Unterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 211. Mittwoch� den 30 Oktober. 1907 (Nachdruck verboten.) 87] Die JVIutter. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. l Schluß.) Die Mutter trat ohne Hast zur Bank und setzte sich vor sichtig, langsam, als fürchtete sie, etwas in ihrem Innern zu Zerbrechen. Ihr Gedächtnis, das durch ein heftiges Vorgefühl eines Unglücks aufgeweckt war, erinnerte sie an zwei Be- gegnungen mit diesem Menschen— einmal auf dem Felde vor dem Gefängnis nach Rybins Flucht, das andere Mal, gestern im Gerichtsgebäude. Da stand neben ihm der Revieraufschcr, dem sie Rybins Weg falsch angegeben hatte. Man kannte sie, folgte ihr, das war klar. „Hat man mich jetzt?" fragte sie sich, im nächsten Augen- blick aber antwortete sie zitternd: „Vielleicht noch nicht..." Aber sofort bezwang sie sich und sagte strenge: „Doch, man hat michl.. Sie blickte sich um und sah nichts, aber die Gedanken blitzten einer nach dem andern in ihrem Gehirn auf und erloschen. „Den Koffer hier lassen... fortgehen.. Aber heller blitzte ein anderer Funke auf: „Soll ich die Rede des Sohnes im Stich lassen? Sie in solche Hände kommen lassen..." Sie drückte den Koffer an sich. „Vielleicht mit ihm fortgehen?... lausen.. Diese Gedanken kamen ihr fremd vor, als wenn jemand von außen sie gewaltsam in sie hineingestoßen hätte. Sie verbrannten sie, ihre Wunden stachen heftig in ihrem Gehirn, peitschten ihr Herz wie feurige Fäden. Und indem sie diesen Schmerz erregten, kränkten sie das Weib, das sie sich selbst, Pawel und allem entfremdeten, was mit ihrem Herzen bereits fest verwachsen war. Sie fühlte, daß eine feindselige Macht sie hartnäckig zusammenpreßte, ihr die Schultern und die Brust drückte, sie demütigte, sie in tödlichen Schrecken versetzte. An ihren Schläfen hämmerten die Adern heftig, an den Haarwurzeln wurde es warm. Sie löschte mit einer großen, heftigen Anstrengung im Innern all diese listigen, kleinen, schwachen Fünkchen aus und sprach befehlend zu sich selbst: „Schäm' Dich!..." Ihr wurde mit einem Mal besser zumute, sie war wieder ganz standhaft, als sie hinzufügte: „Beschimpf Deinen Sohn nicht! Vor dem Gefängnis hat niemand Furcht!" Ihre Augen begegneten dem traurigen, schüchternen Blick eines Unbekannten. Dann tauchte in ihrem Gedächtnis Rybins Gesicht auf. Me wenigen Sekunden des Zauderns hatten gleichsam alles in ihr gefestigt. Ihr Herz schlug ruhiger. „Was wird jetzt?" dachte sie und gab Obacht. Der Spion rief einen Wächter und flüsterte diesem etwas zu, indem er mit den Augen nach ihr hindeutete. Der Wächter sah sich um und zog sich zurück. Ein anderer Wächter trat heran, hörte zu, lächelte und runzelte die Brauen. Es war ein stämmiger, grauer, unrasierter Greis. Jetzt nickte er dem Spion zu und trat zur Bank, wo die Mutter saß. Der Spion aber verschwand schnell. Der Greis schritt gemächlich vorwärts und betastete auf- merksam mit zornigen Augen ihr Gesicht. Sie rückte tief in die Bank. „Wenn er mich nur nicht schlägt... nur nicht schlagen." Er machte neben ihr Halt und fragte nach kurzem Schweigen halblaut und strenge: „Was guckst Du?" „Nichts..." „Jawohl, ich weiß schon... Du Diebin!... Schon so alt und dennoch.. Es war ihr, als wenn seine Worte sie einmal und noch einmal ins Gesicht schlügen. Die bösen, heiseren Worte taten weh, als zerrissen sie ihr die Wangen und peitschten ihr die Augen aus... »Ich? Ich bin keine Diebin, Du lügst!" rief sie aus voller Brust und alles vor ihr drehte sich im Wirbel ihrer Empörung, die das Herz mit bitterer Kränkung trunken machte. Sie riß den Koffer an sich und er öffnete sich. „Da sieh! Seht alle her!" schrie sie aufstehend und schwenkte ein Packet herausgerissener Flugblätter über dem Kopfe. Durch den Lärm in ihren Ohren hörte sie Ausrufe der herbeieilenden Menschen und sah, daß sie schnell von allen Seiten herbeiliefen. „Was ist los?" „Da, ein Geheimpolizist.. „Was?" „Sagt, sie hat gestohlen.. „Die da?" „Und da schreit sie.. „Eine so ehrwürdige Frau... ach, ach, ach!' „Wen haben sie da gefaßt?" „Ich bin keine Diebin!" sagte die Mutter mit voller Stimme, aber beim Anblick der Leute, die sie von allen Seiten eng umringten, etwas ruhiger. „Gestern haben sie Politische verurteilt, da war mein Sohn dabei— Wlassow. Er hat eine Rede gehalten— da ist sie! Ich bringe sie den Leuten, damit sie sie lesen und über die Wahrheit nachdenken..." Jemand zog vorsichtig die Blätter aus ihrer Hand, sie schwenkte sie in der Luft und warf sie in die Menge. „Das wird Dir nichts gutes einbringen!..." rief jemand mit furchtsamer Stimme. „Dafür gibt es oh— oh— oh!" erwiderte ein anderer. Die Mutter sah, daß man nach den Zetteln griff, sie im Busen und in der Tasche barg: das brachte sie wieder fest aus die Füße. Sie riß ruhiger und stärker die Papierpacken aus dem Koffer, verteilte sie nach rechts und links in irgend welche geschwinden, gierigen Hände und sagte: „Wofür hat man meinen Sohn und alle, die mit ihm waren, verurteilt, wißt Ihr das? Ich will es Euch sagen und Ihr müßt deni Herzen einer Mutter und ihren grauen Haaren glauben— gestern sind Menschen dafür verurteilt, daß sie Euch, allen Leuten, die rechtschaffene, heilige Wahrheit bringen! Gestern habe ich erfahren, daß diese Wahrheit nicht zu besiegen ist... Niemand kann mit ihr streiten, niemand!" Der Menschenhaufe schwjcg, wuchs an, wurde immer fester, dichter und umgab das Weib mit eincni Ring von lebendigen Körpern. „Armut, Hunger und Krankheit, das verschafft den Leuten ihre Arbeit. Alles ist gegen uns Arme, wir bringen unser ganzes Leben Tag für Tag in Arbeit hin und ver- recken schließlich in Schmutz und Lug und Trug. Durch unsere Arbeit aber amüsieren sich andere und überfressen sich... Man hält uns wie Hunde an der Kette in Un- wisscnheit— wir wissen nichts!— und in Furcht— wir haben vor allem Angst! Nacht ist unser Leben, dunkle Nacht! Ein schrecklicher Traum ist sie!... ist das nicht richtig?' „Jawohl!" ertönte es dumpf als Antwort. „Stopf ihr den Hals!" Hinter der Menge bemerkte die Mutter den Spion und zwei Gendarmen und sie beeilte sich, die letzten Packen weg- zugeben, aber als ihre Hand sich in den Koffer senkte, traf sie dort eine fremde. „Nehmt, nehmt alles!... sagte sie, sich niederbeugend. „Um dieses Leben zu ändern, um alle Menschen zu be- freien, sie von den Toten aufzllcrwecken, wie ich auferwcckt bin, sind schon Leute, Kinder Gottes, ausgezogen, die heimlich die heilige Wahrheit in das Leben säen. Hciinlich, weil, wie Ihr wißt, niemand die Wahrheit laut sagen kann, weil sie sonst gehetzt, zertreten, in Gefängnisse gesperrt, verstümmelt werden. Für die Macht der Neichen ist die Wahrheit des Lebens ein verfluchter Feind, ein stets unversöhnlicher! Uns aber befreit sie von der Bedrückung durch gierige Menschen und durch alle, die ihnen ihre Seele verkauft haben. Glaubt das!" „Bravo, Alte!" rief inan ihr zu. Jeumu'/ lachte „Geht auseinander!" schrieen die Gendarmen und drängten die Leute beiseite. Sic wichen unwillig vor den Stößen zurück, bedrückten die Gendarmen durch ihre Masse und hinderten sie vielleicht, ohne es zu wollen. Das graue Weib mit den großem ehrlichen Augen im guten Gesicht zog sie mächtig an. Im Leben waren sie getrennt und von ein- ander losgerissen, aber jetzt vereinigten sie sich zu einem Ganzen, das vom Feuer des Wortes erwärmt wurde, das vielleicht viele durch die Ungerechtigkeit deS Lebens gekränkte Herzen längst gesucht und erstrebt hatten. Die Nächststehenden schwiegen, die Mutter sah ihre gierig aufmerksamen Augen und fühlte in ihrem Gesicht ihren warmen Atem. „Tritt auf die Bank!" sagte man ihr. „Geh fort. Alte!" „Gleich nehmen sie sie mitl.. >,Jst die aber frech.. „Sprich schnell... sie kommen!" „Fort! auseinander!" ertönten die Schreie der Gen» barmen immer näher. Es waren ihrer schon mehr, sie stießen kräftig, und die Leute vor der Mutter schwankten auf den Füßen und griffen nacheinander, mn sich zu halten. Es war ihr, als wenn alles um sie herum wogte, als lvenn alle bereit wären, sie zu verstehen, ihr zu glauben, und sie wollte geschwind den Leuten alles sagen was sie wußte, alle Gedanken, deren Kraft sie fühlte. Diese tauchten leicht aus der Tiefe ihres Herzens hervor und fügten sich zu einem Lied zusammen, aber sie fühlte beschämt, daß ihre Stimme nicht reichte, daß sie heiser wurde, zitterte, übersprang. „Das Wort meines Sohnes ist das reine Wort eines Arbeiters mit unbestechlichem Herzen! Lernt die Uichestech» lichen kennen, sie sind unerschrocken und gehen selbst zu ihrem Schaden, wenn das nötig ist, der Wahrheit entgegen!" Ein paar junge Augen blickten ihr voll Entzücken und Furcht ins Gesicht. Man stieß sie bor die Brust, sie schwankte und setzte sich auf die Bank, lieber den Köpfen der Leute erschienen die Hände der Gendarmen, sie griffen nach den Kragen und Schultern, warfen Körper beiseite, rissen Mützen herunter und schleuderten sie weit fort. Alles wurde schwarz, schwankte in den Augen der Mutter, aber sie bezwang ihre Müdigkeit und schrie mit dem lleberbleibsel ihrer Kraft weiter: „Vereinigt Eure Kräfte zu einer Macht!" Ein großer Gendarm packte sie mit seiner roten Hand an den Kragen und schüttelte sie. „Halt's Maul!" Sic schlug mit dem Hinterkopf gegen die Wand, ihr Herz wurde einen Äugenblick vom beißenden Rauch der Furcht um- fangen, dann flammte es wieder, den Rauch zerteilend, hell auf. „Geh?" sagte der Gendarm. „Fürchtet nichts! Es gibt keine Qualen, die schlimmer sind als die. die Ihr daS ganze Leben lang ertragt." „Maul halten! sage ich!" Der Gendarm faßte sie unter den Ärm und zog sie fort, ein anderer ergriff ihren zweiten Arm, und beide führten sie mit festen Schritten fort. „Es gibt keine Qual, die bitterer ist als die, die das Herz jeden Tag still einschluckt und die die Bnist austrocknet!" Ter Spion kam vorgelaufen, drohte ihr mit der Faust ins Gesicht und winselte: „Maul halten. Du Pack!" Ihre Augen wurden größer, blitzten, die Kinnlade gitterte. Sie stenimte die Füße auf den glatten Stein- fußbodcn und schrie mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte: „Eine Seele, die auferstanden ist, kann man nicht töten..." „Du Hund!" Der Spion schlug sie mit einer kurzen Handbewegung ins Gesicht. „Da hat das alte Luder einen!" ertonte ein schaden- .froher Ruf. - Etwas Schwarzes und Rotes blendete eine Sekunde die Augen der Mutter, salziger Blutgeschmack erfüllte ihren Mund. Vereinzelte laute Zurufe belebten sie. „Untersteh Dich nicht, iie zu schlagen!� „Kinder!" „Was ist?" „Ach, Du frecher Lump!" „Hau ihn!" „Man kann nicht die Vernunft in Blut ersticken!" Man stieß sie gegen den Hals, den Rücken, man schlug sie gegen die Schulter, an den Kopf. Mes drehte sich im Kreise, wirbelte im Geschrei, Geheul und Pfeifen dunkel durcheinander, etwas Dichtes, Betäubendes kroch ins Ohr. Zwang in die Kehle und würgte sie. Der Fußboden brach unter ihren Füßen ein, schaukelte, die Beine bogen sich, der Körper zitterte in brennenden Schmerzen, wurde schwer und schwankte kraftlos hin und her,,. Aber ihre Augen er- loschen nicht und sahen viele andere Augen, die in einem ihr bekannten, kühnen Feuer brannten— einem Feuer, das ihrem Herzen nahe war. Man stieß sie irgendwohin in eine Tür. Sie riß die Hand los und klammerte sich an den Tür- Pfosten. „Sogar mit einem Meer von Vlvrt löscht man die Wahr- heit nicht aus.. Man schlug sie auf die Hand. „Ihr häuft nur Wut auf. Ihr Wahnsinnigen! Tie fallt auf Euch zurück!" Der Gendarm Packte sie am Halse und begann sie zu würgen. Sie röchelte. „Ihr Unglücklichen.. Jemand antwortete ihr mit lautem Schluchzen, tNachdNlck verboten.) l)er fcbwarzc fleck. Von Lisa Wenger-Ruutz. Es tvar einmal eine entzückende, kleine Maus! Ein Fellchcn hatte sie, so weih wie Schnee, durchsichtige, rosafarbene Ohren, ein zartrosa Schwänzchen und ein spitzes und schmales Schnäuzlein mit langen, feinen Haaren. Das schönste aber waren ihre roten Augen I Die weiße Maus hatte einen Vater— die Mutter war in einer Falle verunglückt— Brüder und zwei Schwestern. Sie hatte auch viele Freundinnen und natürlich sehr viele Freunde. Aber sie durfte sie selten sehen. Der Vater hatte ihr genau vorgeschrieben, wo sie spazieren durfte: dem Getäfel entlang, unten über den Fußboden, in den kleinen Schrank und unter das Sofa. Andere Wege sollte sie keine machen. Und beileibe nicht auf den Schreibttsch klettern, denn dort war das große Tintenfaß und dem durste keine weiße Maus zu nahe kommen. Das Mäuschen gehorckite so lange es ihm möglich war. Dabei lang- weilte es sich aber unaussprechlich, immer mehr und mehr, und zu- letzt konnte es die ungeheure Langewetle gar nicht mehr aushalten. Es mochte überhaupt nicht mehr ausgehen, blieb daheim und knusperte Zucker, weil es nichts Besseres zu tun wußte! „Pstl Pst I" machte es eines Tages vor seinem Loch. Die Weiße Maus hob ihren Kopf. „Mäuschen, komm' mit!" bat eine junge Ratte mit prachtvollem Schnurrbart,„wir wollen ein wenig auf den, Schreibtisch spazieren gehen I" „Ich darf nicht!' sagte daS Mäuschen. „Man darf manches nicht und tut es doch I' „Aber der Vater I" sagte daS Mäuschen. „Weiß es nicht I' „Die Brüder?" „Sehen es nicht!' „Die Schwestern?' „Erfahren es nicht l' „So will ich kommen!' Und sie gingen zusammen. Und richtig! Das schneeweiße Mäuschen kam zu nahe an das Tintenfaß und machte sich an der Seite einen häßlichen, schwarzen Fleck. ES schüttelte sich, bürstete und wischte an sich herum, aber der Fleck wollte nicht weichen. „Was wird der Vater sagen!' jammerte es. Die Ratte zuckte die Achseln. „Und die Brüder! Die beißen mich tot, sie haben noch nie jemand in der Familie gehabt, der einen Fleck hattet' Die Ratte zuckte die Achseln. „Und meine Schwestern! Es wird keine mehr sich mit mir zeigen wollen!" Die Ratte zuckte die Achseln und verschwand in einem Loch unter dem Schreibtisch. Da ging das weiße Mäuschen allein'nach Hanfe. Es ist nicht zu sagen, was es nun alles auSzuhalten hatte! Man höhnte, schalt, verlästerte, verachtete, verdammte und verfluchte daS weiße Mäuschen! Man trat eS, rupfte ihm die Barthaare aus, beschmutzte sein reines Fellchen, man zog sich von ihm zurück und kündigte ihm die Freundschaft. Zuletzt hing die Familie ein Mäntelchen über den schwarzen Fleck, aber man wußte doch, daß er da seil Das arme Mäuschen schämte sich so, daß eS beständig den Kopf gesenkt hielt und das feine Schwänzlein eingezogen. Freundinnen hatte es nun natürlich keine mehr. Aber auch Freunde nicht. Sic sagten, daß eS ihnen unmöglich sei, mit Mäusen zu verkehren, die nicht tadcttose Fellchen hätten! Da sagte sich das Mäuschen trotzig: Nun gehe ich zu den grauen Mäusen! Verachtet bin ich so wie so! Dort kann ich mich wenigstens amüsieren I ES ging. Die Familie sagte: Unser Mäuschen ist tot l Und dann seufzte sie. Wenn jemand von ihn, reden wollte, winkten sie mit den Pioten und sagten: Ach ja! DaS MäuSlein aber hatte nun ein lustiges Leben! ES sprang herum, wo es wollte, tanzte, wenn es lustig war. über Stock und Stein und ttefe feinen schwarzen Fleck Fleck sein. ES hatte Freunde und Freundinnen die Menge und unterhielt fich vergnügt mit den grauen Mäusen. Und wer begrüßte plötzlich das weiße Mäuslein wieder freudig und liebenswürdig? Alle seine früheren Freunde! Und eines schönen Abends erschienen auch seine Brüder unter ihnen. Das Mäuslein sperrte seine roten Augen weit auf. .Was! Ihr kennt die grauen Mäuse! Ihr habt mir doch gesagt--• Aber die Brüder zwinkerten nur mit den Augen und taten als kennten sie die Maus nicht. Da geschah eS. daß eine Ratte sich in sie verliebte. So fürchterlich verliebte, daß sie zur Maus sagte:«Ich will dich heiraten I" „Du I' warnte die tveiße Maus,„vergiß meinen schwarzen Fleck nicht I» „Wenn ich dich heirate, so haßt dn keinen schwarzen Fleck mehr I" Die Ratte war die reichste Ratte weit und breit. Sie besaß riesige Kellereien, ungeheuere Vorräte an Weizen und Obst und Fett und Nüsse und Zucker, kurz, ihr Reichtum Ivar unermeßlich. Und als die Ratte die weiße Maus geheiratet hatte, gingen sie zu der Maus Vater. Der machte große Augen. „Herr Schwiegervater, ist es nicht merkwürdig, wie der schwarze Fleck auf dem Pelz meiner Frau schon verblaßt ist?* Der Vater der weißen Maus nahm ein Vergrößerungsglas und sah hindurch, und sagte mit einer Stimme, die ganz ölig war von Freundlichkeit: „Ich sehe den Fleck überhaupt nicht mehr!" Dann ging die Ratte zu den Brüdern, führte sie in ihre Kellereien und vor ihre Vorrate und fragte:„Was sagt Ihr zu dem Fleck meiner Frau?" „Er ist verschwunden, erklärten die Brüder bestimmt. Und die Schwestern sagten, man hätte den Fleck überhaupt kaum je bemerkt. Sie aßen und tranken alle auf der Ratte kosten, und holten sich aus ihren Vorräten, was sie brauchten. Auch er- zählten sie jedem der cS hören wollte, von der reiche,» Heirat ihrer Jüngste». Da strich sich die Ratte zufrieden den Schnurrbart, und gab eine große Gesellschaft, mit allen Herrlichkeiten, die sich Mäuse nur wünschen können. Sie fragte jeden Eingeladenen im Geheimen:„Was sagen Sie zum Fleck meiner Frau?" Und jeder einzelne antwortete:„Was für einen Fleck meinen Sie? Ihre Gemahlin befitzt den entzückendsten weißen Pelz, den man sehen kann!" Da ging die weiße Maus wieder fröhlich herum unter den anderen weißen Mäusen, und vergaß zuletzt selbst, daß sie einmal einen schwarzen Fleck auf ihrem feinen Pelz gehabt hatte! kleines feuilleton. Der Neue Juvcual. „Eins fällt mir auf", hört' Juvenal ich sagen, „Daß fast aus jedem Platz, zu dem ich komm', Ich eine Kirche seh' zum Himmel ragen, Seid ihr denn wirklich in Berlin so fromm? Wir hatten nämlich auch so manchen Tempel, Doch unsre Frömmigkeit war nicht weither,— Wir pfiffen meistens aus den ganzen Krempel, Uns imponierte der Olymp nicht mehr. Man opferte, Iveil eS mal Tradition, Man plauderte mit allerlei Bekannten, Beäugelte inzwischen mit Passion Zun» Aergcr aller unbemannten Tanten Die neueste Hetärensensation,— Kurz, jedes Genre war an, heiligen Ort Vertreten, jeglicher verbot'ne Sport, Die Zungen übten sich in Witz und Hohn, Vergeffen war nur eins,— die Religion." „Die Art des HcuchelnS kann mich nicht verblüffen/ Versetzte ich auf Juvenals Bericht, „Denn auch bei uns hier wimmelt's von Tartüffen, So plötzlich ändern sich die Menschen nicht. Die wenigsten, die unsre Kirckien füllen, Treibt wahre Andacht, echter Glaube hin, Auch ihnen steht wie Euch danach der Sinn. Sich in der Demnt Lammfell einzuhüllen. Sie schwören auf das Christentum und preisen DaS Evangelium als Quell des Heils, Doch es durch Taten praktisch zu beweisen, Da, lieber Freund, da hapert's größtenteils. Sie beten:„Herr, vergib uns unsre Schuld, Wie wir auch unsren Schuldigern vergeben".— So heißt eS in der Kirche, doch im Leben Kennt man nicht Mitleid. Rücksicht, noch Geduld. Die Kinder lehren sie:„Du sollst nicht lügen", Sie selber aber gaunern und betrügen. Sie sagen:„Herr, vor dir sind alle gleich". Und meiden ängstlich den, der minder reich, Sie hoffen, jeder Kirchgang hier auf Erden Wird ihnen treulich angerechnet werden, Uni hatten Gott für einen Handelsmann, Den man mit Schläue auch bemogeln kann k Und wie a konto betet seine Herde, So betet nur per Kasse mancher Hirt, Uns predigt er Verzicht auf dieser Erde« Indes er iclber immer fetter wird. Die Kirche rechnet schon bei deiner Taufe, Sie liquidiert, fiihrst du ein Weib ins Haus, Und aus dem Regen kommst du in die Traufe, Stößt du einmal den letzten Seufzer aus; Denn solltest nichts du hinterlassen haben. Muß deine Witwe bitten um Geduld, Dann, lieber Freund, ist's deine eigne Schuld, Dann laß dich selber nur getrost begraben. Wo nur die Pfaffen Menschenfreiheit wittern, Gleich krächzen sie mit wütendem Geschrei Und schleppen der Verleumdung Schmutz herbei, DaS Leben solchem Ketzer zu verbittern. Sie jammern Zctermordio und Wehe Bei dem Gedanken an gemischte Ehe Und fluchen dem, der staatlich nur getraut; Sie schelten seinen Bund mit zorn'ger Stirn« Konkubinat!„Sein Weib ist eine Dirne, Sie leben wie die Tiere I" heißt eS laut. Der aber, der von Schulden hart gequält Sich ans Berechnung seine Gattin wählt, Die Schlächtertochter, die den Herrn Baron Sich kürt zun» Dkanne gegen Provision. Der Millionär, der kaum vor Asthma schnauft Und noch als Greis ein blühend Weib sich kauft, (Ein junges Blut, das. um fein Glück genarrt, Von seinen Eltern selbst verschachert ward). Sie alle schließen gottgefäll'ge Ehen, Falls in die Kirche sie zur Trauung gehen." (Aus Karl E t t l i n g e r, der„Neue Juvenal", Verlag von Dr. P. Langcnscheidt, Groß-Lichterfeldc-Ost.) AnS Eanovas Leben, lieber den kleinen Flecken Poisagno lr» der Provinz Treviso, dessen wenige Häuserreihen sich an einem kahlen Hügelrücken hinziehen, ragt ein seltsam prächtiger Barr leuchtend empor, halb eine Kirche, halb ein Pantheon, das Herr- lichs SäulenhauS bekrönt von stolzer Kuppel, das Monument eines großen Geistes mitten in idyllisch ärmlicher Sphäre. Der größte Sohn Poffagnos, Antonio Canova, dessen Geburtstag sich am I. November zum 150. Male jährt, hat hier seinem kleinen, zuvor auf keiner Karte verzeichneten Hcimatsörtchcn einen Teil seines eigenen Ruhms verliehen. Und noch ein zweiter Bau des Fleckens ist von diesem großgesinnten klassischen Kunstgeistc erfüllt. Es ist das C a n o v a m u s e u m. in dessen weiten Sälen man cinci» Uebcrb'ick gewinnt über das Lebenswerk des Meisters. Vor hundert Jahren pilgerten wohl andächtige Kunstfreunde nach der Geburts- stätte des Künstlers, den man zu den größten Genien rechnete und dem Phidias oder Praxiteles gleichstellte; vor fünfzig Jahren bc- schauten Neugierige die herrlichen Werke, die er geschaffen, und scheuten nicht den Umweg über den in den Bergen versteckten Ort. Heute verirren sich nur noch wenige nach Possagno, und der strahlende Glanz, der einst den Namen Canova umlcuchtctc, ist stark verblaßt. Nachdem sich uns die Schönheiten der Antike in einem viel reineren Lichte erschlossen haben, als sie der ahnende Geist Winckelmanns einem noch in Rokokoträumen befangenen Jahrhundert vorhalten konnte, sind wir vielleicht sogar ungerecht geworden gegen die zärtlich hinschmelzcnde Weichheit seiner Gc- stalten, gegen die charakterlos schmeichelnde Gefälligkeit seiner: Kunst. Wohl ist der Künstler Canova unendlich überschätzt worden, und nicht die ewige Kraft antiken Bildnergcistcs hat er neu er- stehen lassen, sondern höchstens die Stimmung des klassizistischen Empire fein ausgedrückt. Aber imponierend und gewaltig war doch die stolze Ruhmesbahn seines Aufstieges, der Anblick einer ge-> schlosscnen, zwingenden Künstlerpcrsönlichkeit, die der italienischen Plastik nach der Verwilderung und Ausartung des Barocks, nach �er Erschlaffung der späteren Zeit wicdcrgcschcnkt wurde. Wie aus kleinem Ort kam Canova auch aus niederem Stande empor. Stein- metzcn waren seine Ahnen gewesen und als ein Erbe väterlichen Blutes regle sich in ihm früh der Drang, zu formen und zu ge» stalten. Schon in seinem 12. Jahre hat er für die Tafel des Guts- Herrn des Fleckens einen prächtigen Löwen von Butter modelliert, der allgemeines Aussehen erregte und den Nobile veranlaßtc, den begabten Jungen zu einem Bildhauer in die Lehre zu geben. Der boshafte Fernow, der ja als der erste das Dogma von der künst- krischen Unfehlbarkeit Canovas zerstört hat. will aus dieser an- fänglichcn Tätigkeit in Butter den Sinn für das Weiche, Glatte und Mürbe herleiten, das seine Marmorbehandlung später zeigte. Aber die ersten Werke des jungen Bildhauers bekunden ein sehr ernsthaftes Ringen. In Venedig errang er die ersten Erfolge, in Rom ward durch das Grabmal für Clemens III., durch seine von edlem Patriotismus erfüllte Perseus-Statuc der Grundstein seines Wcltruhms gelegt. Kein Wunder, daß ihn bald auch der Konsul Bonapartc nach Paris berief, um seine Taten durch Canova» Kunst verherrlichen zu lassen. Mit gemischien Gefühlen nahm der treue Sohn Italiens dieses glänzende Anerbieten auf, denn die Entfübrung der antiken Bildwerke durch die Frairzoscn hatte ihn aufs Tiefste geschmerzt, und er wollte Rom nicht verlassen. Erst auf Ermahnung des Papstes, der bei einer Weigerung den Zorn des Korsen fürchtete, ging»r m Oktober 1802 nach Paris. Sein Standbild Napoleons, das er in der Idealfigur eineS Feldhcrrnswb und Siegesgöttin tragenden nackten Imperators darstellte, zeigt nichts von seinen persönlichen Empfindungen, wie ja Eunova über- Haupt in seiner demütigen Anlehnung an die Antike alles Person- lichc seines Empfindens gegen eine objektive Ruhe zurückdrängte. Auch die Porträtbüste Napoleons ist ganz unähnlich, denn der Künstler konnte sein Modell nicht genügend studieren. Das Sitzen war Bonaparte viel zu langweilig; er war nur höchst verwundert, als Eanova ihn nackt darstellte, begnügte sich aber mit der Er- klärüng des Künstlers:«Die Künste haben ihre eigene Sprache, und die der Skulptur ist Nacktheit; das lehrt auch die Kunst der Allen." Auster den Büsten des Kaisers und der Kaiserin hatte Eanova auch die schöne sitzende Statue der Mutter Napoleons gc- schaffen, die sich so eng an die antike Statue der Agrippina an- schliestt und das Jdcalporträt der Prinzessin Pauline Borghese als Venus. Ter nackte Oberkörper des Bildwerkes erregte manche Be- denken und man fragte die Fürstin, ob die Modcllsitzungcn für sie nicht genant gewesen seien, doch Pauline antwortete:»Wie so denn? DaS Atelier toar ja immer gut geheizt." Nach dem Sturze Napoleons sollte es Eanova gelingen, das sehnlichste Ziel seines patriotischen Wirkens zu erfüllen und, nach langwierigen, von ihm mit böchstcm Geschick geführten diplomatischen Verhandlungen, die aus Italien geraubten Kunstwerke der Heimat wieder zurückzu- bringen. Seine Rückkehr nach Italien glich einem Triumphzugc; überall veranstaltete man zu seinen Ebren Feste; der römische Senat setzte seinen Namen in das„Goldene Buch des Kapitals". Der Künstler war zum Nationalhelden seines Volkes geworden. Als der unermüdlich bis zuletzt Schaffende im Jahre 1822 starb, trauerte ganz Italien um den„letzten Erben antiker Gröste". Aus dem Tierlebe». Wie schnell fliegt ein Vogel? lim die Schnelligkeit des Vogrlsluges zu prüfen, sind in jüngster Zeit beachtenswerte Vcr- suche gemacht worden. Eine besondere Berühmtheit hat die Schwalb« von Compiegne erlangt, die 230 Kilometer in einer Stunde und acht Minuten trotz Gegenwind zurücklegte. In der Regel fliegt die Schwalbe jedoch nicht mehr als 18 Meter in der Sekunde, und 25 Meter in der Sekunde sind gewöhnlich die höchste Leistung, die das anmutige Tierchen im Fluge vollführt. Kurt Laos schildert in den„Ornithologischen Monatsberichten" mehrere Flugversuche, die vor einigen Wochen mit Schwalben. Staren und Brieftauben angestellt worden sind. Eine Rauchschwalbe wurde ihrem Neste entnommen und dann mit der Bahn 32 Kilometer süd- lieh entführt. Früh um 7 Uhr 38 Minuten wurde sie aufgelassen. Sie war vorher mit Anilinfarbe dunkelblau gezeichnet worden. Das Tier flog erst im Zickzack nach Süden, beschrieb dann einen großen Kreis und stieg so hoch, dast eS sich der Beobachtung entzog. Um 10 Uhr 58 Minuten 30 Sekunden langte sie an ihrem Neste an, hatte also 3 Stunden 15 Minuten 30 Sekunden Zeit zu ihrem Fluge bei Nordwind gebraucht. Eine rot gezeichnete Hausschwalbc wurde bei starkem Südwind und bewölktem Himmel aufgelassen. Sic flog uin 7 Uhr 56 Minuten früh ab. Ihr Nest lag 36 Kilometer südlich vom Ort ihres Aufstiege?, und um 3 Uhr 45 Minuten nachmittags langte sie bei ihren Jung-n an. Eine Uferschwalbe brauchte zu diesem Weg die Zeit von 8 Uhr 8 Minuten früh bis 4 Uhr 15 Mi- nuten nachmittags. Ein 36 Kilometer südlich von seinem Nistkasten befindlicher Star flog zuerst nach Süden zu und kehrte überhaupt nicht wieder in den Kasten zurück. Ein anderer wurde um 11 Uhr 6 Minuten vormittags 2% Kilometer südlich von seiner Brutstätte abgelassen und hatte um 11 Uhr 20 Minuten 30 Sekunden seinen Kasten erreicht. Technisches Elektrische Wind-Kraftwerke in Dänemark. Räch einem in der„E. T. Z." veröffentlichten Aufsatz arbeitet in Dänemark eine Reihe von Wind-Kraftwerken mit gutem technischen und wirtschaftlichen Erfolg. Der den Strom liefernde Dynamo wird von einem Windmotor angetrieben. Ein solcher Windmotor kann bei einer in Dänemark nicht seltenen Windgeschwindigkeit von 8 Meter zirka 15 Pscrdckräste leisten, also eine ganz beträchtliche Anzahl von Lampen oder kleinen Motoren mit Strom versorgen. Selbstverständlich müssen diese Anlagen aus technischen Gründen, um Spannungsschtvankungen zu vermeiden, eine Akkumulatoren- batterie erhalten. Auch ist für den Fall, daß der Wind überhaupt ausbleibt, eine Reserve, z. B. ein Petroleummotor erforderlich. Doch wird diese Reserve nur selten nötig; z. B. in einem für Windverhältnisse ungünstigen Jahr nur für zirka 90 Stunde». Man hat also in diesen Wüid-Kri.stwcrken, besonders für ländliche Gegen- den, Stationen, die ohne nennenswerte Betriebskosten Strom er- zeugen. Es wäre nur zu wünschen, daß diese auch in Deutschland zur Einführung gelangten. Elektrizität im modernen Kaufhaus. Welche Rolle die Elektrizität in einem mod-nnen Kaufhaus spielt, mag durch einige Angaben, die da? neue»lkaufhaus des Westens" in «erantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Charlottenburg betreffen, gezeigt werden. In den Räumen des HauscS sind im ganzen 7900 Glüh- und Nernstlampen und 035 Bogenlampen installiert. Ferner werden Motore von insgesamt 654 Pferdestärken elektrisch betrieben. Diese Motoren dienen zum Antrieb der Aufzüge, der Kühlanlage, der pneumatischen Kassen- anlage usw. Der Stromverbrauch wird in der„E. T. Z." auf den einer Stadt von 100 000 Einwohnern geschätzt. Der Strom wird, im Gegensatz zu anderen großen Warenhäusern, nicht in eigener Zentrale erzeugt, sondern vom Charlottenburger Elektrizitätswerk geliefert, weil der Raum für eine eigene Kraftanlage fehlte. Be- I andere Sorgfalt wurde der Verlegung der Leitungen gewidmet. Die Leitungen sind sämtlich in sogenanntem Stahlpanzcrrohr ver- legt. Im ganzen Gebäude sind 35 000 Meter solcher Rohre verlegt. Selbstverständlich spielt auch die Elektrizität als Schwachstrom in Form von Signal- und Telephonanlagcn eine große Rolle. Humoristisches. — Polizei, Straßenbahnen und Untertanen. In Berlin ist eine Polizeiverordnung in Borbereitung, die den Schaffnern der Straßenbahnen 1. von 11 Uhr abends ab, 2. bei Unwetter, 3. bei Verkehrsstörungen. 4. bei Paraden und anderen Volksfesten, 5. bei Leichenbegängnissen gestattet, auf den» Vorder- und Hinterperron je eine, im Innern der Wagen mit Langsitzen zwei, mft Quersitzen drei Fahrgäste mehr mitzunehmen, als die Normal« zahl beträgt. Die Polizeiverordimng ist wohlineinend, aber unpraktisch. Einerseits sind noch andere Notfälle denkbar, die nicht alle vorausbestimmt werden können, andererseits überläßt sie dem freiem Ermessen des Schaffners zu viel; auch muß der Umfang des überzähligen Fahrgastes berücksichtigt werden. Richtig wäre nur folgendes: Die Aufnahme von Fahrgästen über die Normalzahl hinaus ist in dringenden Fällen grftattet. Der über- zählige Fahrgast, der Aufnahme fordert, hat sich erst bei dem Schaffner zu melden und sich sodam» zu dem nächsten Polizeibureau zu begeben; dort wird ih»n ein Schutzinann mitgegeben, der den Wagen, die Zahl und den Umfang der Insassen und de? Ueber- zähligen untersucht und soda»»n die E»ltscheidung trifft. Gegen diese Entscheidung ist Beschwerde bei dem Polizeipräsidenten zulässig. Bis zur Entscheidung des Schutzmannes, im Beschwerdcfalle bi8_ zur Entscheidung des Polizeipräsidenten bleibt die Aufiiahmc des überzähligen Fahrgastes suspendiert.(»Jugend'.) Notizen. Im Mozartfaak findet Mittwoch, abends 8 Uhr ein Konzert von Konrad A n s o r g e mit dein Mozart-Orchester statt. — Hebbels„Julia' und„Ein Trauerspiel in Sizilien" wurden im Ha in burger Schauspielhause aufgeführt, fanden aber beim Publikum keine Sympathie. — Ein Mamniutfund in G a l i z i e n. In Starunia bei Solotwina wurde in der Tiefe von 14 Meter ein Mammutskclett ausgegraben, welches sehr gut konserviert ist, wahrscheinlich infolge de? UmstandeS, daß das ganze Terrain mit Mineralöl, Wachs und Naturgasen durchtränkt ist. Bisher wurden zwei etwa 6 Fuß lange Zähne, Backenknochen. Teile der Wirbelsäule, 3 bis 4 Meter Haut, auf der sich noch die Haare in frischem Zustande befanden und Knochen des Tieres herausgeholt. — Aus welchem Jahre stammen die ersten Briefmarken? Auf diese Frage wird man, auch von kundigen Philatelisten die Antwort bekommen, daß 1840 daS Geburtsjahr, England ihre Heimat und Rowland Hill ihr Vater sei. Aber daß sie, wenn auch anders gestaltete Vorfahren gehabt haben, er- zählt uns der Sekretär des internationalen Bureaus des Weltpostvereins Krains in seinem Werke„L'union postale universelle". Der König Ludwig XIV. verlieh 16 5 3 dem Bittschristen-Referenken im Staatsrat Velayer daS Privileg, in den verschiedenen Stadt« vierteln von Paris Briefkästen anbringen und für die Ein» wohner der Stadt bestimmte Briefe durch Boten gegen eine Gebühr von einem Eon verteilen zu lasten. Wer Briefe aufgeben wollte, mußte kleine Blätter kaufen, die an den Briefchen zu befestigen waren und den Aufdruck über Bezahlung deS PortoS mit Tag und Monatsangabe enthielten. Als Erfinderin dieser Neuerung wird eine Hofdame. Frau v. Longueville. genannt. Aber trotz der Unterstützung vom Hofe scheine VelayerS Unternehmen kein langes Leben gehabt zu haben. Bon einem neuen Versuch, die Ge- bühr für Nachrichtcnbeförderung auf eine für den Unternehmer lvie den Benutzer bequeme Weise einzuziehen, hört man nun lange nichts. Erst im Jahre 1319 treten im Königreich Sardinien eine neue Art Freimarken ans Licht; sie hatten den Wert von 15. 25 und 50 Centimes, bestanden aus weißen Blättern Stempelpapier und dienten gleichzeitig als Briefunffchläge. Sie hielten sich bis zum Jahre 1836. In diesem Jahre wurden sie auch in England ein- geführt, aber durch die noch heute üblichen Briefmarken bald ersetzt. Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagSaiistaltPaul Singer chCo.. Berlin LW.