Ilnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 224. Sonnabend� den 16 November. 1907 i2] Die Brüder Zemganno. Von E d m o n d de Goncourt. Tommaso Besccip6. der nach dem Tode Stepanidas in einem blöden Hinbrüten versunken blieb und den man noch immer stundenlang auf seinem Pantomimcnkoffer am Fus; ende des Bettes sietzen sah. auf welchem seine Frau geruht batte. weigerte sich eines lNorgens von seinem Lager aufzu stehen, und fortan verbrachte er sein ganzes Leben in seinem alten Ehebett, gleichsam glücklich in dem. was ihm in Gestalt dieser Ueberzüge und Kissen von dem geliebten Körper ge blieben war, und was ihre träumerische Wärme wie aus dem jenseits her aus der Vergangenheit wieder vor ihm erstehen lieh. An Zerstreuung gab es für den armen alten Schtvach- sinnigen nur noch eines: auf seinem Lager ausgestreckt liegend sich an dem Anblick seines phantastischen Husarenkostüms zu erfreuen, das er sich alle Tage mit neuen Silbertresscn bo setzen liefe. � � Die Krankheit seines Vaters nötigte Gianni, die Direk- tion der Truppe zu übernehmen. Allein er war sehr jung als Direktor und es fehlte ihm die Autorität Leuten gegenüber, die getvöhnt waren, ihn wie ein Kind zu betrachten. Solange die Mutter lebte und der Vater im Besitze seiner Geisteskraft war. hatten diese die Herrschaft in der kleinen Karawane geführt. daS Zusammenleben der Mitglieder dieses bunten Ensembles zu leiten, die Eifersucht, die Antipathien, den Neid und das Ucbelwollen in diesen einander so entgegen- gesetzten Naturells fast mit einander auszusöhnen vermocht. Stepanida in dem Fremdartigen ihrer Persönlichkeit, ihrem wenigen Sprechen, dem ruhigen. Gehorsam heischenden Be- fehlen ihrer ernsten Stimme und ihrer dunklen Augen übte eine Art geheimnisvolle Macht über alle aus. und wenn sie befahl, wagte niemand sich zu widersetzen. Und da. wo Stepanida sich fern hielt, liefe Bescap4 seine Diplomatie des alten Italieners eingreifen. Dank seiner genauen Kenntnis der Persönlichkeiten, die er in seinen Leuten vor sich hatte, Dank seiner Gewandtheit, den geheimen Neigungen und Ab- Neigungen dessen zu schmeicheln, zu dem er sprach und für den er in jedem einzelnen Satz ein freundschaftliches„Mio raro" mit einfliefeen liefe: Dank endlich seinen klüglich einge- mischten Versprechungen für eine noch in der Ferne liegende Zukunft, für erfreuliche Aussichten, die er möglichst in die Nähe rückte, und nötigenfalls selbst einigen lustigen Possen- gaukeleien aus seinem reichen Repertoire an derlei, erreichte er bei seinen Leuten alles, was er wollte, und vermochte sie. sich bezüglich der Versprechungen wie der Aussichten bis ans Ende aller Dinge zu gedulden. Gianni hatte diese Eigen- fchaft nicht von seinem Vater geerbt. Er verstand nicht, zu versprechen, und geriet, wenn er bei dem. was er wollte, auf Widerstand stiefe. in Zorn, jagte den Betreffenden, der ihm widerstrebt, zu allen Teufeln und liefe, was er beabsichtigt hatte, ärgerlich fallen. Ihm fehlte auch die Geduld. Ver- gleiche und Versöhnungen zu stiften, und ebensowenig gab er sich Miihe, dem Gezänk zwischen dem Bajazzo und dem Herkules ein Ziel zu setzen, indem er ruhig den Ingrimm beider sich steigern und zum offenen Kriege werden liefe. So manches von den Einzelheiten des Geschäfts war rhm lang- weilig. und er bekümmerte sich nicht, wie sein Vater getan, um die Anpreisung der Vorstellungen, da ihm die famose Begabung des alten Bescapö für Sprachen abging: eine Be- gabung, die es demselben möglich geinacht harte, seine An- preifung der Vorstellungen in den kleinen Orten der ent- legensten Provinzen, in denen er sich befand, in das besondere Patois der Gegend zu kleiden, was im Süden Frankreichs eine Quelle fruchtbarer Einnahmen geworden war und über welches Hülfsmittel seine französischen Kollegen, die von Natur sehr wenig polyglott veranlagt sind, vor Acrgcr aufeer sich zu geraten pflegten. Schliefelich war Gianni, obwohl ein guter Kamerad und stets bereit, jedem und allen gefällig zu sein, den Mitgliedern der Truppe nicht sympathisch: sie hatten eine gewisse mibe- stimmte, unwillige Empfindung bezüglich seiner, als ob er irgend einen Plan im Kopf trage und bei sich erwäge, den er ihnen verberge, und unter i>er Geneigtheit zu allerlei (Nachdruck verboten.) Nachlässigkeiten, di» sie bereits zutage treten liefeen, bemäch- l tigte sich ihrer das Gefühl, dafe der junge Direktor es„nicht i lange machen werde" in seiner Direktion. l... Die Hände Giannis waren selbst zu der Zeit sein�x i Mufee unablässig beschäftigt und agierten rastlos um ihn her. Gleichsam unwillkürlich und beinahe unbewußt ergriffen sie die Gegenstände in ihrem Bereich und plazierten sie auf den Hals einer Flasche, auf eine aufeerste Ecke, guf eine Stelle ihrer Oberfläche, auf der sie sich vernünftigerweise nicht halten konnten, und bemühten sich vergeblich, sie dort und in dieser Lage ein paar Augenblicke verharren zu lassen: seine Hände waren beständig bemüht,-die Gesetze der Schwere aus ihrer Ordnung zu bringen, die Bedingungen des Gleichgewichtes zu durchkreuzen, der ewigen Gewohnheit der Dinge, auf ihrem Untergründe oder ihren Füfeen zu stehen. Gewalt anzutun. Dann wieder brachte er lange Zeit damit zu, ein Möbel, einen Tnch, einen Stuhl umzudrehen und wieder und wieder umzudrehen, nach allen Richtungen hin und mit einer so neugierigen, so vertieften Forscherniiene, dafe sein kleiner Bruder neugierig in ihn drang: ..Sag' doch. Gianni. was machst Tu denn da. was Haft Du vor?" ..Ich suche?" „Was suchst Du denn?" „Ah, nichts?" Und kopfschüttelnd fügte Gianni für sich selbst hinzu:„Nein, weife der Teufel, ich finde es im Leben nicht!" „Aber was denn? Sag', sage es mir doch. bitj£< sage es mir!" flehte Ncllo mit dem langen langgezogenen klagen» den Finale eines bittenden Kindes, das etwas wissen will. „Wenn Du größer bist... jetzt verstehst Du es noch nicht... geh, lafe mich. Brüderchen, ich suche auch für Dich!" Mit diesen Worten sprang Gianni auf einen kleinen viereckigen Tisch, so dafejn aufrecht auf demselben stand, und rief seinem Bruder zu: „Attention. Brüderchen! Siehst Du das kleine Beil dort in der Ecke? Nimm es... gut! Es ist recht.... Nun hau' damit aus voller Kraft auf dies Tischbein hier, dies rechts!"— Das Tischbein zerbrach unter Gianm, der aufrecht auf dem invaliden Tische stehen blieb.„Nun das andere Bein, dies hier links!" Das zweite Bein wurde abgeschlagen. und Gianni hielt sich durch ein Wunder des Equilibres noch immer auf dem Tisch, dem beide vordere Füfee fehlten.„Ahl Ahl Ahl AI" begleitete Gianni in Artijtenweise sein Balancement.„Jetzt— da liegt der Hase ini Pfeffer, jetzt, Brüderchen, kommts darauf an. den dritten Fufe wegzuhauen." „Den dritten Fufe?" fragte Ncllo ein wenig zögernd. „Ja. den dritten: ihn aber mit ganz kleinen Schlägen — und einem derben Schlag zuletzt, der ihn seiner Wege schickt."— Unter diesen Worten, und während der dritte Fufe im Begriff war, sich loszulösen, faßte Gianni au> der äufeerstei» Ecke des Tisches Posto, oberhalb des einzigen noch festen Fufecs. Das dritte Bein fiel, und Nello sah die Tischplatte horizontal auf ihrem einzigen Bein stehen bleiben, gehalten von den beiden Fufespitzen seines BrudcrS. dessen Körper, ebenso viel auswärts von dem Tische als oberhalb desselben, balancierend hin und her schwankte. „Schnell spring zu mir enipor..." schrie Gianni seinem jüngeren Bruder zu. aber schon rollten Tisch und Equilibrist auf dem Boden. Zuweilen verharrte Gianni unbeweglich in halb er- hobener halb niedergekairerter Haltung vor einem Gegen- stände, das eine Knie am Boden, das andere ausgerichtet und beide Hände übereinandergelegt auf dasselbe gestützt,— verharrte so in einer Unbcweglichkeit, dafe Nello voll Respekt vor dem tiefen Nachsinnen des Bruders sich ihm näherte ohne zu wagen, ihn anzureden, und nur ein leises Anstreifen mit seinem Körper, ähnlich wie ein Tier zärtlich seinen Kopf am Menschen reibt, um seine Alisinerksamkeit wachzurufen. ihm zu erkennen gab. dafe er da sei. Gianni, ohne sich um- zuwenden, legte sanft seine Hand auf des Knaben Kopf und zog den jüngeren Bruder durch einen leisen Druck an seine Seite nieder, noch immer den Gegenstand seines Nachdenkens aufmerksam betrachtend und die Hand zärtlich aus den Locken des Kindes ruhen lassend, bis er endlich, seinen Bruder w Sie Arme schließend, sich kopfschiiitelnd abwandte mit den Worten:„Nein, so ist's nicht möglich!" Dann rollte er sich munter mit Nello im Grase umher, wie ein großer Neufundländer, der spielend sich mit einem Möpschen wälzt, und unwillkürlich brach es dabei aus seinem Munde hervor, ohne baß er die Worte an seinem Bruder zu richten beabsichtigte, oder glaubte, von diesen, verstanden zu werden:„Ja. ja. Brüderchen... eine neue Produktion ... ein Stück, das man erfinden müßte... eine Piesse für sich, weiß Du... eine Piesse. die in Paris auf den Affichen den Rainen der Brüder.. und sich plötzlich unterbrechend und als wünsche er. Nellos Gedanken von dem Gehörten cibzu- lenken, ergriff er ihn rasch und ließ ihn hurtig ein Dutzend sausender Kopfüber machen, in deren Wirbel der Knabe die Hand Giannis wie die Hand zugleich eines Bruders und eines Vaters stets schützend an seinem Körper fühlte. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) fronkichnarn. von Georges Secomte. Mit wahrer Inbrunst sangen die Bewohner von St. Gregor das Lob ihres Pfarrers. Herrn SatignyS. „Sein schönes, reines Antlitz, das stets ein Lächeln mystischer Freude zu tragen scheint, läßt glauben, daß ihm all das Leid, dem er Trost spendet, nichts anhaben kann." pflegte in ihrer gewundenen Manier die Frau des Katastereinnehmers zu sagen, die etwas schön- geistig veranlagt, deren lebhaftes Temperament es wohl zufrieden tvar, wenn ihr zartes Gcwiffen sich ohne weitere Gefahr von den Perirrungen dcö Fleisches in der Beichte reinwaschen lonnte. „Da haben Sie recht," bestärkte der eine Apotheker(es war der Lieferant des Landadels und der Bourgeoisie) und da er die Kirckienväter ein wenig durchgeblättert hatte, sagte er in deren derben Stil—„in ein Grab des Schweigens ergießt sich die Fäulnis unserer verderbten Stadt!" „Ein wahrer Heiliger, um die Seelen weiß zu waschen," grinste der Notar, der Materialist und Spötter war. All dieses Lob mochte an die stillen, weihhaarigen Greisen- gestalten eines Greuze erinnern. Und zu dem schwarzen Gerippe der Kirche, zu den krummen Straßen des Fleckens, der einst eine befestigte Stadt voller Klöster gewesen, nun, wo es doch weder Lanzknechte noch Räuberbanden gab, ruhig weiter um seinen klingenden Glockenturm, in seinem Gürtel malerisch verfallener Wälle hocken geblieben war. hatte diese Gestalt gepaßt. '.' In Wirklichkeit war Pfarrer Satigny jedoch weder so ver- trocknet, noch so gebrechlich. Sein Gang verriet nock) Kraft; in dem für gewöhnlich ruhigen Blick konnte manchmal eine ungeahnte Leidenschaft auftauchen. Wären die Bewohner des Städtchens scharfsichtig gewesen, sie hätten die inneren Kämpfe dieser Seele erraten. Da sie aber ihr Leben damit verbrachten, sich aus- zuspionieren, waren es schlechte Beobachter. Wie gequält war dieser ungleiche Gang, das magere, verzerrte Gesicht! Ein Heiliger, vielleicht, der aber dennoch schwere Kämpfe mit Satan bestehen mußte. Kaum hatte er ihn durch Gebet gebändigt, so begann die Versuchung von neuem, wenn die Frauen zur Beichte kamen. Sie verließen ihn ruhigen Herzens, erleichtert, getröstet, er aber, ihr Führer, der gerade nur die Kraft besaß, seines Trösteramtes zu walten, blieb in tiefster Erregung über die Sünden zurück, die er gehört. Tann kam eS ihm oft vor. als ob die Luft der Kirche verpestet sei. Um das Gotteshaus, um sich selbst zu fliehen, rannte er barhaupt in Wind und Wetter querfeldein, eine Litanei auf den Lippen, die Augen zum unendlichen Himmel erhoben. Dort war seine Zuflucht. Die große Weite beruhigte ihn. Da gab es weder Fieber noch Versuchung. Ruhig in Blick und Haltung kehrte er zu seiner Pflicht zurück. Einem Maler, der zu Ferien in die Gegend gekommen, siel daS Zerwühlte in des Priesters Antlitz auf. Welch ein prächtiger Kopf voll dramatischen Wahnsinns! bc- merkte er zu den Kameraden, mit denen er einen Werniut trank, als der Priester eines Abends an dem Cafe vorbeikam, wo sie Karten spielten... Der alte Herr mit dem Sehcrblick dürfte noch mal überschnappen. Die Zuhörer nahmen diese Bemerkung aber nicht ernst. Die Frauen gingen weiter mit vollem Vertrauen zur Beichte und sün- digten um so flotter weiter. Die Männer�aber iahen mehr denn je eine Art Gesundheitsamt in dieser edlen Seele, die allen Schmutz der Stadt aufsammelte und reinigte. Eine göttliche Kloake pflegte ihn der kirchenväterlcsende Pillen- drehcr zu nennen. Fronleichnamsfest, am Nachmittag. Die winkligen Straßen sind mit weißen Tüchern, frischen Gewinden und Sträußchen ge» schmückt. Ter Magistrat hatte sich nicht entschließen können, die Pro- Zession zu untersagen(ist unter der Republik in vielen Städten ge- schehen) und den Frauen die Gelegenheit zu nehmen, die wohl- frisierten Köpfe ihrer Kinder und ihre eigenen hellen Sommer- kleider zu zeigen, bei welcher Gelegenheit die Schankwirte mit Limonade ein Bombengeschäft machen. Die bebänderten Mütter drängen ihre Kleinen mit den ge- drehten Locken zu dem prächtig geschmückten Ruhealtar in freier Luft, wo sie eine Stunde lang vor den bewundernden Blicken der Männer und der aufgeblasenen Papas die Engel spielen, Engel allerdings, die sich die Finger in die Nase stecken.— Die Männer in sonntäglichem Bratenrock und breiten Uhrketten auf den Bäuchen sitzen feierlich auf den Terrassen der Cafes und bereiten den Absinth mit noch größerer Umständlichkeit als sonst. Plötzlich schwingen die Glocken, streuen ihre lustigen Töne durch die Schirmbretter hinunter, hüpfen und lärmen. Das Kirchentor geht auf und man hört die Orgel brausen. Im Dunkel zittern die Kerzenflammen, zwischen den roten Mützchen, weißen Chorhemden der Chorkindcr, unter dem hellen Geschmetter der hohen Stimmen erscheint der samtgoldene Baldachin, unter dem die ehrwürdige Gestalt des Priesters wandelt, ganz gebeugt von der Last des fest- lich schweren Meßgewandes. Nie war sein Ausdruck gequälter, sein Blick erregter gewesen. Gestern hatte sich wieder eine Flut von Sünderinnen durch seinen Beichtstuhl ergossen; während sie sich heute des strahlenden Sonn» tags freuten, war in seinem Herzen der Bodensatz all dieses Schlammes zurückgeblieben. Während des Hochamts war das Fahrige seiner Gesten, das rauhe Zittern seiner Stimme besonders aufgefallen, doch hatte die Gemeinde das auf Rechnung der großen Hitze, der leidenschaftlichen Ueberanstrengung dieses Asketen gesetzt. Die Glocken fingen weiter ihren Festgesang; der Zug schreitet in die Menge. Die Kerzen scheinen in dem Tageslicht zu verlöschen. der samtgoldene Baldachin jedoch, das glänzende Gewand des Priesters, die duftig blauen Spiralen des Weihrauchs, die weißen Chorhemden und roten Kleider der Kinder, d»e tausende Rosen- blätter, gleich Schmetterlingen, in die Luft streuen, sind wohl ein Bild der Freude. Sogar die Männer vor den CafeS, trotz ihrer Spottlust bezaubert, hören einen Augenblick auf, in dem Absinth umherzulöffcln. Beim Heraustreten aus der dunklen kühlen Kirche in den heißen Sonntag empfindet der Priester einen seltsamen Schwindel, und wie sein Körper zusammensinkt, richtet und regt sein Geist sich auf. Plötzlich schwirrt«hm ein heller Schein durch daS Hirn, und seine herrische Stimme übertönt die Festgesänge: beim Anblick der knienden Frauen, der sich neigenden Männer schreit er seine Beicht- Geheimnisse tragisch heraus.— Was ihn solange verfolgt, macht sich in schrecklich wilden Worten Luft, die wie Rutenstreiche auf die Schuldigen niederfallen. Männer und Frauen, die er da brand- markt, schreien vor Scham; sinken zusammen oder versuchen ver- gehlich trotzig den Kopf zu heben. Die anderen blieben gerne, um die geheimen Laster ihres Nächsten zu erfahren, deren Demütigung auszukosten, aber der Zug bewegt sich weiter; vielleicht kommt dann die Reihe an sie. So stiebt alles in panischem Schrecken ausein- ander, und es bleiben nur die, welche nichts gebeichtet, und die sich nun wie bei einer Hinrichtung scheußlich ergötzen. Außer sich, das heiße Gesicht sonnenüberströmt, schreit der Priester sich heiser, erleichtert sich die Seele von all dem aufgesammelten Schmutz. Kaum können die Baldachinträger ihm folgen. Doch versuchen die Honoratioren, die in feierlicher Steifheit die Baldachinschnüre tragen, wenigstens diesem Rachegesang Einhalt zu tun. Sie fassen ihn am Arm, suchen dem Wahnsinnigen mit rauhen Händen den Mund zu schließen. Doch der Priester reiht sich loß, beißt ihnen in die Finger, und jedesmal, wenn er die Lippen frei hat. schreit er eine neue Sünde heraus. Schon hat er etlichen Frauen der ersten Bürger in den Schmutz gezogen, und der Skandal scheint kein Ende nehmen zu wollen. Vergebens läßt eins der Kirchenmitglieder von Chorknaben und Gläubigen den donnernden Choral anstimmen» die rächende Stimme beherrscht den Lärm. Da sind es etliche Männer, die. als deS Priesters Blick auf sie fällt, erraten, daß nun ihre Schande an den Tag kommen soll; und sie stürzen sich auf ihn los. ohne Achtung aus seine Priester- würde, sie fesseln ihn wie einen Uebeltäter und schleppen ihn mit verbundenem Mund nach der Sakristei. Es war der in den Kirchen- Vätern belesene Apotheker, der mit schwermütiger Feierlichkeit die Monstranz m die Kirche zurücktrug... Man spricht heute noch von diesem AeraerniS, wenn in den CaföS der Absinth geinischt wird, und die Frauen find seitdem weniger eifrig daran, ihre Sünden zu beichten, um lustig wieder von vorne anfangen zu können. (Deutsch von Dr. Kät« Schirmacher»� kleines feuilleton. Rothenburg im Wandel der Zeiten. Der wunderliche Lauf der Geschichte bringt es bisweilen als seltenes Geschick mit sich, daß der Strom der fortflutenden Zeit, der erbarmungslos die Wahrzeichen alter Vergangenheit mit fortspült, über ein kostbares Fleckchen Erde spurlos dahinrauscht. Dann ragt mitten hinein in daS moderne Leben und Treiben ein Stück altvaterischer Vorzeit» herübcrgrüßend aus dem Märchcnlande verklungener Träume in die so anders gestaltete Wirllichkeit. San Gimignano in Italien ist ein solcher Ort, in den blühenden Gärten der Provence liegt noch ab und zu solch eine Stätte eingebettet, von der Stimmung unberührten vergangenen Lebens fühlt man sich in der verwilderten Wirrnis Südspaniens umklungen. Uns Deutschen ist Rothenburg ob der Tauber beschert, ein liebliches Wunder von romantischer Schönheit, das wie Dornröschen lange Jahrhunderte verschlafen zu haben scheint, um nun wieder mit erstaunten Augen in das Sonnenlicht zu blicken. Schon wird der Schwärm der Fremden. immer größer, die nach dem fränkischen Städtchen ziehen. Die Kunde von dem Schatz, den wir besitzen, wird immer mehr All- gemeingut. und nun erscheint auch ein Büchlein, das nach lang- jährigem Zusammentragen der Lokalforschung, nach den vielen Einzeluntersuchungcn, die sich ganz im Stillen mit der Stadt bc- kchäftigt, ein stimmungsreiches Gesamtbild entrollt. H e r m a n u U h d e- B e r n a y s hat es geschrieben, und es bildet einen Band der„Stätten der Kultur", einer neuen Sammlung von Städte- bildern, die der Verlag Klinkhardt und Biermann in Leipzig herausgibt. Das alte Stadtbild des Ortes, das altfränkisch- biedere Wesen seiner Bürger, hat sich dank einem gütigen Schicksal durch die Stürme des dreißigjährigen Krieges, über die wider- standslose Besetzung und Sinverleibung an das Königreich Bayern hin ohne wesentliche Veränderungen erhalten; das schreckhafte Gespenst moderner Restaurierungswut ist gnädig vorübergeschritten und hat den winkeligen Gassen, den reich geschmückten Erkern und schlanken Türmen ihren stillen Reiz gelassen. Nur wenige Häuser sind in letzter Zeit außerhalb der Stadtmauer gebaut worden, deren Vollendung schon Kaiser Albrecht geschaut hatte, und das kgl. bayerische Rentamt Rothenburg stellt heute noch Steuerlisten auf, die von denen vor hundert Jahren sich fast gar nicht unter- scheiden. In graue Vorzeit reicht die Gründung des Städtchens zurück, die bald von Legende und Sage mit buntem Gerank um- spönnen wurde. Römische Kolonisierung, keltische Ansiedelungen gingen voraus, bis vor einem Jahrtausend die mächtigen Quadern geschichtet wurden, die noch jetzt die Kapelle des Burggärtleins tragen. War es die.Burg der Roden", die 1144 urkundlich er- wähnt wird, oder das helle Leuchten der roten Ziegel im Abend- lonnenschein, die der Stadt den Namen gaben? Kaiser Friedrich der Rotbart machte sie zur Reichsstadt, und so blühte sie in frischer, kühner Selbständigkeit heran. Aus dieser hochgemuten Stimmung der süddeutschen Städte des Mittelalters wurde Rothenburg auch die interessanteste und größte Persönlichkeit seiner Geschichte geboren, der Bürgermeister Heinrich Toppler, eine Herrschernatur, den italienischen Condottiercu und Renaissance- menschen verwandt. Noch heute halten sein Haus, der Kaiserstuhl, das er sich im Taubertal als festen Sitz erbaute, und sein stiller Grabstein in der St. Jakobskirche die Erinnerung an den stolzen Mann wach und sein Geist scheint noch in der kleinen Burg umher- zuwandeln, wo er mit Prunk und Pracht Kaiser Wenzel empfing und mit dem Burggrafen um Nürnbergs Burg als Einsatz würfelte. Toppler bezwang durch strenge Strafen und kühne Kämpfe die ganze Nmgegcnd, befestigte die Stadt stark und machte sie mächtig. Sein Vermögen war so groß, daß er ganz Röthenburg hätte kaufen können. Aber von dieser stolzen Höhe herab tat er einen tiefen Fall. Die Verhältnisse wandten sich gegen ihn. der Rat setzte ihn gefangen und ruhmlos ist er gestorben, hingerichtet im dunklen Verlies oder vielleicht durch das Gift endend, das ihm ein armes Judenmädckjen zum Dank für einstmalige gute Bc- Handlung zugesteckt haben soll. Blutige Fehden und Kämpfe durch- tobten die Gassen des Stadtleins, mit ihnen wechselten Feste und Tanz. Der Geist religiöser Gärung, den die Reformation herauf- führte, breitete seine dunklen Wolken über die eben noch so heiter- röhliche Stadt. In den Wirrnissen des Bauernkrieges hat Rothen- bürg auf der Seite der Aufständischen gestanden; mit dem Schicksal des schwarzen Florian Geyer ist es eng verknüpft und taucht ,n Hauptmanns Drama als blutiger Rahmen seines dunklen Schick- salS auf. Als der siegreiche Markgraf von Brandenburg am 28. Juni 1625 in Rothenburg einzog, da wurden so viele geköpft, daß es..die steile Schmiedgasse herunterrann wie ein blutiger Bach". Plünderungen und Einquartierung, das war das Los für lange Zeit. Im dreißigjährigen Kriege kam der grimme Tilly und wie durch ein Wunder nur wurde Untergang und Tod von der Stadt abgewendet. Die.wunderbare und merkwürdige Er- rettung" soll der Mtbürgermeister Nusch durch jenen gewaltigen .Meistcrtrunk" bewirkt haben, den die Sage so romantisch aus- gestattet hat und um den der biedere Glasermeister Adam Härder in unseren Tagen das alljährlich gespielte tsehr lederne) Rothen- burger Pfingstfestspiel geschrieben.... Und Rothenburg schlief allmählich wieder ein. Hinter den dichten Buchenwäldern, die zwischen seinen Türmen und der breiten Heerstraße von Ansbach nach Würzburg wie eine schützende Mauer standen, lag eö ver- steckt und eine kleinstädtisch beschränkte Kultur entfaltete sich all- mählich. Die„ratsfähigen" Familien sonderten sich von den anderen streng ab; die Töchter des Bürgermeisters hatten ihren ganz besonderen Stolz. Aus diesem verschwiegenen, eng um- grenzten Leben und Treiben ist Rothenburg erst spät auferweckt worden. Als die Romantiker die Schönheit altdeutscher Kunst entdeckten und begeistert durch Nürnbergs Straßen wanderten, schlummerte Rothenburg seinen Märchenschlaf weiter. Plate» kam mit der Sehnsucht nach Italien im Herzen in dies„verstorbene Herkulanum aus dem Mittelalter" und tadelte das unausstehliche Pflaster und die Leerheit auf den Gasse». Erst Ludwig Richter hat dies romantische Wunder entdeckt und sich hier wi« km Märchenlande gefühlt. Nach ihm kam das Völkchen der Genre» malcr, die mit Schwinds sinnigen Augen sahen; es kamen die Dichter, um von Rothenburgs Schönheit zu singen. Gottfried Keller ahnte, daß er hier ein schöneres Seldwyla hätte finden können, und beklagte, es nicht zu kennen. Paul Heyse hat hier die Stimmung für eine seiner schönsten Novellen, Wilbrandt den Rahmen für einen seiner farbenprächtigsten Romane gefunden» und keinen begeisterteren Lobsinger fand Rothenburg als die fein« sinnige Amerikanerin Vernon Lee, die Schülerin Walter Paters. Knnft. Nach„Japan u n d I n d i e n" führt die Kollektion des Budapester Malers G y u l a T o r n a i, der bei Keller und Reiner ausstellt. Der Künstler, der exotische Länder bereist, hat von vornherein einen schweren Stand. Man ist mißtrauisch. Die Gefahr liegt nahe, daß das Stoffliche überwiegt, daß der Maler Illustrationen liefert und die Rolle des Photographen übernimmt. Das Künstlerische liegt nicht in dem Außerordentlichen, Eni» legenen; das überlasse der Künstler den Entdeckungsrciscndcn; im Nahen, Alltäglichen entdeckt er die feinsten Reize. Wenn man den großen Saal betritt, so ist der erste Eindruck: welche Farbenfüllcl Man ist geblendet. Und zugleich merkt man, wie wenig künstlerisch diese Fülle gebändigt und benutzt ist. Hart und rauh stehen die Farben beieinander; geleckte, glatte Malerei; die Buntheit der Naturfarbcnphotographie. So vergißt man bald den Maler und hält sich an das Stoff« liche und die phantastischen Länder. Japan und Indien nehmen den Betrachter mit allen Sinnen gefangen. Welch eigentümliche Länder i Eine Fundgrube für den Maler. Reich, charakte» ristisch, prunkend und graziös in den Erscheinungen. Kunst ist hier Leben und die farbigsten Träume werden hier sichtbares Ereignis. DaS ist der Gewinn. Da schweben leichte Bambusbrücken über schmale Flüsse, von Wiese zu Wiese sich spannend. Tie farbenprächtigen Gewänder der Spaziergänger schillern wie Schmetterlinge und fallen in so wundervoll lichter und doch eindrucksvoller Bewegung. Tänze- rinnen zeigen ihr graziöses Gliederspiel vor groteSk-phantastischeni Hintergrund und so scheint alles Spiel, Farbe, zuckende Bewegung. Rote Holzhäusckicn lugen aus grünem Walddickicht. Weiße, violette. gelbe Blütenbüsche hängen in schwerer Pracht. In den Tempeln der Reichtum der plastischen und architektonischen Form und der Prunk der Farben. Bei den Indern alles tieffarbig, mystisch, schwer; bei den Japanern alles geistreich, graziös, prickelnd. Und so sagt man sich: wie plump hat dieser Europäer all diese Schönheit gesehen, wie geistlos hat er diese Grazie vergröbert. Im Lesesaal der Bibliothek des Kun st gewerb e- museums ist eine kleine Ausstellung zu freiem Besuch eröffnet, die uns mit einem Schlage nach Alt-Berlin führt. Sie ist Th. Hosemann(-f 1876) gewidmet und bringt Zeichnungen, graphische Blätter, Buchillustrationen dieses Künstlers, der in einer Zeit verstiegener Romantik instinktiv seiner Gegenwart treu blieb. Schüler von Cornelius und Schadow in Düsseldorf, siedelte er nach Berlin über und hat uns hier in kleinen Blättern das Leben dieser Zeit aufbewahrt: das kleine, alltägliche Leben. Sonntagsreiter, Straßenverkäufer, Jahrmarktszene». Speziell das Leben der kleinen Leute ist Gegenstand seiner Kunst. Gewiß, es ist viel Spießbürgerliches in seiner Art; speziell unS erscheint jetzt diese Note vorherrschend. Man darf gewiß nicht leugnen wollen, daß diese Farben oft geschmacklos, daß diese Linien zimperlich und schablonenhaft sind. DaS Sittcngcschichtliche überwiegt und man mag das ruhig betonen. Immerhin war hier ein Anfang; sogar ein Aiifang zu etwas Größerem, zu einer Karikatur eigener Art; die diesen Berliner Typen der Vergangenheit zugrunde liegt. Und daß auch die Grazie nicht ganz fehlt, das zeigen jene Buchillnstra- tionen, in denen zierliches Rankcnwcrk die Bildchen lustig umspinnt, e. s. Musik. Die Lortzing-Oper beschenkt uns Schlag auf Schlag mit Bereicherungen ihres Repertoires. Am Donnerstag brachte sie Verdis„Rigoletto". Allerdings erinnerte uns die Auf. führung wiederum an die Nöte eines lediglich mit eigenen Mitteln ringenden Idealismus. Die ganz großen und die nur der Unter» Haltung dienenden Theater haben mit einander den Vorteil gemein. daß sie ganz wenige Stücke gemächlich einstudieren und dann auf lange hinaus im Repertoire ausnützen können. Bühnen dagegen. welche wirkliche Kunst Pflegen, aber nicht das Glück einer fürstlichen oder stadtischen Unterstützung genießen, müssen ihr Publikum fort- während niit Neuem versehen und können deswegen nicht an Durch- arbeitung und künstlerischer Vertiefung das erreichen, was sie wahr» scheinlich sofort in der Hand haben würden, wenn's nicht den atcm» losen Kampf ums Dasein gälte. Kaum hatte die Lortzing-Oper eine Neueinstudierung von Mozarts„Entführung auS dem Serail" herausgebracht mit viel künstlerischem Verdienst, wenn auch ohne den eigentlichen Zug Mozartscher Opernmusik, so lud man sich abermals eine schwere und spezifisch anspruchsvolle Aufgabe auf. Der„Rigoletto" ist eine von den weltbekannten älteren Opern Verdis, welche bereits über den Leiergesang zu einer wirklichen Dramatik hinaufstreben. Nun schildert gerade dieses Stück den Kontrast zwischen dem gewissenlosen Wohlleben des Fürsten, der sich vergnügt, und der Tragik dessen, was hinter der lustigen Außenseite steckt. Da Ijeißt cS. die virtuoseste Leicht fiistigteik mit schwer« blutigstem Ernste vereinigen. Unseren wackeren skünsrlern gelingt daS Wuchtige besser als das Tändelnde. So hatte denn auch die Darstellung des Hofnarren, dem das fürstliche Schicksal das Leben seiner Tochter raubt, ihre Stärke im Tragischen. Direktor Max Garrison überraschte uns in dieser Rolle nicht nur durch eine leidenschaftliche Wucht, sondern auch durch den Glanz seiner Barbtonstimme in der mittUren Lage, während die hohen Lagen wohl noch eines anderen Ansatzes bedürfen, lieber der Aufführung lag wenigstens anfangs ein etwas gedrückter Ton. Die drei Fraucnparticn waren �esangstechnifch wohl am besten daran. Nicht nur Cilla B r u s s» n sang die Tochter des Narren auffallend gut, sondern auch Nellh Bondi und Selma Haferkorn in kleineren Rollen machten uns auf weiteres gespannt. Ton den Sängern könnten wir ebenfalls manches Gute melden. Die dank- bare Tenorpartie deS vergnügten Herzogs verunglückte dagegen. Daß dem Publikum auf die Dauer der verspätete Ansang usw. nicht mehr zugemutet werden darf, weiß die Direktion wohl selber. Aber nochmal: wir freuen uns über den künstlerischen Idealismus des Lortzingtheaters. cz. Astronomisches. D i e Veranschaulich ung der Entfernungen im Weltraum. Daö Begriffsvermögen deS Menschen ist zu sehr von feiner Umgebung abhängig, als daß es über den Bereich seiner eigenen Erfahrungen wert hinaus gehen könnte. Namentlich ist er im räumlichen VorstellungSvcrmögen in dieser Hinsicht beschränkt. Er kann sich nicht viel über die Verhältnisse erheben, die ihm die Erde darbietet. Es ist schon außerordentlich schwer, sich die Eni- fernung nach dem Monde einigern, atzen deutlich zu veran- schaulichen und der Abstand der Erde von der Sonne ist für unsere VorstellungSlrast entschieden transzendental. Man kann nur durch gewisse Kunstgriffe versuchen, diese oder gar noch größere Entfernungen im Weltraum mit greif- baren Längenmatzen zu vergleichen. Dazu führt uns eine hübsche Berechnung, die ein Mitarbeiter des„Kosmos" aufstellt. Er setzt für eine Strecke von llWO Meilen die Länge von 1 Milli- meter ein und berechnet verschiedene Längen und Entfernungen im Weltraum nach diesem Maßstab. Der Durchmesser deS Mondes würde dann ein Millinieter sein, der Durchmesser der Erde t'/, Millimeter. Die Entfernung des Mondes von der Erde v'/z Zentimeter, der Durchmesser der Sonne 34'/� Zentimeter und der Abstand der Sonne von der Erde schon 37 Meter. Diese Größen- angaben können sehr wohl eine Vorstellung vermitteln. Man würde sich also die Erde als winziges Schrotkorn und die Sonne als eine Kugel etwa von Kopfgrötze und diese beiden Körper in einem Abstand von 37 euvas großen Schritten zu denken haben. Trotzdem als Ausgang das Millimeter als die kleinste Länge, die außerhalb mikroskopischer Messungen zur Anwendung kommt, angenommen worden ist. stellen sich doch Schwierigkeiten ei», wenn wir uns aus dem Sonnensystem hinaus begeben. Von der l'/z Millimeter dicken Erde ist nämlich der nächste Fixstern im Stern- Kilo deS Centauren schon 4632 Kilometer entfernt, also etwa soweit, wie eS von Berlin nach der Südküste von Arabien ist. Der große Fixstern Sirius ist dann gar 32260 Kilometer von der Erde ent- fernt, was etwa einer Reise um die Erde in der Breite von Berlin entspricht, und der Polarstern sogar 70 000 Kilometer. Man sieht also, wie man doch auch beim Zusammendrücken von 1000 Meilen auf 1 Millimeter bald in Schwierigkeiten kommt. Erziehung und Unterricht. Nnterstütze den Tätigkeitsdrang deiner Kinder I Du hast deinem Kinde die Spielsachen zurechtgelegt und wendest dich deiner Hausarbeit zu. Aber dein Kind bleibt nicht bei seinem Spielzeug. Es bleibt dir auf den Fersen, es will gerade immer das tun, was du tust, es will mit dir ausklopfen, fegen, wischen, Kartoffeln schälen, einholen, kochen. Und du wirst böse darüber:„So ein unzufriedenes Kind, da hat eS die schöne Puppe und die schöne Puppenküche und den Baukasten; aber anstatt damit zu spielen, krabbelt es um mich herum und stört mich bei der Arbeit." Das ist gewiß nicht angenehm, denn du hast viel zu tun; aber der Schaden ist doch nur gering im Vergleich zu dem Schaden, den deine Unfreundlichkeit beim Kinde anrichtet. Daß cS über die Schelte weint und trotzdem nicht bei seiner Puppe bleibt, und daß du nun erst recht böse wirst, das ist noch nicht das Schlimmste. Wohl aber, daß du einen herrlichen, schönen Trieb bei deinem Kinde, statt ihn durch Sonnenschein zu entwickeln, durch Kälte und Hagel ertötest. Das Kind spielt nicht, um zu spielen, wie du meinst, sondern das Kind arbeitet, indem es spielt, es will durch sein Spiel ebenso nützliche Arbeit verrichten, wie du durch deine Haus- arbeit. Das Kind lernt aber am meisten durch das Beispiel. Wenn es sieht, wie du tätig bist, so will es das gleiche tun, tvcil cS instinktiv fühlt, daß das jetzt die nützlichste Arbeit ist. Darum sollst du dein Kind nicht durch Unfreundlichkeit und Gewalt davon ab- halten, dir zu„helfen", sondern du sollst diesen Tätigkeitsdrang des Kindes unterstützen. Gib deinem dreijährigen Töchterchcn einen Wischlappen und lasse es einen Stuhl reinigen. Und dann sieh das eifrige Gesicht deines Kindchens an, und wenn dir dann nicht das Herz aufgeht über den Eifer und über die Schafsensfreude, wie sie aus Miene und Haltung sprechen, dann bist du keine richtige Mutter. Wir Sozialdemokraten sehen in der„Arbeit" etwas Großes, Schönes. Sie ist die Erhalterin der Gesellschaft. Sie so schön und edel zu gestalten wie nur möglich, das ist unser Ziel. Du kannst deinen Teil mit dazu beitragen, wenn du deinem Kinde Achtung vor der Arbeit beibringst. Nicht Achtung im bürgerlichen Sinne, nicht um es zum Arbeitssklaven zu erziehen, sondern im sozialistischen Sinne, indem du an und bei der Arbeit den Geist und die sittlichen Tugenden in deinem Kinde entwickelst. So hat eS Pestalozzis Gertrud gemacht; sie ließ ihre Kinder spinnen, aber „ihre Seelen taglöhncrn nicht", denn Gertrud sitzt bei ihnen und hilft ihnen und erzählt ihnen dabei. Sie ist der gute Kamerad der Kinder, und die Augen der Kinder strahlen. AuS dem pädagogischen Merkbüchlcin Die Mutter glS Erzieherin von Heinrich Schulz. Verlag? tz. H. W. Tictz Nachf. Humoristisches. -» P r i n z e n- E r z i e h u n g.„Welche Getvürze, Hoheit, kommen aus Indien?"—(Der Prinz uicit.)—„Sehr richtig, Hoheit, der Pfeffer." „Nun, wie hieß der Windgott der alten Griechen?'„Aeh, äh..."—„Sehr richtig, Hoheit, AeoluS." — Stimmt.. Ach, weißt Du. gar so viel wissen ist nicht nötig, um den Leuten zu imponiere». Es genügt schon, wenn man alles besser weiß." — Der strenge Hausherr.„Hören Sie mal, Herr Lehrer, wenn Sie sich schon Drillinge anschaffen, dann sorgen Sie wenigstens dafür, daß sie gleichzeitig schreien l" („Fliegende Blätter".) Notizen. -» Der Chamisso-Abend, der am Sonntag, den 17. November, 8 Uhr, im Schiller-Saal, Charlottenbnrg, statt- findet, wird durch einen Vortrag von Professor Dr. Eduard Engel eingeleitet. Eintrittskarten zum Preise von 50 Pf. einschließlich Garde- robe und Programm im Schiller-Theater, Charlotlenburg. — Felix Weingart n er wird an Stelle MahlerS, der, wie alle gutpensionierten deutschen Künstler, Amerika abgrasen will— trotz seiner angeblichen Abneigung gegen den Opernbetrieb— die Leitung der Wiener Hofopcr übernehme». — Die Wiener Freie Volksbühne, die vor einem. Jahre gegründet wurde, zählt, wie auf der jüngst abgehaltenen Generalversaminlung mitgeteilt wurde, 3520 Mttgttcdcr. Das Be- dürsnis einer Volksbühne ist in der„Theaterstadt" Wien trotz der vielen Bühnen- um so größer, da noch nie der Versuch gemacht wurde, eine wirkliche Volksbühne zu schaffen. Die Freie Vollöbühne will im nächsten Monat daS Werk eines jungen Autors und dann NestroyS „Freiheit in Krähwinkel" sowie Hebbels„Diamant" herausbringen. Bei Zuiiahme des Mirgliederstandes werden zwei Aufführungen im Monat sowie Abendauffiihrungen geplant. — Das von der dänischen Zensur verbotene Drama„Karen Bornemann' von Hjalmar B e r g st r ö m erlebte am Dienstag in C h r i st i a n i a seine erste Aufführung, und zwar an FahlströmL Theater, das in künstlerischer Hinsicht mit dem Nationaltheater wetteifert. Alle Plätze waren lange vor Beginn der Vorstellung ausverkauft. DaS Drama wie seine Aufführung fanden allgemein lebhaften Beifall. Von der„Obszönität" des Stückes scheint man in Norwegen nichts bemerkt zu haben. DaS konservative„Morgenbladet". das seine Leser allsonntäglich mit einem re- ligiösen Leitartikel zu speisen pflegt, schreibt:„Wir haben in unserem Lande keine Zensur dänischer Art, und nachdem„Karen Bornemann' das Licht deS TagcS und der Bühne gesehen hat, find wir geneigt zu meinen, daß eS so gut ist. DaS merkwürdige Verbot lväre ganz unerklärlich, lvenn man nicht tvüßte, wie oft dt« beste Absicht sich an den unglücklichsten Mitteln vergreift." — Prof. Koch über die Schlafkrankheit. Prof. Koch, der mutige Erforscher der Schlafkrankheit, der von seiner afrikanischen Expedition kürzlich zurückkehrte und inzwischen auch amtlich als hervor- ragender Mitbürger<„Exzcllenz) anerkannt worden ist, veröffentlicht in der„Deutschen medizinischen Wochenschrift" den noch aus Afrika datierten Schlußbericht über seine Forschungen. Um den Verbreiter der gefährlichen, in afrikanischen Sumpfgebieten einheimischen Seuche — die Tsetsefliege(glossina)— zu vernichten, schlägt Koch Ab- Holzungen und Beseitigung der Nährticre der Fliege— der Kroko- dile— vor. Als spezifisches Medilament gegen die Krankheit hat Koch das Atoxyl bewährt gefunden. — Der Plan der belgischen Südpolar- expedition gilt, wie aus Brüssel berichtet wird, als gc- scheitert; die Regierung hat die Leistung finanzieller Beihülfe ab-� gelehnt und so muß der Plan aus Mangel an ausreichenden Mitteln fallen gelassen werden. In der Presse wird die Haltung der Regierung in dieser Angelegenheit wissenschaftlicher Forschung sehr bitter getadelt. Shackleton, der kürzlich London verlassen hat, um von Neu-Seeland aus nach dem Südpol aufzubrechen, Ivird nun voraussichtlich die Frückte der Arbeit pflücken, die die frühere belgische Südpolarexpedition geleistet hat. Tercmtwortl. Redakteur: Hau» Weber» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchbruckerei u.Berl»g»anstaltPauI Singer ürEo..BerUnSVk.