Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 220. Dienstag, den 12 November. 1907 (Nachdmlk verboten.) 6J Die ßriider Zemganno. Von pbmonb de Goncourt Die letzte Vorstellung war beendet, der Mast des Zelt- ztrku» niedergelegt und die drei Stücke, aus denen er zu- sammengefügt wurde, das Leinendach, das Tauwerk und alles Zubehör aufs schnellste in die mächtige Sackleinwand ver'Packt. Gezogen von dem alten Schimmel, entfernte sich die Marin- gotte*) von den Mauern der Stadt. Tie Maringotte ist ein wandelndes Wohnhaus, unter- Wegs von morgens bis abends, das häusliche ein und alles seiner Bewohner auf Wegen und Straßen: ein wandelndes Haus, das um elf Uhr am Rande einer Quelle Station macht. mit verstreutem Stroh aus seinen geöffneten Körben auf dem Wagendach und Strümpfen zum Trocknen auf den Rädern; ein Haus, das mit Einbruch der Nacht ausspannt und das Licht seines kleinen fvensterchens in das tiefe Dunkel einsamer. unbewohnter Gegenden hinaussendet,— die Maringotte ist das wandernde Heim, in welchem der Bankist**) geboren wird, lebt und stirbt, und in welches, einer nach dem anderen, die Hebamme und der Totengräber kommt; das rollende Bretter- domizil. mt welchem seine Bewohner mit einer Liebe hangen, wie der«ecmann an seinem Schiff. Und die guten Leutchen aus der Maringotte möchten um keinen Preis der Welt anders wohnen, als in ihr; sie wissen zu wohl, daß sie nur in ihr das sanfte„Stuckern" bei dem träumerischen Schlummer am Nachmittage finden, und das verwunderte Erwachen morgens an Orten, die man in dem Dämmerlicht des gestrigen Abends zum ersten Male halb ge- sehen. Und. ei was! Genügten der Wagen und der Weg- abhang an den Wiesen und der Waldrand nicht, wenn die Sonne schien? Und wenn es regnete— hatte die Maringotte nicht unter ihrem Vorraum, auf der entgegengesetzten Seite vom Hemmschuh, einen kleinen Ofen zum Kochen, und ließ sich die Kammer der„Kopfnuß" nicht zu einem prächtigen Eß- zimmer für alle umwandeln? Denn die Maringotte enthielt zwei oder eigentlich drei Piecen, je von dem Umfang und der Höhe eiyes Schiffslogis. Da gab es zunächst, gleich hinter dem kleinen Vorraum, ein erstes Gemach mit einem aus Brettern zusammengezimmerten großen Tisch m der Mitte, welcher abends, wo er mit einer Matratze bedeckt wurde, der Drahtseiltänzerin als Bett diente. Eine Tür in der Rückwand führte zu einem zlveiten Gemach, der Wohnung des Direktors, wo er mit seiner ganzen Familie, außer Gianni, schlief, der mit den männlichen Mitgliedern der Truppe seinen Schlaf- räum in dem grünen Karren hatte. Der Direktor aber hatte aus seinem Zimmer deren zwei gemacht, durch Zusammen- stellung von ein paar Stücken spanischer Wand,� welche, bei Tage halb wieder zusammengelegt, bei Nacht einen ge- schlossenen Alkoven um das Ehebett bildeten: einer Bettstelle von Mahagoni mit drei Matratzen versehen. Mit seinen alljährlich neu angestrichenen Holzwänden, den Weißen Gardinen seiner kleinen Fensterchen, den auf die Bettschirme aufgeklebten Bildern, die in dem naiven Un- geschick ihrer Malerei alte Legenden vorführten, und dem Schlafkorbe Nellos in der einen Ecke, machte dieses kleine. enge und niedere Stückchen Häuslickcheit den Eindruck eines schmucken Kästchens, das von dem angenehmen Drift der mit Thymian gefüllten Kissen durchweht war, den Steucha zur Zeit seines Blühens gepflückt. Ueber dem einfachen Bett hing an einem Nagel ein bunter, schimmernder Fetzen Zeug: das kurze Nöckchen der *) Die„Maringotte" war ursprünglich das Fuhrwerk der aus- ländischen Öändler, die in der Provinz umherzogen; erst seit etwa 40 Jahren ist diese Bezeichnung auch auf das Gefährt der Wandcr- künstler ausgedehnt worden. Es wird bei diesen auch die„Caravane" oder das„Zu Hause"(le cker-so!) genannt. Anmerkung des Ver- fasscrS. ") liebliche Gesamtbezeichnung der wandernden Künstler, ohne Unterscheidung ihres speziellen Faches(Kunstreiter. Cymnastiker, Seiltänzer u. dergl.), etwa entsprechend dem alten„Gaukler" oder «fahrendes Volk" oder dem von Holtet gebrauchten«Vagabunden" Ulla. Anm. d. Hebers. Zigeunerin aus der Zeit her, wo sie in der Krim tanzte, ein kurzer Rock mit aufgenähten blutigen Herzen aus rotem Tuch. .. Stepanida Roudak war für ihren älteren Sohn eine Mutter ohne Zärtlichkeit, ohne Wärme des Herzens, ohne Empfindung des Glücks gewesen, wenn er sich bei ihr befand; eine Mutter, deren Sorgfalt die Erfüllung einer Pflicht zu sein schien, nicht mehr. Gianni hatte die Folgen davon zu tragen, daß er in der ersten Zeit einer Ehe empfangen worden war, in welcher die Gedanken der jungen Früu noch ganz einem Jüngling ihres Stammes angehörten, und auf die Lippen der Gattin des alten Tommaso Bescap6 noch ostmals ein Lied aus ihrem Heimatlande trat, in welchem es lautete: Greiser Gatte, grausamer Gatte, Erwürge mich! Verbrenne mich! Ich hasse Dich! Ich verachte Dich! Einen Anderen liebe ich, Und liebe ihn und sterbe! Alle Wärme und Leidenschaftlichkeit der Mutterliebe, die es in dem Busen der Zigeunerin gab und die bisher keinen Ausbruch gefunden, konzentrierte sich dann auf Nello, der zwölf Jahre nach Gianni zur Welt t'om: auf Nello, ihren Letzt» geborenen, den sie nicht küßte, sondern in glühender Leiden- schaft und wilder Umschlingung an ihre Brust Preßte, als wollte sie ihn ersticken. Gianni, der unter einem kühlen Aeußeren ein warines, liebendes Naturell verbarg, litt unter dieser ungleichen Verteilung der mütterlichen Zuneigung, doch ohne daß die Bevorzugung NelloS dabei ein unfreundliches Ge- iühl gegen den jüngeren Bruder in ihm rege gemacht. Gianni fand die größere Liebe, die Nello zuteil wurde, natürlich. Er wußte, daß er selbst. Gianni, nicht schön war, und er war melancholischen Gemütes. Er sprach wenig. Seine Jugend verbreitete keine Fröhlichkeit un, sich her; er besaß nichts. waS der Eitelkeit einer Mutter schmeicheln konnte. Selbst die Kundgebungen seiner Sohnesliebe kamen ungeschickt zutage« Bei seinem jüngeren Bruder hingegen vereinigte sich Schön- heit mit einer süßen Munterkeit des Wesens, Reiz der äußeren Erscheinung mit einschmeichelnder Zärtlichkeit, um ihn zn einem Geschöpfchen von einer Lieblichkeit zu machen, daß andere Mütter die seinige mit neidischen Blicken betrachteten und die Vorübergehenden auf den Straßen Halt machten, um ihn zu liebkosen. Man hätte das Gesichtchen Nellos einen rosigen Strahl der Morgensonne nennen mögen. Und immer gab es bei ihm muntere Drolligkeiten, lustige kleine Pagen- streiche, ein niedliches Allerlei von Dingen zum Lachen, tausenderlei von reizenden Kindlichkeiten, die nichts und doch so bezaubernd sind: immer fröhliches Leben und Lärmen und Umherspringen. Er war eines jener entzückenden Kinder, die zur Freude der Lebenden zur Welt gesandt zu sein scheinen. und das Lächeln seines Rosenmundes und seiner dunklen Augen ließ die Truppe so manchesmal die beklagenswerten Einnahmen, die mageren Mahlzeiten vergessen. Dieses von allen verzogene Kind aber war nirgends lieber als in der Gesellschaft des einzigen, der es zuweilen auszankte: den lärmenden, geschwätzigen Nello sah man, so oft er dazu gelangen konnte, geraume Zeit hindurch artig und still Seite an Seite mit dem wortkargen Gianni sitzen, als ob er just dessen Schweigsamkeit suche und liebe. � � Tie akrobatische Ausbildung Nellos nahm in seinem fünften Jahre ihren Anfang: als er vier und ein halbes Jahr zählte. Zunächst war es nur erst ein gymnastisches Bewegen der Glieder, Armstrecken, Beugen der Beine, gewissermaßen ein Erwecken der einzelnen Muskel- und Nervenpartien der jugendlichen Gliedmaßen, ein versuchsweises und maßvolles in Zugbringen der Kräfte des kleinen Burschen. Fast gleich- zeitig damit wurden, bevor das Skelett fest geworden und die Knochen die Biegsamkeit der frühesten Jahre verloren hatten. die Beine des Kindes täglichen Svreizunqen unterworfen, die vcn Tag zu Tag ein wenig größer wurden, so daß sie iu einigen Monaten den Knaben dahin brachten, die volle Spreiznnq nach der ganzen Länge der Beine mit ihnen aus- zuführen. Ebenso übte man ihn darin, das eine seiner Beine mit der Hand bis zur Höhe des Kopfes emporzuheben, dann. als er hierin sicher war. sich, auf diese Weise einbeinig stehend, niederzusetzen und embeima wieder zu erheben. Wieder etwas später leitete Gianni, vor dem Kleinen stehend, die eine Hand vorsorglich auf der Herzgrube desselben, ihn aanz. aanz all- mählich an, den Oberkörper und Kopf nach hmten über zurück- zubiegen, jeden Moment bereit, ihn in seinen Armen aufzu- fangen, wenn er fallen sollte. Sobald das Rückgrat Reilos genug Geschmeidigkeit in diesem Inrückbiegen erlangt, stellte man ihn zwei Fuß weit von einer Wand auf, mit dem Rücken nach derselben, gegen welche er sich kopfüber rückwärts so weit zurückbiegen mußte, daß er sie mit den unteren Flächen der Hände berührte: eine Uebung. die jeden Morgen derart wieder- holt wurde, daß er an jedem Taae die Wand um einige Linien tiefer mit den Händen zu berühren hatte, bis er schließlich, vollständig in zwei Halbkreise gebogen, mit den Handflächen seine Fersen berührte. So wurde auf diese Weise ganz all- mählich und nach und nach, ohne Hast und ohne Ueberstürzung, lediglich durch den Antrieb mittels Bonbons und gutem Zu- reden und schmeichelhaften Lobeserhebungen, die sich an die Eitelkeit des werdenden kleinen Gymnastikcrs wendeten, die volle Biegsamkeit des jugendlichen Körpers erlangt. Des weiteren ließ man Nello täglich, immer in der Rähe einer Wand, welche dem Anfänger, ähnlich den vorgestreckten Armen des Gehenlernenden, als eine kleine Beruhigung diente, eine Zeitlang auf den Händen laufen, um seine Handgelenke zu stärken und seine Wirbelsäule im Finden und Innehalten des Gleichgewichts zu üben. lFortsetzung folgt.) l?us clen kerimer foinftfalons. Von Ernst Schur. Der Kunstsalon Eduard Schulte lädt zu einer Besichtigung alter Kunst ein. Die Sammlung eines Engländers. Solche Privat- ammlungen haben meist besonderes Interesse. Es kommt der Gc- cbmack eines Liebhabers zum Ausdruck; das Einheitliche erfreut und gibt Stimmung. In diesem Fall hat der Eanmilcr sich konzentriert auf die holländischen und französischen Landschafter von der Mitte dieses Jahrhunderls. Reizvoll wirken die Bestrebungen ineinander. Mau spürt, wie lückenlos sich die französische Landschaft aus der holländischen entwickelte. Das Anspruchslose, Intime der Holländer wird künstlerisch verklärt durch die feine Gestaltung der Franzosen, in denen unverkennbar noch die Grazie des Rokoko vor- herrscht,„kassogs intime" heißt diese Landschaftskunst in der Kunstzeschichre. Alles kleine Bilder. Man sucht auf kleiner Fläche die apartesten Schönheiten zu entfalten, so daß solch ein Werk beinahe wie eine Mmiarur erscheint: edelsteingleich blitzen die Farben. Man be- schränkt sich t man überträgt de» Eindruck und doch bleibt die sanfte Lyrik der idyllischen Rawr, die hier so still belauscht wird. un- gekünstelt erhalten. So malt Corot die zitternde Luft, die leichte, vibrierende Schönheit der Blätter an hohen Bäumen; grau und silbern ist seine Atmosphäre. Dauvigny ist kräftiger. er will male- rischcr, breiter sein. Er liebt das satte'Grün, daS er in kräftigen, frischen Flecken verteilt. Seine Flach- landichasten, Wiesen erinnern in ihrer Sauberkeit an Holland« Künstler. Diaz läßt ans dunklem Dickicht Körper rosig aufleucbten, auf kleinem Raum breiteste Behandlung. Millet zeigt in Gestalten von Landarbeiterinnen die große Silhouette, die seinen Werken eigen. ist, die das Monuinentale im Einfachen. Alltäglichen suchen. Monticelli gibt ei» alte Parkszencnc mir Schloßsasiade, ein Feuerwerk brillanter Farben. Räch Holland führen uns Israels smit stimmungsvollen Interieurs, deren Luft so still und heimlich ist) und MariS(in den, die alte Tradition der holländischen Landschaft in ihrer Schlichtheit und Ehrlichkeit sich rein erhielt). Und so ist es interessant, trotzdem man den Zusammenhang von Holland und Frankreich merkt, die Verschiedenheit zu konstatieren: iit Holland ein bodenstäudiger Realismus, in Frankreich ein ebenso eigenes Hinneigen zur artistlscherr Behandlung, bei der die malerische Geltung des Rokoko noch durchschimmert. Es ist dann noch eine interessante Kollektion des französischen Malers und Zeichners Thcophil S t e i n l e n zu sehen, dessen satirvch-soziale Skizzen der französischen Karikatur eine besondere Physiognomie verleihen. Arbeiterszenen..Feierabend"; a.tS mattem, fahlem Hintergründe lösen sich zwei Arbetlerzestalten, die nach vorm schreite»..Der Karren"; wieder dieselbe fahle Lnststvmnung; über die Brücke zieht «in nrüdes Pferd den Wagen; die magere Silhouette der Vorstadt im Himergrund..Lohlenarbcitennnen"; bläulicher Dunst umhüllt die Gestalten, deren Bewegung, deren Gesichter monientan erhascht find; es ist etwas Unheimliches, Phantastisches in den Gestalren, deren Umrisse fast zerfließen.Grubenarbeiter"; in langem Zuge ziehen ernste Gestalten vor dunJlem Hintergrund J ahin. Eindrucksvoll ist der.Streik". Die Schar der Streikenden zurückgewichen vor dem Militär; eine Mutter hebt ihr Kind hoch; dumpfe, fahle Farben; zuckende Gewalt in den Linien. In der Art der Charakteristik der»rännlichen Gestalten denkt man zuweilen an Meunier; in der weichen Art der Lust- kehandlung, die alle Konturen weich auflöst, erinnert Steinlen an Carriere; am eigensten ist er in den weiblichen Typen. Eine Reihe Studien zeigen, wie unmittelbar Steinlen seine Menschen, seine Gesichter und Bewegungen aus der Umgebung, aus dem Milieu der Großstadt holt. Es sind Blätter voll scharfer Charakteristik, denen der Künstler durch besonders betonte, spar- saine Verwendung der Farbe Reiz verleiht; diese Studien zeigen die ernste Arbeit. Moudscheinkandschasten voll zartesten Stimmungsgehalts, Häuser, auf denen der Mond hell liegt, bezeugen die feine Empfindung dcS Künstlers. Wie er auch in breit und kräftig gemalten Wiesen, über denen geballte Wolke» schweben, sei,« Ratnr« wie sein Stilgefühl betätigt. Eigenartig find die Katzenbilder. Da gibt Steinlen das Ge- schmeidige in den Linien, das Weiche in den Farben mit zwingender Gewalt. Er stimmt die Farben eigenartig; das Ganze ist matt gehalten; eine graue Katze auf violettem Kisten auf brauner Bank. Es find auch kleine Bronzen solcher Katzen nach Entwürfen SteinlenS angefertigt worden; graziöse Arbeiten, die in der nervösen Beweg- lichkeit, in der malerische», nur skizzierten Behandlung der Ober- fläche viel Eigenart haben. So zeigt sich Steinlen alS ein vielseitig begabter Künstler, der seine Zeit mit eigenen Allgen ansieht, mit eigenen Sinne» erlebt. • Die KunstsalonS erteilen den, Publikum einen regelrechten kunst- geschichtlichen Unterricht. Die moderne französische Kunst lernen wir m allen Arten kennen und nun führt uns der Kunstsalon Kassirer eine D e l a c r o ix- Ausstellung vor. Delacroix lebte von 1798 bis 1863; seine Hauptzeit fällt etwa mit der der deutschen Romantiker, der Overbeck. Cornelius zusammen. Was zuerst auffällt, daS ist das Vorherrschen des Künstlerischen, d«S Artistischen; sckion in einer Zeit, in der die deutsche Kunst noch gar nicht an die rein künstlerischen Probleme von Technik, Linie und Farbe dachte. Man merkt das Rokoko, im Technischen, ii, der Be- tonung des Malerischen. Auch Dewcroix malt Geschichtsbilder; er läßt sich anregen von Rubens und den Venetianern. Dennoch tritt das Inhaltliche fast zurück. Man sieht eine Fläche von wunder- voll verteilten Farbenflecken: ser bevorzugt Grün, Blau, Rot, Orange) wem, auch der Vorgang als solcher klar bleibt, so betont sich doch daS Malerische. Wüßten wir es nicht, so könnte man daraus ablesen. daß Delacroix ein solches Bild nur auf Farbe hin anlegte und dann erst, nachdem diese verteilt war, die genaue Zeichnung eü, fügte. Von prachtvoller Schönheit im Ton find zwei Porträts. In einem weiche», schmelzenden Schwarz, ohne andere Farbe. Rur der braungraue Hintergrund. Und speziell die weibliche Figur, bei der die Konturen ,'o leicht verschwimmen, da ein grauweißes Taschentuch neben dem Schwarz eine imereffante Rote gibt, ist ein Werk ersten Ranges. Wie lebhaft da? Tcmperanienr dieses Malers, der viel las und über eine umfaffende Bildung verfügte, war, daS zeigen dann die Zeichnungen; kleine Blätter, voll nervöser Beweglichkeit in den springenden Linien, farbig geschickt und eindrucksvoll. So scharf be- obachtet, daß man manchmal an die Japaner denkt. Kurz, man ist erstaunt über die lebendige Anschauung, das frische Können des MaimeS, dessen Werk wir so unmittelbar noch genießen, nachdem schon«ine Reihe von Jahrzehnten darüber hin- gegangen sind. Roch leidenschaftlicher war der Vorgänger von Delacroix, Theodor Gericanlt{1791—1824), von dem zu gleicher Zeit eine SuS- stellniig im Kunstsalon Gurlitt staltsindet. Er war der erste, der resolut mit der klassischen Tradition brach. Er malte das.Notfloß der Medusa" und behandelte damit einen Stoff, der unmittelbar der Gegenwart entnommen war. Er studierte unmittelbar nach der Ralur und holte sich die Modelle zu diesem Bravour- gcmäld« auS den Hospitälern. Eine fabelhafte Wucht im Zeichnerischen, Charatteristischen, wie im Malerischen, ist seinen Werken eigen. Wie packend sind die Bildnisse zlveicr Geisteskranken, wie niarkant in den, Ausdruck der Mienen und zugleich, wie malerisch sind diese Porträts aufgefaßt, mit breitem Strich, mit wenig Farben voller Leidenschaft heruntcrgestrichen. Wie fein ist anf de», Bildnis eines Soldaten das Rot der Achselklappen zu de», blitzenden Gelbweiß des Küraß gestimmt. Mit besonderer Vorliebe widmete sich Gsricault der Wiedergabe des Pferdes. Den Kopf eines Schimmels malt er mit so fabelhafter Verve, daß mcm meint, ein Potträt zu sehen, und zugleich ist das Ganze ein Schwelgen in flatterndem Weiß, aus dem ein dunkles Auge blitzt. Auf dem Bild« eine« RegerS ist die schwarze Farbe de? Geficht» fein zu dem matten Rot der Jacke gestimmt. Und das kleine Bildchen, daS eine Anficht von» Montmartre gibt, ist eine Landschaft von ent- zückender Frische. Der Respekt vor der Natur, das Ringen um die Kunst erobert diese» Franzosen unsere ungeteilte Bewunderung. • Das Warenhaus W e r t h e i m hat in seinem Kunstsalon, der nachmittags unentgeltlich geöffnet ist, eine recht sehenswerte AuS- stellung für den Monat November zusammengebracht. Es ist eigent- lich kein Bild da, dn-Z schlecht ist. Die meisten sind achtbare Mittel- tvare und eine ganze Reihe haben künstlerisch- persönliche Geltung. Dahin zurechnen sind die Landschaften des Belgiers Luyten, der mit viel Feinheit den Stimmungsreizen anspruchsloser Flach- landschaft nachgeht. Ach auf L i e d e s„Waffensländchen" mit den karikierten Type» sei aufmerksam gemacht. Helene A l b i k e r zeigt geschmackvolle Blumenstilleben. Am. Faurc stellt eine Zirkusszene hinter den Kulissen aus; in dunklen Tönen gemalt, aus dem die bunten Kostüme tief herauSleuchtcn. kleines feulUcton. Ter Theaiersekretiir Robert Blum und das junge Teutschland. Der hundertjährige Geburtstag Robert Blums erweckt die Er- inncrung an jene Leipziger Periode, die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, da dieser ganze Mensch das junge literarische Teutschland durch seine glänzende Beredsamkeit für sich gewonnen, da das Kölner Proletarierkind dielen dieser literarischen Heißsporne Freund und Berater ward. Ministrant, Goldschmied, Gürtler, Theaterdicner— das sind die Phasen, aus welchen sich Robert Blums Leben in vielen Huagerjahren aufbaut. All die Tagelöhnern hindert ihn aber nicht, sich geistig fortzubilden. Mit eiserner Kraft vertieft er sich in die Klassiker, etwas von der mangelhaften Ghmnasialbildung, die er genossen, solange Muttcrs elende Groschen reichten, kommt ihm dabeizustatten.— Der Thcaterdirektor Ringelhardt nimmt ihn 1832 nach Leipzig mit, vom kleinen Tagelöhner klimmt er zum größeren empor, als er daselbst Thcatcrsekretär und Kassierer wird. „Turch den Kampf werde ich erst Mensch.— Hört denn der Kamps des Lebens früher aus, als das Leben? Mir ist oft, als müßte das Ringen erst recht anfangen, da ich jetzt auf dem würdigen Turnierplätze der Geister ein wenig Fuß gefaßt habe.— Rur für Arbeit und Mühe verkaufen die Götter das Gute dem Sterblichen!" So dachte dieser stiernackige, stumpfnasige Gesell', dessen Leben in Wahrheit bis zu dieser Zeit nur in erbärmlicher Fronarbeit bestanden hatte. Fröhlich mit den Fröhlichen, hingen diese literarischen Modernen an ihm wie die Kletten.— In seinem bescheidenen Heim in der Eisenbahnstraße, wo die gescheite Frau Eugcnie ihres häus- kichcn Amtes frohmütig waltete, ward bei dünnem Bier und Bntterbcmmcn eifrig pokulicrt und gewettert. Wahrlich, es regte sich damals mächtig in der Pleißestadt.— Kritikus Gustav Kühne wetzte seine scharfe Feder, Heinrich Laube, der grobe Gottlieb, schimpfte über die Romantiker, aber bange machen gilt nicht! Kühne macht mit seinen Schriften:.Quarantäne im Irren- hause".„Aus den Papieren eines Mondsteiners" die Leipziger wild, Qswald Marbachs dcrbkomische Satiren räumen mit all dem süßlichen Geflunker der Clauren und Konsorten auf. Blum und der buckelige Herloßsohn werden die Unzertrcnn- lichcn genannt.— Die Herausgeber des„Theater-Lexikonö" gehören wahrlich nicht zu den fetten Bürgern der Pleißestadt. Prolctaricrmcnschen!— Karl Reginald Herloßsohn. der kleine verkümmerte Bohemen — wie oft steckt er die'Füße unter den gastlichen Tisch des Freundes, woselbst Schmalhans Küchenmeister ist!— „Wenn die Schwalben heimwärts zich'n"— er, der dies Lied sang und dichtete, der volkstümliche Herausgeber deS„Komet", endete im Elend, als Bettler starb er im Hospital. Armer, verkümmerter Doück, der so urkomisch sein konnte, wenn ihm der Hunger nicht den Hals zuschnürte, der die Zuhörer Tränen lachen liefe, wenn er ihnen„Hahn und Henne" vorlas, und dann bei seinem Freunde Blum, bitterlich weinend, die beste aller dieser Welten verfluchte. Für die Armen und Elenden focht er manche Klinge. Und so war es ganz in der Ordnung, daß, als unser Dichter und Barde im Dezember 184« starb— drei Ta�e vor seinem Ableben hatten die Väter der Stadt ihm gnädig die Aufnahme inS Spital erwirkt—, es nicht einmal zum Begräbnis reichte. Wenn nicht Ocitinger und Markgraf herumgcschnorrt hätten. wäre Kleinchen Reginald in der Armencquipage aus den Kirchhof hinauSgckarrt worden— ohne Glück und Stern ist dieses Genie einfach verhungert, verkommen. Mit 200 Talern JahrcSgehalt und dem Ertrag von kleineren und größeren literarischen Arbeiten mußte Blum das Unmöglichste möglich machen. Agnes Wallncr erzählt, wie er sie als junges hungriges Ding in sein tzauS ausnahm, kleidete und nährte und unterrichtete. Wie unser Blum für das Theater und Theater- geschichtc schwärmte, davon konnten die gastierenden Künstler und Künstlerinnen ein Licdchcn singen, die in Leipzig auftraten. Er durchwanderte mit ihnen im Geiste die alten Stätten, auf welchen einst der junge Goethe spazierte, zeigte ihnen Luandts Hof, wo die Neubcrin Lorbeeren erntete und Rackenschläge empfing, trinkt und erzählt Schnurren in Auerbachs Keller unter Meister Schicrih' Schildereien, berichtet von den Fahrenden und Gauklern, von Fleck und dem großen Schröder, daß den Komödianten die Augen über» gehen und sie staunend dem dicken Gesellen in den Mund schauen, der zehntauscndmal mehr weiß als sie.— Scharwenzeln und kriechen ist nicht seine Sache, aber ei» großes warmes Herz hatte er—„glückliche Kinder" nannte er alle» denen eine Stunde geschenkt worden, in der man sterben möchte, weil keine schönere nachfolgen kann! Zwölf Jahre später, nach jenen glücklichen Tagen(1836), die uns den Menschen Robert Blum in seiner warmherzigen Eigen» art, seiner idealen Uneigennützi�keit kennzeichnen, wird am 9. November 1848 an ihm jener empörende Mord auf der Brigitten- au verübt, der noch heute mit elementarer Gewalt zum Himmel schreit.„Jene drei Büchsenschüsse," sagt die Schauspielerin Karo» line Bauer in ihren„Komödiantenfohrten".„schrillten schaurig in meine frohen Erinnerungen an jene blütenfrohcn Leipziger Tage hinein." Robert Blum, der Idealist, wird auch in der hier geschilderten Periode seines Lebens uiwcrgeßlich bleiben.— Theater. Kammerspiele:„Der BlarquiS von Keith*. Schauspiel in fünf Aufzügen von Frank Wedekind. Im Kleinen Theater, in dem der Dichter in der Rolle des Marquis als sein eigener Interpret auftrat, blieb das Stück ganz ciudrucks- loS. Die Purzelbäume des Dialogs, die launenhasten Kreuz- und Oucrsprünge der Szenen, befremdeten, ohne zu verblüffen, ohne neugieriger Anteilnahme für das Temperament, das sich in dieser bunten Maskerade aussprach, wachzurufen. Der trocken verständige Ton von Wedekinds Organ, das behäbig Philiströse seiner untersetzten Gestalt, die immer gleich bleibende Starrheit der Gesichtszüge— lauter Momente, die ihn bei Dar- stellung des utopisti'ch-doktrinären Apostel Heitmann in seiner Hidallah vorzüglich unterstützt hatten— widersprachen dem Wesen des als Marquis maskierten Hochstaplers, mußten mit Bleigewicht jede Möglichkeit der Illusion zu Boden drücken. Wenn von dem Drama in der Aufführung der Kammcrspiele teilweise eine starke Spannung ausging, so war das in allererster Reihe ein Verdienst Paul Wegeners, der dem falschen Mar» quis das Gepräge eines ganzen Kerls und damit zugleich der Phan» tasie der Zuschauer einen substantiellen Kern, dem lose zusammen- gewürfelten Ganzen Halt und Stütze gab. Da das Stück selbst nicht naturalistisch ist, noch sein will, war der Schauspieler durch» aus im Recht, wenn er von vornherein ans den Versuch verzichtete, hier eine mittlere Linie, eine Abtönung herauszufinden, die den äußeren Unwahrschcinlichkeiten möglichst viel von ihrer Grellheit nehmen sollte. Er malte einen rassecchtcn Vcrbrechcrtyp. dem Bosheit und Gemeinheit unverkennbar im Gesichte eingegraben waren. Die Frage log nahe, wie denn ein solcher Mensch, dessen Züge mit der Sicherheit einer Zwangsvorstellung den Gedanken ans Zuchthaus hervorrufen, gerissenen Münchener Geschäftsleuten Wind vormachen und das Geld für sein verschwenderisches Leben und das Millioucnprojekt deS Feenpalaste» zusammentrommeln kann. Doch ist das am Ende nicht vcNvundcrlicher als so ziemlich alle?, was sich in dem Stücke zuträgt, und kommt neben der Wucht, zu der die ziemlich schattenhafte Gestalt durch ihre Wegcnersche Ber- körperung emporwächst, gar nicht in Betracht. Im Bilde dieses Gauners mit den lurzgeschorcnen violetten Haaren, dem klobig breiten blassen Antlitz, den listig verschlagenen Augen, erhielt die fiebernde Genußgicr, die brutale Energie deS Willens, die Ablösung von allen moralisch sentimentalen Seclenhcmmungen einen groben, doch elementarisch packenden Ausdruck. Wenn er hinkend, auf der Jagd nach einem neuen Einfall, hastig durchs Zimmer stolperte, erinnerte er in der zuckenden Wildheit seiner Bewegungen an einen gefangenen Tiger, der ruhelos und drohend hinter den Eiscnstäben seines Käfigs hin und her läuft. Das grenzenlose Selbstvertrauen, der blinde Glaube an sein Glück, rückte so in eine Beleuchtung, die den Zusammenhang dieser phantastischen Ver- sticgcnheit mit dem Grundcharakter aufs lebendigste empfinden ließ. Die ausgezeichnete Leistung gipfelte in den Schlußszenen, wo der künstliche Vau der Täuschungen und Selbsttäuschungen über dem verwegenen Schwindler zusammenstürzt, ihn auf Augen- blicke aus seiner kaltblütigen Gefaßtheit schleudert. Der Schmerz darüber, daß die vergötterte Geliebte sich einem zahlungLfäliigeren Werber zuwendet, brach rauh und qualvoll, wie der Aufschrei eines verwundeten Tiers hervor; im Schrecken vor der völligen Verlassen- heit erklang ein Nachhall längst verwehten menschlichen GcsühIS, und vollcubeö meisterhaft war die Grunasse, mit welcher der aus sich heraus Geschreckte sich endlich zum Zynismus seines wahrer, Ich zurückfindet. �... Ter Freund deS Marquis, der verdreht selbstquälerische Moralist, der sich zum Genußmenschm ausbilden lassen will, hatte in Winterstcin einen Tarsteller von überraschend feiiisinnigem Humor gesunden. Tic Damen ließen, mit Ausnahme von T i l l a D u r i e u x, die die leere Rolle der streberischen Geliebten dclora- t,v zur Geltung brachte, zu wünschen übrig. Unter den männlichen Episodenrollen wären Wedekinds lühl reservierter Konsul Kasimir und Viktor Arnolds vorzüglich Münchncrischer Bier- brauercibesitzer Ostermeier noch besonderer Erwähnung wert. DaS bis zum äußersten beschleunigte Tempo des Spieles milderte, in etwas wenigstens, die Breite». 6t. Musik. Zwischen den vergangenen und den zeitgenössischen Künstlern stehen wohl immer einige'frühverstorbcne, die jünger sind als lewjt gcgenwäilige und modernen Ansprüchen v.vlleickt näher entlprechen als viele tote und lebend:. Meist hält nur eine stille Gemeinde ihr InfccnTen aufrecht' aVer gerade die fortschrittlichen und speziell die volkstümlichen Bestrebungen der Zeit könnten aus solchen Künstlern mehr herausholen, als gewöhnlich geschieht. Zwar reicht der Tod iwS 42jährig verstorbenen Adolf Jensen, eines der größten und zugänglichsten aller lyrischen Komponisten, ins Jahr 1879 zurück; doch noch immer würden seiner Verbreitung namentlich weitere Kreise dankbar sein. Vor sieben Jahren starb der Nach- romantiker Julius Zellner, vor zehn Jahren der Bayreutber Freund Paul KuczhnSki. Die besonders dankbare Aufgabe. Zellner gerecht zu werden, ist noch ungelöst; die undankbarere, für Kuczynsli einzutreten, wurde von einer eigenen, nach seinem Namen benannten Stiftung übernommen. Sie stammt von der Gattin des Komponisten, der seinen musikalischen Beruf wohl nur äußerlich und aus Familiengründen durch den eines Finanzmannes ergänzte. Seit seinem Tode ward in der Fachliteratur vielfach auf seine Kam- Positionen und aus seine literariichen Erinnernngswerke hingewiesen. Erst jetzt kam eine öffentliche Gelegenheit, eine gröbere Reihe musikalischer Werke von ihm zu hören. Das Konzert, das seine Stiftung in der Singakademie gab. rechtfertigte die ohne Reklame erregte Spannung. Es waren lauter Gesangsstücke, zu Texten des Kom- ponisten selbst. Zwar wird der Historiker die Einflüsse zeigen können, die Kuczynski von Richard Wagner sowie von Adolf Jensen empfangen hat; er wird auch nicht verschweigen, daß manchmal der Eindruck einer„Kunst für die Kunst" hervortritt. Allein gerade, wenn ein Künstler so ganz ohne Rücksicht auf Effekt schafft; wenn er dann, sei eS auch ohne reformerische„Neutöming", in der Tat etwas Eigenes zu sagen hat und wenn schliestlich dieses Eigene den Hörer so sehr bei seinen menschlichsten Gefühlen ergreift, wie KuczynskiS Töne von der Sehnsucht als dem„raitlos hämmernden Gast der Seele": dann wird auch ein kühler Kritiker warm, zumal wenn er über musikalische Aubensprache hinaus musikalische Jnnensprache sucht. Die symphonische Dichtung für grobes Orchester. Soli- und Chor- gesang:«Die Fahrt zum Licht", führt uns durcd eine längere Reihe von instrumentalen Themen und von ihren Verarbeitungen hindurch auf die Höhe eines Gesanges, der«erst dem erloschenen Auge das Licht der Erlösung" leuchten läbt. Den zahlreichen Spielern und Sängern, die zu diesem so sehr au? dem Allrag des Konzerttreibens herausragenden Abend bet« trugen, können wir unmöglich im einzelnen gerecht werden. Um so lebhafter sei den Vertretern volkstümlicher Musikpflege eine Aufmerk- samkeit auf die heute benihrten Komponisten nahegelegt. bz. Technisches. Das Relais als Erzieher. Im modernen EeschäftS- leben heißt die Devise: Alle Vorteile gelten. Gelingt es, den lieben Geschäftsfreund übcrS Ohr zu hauen, so wird es getan. Profit ist das alleinherrfchende Losungswort, jede Gelegenheit muh wahr- genommen werden, um einen recht hohen Profit herauszuschlagen. Auch die Technik wird davon beeinflußt. Da die Versicherung persön- licher Ehrenhaftigkeit im modernen Geschäftsleben keine Bedeu- tung hat, wurde die Technik vor die Aufgabe gestellt, für die Kon- trolle der Geschäftsbeziehungen der Leute untereinander scharf- finnig ausgeklügelte Apparate zu ersinnen, man denke nur an Rcgistrierkaffen, Stechuhren, Wächtcruhren und dergleichen. Ganz hübsch wird diese Tatsache illustriert durch die geniale Neukon- ftruktion eines Apparates, der jetzt von einer hiesigen Weltftrma auf den Markt gebracht wird. Es handelt sich um ein sogenanntes Ueberlastungsrelais. Bekanntlich steht der Konsument, der elektrische Energie von einer elektrischen Äraftzentrale bezieht, zu dieser in einem bestimm- ten kontraktlichen Verhältnis. Entweder bezahlt er den elektrischen Strom je nach Verbrauch, dann wird ihm ein Stromzähler hin- gestellt, der den jeweiligen Stromverbrauch anzeigt. Oder aber es wird eine bestimmte Durchschnittssumme festgesetzt. Der Vertreter deS Elektrizitätswerkes besichtigt beim Kon- Sumcnten die Anlage, nach ihrem Umfange wird ein Durchschnitts- erbrauch von Strom angenommen, eine Durchschnittsmiete festgesetzt. Nun kann der findige Geschäftsmann seine Anlage zum Beispiel bestehend aus 10 Bogenlampen angeben. Er schaltet aber in verschwiegenen Räumen, die er dem Elettrizi- tätswcrk nicht angemeldet hat. noch einige Lampen mehr ein, will sich also mehr Strom aneignen wie er bezahlt. Daß sich Kraft- zentralen gegen derartige Fälle schützen müffen, beweist vorliegende Konstruktion eines solchen Relais. Der Apparat wird in den Hauptstrom eingeschaltet. Der Strom geht durch ein Stück Rheotandraht, welches der erforderlichen Stromstärke entsprechend bemessen ist. Steigert sich die Strom- stärke über ein bestimmtes Maß. will der Konsument mehr Strom entnehmen wie er soll, so wird der Rheotandraht rotglühend, weich, lnegsam. Sein freies Ende ist als Kontaktplatte ausgebildet und legt sich durch gelinden Fcderdruck auf eine Kontaktschraube. Da- durch wird ein Relaisstromkreis geschlojsen, der Hauptstrom so lange unterbrochen, bis der Konsument wieder weniger Lampen ein- geschaltet hat, der Rheotandraht kalt wird und in seine erste Lage zurückgeht. So macht der Konsument sicher ein langes Gesicht. wenn er in seinem Keller steht und verbotencrweise eine Lampe mehr einschaltet. Das Relais, in einem verschlossenen Kasten, dem Elektrizitätswerk gehörig, beginnt zu arbeiten. Der Strom wird unterbrochen, mit einem Male gehen alle Lampen aus, und! zwar bleiben die Räume so lange in Dunkel gehüllt, bis die zu- lässige Lampenzahl wieder eingeschaltet wird.> ES geht nicht? über die Ehrlichkcitk Hoch die Technik, die den modernen Geschäftsmann WcnigstctG in bestimmten Fällen zur Ehrlichkeit erzieht. Humoristisches. �us Primas nootis. Da? war in der guten alten Zeit (Gut für die Herren Barone und Grafen!), Da geruhten dero Herrlichkeit, Die Töchter des Volkes zu beschlafen. Und spielten die Fiedler zum HochzeitStanz, So holte der Junker den Junfernkranz. Und girrten und gurrten die scheuen Tauben, Sie wußten, sie mußten alle dran glauben. Der Herr legt sich zu der Braut ins Nest— Für den dummen Bauern Iss beaux rostes l Wie anders heut, da die hoben Herrn Vor Tugend und Hämorrhoiden stöhnen I Da tanzen sie, statt mit den Töchtern, gern Leutselig mit unseres Volkes Söhnen. Da lader ein Graf bei der Damenwahl Gemeine Soldaten zum Liebesmahl Und spendiert ihnen Bier und Champagner und Braten Und begeistert sie so zu edlen Taren. DaS ist wieder— so hat mich ein Weiser belehrt— Das jus primae noctis— nur umgekehrt. (Edgar Steiger im«SimplicissimuS'.) — A u S dem Schreibheft Hermann PachnickeS. Der Reichsragsabgrordnete Hermann Pachnicke, desien jüngste Bro- schüre«Liberalismus als Kulrurproblem" die hohe Anerkennung deZ Reichskanzlers fand, hat, wie wir verraten können, eine neue Schrift, betitelt:„Der neue Macchiavelli", vollendet, au? der folgende Sätze hervorgehoben seien: .... Liberalismus ist die erhabene Weltanschauung, die einem hehren, begeisternden Ideale dient, nämlich dem Ideale deS Er- reichbaren. Diese prinzipielle Grundlage gibt dem Liberalismus unüberwindliche Stärke, da dieses Ideal nicht zu überbieten ist: man kann dieses Ideal nicht steigern, da man zwar von dem Er- rcickbaren. aber weder von dem Erreichbareren noch von dem Er- reichbarsten sprechen kann. Da auch die Konservativen dem Ideale deS Erreichbaren dienen, ruht der Block auf einem uuerschütterlicheir Fundamenre... .... In der Politik siegt man dadurch, daß man sich dem Gegner unterwirft. Der Liberalismus, der alles tut, was die Konservattven wollen, ist stark..." — Die Chinesen sandten unlängst je einen Mandarin nach Deutsch- land, England und Japan, um zu erfahren, welche Verfaffung sich am besten für China eignen würde. Die Berichte auS England und Japan lauten negativ. (« Jugend".) Notizen. — Die Mauer der Föderierten gerettet. Wir haben seinerzeit berichtet, daß die proletarische Märtyrerstätte auf dem Pöre Lackaise von dem Schicksal bedroht war, parzellenweise für Gräber zahlungsfähiger Familien abgegeben zu werden Das Komilee. das sich zur Reitung der.Mauer" gebildet hatte, hat indes mit Erfolg eingegriffen und die zuständige Gemeinderats- kommifsion einstimmig beschlosien, ihm die tmmerwährend« Konzession deS Platzes einzuräumen. Sie verfügte auch, daß das aus den Ruinen der Tuillerien stammende Gitter, das ein- mal von pietärvoller Hand vor der Mauer aufgerichtet, aber auf Befehl deS Präfekten in einer Nacht Herausgeriffen worden war, auS dem städtischen Depot den Eigentümern zur Verfügung gestelll werde. Sie dürfen eS wieder in der ursprünglichen Werse anbringen. Endlich bat sich die Kommission, im Widerspruch zum Gutachten des Semepräfekten, in beziig auf die vom Komitee geplante Errichtung eines Monuments zustimmend geäußert. — Er hatte die Cochonnerien satt. Lautenburg. der frühere Direktor des Berliner Residenz-TheaterS, der die Leitung des Wiener Raimund-ThearerS niedergelegt hat, ist offenbar ein viel- verkannter Mann. Wenigstens möchte er gern in dieser Rolle auf- treren. Irgendwelche ungreifbaren Mächte haben ihn sein Leben lang genöttgt, Pariser Ein- und Zweideutigkeiten zu spielen. Und nun da er endlich von dieser Schick?alSlast befreit wurde.... Doch hören wir, was er einem freundlichen Manne in die Feder diktierte:.Man wollte mich(in Wien) veranlassen, phantastische Rollen und Schwänke aufziiführen. Seitdem.Gretchen"— eine opcrettenhafte Laszivität— im Bürger-Theater Erfolg hatte, hatte ich überhaupt keine Ruhe mehr. Ich erkärte aber, ich gebe keine Cochonnerien. Ich habe das Residenz- Theater in Berlin aufgegeben, weil mich das Repertoire in den leyien Jahren angewidert hat. und da soll ich nach Wien kommen, wo ick ein künstlerisches Feld ju beackern glaubte, und französische Schwänke darstellen: das tue ich nicht." Wir haben es immer geglaubt: Lautenberg wird noch einmal ein Heiliger. verantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»anstaltPaulSinger�Co..Berlin81V.