Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 207. Donnerstag, den 24. Oktober. 1907 (Nachdruck verboten.) I 0le Mutter, Roman von Maxim Gorti. Deutsch von Adolf Heß. Das Geschrei nahm zu. vervielfältigte sich, stieg hier und Sa in die Luft. Von allen Seiten kamen Leute, die sich um Ssisow und die Mutter zusammendrängten. Dann hüpften Polizeipfiffe in die Luft, aber ihre Triller erstickten das Ge- schrei nicht. Der Alte lachte, der Mutter aber erschien alles wie ein freundlicher Traum. Sie lächelte, drückte die Hände. verbeugte sich, und gute, helle Tränen schnürten ihr die Kehle zusammen. Ihre Füße zitterten vor Müdigkeit, aber ihr frcudcgesättigtes Herz, das alles in sich aufnahm, warf gleich dem hellen Spiegel eines Sees die Eindrücke zurück. Ganz in ihrer Nähe aber rief eine helle Stimme aufgeregt: ..Genossen! Freunde! Das Ungeheuer, das das russische Volk verschlingt, hat heute wieder seinen abgrundtiefen. gierigen Nochen aufgerissen." „Na. Mutter, laß uns gehen!" sagte Ssisow. Und im selben Augenblick erschien, man wußte nicht wo- her, Sascha, hakte die Mutter ein und zog sie schnell auf die andere Straßenseite hinter sich her. indem sie sagte: „Kommen Sie, sie hauen vielleicht drein oder verhaften welche.... Was? Verbannung? Nach Sibirien?" „Ja. ja.". „Wie war er. hat er gesprochen? Ich weiß es übrigens. Er war stärker und einfacher als alle anderen, härter als alle, natürlich, ja. Er ist feinfühlig, zärtlich, schämt sich aber, sich zu offenbaren. Er ist klar und fest wie die Wahrheit selbst. In vielen Dingen aber legt er sich selbst Zwang auf, aus Besorgnis, es könnte ihn in seiner Arbeit stören. Ich weiß das." Ihr leidenschaftliches Flüstern, die heißen Worte ihrer Liebe beruhigten die Erregung der Mutter, hoben ihre ge- sunkenen Kräfte. „Wann fahren Sie zu ihm?" fragte sie leise und freund- lich und drückte den Arm des Mädchens an ihren Körper. Das Mädchen blickte zuversichtlich vor sich hin und antwortete: „Sobald ich jemand finde, der meine Arbeit übernimmt. Ich erwarte ja auch mein Urteil. Wahrscheinlich schicken sie mich auch nach Sibirien. Ich erkläre dann, ich wünschte mich in der Gegend anzusiedeln, wo er ist." Hinten ertönte Ssisows Stimme: „Dann grüßen Sie ihn von mir! Von Ssisow. Er weiß Bescheid. Fedor Masins Onkel." Sascha blieb stehen, wandte sich um und streckte die Hand aus. „Ich bin mit Fedja bekannt. Ich heiße Alexandra." „Und nach dem Vater?" Sic blickte ihn an und erwiderte: „Ich habe keinen Vater." „Das heißt: er ist tot?" „Nein, er lebt!" erwiderte das Mädchen erregt und etwas Hartnäckiges, Eigensinniges klang aus ihrer Stimme, kam in ihrem Gesicht zum' Vorschein.„Er ist Gutsbesitzer, jetzt Landeshauptmann: er bestiehlt die Bauern und prügelt sie." „So— o?" erwiderte Ssisow betreten. Er schwieg einen Augenblick und sagte, während er neben dem Mädchen her- ging und sie von der Seite anblickte: „Nun. Mutter, leb Wohl! Ich gehe links. Komm mal zu mir, plaudern oder Tee trinken. Auf Wiedersehen. Fräu- lein. Sie sind streng gegen Ihren Vater. Aber das ist Ihre Sache." „Wenn Ihr Sohn ein Lump wäre, würden Sie das sagen?" rief Sascha leidenschaftlich. „Hm... ich würd's allerdings sagen!" antwortete der Alte etwas zögernd. „Das' heißt also, Ihnen ist die Gerechtigkeit teurer als Ihr Sohn, und mir ist sie teurer als mein Vater." Ssisow schüttelte lächelnd den Kopf und sagte dann seufzend: „Nu. nu! Sie sind alle sehr fix! Wenn Sie so dabei bleiben, kriegen Sie noch die Alten unter. Steckt viel Hitze in Ihnen. Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen, alles Gute, und seien Sie etwas milder gegen die Menschen, ja? Nun, Gott niit Ihnen! Leb wohl. Nilowim! Wenn Du Paul siehst, sag ihm, daß ich seine Rede gehört habe. Es war nicht alles verständlich, einiges sogar schrecklich, aber sag' nur, es stimmte!" Er nahm die Mütze ab und bog gemessen mn die Straßenecke. „Das muß ein guter Mann sein!" meinte Sascha, die ihm einen lächelnden Blick aus ihren großen Augen nachsandte. Der Mutter erschien das Gesicht.des Mädchens heute weicher und milder.als sonst. Zu Hause setzten sie sich auf das Sofa, rückten eng an- einander, und nachdÄn die Mutter in der Stille ausgeruht, sprach sie wieder von Saschas Reise zu Pawel. Das Mädchen blickte mit seinen großen, träumerischeil Augen in die Ferne, indem es die dichten Brauen nachdenklich in die Höhe schob: über ihr blasses Gesicht verbreitete sich ein Ausdruck ruhiger Nachdenklichkeit. „Tann, wenn Ihr Kinder bekommt, ziehe ich zu Euch und spiele Wärterin. Und wir richten uns dort jedenfalls nicht schlechter als hier ein. Arbeit wird Pawel finden, seine Hände sind Gold wert." Sascha warf einen forschenden Blick auf die Mutter und fragte: „Aber wollen Sie nicht sofort hinter ihm her reisen?" Die Mutter seufzte: „Was kann ich ihm nützen? Ich störe ihn nur bei einer Flucht, und er würde auch seine Einwilligung nicht geben." Sascha nickte. „Das würde er nicht." „Außerdem habe ich ja hier zn tun," fügte die Mutten mit leisem Stolz hinzu. „Ja!" erwiderte Sascha nachdenklich.„Das ist gut." Und plötzlich fuhr sie zusammen, als würfe sie eine Last von sich ab und sagte einfach und halblaut: „Er wird nicht dort bleiben. Er wird natürlich fliehen." „Aber was wird aus Ihnen und aus dem Kind,»venn eins kommt?" „Ich weiß nicht. Das werden wir dort sehen. Er soll mit mir nicht rechnen: ich will ihm nicht zur Last fallen. Er muß jeden Augenblick frei sein, ich bin sein Genosse. Ich weiß, es wird mir schwer sein, mich von ihm zu trennen, aber natürlich finde ich mich darein. Ich will ihm nicht im Wege sein, nein." Die Mutter fühlte, daß Sascha fähig sei, so zu handeln, wie sie sprach. Sie umarmte sie und sprach: „Mein liebes Mädchen, es wird Ihnen schwer werden!" Sascha lächelte und schmiegte sich mit dem ganzen Körper an sie. Ihre Stimme klang leise aber kräftig, und in ihrem Gesicht kam Röte zum Vorschein. „Bis dahin ist es noch weit. Aber glauben Sie nicht. daß es hier Opfer gibt. Ich weiß, was ich tue und was ich erwarten kann. Ich werde glücklich sein, wenn er sich mit mir wohl fühlt. Meine Aufgabe, mein Wunsch ist, seine Energie zu vermehren, ihm so viel Glück zu verschaffen wie ich kann. Ich liebe ihn sehr. Und er mich auch, ich weiß est Wir tauschen dann unsere Gefühle aus, bereichern uns dadurch gegenseitig und wenn es sein muß, trennen wir uns als Freunde." Mit glücklichem Lächeln sagte die Mutter langsam: „Ich komme zu Ihnen. Vielleicht schicken sie mich eben« falls dorthin." Und lange Zeit dachten beide schweigend und dicht an« einandergeschmiegt über den geliebten Mann nach. Es war still, angenehm, traurig und warm. Dann erschien Nikolai müde und meinte, nachdem er sich ausgekleidet, hastig: „Nun. Sascha, machen Sie sich aus dem Staube, so lange Sie noch unversehrt sind! Hinter mir laufen seit heute morgen zwei Spione her, und zwar so unhcimlich-hei mlich, daß die Sache nach Verhaftung riecht. Ich habe eine Ahnung. Es ist irgendwo was passiert. Sehr gelegen kommt mir da Pawels Rede, sie soll gedruckt werden. Bringen Sie sie zu Ludmila und flehen Sie sie an, schnell zu arbeiten. Pawel hat prächtig gesprochen, Nilowna! Nehmen Sie sich vor den Spionen in acht, Sascha. Warten Sie, diese Papiere verstecken Sie auch. Geben Sie sie vielleicht Jivan." Während er sprach, rieb er kräftig seine erfrorenen Hände. trat zum Tisch, zog schnell die Schubladen heraus und suchte vllerhand Papiere hervor. Die einen zerriß er. andere legte er besorgt und zerzaust beiseite. -„Ich Hab' doch erst kürzlich alles aufgeräumt und nun hat sich schon wieder all der Krimskrams angesammelt, zum Teufel I Wissen Sie. Nilowna. für Sie ist es vielleicht auch besser, nicht «u Hause zu übernachten. Bei der Musik zugegen zu sein, ist sehr langweilig, und man kann Sie leicht ebenfalls einsperren. Sie müssen aber unbedingt mit Pawels Rede nach ver- schiedenen Orten fahren." „Was können die Gendarmen mit mir anfangen?" sagte die Mutter.„Vielleicht irren Sie sich auch." (Fortsetzung folgt.) Vertilgung von Infekten uncl Ungeziefer. Wenn die Insektenplage in der Stadt auch keine so große ist als auf dem Lande, sofern nämlich die Vertreter der fliegenden Arten in Betracht kommen, machen sich die mehr kriechenden Plage- geister in der Stadt, hauptsächlich m älteren Häusern, mehr und desto unangenehmer bemerkbar. Die Hausfrau schützt hier wie dort— auf dem Lande und in der Stadt—»hre Küche und Speisekammer bor Fliegen und sonstigen fliegenden Gästen wohl am einfachsten durch eingesetzte Drahtfenster oder über die Speisen gedeckte Drahtkörbc. Ein Schutz gegen alles, was da kreucht und fleucht, ist schon insofern angebracht und sogar geboten, als viele Insekten und Fliegen zweifellos eine Gefahr für unsere Gesund- iheit bedeuten. Dadurch daß sie von Müllhaufen und Kadavern große Mengen von Fäulnisstoffen und Bakterien mit fortführen und ans unsere Haut und Gcnußmittel übertragen, ist schon manche Krankheit entstanden. ES ist mithin erklärlich, daß man die Jnsektcnausrottung— besonders die der Fliegen— durch Fliegenhüte, Fliegenpapier, Fliegenleim, in letzter Zeit durch die in Masse in den Verkehr kommenden Fliegenfänger anstrebt. Letztere Fangapparate find so hergestellt, daß sich aus kleinen Blech- oder Pappkästen Bänder von Pergamcntpapier herausziehen lassen, die sich während des Hcrausziehcns mit Kautschuklcim bestreichen. Die Fliegen würden natürlich nicht„auf den Leim gehen", wenn ihnen nicht trügerisch etwas Leckeres in Aussicht gestellt würde. Meistens ist es Honig, der— schon in ganz geringen Spuren unter den Leim gemischt— eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf alle Insekten ausübt. Schon nach kurzer Zeit ist bei guten Apparaten das Band so dicht besetzt, daß es abgeschnitten und ein neues Stück herausgezogen werden mutz.— Bei Beginn der Sommerferien hört man in Berlin einen meist auS Kindermund kommenden Ruf ertönen, der, lang- gedehnt und in gleichmäßiger Betonung und gleichem Tonfall einen Jangapparat, nämlich die bekannten„Flicgenstöcker" den Bewohnern ankündigt. In diesem Sommer dürfte der Gcschäftsumsatz in diesem Artikel wohl keinen allzu bedeutenden Umfang angenommen haben. In der Stadt, besonders der Großstadt, sind es eigentlich nur die Fliegen, gegen die man als die einzigen fliegenden Vertreter der Insekten zu Felde ziehen muß. Auf dem Lande ficht es damit schon anders aus. Die dem auf kurze Zeit sich„draußen" auf- haltenden Großstädter unheimlich und andauernd surrende Mmo- sphäre berührt den Landbewohner selbst weniger; wenigstens findet er sich mit diesem kaum zu bannenden Uebel gleichmütig ab. Mehr berührt ihm schon die Insektenplage, die sein Vieh in un- glaublicher Weise belästigt. Wer in besonders Vieh- und Pferde- reichen Gegenden die einschlägigen Geschäfte kennt, in denen der Landmann solche Jnsektenmittcl kauft, weiß, daß ihm keine Summe für ein solches zu hoch ist. Motten sind dann noch diejenigen geflügelten Insekten, deren wir uns zu erwehren haben. Die angepriesenen und angewandten Moitcnmittcl besitzen meist nicht den ihnen zugeschriebenen Wert. und absolute Wirksamkeit. Besonders gilt dieses vom Naphthalin. das ja in allen Formen unseren Hausfrauen angeboten wird. Insektenpulver, weißer oder spanischer Pfeffer in Pulverform, sind wohl die am meisten zum„Einmotten" angewandten Mittel. Wenn der gewöhnliche Proletarier auch keine wertvollen Pelzsachen zu konservieren hat, so. haben doch in manchen Jahren deren Wohnungsstückc und Winterkleider zu leiden. Klopfen, Nopfen und wiederum klopfen ist in solchen Fällen das beste Mittel.— Schließlich haben wir von geflügelten Schädlingen noch die Mücken zu betrachten. Der schon in der Stadt während der Woche genügend geplagte Industriearbeiter und Großstadtbewohner findet wegen der Mücken draußen auch oft keine rechte Erholung. Bc- sonders am Wasser und in manchen feuchten Sommern, wie es der heurige war, tritt die Mückenplage recht in Erscheinung. Die hiergegen angepriesenen Mittel, als Mückenstifte, Nelkenöl, Salmiakgeist, besitzen auch nur eine ziemlich problematische Wirkung. Der bekannte Salmiakgeist wirkt wohl unmittelbar nacb dem Stich angewandt; doch wer merkt sofort die Stichstellc? Nelkenöl und wohl auch die Stifte sollen prophylaktisch, d. h. vor- beugend durch ihren Geruch wirken. Eine radikale Wirkung üben aber auch sie kaum aus. Die Umgegend mancher Städte hat de- sonders von Mückcnarten zu leiden, besonders in der Nähe d«S Wassers. In manchen tropischen Gegenden, in denen das von Insekten verbreitete Malariafieber heimisch ist, hat man mit Erfolg auf die Oberfläche der Wassers Rohpetroleum ausgegossen; h»er« durch wird die auf der Wasserfläche befindliche Brut und damit der Nachwuchs zerstört. Um auch kurz der Moskitos zu gedenken sei erwähpt, daß z. B. das deutsch« Hospital in Dar'' das mustergültig eingerichtet fein soll, inmitten eines volljta.ÜSfc geschlossenen Gazeübcrzuges steckt. Nicht ein Moskito stört dort die Ruhe der Kranken. Von kriechenden Insekten, von denen man auch in der Stadt zuweilen heimgesucht wird, nennen wir zuerst die Ameisen. Auf die gleiche Weise wie die Fliegen führt man sie mit List und Tücke auf den Leim. Ein bekanntes Mittel zur Beseitigung solcher Amcisenplage ist folgendes: Mit Honigwasser getränkte Schwämme werden an geeigneten Stellen auf den Fußboden gelegt. Die Tiere kriechen begierig in die vielen Oeffiiungen und Löcher der Schwämme, die man— wenn sie dicht besetzt sind— ins Wasser wirft. So radikal diese Vernichtungsmethode auch erscheinen mag, hindert sie doch nicht, daß immer wieder andere Ameisen herbei- eilen. Hat man den Weg ihrer Herkunft entdeckt, so ist ihnen auf bequemere Art- beizukommcn. Durchkreuzt man nämlich ihren Weg mit einem breiten, dick aufgetragenen Krcidcstrirh, so zieht es ein großer Teil vor, lieber umzukehren. Der Strich ioll hierbei nicht nach Hexennianier die Tiere bannen; es sind nur praktische Erwägungen, die diese Tiere zur Umkehr zwingen. Sie sondern nämlich an ihren Füßen eine Feuchtigkeit ab, die sich mit den Kreidcpartikelchen zu einem dicken Brei vermengt. Hierdurch wird den Tieren das Laufen derartig erschwert, daß sie lieber die Umkehr vorziehen. Selbstverständlich gibt es aber auch unter den Ameisen waghalsige Gesellen, die sich mutig durcharbeiten; die Mehrzahl wird aber fortbleiben. EtwaS bedenklicher und viel unangenehmer als das vereinzelte Auftreten von Ameisen ist das anderer mit Recht gcfürchteter „Haustiere", nämlich das von Wanzen. Hier ist nun wieder die Großstadt und in ihr die Proletarier, die mit dem Segen der Terrain- und Häuscrspekulation auch die Wanzenplage erhalten haben, und im wahrsten Sinne des Wortes, ausgesaugt werden. Eine Ausrottung dieser Quälgeister ist für den einzelnen Mieter schon deshalb aussichtslos, da schön immer das ganze Haus ver- feucht ist, der Wirt die Sache ihren Gang gehen läßt und bei wirklicher Vertilgung in einer Wohnung sehr bald neuer Zuzug aus den benachbarten herbeikommt. Ein Eingreifen des Haus- Wirtes ist aber deshalb geboten, weil es meist eingehenderer Acnde- rungcn in der Wohnung bedarf. So ist eine neue Tapezicrung wohl meist das Hauptcrfordcrnis zur radikalen Beseitigung der Tiere, da die Brutherde sich fast immer in den zwischen Wand und Tapete befindlichen Hohlräumen befinden. Hierbei mag die Ge- pflogenheit mitspiele», daß der Kleister meist einfach mit kaltem Wasser angerührt wird. Zum richtigen„Auffchließcn" des Roggen- kornS, aus deui das Klcistcrmchl wohl meist besteht, bedarf es aber kochenden Wassers. Ein kalt angerührter Kleister läßt nach dem Trockenen der Tapete eben solche Hohlräume entstehen, die dann die schönste Brutstätte für Wanzen bilden. Die Vertilgung erfordert aber auch sonst die größte Sorgfalt. Falls sich der Haus» Wirt doch zu einer Ncu-Tapczierung entschließt, sind alle in der Wand befindlichen Risse und Spalten mit angerührtem Gips zu verschließen, so auch den Türrahmen, Fußleisten und besonders an dem Stuck an der Decke. Dann wäscht man die Wände mit Salzsäure ab und läßt sie trocknen. Bei der Behandlung von Betten und Möbelstücken ist mit größter Gründlichkeit zu verfahren. Besser als Pinsel eignen sich Fcdcrfahnen zum Einpinseln in sämtliche Fugen. Es sind nämlich am besten Flüssigkeiten zu diesen Ein- pinselungen zu verwenden. Unter der Bezeichnung Wanzcntinktur führen die Drogisten meist ganz wirksame Mittel in ihren Ge° schäften. Eine Auflösung des bekannten Naphthalins in Kienöl oder Terpentin kann für wenig Geld auch vom Laien selbst her- gestellt werden, falls der Geruch nicht besonders unangenehm empfunden werden sollte. Im allgemeines hat sich in diesem kalten Jahre die Wanzenplage nicht so besonders bemerkbar gemacht; immerhin ist bei vorhandenem Verdacht gerade die jetzige Zeit zur Vernichtung der jungen Brut die passendste. Das bekannte Insektenpulver besitzt auch einen gewissen Wert, sobald es wirklich zerftäubt uüd nicht nur„ausgestreut" wird. Im erstercn. Falle wird es in der Luft sehr fein zerstäubt und gelangt so in die Atmungsorgane der Tiere. Bei der Entdeckung dieses Ungeziefers. ist in jedem Falle ein fortgesetztes Nachsehen und unaufhörliche Wachsamkeit dringendes Erfordernis des Wohnungsinhabers. Ein anderes, zwar Ncineres, aber deshalb nicht unange- nehmeres Tierchen ist der Floh, der sich in den Städten auch oft in Mißkredit bringt. Während sich die Wanze in älteren Quartieren eingenistet hat. finden sich Flöhe gerade in neubezogcnen Häusern sehr häufig. Diese auf den ersten Blick unerklärliche Tatsache findet in der Eigenart der Fußhodcnfüllung ihren Aufschluß; besonders in Gegenden an der Peripherie, die früher Mnllablagerungszwcckc» dienten, findet man die Flohkalamität häusig verbreitet. Nach zwei- bis dreijährigem Alter der Bauten verschwindet die Plage meist plötzlich— selbst im hcitzcn Sommer— und ohne irgend ein Zutun. Die Mittel zur Vertilgung dieser munteren Springer versagen auch fast immer. Das Aufwischen der Dielen mit mehr oder weniger fiarl riechenden oder desinfizierenden Flüssigkeiten — Lysol, Karbol. Salzsäure— bringt kaum eine Linderung. Eher ist da schon ein Aufwischwasser zu empfehlen, das Chlorkalk cnt° hält und welches dann mit Essig versetzt ist. Es entwickelt sich dabei reines Chlorgas, das absolut tödlich wirkt. Abgesehen von der Grundursache ist auch hier wie bei den Wanzen die Erfolg- losigkeit der angewandten Mittel in der Schwierigkeit der Ver- nichtung der jungen Brut zu suchen. Bei einiger Mühe und Ausdauer nicht so schwer auszurotten sind die dem Grossstadtbesuchcr nicht fremden Schwaben und Fran- zosen; Küchcnbewohner, womit unser Erbfreund, der Russe, uns beglückt hat und die er Prusiki— Preußen— nennt. Das sicherste Mittel— Schweinfurter Grün— ist allerdings nicht immer an- wendbar, seiner großen Giftigkeit wegen, zumal bei Anwesenheit von Kindern— schon zerstäubt kann es beim Einatmen schädlich wirken— nicht immer zu empfehlen. Ein besonderes Augenmerk ist auf die Beschaffenheit der Leisten und der Mauer in der Nähe der Wasserleitung oder des Ausgusses zu richten» Besonders die große Schwabe hält sich mit Vorliebe an solchen feuchten Stellen auf und benutzt.Nisse im Fußboden, der Fußleiste oder der Mauer. die durch Feuchtigkeit gelitten haben könnte, zum Durchzug aus darunter liegenden Wohnungen. Durch Einblasen von Insekten- pulver, das mit Borax gemischt ist, werden die Tiere betäubt. man kann sie am Morgen zusammenfegen und verbrennen. Ein> auwmatisch wirkende Schwabenfalle erfüllt auch ihren Zweck.'Die Falle wird halb mit Bier gefüllt und als Lockspeise ein mit Bier getränktes Stück Brot aufgelegt; die Falle wird jeden Tag fast gefüllt sein, bis alle Schwaben verschwunden find. Ferner wird das Aufstellen von Borax und Kartoffelbrei empfohlen. Die Entfernung dieser Küchenticre ist jedenfalls leichter zu erreichen als die der hüpfenden oder kriechenden Bettbcwohner, E. L. Kleines feuületon* Musik. Das kunstvolle Lied für Einzelstimme hatte in unserer Kultur zwei Blütcperioden. Die erste von ihnen kam aus der Höhe des Mittelalters, und zwar durch die ritterlichen Sänger. Damals scheint die Tonfolge sich möglichst eng, ohne Sonderansprüche, ohne die dem kunstlosen Liede verbleibende Tanzmetrik, dem dichterischen Text angeschmiegt zu haben. In den ersten Jahrhunderten der Neuzeit überwog das kunstvolle Lied für mehrere Gcsangsstimmcn (Madrigal und dergleichen); nur nebenbei gab es Kunstlieder für Einzelstimme, zumal für Lautenbcgleitung. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, beeinflußt durch das Volkslied und durch das Singspiel, sproßte dasjenige künstlerische Einzcllied auf, an das wir heute gewöhnt sind. Wie sehr die Poesien von Goethe und von den Romantikern diese neue Kunstform belebt haben, wurde uns schon manchmal in Liederabenden dargelegt. Doch im Gegensätze zu jenen mittelalterlichen Liedern war hier die musikalische Kom- Position für sich anspruchsvoller: sie schmiegte sich weniger eng dem Tc�t an, betonte ihn zum Teil gegen den Sinn, und zeigte in ihrer meist etwas einförmigen Tanzmctrik die Spuren des Tanzliedes oder der„Tafelmusik. Das gilt selbst noch, wenngleich in stets abnehmender Weise, von den Schöpfungen unserer größten Musiker; am stärksten bielleicht von F. Mendelssohn, in ziemlichem Maße auch von Schubert und in nierklicher Weise noch von Schumann, bei dem namentlich die Mischung aus dem Anschmiegen an den Text und den Sondcransprüchcn der Musik auffällt. Dagegen haben gerade diese Meister besonders Großes geleistet in einer Klavier- degleitung, welche den Gcsamtgehalt des poetischen Liedes wieder- zugeben suckt, mit Gleichgültigkeit gegen seine Einzelheiten. Den vielleicht größten Fortschritt machte Robert Franz, und zwar nicht nur durch die wundervolle Gesamtstimmung seiner Lieder, sondern ganz besonders durch das Eingehen auf eine sinngemäße Dekla- mation des Textes. In dieser Linie arbeiteten namentlich P. Cornelius und A. Ritter weiter. Dagegen bedeuten die Lieder von BrahmS zwar zum Teil eine Vertiefung der Stimmungsmomente. in der Deklamation des Textes jedoch eher einen Rückschritt. Dann kamen Modernste, teils mit naturalistischer Charakteristik der Details, teils wieder mit dem Streben nach einheitlicher Stimmung, zumal durcki die Klavierbegleitung, und mit Gleichgültigkeit gegen den melodischen Eindruck. Arnold Mendelssohn verwertet solche Fortschritte nur mit großer Besonnenheit und sucht sie mit traditionelleren Formen zu vereinigen. Insbesondere gelingt ihm eine wirklich volkstümliche Haltung in einem„Alten Liebcslicd" und überraschend charakteristisch in Goethes Gedicht„Die wandelnde Glocke". Daß daneben manches zum Vorschein kommt, was man mit einem unfreundlichen Lächeln als„reizend" bezeichnen kann, soll nicht verschwiegen werden. Den tiefsten Eindruck machen wohl seine Vertonungen von düsteren Todesstimmungen, von Herbst- te fühlen, vom starken Dulden der Liebe und dergleichen mehr. ner haben seine Themen mit Vorliebe einen sehr geringen Ton- umfang und wirken maiuhmal durch ganze Rechen von gleichen Ainen, nur Mit sparsamen Abweichungen Diese Eindrücke hakten wir am Dienstag in einem in Konzerke des„Berliner Tonkünstlcrverein s", die sozusagen als berufögenossenfchaftliche Veranstaltungen Komponisten von heute vorführen. Miesmal galt der Abend dem eben genannten Künstler allein. Er ist als Großneffe jenes Felix Mendelssohn im Jahre 1855 geboren, bekleidete mehrfache Lehrer- und Direktorstellcn und schrieb vorwiegend Kantaten sowie ein paar Opern; unter diesen muhte„Ter Bärenhäuter" hinter dem späteren gleichnamigen Werke von Siegfried Wagner zurückstehen, vielleicht mit Unrecht. (Ein jüngerer Komponist Ludwig Mendelssohn ist mit den beiden Genannten nicht zu verwechseln.) Diesmal gab es auch Gelegenheit, eine der seltenen Altstimmen von wirklichem Altcharakter zu hören: wir hoffen, die Sängerin Agnes Lcydheckcr mit ähnlichen für ihre Stimme passenden Kompo, sitionen wieder hören zu können.— ss, Naturwissenschaftliches. Pilzzüchtende Käser. Seit langem ist es bekannt, dah viele Ameisenarten Landwirtschaft treiben, Getreidekörncr an- sammeln und Gemüse oder Pilze züchten. Unbekannt dürfte es da- gegen den meisten sein, daß auch Angehörige des Käfergeschlechts. denen man im allgemeinen keine sehr große Klugheit zutraut, sich als geschickte Pilzzüchter erweisen. Eine sehr interessante Beschrei- bung der Lebensweise dieser Tiere gibt Hagedorn in der„Rat. Wochcnschr.", die wir nach einem Referat aus„Himmel und Erde"� hier wiedergeben. Nach ihrer Lebensweise lassen sich in der Familie der Borken« käfcr, jener Unholde, die unsere Waldungen verwüsten, zivei große Gruppen unterscheiden, von denen die eine ihren Wohnsitz zwischen Rinde und Splint deS Wirtsbaumeö haben, während die anderen ihre Gänge tief in das Holz hineinbohren. Diese letzteren sind die Gemüsebauern, und mit ihnen wollen wir uns hier beschäftigen. Die Gänge, welche die Holzbohrer in die Stämme hineintreiben, werden ausschließlich von dem erwachsenen Muttcrkäfer ausgenagt, Sie sind in allen ihren zahlreichen Verzweigungen gleichmäßig dick, Alles Bohrmchl und die Auswurfsstoffc werden sorgfältig aus der Wohnung herausgeschafft. Schon lange war es den Forschern auf» gefallen, daß die Wände der Bohrgänge mit dichtem Pilzrascn be- deckt erschienen. Das Holz nimmt in der Umgebung der Pilze eine dunkle, fast schlvarze Färbung an, und man erhält den Eindruck, als wären die Gänge mit glühenden Drähten ausgebrannt. Diese dunkle Verfärbung ist für die Gangsysteme der Holzbohrer äußerst charakteristisch. Von den hierher gehörenden Käsern legen die Gattungen Platypus und Xyloborus gemeinsame Kammern an, in denen sowohl die Eier wie auch die Larven und Puppen nebeneinander aufbewahrt werden; bei den Gattungen Tylo» terus, Corthylus und Pterocyclon hingegen herrscht eine wohlgeordnete Brutpflege, jede einzelne Larve steckt in einer besonderen von dem Mutterkäser ausgcnagten Zelle und wird hier sorgsam mit zarten Pilzfäden gefüttert. Nach den Untersuchungen Hubbards soll jede einzelne pilzzüchtcnde Borkenkäferart ihren ganz bestimmten Pilz besitzen und züchten, ja es kann geradeswegs als Ausnahme gelten, wenn zwei nahe verwandte 5täfcrarten einmal denselben Pilz besitzen. Die Kultur der Pilze scheint von der Natur der Wirtsbäume ziemlich unabhängig zu sein, denn wir finden, daß die gleichen Käferartcn auch stets den gleichen Pilz bauen. ganz gleichgültig, ob sie ihre Wohnung in einem Laubbaume oder in Nadelhölzern ansgcschlugcn haben. Während man bei den Gattungen der Holzbohrer mit gemein« samcn Familicnwchliungen hauptsächlich Pilze mit aufrcchtstchcn- den Fruchtträgern findet, die an ihren Enden kuglig aufgetriebene Zellen, sog. C o n i d i e n. tragen, züchten die Arten mit aeord- neter Brutpflege Pilze, die in Gestalt von Ketten kugligcr Zellen auftreten, welche in unregelmäßiger Anordnung nebeneinander liegen. Alle Pilze zeichnen sich durch großen Saftrcichtum aus, besonders die Conidien glänzen wie„Tautropfen". Da sie in den Zeiten des starken Wachstums in großer Menge entstehen, sehen die Wandungen der Fretzgänge aus, als wären sie mit„Raureif" überzogen. Die wichtigste Nahrungöguelle für die jungen Larven bilden die frischen Fruchtträgcrspitzen mit den saftigen Conidien. „sie rupfen sie ab, wie Kälber die Vlütenköpfchen des Klees". Die erwachsenen Käfer dagegen sind sparsamer und weiden den Pilz- rasen immer bis dicht zum Boden ab. Das ist aber auch durchaus notwendig, denn bei der starken Vermehrung und dem üppigen Wachtum- der Pilze können sie leicht zu einer drohenden Gefahr für ihre Pfleger werden und sie durch ihre Masse ersticken. Nament- lich bei geschwächten und mitgliederarmcn Käferfamilien wird diese Gefahr akut. Die Tiere vermögen daS Wachstum bor Pilze durch Fressen nicht mehr genügend einzudämmen und gehen am Er- stickungstod zugrunde, nachdem sie vorder in ihrer Angst und Auf- rcgung Pilzkulturen, Eier und Larven zu einem unförmlichen; kleisterähnlichcn Brei zerstampft haben. Wie bei den Gartenbau treibenden Ameisen wachsen auch bei den Borkenkäfern die Pilze nickst zufällig, sondern sind pollständig auf die Pflege der kleinen Gärtner angewiesen. Vorsichtig werden zuerst aus Holzmehl Beete hergestellt und mit einem Teile der Exkremente gedüngt und dann erst die Pilzfäden darauf ausge» pflanzt. Da zum Gedeihen ihres Gemüses eine gewisse Feuchtig- keit notwendig ist, findet man die Holzbohrer niemals in voll- ständig abgestorbenen und ausgetrockneten Baumstämmen, sondern es muß immer noch etwas Saftfluß herrschen. Deckt man die Woh- > nuug der Pilzzüchter auf. so geraten die Tiere in gewaltige Auf, tegung, stürzen sich dann aber sofort auf ihre Kulturen und suchen erichreckt, soviel ein jeder kann, von der kostbaren Nahrung zu retten.— Hygienisches. H e i l st ä t t e n und Zahnpflege. Es beginnen jetzt wieder die Winterkuren in den Lungenheilstätten und alle, die in der ersten Hälfte des Winters Aufnahme finden, sind wohl schon benachrichtigt. Jeder, der zur Kur zugelassen ist, kann mit der frohen Gewißheit forgehcn, daß die Krankheit bei ihm noch im Anfangsstadium ist und auf bedeutende Besserung rechnen. Das Loslösen von allen äußeren Sorgen, die kräftige Kost und vor allem die frische, reine Luft machen den Aufenthalt in den Heil- stätten den meisten zu einem großen Sonntag, an dem er von der Alltagsarbcit ausruht. Mau mutz aber am Alltag Vorsorgen, daß der Sonntag nicht gestört wird, und eine Arbeit, die noch in den Alltag gehört, ist die Instandsetzung seiner Zähne. Das ist viel- leicht keine ganz angenehme Sache. Wer aber wirklich Nutzen von seinem Aufenthalt haben will, der wird das leicht einsehen. Ich meine jetzt noch gar nicht einmal die Zahnschmerzen, obgleich sie recht unangenehm werden können und sich nicht in den Stunden einstellen, in denen wir sie am wenigstens vertragen können, z. B. des Nachts im Bett, wenn nichts die Aufmerksamkeit von ihnen ablenkt. Schlimmer ist es aber, daß die schöne, reine Luft durch alle die fauligen Dünste zerstört wird, die sich im Munde entwickeln und die natürlich auch in die angegriffene Lunge gelangen. Wie arg diese Dünste sind, kann man bei manchem Ncbenmenschen mit ungepflegtem Mund schon einige Schritte weit riechen, bei sich selbst merkt man leider nichts davon. Und das Essen I Erstens kann es mit den schadhaften und fehlenden Zähnen nicht recht gekaut und vom Magen nicht rasch und vollständig verdaut werden. Schlechte Zähne sind also niangclhafte Ausnützung der Nahrungs- mittel. Dann verderben sie uns aber noch das Essen, indem sie faulende Stoffe, Bakterien usw., die sich in den Zahnhöhlen bilden, zwischen die Speisen mischen. Wie derartig verschlechtertes Essen auf den Magen wirkt, kann sich jeder denken. Es dauert meist 2—3 Monate, bis ein Platz im Erholungs- heim frei ist. Diese Zeit läßt sich gut benutzen, um die Zähne in Ordnung zu bringen. Sie müssen gereinigt werden, damit nicht Zahnstein das Zahnfleisch entzündet; Löcher sollen plombiert und, wenn irgend möglich, fehlende Zähne ergänzt werden. Das ist Alltagsarbeit, sie muß vor. dem Erholungsaufenthalt erledigt werden. Draußen in, Freien, an unserem Sonntag, wollen wir nur so weit an unsere Zähne erinnert werden, als wir mit Behagen in einen Apfel oder in ein knuspriges Brötchen beißen. Physiologisches. Die Empfindlichkeit der Eingeweide. Heute kommt glücklicherweise kaum noch jemand in Gefahr, außer im Gefolge von Unglücksfällen, die Empfindlichkeit seiner inneren Organe gegen Verletzung:n zu erproben. Früher aber, als der Segen der Narkose noch unbekannt war, mutzten die Operationen/ wenn sie sich überhaupt an solche Organe heranwagten, eben ohne Rücksicht auf die Bereitung von Schmerzen vorgenommen werden, und der Arzt konnte im besten Falle damit rechnen, daß der Patient zur rechten Zeit in eine tiefe Ohnmacht fiel. Die wenigen Leute, die das Pech gehabt hatten, eine solche Erfahrung zu machen, haben versichert, daß ein Messer, das den Darm durchschneidet, keine andere Empfindung verursacht als die eines kalten Gegenstandes, ober nicht das geringste Schmerzgefühl. Gründliche Untersuchungen über die Empfindlichkeit der Eingeweide sind dann vor einiger Zeit von Dr. Lennander gemacht worden, und zwar während des Verlaufs von Operationen. Dabei hat sich ergeben, daß das an den Wandungen anliegende Bauchfell für alle operativen Maß- nahmen äußerst empfindlich ist. Durchaus unempfindlich dagegen sind in der Tat der ganze Darmkanal, das Gekröse, der Magen, der vordere Rand der Leber, die Gallenblase, die Harnblase und das Drüscugcwebe der Leber. Diese Organe sind sogar gegen Wärme- und Actzrcize stumpf. Auch das Bauchfell scheint nur gegen Ver- letzungcn empfindlich zu sein, nicht«her gegen Berührung und Wärme. Gleichfalls unempfindlich sind die Lungen und die vordere . Wand der Luftröhre, außerdem die Schleimhäute de? Mastdarms. Im allgemeinen sind die Organe, die ihre Nerven von den söge- nannten visceralen Ncrvcnstämmen erhalten, unempfindlich, während alle Nerven, die sich von den sogenannten somatischen Stämmen her verzweigen, empfindlich sind. Wahrscheinlich er- leiden diese Regeln doch gewisse Ausnahmen, indem auch die sonst unempfindlichen Organe durch krankhafte Veränderungen schmerz- hast werden oder wenigstens» zu schmerzhaften Empfindungen Veranlassung geben können, wie ja die Erfahrung leider lehrt.— Humoristisches. — Die verprügelte Majestät. Ssissaghe, die Frauen- königin, verlas die Thronrede stehend, da ihr der Stationsarzt das Sitzen verboten hatte. --Der„Knnstw art".„Sagen Sie, Herr Baron, haben Sie sich nie mit Kunst beschäftigt?"—„Aber ich bitte Sie. Gnädigste, habe fünf Jahre mit'ner Sängerin Verhältnis gehabt." — Der geizige Kunde.„Haarwuchsmittel kaust er nich. Schnurrbartbinde braucht er nich— ich werd' ihm mal n Ohrzipfelchen abschneide», damit er mir für'n Groschen Heftpflaster abkauft I" �(.Lustige Blätter.*) Notizen. — Die monatlich erscheinende M u s i k m a p p a(20 Pf. pro Heft, Verlag W. Vobach u. Co., Berlin, Leipzig und Wien) kultiviert das Gebiet der Tänze, der Salonstücks und Lieder. Also sogenannte Unterhaltungsmusik. Wertvoller als dieser Teil ihres Programms will uns die Beilage zu den Liederheften: Lieder- und Kommers« buch fürs deutsche Haus dünken, denn eS ist eine alte Er- fahrung, daß zu den alten lieben deutschen Volksliedern die Harmonien in der Regel fehlen. Ein Mangel beim häuslichen Genuß dieser Schätze, dem das Vobachsche Unternehmen abhilft. — Eine ärztefeindliche Stiftung. Eine merk- würdige Stiftung ist der Stadt Paris von einem reichen Geschwistervaar. Herrn und Fräulein S o l l e r angeboten worden. „Die„Assistance publique", das städtische Wohlfahrtsbureau soll eine Million Frank erhalten, mit der Bestimmung, daß aus den Erträgnissen dieses Kapitals ein medizinischer und chirurgischer Konkrolldienst in den Krankenhäusern eingerichtet werden soll, der durch„kompetente, verantwortliche Männer der Wissen- schaft, die aber keine Aerzte sein dürfen", versehen wird. Der- mit dem Studium dieser Angelegenheit beauftragte sozialistische Gemcinderat Heppenheimer schlägt der kommunalen Vertretung vor, die Schenkung im Prinzip anzunehmen. Was aber die in d'eil Hospitälern tätigen Aerzte zu der„Kontrolle" sagen werden, ist noch fraglich. Die Spende ist wohl durch die ärzte- feindliche Sensationsliteratur angeregt worden, die auf den Boule- vardS jetzt namentlich durch ein dickleibiges Buch mit dem Titel: „Dsksnds la peau contre ton medecin"(„Wehr Dich Deiner Haut gegen Deinen Arzt") vertreten ist. Jedenfalls wird ein von Nicht- nrztcn besorgter Kontrolldienst das Vertrauen der Bevölkerung zur ärztlichen Kunst und Gewissenhastigkeit nicht gerade heben. — Der Eiffelturm als Stadtuhr. Die Pariser haben nun eine in allen Stadtteile»— ivenigstenS von den Dächern— sichtbare öffentliche Uhr bekonunen, die allerdings nur in den Abend- fstlnden funktioniert. Seit einigen Tagen zeigt der Eiffelturm nach Einbruch der Dunkelheit mit lelichtenden Riesenziffern die Zeit an und setzt Männlein und Weiblein in Stand, ihre Uhren astronomisch genau zu regulieren und etwa vereinbarte Rendezvous pünktlich ein- zuhalten. Der Apparat ist auf dem zweiten Stockwerke angebracht. Auf dem dritten wäre zwar fein Sichtbarkcitsrayon größer gewesen, aber es wäre unbewaffneten Augen kaum möglich geworden, die Zeit ab- zulesen. Bisher hatten die Pariser als offizielle Zeitweiser nur die Kanonschüffe, die mittags im Hofe des Palais Royal und zuletzt auch vom Eiffelturm abaegeben wurden. Die geringe Zahl und die Unzu- verlässtgkeit der öffentlichen Uhren ist oft beklagt lvorden. Freilich ist die neue Einrichtung mehr ein dekorativer Effekt, der im Publikum die Illusion aufrechterhalten soll, daß der Eiffelturm, dessen Er- Haltung recht viel Geld kostet, zu irgend etwas gut sei. — AuS st erben eines nordsibirischen Volks» st a m m e S. Aus den unwirtlichen Gefilden des riesengroßen nord« sibirischen Geländes kommt die Nachricht von dem Aussterben eines Volksstammes. Es handelt sich um die bisher besonders im Bezirk Olchminsk nomadisierenden Tungusen, die Stamnieingesessenen jener Gegend, die sich dem russischen Tschin in früheren Zeiten niemals unteriverfen wollten und daher den mannigfachsten Verfolgungen ausgesetzt waren. In der letzten Zeit aber hat sich die russische Regierung um die Eingeborenen Sibiriens, zumal um die im Hohen Norden, überhaupt fast gar nicht bekümmert. Das Aussterben nahm rapide zu und jetzt wird nun auch offiziell bestätigt, daß ein solcher verlassener Bolksstamm gänzlich eingegangen ist. Eine der Ursachen des Aussterbens ganzer Stamme in Nordsibirien dürste wohl der übermäßige Alkoholgenuß fein, andererseits aber hat die große un» erbittliche Hungersnot reichliche Ernte gehalten. Die Nomadenvölker Sibiriens werden seitens der russischen Regierung, die Sibirien schon länger als dreihundert Jahre besitzt und russifiziert, wie Stief- linder behandelt. — Die Räderabnntznng im Eisenbahnbetrieb ist neuerdings wissenschaftlich festgestellt worden. Wenn ein Eisen- bahnwagen 1000 Kilometer zurückgelegt hat. so hat jedes Rad durchschnittlich 82 Gramnr abgenommen. Hatte man gebremst, so ergab dies noch einen weiteren Verlust von 42 Gramm. Täglich und stündlich geht diese rastlose Verminderung vor sich. Dazu kommt noch, daß die Räder sich nicht rund erhalten, so muß denn gefeilt und geglättet werden. Auf diese Weise geht das meiste verloren. Zuletzt, wenn das Rad zirka 50 Kilogramm an seinem Ursprung- lichen Gewicht verloren hat, wird es zur Werkstätte abgeführt und wieder abgedankt. Bis eS dahin kommt, hat ein gebremste? Rad die Strecke von 02 000 Kilometer, ein ungebremstes dagegen eine solche von 142 000 Kilometer befahren, im Durchschnitt kann mau 122- bis 130 000 Kilometer rechnen. Hiernach läuft da? Rad eines Personenwagens zirka 2 Jahre, das eines Güterwagens etwa 8 Jahre. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VcrwärtLBuchdruckerci u.VerlaL»anstaltPaulSingerLcCo..BerlinL�V.