Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 213. Freitag, den 1. November. 1907 (Nachdruck verboten.) 11 Die Brüder Zemganno. Roman aus dem Zirkusleben. Von Edmond de Goncourt. Deutsch von Signor Domino. Auf freiem Felde, am Fuße eines Weichbildgrenzpfahls, der sich an der Wegkreuzung erhob, durchschnitten sich vier Siraßen. Die erste, die an einem Schloß im modernen Stil Ludwigs XIII. vorüberführte, zog sich in weiten Krümmun- gen zu dem Gipfel eines steil ansteigenden Berges hinauf. Die zweite, mit Nußbäumen besetzt und nach etwa 20 Schritten in einen gewöhnlichen Feldweg übergehend, verlor sich zwischen Hügeln, deren Abhänge mit Weinstöcken bepflanzt und deren Gipfel Brachen waren. Die vierte, die sich an Steinbrüchen entlang zog und durch Eisenflechtwerk zum Durchsieben des Sandes und rumpelnde Schuttkarren auf zerbrochenen Rädern fast gesperrt war, führte iiber eine Brücke, die von den darüber fahrenden Fuhrwerken dröhnte, zu einer kleinen Stadt, die sich arnphitheatralisch auf Felsen erhob und durch einen breiten Fluß abgesondert wurde, dessen eine Krümmung, sich durch Obstplantagen hindurchwindend, den äußersten Rand einer Wiese bespülte, die sich bis zu der Wegkreuzung erstreckte. Vögel schössen raschen Fluges an dem noch vom Sonnen- gold erglänzenden Himmel dahin, kurze Rufe ausstoßend. kleine schrille„Gutenachts". Kühle senkte sich auf die Schatten der Bäume und ein leises Violett auf die Furchen der Wege. Nur noch von Zeit zu Zeit hörte man das Stöhnen einer müden Wagenachse. Ein tiefes Schweigen breitete sich über die weiten Felder aus, die für heut bis zum folgenden Tage vom menschlichen Leben verlassen waren. Selbst das Wasser des Flusses, dessen Wellchen fast nur noch um einen Zweig her, der in sie tauchte, bemerkbar wurden, schien seine rasche Beweglichkeit zu verlieren, und die Strömung, in langsamerem Weiterfluten, sich zu ruhen. Dann erschien auf der gewundenen Straße, die sich von dem Berg herabzog, unter dem Klirren der Eisenkette eines in Unordnung geratenen Hemmschuhes ein seltsames Gefährt mit einem abgetriebenen Schimmel davor. Es war ein mächtig großer, kastenartiger Wagen mit einem breiten Orangestreifen auf seinem Dach von verrostetem Zink, und vorn mit einer Art kleinem Vorraum, wo ein Stock Efeu, in einem drahtumslochtenen Kohltopf gezogen, an einem kleinen Vorsprung des Daches entlang kroch, der von jedem Stoß des Wagens schütterte. Diesem Gefährt folgte dicht dahinter ein plumper grüner Karren, dessen Kasten, gegen Wind und Wetter sorgfältig überdacht, sich über den Rädern erweiterte und ausbauchte gleich den beckenförmigen Flanken der Dampf- böte, in denen sich etagenförmig die Betten für die Passagiere erheben. An der Wegkreuzung sprang gewandt ein kleiner alter Mann mit grauen Haaren und ein wenig unsicheren Händen von dem ersten Wagen, und während er sich anschickte, das Pferd loszuschirren, trat eine junge Frau unter das mit Efeu geschmückte Vordach. Sie hatte über den Oberkörper einen großen karierten Schal geworfen, während ihre Schenkel und Waden, nur mit Trikot bekleidet, wie nackt erschienen. Ihre auf der Brust gekreuzten Hände schoben sich unter einem leichten Schauern der Kühle, das über ihren Nacken lief, lang- sam zu ihren Schultern hinauf und zogen das Tuch fester um ihren Hals zusammen, während sie. den Körper auf dem einen Bein ruhend, mit dem Fuß des anderen den Takt der Musik bei den täglichen Paradeaufzügen der Gesellschaft schlug. So verharrte sie einige Zeit, den Kopf halb ab- gewendet und gedankenvoll seitwärts auf die Schulter zurück- gelegt, das Profil im Schatten, das. Licht auf Stirn und Augenlider fallend, das Bild einer anmutigen Statue, während sie dabei zärtliche Schmeichelnamen, liebevolle Worte an ein Wesen richtete, das noch im Innern des Wagens weilte. Das Pferd wurde abgeschirrt, die Gabeldeichsel beseitigt, und der Alte setzte mit galanter Sorgfalt einen Tritt an den Wagen, auf dem die Frau herabstieg, nachdem sie ein hübsches Kind im kurzen Hemöchen in ihre Arme genommen: ein Kind. zrößer und stärker als man Säuglinge zu sehen gewöhist ist. «Jie lüftete den Schal und gab ihrem Söhnchen die Brust, da- 'ei auf den rosigen Beinen langsam mit kleinen Schritten )em Flusse zuschreitend, begleitet von einer anderen Frau, die bald den bloßen Körper des Kindchens liebkoste, bald sich zur Erde niederbückte, um ein paar Blätter„Hundszahn" zu pflücken, die einen famosen Salat geben. Aus dem zweiten Gefährt waren inzwischen Menschen und Tiere ausgestiegen. Zuerst ein heulender Pudel mit halb kahl gewordenem Fell, der vor Entzücken darüber, auf festem Boden zu sein, vor allem eine furiose Jagd auf seinen Schwanz anstellte. Dann ein paar Hühner, die sich sofort mit freudigen Flügelschlägen auf den Wagen schwangen. Weiter ein Jüngling, dessen Matrosenjacke über einen Körper ohne Hemd geknöpft tvar und der sich quer über die Felder hin verlor, auf Abenteuer ausgehend. Nach ihm kam ein 5koloß zum Vorschein mit einem Halse so dick wie der Kopf, und der anstatt an der Stelle der Stirn ein krauses Wollgebüsch aufwies. Dann ein armer Teufel in dem schäbigsten Ueber- zieher, der je von einem menschlichen Wesen getragen worden, und damit beschäftigt, ein Rcstchen Tabak aus einer Papier- tüte zu schnupfen. Schließlich, als der Karren schon leer schien, noch eine drollige Persönlichkeit, deren Mund sich in- folge der Ueberbleibsel einer schlecht weggewischten Malerer bis zu den Ohren auszudehnen schien. Lang gähnend mit diesem Munde, reckte er sich, sah dann den Fluß, verschwand in das Innere des Wagens und erschien wieder mit dem Gerät zum Fischen von Krebsen versehen. Bald laufend, bald Rad schlagend, gelangte diese groteske Persönlichkeit, die mit einem gänsekot-farbencn Kittel mit scharzen Arabesken und ausgezackten Rändern bekleidet war, an das Ufer des Flusses. Eine alte Weide neigte sich dort über den Wasserspiegel, von der nur noch die eine Seite vor- handen war, mit Adern und Ringen wie von einem Baum aus granem Stein, in der Höhlung grünes Moos und Haufen braunen Moders:— eine alte Weide, deren Wipfel noch lustig grüne Zweige und junge Sprossen trieb, dicht um- schlungcn von Windenranken. Unten hatten die Tritte der Fischer den Rasen auf den vielbenutzten Stellen wie zu Stufen einer kleinen Treppe ausgetreten. Der Bajazzo glitt platt auf dem Bauch liegend heran, und über die spiegelnde Wasser- fläche gebückt, in welcher sich die Lehmfarbe des Ufers und das Braunrot des Wnrzeltvcrks sehr bald in deni Blau des tiefen Bettes verlor, jagte sein bizarres Bild eine Herde von Fischen in die Flucht, welche verschwanden wie dunkle Pfeile, getragen von schimmernden Floßfedern. Die Mutter, ihr Kind an der Brust, betrachtete unter den länger werdenden Schatten auf dem Fluß die Sonne, die fern am Horizont sank und an einem Punkt der Strömung einen wirbelnden Glutstreifen bildete: betrachtete die Wellchen, wie sie dahin rollten und verrannen, und das Azurblau des Himmels und das Purpurrot des Sonnenunterganges: be- trachtete mit starren, sinnenden Blicken das rasche Dahin- huschen und rastkose Umherkrabbcln der langbeinigen Spinnen auf der spiegelnden Fläche... mit jeweiligem leichten Zittern der Nasenflügel den Duft der Wiesenblumen ein- atmend, den eine leichte Brise, die sich soeben erhob, herbei- wehte. „Heda,„Kopfnuß", an den Kochofen!" Es war die Baßstimme des Herkules, der, inmitten des Angers auf einer Kiste sitzend, die Füße in pelzverbrämten Ritterstiefeln steckend, mit dem Gebaren großer Sorgsamkeit und eines unendlichen Wohlbehagens Kartoffeln schälte. Die als die„Kopfmiß" bezeichnete Frau begab sich zw dem Wagen zurück, gefolgt von der Mutter des Kindes, welche sich der Vorbereitung des Abendbrotes widmete: schweigend, nichts selbst anrührend: wortkarg ihre Befehle gebend, fast als geschehe es in einer Pantomime. Der Alte mit den grauen Haaren, der unterdes die beiden Pferde an einem Zaun festgebunden hatte, zog jetzt eine scharlachne Husarciijacke mit brandenburgischer Uniformver- schnürung und Besatz von Silberschnur über, nahm eine Gieß« kanne und entfernte sich damit auf dem Wege nach der Stadt. Das Blau des Himmels war matt geworden, fast farblos, mit einem bißchen Gelb im Westen, einem bißchen Rot im Osten, und einige langgestreckte Wolken von dunklem Braun streiften zebraartig den Zenit wie mit Borten von Bronze. Bon dem fahler werdenden Himmel herab senkte sich unmerk- lich jener leichtgrane Schleier, der in den noch vorhandRien Tag allmählich die Unsicherheit in der Erscheinung der Dinge hineinträgt, sie zweifelhaft und unbestimmt macht, die formen und Umrisse der entschlummernden Szenerie in der Dämme- rung verschwimmen läßt: jenes melancholische, sanfte, all- mähliche Ersterben des Lebens des Lichtes. Nur jn for kleinen Stadt mit den bleichen Häusern erglänzte die Laterne am Ende der Brücke noch von dem Strahl des Tagesgestirns, das sich in ihrer Scheibe spiegelte: aber schon hob sich das Dach der großen Kirche mit den schmalen Bogenfenstern in dunklem Violett von dem fahlen Silber des Sonnenunterganges ab. Dann erschien das fteld nur noch als ein unbestimmter Raum. Dann war der Fluß, der allmählich ein dunkles Grün, dann «ine schieserfarbene Tönung angenommen, nur noch� ein Murmeln ohne Farbe, in welches die Schatten der Bäume große dunkle Flecken wie von chinesischer Tusche warfen. Währenddem hatte man die Vorbereitungen zum Abend- drot eifrig betrieben. Ein transportabler kleiner Kochofen war herbeigeholt und auf der Wiese nahe am Fluß aufgestellt worden. Irgend etwas kochte auf demselben im Verein mit den Kartoffeln, die der Herkules gesckiält hatte. Drei- oder viermal hatte der Bajazzo einige Krebse in einen Kessel ae- warfen, die hineinfallend, an den kupfernen Wänden ein krabbelndes und plätscherndes Geräusch machten. Der Alte in der Husarenjacke kehrte aus der Stadt zurück, seine Gieß- kannc mit Wein gefüllt. Die„Kopfnuß" setzte einige defekte Teller auf den Teppich, auf dem die Gesellschaft sonst ihre Künste zum Besten zu geben Pflegte, und um den Teppich herum lagerten sich, bequem hingestreckt und ihre Messer aus den Taschen hervorholend, die männlichen Mitglieder der Truppe. Nacht folgte dem dahingestorbenen Tage. Nur noch ein flammender Punkt spiegelte sich fern in der Fensterscheibe eines Hauses am Ende der Hauptstraße der Stadt. Plötzlich trat aus dem Dunkel eines der Gärten der junge Mann hervor, die Brust nackt, in seine geöffnete Matroscnjacke ein sich sträubendes Tier einhüllend. Bei dem Anblick des Tieres erhellte emc leichte Freude, fast ein Aus- druck der Grausamkeit das Gesicht der Frau im Trikot: lie schien sich für einen Augenblick früherer Tinge zu erinnern und ihre Gedanken ihr Bilder aus ihrer Vergangenheit zurück- zurufen. „Lehm!" befahl sie, in die Hände klatschend und mit einer tiefen Altstimme, einem Alt in seltsamen, ein wenig vibrierenden Kehltöneu. Dann sah man sie mit einer katzenartigen Geschwindig- keit, ohne sich an den Stacheln zu verletzen, den lebenden Iael den ibr der Jüngling darreichte, in einen Kloß von Lehm einhüllen, während der Alte ein mächtiges offenes Feuer von trockenen Zweigen entzündete. (Fortsetzung folgt.) lNachdriuk verboten.) Zanzmdc und beulende Derwilcbe. Von Dr. Adolf Heß. Wer zum ersten Mal die Grande Nue de Pera, die Haupt- straßc des curoväischcn Viertels von Konstantinopel passiert, glaubt sich auf einen Maskenball versetzt. Da gehen französische Nonnen ,n riesigen, schiffförmigen Hauben neben einem spanischen Jesuiten- pater in braunem Mantel; ein vornehmer Türke mit rotem Fez unterhält sich mit einem stattlichen Rabbi der spanischen Juden. Griechische Mönche in langem schwarzen Rock und mitraähnlicher Mütze streben ihrer in der Nähe gelegenen Kirche zu. Türkische Matrosen mit rotem Kragen und breiter Schärpe nehmen die Sehenswürdigkeiten der Läden in Augenschein. Hier jagt die Pferdebahn mit schmetterndem Hornsignal durch eine Schar er- fchrecktcr Truthühner; dort leiert ein griechischer Bettler in rundem Hut und Schaffellmantel seinen monotonen Singsang herunter. Aussätzige mit verkrüppelten Gliedmaßen rutschen ourch den Straßenschmutz: eine SAiHrsagerin greift nach der Hand eines Passanten; im Sckilaf gestörte Hunde schnappen ärgerlich nach den Beinen des Fremden, der über sie stolpert. Saumpfcrde,-Esel und gebückte Lastträger suchen behutsam ihren Weg, während auf Gummirädcrn eine Equipage mit verschleierten Haremsdamcn und einem cunuchischcn Vorreiter an ihnen vorbeihüpft. Am Südcnde der Straße, zwischen der deutschcü Schule und dem Klubhausc Teutonia lehnen an einem Toreingang ein paar interessante Gestalten. Das lange Mönchsgewand und die hohe kegelförmige Mütze über blassen, schwarzumrahmtcn Zügen lassen aus einen ägyptischen Magrer oder dergleichen schließen. Dazu patzt auch der finstere Blick und die brutale Gaunerphysiognomic des einen— weniger die weltfremden Augen und das Asketen- lächeln feines Gegenüber. Tic beiden Derwische vom Orden der Mewlewi, die hier als lebende Reklame vor ihrem Kloster stehen, geleiten den Besucher über einen stillen Hof mit uralter Platane zum Tckkc(Kloster) einem schlichten altersgrauen, zweistöckigen Bau mit säulengctra- gener Kuppelhalle, in der die Zeremonie stattfindet. Unten und oben läuft eine Galerie für die mobammedanischen Gäste— die Frauen hinter einem Gitter— und für die Fremden. Dem Ein- gang gegenüber, vor der Gebetnische, hockt der Scheich, ringsum 18 Derwische in langer, schwarzen Gewändern, die hohe gelbbraune Filzmütze auf dem Kopfe. Auf dem Chor beginnt der Küster mit näselnder Stimme eine Art Liturgie, dann folgt unten ein dreimaliger Rundgang um den Platz vor der Gebewische. Voran der Scheich im grünen Turban. hinterher die Mönch«. Jeder verneigt sich erst vor der Nische, dann vor dem stehengebliebenen Vordermann. Eine primitive und doch feierliche Musik in Moll, �-Takt: drei lange Holzflötcn und vier mit Leder überzogene Kupferbecken, die mit Trommekstöcken geschlagen werden, begleiten die gemessenen Schritte der Derwische. Dann wird das schwarze Obergewand abgelegt, grüne Röcke kommen zum Vorschein. Flöten und Trommeln setzen aufs neue ein, dazu ein monotoner Gesang, lauter Kehllaute,— und der eigentliche Tanz beginnt. Die Derwische kreuzen die Arme über der Brust, derneigen sich vor dem Scheich und drehen sich zuerst langsam, dann immer schneller um sich selbst und gleichzeitig im Kreise. Nach dem Passieren der Gebetnische werden die Hände an die Schläfen gelegt, dann aufs Herz, hierauf die Arme in Schulter» höhe seitwärts ausgestreckt, die rechte Handfläche nach oben, die linke nach unten. Jn dieser Haltung dreht sich alles im Kreise und um sich selbst. Die Arme bilden da» Schwungrad, der Körper die Welle. Die grünen Röcke stehen fast horizontal, wie bei einer Ballettänzerin. Dieser Teil der Zeremonie dauert über eine halbe Stunde. Irgend welche Wirkung auf die Ausübenden ist nicht wahr- zunehmen. Niemand taumelt oder weicht auch nur einen Schritt von seiner bestimmten Bahn ab. ES ist, als drehten steh dort keine Menschen, sondern Marionetten. Offenbar sind keine Neulinge unter den Derwischen. Nur bei einigen verrät daS visionäre blasse Aussehen die physiologische Wirkung deS Dreyens. Sobald d«e Musik verstummt, steht alles still, küßt den Scheich und sich gegen- seitig und verläßt in feierlich langsamer Prozession den Saal.— Aufregender als dieses Auge und Ohr angenehm berührende religiöse Ballett wirkt die Andachtsübung der sogenannten heu» lcnden Derwische, der Rufaija in der Nähe deS großen Friedhofes in der Vorstadt Skutari. Ein niedriges Holzgebaude mit säulen- getragenem Jnnenraum erweckt zunächst keine besonderen Erwar- tungcn. Fünf grün bedeckte Särge am Eingang enthalten die Ucbcrrcste früherer Schcikö. Die Gcbewische ist mit zwei uralten zerfetzten Fahnen— der Orden stammt aus dem Jahre 1182— alten Waffen, Säbeln, Keulen, Morgensternen usw. dekoriert, der Jnnenraum, statt mit kostbaren Teppichen mit simplen Schaffellen belegt; an der Decke hängen tambourinähnliche Schellentrommeln, die an Festtagen benutzt werden. Zum Kostüm dieser Derwische ge- hört eine halbhohe Mütze aus weißem Filz, die mit einem schwarzen Turban umwickelt ist. Der Scheich trägt unter dem schwarzen Rock ein langes, blaues Gewand, der Küster ein rotes. Außer den Derwischen nehmen an den Uebungen noch andere Personen teil, die nicht im Verbände der Derwische leben, sich aber zu ihren Lehren bekennen. Reben dem Scheich kniet zum Beispiel ein reicher Pascha, der dem Kloster große Stiftungen gemacht; mitten unter den Mönchen tanzt ein herkulisch gebauter riefiger Mohr, türkischer Jägeroffizier und aktives Mitglied der heulenden Derwische. Etwa eine Stunde lang dauert hier zunächst der übliche mohammedanische Gottesdienst, dessen gesundheitliche Wirkung man an dem blühenden Aussehen 70. und 8l>jähriger Greise immer aufs neue konstatiert. Dieser Gottesdienst, mit seinen systemati- scheu Leibesübungen, ist entschieden einer der gesündesten, die es gibt. Erst nach unendlich oft wiederholtem Niederknien, Sichvcr- beugen, Wiederaufstehen, abermals niederknien, den Boden mit der Stirn berühren, Gebete murmeln usw. beginnen die eigentlichen Uebungen der Derwische. Sie bestehen im wesentlichen in Frei- Übungen, Rumpfbeugen und-Strecken, Füße seitwärts pellen, Ucbertreten von einem Fuß auf den anderen, unter ständigcu« An- rufen Allahs und Verneigen vor den beiden Schutzengeln. Alles geschieht rhvthmisch, aber ohne Musik. Allmählich werden die Uebungen schneller und komplizierter. Der Unterleib wird krampf- Haft vorgestreckt und wieder eingezogen; der Oberkörper in den Hüften gewiegt, dabei der Kopf unter Drehungen stets auf die enfc- gegcngefctzte Schulter geworfen und hierzu noch gesprungen. Diese vcrtrakten Bewegungen werden unzählige Male immer schneller im Takt wiederholt. Allmählich nehmen die Gesichter einen der- zückten Ausdruck an; der Leib zuckt jetzt schon ganz mechanisch, der Atem geht schwer, man hört ihn pfeifen. Oberrock und Mantel sind längst abgelegt, die Derwische sind in weißen Käppchcn, der mit- tanzende Scheich im blauen Gewände. Am wildesten und eksta» tischsten gebärdet sich der Mohr, der Jägcroffizicr. Seine Beloc- gungen sind heftiger«IS die der anderen; fein Beten inbrünstiger. Einmal schlägt er mit dem Kopf gegen eine Holzfäule— und tanzt weiter. Neben ihm hüpft und springt, wie ein Zicklein auf der Weide, ein 10— ILjähriger Knabe, der Sohn des Scheich, und die Troddel auf dem kleinen Fez schlenkert genau so eifrig hin und her, wie Papas Turban. Wäre das Kind nicht,— die entsetzliche Spcmnung und der Druck, die auf den europäischen Zuschauern lasten, mußten in hysterischem Geschrei oder Todsucht explodieren. Diesen stunden- �ingcn Attacken auf das Gefühl ist schließlich niemand gewachsen— mit Ausnahme vielleicht jener blonden englischen Miß, die drüben kühl den blauen Schleier lüftet. Endlich hört das wahnjinnigc Springen auf. Feierlicher Ernst liegt auf allen Gesichtern. Allah ist zugegen. In den Scheich ist Allahs Odem eingezogen; ihm werden Kranke zugeführt, die er an- haucht. Kleidungsstücke werden gesegnet; Erwachsene und Kinder legen sich mit dem Gesicht nach unten platt auf den Voden; der Scheich schreitet auf ihren Leibern dahin, und die leben- und fegen- spendende Kraft geht in die Gläubigen über.-- Es ist ein eigen Ding um den Menschen und seinen Glauben. Die Anschauung, daß bestimmte„Leistungen" das höchste Wesen zum Erscheinen zwingen, ist so alt, wie der Glaube an dieses Wesen selbst. Vom Brandopfer Abrahams bis zur Gesnndbekcrin in Berlin XV., vom Tibetaner, der seine Gebetmühle dreht, bis zum tanzenden und heulenden Derwisch ist ein weiter Weg; aber schließ- «ich liegt doch überall dieselbe Anschauung zu Grunde. Fakiere und Flagellanten. Pemtents in Nordamerika und Thlysth in Rußland wollen ungefähr dasselbe, lind wenn die roh-sinnliche Anschauung überwunden ist, wird die Geißel des Flagellanten zur Reue, mit der der Gläubige sich die Seele zermartert, und daS schwindelerregende Drehen der Derwische zun» circulus vitiosus der Erb- fünde. kleines feiriUeton* Ist wollene, baumwollene, seidene«der leinene Kleidung dem Menschen am dienlichsten? Der Kalender mahnt unö, auch wenn die Sonne im Oktober nock> warm herniederstrahlt, mit unerbittlicher Strenge, daß die Zeit naht, in der auch der nicht verwöhnte Mensch die leichte Kleidung des Sommers mit wärmerer Umhüllung ver- tauschen mutz, und es entsteht die Frage, welche Kleidung uns am dienlichsten ist. Unsere Kleidung verschafft uns nicht nur eine ge- wisse notwendige Behaglichkeit, sondern sie bedeutet eine ganz er- hebliche Ersparung an Nahrungsmitteln. Gingen wir unbekleidet, so gäben wir eine große Menge Wärme an unsere kühlere Um- gcbung ab, diese verlorene Wärme könnte unser Körper aber nicht entbehren, sondern wir müßten sie wiederherstellen, und zu diesem Zweck müßten wir viel mehr Nahrung aufnehmen, als unser Körper ohne Wärmeabgabe erfordert. Denn im Körper gehen mit der Nahrung Prozesse vor sich, bei denen Wärme entsteht, und die-Z ist ein wesentlicher Zweck der Nahrungsaufnahme. Justus v. Liebig sagte, wenn wir in unserem Klima unbekleidet gingen, so würden wir mit Leichtigkeit ein halbes Kalb und einige Dutzend Talgkerzcn verzehren; das mag ja wohl etwas übertrieben fein, aber sicher müßten wir unbekleidet etwa zwanzig Prozent mehr Nahrung auf- nehmen als so. Die Stoffe, mit denen wir uns zu bekleiden pflegen, sind schlechte Wärmeleiter, d. h. sie behindern die Abwanderung unserer Wärme an die kalte Lust, und sie setzen dieser Wanderung einen um so größeren Widerstand entgegen, in je dickereu Schichten sie von uns getragen werden. Das ivird ja auch praktisch durch- geführt, indem die Winterkleider wohl aus ähnlichen Stoffen an- gefertigt werden, wie die Sommcrilcider, aber dicker gewebt sind als diese. Hier tritt nun eine Verschiedenheit des Nutzens der verschiedenen Gewebe zutage. Es hat sich herausgestellt, daß zwar eine gleich dicke Schicht von Wolltrikot, leichtem Wollflanell, Baum- wolltrikot, Seidentrikot und Leincwand der Wärmcwanderung den gleichen Widerstand entgegensetzt, aber diese gleich dicken Schichten verschiedener Stoffe haben recht verschiedene Gewichte. Tausend Ouadratzentimetcr von 4� Millimeter Dicke wiegen bei Wollflancll ?L,9 Gramm, bei Wolltrikot&0,2; bei Baumwolltrikot 93,3; bei Seidentrikot 100,9; bei Leincwand 183,9. Selbstverständlich ist jede unnütze Belastung des Körpers zu vermeiden, und wenn uns M Gramm Wolle ebensoviel Wärme konservieren, das heißt Nahrung ersparen, wie 101 Gramm Seide oder 184 Gramm Leinewand, so werden wir natürlich den Wollflancll für die praktischste Kleidung erklären. Dazu kommt, daß wir durch unsere Haut fortwährend Kohlensäure abgeben. Zu unserer Behaglichkeit ist eL notwendig, daß diese abgegebene Kohlensäure mit möglichster Beschleunigung von der Körperoberfläche entfernt werde. Nun bildet ja die 5lleidung ein Hindernis für die Wegführung der Kohlensäure, aber gegenüber dem Nutzen der Kleidung müssen wir diese Ilnbequcmlichkeit eben in den Kauf nehmen, nur werden wir eine solche Kleidung bevor- zugcn, die bei gleicher Wärmewirkung der abziehenden Kohlensäure die geringste Schwierigkeit in den Weg stellt, und das ist wiederum der Wollflanell. Unter gleichem Druck wandern in einer Minute bei gleicher Dicke des Stoffes durch glatte Baumwolle 0,207 Liter Gas, durch Trikotstoff 1,027 Liter, durch Wollflanell 1,138 Liter. Noch ein dritter Punkt ist von Wichtigkeit. Unsere Haut sondert außer der Kohlensäure fortwährend kleine Schwcißtröpfchen ab, und auch sie müssen schnell entfernt ivcrden, sollen sie uns nicht unbequem werden. In dieser Beziehung werden wir also dem- jenigen Stoff den Vorzug geben, der dem entstandenen Schweiß den leichtesten Abzug gestattet. Nun bilden alle unsere Kleidungöitosfe ein Gemisch aus festem Körper und Luft, die sich in den Poren deS festen Körpers befindet, aus dein daS Gewebe hergestellt ist. Der Schweiß verbindet sich so gut wie gar nicht mit der eigentlichen festen Substanz des Gewebes, er entfernt sich vielmehr wesentlich durch die Poren der Kleider. Da wird also, wie man leicht einsieht, derjenige Stoff der beste sein, der die meiste Luft in sich enthält, weil er den: Schweiß den besten Weg zur Entfernung bietet. Flanell- gewebc besteht aber aus 9 Raumteilen Wolle und 91 Raumteilen Luft, Trikotgewebe setzt sich zusammen aus 17 Raumteilen festen Stoffes und 83 Raumteilen Luft, und cS ist dabei gleichgültig, ob cS sich um ein Trikot aus Seide. Wolle, Baumwolle oder Leine- wand handelt. Die verschiedenen Tucharten enthalte» 20 Raum- teile Stoff und 80 Raumteile Luft, glattgewcbte Baumwolle und Leinewand endlich werde» gebildet aus 48 Teilen fester Bestandteile und öL Teilen Luft; also auch hier bietet der Wollflancll die günstigsten Bedingungen. Zugleich lehrt diese Zusammenstellung, daß nicht derjenige Kleiderstoff der Wärmeabgabe den größten Widerstand entgegensetzt, der relativ am meisten Gewebe und am wenigsten Luft enthält, wie auch andererseits die Leichtigkeit der Kohlcnsäureabgabe nicht direkt von diesem Verhältnis abhängt. Schließlich muß man berücksichtigen, daß der Schweiß zivar zum Teil verdampft, zum Teil aber auch die Poren verschließt, und die solchergestalt verschlossenen Poren sind dann für die weitere Ent- sernung von neu entstaudcncm Schweiß nicht mehr zu verwerten. AuS diesem Grunde muß untersucht werden, wie viele Poren der einzelnen Gcwebcartcn sich durchschnittlich mit Schweiß anfüllen, und dabei hat sich herausgestellt, daß, gleiche Zeitdauer der Prüfung vorausgesetzt, von Schweiß frei bleiben bei Wolle 74 Proz. aller Poren, bei Baumwolle 73 Proz., bei Seide 80 Proz. und bei Leine» wand 43 Proz. Also auch hier gebührt der Wolle der Vorzug; wenn sie in dieser Rücksicht nur einen geringen Vorzug vor der Baumtvolle besitzt, so hat sie doch immerhin einen Vorrang auch vor ihr. Wir kommen bei Berücksichligung aller in Frage kommenden Ilmstände und Bedingungen zu dem Endergebnis, daß der Wollcnflancll dasjenige von allen zurzeit existierenden Geweben ist, das nach allen, hygienischen Rücksichten die dem Menschen zu- träglichste Bekleidung liefert.— Literarisches Das Jubiläum des„Nürnberger Trichters�. Am 1. November wird in Nürnberg der 300. Geburtstag eines Manne» gefeiert, den die alte Reichsstadt an der Pegnitz in die Schar ihrer vielen berühmten Männer eingereiht hat. Es ist Jobann Philipp H a r s d ö r f e r. der Schöpfer einer literarischen Gesellschaft, die noch hcnte besteht. Er ist es auch, auf den die berühmte Redens- ort von:„Nürnberger Trichter" zurückgeht. Unter seinen mehr als 50 Bände füllenden Schriften bcfinder sich auch ein merkwürdiges, 1847 erschienenes Buch„Poetischer Trichter, die deutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der laleinischen Sprache in 8 Stunden ein» zugießen". Dieses Buch hat die Veranlassung zu der genannten Redensart gegeben. Im Jahre 1044 gründete HarSdörfer den „Blumenorden der Schäfer an der Pegnitz", eine Art literarisches Kränzchen, das sich die Pflege der Dichtkunst zur Aufgabe machte. Aber feine Mitglieder verrichteten keine besonders hervorragenden Taten. Höher sind ihre Verdienste um die Neiuigimg der deutschen Sprache anzuschlagen, die ebenfalls Zweck dieser Vereinigung war. Die„Pegnitzschäfer", wie sie sich nannten, ftönten hauptsächlich der dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden gezierten Hirteiipoesie, bei ihren Zusammenkünften, die�nieistenS in einem Hirleithain stattfanden, verkleideten sie sich als Schäfer und riefen sich gegenseitig mit angenommenen Dichternamen. Der erste „Dichterham" ist nicht inebr aufzufinden, aber der zweite existiert noch. Es ist der Jrrhain bei Kraftöhof, ein herrlicher Park, in dem früher labyrinthartige Laubettgänge angelegt waren. Jeder Pegnitz- schäscr hatte in dem Hain eine kleine Hütte, in die er sich zurückzog, wenn er das Bedürfnis empfand, mit feiner Muse allein zu sein. Der Hain, der 1873 von der Gescllsldaft erworben wurde, befindet sich nock: heute in deren Besitz. Alljährlich wird dort das sogenannte Jrrbainfest begangen.— AuS Anlaß dieses Jubiläums wird im Germanischen Museum in Nürnberg eine Ausstellung von den Werken HarsdvrfcrS und der auf ihn lind feine Bestrebuugen bezüglichen Schriften usw. veranstaltet. Kn»st. Ein„heiterer Vortragsabend" lockte uns am Mitt» woch in den Festsaal der„Scklaraffia" am Enckeplatz. Was cS oft mit solchen Veranstaltungen für eine Bewandtnis zu haben Pflegt. weiß man ja: belanglose Vorttagöstücke, mittelmäßige Interpreten. Diesmal hieß der Rezitator Fritz Richard. Daß er sich eines guten Rufes als denkender Schauspieler und begehrter Charakter- darsteller erfreut, war uns nicht unbekannt. Wen.!: wir aus diesem Gninde unsere Erwartungen an seine VortragSkunft höher gespannt hatte», so fanden wir uuS nicht getäuscht." Fritz Richard erfüllt. was er verspricht. Zu einer gewinnenden Erscheinung des Auf- trctens kommt eine hoch ausgebildete Sprechkunst, die alle Register beherrscht, die stiinnnmgSvoll malen und plastisch bilden kann. So wie Richard rede» die Leute Oesterreichs, und solche eindrucksvolle Mimik unterstützt das, was sie schlicht lind doch drastisch erzählen. Der Vortragende bot vorzugsweise Stücke aus der reichen Dialekiliteratttr seiner österreichischen Hemmt. Und er tut recht daran. Dort liegt seine Stärke; dort cmioickelt er«ine wohltnende Wärme und köstliche Heiterkeit, und der Zuhörer bekonunt den Eindruck, als wandle er mit deni Vor- tragenden unter seinen niederösterreicbischen, throlcr und fteyer- märkischen Volksgenossen selber. Schließlich ist daS der höchste Triumph der Bortragskunft. Da» Stück urechtestes Volkstum, da« We Dichter in ihren bald heiteren, bald auch sinnvoll-ernsten Schöpfungen liebevoll umschlossen haben, soll uns anheimelnd um- weben in SpechrhythmuS und Geste. Fritz Richard trug Vers- und Prosadichtungen von Rudolf G r e i n z. Peter R o s e g g e r. Marie Ebner v. E s ch e n b a ch aber auch einige Sachen norddeulscher Humoristen vor..Die Erdbecrfrau� der Ebner ivurde liebevoll interpretiert, die naiurwahre Schilderung emer„Hinrichtung" von Stefan Grotzmann. den, Feuilletomsten der Wiener„Arbeiter- zeitnng" lvurde mit allem dnim und dran zu durchschlagender Wirkung gebracht. Man darf wünschen. Fritz Richard öfter auf dem Podium zu begegnen. s. k- Medizinisches. kfg. Appetit und Kaffee. Der Kaffee verlegt den Appetit, und zwar wird das Genutzbedürfnis auf Kaffee selbst schon nach einer auffallend kurzen Zeit und schon nach einer verhältnismäßig geringen Menge Kaffee gestillt, wie uns Dr. Wilhelm Sternberg(Berlin) in der„Zeitschrist für physikalische und diätetische Therapie" auseinandersetzt. Dabei ist es auffallend, daß diese Wirkung sogar ziemlich lange anhält. Die Berführung zu übermäßiger Fortsetzung nach dem Genutz be- steht also beim Kaffee nicht wie beim Alkohol. Daher kommt es auch, daß eine Gewöhnung nicht so leicht eintritt, ein weiterer Vorzug vor dem Alkohol und Morphium. Wie bei allen Reizmitteln läßt auch beim Kaffee und Koffein allmählich die Wirkung wohl etwas nach, aber nicht in erheblichem Matze. Außerdem befriedigt auch der Kaffecgenutz das Bedürfnis nach anderen Nahrung?- Mitteln. Kaffee ist also ein unwahrer Freund des Menschen, der mit Vorspiegelung falscher. Tatsachen arbeitet. Er„verdirbt, der- legt" den Appetit, er„zehrt", wie der Volksmund sagt, aber nicht in vorteilhafter Weise. Technisches. Neue Eisenbahn« und andere Rekords. Bei allen Verkehrsmitteln, die mit Dmnps betrieben werden, spielt außer der Geschwindigkeit, der Betriebssicherheit, Bequemlichkeit und derartigen Rücksichten der sogenannte Aktionsradius eine große Rolle. Diese Bezeichnung wird haupnäcksiich von Schiffen gebraucht und gihr an. wieviel Seemeile» ein Dampfer zurücklegen kann, ohne daß ihm die Kohle ausgeht. Der nämliche Begriff läßt sich selbstverständlich auch ftir Lokomotiven gebrauchen, wohei es sich außer der Kohle noch um das Waffer handelt. Unter einem Aktionsradius einer Lokomotive würde man also die Strecke zu verstehen haben, die sie mit einein Zuge von bestimniter Last zurücklegen kann, ohne einmal zur Waffer- bezw. Kohlenaufnahme halten zu müssen. Auch einem technisch nicht durchgebildete» Verstände wird es einleuchten, daß eine Steigerung der Leistungsfähigkeit der Lokomotiven nach dieser Richtung von außerordentlicher Bedeutung und ein Merkmal für die Vervollkommnung dieser Maschinen überhaupt_ ist. Die größten Erfolge in dem uonstop-irua, wie eS in englischer Sprache heißt, find wohl in Amerika erzielt worden, wo bei der Durchmeffung weiter Strecken von geringer Besiedelung die Vermeidung unnützer Stationen sich besonders empfiehlt, während beispielsweffe auf den deutsche» Eisenbahnen ein weiterer Fortschritt in dieser Bezicbuitg weniger Nntzcn haben würde, weil die Züge doch.fast auf jeder Strecke in Zwischenräumen von etwa 2—300 Kilometer auf eine bedeutende Stadt treffen. Ein neuer Rekord der längsten Fahrt ohne Aufenthalt scheint jetzt jedoch in England aufgestellt worden zu sein. Bisher hielt den Rekord ein Zug auf der Großen Westbahn von London nach Plhmoulh, der diese Entfernung von 365 Kilometer ohne Aufenthalt in der Zeit von vier Stunden und fünf Minuten, also mit einer durchschmttlichen Geschwindigkeit von 90 Kilometer in der Stunde, durchfahren hatte. Jetzt ist diese Leistung, wie die Wochenschrift„English Mechanic" meldet, um einen erheblichen Betrag geschlagen worden durch den Sonderzug, der von London aus die Strecke bis nach Fishgard in Süd-Wales, wo der Anschluß an die Dampfer nach Irland erfolgt, in einer Fahrt zurückgelegt hat. Diese Entiernmig beträgt 42l>/„ Kilometer: die Geschwindigkeit war freilich etwas geringer als bei der vorigen Fahrt, weil im südlichen Wales große Steigungen zu überwinden sind, während die Linie von London nach Plymouth eine der besten und bequemsten ganz Englands oder der ganzen Welt ist.— Gleichzeitig wird ein neuer Rekord des Kraftwagens gemeldet, der jetzt auf 204 Kilometer in der Stunde steht.— Allerdings ist mit dieser Teichwindigkeit ein Wagen glücklicherweise»och nie eine ganze Stunde lang gefahren, vielmehr beruht diese Angabe mehr auf Reckw.ung. indem nämlich der be- treffende Motorwogen die englische Meile in 28 Sekunden durchmaß. Der Schauplatz dieser Leistung war ein Ort in Florida, während als der bisherige Rekord auf europäischem Boden eine Fahrt in Ostende gilt, bei der ein Kilometer in 19 Sekunden durchfahren «vurde, was 138 Kilometer pro Stunde ergibt. Hmnoristisches. Humor des Auslandes. — Ein Spaziergänger wurde durch schaurige Schreie angelockt. die aus einem kleinen, nicht weit von der Landstraße gelegenen Hause kamen. Eilends dorthin laufend, entdeckte er, datz ein kleiner Knabe eine kleine Silbermünze verschluckt hatte und datz seine Mutter, die nicht wußte, was sie tun sollte, sich in höchster Auf» regung befand. Der Fremde ergriff den kleinen Burschen bei den Füßen, hielt ihn hoch und schüttelte ihn ein paarmal, ivorauf die Verantwortl. Redakteur: Hau? Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Münze bald auf den Fußboden fiel.„Bell. Mister." sagte die dank» erfüllte Mutter.»Sie verstanden das aber, das Geld herauszukriegen. Sind Sie Doktor?"—„Nein, Madame." entgegnete der Fremde, „ich bin Steuerexekutor."(„The Argonaut".) — Hauptmann ZäzzletopS hatte sich vor der schmerzlichen Not» wendigkeit gesehen, seinem Sohne Johnny eine Züchtigung angedeihen zu lassen. Nach getaner Arbeit sprach er streng zu seinem Opfer: „Und min sage mir, ivarum ich Dich gezüchtigt habe?"—„So ist'S recht," schluchzte Johnny,„erst prügelst Di» mich beinahe zu Tode, und dann weißt Du nicht mal. warum Du'S getan hast". (.Tit Bit?.") Notizen. — Georg Engels, unser bester Lustspieldarsteller, ist nach kurzer Krankheit Domierstagmittag plötzlich gestorben. Was der Künstler, der am 12. Januar 1846 in Altona geboren war und seit 1370 in Berlin wirkte, zuerst am Wallner-, dann am Deutschen Theater unter Reinhardt und zum Schluß am LustspielhauS, für unsere Bühne bedeutete, soll hier morgen gesagt werden. — Der„Salon der Humoristen"(im Gebäude der Sezession, Kurfürftendamm) bleibt bis inkl. Sonntag, den 3. No- ventber, geöffnet und zwar am Sonntag von 2 bis 7 Uhr. —„Der M e i st e r d i e b", eine Komödie von Kurt Glucke. die Grimms bekanntes Märchen verarbeitet, tvurdeimBreS lauer Stadttheater beifällig aufgenommen. — D'Annunzio, Italiens größter Dandy, hat seine neue Tragödie„La Nave"(Da-Z Schiff) in Trieft vorgelesen. Sie soll natürlich das„prachtvollste italienische Schauspiel" sein. Noch bezeichnender für die lächerliche Reklame, die der Maim der Krawatten treiben läßt, ist die Enthüllung, daß das Manuskript D'Annunzios mit einem schwarzen Seidenband gehestet ist, das ihm ein japanischer Seeoffizier, ein Teilnehmer an der Seeschlacht von Tiuschima, gesandt habe, als er vernahm, daß der Dichter die Majestät des Meeres feiern loolle. — Ein Denkmal Josephine Gall meyerS, der populärsten Wiener Schauspielerin von ehemals, wurde in W i e n enthüllt. — Bilder Tizians, die bisher für verschollen gelten. wurden in der Münchener Residenz wieder erkannt. Es handelt sich um römische Jmperatorenbildniffe. die keinen besonderen Rang in Tizians Schaffen ein nehmen. — Ein Rousseau-Denkmal. In Montmorencv bei Paris, dem idyllischen Ort. an dem Jean Jacques Rouffeau durch die Güte der Mme. d'Epinah eine Zufluchtsstätte fand und seine „Neue Heloise" schreiben konnte, ist ein Standbild des Dichters enthüllt worden. Jean Jacques, der einsame Spaziergänger, der auf seinen träumerischen Wanderungen die Schönheit der Natur entdeckte, ist dargestellt auf einem Gang durch das Feld; eine filume hat er zwischen den Lippen, trägt einen hohen Stock in der Hand und scheint ganz versunken zu sein in die Wunder der Ilm- weit, in die er sich aus schmerzlichen Ersahrungen geflüchtet. Das Werk ist von Louis Carrier-Belleuse nach einem Modell seines VaterS ausgeführt. Die nationalistischen Litteraturhiswrikcr haben Rousseau neuerdings herunterzureißen versucht, wobei sie sich freilich aufS ärgste blamierten. Der große Briand, der als echter Apostat alle Eseleien seiner neuen Freunde mitmacht, nahm in der EnthüllungSrade seinen redlichen Anteil daran. Man nennt das mit einem schönen Ausdruck: die Verantwortlichkeit über» nehmen. — Ein Denkmal für Shelley wurde in San Ferenzo bei Spezia(Italien) enthüllt. An der hohen Felsenwand des Golfes. Maccarani gegenüber, wo die Brandung an dem Stein sich bricht, gewahrt nian das helle Marmorrelief. Es ist ein Werk von Foniana: Promothens, der Held von Shelleys Dichtung, ist am Werke, in die Wand den Namen Shelley zu graben. — Die Farbe n Photographie im Dien st e der Medizin wurde am Mittwoch in einer Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft in interessanter Weise vor Augen geführt. Professor Benda erläuterte das neue Lumieresche Verfahren und wies auf seine Bedeutung für den medizinischen Unterricht und die gerichtliche Medizin hin. Zahlreiche Aufnahmen von Bazillenpräparatcn und Krankheit?» zuständen zeigten. wa-Z die Farbenphotographie schon zu leisten vermag. Einer Photographin vom Berliner pathologischen Institut ist eS gelungen, auch Negattve von den Lumiöreschen Aufnahmen zu machen und damit ihre Vervielfälttgung zu ermöglichen. Auch davon wurden Proben vorgeführt. Noch besiere Resultate in der Raturtreue der Farbenwiedergabe wurden dem Mieteschen Verfahren nachgerühmt. — 300 Erdstöße in zwei Jahren. Professor Meroalli, ein italienischer Vulkansorscher. hat in Kalabricn 11 Zentren der seismischen Bewegungen festgestellt, von denen alle die auf- einander folgenden Erdstöße ausgehen. Die letzten beiden Jahre stellen eine Periode einer ganz außergewöhnlich starken Unruhe der Erde in diesem Gebiete dar. Vom Monat September 1905 bis zum Juli 1907 haben die Apparate der itasteuischen Observatorien 800 Erderschllttermigen reaffj! irrt, von denen die meisten freilich von der Bevölkerung nicht verspürt wurden. Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsaiistalt Paul Singer LrCo..Berlin LW.