Zlnterhalwngsblatt des vorwärts Nr. 214. Sonnabend den 2 November. 1907 lZiachdruck verbolen.i 2] Die Brüder Zemganno. Von E d m o n d de Goncourt Die Gesellschaft begann ihr Souper. Die Männer tranfen Reihe herum aus der Gießkanne. Die„Kopfnuß" nahm stehend ihr Mahl ein, den Ofen in Obhut behaltend, Zuweilen nach der Schüssel langend, die an ihr vorüberkam. Die Frau im Trikot, die ihr Kind neben sich auf eine Ecke des Teppichs gelegt hatte, aß angesichts des Kleinen und mit Blicken, welche in daS geliebte kleine Körperchen eindringen zu wollen schienen. Das Mahl verfloß schweigsam wie stets das Mahl hungriger, müder Leute, die sich hingestreckt unter den Zweigen der Bäume, am Ufer eines Stromes, unter den Vorgängen des Schauplatzes einer Sommernacht: dem Fluge der Nachtvögel, dem Hüpfen der Fische, dem Funkeln der Sterne. „Mein Platz?" herrschte der Bajazzo grob, den Mann mit dem kläglichen Ueberziehcr, den Posaunisten der Trupve, rauh bei Seite stoßend, und gierig begann er zu essen. Durch die dunkle Luft hin ertönte für einige Augenblicke ein Klingen von einer fernen Glocke, leise Schwingungen, sphärenhafte Tonwellen: ein feierlich melancholisches Klingen, so sanft, so allmählich in der Abcndluft verschwindend, daß es noch fortzuwähren schien, als es schon erloschen war. Der Lehm, in welchem der Igel briet, war ein festes irdenes Gefäß geworden; der Herkules zertrümmerte es mit einem Beil, und der Braten, dessen Haut sich ablöste und samt den Stacheln in dem Lehm stecken blieb, wurde unter der Tisch- genossenschaft vorteilt. Die Frau in Trikot nahm ein kleines Stück davon, das sie mit Wohlbehagen eines Gourmands langsam verzehrte. Das Kind, an der Seite seiner Mutter, hatte nach und nach mit seinen Füßen und Händchen die Teller aus seiner Nähe fortgestoßen, und, jetzt Herr und alleiniger Besitzer des Teppichs, war es, den Bauch in die Luft gekehrt, in der be- haglichen Umgebung eingeschlafen. Alles erfreute sich des schönen Abends, durchfchwirrt von dem Zirpen der Grillen, durchzittert von dem Rauschen des Laubes der hohen Pappeln, und in das schlaftrunkene Träumen des Dunkels hinein strichen leise Luftzüge wie Lieb- kosnngen und zärtliches Streicheln über die Gestalten hin. Selbst der gelegentliche verdrossene Aufflug eines Vogels an dem Bach, der finster in ein Gewirr von hohen Nesseln mit Blättern wie von schwarzem Papier dahinfloß, verursachte den furchtsamen beiden Frauen jeweilig ein kleines Erschrecken, das nicht ohne seinen Reiz war. Nach einem Weilchen trat der Mond zwischen den Bäumen hervor und fiell voll auf das schlafende Kind, das, wie gestört von seinen weißen Strahlen, diese Gunst in trägen Be- wegungen von seinem nackten Körper abwenden zu wollen schien. Dabei lächelte sein Gesicht unsichtbaren Dingen zu und griffen die kleinen Finger haschend ins Leere. Tann, nach Kinderart und in seinen Bewegungen lebhafter werdend, entfaltete es jene Babygeschicklichkeit, jene sonderliche Ge- lenkigkeit, die man glauben sollte, biegsamen Knochen der kleinen Körper zuschreiben zu müssen. Seine kleine Hand er- griff seinen rosigen Fuß und führte ihn an seinen Mund, als ob es ihn anbeißen wolle. Und es war ein reizendes, des Pinsels eines Künstlers würdiges Bild, das dieses dicken .Knaben mit den blonden Psropfenzieherlöckchen von Milch- haar, diese hellen, klaren Augen mit den großen weichen Rundungen, diese kleine Stumpfnase, die wie vom Anlegen an den nährenden Busen eingedrückt schien, dieser Mund mit der trotzigen Schweisung, diese Pausbacken, dieser leicht- gerundete Leib, diese patschigen Schenkelchen, die runden Mädchen, die molligen Füßchen und niedlichen Spielzeug- Händchen; dieses guabblichte Fleisch, das am Genick, an den Handgelenken, an den Knöcheln Falten schlug, und Grübchen an den Ellbogen, dem Gesäß in den Wangen; dieses milch- weiße Fleisch erhellt und bleich leuchtend wiedergegeben von dem Opallicht des Mondes. Während die entzückte Mutier stumm ihre Allgen auf ihren Jüngstgeborenen gekostet hielt, war der Jüngling in der Matrosenjackc, ein Knie auf dem Boden bemüht, eine Kugel auf der Länge eines dünnen Stäbchens aufzufangen und dort im Gleichgewicht zu halten, lächelte seinem Brüder» chen einen Moment zu und fing dann seinen Versuch von neuem an. Inmitten der großen Natur und der ruhigen Nacht kehrten alle instinktmäßig wieder zu iven Arbeiten des Tages und der Beschäftigung mit ihrem Metier zurück, das der Truppe morgen Brot schaffen sollte. In dem Wagen blätterte der Graukopf, seine Husarenjacke noch auf den Schultern, beim Schein eines Talglichtes in alten Papieren. Seitwärts auf einer Stelle des Feldes, wohin noch ein wenig Mondschein fiel, übte die„Kopfnuß" und der Posaunenbläser, die morgen in einem komischen Intermezzo zu wirken hatten, einen Ohr» fcigentric ein:— die Frgu unterwies den Neuling, wie er die Schläge, statt sie zu empfangen, durch Klatschen mit seinen Händen zu markieren habe. Der Bajazzo für sein Teil kehrte zu dem Platz seines Krebsfischcns zurück. Hingeworfen unter der Weide, deren Gezweig, sich fächerartig, grau und dünn cmvorrcckend, über feinem Kopf wie die Hälfte eines ungeheuren staubigen Spinn- gcwebes erschien, ruhte er phantastisch, die Sohlen im Wasser, den Körper auf dem Uferabbange nach der grünen Tiefe hin ausgestreckt, auf deren dunkler Fläche der Refler eines ein- samen Sternes schlununerte. .» Der Direktor der Truppe, der Graukopf in der Husaren» jacke, Signor Tommaso Bescapä. ein brauner Italiener, der fast weiß geworden, immer lebendig und flink, in einer Be- weglichkeit wie ein Waschbär, wies dem Beobachter ein paar durchdringende Augen auf, eine schwammige Nase, einen spöttisch gebogenen Mund, ein glatt rasiertes Kinn und eine Mimiker-Physiognmnie flankiert von langen, rötlich staub- grauen Haaren. In seinem Vaterlande war Tommaso nach einander eine Zeitlang Koch, eine Zeitlang Sänger, eine Zeitlang Korallen- und Lapislazuli-schneidcr, eine Zeitlang Buchhalter bei einem Händler mit Rosenkränzen in der Via Condotti, eine Zeitlang Cicerone, eine Zeitlang Angestellter bei einer Gesandtschaft gewesen, als ihn der Wirbel seiner gewagten Existenz nach dem Orient führte, wo der Vielsprachige und Schwätzer in allen Zungen, allen Dialekten, Dragoman für die Reisenden nach Palästina lmirde; dann, nachdem er sich in einer unge- zählten Menge unbekannt gebliebener und abenteuerlicher Er- werbszweigen veriucht, ward er Bummler in Kleinasien. Es war ein wnnderlicihcs Naturell, dieser Italiener: unerschöpflich in Auskunftsmitteln und Hülfsguellen; ebenso befähigt zu allen möglichen Fertigkeiten, wie geivandt im Arrangieren aller möglichen Angelegenheiten und in allen Wegen und Schlichen: sich ebenso gefallend in allen Veränderungen und Gegensätzen eines Lebens, das einer Aufeinanderfolge Wechsel- voller Szenen auf dem Theater glich, wie jede Misere schlimmer Zwischenzeiten mit jener spottenden Lustigkeit hinnehmend, die in den Erzähler� des seMzehnten Jahrhunderts lacht, und mitten im vcrzweifelsten Mißgeschick eine amerikanische Zu- verficht auf den nächsten Tag bewahrend,— darüber hinaus großer Freund der Natur und stets sehr unterhalten von den Schauspielen, welckie sie Leuten, die, wie er. zu Fuß durch alle fünf Weltteile ziehen, gratis gibt. Nachdem er sich einige Jahre hindurch in der Gegend des alten Troja ergangen, nach- lässig beschäftigt mit dem Sammeln gewisser Baumrinden- Knorren: der knorrigen Auswüchse an den Nußbäumen dieses Landes, ans denen man in England sehr geschätzte Möbel- belöge herstellt, finden wir Bcscap6 eines Tages plötzlich als Geschäftsführer des Circo Olympico zu Pera wieder, wo er mit den Funktionen des Kastenwesens, wenn das Geschäft es erforderte, diejenigen eines Reiters in sich dereinigte. Dort kam dem nur kläglich besoldeten Italiener die Idee zu einem Geschäft, das zu jener Zeit ganz neu war. Als er eines Tages in einem Cafä nach türkischer Manier seine Pfeife ge- raucht, nahm er den Teppich mit sich, auf dem er gesessen, indem er eine Medschidic*) für ihn zahlte, und cin'ge Tage später verkaufte cr ihn an einen Touristen. Da der Verkauf sich lohnte und ihm allmählich das Vertrauen kam, so fing er an, in den Vazaren ganze Stoße von Teppichen aufzukaufen, die er nur von der linken Seite zu sehen branchte, so trefflich Türkische Münze im Wert von etwa 4 M. Anw. d. llebert. begann er in dem Geschäft Bescheid zu wissen und so gut Umfcte er die Trägheit der türkischeil Kausleute auszunutzen. Bald trat er. abgesehen davon, daß er selbst ein kleines Lager bei sich hielt, in Verbindung mit einem Korrespondenten in London und einein Korrespondenten in Paris, wo der Ankauf durch einige Künstler in diesen unnachahnilichen Erzeugnissen deS Kunstfleißes begann, die v�n einer farbcnsinnigen Be- völkerung hergestellt werden und in deren Kettenschuß unter den feenhaften Abschattierungen zuweilen hier und da sich eine haarfeine Linie markiert, welche die jedesmalige Tagesarbeit der Frau bezeichnet, die langsam und mühevoll den Teppich bis zum Kulminationspunkt seines Glanzes herangeknüpft. Bescap6 wurde beinahe reich, und der Reichtum brachte ihm zugleich mit der Solidität die Versuchung, irgendwie selbst Herr zu werden. So auch als Lestrapade. der Direktor des Circo Olympico, ihm den Vorschlag machte, ihn und seine Truppe in den fernsten Osten zu begleiten, wo er hoffte, ein großes Vermögen zu machen. Bescapü klopfte bei seinen Ge- fährten auf den Busch, brachte diejenigen heraus, welche keine Lust hatten, solche Reise mitzumachen, und gewann sie mit seinem gewandten, überredenden Schwatzen für den Plan, sich unter seine eigene Direktion zu stellen und mit ihm nach der Krim zu gehen, wo. wie er nach eingezogenen Erkundigungen die Gewißheit hatte, ein Zirkus mit der lebhaftesten Gunst aufgenommen werden würde. Lestrapade, der zehn von seinen Leuten eingebüßt hatte, verzichtete deswegen nicht auf seinen kecken Plan. Er reiste eines Morgens mit einer noch ziemlich ansehnlichen Gesellschaft nach Moskau ab. begab sich von da nach Wiatka, zog quer durch Sibirien, hatte in der Wüste von Gobi ein Gefecht mit den Mongolen zu bestehen, verlor den größten Teil seiner Mitglieder, die getötet wurden, verlor seine sämtlichen Pferde und gelangte nur wie durch ein Wunder nach Tientsin, weiter niemand mehr bei sich als seine Tochter, seinen Schwiegersohn und einen Clown. Der tapfere Direktor erreichte Tientsin am Tage nach der Niedermetzelung deS Konsuls und der Barml>erzigcn Schwestern: doch ohne den Kopf zu verlieren und sich entmutigen zu lassen, machte er sich aufs neue auf den Weg und erreichte Shanghai, wo er seine Truppe durch einige Matrosen und chinesische PonieS wieder vervollständigte und sich nach Japan ernscijisfte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) McKt mehr als in der Ordnung. Von Alfred von Heden st ierna. Llutorisicrte Uebcrtragung von Martha Sommer(Lübeck). Im Sommer kletterte er ihr zuliebe auf die schattigen Bäume des geräumigen Hofes, die jetzt gefällt worden sind und Miets- rascrnen Platz gemacht haben, und im Winter, sobald der erste wchncc eine dünne Schicht über Hof und Straße breitete, galoppierte er vor ihrem Schlitten. Sie war Kanzleirat Klinks hübsche, dunkle, fünfjährige Eva und er war Hausdiener Waldaus zwölfjähriger Rudolf, ein blonder, kräftiger Junge. Seine Mutter war früher Dicnstmätxben gewesen. daß er also der kleinen Eva als Pferd diente, war nicht mehr als in der Ordnung. Der Kanzleirat bewohnte mit feiner Familie eine Wohnung von sieben Zimmern in der zweiten Etage, und Hausdiener Wal- daus Frau und Rudolf bewohnten eine Kammer mit Küche unter dem Dach. Ter Hausdiener selbst war selten dabcim. Eigentlich war es Eva verboten worden, mit den Kindern kleiner Leute zu sprechen oder ihnen zu antworten, wenn sie von ihnen angeredet wurde, aber Rudolf Waldau war immer allein und so still und anständig, so daß stillschweigend mit dem, der für sie auf die Bäume kletterte und sie im Schlitten zog als sei es seine Lebens- aufgäbe, eine Ausnahme gemacht wurde. Die beiden hatten einander recht gern, aber als sie älter wurden, trennte sie der Standesunterschied, was ja auch nicht mehr als in der Ordnung war; denn zwischen einem halherwachsenc» Mädchen aus guter Familie und einem der jüngsten Lehrlinge in einer Kramerei liegt ja ohne Frage eine tiefe soziale Kluft. In einer Hinsicht� waren sie sich aber trotzdem gewissermaßen näher gekommen, insofern, als der Kanzlcirat gestorben war, die älteren Kinder das Haus verlassen hatten und die Kanzleirätin mit Eva ganz nahe bei Waldaus Mansardenwohnung eine bescheidene Zwei- zimmcrwohnung bezogen hatte. Sprechen durften Fräulein Klink und Rudolf Waldau natürlich nicht mehr miteinander, geschweige denn sich den gemeinsamen alten Vergnügungen hingeben, denn es muß nun mal ein Abstand zwischen gebildeten und ungebildeten Leuten geben, weil das nicht mehr als in der Ordnung ist. Aber daß er bescheiden grüßte und daß sie freundlich lächelte, wenn sie sich zufällig aus den alten Spiel- Plätzen trafen, und daß Fräulein Eva Sonntags stundenlang auf Rudolfs hübschen Bariton lauschte, der aus der kleinen Küche, die Rudolf jetzt bewohnte, zu ihr hinüber klang, konnten die sozialen Borschriften nicht verhindern. Auch in gesellschaftlicher Beziehung kamen sie sich ein wenig näher, ohne daß sie sich selbst darüber klar geworden wären. Denn zwischen einer armen Bcamtentochtcr, die billige Klavierstunden erteilt und einem jungen Handlungsgehülfen, der sich selbst erhält und in seinen Mußestunden einen Handelskursus durchzumachen gedenkt, liegt entschieden kein so großer Unterschied mehr wie zwischen eine m kl einen Mädchen der höheren Stände und dcnr Sohn eines Hausdjeners. Als Hausdiener Waldau seinem Sohn Rudolf den Handels- kursus von seinen Trinkgeldern bezahlt hatte, Rudolf eine beffere Stellung und höheres Gehalt bekmnmen und sich aus eigene Rech- nung ein Mansardenstübchen gemietet hatte, traf er Eva Klink eines Abends auf einer der billigeren Eisbahnen. In dem dichten. lebhaften Menschenhaufen grüßten sie einander mit Zurückhaltung. aber auf dem Heimwege trafen sie sich zufällig in einer stillen Straße wieder und wechselten seit vielen Jahren zum erstenmal eine paar gleichgültige Worte. Hinterher dachte Fräulein Klink, daß sie sich am Ende doch etwas vergeben hätte und Rudolf Waldan fand, daß er sich naseweis benommen hätte.— Es gibt in großen Städten sehr viele hübsche, liebenswürdige und arme Mädchen, und lange nicht allen glückt es. sich standes- gemäß zu verheiraten. Es gibt auch arme junge Männer, die in kleinen Verhältnissen aufwachsen und durch Fleiß und Energie trotzdem etwas im Leben erreichen. Hätte Rudolf Waldau sich gut geführt, hätte er Geschäftsenergie gehabt und obendrein die sittliche Kraft, deren man bedarf, um es in der Welt zu etwas zu bringen. so kann man nie wissen, was schließlich noch daraus geworden wäre. Aber Rudolf Waldau liebte es, in fidelcr Gesellschaft Punsch zu trinken und zu singen. Deshalb sang er gern bis in die späte Rächt hinein, solange er noch einen Ton in der Kehle hatte unv trank, solange noch ein Tropfen in der Flasche war. Er erfüllte seine Obliegenheiten im(Jicschäft nicht mehr so gewissenhaft wie früher und sein Chef konstatierte, daß er anfing, schon am Vor- mittag nach Alkohol zu riechen. ß-inmal befand er sich gegen Morgen in besonders lustiger Gc» scllschast und er selbst war witziger denn je. Er machte alle mög- lichen Schauspieler nach, sang eine Unmenge Lieder und leistete mehr als ein ganzes Variete. Schließlich suchte er auf eineuZ Balkon Kühlung, der kein Balkon war, sondern ein Fenstervorsprung des altmodischen Holzbaues, in dem sich das Restaurant befand, und stürzte hinunter. Als man Rudolf Waldau aufhob, war er ohne Besinnung, und alö er nach vielen Monaten aus dem Krankenhause entlassci, wurde, war sein Vater gestorben, sein Rückgrad gekrümmt, sein rechtes Bein um zwei Zoll kürzer als das linke und sein Ruf als Wüstling soweit befestigt, daß ihm die vorteilhafteren Stellungen in seiner Branche verschlossen waren. Aber fidel und guter Dinge war er bei alledem doch, seine gute Laune und seine Stimme verließen ihn nicht und er brachte noch einen letzten Schimmer davon in die verzweifelte Familie deS kleinen Kaufmanns, der ihn kurz vor dem Konkurs engagierte. damit er ihm, im kleinen Kontor bei der Portcrflasche fidel vor sich hinsingcnd, die gesetzlich vorgeschriebenen Kassenbücher zu- sammenphantasicrte. Das Ganze endete mit Zeugenvernehmung und Meineid.— Einen Monat nach dem Unglücksfall, der in der Presse be» sprachen worden war, konnte Eva es nicht länger aushalten, sondern klopfte an die Tür der Witwe Waldau und fragte,»wie es mit Herrn Rudolf stände?" Welches das Endresultat des Unglücksfalles sein würde, davon erhielt sie einen ziemlich richtigen Begriff, dagegen erfuhr sie. daß der junge Herr Waldau bei diesem Unglück vollständig nüchtern gewesen sei und daß daran selbst nur die unerhörte Nachlässigkeit eines Kellners schuld sei, der vergessen habe, den Schlüssel aus einer Tür zu ziehen, vor der sich zwölf Jahre lang eine Wendel- treppe befunden habe, die jetzt zur Reparatur fortgcnommen sei. Fräulein Eva zerdrückte eine Träne in ihren schönen schwarzen Augen und kehrte zu ihrer Mama zurück, die der Ansicht war. „daß jeder so läge, wie er sich gebettet habe, und daß, wenn es auch hart für die Mutter und Herrn Rudolf sei, es doch nicht mehr als in der Ordnung sei, daß es schließlich so gekommen war."-- Als Fräulein Eva zwei Jahre später an einem der lebhaftesten Straßcnbahnknotcnpunkte ihrer Vaterstadt den Wagen wechselte, hörte sie plötzlich wieder jene Baritonstimme, bei deren Klang sie noch immer zusammenzuckte. Aber dieses Mal waren es keine Lieder, die an ihr Ohr schlugen. Die Stimme rief laut und klangvoll die Namen der verschiedenen Tageszeitungen aus und dazu eine Menge geradezu sagenhafter Ereignisse, die der neu- gierige Käufer in diesen Zeitungen lesen konnte. Als Fräulein Eva verwirrt zum anderen Straßenbahnwagen hinübcreilte, hob Rudolf Waldau sich auf sein langes Bein und verstummte plötzlich, und als Eva ihm dann vom anderen Wagen aus einen scheuen Blick zuwarf, sah sie nur noch den Rücken seiner schäbigen Joppe und hörte wie im Traum,„daß der Zar ermordet se», Petersburg in Flammen stände und die mandschurische Armee »hrc Generale niedermache." Die Baritonstimme klang voll und kräftig wie vorher, die GestaU hielt sich trotz des krummen Rückens so ausrecht wie mög- kich, abcr Rudolfs Gesicht war aschgrali geworden und wenn sie ihn jetzt angesehen hätte, würde sie gemerkt haben, wie grenzenlos er sich vor ihr schämte. Und nach seinem verpfuschten Leben lvar das ja nicht mehr als in der Ordnung.— In elfter Stunde, als Fräulein Eva schon morgcnS und abends mit Kummer vor dem Spiegel konstatiert hatte, dast die der- flossenen Jahre deutliche Spuren auf ihrem hübschen, feinen Gesicht zurückgelassen hatten, kam ein Witwer in gesetzten Jahren und mit diversen Kindern und fragte sie, ob sie seine Frau werden wollte. Sic sagte dankend ja, was ja auch nicht mehr als in der Ordnung war, denn wenn die Sonne unterzugehen beginnt, bc° deuten Schönheit und Liebreiz wenig im Vergleich zu einer an. ständigen Versorgung. Ein Zcitungsvcrkäufcr wirft wohl hin und wieder einen Blick auf die Ware, die er feilbietet, in der Hauptsache wohl deshalb, um den phantastischen Ereignissen, die er da ausruft, einen Anflug von Wahrheit zu geben. Wer oft findet er nicht die Zeit dazu und in seiner Kenntnis der Zeitgeschichte klaffen bedenkliche Lücken. Deshalb wußte Rudolf Waldau auch nicht das geringste von der Verlobung und Hochzeit, bis er fic, vor deren Schlitten er einnial galoppiert war, am Arm eines alteren Herrn mit rotgedunsenem Gesicht über den Platz kommen sah, auf dem er seine Zeitungen ausrief. Als Rudolf Waldau sich im selben Augenblick auf sein langes Bein erheben wollte, um die Weltercignisse auszurufen, wie sie sich seinem Blick in der Presse darboten, stolperte er, fiel quer über das Strahcnbahnglcise und ein vorüberfahrcndcr Straßenbahn- wagen vermochte nicht schnell genug zu stoppen, so daß seine Räder über den unglücklichen Rudolf hinwcgfuhrcn und seinem verfehlten Leben ein jähes Ende machten. Frau Eva sah es und vergoß— als sie nach Hause gekommen war— einige Tränen. Aber ihr verständiger Mann zog bei einem Oberbcamten der Straßcnbahngesellschaft sorgfältige Erkundigungen über das Vor� leben des Verunglückten ein und sagte tröstend zu seiner Frau- „-Reg' Dich nicht so auf. Kind, der Kerl soll von früh bis spat betrunken gewesen sein, so daß er weder sah noch hörte. Es ,st also kein solches Unglück um ihn, eigentlich ist es nicht mehr al» in der Ordnung."' Fkleiues feirilkton, Literarisches. — Gerald M a sse y. film 29. Oktober starb in London der frühere Chartist und Dichter Gerald Massey. In den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts gehörte er zu den be- kanntcsten politischen Schriftstellern und Dichtern. George Eliot zeichnete seu, Porträt in ihren» politischen Roman„Felix Holt, der Radikale." Massel) wurde im Jahre 1828 geboren. Sein" Bater lvar Bootsrndercr, der mit einem Wochenlohne von 10 Mark seine Familie zu ernähren hatte. Im achten Lebensjahre mußte der Heine Gerald in eine Textilfabrik, wo er für einen Wochenlohn von 1 Mark 12Vg Stunden täglich arbeitete. Der einzige Lichtpunkt seiner Kinderjahre war eine FenerSbrunst, die die Fabrik in Asche legte. Massey pflegte in späteren Jahren die Szene dieses Feuers zu schildern und von der innigen Freude zu erzählen, mit der seine jugendlichen Leidensgenossen der Einäscherung der Fabrik zusahen. Wer die Freude war von kurzer Dauer. Gerald ivurde bald in eine Stroh- flechterci geschickt, wo er bis zu seinem 16. Lebensjahre arbeitete und seine Gesundheit erschütterte. Im Jahre 1843 verließ er seine Baterstadt und kam nach London, wo er die Stelle eines Geschäfts- dieners erhielt. Die Wogen des Chartismus gingen damals hoch, und Massey besuchte VolkSvcrsamnilungen und schloß sich der Be- wegung an. Wissensdurst ergriff ihn. er las alles.»vaS ihm in die Hände kam: Geschichte, polittsche Oekonomie, Reiseschildernnge», Zeitungen, die er mit seinem kargen Wochenlohne oft unter Verzicht auf die Mahlzeiten kaufte. Er begann bald für radikale Zeitungen zu schreiben und auch Ge- dichte und Lieder zu verfassen. Schon in, Jabre 1847 gab er einen Band„Poems and Chansons" heraus und drei Jahre später„Voioes ok Freedom nnd Lyrics o< Love"(Stimmen der Freiheit und lyrische LiebeLgedickte). Inzwischen war der Chartismus zusammengebrochen. Die christlichsozialcn Führer KingSleh und Maurice zogen Massey an sich, und er wurde nach nnd nach— Patriot und dichtete Kriegslieder zn Ehren der„Helden" de« Krim- kricgcS nnd der Sieger im indischen Aufstande. Dann verstummte seine Muse. Er verfiel dann dem Spiritismus und ähnlichen mlfftiichen Strömungen und hielt Borträge in Amerika und in den britischen Kolonien. In den letzten Jahrzehnten war sein Nnme in England kaum bekannt. m. b. Theater. Georg Engels, dessen Tod wir bereits mitteilten, hat nur ein Alter von 61 Jahren erreicht. Mitten in seiner Tätigkeit, die noch keinerlei Anzeichen einer von Krankheit oder Alter geschwächten Kraft aufwies, traf ihn der Pfeil. Noch vor zwei Wochen hatte er durch die trocken-behagliche Komik, mit der er in der letzten so kümmerlichen Premiere des LirstspielhanseS einen allen Sonderling ansstatleie, Stürm« fröhlicher Heiterkeit eiitfeffelt. Wer hätte ahnen können, daß diesen so lebendigen Humor, der selbst durch die schlimmsten Zunwiimgen des Autors sich nicht auö der vergnügten Laune bringen ließ, der Mund so bald geschlossen Iverden würde.— In Altona geboren, erhielt Engels seine Ausbildung auf der Ham- burger Zcichcnschule. Ueber de» Umweg der ThcaterdekorationS- maierei gelangte er zur Bühne. 1870 bereits, ein Bierundzwanzig- jähriger, bekam er ein Engagement nach Berlin, wo er cS im Wallncr-Theater rasch zu großer Popularität brachte. LÄrronge gewann rhu 1883 bei Gründung des Deutschen Theaters für sein neues Unternehmen, und hier wurde er, der bisher in Schwanken und Luftspielen der Moser, Schönthan und L'Arronge ausschließlich für das Amüsement zu arbeiten hatte, vor Aufgaben künstlerischer Art gestellt, die ihm erlaubten, seine tieferen und feineren Anlagen in origineller Ausprägung des Individuellen freier zu entfalten. Hier spielte er zum erste» Male die Rollen, die er dann in neuerer Zeit auf der Rcinbardt-Lühne mit gleich glänzendem Erfolge wiederholt hat: den Wirt in Minna von Barnhelm, den ofmarschall 5kalb in Kabale und Liebe. Am berühmtesten ist in der eit der Brahmschcn Direktton des Deutschen Theaters sein Kollege rampton getvorden, ein Porträt, in dem er mit liebevollsten,"Nachempfinden das Weiche, Rührende nnd menschlich Liebenswürdige im Wesen von Hauptmanns alkoholisch-verlüderwm Akademicprosessor herausarbeitete. In ihrer Art war diese Leistung nicht weniger ein- hcitlich und überzeugend als der schroffnaturalisttlch düster gehaltene schwer-pathologische Crampton, den Bassermann im Vorjahre in dem Lessing-Theatcr spielte, und vor allem hatte sie die größeren Synchathicn für sich. Sein rasches Ausscheiden auS der Rhein- ardtbühnc, der Uebcrgang ins Lustspielhaus, wo seine Kraft in Un- edcutenhciten sich verzetteln mußte, ist viel bedauert worden. Verkehrswesen. Ein Eisenbahnfortschritt in China. Es wird jetzt so viel von dem Erwachen Chinas gesprochen, daß es säst un» erklärlich erscheint, wie ein in dieser Beziehung besonders bedeut- samcs Ereignis fast unbemerkt hat bleiben können. Es ist nämlich ,m Lauf dieses Jahres die erste Eisenbahn in China zum Vau und streckenweise bereits zur Eröffnung gelangt, die ausschließlich ein Werk chinesischer Ingenieure und chinesischen Kapitals ist. Dies ist die Bahn nach Peking, nach dem berühmten Tor in der Großen Mauer bei Nankou, und weiter nach Kalgan. Diese Bahn und iyrc voraussichtliche Erweiterung hat ihre besondere Vorgeschichte. die in der Oestcrrcichischcn Monatsschrift für den Orient erörtert wird. In einem Abkommen zwischen England und Rußland vom Frühjahr 1899 erhielt Rußland das Recht, Eisenbahnkonzessioncn für das Gebiet nördlich der Großen Mauer von China zu erwerben, wobei ohne Zweifel der Plan, eine Bahn von Missowaja an der Großen Sibirischen durch die Wüste Gobi nach Kaigan zu führen und so die Verbindung von Europa nach Peking noch weiter zu verkürzen, den Ausschlag gab. Später ist dann ein weiteres Abkommen zwischen Rußland und China getroffen worden, daß diese Bahn, falls Rußland sie nicht bauen ioürde, nur von China selcht. unter Ausschluß fremder Beiyülfe, gcschasfcn werden dürste. Die großen Ucbcrschüsse, die von der Nordchincsischcn Bahn während der Kriegsjahrc 1904 und 1903 cr«ielt worden waren, sind nun von der chinesischen Eisenbahnvcrwaltung in dernunftmäßigcr Weise zur Verwirklichung des neuen Plans verwendet worden, so daß der Bau der Eisenbahn nach Nmikou im Sommer 1993 begonnen werden konnte. Die Wichtigkeit dieser Bahn kann kaum überschätzt werden, da sie den ganzen Verkehr zwischen der Mongolei und Nordchina vermitteln wird. Wegen der überaus schwierigen Ber» bindung zwischen den nordwestlichen Provinzen und denen am oberen Dangtsc dürste die Bahn biellcicht sogar den Verkehr von crstcrcn nach Schanghai hin an sich ziehen. Gegenwärtig gehen allein 10 000 Kamele und Maultiere täglich zum Warcntransport zwischen Kalgan und Tientsin. Ilebrigens rechnen die Chinesen darauf, nächstens auch ihren Schienenbcdarf aus ihren eigenen Stahlwerken bei Hankou zu beziehen. Medizinisches. Die Verbreitung der Cholera und Pest. In dem benachbarten russischen Reiche hat die Cholera wieder einmal schreckliche Einkehr gehalten und nach den letzten amtlichen Be- richten sind ihr bereits Tausendc von Menschenleben zum Opfer ge- fallen. Auch in Deutschland werden in den Grenzprovinzen der« cinzeltc Fälle beobachtet. Ebenfalls kommt die Pestgefahr niemals bollkommen zur Ruhe und es vergeht kaum ein Monat, daß nicht in der cikicn oder anderen europäischen Hafenstadt ein Schiff wegen Pcstverdacht angehalten wird. Wenn wir a>ich bei den umfassen- den sanitären Schutzmaßregcln keinen unmittelbaren Grund zur Besorgnis haben, so dürfte es doch interessieren, i» welcher Weiie die Ausbreitung dieser beiden schreckliche» Geißeln der Menschheit sich vollzieht,— Die Verbreitung der Pest erfolgt haupt�chlich direkt von Mensch zu Mensch, dann spielen aber auch die Batten dabei eine große Rolle. Die llebertragung von einem Mensch auf den anderen kann entweder direkt durch die Erkrankten selbst er- folgen oder indirekt in der Weise, daß die infiziert« Wohnung, Wäsche oder sonstige Gebrauchsgegenstände die Zwischenträger ab» geben. Die Infektion mit den von den Pestkranken ausgeschiedenen Pestkcimcn erfolgt entioedcr von der Haut aus durch kleinste, in der Regel unbemerkt bleibende Verletzungen, unbedeutende Kratz» wunden, Insektenstiche usw. oder von den inneren Schleimhäute!? resp. der Lunge aus. Der Darmkanal dagegen konnte bisher nicht mit Sicherheit als Eingangspforte für die Pestbazillen nachgewiesen werden. Daher spielt das SBasser im Gegensatz zur Cholera bei der Ausbreitung dieser Seuche wahrscheinlich keine Rolle. Die gefährlichsten Mithelfer bei der Verbreitung der Pest sind offenbar die Ratten, besitzen doch diese Tiere eine sehr hohe Empfänglichkeit für die Krankheit. Bei verschiedenen Epidemien, z. B. in Hongkong und Bombay ging denn auch dem Ausbruche der Pest unter den Menschen eine scuchenartige Erkrankung und ein massenhaftes Sterben der Ratten vorauf, und die Untersuchung solcher in der Freiheit erlogener Tiere ergab das Vorhandensein von Bubonen(Pestbeulen) und massenhaften Pcstbazillen in allen Organen. Die pestkranken Ratten zeigen ein eigentümliches Ver- halten. Ihre Scheu vor dem Menschen scheint verschwunden, sie Verlasien ihre Löcher, laufen überall nngescheut umher und voll- führen seltsame Sprünge, bis sie bald ermatten und tot zusamnicn- brechen. Viele Forscher und namentlich auch Robert Koch sind sogar der Ansicht, daß die Pest in erster Linie eine Rattcnkrankheit ist, die nur manchmal auf den Menschen übergeht. Von besonderer Bedeutung für die Ausbreitung und Verschleppung der Seuche sind natürlich die Schiffsratten. Auch Mäuse spielen unter Umständen, wenn auch nicht so häufig, bei der Uebertragung der Pest eine un- heilvollc Rolle, z. B. bei der Epidemie in Formosa 18W und in Sydney im Jahre IS