Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 221. Mittwoch den 13 November. 190/ (NachdruS verbokm.) Die Brüder Zemganno* Von piinont» d e Goncourt. Mit sieben Jahren war Nello sehr tüchtig im Karpfen- spnmg: dem Sprunge, bei welchem der junge Künstler, auf dem Rücken ausgestreckt liegend, durch den bloßen Sclmnmg der Beine und des Rückgrats, ohne das Aufsetzen der Hände zu Hülfe zu nehmen, sich aus der liegenden Lage emporschnellt, so daß er aufrecht auf die Mße zu stehen kommt. Es folgte dann die llebung der Sprünge mit Aussetzen der Hände auf den Boden: der Saut en avant, bei welchem der Eleve die Hände vor sich auf den Boden setzt und sich in einem lleberschlagen des Körpers wieder auf die Beine empor- richtet, die über den Kopf hinweg den Händen gefolgt sind: der Affensprung, bei dem der Schüler, den Oberkörper zurück- biegend, die Hände hinter sich auf den Boden aufsetzt und die Bewegung des vorigen Tricks in entgegengesetzter Richtung ausführt: der Beduinensprung oder der im Sprunge aus- geführte Seitwärtsllbcrschlag, ähnlich dem Radschlagen. Bei allen diesen Uebungen hatte Nello stets die schützenden Arme seines Bruders um sich her, den schützenden Griff seiner Hände an seinen Gliedern, der ihn hielt, ihn stützte, ihm beim Zögern, beim Schwanken des Körpers den ermutigenden, er- leichternden Anhub zu der Tour gab. Später, als Nello sich in den Uebungen sicherer zu fühlen begann, wurde er von Gianni dabei an einem kurzen Stück Leine gehalten, das an dem Gürtel des Knaben befestigt war und das Gianni in dem- selben Maße nachließ, wie die Arbeit des jungen Bruders sich dem vollkommenen Gelingen und der vollständigen Sicherheit näherte. Schließlich war Nello bei dem Saut P6rilleux*) an- gelangt, den er anfangs, um die Sache zu erleichtern, von einer kleinen Erhöhung herab ausführte, welche man all- mählich mehr und mehr verringerte, bis er sich dahin gebracht hatte, den Sprung von ebener Erde aus zu erekutieren. Bei diesem allen erwies sich der Sohn der Zigeunerin nichts weniger als schwerfällig von Körper: er besaß vielmehr gleich seinem Bater und seinem Bruder eine wunderbare Be- fähigung zum Sprunge, und zwar besonders demjenigen aus der bloßen Schnellkraft der Beine, dem Sprunge ohne An- lauf oder mit geschlossenen sijüßen, mit dem er in seinem siebenten oder achten Jahre eine Höhe erreichte, in der es ihm seine viel älteren Studiengenossen nicht nachtun konnten. Vom Kothurn seines zusammengewürfelten Allerlei-Wissens herab sagte eines Tages der alte Bescapö. als er Nello springen gesehen, zu Stepanida: „Frau, sieh einmal da!"— und er zeigte ihr die Fersen und die Stärke der Sprunggelenke an den Füßen seines Sohnes.—„Wahrhaftig, mit dem Zeug hier, sage ich Dir. wird er einst springen, daß er es einem Assen zuvortut, das Bürschchen'" » � Eines Morgens beim Erwachen sah Nello auf einem Stich! vor seinem Bett gewisie Gegenstände ausgebreitet liegen, heiß ersehnte, unerhoffte Dinge, die ihm seit Monaten die Nacht in trügerischen Träumen vorgegaukelt. Er rieb sich die Augen, kaum glaubend, daß er wache: dann sprang er aus dem Bett und eilte zu dem Stuhl, um sich mit vor Glück zitternden Händen von der Wirklichkeit der Dinge zu überzeugen, die dort in schimmernden Farben lachten und unter seiner Berührung mit den blitzenden Flittern raschelten. Da war ein Trikot nach dem Maß seines kleinen Körpers: eine kurze himmelblaue Puffhose, ganz und gar mit Silberstcrnen besetzt: ein Paar Halbstiefelchen enminiature, mit Silber- fransen geschmückt. Der Knabe betastete die Gegenstände, wendete sie auf die andere Seite um, das Trikot, die Puff- •) Das Gegenstück zu dem bekannten Ealtomortale, d. h. der- selbe Sprung nach vorn ausgeführt, wie der Saltomortale nach hintenüber ausgeführt ist. UebrigenS wird jede der beiden Bezeichnungen bielfach auch auf den anderen der beiden Sprünge angewandt, ohne daß darin streng unterschieden wird. Anmerkung des Ucbersctzers. hose, die Stiefelchen, und drückte eines nach dem andern ent- zückt an seine Brust. Dann nahm er, rasch entschlossen, seine Schätze unter den Arm und eilte mit einem Freudenschrei zu seiner Mutter, um sie zu wecken, damit sie ihn mit dem reizenden Habit bekleide. Stepanida, halb in ihrem Bett, halb außerhalb desselben, kleidete ihn an, langsam, unter den Pausen, den? bewundernden Innehalten, den prüfenden, glück- seligen Blicken einer Mutter, die ihrem Liebling ein neues Kleid anlegt und unter dem neuen Gewände ein neues Wesen in Ihm sieht, das sie noch etwas mehr lieben muß, alscküsher. Als Nello kostümiert war, gab er das reizendste Biw eines kleinen Nippestisch-Meßkünstlers ab, das man sich denken konnte. Dann machte sich die„Kopfnuß", in lang herab- hängenden blonden Haaren, die sie zu frisieren im Begriff war, das Vergnügen, ihn: mittels ihrer Brennschere zwei Lockenhörn6)en auf dem Kopf zu brennen, die ihm etwas von einem niedlichen Teufelchen gaben. So ausgerüstet, stand der kleine Bankist in seinem Trikot, das um ein Haarbreit zu weit war und auf den Seiten unter den Armen und an den Knien je eine Falte schlug, unbeweglich da, die Augen be- wunderungsvoll auf seine kokette kleine Person gesenkt. glücklich und fast geneigt, zu weinen, und dabei zugleich nicht wagend, sich von der Stelle zu bewegen, es möchte seinen' neuen Kostüm etwas zustoßen. . Die ersten Male, daß der kleine Künstler in der Vor- stellung auftrat, mit seinem Trikot, seinen Puffhosen, seinen Halbstiefelchen ausstaffiert, war der Anblick in der Tat ein äußerst drolliger, wie das Bürschchen sich überschlagend empor- schnellend, sich wieder überschlagend hereinprallte,— dann plötzlich wie angenagelt auf seiner Beinen stehend Halt machte, von einer jähen Anwandlung von Angst befallen: einer kind- lichen, fast komischen Angst vor all den vielen auf ihn gerich- teten Blicken. Verstohlen, schüchtern zog er sich nach der Seite Giannis zurück, flüchtete ganz hinter diesen, voll Verwirrung, ein leises Schauern über seine Schultern laufen fühlend, und sich verlegen hinter dem Ohre kratzend. Dann aber kreuzte der Kleine im lockigen Haar, mit den schlanken, zierlichen Gliedern, in einer Haltung, wie wenn die Plastik antiker Statuen dem gymnastischen Künstler angeboren wäre, die Arme auf der Brust, und, das eine Bein vor das andere gesetzt, es auf die Zehenspitze stützend, den Hacken zurückgebogen, so daß der Fuß sich ein wenig nach unten krümmte, erschien er in seiner Unbcwcglichkeit wie eine Statuette der Ruhe in einem Musemn. Allein diese Ruhe, diese Untätigkeit währte bei' dem jungen Künstler nur einen Moment. Bald genug war er be- flissen, seine Künste wie die anderen zum Besten zu geben und jeden Augenblick aufs Neue seine Hände an dem Schnupf- tuch zu trocknen, das man auf die Barriere geworfen, als ob er in der Tat angestrengt arbeite. Er versuchte, an einem der Pfosten des Trapez die„Fahne" zn machen(den Körper wagerecht in der Luft ausgestreckt zu halten, während er sich mit den Händen an dem Pfosten hielt), wobei er fast im selben Augenblick in den Sandhaufen am Fuße des Mastes kollerte und zur Hälfte in demselben verschwand: er lief auf den Händen, machte die Serie seiner gewohnten wohleingeübtcn Sprünge durch, führte seine Kreuzbiegungen aus, bei denen der Körper sich langsam und mühevoll auf zerbrochener Wirbelsäule wieder aufzurichten scheint. Es waren dies kleine Extragaben der Vorstellung, kleine Nebentricks, die oft nur mangelhaft glückten, die Nello ausführte und wieder aus- führte, aber mit einem Eifer, einer Munterkeit, einer Un- ermüdlichkeit, in der die Lust eines Kindes lag, das sich an seinem Spiel ergötzt, in der seine Augen von feuchtem Glanz innerer Erregung schimmerten und feine kleinen Arme, in graziöser Haltung dankbare Grüße an das applaudierende Publikum sendeten: das Ganze ein niedlicher, unterhaltender Anblick, und bei allem doch ein gewisser Timbre der Eni- schiedenhcit, der Entschloß'cnheit, der Kühnheit, fast des Heroischen über seine anmutige kleine Gestalt ausgegossen. Sofort aber, wenn seine Rolle beendet mar, eilte er, so schnell ihn seine Beine tragen konnte«, zu Gianni, um als Belohnung dessen Liebkosungen zu suchen, die Finger des Bruders zärtlich i in seinen Locken wühlend zu fühlen, der ihn dann wohl zu sich emporhob, ihn. den Kopf nach unten, auf seine ausgestreckte flache Hand setzte und den kleinen, schwanken, in der steifen Haltung noch unfesten Körper die noch weiche kleine Wirbel- faule ein paar Augenblicke in dieser Weise balancierte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Hygiene der KUcbe. Von Dr. Richard Hertlein. Die Hygiene der Küche bildet ein üboraus wichtiges Kapitel auf dem Gebiete der Volksgcsundheit. Tuh ein zlveckmägig er- nährtcr Körper weit leistungsfähiger und gegenüber den Unbilden lebensfeindlichcr Faktoren, Krankheit und dergleichen. Iveit wider- standsfähiger ist, als ein überernährter, ist hinlänglich bekannt. Es soll nun nicht meine Aufgabe sein, in nachfolgenden Zeilen etwa ein Schema dafür aufzustellen, was der Mensch essen soll und was nicht. Ein solches Unterfangen wäre töricht, da sich Ehlust und Bekömmlichkeit der Speisen nicht in streng umschlossene Para- graphen zwängen lassen. Ich will vielmehr in kurzen Zügen, soweit es der Raum dieser Skizze gestattet, darauf hinweisen, wie eine Hausfrau ihre Küche von hygienisch schädlichen Gcnustmitteln � frei zu halten in der Lage ist. Ist es doch leider ein Zeichen des immer schärferen Existenzkampfes in allen Berufen, dah neuer- dingS in erhöhtem Matze versucht wird, dem kaufenden Publikum an Stelle der reinen einwandfreien Nährmittel billigere, aber auch schlechtere Surrogate, zu unterschieben. Ich bin daher genötigt, auch mit einigen Worten auf Nahrungsverfälschungen einzugehen. Das wichtigste Nahrungsmittel der Küche ist die Milch. Die täglich verbrauchte Menge wächst in den Grotzstädten ins Ungeheure und da ist es denn kein Wunder, wenn gewissenlose Milchhändler und Molkereien durch Zusatz von Wasser und Konservierungsmitteln sich einen illegitimen Gewinn zu verschaffen suchen. Derartige ent- rahmte und verwässerte Milch ist jeder Hausfrau wohlbekannt, so datz es sich erübrigt, auf dieses Thema der Nahrungsmittclver- fälschung näher einzugehen. Anders, liegt die Sache mit jenen illegitimen Konservierungsmitteln, mit welchen vielfach operiert wird, um ein Verderben der Milch auf Kosten der menschlichen Magennerven hintanzuhalten. Hierher gehört besonders der Zusatz von Soda, von Salizylsäure oder von Borax zur Milch. Der Zusatz von Soda ist relativ leicht zu erkennen, da sich in diesem Falle beim Einkochen der Milch verräterische Bläschen von Kohlensäure entwickeln. Schwieriger gestaltet sich der Nachweis der Salizyl- säure und des Borax. Bevor ich hierauf eingehe, möchte ich vor- ausschicken, datz alle Rcagentien, die in dieser Skizze zum Nachweis von Verfälschungen erwähnt werden, aus jeder Apotheke für billiges Geld zu erhalten sind, so datz es keine Schwierigkeiten macht, mit einiger Geschicklichkeit, sich vor dem Genüsse hygienisch bedenklicher Nahr- und Gcnutzmittcl zu schützen. Will man nun eine der- dächtige Milch auf die Anwesenheit von Salicylsäure prüfen, so verfährt man am einfachsten so, datz man die Milch mit Essig kocht, dann filtriert und das Filtrat mit einigen Tropfen Eisenchlorid versetzt. Ist letzteres dann violett gefärbt, so war Solicylsäure an- wesend. Anders gestaltet sich der Nachweis von Borax, und zwar beruht derselbe auf der grünen Färbung, welche er einer Alkohol- flamme erteilt. Dampft man daher etwas von der Milch auf einem Schälchen bis zur Trockne ein, fügt 2 oder 3 Tropfen konzen- trierte Schwefelsäure und 10 Tropfen Alkohol hinzu, so kann man durch Anzünden dieses Alkohols und die eventuell grüne Flammen- särbung leicht und sicher entscheiden, ob Borax vorhanden war oder nicht. Die Milch kann aber nicht nur durch absichtliche Ver. fälschung für Genußzwccke unbrauchbar sein, sondern auch durch zu- fällige Beimengungen. Hierher gehört die„Biestmilch", die einige Tage vor oder nach dem Kalben gewonnen wurde, gelblich ist und beim Kochen gerinnt. Ferner„blutige" Milch, die sich durch Blut- absah am Boden des Gefähes kennzeichnet und aus kranke Euter oder Nieren des Tieres hiniveist. Auch die„salzige" Milch ist eine Folgeerscheinung der Eutererkrankung. Von der„blauen",„roten", „gelben" Milch kann ich wohl absehen, da ein derartig gefärbtes Produkt, dessen Färbung von Bakterien herrührt, wohl niemand genießen würde. Hingegen mutz ich noch kurz auf eine andere Zer- fetzung der Milch hinweisen, die gleichfalls auf der Anwesenheit von Bakterien beruht und ihr einen„seifigen", laugcnhaften Ge- schmack gibt. Der Geruch ist scharf und stechend. Nächst der Milch ist das Fleisch das wichtigste Nahrungsmittel und verdient daher, um so mehr als es ein sehr kostbares Material für die Ernährung ist, seitens der Hausfrauen besondere Bo achtung. Zunächst wird jeder ein berechtigtes Interesse daran haben, wirkliches Rindfleisch und nicht etwa statt seiner Pferde- fleisch vorgesetzt zu erhalten. Aeutzerlich das rohe Rindfleisch vom rohen Pferdefleisch zu unterscheiden, ist ja nicht immer ganz leicht, und es gehört schon ein geübtes Auge dazu, um zu erkennen, datz das Rotzfleisch mehr rotbraun und sein Fett mehr gelb gefärbt ist als die analogen Teile beim Rinde. Da wird es vielleicht will- kommen sein, ein einfaches und sicheres chemisches Mittel kennen zu lernen, das unS gestattet, schnell die Gegenwart von Pferde- fleisch festzustellen. Dieser Nachweis beruht darauf, datz sich im Pferdefleisch stets„Glykogen' vorfindet, eine chemische Substanz, die sich in Berührung mit einer Jodlösung rot färbt. Filtriert man daher eine Flcischbouillon, säuert sie mit einigen Tropfen Salpeter» säure an und fügt nunmehr vorsichtig Jodwasser hinzu, so bildet sich bei Gegenwart von glycogenhaltigem Pferdefleisch an der Bc, rührungsstelle ein burgunderrotcr Ring. Daß Fleisch unzulässiger- weise gleichfalls mit Borsäure, Salicylsäure und Formaldchyd konserviert sein kan«, sei beiläufig erwähnt. Methoden zu ihrem Nachweis möchte ich jedoch hier nicht angeben, da sie in ihrer Hand- habung für den Laien zu schwierig sind. Anders liegt die Sache mit dem Nachweis von schwefliger Saure, die ein beliebtes Mtttfl in Metzgerltiden ist, da sie das rohgehackte Fleisch lange in schöner scharlachroter Farbe beläßt und ohne große Schwierigkeiten zu er- kennen ist. Macht man sich nämlich einen wässerigen Fleischauszug, füllt ihn in ein Fläschchen mit engem Halse, wirft einen Brocken metallisches Zink in die Flasche, so färben die entweichenden Gase bei Gegenwart von schwefliger Säure ein mit Bleiessig getränktes Stückchen Filtrierpapier schwarz. Viel schlimmer als derartige unzulässige Konservierungsmitte! wirken aber die natürlichen Zersetzungen, die eine unhygienische Be» Handlung des Fleisches begleiten. Sie sind um so gefährlicher, als sie nicht immer durch den Geruch oder Geschmack zu erkennen sind und in vielen Fällen außerordentlich schwere Vergiftungs- erscheinungen hervorrufen. Ich brauche hierbei nur an die schweren Fleisch- und Fischvergiftungen zu erinnern, die in den letzten Jahren aus vielen Städten gemeldet wurden. Am Verhängnis- � vollsten pflegen derartige Zersetzungen in Kasernen und Pensionaten zu wirken, da erfahrungsgemäß bei derartig großen Betrieben wegen des gemeinsamen Genusses von Fleischarten derselben Pro- venienz die Gefahr des Ucbergreifens des Giftes auf zahlreiche Opfer eine besonders große ist. Man wird die Gefährlichkeit dieser Fleischgifte, die man auch Leichengifte oder Ptomaine nennt, ohne weiteres begreifen, wenn man überlegt, datz sie in Wirklichkeit die- selben Zersetzungsprodukte sind, die von der menschlichen Leiche nach der Bestattung produziert werden. Es ist physiologisch genau derselbe Vorgang, der bei der Zersetzung tierischen oder menschlichen Fleisches vor sich geht, und es finden sich daher sowohl in diesem, wie in jenem das Ncurin. Cadaverin, Putrescin und andere unter dem Einflutz der Fäulnis entstandene Giftstoffe. Die einzige Möglichkeit, sich vor ihnen zu schützen, liegt darin, datz man alles Fleisch möglichst frisch verwendet, und es ist daher vom hygienischen Standpunkte durchaus zu verwerfen, wenn man Wild und Geflügel künstlich„Hautgout", der doch durch beginnende Fäulnis hervor. � gerufen wird, zu verschaffen sucht.— Aus ähnlichen Gründen ist die Verwendung alter Konserven mit Recht zu beanstanden. Es wird im allgemeinen ja behauptet, datz Konserven dank dem völligen Abschlutz der Luft unveränderlich und daher der Zersetzung nicht unterworfen seien. Das ist eine sehr gewagte Behauptung, ein» mal, weil schon die geringste Verletzung der Konservenbüchse der Luft und damit den Zersetzungskcimen Zutritt gewähren kann, dann aber auch, weil unter dem Einflüsse der wechselnden Jahres- temperaturen ganz zweifelsohne innerhalb der Konservenbüchse chemische Umsetzungen vor sich gehen. Leider ist aus der äußeren Verpackung der Konserven nicht zu ersehen, wie alt sie sind, so datz ihr Käufer in dieser Hinficht ganz auf die Recllität deS betreffenden Geschäftes angewiesen ist.— Schließlich will ich noch auf zwei Schmerzenskinder der Küchenhygiene eingehen, nämlich auf die kupfernen Kockweschirre und auf die Eisschränke. Speisen, die in kupfernen Geschirren gekocht oder gar aufbewahrt sind, sind stets dann gefährlich, wenn die betreffenden Speisen Kupfer angreifen und auflösen. Dies wird stets der Fall sein, wenn es sich um Speisen handelt, die sauer sind oder eine Säure entwickeln. Dabin gehören z. B. Salate, alle sütze Speisen, Eierkognak, Bouillon, Essig, Butter, Fette und andere mehr. Eine kluge HauSftau, die ihre Familie vor lebensgefährlicher Erkrankung sichern will, verbannt am besten ein für allemal jedes Kochgeschirr aus Kupfer aus ihrer Küche. Was nun die Eisschränke anbelangt, so soll man sich zur Regel machen, niemals riechende Speisen, wie Käse, gekochte Kohl- arten und ähnliches in ihnen zu verwahren, da sonst der ganze Schrank aus lange hinaus verpestet wird und die anderen in ihm aufbewahrten Nahrungsmittel, wie Butter, Milch und Braten den widrigen Geruch in sich aufnehmen. Ein derartig anrüchig ge. wordener Eisschrank läßt sich nur noch durch wiederholtes Waschen mit einer starken Sodalösung und nachherigcm Spülen mit Essig seinem Zwecke wieder nutzbar machen. Meines f einUeton* An bex Landstraße. Ein leichter Regen fällt auf die schmutzige Landstraße, die zwischen hohen Mauern Hinführt. Hinter den hohen Mauern sind weite, prächtige Gärten, in denen Natur und Kunst im Verein helle, sonnige Plätze geschaffen mit blutroten Blumen. und� wo auch wieder still verborgene Lauben liegen, die nur dia finden, die ihrer bedürfen, um ihr Glück zu verbergen. Draußen die schmutzige Landstraße weiß nichts von alledem, und auf ihr gehen wenig Leute an diesem Nachmittage. Wer einen Herd hat, der sitzt am Kohlenfeuer, und wer irgend liebe Menschen kennt, der plaudert jetzt mit ihnen. Die Landstraße lang aber geßt eine alte Frau: Nackte Fühc, ein zusammengeschrumpftes Gesicht, Halbdürre Hände, wer weiß, wie alt sie ist! wer weiß, woher sie kommt, wohin sie geht! sie selber weiß das alles nicht. Aber sie hat Hunger, und sie friert. Dort ist ein Schlächterladen. Ein wohlhabender Mann arbeitet dort und viele Leute stehen, die bedient sein wollen. Die Alte will da hinein. Soll er sich stören lassen? Er winkt mit der Hand, kaum, daß sie den Fuß auf die Schwelle gesetzt hat. Er winkt, und sie versteht diesen Wii:?, und sie geht weiter. Sie geht weiter, hungernd und frierend. Es gibt so viel Leute in diesem Lande, die hungern und frieren, warum soll der Schlächter gerade mit dieser Alten sich abgeben? Wenig Menschen gehen die Landstraße, nur wer muß. Und zu denen gehört ein Blinder, der. Von einem Kind geführt, wohl Von weit herkommt. In dem Ort, wo so viel reiche Leute sind, denkt er, wird wohl für ihn etwas abfallen. Das Kind, eine Junge von etwa sechs Jahren, kommt auch zum Schlächter. Er kat keine Zeit. Es gibt so viel blinde Leute im Lande herum. Zufällig ist ein Dienstmädchen hier, das einkauft, eine Fremde, eine Russin oder vielleicht eine Deutsche, die hat Zeit. Sie gibt dem Knaben einen Saldo. Er will dafür etwas Wurst kaufen.»Für einen Saldo gibt's hier keine Wurst, das ist in den Bergen, aber hier nicht." Die Beiden gehen weiter die Landstraße lang. AuS einem Garten klingt fröhliche Musik. Der Blinde horcht auf. Er tritt an die Mauer und an das schöne eiserne Gartentor und bleibt dort stehen eine Weile. Tann koinuit ein Diener von drinnen und sagt »hm, daß er weiter gehen möge. Der Regen hört nicht auf und die Landstraße wird immer schmutziger. Da kommt ein Vettclmönch von Süden her. Er trägt Sandalen an den Füßen, auf dem Kopf ein Tuch- stückchen, kaum so groß wie eine Hand. Um den Leib eine braune Kutte, die er vielleicht schon dreißig bis vierzig Jahre tragen mag, zusammengehalten mit einem Strick. Er geht gebückt und er brummt etwas vor sich hin. Auch er tritt in den Schlächterladen. Alles tritt beiseite. Er kommt ganz vor an den Tisch, obwohl so viele Leute dastehen. Er sagt kein Wort, er holt ein braunes Säcklein hervor, ein Säcklein, bielleicht ebenso alt wie die Kutte. Die Frau wirst eine Münze hinein. Er murmelt etwas, steckt sein Säcklein ein und geht seines Weges weiter. Er geht da und dort hinein, und nirgends kehrt er auf der Schwelle um. Er kommt auch an den Garten, wo die Musik herausklingt. Er schlägt ein Kreuz und geht rascher die Landstraße lang. Fritz Sänger(Nervi). Tie Opium-Manie in Paris. Der Opiumgenuß ist in Frank« reich weit stärker verbreitet, als man gewöhnlich annimmt. Nicht nur in den Hafenstädten— vor allem Brest und Toulon— sucht er seine Opfer, sondern auch Parts hat Opiumstuben in allen Stadt« teilen. Ein soeben erschienenes Buch:.Der Opium in Paris" von Delphi F a b r i c e zieht den Schleier von dieser verborgenen Welt. Der Autor sührt den Leser in die eleganten wie in die schmutzigen Schlupfwinkel des Opiumlasters— denn die Weltstadt har deren für alle Stände und Portemonnaies. Bon.Madame Lea", die meiner zumeist von Theaterleuten und Boulevardflaneuren besuchten Bar ganz nahe vom Boulevard des Italiens, im Zentrum der Stadt thront..Schumschum" zu ö Frank das Glas ausschänkt und dem Gast die Pfeife und den ganzen Rauchapparat zur Verfügung stellt, folgen wir ihm zur.echten" Vikomtesse im teueren Quartier des TerneS, wo namentlich Damen der.Gesellschaft" ver- kehren. Hier zahlt man monatlich, von 600 Frank angefangen. Wohlgcmerkt: angefangen. Ein früherer Rittmeister der afrikanischen Jäger hat in dem Hause in einem halben Jahre B0 000 Frank gelassen, seine Gesundheit und Venninft dazu. Ein anderer Stammgast, die Frau eines hohen ägyptischen Beamten, warf sich aus dem Fenster, weil sie die großen Summen nicht auf- brachte, die sie. um bei der Vikomtesse zu verkehren, entliehen hatte. Ein anderes.vornehmes" Haus wird von einem ehemaligen Sekretär der chinesischen Gesandtschaft gehalten. Hier verkehren Diplomaten, namentlich auch Asiaren. Eine romantisch auf einer Seineinsel gelegene Villa bei Billaucourt sieht Opiumraucher und «trinker aus der Literatur und der Halbwelt. Im Quartier Latin versammelt eine russische Gräfin, die nebenbei Theosophin ist. eine Gesellschaft von mehr oder weniger „Intellektuellen". Man zitiert Geister und raucht Benares, ein indisches Opium. Der Verfasser kennt auch ein Opiumhaus, da? mit einer Badeanstalt von einer an das Mittelalter erinnernden Sittenfreiheit verbunden ist. DaS schrecklichste Bild gewährt aber die Opinmhöhle in Saint Oven. Sie ist auf den»kleinen Mann" berechnet, die Masie muß den Profit bringen. Wer das Stichwort sagt:.Zurück von Tonking", wird in einen großen, mit elenden Bnddhastatuetten und jämmerlichen„japanischen" Bildern aus- gestatteten, schmutzigen Raum geführt. Hier liegen in einer feuchten Kelleratmosphäre menschliche Körper nebeneinander ausgestreckt, mit gelüfteten Kleidern, die Pfeife im Munde. Es find Arbeiter, kleine Geschäftsleute. Beamte. Die Saat, die an dieser Stätte gepflanzt wird, hat schon schreckliche Früchte gebracht. Einer der Stammgäste, ein Fleischer, hat vor einiger Zeit in einem Anfalle von Raserei seine Kinder abgeschlachtet, nachdem er in ein paar Monaten durch den Genuß des Giftes körperlich und moralisch zugrunde gerichtet worden war. Wenn man die Entwickelung der Opiumrausche in Frankreich ver- folgt, so bleibt kein Zweifel über ihren Zusammenhang mit de» Kolonialpolitik, von den müßigen Genüßlingen aus der„Gesell« schast" abgesehen, hat sie ihre Opfer vor allem im Volke. Es find zumeist ehemalige Matrosen und Kolonialsoldaten, die im fernen Osten dieses Laster kennen gelernt haben und der Gelegenheit, eS in der Heimat fortzusetzen, nicht widerstehen können. Die Opium- manie ist jedenfalls ein Kapitel, da? nicht übersehen werden darf, wenn man die vielgerühmte Wirkung der Kolonialpolitik aus die nationale Energie in allen ihren Elementen studieren will. Literarisches. Fritz Reuter-Kalender auf das Jahr 1903. Heran?« gegeben von Karl Theodor Gaedertz(Dietrichscher Verlag Theoder Weicher, Leipzig.) In erster Linie soll dieser Kalender, der nun im zweiten Jahrgang steht, wohl daS Niederdeulschtuin zusammen halten, in zweiter aber auch der großen Fritz Reuter-Ge» meinde dienen. Daß sie heute, �darf man sagen, beinahe durch daS ganze deutsche Volk repräsentiert wird, ist eine Tatsache, obwohl der Volks- tümlichkeit des plattdeutschen Dialektklassikers die Dialektzone südlich der Mainlinie diametral entgegen steht. Daß Karl Theodor Gaedertz für dies Unternehmen der rechte Mann ist, braucht bei dem bekannten Renter- Forscher nicht besonders betont zu werden. So bringt deim auch wieder der neue Jahr» gang manches Interessante. Neben Aussprüchen und Ten- tenzen aus Renters Werken, sorsam den einzelnen Monaten zugegeben. treffen wir biographische Beiträge(Luise Reuter in Briese», Reuters Testament, vor fünfzig Jahren totgesagt. Trebbin: wie schuf Reuter seine„Läuschen und Rimels"?) mancherlei Art; aber auch den Torso der letzten Geschichte NeuterS:.WoanS Franz Znnkel tau'ne Dochter kämm"; nichts Bedeutendes zwar uno darum unbcendigt liegen geblieben. Bildnisse des Dichterpaares, unter anderen nach Zeichnungen und OelporwätS von Pietsch, Schloepke, photographische Aufnahmen jener und der Stätten, wo die Reuters gewohnt haben, solvie sonstige Originalzeichnnugen, vom Dichter oder von I. Bahr herrührend, erhöhen den ohnehin schon reichen Inhalt des Kalenders noch um ein erkleckliches. So kann man diesem denn eine fröhliche Fahrt wünschen. e. k. Mustk. Der.Berliner Volkschor" wächst immer mehr unk» mehr über das Niveau eines bloßen Singvereins hinaus zu einer wahrhaft musik- und schließlich sozialpädagogischen Einrichtung heran. In der nächsten Woche will er uns daS musikalische Welt- gemälde Haydns,„Die Schöpfung", vorführen. Wie schon in früheren Fällen, so veranstaltete er auch diesmal einen„Ein- sührungsabend" kür seine Mitglieder. Wer da am Montag im Gewerlschaftshause sich den Darlegungen Dr. Zanders an» vertraute, konnte ein gutes Stück von musikalischer Kenntnis unb zugleich von musikalischem Fühlen gewinnen. Mit Recht betonte der Vortragende, daß ein genaueres Erkennen der Bestandteile eines Kunstwerkes das Wohlgefallen keineswegs hemmt, sondern vielmehr fördert. Waren schon bisher diese Einführungsabende des VolkschoreS darauf angelegt, die ausführenden und zuhörenden Teilnehmer in das Verständnis des jeweiligen Werkes und Meisters cinzu- führen, so geschah dies jetzt auf eine mittelbare Weise mit be- sonderem Glück. Es galt, in das Wesen deS Orchesters einzu» dringen, mit dem ja der Chor in Oratorien wie der„Schöpfung" zusammenzuwirken hat. Einen solchen Ueberblick verschafft ein Redner oder selbst eine Lektüre nicht schwer. Allein die«ft über- sehcne Trivialität, daß Musik eine Sache des Hörens ist, verlangt auch hier ein Mehr. Unser Musikpädagoge ließ nun zahlreichs Orchestcrinstrumente nach der Reihe und auch im Zusammcnspiele vorführen, mit Erläuterungen des Wichtigsten ihrer Konstruktion usw. und nicht zuletzt der verschiedenen Klangfarben, die auf einem und demselben Instrumente durch mannigfache Mittel hervor» zubringen sind. Diesmal handelte cS sich besonders um die.Holzbläser": wir lernten die Flöte und die Oboe, die Klarinette und das Fagott kennen und weideten uns auch an dem weichen Tone des ihnen am nächsten stehenden BlcchblaSinstrumentes: deS Harnes. Dann vereinigten sich die vier zuletzt genannten Instrumente mit dem Klavier zur Vorführung zweier klassischer Werke, die sonst nicht häufig oder nur in einer schwächeren Umformung als Klavier- quartette zu hören sind. Diese Klavierquintette von Mozart und Beethoven konnten zugleich eine Mahnung sein, wieviel wir heute durch die Vernachlässigung der Blasinstrumente im Kammermusikspiel und in der privaten Musikbildung verloren haben. Ob unter den etwa 25l>(?) Musikschulen Berlins auch nun einige den Zanderschcn Anschauungs- oder Anbörungsunterricht für die breitere Menge der Musikjünger pflegen,»«rf man vorerst bezweifeln. Um so freudiger sehen wir einer weiteren Eni- Wickelung dieses Beginnens und erst recht einem weiteren Auf» nehmen solcher bequemer Bildungsgaben entzegen. Wenn wir überzeugt sind, daß unser Volkschor«uf dem rechten Wege ist und daß an derartigem vorläufig wahrlich nicht genu> dargeboten werden kann, so möchten wir auch noch auf den allbekannten und stets neuen Wert der Wiederholung im Lehren und Lernen auf» mcrksam machen. Erst in fortgesetzter Gewöhnung haftet das Dar» gebotene im Gedächtnis und in der Anwendung auf neue Gelegen« hcitcn des Hörens. u« Astronomisches. Der Merkurdurchgang, der am 14. November statt- findet,»vird im westlichen Asien, in Europa, in Afrika, in Süd- mnerika und in der östlichen Hältte von Nordamerika sichtbar sein. Für Berlin erfolgt der Eintritt deö Phänomens, und zwar die äußerste Berührung der beiden Himmelskörper, um 1l Uhr 16 Mi- nute» ia Sekunden vormittag?, die innerste Berührung nach voll- ständigem Eintritt de.' Planeten um 11 Uhr IS Minuten 25 Sekunden, die innerste Berührung beim Austritt geschieht um 2 Uhr 41 Minuten 43 Sekunden und die äußerste Berührung beim Austritt um 2 Uhr 44 Minuten 22 Sekunden nachmittags. Der Eintritt der Er- fcheinung findet 63 Grad östlich und der Austritt 15 Grad West- lich vorn nördlichsten Punkte der Sounenscheibe statt. Merkur- durchgäuge find immerhin selten. In einem Jahrhundert ereignen sich deren nur dreizehn. Der Merkur erscheint uns unter einem Winkel von 13 Bogensekunden in seiner Erdnähe und in seiner Erdferne unter einem soMieu von nur 4'/, Sekunden. In beiden Fällen ist der Planet nicht sichtbar, weil er' das eine Mal vor, da? andere Vkal hinter der Sonnenscheibe steht. Zur Zeit der Erdnähe müßten wir den Merkur eigentlich als schwarzes Scheibchen über die Sounenscheibe hinwegziehen sehen und ztoar müßte da? stets nach Ablauf von etwa 116 Tagen der Fall sein. Da nun aber die Bahncbene de? Merkur gegen die der Erde um 7 Grad geneigt ist, geht der Planet meist oberhalb oder unterhalb an der Sonne vorbei. Steht der Merkur indes mit unserer Erde und mit der Sonne in der Schnittlinie beider Bahnebenen, dann geht er über die Sonnenscheibe hinweg. Im Fernrohr ist dieser Vorübergang— Merkurdurchgang ge- wannt— fichtbar. 4L Merlurdurchgänge find gleich 16 801 Erden- tagen, und ISI Umläufe de? Erdballes um das Zcnttalgestirn sind gleich 16 802 irdischen Tagen. Alle 46 Jahre muß also ein Merkur- durchgang im gleichen Knoten stattfinden. Die Alten haben nie einen Merkurdurchgang beobachten können, weil ihnen das Fern- rohr fehlte. Ers: am 7. November 1631 gelang eS Gassendi auf eine höchst originelle Weise in Pari?, den von Kepler vorausberechneten Merlurdurchgang zu beobachten. Er ließ durch «inen seinen Spalt in ein völlig verdunkeltes Zinuner da? Bild der Sonne auf einen weißen Schirm fallen. Alsdann vergrößerte er da? so projizierte Somicnbild mit einer Lupe und konnte nun beut- lich den Merkur als ein kleines ticsichwarzeZ Scheibchen über die Sonncnfläche hinweggleiten sehen. Seit Gassendi sind 25 Merkur- durchgäuge beobachtet worden. Der nächste wird sich erst am 7. November 1814 ereignen. Der Merkur zeigt ebenso wie die Venus bei seinem Ein» und Austritt an der Sonneiischeibe das eigentümliche Phänomen des Baillyicben Tropsens. Dies beruht aus einem Fehler in oer Objektivöffiiung kleinerer astronomischer Teleskope und verschwindet ganz bei einer Beobachtung mit großen Instrumenten. AuS den Beobachtungen von 1697 bis 1848 hat Leverrier, der berühmte Errechnet de? Neptun, eine Berichtigung der Säkularbeweguiig vermutet, indem er da? Dasein einer Schar von kleineu kosmischen Körpern zwischen Merkur imd Sonne annahm. Diese Annahme aber ist unzulässig, weil bei der Nähe der VeuuS� unsere Erdbewegung, besonders auch die Schiefe der Ekliptik, eine Störung erleiden müßte. Das aber konnte bisher »licht nachgewiesen werden. Die Tatsache, daß der Merkur auf seiner Bahn lnn die Sonne eine kleine Störung erleidet, führen jüngere Forscher auf die Materie des godiakallichteS zurück, welche den Planeten durch Reibmig auhafleu soll. Dr. Felix Erber. Aus der Pflanzenwelt. Pflanzen auf Reisen. Außer den zahlreichen Pflanzen, welche aus den Tropen und insbesondere auch aus Japan bei uns eingeführt worden sind, gibt cS noch eine wilde, sogenannte Adventivslora. Zu ihr gehört d,e bekannte Wasserpest, welche von Nordamerika nach Europa durch die Schiffe verschleppt wurde und einen großen Teil unserer deutschen Flüsse und Seen derart heim- suchte, daß sie zu einer wahren Plage wurde. Die Ufer deZ Boden- sces sind durch diese Pflanze vollständig verschlammt. Alte Fischer erinnern sich noch sehr gut. daß dieser größte der deutschen Seen sdböne Sand- und Kiesufcr hatte. In der Umgegend des Binnen- Hafens Mannheim wächst jetzt eine sehr üppige Adventivflora von emerilanischen Gräsern, deren Samen auf den Getreideschiffen eingeschleppt wird. Europa rächt sich auf seine Art allerdings auch, indem es nach Amerika allerband Unkräuter importiert. So ist im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts das Leimkraut und in der Mitte des letzten Jahrhunderts der gemeine Natterkopf, der unter dem Namen„blauer' oder„stolzer Heinrich' bekannt ,ft. importiert worden. Ter letzte hat sich besonders in der Ebene von Virgtnien so massenhaft angesiedelt, daß zur Zeit seiner Blüte da» Land wert und breit wie von einem himmelblauen Teppich uberspannt scheint. Die Gesamtzahl der in Nordamerika heimisch gewordenen europa- ischen Psianzenartcn beträgt 260» während die aus Nordamerika in Europa eingewanderten Pflanzen die Zahl von 1000 über- steigen. Blüh«»'ind Sterben. Der BambuS ist nicht nur durch die oußeroroeurliche mannigfaltige Verwendungsfähigkeit fast aller feiner Teile, sondern auch durch seine Naturgeschichte merkwürdig. Mancher, der sich lange in tropischen Gegenden aufgehalten hat, wird vielleicht nie eine'Bambusblüte gesehen haben. Dieser Strauch blüht nämlich nur sehr selten, und— das ist das wunderbarste— er stirbt nach der Blüte fast immer ab. Der Botaniker Bean hat in einem Bulletin der großen Gärten von Kew bei London einige Angaben über die Blute der dort gezogenen Bambusgewächse während der letzten 30 Jahre gcsammcl und festgestellt, daß die Blüte durch die Kultur des Strauchs verzögert wird. Erstreckt sich die Blüte nur auf einen Teil der Pflanze, so bleibt sie am Leben, nach einer vollständigen Blüte aber, die in Kew erst vor zwei Jahren stattgefunden hat, stirbt sie ab. Notizen. — Ein Trost für die Kleinen. Kleine Leute— klein im physischen Sinne— müssen manches im Leben über sich ergeben lassen, was ihren größeren Mitmenschen erspart bleibt. Aber dafiir tragen sie auch einen Borzug im Gehirn mit sich herum— von dem die meisten sich leider nichts träumen lassen: die Anlage zum Genie. Joleph Popper heißt der Mann, der den Kleinen zu ihrem Rechte der- Holsen hat. In der„Politiscb-anthropologischen Revue' hat er den Znsammenhang zwischen Genie und Körpergröße untersucht und dabei herausgebracht, daß die größten Genies auffallend klein waren.(Das christliche Paradoxon von den Kleinen, die die Größten sein werden, scheint hier verwirklicht). Attila, Napoleon, ja sogar der olle Pharao Ramses II., unter dem die Kinder Israel angeblich durch das rote Meer pilgert-n, waren kleine Leute, ebenso alle bedeutenden Musiker, viele Philosophen und zlveisellos auch Herr Popper. Da es aber auch nickt ganz unbedeutende Menschen gegeben hat. die sich eines länglichen Wuchses erfreuten, so nimmt Popper an. daß die Begabteren sich durch einen verhältnismäßig längeren Oberkörper und kurze? Untergestell auszeichnen. Ruch die kurze Hals- und Breit» schultrigkeit sind ein Zeichen, daß Mutter Natur etwas Besonderes mit jemand vorhat. Speziell um Welteroberer zu werden, muß man einigermaßen breitschulterig sein. Attila, Napoleon. Bisniarck waren es auch. Als wir diese neueste.wiffenschastliche' Entdeckung in der Redaktion erzählten. stellte sich heraus, daß in ihr manch' einer zu diesem Bernte, der leider in der letzten Derusszählung übersehen wurde, wie geschaffen sei. Es ist nur gut, daß viele berufen und nur wenige dazu aus» envähtt sind, und Herr Popper offenbar die Zentimctcrtheoretiker in ihrem eigenen Lager hat verspotten wollen, sonst ginge es UNS arg schlimm. — Deutsche Bühnen- und Variötöökonomie. Zur Ergänzung der hier kürzlich gemachten Mitteilungen über die Gagen der Panier Bühnengrößen werden die entsprechenden deutschen Ziffern willkommen sein. In Berlin bezieht die höchste Gage Kammersänger Emst Kraus, der als erster Tenor deS Opernhauses für sechs Monate 46 000 M. bezieht. Unter den Schau» spielern steht Adalbert Ma tkow Sky mit 40000 M. an der Spitze. Emncy D e st i n n wird sich auf 36 000 M. stehen. Else L e h» mann vom Lessingtheatcr hat eine Gage von 33 000 M., Harry Walden bezieht 33 000, Rudolf Christians vom Neuen Theater 23 000 M.; Albert Bassermann bringt eS nur auf 24 000 M, K a y ß l e r auf 20 000 M., Schildkraut auf 18 000 M. Die Zugkräfte der UnterhalttingSbühnen sind sehr hoch im Preise: Thielscher vom Metropol wird auf 40 000 M. geschätzt, G l a m p i e t r o aus 36 000 M. Die höchsten Gagen überhaupt aber erhalten Speziasitätenkünstler Wie dem„Berl. Tagebl.' ein Kenner der Verhältnisse angibt, hat Otto Rentier Monats» gagen bis zu 15000 M(JahreSeinnahme 100000 M.). Robert S teidl bringt es auf 80— 90(XX) M. im Jahr, an die 100 000 M. soll Sylvester Sch äffer bekommen. Roch höher wurden so wert- volle Bereicherinncn der Kunst wie die B a r r i f o n S entlohnt, sie erhielten zeitweise 1000 M. den Abend für ihre Frottierübunzen. Die beinewerfende Saharet tuts auch heute noch nicht billiger. England und Amerika ober find noch viel splendider. Aehnlich hohe Bewertung von Bühnen- und Brelllleistimgen werden uns nur aus der Verfallzeit des römischen Kaiserreiche? be- richtet. —.Fi ddische' Theater in Amerika. Die hiddischen Theater werden in den Vereinigten Staaten Mode. Der Direktor des New Dorker Kalisch- Theater?, Leopold Spachner, beschäftigt sich bereits praktisch mit dem Plane, in allen größeren Städten Amerikas yiddische Bühnen zu errichten. Da offenbar Geld damit zu machen ist, hat sich eine Jmmobiliengesellschaft der Sache angenommen. In Philadelphia und Baltimore sind die neuen Theater bereits fertig und sollen demnächst eröffnet werden. — DerTnnnel unter der Themse. Im kommenden Mai wird in London ein neuer Verkehrsweg eröffnet werden, der die beiden durch die Themse getrennten großen Londoner Verkehrs- ädern, die Union Road und die Cornrnercial Road Rast, auf eine neue Weise verbinden wird; keine Brücke, sondern ein großer Tnnnel, der unter dem Flußbett der Themse sich seine Bah» grabend, in einer Länge von insgesamt 2065 Meter sich ausdehnt. Die Strecke unter dem Fluß selbst hat allein ein« Länge von 47l Meter. Die Kosten de§ großen UnternehmenZ sind auf 22 205 000 M. festgesetzt. 1904 wurden die Arbeiten begonnen und so energisch gefördert, daß der Tunnel ein Jahr vor der festgesetzten Zeit, schon un Mai 1903, dem Verkehr wird übergeben werden können. BeraittwlHl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdrücke«! u.VerlagSanstaltKaul Singer LiTo..Berlin LVk.