebemann" ist es betitelt; vor ihm geht ein Kind. Das Kind hat ein griines Kleid an; der Mann einen grauen Ueberzieher. Eine Kohlezeichnung, die Flächen mit Aquarell breit und leicht übergangen. DaS Ganze gibt den malerischen Eindruck sehr fein wieder. Das ist gute Arbeit. In demselben Saal hängen gegenüber englische Blätter. Und man hat die entgegengesetzte Art gleich zur Hand. Die Engländer gehen mehr auf daS Zeichnerische. Die Kontur herrscht bei ihnen vor. Die Flächen sind nicht malerisch auf- gelöst. In kleinen, fest mnrisscnen Flächen baut sich der farbige Eindruck auf. Etwas Lustiges, Kindliches ist ihm eigen. Und es ist bezeichnend, daß diese Art auch daS englische Kinderbuch beeinflußt hat und mit ihm geworden ist. Ein Sinn für intime, ausführliche Gestaltung offenbart sich, in dem ein feiner, reifer Humor zur Er- scheinung kommt. Ein ausgezeichneter Künstler ist DethomeS, dessen Werke man als die besten der ganzen Ausstellung bezeichnen kann. In ihrem duuklen, braunen Ton, in ihren, kräftigen Strich, der lvarmen Leuchtkraft fallen sie unwillkürlich auf. Es ist etwas darin, daß den Künstler ganz für sich stellt. DaS Realistische verblüfft. Und doch ist der eigene, künstlerische Eindruck, dieses Sparen mit den farbigen Effekten, dieses Herausarbeiten des Kraftvollen in der Kontur, das Zusammenhalten der ganzen Komposition auf den» malerischen, dunklen, warmen Hintergrund vorherrschend. Mehr ins Malerische geht T r u ch e t, deffen Farbenskizze „Zwischenakt" an Menzel erinnert. Man sieht über den dunklen Zuschauerraum hinweg auf die Bühne, die vom Vorhang verdeckt ist. Golden flirrt das Licht an dem roten Vorhang herab. Die ganze Luftstiminung eines solchen Raumes ist vorzüglich gegeben. Auch die Zirkusszcne mit der Tänzerin, die in der Arena ihre Ver« beugung macht, ist eine feine Arbeit. Mit kräftigen Strichen schreibt Forain eine Gcrichtsszcne hin. Die Richter an, hohen Pult; vorn die Angeklagten. Das ganze ist düster gehalten. Die Farben wirken mit tiefem Klange, mir sparsam aber mit Nachdruck verteilt. Charakter ist darin und Geschmack. Karikatur nnd doch malerische Haltung. Weiterhin ist Roubille zu nennen, dessen Mädchen, Frauen und Akte auf grauem Papier fein stehen, nur hier und da durch ein lvenig Farbe, einen Strumpf, einen Hut, interessant gestaltet. Einige Arbeiten kommen ins Dekorative. So Russell mit der Zeichnung eines kleinen Jungen in rotem Anzug auf grauem Papier. Das Grau ist auf das Papier gespritzt; der Junge steht unten in der Ecke, so daß die graue Fläche frei bleibt. Daun fällt ein englischer Fries auf, der Szenen ans dem Landleben darstellt, in feinen Farben, braun, grün auf dunkelgrauem Papier, aus dem das Weiß der Gäule, Kühe heransleuchtet. Hier offenbart sich wieder echt englische Art. Auch ein Franzose zeigt in echt malerischer Art dcko.ative Kinderszenen in, Garten, in Violett, Weiß und Rot, was sehr fern nnd lebendig wirkt. Als Plastiken sind die Karikaturen von Bertrand, die Schauspieler, Sängerinnen übertrieben darstellen, kleine Figuren, große Köpfe mit zu großen Nc'en und Ohren, in greller Bemalung einiqermaßen charalteristn'ch. Level hat kleinere Puppen auf Trakt. init beweglichen Köpfen angefertigt, die aus Kastanien geschnitzt find: die Puppen sind als Vertreter der einzelnen Stände karikiert. Gerade von dieser Abteilung, der Plastik, hatte man mehr erwartet. So aber kommen diese wen'gen Arbeiten nicht über die Augenblicks- Wirkung hinweg. ebenfalls darf eine Ausstellung, bei der gerade da? SBesent- ehlt(dos Wesentliche sind die neuen Witzblätter, die gerade in Mache und Auffassung gegen dieses anständige Mittelmaß von Talenten angingen) auf Vollständigkeit kemen Anspruch machen. ES geht ihr gerade das ab, was man von ihr erwartet. Man hat An- regungen reichster Art von dieser Anhäumng deS WitzeS und der Laune erwartet; man hat sich über die Idee gefreut und schon im Geiste den guten Einfluß gebucht, den die lebhaften, französischen Talente auf die deutschen Künstler, die nicht gern zugreifen und wagen, haben werden. Nun ist das alles vergeblich. ES wäre so interesiant gewesen, festzustellen, wo allmählich dieses Grenzgebiet der Kunst übergeht ta wirkliche Kunst, und gerade die Sezession wäre dazu der geeignete Ort gewesen; so daß es möglich gelvesen wäre, dem eigentlich künstlerischen Gehalt der Karikatur auf den Grund zu kommen, wenn man daneben hält, wie oft gerade die sezessionistischen Künstler, auch mit ernsthaften Arbeite», durch Ueberlreibung, durch eine gewisse Härte und Rücksichtslosigkeit der Linien, durch auf- fallende Farbenarrangements das Gebiet der Karikatur streifen; wodurch man sich zu der Erwägung veranlaßt sieht, daß bei un-Z »och eine ganze Anzahl künstlerisch-karikaturistischer Kräfte gefesselt sind und so ihr Können in andere Gebiete der reinen Kunst über- leiten. All diese Beobachtungen wären interessant gewesen. Dazu aber wäre nötig gewesen, daß die Auswahl eine sehr strenge hätte fein müssen. Das ist sie aber nicht gewesen. Im Gegenteil, es sieht so aus, als hätte das gemäßigte Blatt des Inlands die ge- mäßigten Blätter des Auslands eingeladen. Vor der eigentlichen Moderne macht die Ausstellung Halt. Jede soziale State fehlt. Steinten wird vergebens gesucht. ES fehlt das Aggressiv-Politische, daS wirklich Ernste. Dagegen— wie viel könnte mit Fug und Recht heraus, daS sich hier breit macht mit blödem Lachen. Und wenn man dann schließlich bedenkt, daß wir alle Jahre in der_ Großen Berliner Ausstellung in einer graphischen Separat- misstellung des Verbandes deutscher Illustratoren schließlich denn doch mehr von modernen Leichnern zu sehen bekommen als hier in dieier Spezialausstellung,>o stellt man mit Bedauern fest, daß der Titel des Arrangements Hofsnungen geweckt hat, die nicht er- füllt sind. kleines feuilleton. Theater. Pariser Theater. In dem von A n t o i n e geleiteten Pariser Odeon ist Wildenbruchs„Haubenlerche" aufgefiihrt worden. Der einstige Pionier Ibsens in Frankreich hat jetzt be» scheidenere Ambitionen. Vor zwei Jahren hat er, damals noch im eigenen Theater auf dem Boulevard de Strasbourg, der franzö- fischen Nation die erhabenen Gemütswcrte von„Alt-Heidelberg" vermittelt. Jetzt setzt er im zweiten Schauspielhaus die Gipfel- Wanderung auf dem deutschen Parnaß fort. Die Aufnahme des Wildenbruchfchcn Stückes war nicht ungünstig. Der französische Bourgeois ist für Rührseligkcit und moralisches Pathos auf dem Theater von jeher empfänglich. Indes meint Emanucl Arene im „Figaro" nicht mit Unrecht, daß die französische Bühne dergleichen zur Zeit der Feuillet mindestens ebenso gut produziert hätte. Er fetzt spöttisch hinzu:„Wenn die Seelen in Deutschland wirklich so rein sind, nun um so schlimmer für uns. denn— gestehen wir es nur demütig ein— wir find nicht auf dieser Höhe." Aehnlich urteilen auch andere Blätter. Gleichwohl werden dem Stücke manche Vorzüge, wie eine gute Milieuzeichnung, von vielen Kritikern zugestanden. Was Antoine zu d«: Aufführung des ab- geblaßten Stimmungsprodukts aus der Aera der monarchisch-sozialen Expcrimentalpolitik bewogen hat, ist rätselhaft, da ihm doch die spezifischen Effekte, wie Uniformen oder Couleurflaus und-flausen, abgehen.— Im Anschluß daran sei berichtet, daß der Wildenbruch- import in Frankreich fortgesetzt wird. Sarah Bernhardt will die „Rabensteinerin" spielen. Aus der Borzeit. Die Zerstörung vorgeschichtlicher Gräber. Im brandcnburgischcn Kreise Becskow-Storkow, unweit der Reichs- Hauptstadt, liegt der S ch crr m ü tz e l s e e, ein sehr beliebter Aus- flugsort der Berliner. An ihm sind viele Hünengräber aufgedeckt worden. Die dort gefundenen Steine sind leider aus Unkenntnis zum Bau der Chaussee nach Pieskow verwendet worden. Jeder Grabhügel lieferte etwa 60— 70 Kubikmeter Steine, die mit sechs Mark für das Kubikmeter bezahlt wurden. Nach Busses Angaben in der Zeitschrift für Ethnologie befanden sich in der Nordwcftecke des Sees bis vor kurzem noch einige Gebäude der Aktiengesell- schaft für Brannkohlengewinnung. Hinter diesen liegt ein größeres Urnenfeld. Die Gefäße, die aus ihm ausgegraben wurden, befinden sich im märkischen Provinzialmuseum. Seitdem die Kohlen- gruben in den Rauenschen Bergen verfallen und. die Gebäude der Aktiengesellschaft verschwunden sind, hat sich eine Villenkolonie am See ausgebreitet. An einer Stelle wurden mehrere vom Feuer geschwärzte Steine, Tonscherben ohne Ornamente und eine bron- zene Fibula ausgegraben. Busse glaubt, daß diese Gegenstände den Fundamenten einer vorgeschichtlichen Hütte oder eines Grabes entstammen, weil sich etwa 4— 5 Meter davon entfernt weitere Gräber fanden. Am Ostrande des Sees liegt der Ort Diensdorf und südlich wieder ein anderes Urnenfeld. Da die Kicsausschachtungcn an der alten Gräberstätte fortgesetzt werden, liegt die Gefahr vor. daß noch mancher, vielleicht geschichtlich recht wertvolle Fund, der Vernichtung anheimfällt. Staatliche Maßnahmen sollten die Stätte vor weiterer Plünderung schützen. Humoristisches. — Anders gemeint. Richter(zum Hausherrn):„Sie haben den Aktuar Maier auf Auflösung des Mietskontraktes ver» klagt, weil sein Waldhornblasen Ihre Ruhe stört. Run behauptet aber der Beklagte, daß er dadurch nur das kläglich falsche Flöten- spielen seines Nachbars übertönen will.— Da wird man Ivohl beide Teile hören müssen?—„Herr Nichter, das halten S' nicht aus!' — Heutzutage!„Sie möchten also m mein Geschäft ein- treten I Können Sie Französisch?"—„Ich habe einen Preis darin gekriegt!"—„Verstehen Sie auch Englisch?"—„Jawohl I'— „Sind Sie beivandert in Handelsgeographie und höherer Waren- künde?"—„Gewiß, mein Herr!"—„Gut! Sie können sofort eimreten l Leeren Sie also den Papierkorb, kopieren Sie die Briefe und tragen Sie sie zur Post I" — K n n st g l o s s e.„Neue Perspektiven!" krähte der Hahn, als er seinen Misthaufen einmal von der anderen Seite bestiegen hatte. („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. --»Ein« Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wurde in Berlin eröffnet. � Das Unternehmen scheint wissenschaftlich gänzlich zwecklos zu fein. Was an der „Wiffcnschast des Judentunis" wissenschaftlich ist, wurde längst in Angriff genommen und gerade von nichtjüdischer Seite hoch ent« wickelt. Man braucht nur an die Bibcllritik zu denken. — Künstliche Diamanten herzustellen ist einem französi- schen Chemiler Aristide Charette auf eine neue Methode gelungen. In der Pariser Akademie der Wiffenschaften wurde darüber Mit- tcilnng gemacht. Da der Diamant nichts weiter ist als kristalli- sierter Kohlenstoff, war cS theoretisch längst möglich, künstliche Diamanten herzustellen. Nur haperte eS in der Praxis. Der kürzlich verstorbene berühmte Chemiker Moissan hatte zuletzt im elektrischen Ofen unter riesigem Druck Kohlenstoff zur Kristallisation gebracht. Aber die Diainanten waren winzig klein. Charette schlägt andere Wege ein. Er bringt Schwefelwasserstoff und Eisen in ein lustleeres Gefäß und fiihrt einen elektrischen Strom ein. ES bilden sich dann an der Wand kleine Diamanten. Die Besitzer der gleißenden Steine brauchen indes vorläufig wegen dieses Hoch- Verrates gegen ihr darin aufgehäuftes Kapital nicht bange zu sein. Auch diese neueste Methode dürfte nur Splitterchen zustande bringen. — EdisonS neue Erfindung. Wiederum wird eine voraussichtlich epochemaihende Erfindung EdisonS bekannt. In New Dork hat der Meister, der uns schon an so viele Wunder gewöhnt hat, in einer Sitzung der elettro-chemischen Gesellschaft angekündigt, daß es ihm nach jahrelangen Versuchen jetzt gelungen sei, einen Akkumulator für elektrische Energie zu konstruieren. der eine beinahe unbegrenzte Kapazität befitzt und trotzdem so geringes Gewicht hat, daß die motorische Kraft nunmehr, ohne eine enorme Last toten Gewichtes mitzuführen, transportiert werden kann. Die Lösung dieses Problems wird, sagte Edison, das gesamte Verkehrswesen revolutionieren. Der Akknmulatqr ist so bedeutend billiger als die jetzt üblichen motorischen Maschinen, daß in Zukunft der elektrische Motorwagen oder das elektrische Motorschiff in all- gemeinen Gebrauch kommen müffe. DaS Pferd wird verschloinden, ebenso die schweren Lokomotiven und Schiffsmaschinen. — DaS Alter des Menschengeschlechts ist durch Funde bei Lütttch in Belgien um eine ganze geologische Epoche hinausgeschoben worden. In geologischen Schichten, in denen menschlickie Skelette noch nicht nachgewiesen wurden, haben sich Spuren seiner Tätigkeit gefunden. Eolithen, Kieselknollen aus dem Tertiär, geben die älteste Kunde vom Menschen. Es ist nun ge« lungen, im oberen Oligocän bei Boncelles in der Nähe von Lüttich solche behauenen Und bearbeiteten Sic.'Ne nachzuiveiscn. Bisher konnte man sie nur bis ins obere Miocän zurlladerfolgen. Durch diese Funde wird, wie G. Schweinfurth in der„Voss. Ztg." bemerkt, das Alter des Menschengeschlechts mn unmeßbare Zeiträume hinaus- gerückt. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei mVerlagsanstaltPaul Singer LcCo..x?erlin SW.