Anterhaltungsblatt des Vorwärts �r. 228. Sonnnbend don 23 Noveinber. 1907 OUdchkintil ocibolen.) 16J Die Brüder Zemganno. Von E d m o n d de Goncourt. Die Blicke Nello's wandten sich, nachdem sie ihre JVor- schung beendet hatten, verwundert Gianni �u, der offenbar von dem allem nichts gesehen hatte. „Woran denkst Tu denn, Gianni?" „An unser Weitergehen nach London." „Und hier der Zirkus?" „Nur Geduld, Kleiner... wa? den Zirkus hier betrifft, so werden wir auf ihn zurückkommen... später..."— erwiderte Gianni, in dem Zimmerchcn auf und ab gehend. —„Dir bat die Vorstellung nur vor Augen geführt, was Du gesehen hast... sie hat Dir nicht gesagt, was sie mir gesagt hat.... Sieh einmal, die Engländer machen die Zachen, die auch wir machen, anders als wir... ah. ja, diese Engländerl... Eine famose Arbeit, um hinzugehen und sie an Drt und Stelle zu studieren!... Diese Leute haben Rasckcheit im Verein mit Kraft... bei uns herrscht zu sehr die Geschmeidigkeit vor, bildet man zu sehr die Biegsamkeit aus... Verlieren wir dabei auch nicht an Schnelligkeit im Zusammenziehen der Muskeln?... Gestern— es ist merkwürdig— gestern war's, als ob mir plötzlich die Augen aufgegangen wären, über das, was wir in unserem Geschäft zu tun haben... was uns obliegt, uns beiden, weisit Du! ... Denn die anderen gestern... pah! Rindvieh I... sie machten, was ihr Vater machte und was auch wir machen! ... Maschinen in der Gestalt von Gymnastikern... und darin, Bruder, wenn Du darin Deine Herrlichkeit besteben lassen willst... pah! Weiht Du, es gibt bisseres für uns, als Kapriolen in der Luft zu machen!"� Gianni sah die niedergeschlagene Miene Nello's und warf hin:„Nun, sprich. Kleiner, was sagst Du dazu?" „Dasi Du immer recht hast, Großer l" meinte Nello mit einem Seufzer. Gianni blickte mit einer Rührung auf seinen Bruder hin, der er keine Worte lieh, doch die sich in dem leisen Beben seiner Hände kundgab, mit denen er sich soeben eine neue Pfeife stopfte. England ist dasjenige Land Europas, welches es ver- standen hat, in das rein physische Element einer bloßen Kraft- Handlung geistiges Leben zu bringen. Tort hat sich die Gym- nastik zum pantomimistischen Schauspiel gestallet: dort ist das Spielen der Muskeln und Nerven zum erheiternden, zum rührenden, ja zuweilen selbst tragischen Wirken entwickelt worden: dort machen die kecken Sprünge, die Gewandtheit. die Kunstfertigkeiten der Glieder lachen, lassen erschüttert werden, regen zum Denken an. wie Szenen eines Bühnen- schauspiels es tun. In England ist von unbekannten llr- hebern, von denen kaum einige wenige Namen aus dem acht- zehnten Jahrhundert in einigen kurzen Bemerkungen auf alten Zetteln des Zirkus Astley erhalten geblieben sind, eine neue Art satirischer.Komödie geschaffen worden. Sic bestand gewissermaßen aus einer Erneuerung der alten italienischen Possen, in welcher der Clown, der ländliche Dümmling, von einem Gyinnasliker-Sckauspielcr dargestellt, in seiner Gestalt den alten Pierrot und Arlequin, diese beiden Welrtypen lustiger Schalkhaftigkeit, vereinigt wieder erstehen ließ: die groteske 5tomik des mit Mehl weißgefärbtcn Spaß- machcrs im Bunde mit der neckischen Muskelgewandtheit deS vollendeten Gymnastikers. Und— in der Tat ein interessantes Faktum— so geschah es, daß gerade in England, dem Vaterlande der Hamlet- tragödie. dieser echt englischen Schöpfung, welche uns den Nationalcharakter des Volkes in seinem ganzen Wesen des Phlegmas und der düsteren Gclangwciltheit wiedergibt, daß just dort der Nationalgeist das Lustige zu einer neuen Gestalt umschuf: zu einer Art von, wenn man so sagen will, svleen- geborenen Komik. "«» Zur Zeit der Ankunft der beiden Brüder in London gab es dort in der Vietoria-Street ein Terrain, das man..die Ruinen" nannte. Es war dies ein mächtiger Grundstück- komplex, auf welchem die Kommission für städtische Anieliora- tionen drei- bis vierhundert Häuser abreißen ließ: ein wüster„ ganz mit Bauresten und Bautrümmern überjäcter Raum, mit einem Gewirr noch stehender Mauern neben den Stein- schichten angefangener neuer Häuser, deren Weitcrbau sisticrt worden war, eine AblagerungSstellc von Unrat und Schutt, ein öder Stadtwinkel, in welchem giftiges Unkraut aus einem Boden von Kalk, weggeworfenen Austerschalen und GlaS- scherben sproß: mit einem Wort, ein Stück Raum wie ein: Wüste der Aussätzigen zur Zeit des heiligen Lazarus. Tie Ruinen nun waren seit mehreren Iahren der Sammelplatz der Akrobaten Londons, der Uebungsplatz der gesainten Egui- libristen, Gyinnastiker am festen oder am Schwebereck, Clowns, Jongleurs, Seiltänzer usw. ohne Engagement, das Rendezvous aller Eingeborenen der Bühne von Sägespänen') oder solcher, die zu dieser überzugehen wünschten: eine gym- nastische Akademie. Besonders abends boten die Ruinen ein seltsames Schauspiel dar. Ja dem Dunkel des Trümmer« feldes, zwischen seinen schwarzen Mauerresten, die in unHeim- liehen Schattenrissen emporragten, unter dem wirbelnden Um- berfliegen von Stücken verfaulter Tapete, welche der Wind losgerissen, und dem Dahinhuschcn ausgescheuchter Ratten- schwärme, zeigte, verstreut über die ganze Ausdehnung des- finsteren, nebligen Raunics hin, hier und da der unbestimmte Schein von vier in den Boden gesteckten Enden Licht oberhalb ihres zitternden bleichen Schimmers schattenhafte Gestatten. die sich in dem nächtigen Drinkel bewegten, auf und nieder schritten, hin und her schwangen. Während der ersten Tage beobachteten Gianni und Nella die Arbeiten der anderen: dann, nach einer Woche brachten sie selbst ihre Apparate und ihre Lichter hin: das kleine Neck ivurde zwischen den HauStiirpfosten eines Gebäudes, das nur noch eine Front war, angebracht, und die Brüder begannen. unter der verwunderten?lnfmerksamkeit der Engländer gleich- falls zu arbeiten. Die beiden Franzosen hatten zum Nachbar bei ihren Hebungen einen langen, mageren Mann mit dürren Spindel- deinen, der es einstudierte, sich mit dem Körper zwischen den Querleisten einer Stuhllehne hindurchzuwinden: den Jr- länder mit dem nom do guerro:„der Regenwurm", der. die Beine nach hinten zurückgebogen, so daß die Füße seinen HalS umfaßten, seinen Körper auf diese Weise in eine Kugel ver- wandelte, sich fortrollte und mit seinem Hinterteil einen Pfirsichkern aufknackte. Von ihm erfuhren die Brüder, daß die Direktoren in England ihre Mitglieder nicht direkt enga- gieren, sondern das Monopol, sämtliche Engagements abzu- schließen, für die gesamten drei Königreiche in den Händen von zwei Agenten in London lag: Mr. Maynard, dessen Bureau sich in Vork-Road-Lambcth befand, und Mr. Roberts, in Compton-Street wohnhaft. Ter„Regenwurm" bcnach- richtigte die Brüder des weiteren, daß diese Agenten eine Provision von 15 Proz. der Gage für die von ihnen ver- mittelten Engagements erhielten. Gianni und Nello begaben sich eines Vormittags zu Mr. Roberts, zu dein sie eine Treppe hinaufzusteigen hatten, auf deren Stufen Ammen mit ungekämmten Haaren und nackten Brüsten ihre Säuglinge stillten, den Kopf träge gegen die Mauer gelehnt iind lange gebogene Pfeifen rauchend. Die beiden Brüder hatten dann eine Zeitlang in einer Art von Vorzimmer zu warten, dessen Wände von oben bis unten und in dichter Aneiiianderreihnng mit kleinen weißen Holzrahmen bedeckt waren, welche die Photographien aller möglichen Zclebritäten der Zirken, Arenen. Konzerthallen und Spczialitätentheatcr von ganz Europa enthielten. Von den Photographien wandte sich ihre Aufmerksamkeit den Leuten zu, die aus dem Zimmer, in welchem die Engage- mcnts abgeschlossen wurden, fortgingen, und deren Namen sie von den mit ihnen Wartenden nennen hörten. Da war Hassan l'Arabe: da war der alte Zamezou unter seinem breit- randigen Filz und in seinem rosinfarbigen Mantel: de- Farbe, ') In den Manegen der englischen Zirken vertreten Säge- späne die Stelle des Sandes. Daher der in der englischen Artisten- weit übliche Ausdruck:„Leute i Eingeborene) von den Sägespänen". „auf den Sägespänen geboren sein", und eine Art von Sprüchwort oder beteuernder Redensart unter ihnen, des Wortlautes:„Für einen alten Clown ist der Geruch der Sägespäne, was für den Seemann der Teergcruch ist." Anm. d. Veri. die eine Passion aller alten Artisten ist: da war Saud») mit noch einem Rest der goldhaltigen Steincken in den Taschen, die man ihm in San Francisco und Melbourne geworfen hatte: Sandy in seinem unt Robbenfell gefütterten Iakctt und seiner scharlachroten Weste: da war der Elegant Berington in seinem UeberLieocr von schwarzem Samt, dicker goldener llhrkctte und dem Tyrolerhut mit einer Pfauenfeder auf dem einen Shr: dann Unbekannte, deren Getickt mit seinem unteren Teil hinter schmutzigen bunten Wollcachenez' ver- schwand, und Damen in Kaschmirschals, ähnlich denen, wie die wandernden Händlerinnen auf den Grünkramwagcn sie führen. Endlich gelangten die Brüder in das Zimmer Mr. Roberts', eines kleinen Mannes von tannenbrauner Ge- fichtsfarbe, mit einem Horn auf der Nase und Goldringen in den Ohren. Er unterbrach Gianni nach wenigen Worten in dessen schlechtem Englisch. —..Schon gut, ich gebrauche gerade ein paar tüchtige Gymnastiker für Springthorp in Hull... aber ich kenne Sie nicht... wo sind Sie schon engagiert gewesen?" Es war das die Frage, welche die Brüder gefürchtet hatten, und Gianni stand einen Augenblick verwirrt da als seitwärts aus einer dunklen Ecke des Zimmers ber eine Stimme, welche die Brüder als diejenige des„Rcaenwurnis" erkannten, zu Roberts hinwarf:„Ich kenne sie... sie kommen vom„Eiiqne de rimperatiice." —„Oh! dann machen wir das Geschäft!... Das Engagement ist auf sechs Abende, von nächstem Sonnabend an... Sie bekomnien fünf Pfund." (goiticeung folgt.) tNachdruck verböte».) Die Sprache der Gräber. Von Fritz Döring- FriedricdZhagcn. Um stolze Erbbegräbnisse»nd die verfallenen Gräber der Namenlosen locht eine Poesie voll majestätischen Sa-anerö, die Poesie des Todes, des grotzen Gleichmachers. Dichter aller Zerren haben sie zu fassen gesucht und baben den Grüften mahnende Stimmen verliehen. In herrlichen Eboren— um nur an die neuere deutsche Dichtung zu denken— haben Novalis, Platcn, Konrad Ferdinand Meyer die Schrecken der Abgeschiedenen beschivaren, da st sie sich dem lebenden Geschlechte verkünden. Aber grötzer als alle Kunst der Poeten wirken oft jene schlichten Worte und Verse, die Leid und Liebe der Angehörigen den, Toten auf das einfache Holz- kreuz geschrieben, auf den Gedenkstein gcmeistelt haben. Von einein alten Friedhof, dem von Mclrose-Abbcy, hat Theodor Fontane die schönste Grabschrift mitgebracht, die ich keime und die in seiner Uebcrtragung lautet: „Erde glciht auf Erden In Gold und in Pracht; Erde wird Erde, Bevor cS gedacht: Erde türmt auf Erden SchloH. Burg, Stein; Eroc spricht zu Erde: Alles wird mein."— Je ursprünglicher und ungebrochener ein Volk ist, je weniger die alles gleichmachende Kultur es noch vermocht hat, seine naive Denk- und AnschainuigSiveise zu modeln, in» so origineller und. kräftiger ivird auch der GefühiSailSdruck sein, mit dem cS den Höhe- und Endpunkt des Lebens. Liebe und Tod, begleitet. Man kann viele Hunderte unserer Stadtfticdhöse durchwandern und wird dabei doch mir imincr wieder aus dieselben sich ewig wiederholenden Sprüche und Verse stotzen, die an sich ja sehr schön sein inögen, aber in dieser allgemeinen Benutzung alles Individuelle verloren haben und jeder persönlichen Bedeutung ermangeln. Wesentlich anders stand es(und steht eö zum Teil iioch heut) mit den Grabschriflen. die man auf allen Friedhofen in Tirol und den Alpenländern findet, die daS GcbirgSvolk selbst verfaßt, dcncn cS einen spezielleren. intimeren Ebarakler gegeben hat. Da ist der Ausdruck loohl oft ungelenk, aber eine elementare Kraft und Innigkeit beschämt hin und wieder alle Knnstpoelen. so daß man erschüttert vor den Dokumenten herrlichster� BolkSpoefic steht. Anderseits passiert e-Z fast noch häusiger, daß bei der llngcwandiheit im Ausdruck und bei der realistischen, naiven Denk-_ und Sprechweise des un- verbildeten GebirgSvolleS sich selbst auf die Gottesäcker Blüten eines meist unfreiwilligen HumorS verirren. In jedem Falle bleibt eine Sammlung dieser volkstümlick-menschlichenDokun'.entc kulturgeschichtlich hochinteressant, und der Direktor der JnnSbrucker Universitätsbibliothek, Dr. Ludwig von Hormann, hat sich ein nicht geniig zu schätzendes Berdieiifr dadurch erworben, daß er sich jahrzehntelang um sie ge- müht und nach und nach die'« Poesien des Todes in drei allerliebsten Bändchcn publiziert hat. Unter dem Titel„Grabschriftcn und Marterln" sind sie im I. G. Es laschen Berlage zu Stuttgart «rschieucn. Ein GrabvcrS im Friedhof zu JerzenS im Pitztal« lautet: „Zepter. Krön' und Bauernkappen Tu» man hier zusammenpappen!" Und das beruhigende Bewußtsein, daß Kaiser und Bettler, Arm und Reich. Groß und Klein vor dem großen Knochenmann gleich sind, spricht auch auS vielen anderen Epitaphien. Besonders ein- dringlich wirkt es, daß die Worte� meist dem Toten selbst in den Mrnd gelegt sind. So lautet ein«pruch aus dem bayrischen Wald: .Ich lieg' im Grab und muß verwesen. Was du jetzt bist, bin ich gewesen! Was ich jetzt bin, das wirit auch du— Drum steh' und bei' für meine Ruh l" Ein Schuster in Kematen hat sich für die letzte Ruhestätte diese Verse gedichtet: .Da liegst du, Schustcrle, da kannst du ruhig schlafen, Ein schöii's Quartier, ja wohl, hat dir die Welt geschaffen. Ein HauS. wo ist kein Fenster drin, sechs Bretter dein Gemach, Daneben deine Totenbcin, die Erde ist dein Dach!" Und auf dem Grabe des Peter Sterzinger, Pofhncistcro in Dormitz Bei Rasscrcit, stehen Verse, von denen die folgenden hier zitiert sein mögen: „Wie auf der Post, so sind wir hier Und jeder ist ein Passagier. Die Post kommt an, gehl wieder ab, So kommt der Mensch und geht ins Grab. Der Ted ein sichrer Kondukteur Fährt ohne Postdorn still daher, Führt schnell uns von der Lebenszeit Ins Ausland einer Ewigkeit." Ein verimglücktcr Fuhrmann in Slubai bekam die in ihrer Art gewaltig wirkende Grabfchnfr, die sich gleichfalls in vielen Varianten sindet: .Ter Weg in die Ewigkeit Ist dock gar nicht weit. Um 7 Uhr fuhr er fort, Um 8 Uhr war er dort." Nock wuchtiger, in lakonischer Kürze heißt es von einem Verunglückten im Bregenzer Wald: „... In einer halben Stunde Krank, tot und gesunde." Auf dem Grabkreuz einer Einundzwanzigjährigcn im Friedhofe zu Bördings stehen die Worte: „Der Tod treibt immer die alten Spiele; In jungen Jahren nimmt er viele." Und in Schwarzenberg(Bregenzer Wald) trägt ein Hügel die herrlichen Verse: „Unter der Erde ist Schlaf, lieber der Erde ist Treue. Aber dort oben ist Seligkeit." DaS allerdings dürfte ebensowenig VolkSpoesie fein, wie die Grabichristen, die Ludioig von Hörmann aus Hoch-Geistritz, Unter- bans und Kirchberg beigebracht hat(Drittes Bändchcn) und die man leicht als Strophen von Uhland, Eichendorss. Hölty erkennt. Legion ist daneben die Zahl jener Grabichristen. die unwillkür- lich unsere Lachnrnskeln in Bewegung setzen. Meist sind es solche, die den Stand des Verstorbenen,»eine Beschäftigung oder ieine TodeSarr zum Inhalt haben.„DaS Volk", sagr Ludwig von Hör- mann,„spricht eben, wie cS denit und nennt das Kind beim rechten Namen. Man würde daher sehr irre gehen, wollte man das oft auf GemülSrohcit oder gar Frivolität deuten, waS bei ihm nur ungeschminkte, ungekünstelte AuSdruckSwcisc ist." Ein paar Proben I In Wiesing heißt cS kurz und bündig auf dem Grab eines früheren SchullchrcrS und Organisten: „Hier liegt Martin Krug. Der Kinder, Weib und Orgel schlug." Schöner noch(allerdings mit Fragezeichen vafehcu) ist ein Nachruf aus Bayern: „Hier liegt ein junges Dechfelein, DcS Meister OchsenS Söhnclein, Der liebe Gott hat nicht gewollt, Daß er ein Ochse werden sollt. Drum nahm er ihn auS dieser Welt Zu sich ins große Himmelszelt. Der alte OchS hat mit Bedacht Kind— Sarg— Vers— alles selbst gemilcht." Im Talzburgischen findet sich folgendes Epitaph: „Hier ruht der alte Schuvanek. m Kriege sanft, im Frieden keck. r war ein Engel diesseits schon Und O'fteitev im Jäger-Bataillon." Ebenda steht aus den. Grabe eines alten Invaliden: „Hier hinter diesen FriedhofSgittern Da ruht ein morsches Haus, Das trank gar manchen Bittern Kelch des Leidens aus." Unvsrülümter noch war die Inschrift, die noch vor 40 Jahren über einem Hügel des Kirchhofs zu Feldkirch stand: „Hier ruht Franz Joief Matt, Der sich zu Tod gesoffen hat. Herr, gib ihm die ewige Ruh' lind ein Glaiel Schnapö dozu.� Sehr beliebt und in Variationen aus St. Gilgen und Ried aufgezeichnet ist auch folgende Form de-Z HachrufS sHippach. Zillertal): .Hier liegt der Hippachcr Bot', Hab' ihn selig der liebe Gott, So wie selig Hütt' der Hippachcr Bot' Dich, du lieber Gott, Wenn du wärst der Hippachcr Bot' Und er der liebe Gott." Auf trübe Erfahrungen lätztcin Grabstein in Oberpcrfuß schließen: „In diesem Grab liegt AnichsS) Peter, Die Frau begrub man hier erst später, Mau hat sie neben ihm begraben. Wird er die ewige Ruh' nun haben Und in Hall, von einem Pfanithansarbeiter verfaßt, liest man: .Hier liegt begraben mein Weib, Gott sei Dank, Sie hat ewig mit mir zankt. Druni. lieber Löser. geh' von hier, Sonst steht sie auf und zankt mit Dir." Eine ähnliche Meinung vom Ehe- und Wehestand muß wohl der Brave gehabt haben, der in einen Grabstein auf der Herreninsel tChiemseej die Worte meißeln ließ:„Hier ruht in Gott dl. dl., LS Jahre lebte er als Mensch mid 37 Jahre alS Ehemann." Wobei an jenes Marterl iGedeiiltäsleiii) am.i'alhcrtauern erinnert sein mag, auf dem wörtlich steht:„Im kalten Jahre 1853 find hier zwei Menschen und zwei Vöbnien ertrunken." Eine ganz ähnliche Tafel izehn Leut und fiinr Böhm von einer Schncelahn erschlagen) findet sich in Prebicht in Obersteier. Auch sehr realistische Erwähnungen der Krankheiten, die zum Tode sührten, hat man häufig in den Epitaphien. Bekannt und tatsächlich echt ist die Grabichrist ist einem kleinen Dorskirchhof einer Ehiemsce-Jnsel: „Hier in dieser Gruben Liegen zwei Mutterbuben, Geboren anr Chiemsee, Gestorben an Bauchweh." Oder eine andere an» Sterzing: „Hier liegt iliiter allerhand Auch Peicr Virland. Er war im Leben welcher Im bürgerlichen Leben Sclcher. Er lebte in Furcht und Zucht Und starb an der Wassersucht." Kurz und bündig wird die Todesursache cineS anderen Menschenkindes angegeben: „Bruckle gonga, Bruckle brocha, Obi gfolla lind dcrsoffa." Ueberhaupt spielcit lliiglücfSsälle bei mancherlei Gefahren, dciten der«elplcr durch die Natur seiner Heimat ausgesetzt ist. eine große Rolle. In Bong lautet eine Grabscvrift: „llud er maß sieben Schuh, Gott geb' ihm die ewige Ruh. Ein unglücklicher Ochsenstoß Ocffnctc das Himmelsschloß." Bei Sand in TanferS:„dl. dl. liegt hier. Sie stürzte in eine Heugabel und fand darin ihr Grab." Am originellsten ist aber jedenfalls ein Rachnif, der sich in Oberalin bei Hallein auf einen verunglückten Förster findet: „Hier liegt der Förster Rupert Huß, Er starb an einem Büchsenschuß. Der auf der Jagd von obngesähr Ihn hat getroffen folgenschwer Zum Glück könnt' man ihn noch verschn, Gott laß ihn fröhlich anferstehn! Ich nannt' ihn oben Rüper: Huß, Ilm hinzuweisen auf den Schuß, Doch hieß er in der Tat Franz Leim, Da-s ober paßte nicht zum Reim. Was hätt' ich mit dem Leim gemacht? Wie hätt' den Schuß ich angebracht? An dem er doch verschieden ist Als Jägersmann und guter Christ." Es mag genug sein. Man sieht jedenfalls, daß, wenn die Grab- inschristen gleichsam die Stimme der Toten sind, die zu dem Wanderer aller Zeiten sprechen, sich in den Chor der düsteren und mahnenden auch viele muntere und derbe drängen. Sie einioeihen die Stätte deS Frieden?, an der sie sich befinden, ganz gewiß nicht. Sie sprechen nur, unbewußt, am Orte des Todes von der un- gebrochene» Lebenskraft des Volkes, die sich auch angesichts des bleichen KitochenmauneS noch behauptet. Grabfcbinucfc. Totensonntag, Allerseelen, Johann i. das find in den der» schicdenen Gegenden Deutschlands die Tage der Toten, an denen nach althergebrachter Sitte die Gräber von den Angehörigen ge- schmückt werden. Vom plumpen Papicrblumenkrvnze, der für wenige Pfennige auf dem Wochcnmarite erstanden wurde, bis zum kostbarsten Grabfchmuckarrangement, in dem die auserlesensten Kinder FloraS vereint sind, finden wir alle Zwischenstufen von Grabkränzen, deren ein modernes Blumengeschäft fähig ist. auf Sern großstädtischen Friedhof zusammengetragen. Kleines und Großes, Gute? und Schlechte?, von letzterem vielleicht etwas gar zu reichlich, denn die Produktion von Grabschmuck ist heute zn einer wahren Industrie ausgeartet. Ausgeartet I Was fühlt sich heutzutage nicht alles berufen, zum Fest der Toten..sinnreichen" Grabschmuck herzustelle«. Eine Wanderung über einen Groß- stadtsriedbof zeigt dies in erschreckender Weise; es ist kein ästhetischer Genuß, all den dort aufgestapelten sogenannten Grab,.schmuck" zu mustern; um wieviel freundlicher wirlt dagegen der Gottesacker eines Dorfes, auf dessen Gräbern nur einige einfache Tannen- kränze angetrosseu werden, in die vielleicht ein paar weiße oder rote Beeren cingesngt sind. Wie dein, Grabschmuck der einzelnen Orte, so macht sich auch aus den Friedhöfen der verschiedenen Nationen ein Unrcrschied bemerkbar. Auf den deutschen Friedhöfen wiegen Kränze vor. im Sommer solche von lebenden, im Herbst und Winter solche von kunstlichen Blumen oder von Blättern und die Waldkränze. Eine große Rolle spielen hierbei die auö Japan eingeführten trockenen Palinenwedel, die durch ein besonderes Präparationsvcrsahrcn loieder naturähnlich gemacht wurden. In den Ländern Südeuropas ist der Grabschmuck aus lebenden Blumen weniger beliebt, dort nimmt man Zuflucht zu künstlichen Kränzen, wobei Blech- und Pcrlenkränze bevorzugt iverdcn. Neben diesen sind die aus ge- trockneten Immortellen angefertigten Kränze vielfach in Gebrauch. Ter Nordamcrikancr ist Iveder von dem einen, noch von dem anderen eingenommen, er setzt mit Vorliebe allerlei blühende Gewächse aus dae- Grab oder streut lose Blumen darüber. Diese Sitte wird an dem amerikanischen Totcufcsttagc, dem 30. Mai.' ganz besonders geübt. Am Morgen dieses Tages sind auf den Blumenmarktstätten ungezählte Mengen von Topfpslanzen aller Art zu finden, die lediglich Grabbepslanzungszwecken diene» sollen. Ganz besonders eigenartig mute, der Grabschmuck bei manchen Naturvölkern und bei den Völkern des AliertumS an. Ueberall sehen wir Blumen und Pflanzen oder Pflanzenteile eine be- stimmte Rolle spielen, und für viele Begräbnisvlätzc sind gewisse Pflanzen typisch. So ist die Zupresse ein beliebter Grabschmuck im Morgenlandc; sie ivar es bereits im Altertum, wovon die Mitfelmeerländer noch heute Zeugnis ablegen. Tie nordischen Länder bevorzugen Wacholder und Eibe. Die Kryptomcrie ist der Grabschmuck der Japaner. Außer diesen immergrünen Bäumen sind noch verschiedene Blütenpslanzen gern gesehener Grabschmuck, so ist die Ringelbliime. auch Totenblumc genannt, ein einjähriges Gewächs, weit und breit aus Deutschlands kleinstädtischen und dörflichen Friedhöfen anzutreffen. Lilie und Rose werden weiter mit Borliebe angepflanzt. Im Morgenlande isf� die Gräberlilie, ein Schwertblatlgeivächs. und auf den kanarischen Inseln die Palnienlilie die verbreitetste Grabblume. In« Mittelalter dienten gewisse Gräbcrpflanzcn zum Grab- schmuck; sie wurden sowohl aus daL Grab gepflanzt, als auch zu Kränzen oder Sträußen verbunden, an Gedenktagen auf das Grab gelegt. Die größte Bedeutung kam stark aromatischen Pflanzen gu, wie Wermut, Rosmarin, Majoran, Raute, dazu gesellten sich andere, wie Efeu, Immergrün und mancherorts die Hauswurz- pflanze». In der Neu* it finden Vergißmeinnichtkränzc, die in wassergefüllte Teller gelegt werden, weiten Anklang in Deutsch- land. In Städten, wo ei» allgemeiner Grabschmuck am Weihnacht?- feste üblich ist, werden in»euerer Zeit kleine Tannenbäumchc», mit Lichtern und anderem Schmuck aufgeputzt, vielfach verivendet. In Frankreich ist das Eticsmütterchen als Grabblume weit und breit beliebt. Sogenannte Traucrbäumc, Bäume mit hängenden Zweigen, haben nur eine verhältnismäßig geringe Ausbreitung gefunden. Da- gegen sind in Australien unseren Trauerweiden ähnliche Kasuarinen ein beliebter Grabschmuck. Einen Grabschmuck in unserem Sinne treffen wir bei den Naturvölkern nur äußerst selten an; sofern ein solcher überhaupt ist, bleibt seine Anwendung auf die Zeit der Bestattung beschränkt. eine öftere Erneuerung gebärt zu den Ausnahmen. Aber recht mannigfaltig ist dieser Grabschmuck bei den verschiedenen Völkern zusammengesetzt. Einmal sind es einfache Erdhügel, die sich selbst überlassen bleiben, dann mehr oder minder gewaltige Steinhaufen, die wir wohl als die Vorläufer unserer heutigen Grabdenkmäler an- sehen können. Grabpsähle sind bei vielen Völkern in Gebrauch, sie dienen oft zur Aufnahmt von weiterem Grabschmuck oder sind mit Inschriften bedeckt, die auf einzelne Episoden aus dem Leben der Begrabenen Bezug nehmen. Waffen und Hausgeräte des Ver- storbenen geben ia gar vielen Ländern einen allgemein gebrauchten Grabschmuck ab. Auf den Maledivemnscln gelten weiße Fähnchen und Muffclinstrcifen als beliebter Grabschmuck und auf den Ntko- baren findet man auf den Gräbern Bambuopsählc, die an der Spitze mit einem Laubbüschel verziert sind. Herm. K r a f s t. Kleines feuilleton. Kunst. I ü d i s ib e K u n st. der �Galerie für alte und neue Kunst" aibl eS eine„Ausstellung jüdi'ckcr Künstler" ssoll wohl Heiken: Aus- stellung uon Werken jüdischer KünsUer I) Gibt es eine speziell jüdische Kunst? Es gibt gute, europäische Kunst. Es sei denn, man niusge dieses sehr gemischte Durcheinander, wo Sichel und Israels sich treffen, wo gräflich pathetische Schinken neben feinen Arbeiten sijKigcn, wo das Geschmacklose lärmend das Stille verdrängt, loa febe künstlerische Disziplin fehlt und das Ganze den Anblick einer Trödelbude bietet, als jüdische Kunst himiehmeu. Dazu liegt kein Aulast vor. Man sieht, die Arrangeure leisten der Sache keinen guten Dienst. Man hat die Empfindung, als träte man verbohrten, unfreien Vorstellungen nahe. Was gut ist. sei hier genannt. Man kennt die Rauten, zwei Kollektionen: U r y und Israels. Unter U r h S Bildern ist hier am besten das Bild„Die Ge- schwister" von 1883. Breit und kräftig in der Mache: zwei Dorf- kinder auf grüner Wiese; ohne die verwaschene Art, wie sie Ury in den Landschaften jetzt liebt, mit der er aus dein schwer träumerischen, tiefruhigcn Gruncwaldsee im Abendschein ein zittriges, nervöses Etwas macht, aus dem grell gelbe Farben störend aufblitzen. Viel vornehmer ist dieses frühe Bild. Israels zeigt die stille», holländischen Interieurs, in deren dammriger Luft die Gestalten der Bewohner annanchen in grostcn, ruhigen Silhouetten. Dieses Stille gibt bei Israels den feinen Eindruck. Flüssig und farbig weist er die Nuancen zart zu ver- teilen. Manchmal erreicht er in den Typen, die imnicr charakteristisch derb und doch resignierl-wcich sind rembrandtische Kraft, wie in dem Gesicht der ausblickenden Alten in„Eine karge Mahlzeit". Man spürt, was Licberman» hier anzog: das stille Für-sich-Sein der Erscheinungen. die Gröstc des Einfachen. Zweierlei hat Liebcrmann voraus: er ist härter; er kann besser zeichnen. Besonders schön sind Radierungen von Jsraelö! wo er jenen feinen Stich hat, der bei Liebermann entzückt, wo er so zart— iinpressionistisch zu Werke geht. Die Gestalt eines alten Mannes, die Luflstimmung über einer schlichten Wiese find besonders gut. Sonst ist noch eine stimmungSernste Landschaft von Becker zu nennen in tiefen, matte» Farben. Ueberraschend ivirkt in diesem Milieu Pissarro mit seinen feinen Arbeiten, die so malerisch und leicht sind. solche Fülle wie Schönheit bergen. Das„Strümpfe stopfende Mädchen" in pointilistischer Manier prickelnd hingesetzt! das Hafenbild mit dem Keinen, bunten Gewimmel der Menschen vor der kühlen See; der Weinberg mit dem warmen Flimmern aller Farben. Eines der eigenartigsten Bilder rührt von C z ü b e l her: ein Herrcnporträt in schmalem Hochformat i eS dominieren Tcppich und Büwaständer. deren helle Farben sehr lustig wirken, ganz dekorativ. Auch die Gestalt des davor sitzenden Herrn ist ganz flächig, dekorativ aufgesastt, dabei doch von prägnanter Charakteristik. Solcd Bild must im Raum sehr gut wirken.— Daneben hängt eine Landschaft von L e d e r e r, die sehr frisch wirkt; dunkle Stämme mit hell blinkenden Blätter». In der Abteilung Schwarz- Weistkunst fällt Pasternak auf, der russische Typen in weichen Linien hinstellt, der auch in einem Kinderbild malerisches Gefühl in den verschwinunenden Tönen der Lust verrät. Gute Plastiken rühren von G lhcen stein(eine Sphinx, die in der eckigen, flächigen Behandlung des Steins Eigenart zeigt) und I a r a y her, der kleine Figuren nrit viel Sinn für das Leben der Formen hinstellt. ES fehlen gerade die Künstler, die dem Judentum Ehre machen, die in der Sezession zu finden sind. Liebermann an der Spitze. Und so erscheint, möge die Absicht auch � ehrlich sein, die bei den Haaren herbeigezogene Devise dieser Ausstellung nur als Vorwand, eben eine Ausstellung zusammenzubringen. Man nimmt keine ent- scheidenden Eindrücke nnt. Im Gegenteil. eS graust einem vor diesem Gemisch von.Kunst, Sentimentalität, Pose, Pathos und Geschmack- losigkeit. o. s. Humoristisches. — Eingegangen.(Inserat.) Der Herr, welcher gestern in der Breiten Stiaste ein Geldtäschchen fand, tvird ersucht, eS dem Verlierer zurückzustellen, da er erkannt ist. (Antwort, einen Tag später.) Der erkannte Herr, der vorgestern in der Breiten Slraste ein Geldtäschchen fand, ersucht den Verlierer, sich sein Eigentum in des Finders Wohnung abzuholen. — V c r s ü h r e r i s ch.„.. Das schlechteste Zimmer und daS miserabelste Bett habe ich gekriegt, und jetzt soll ich auch noch ein Äopslissen hergeben!... Ich begreife nicht, Herr Wirt, wie man das einem Gast zumuten kann!"—„Ja wissen S' gnä' Herr, Sie schau'n auch gar zu gutmütig drein I" („Fliegende Blätter'.) klkotizen. — Bonns E n d e. Die Episode Bonn im Berliner Theater hat einen frühzeitigen Abschluß gefunden. Ohne Knall« effekt, ohne eine Ansprache au das deutsche Boll und ohne letzte kaiserliche Gunstbezeuguitg geht ein Uiiternehinen zu Ende, das uns noch manche humoristischen Ueberraschungen zu versprechen schien. Schon ani 30. November geht der Mann. der Dichter. Schau« spieler. Bübncnautoirat. Erfinder einer neuen sittlichen Vühnenordnung, der verdienteste Manager der Indianer- und Detektivromanlit und ein selbst in Berlin nicht überboiener Regisseur unbezahlter Reklame war. Wir wollen damit keineswegs sagen, daß Herr Bomi ein Ungedsuer ist. er hat nur oWfcer und rücksichtloscr den kapitalistischen Pferde» fuß unseres heutigen Kuustbelriebeo gezeigt wie manch anderer, der mit anderen Sensationen arbeilet. Da« Geschäft scheint gegen Bonn entschieden zu haben. Und dieser eine Fall ist damit vorläufig zu Ende. Die Herren Mein- Harb und Bernauer, die als„Böse Buben" sich bekannt gemacht haben, sind auf zehn Jahre Pächter geworden. Bis zum Schluß der Saison soll das Theater für Gastspiele ver- pachtet werden. Am 1. September 1SV3 beginnen die neuen Direktoren ihre Tätigkeit. Sie versprechen die Richtung des alten Berliner Theaters wi'eder aufzunehmen und auch neue Leute zu Worte kommen zu lassen. — Ueber die fertigen Pläne und halben Ab- sichten unserer Dichter, Schriftsteller und Künstler pflegen wir unseren Lesern nichts zu berichten, weil an dem Traisch in der Regel nichts von Bedeutung wahr ist. WaS da von Zeit zu Zeit aus den geheiinsteu Kainmern des Schaffens mit und ohne Hülfe derer, die es betrifft � in die Zeitungen geschmuggelt wird, ist be» zeichnend für de» Geschmack der Zeitungsleier und der sie be- dienenden Spekulanten. WaS eben jey: wieder von Hauptmann aus- geraunt wird, ist ein typisches Beispiel dieser Mache. Zunächst wird eine frühere Aiideutung widerrufen. Und dann wird der Welt offenbart, daß der Dichter bereits frische Federn zur Reinschrift irgend eines neuen Dramas bestellt habe. Auch soll bereits die achte Szene ini dritten Akt eines anderen zweiuiideinhalb Stunden dauernden Werkes dreiviertel konzipiert sein. Man sollte tägliche Bulletins über den Gehirnpcgel unserer Schaffenden einführen und sie zur Strafe verurteilen, all daS zu vollenden, was ihnen ihre Posaunisten andichten. — Die Zahl der Juden in der Welt. Nach der offi- ziellen Statisttk des soeben veröffentlichten„Jcwish Fear Book" be- trägt die Zahl der über den Erdball verstreillcn Israeliten ungefähr 11031000. Von dieser Ziffer entsallen auf Europa 8 718 000, aus Amerika 1 558 000, auf Afrika 354 000. aus Asien 342 000 und auf Australien 17 000. In Europa vei teile» sich die Juden auf die ein- zclnen Länder folgciiderniaßen: 5 100 000 auf Rußland, 2 100 000 auf Oesterreich-Ungarn, 000 000 auf Deutschland, 400 000 aus die Balkaninseln, 105 000 aus Belgien und Holland, 80 000 auf Frank- reich. 40 000 aus Jialien. Die am stärksten vo» Juden bevölkerten Städte sind: New Uork mit 700 000 Juden, Wien mit 130 000, Berlin mit 05 000, London mit 80 000 und Jerusalem mir 30000. — Blut- und Gehirnarbeit. Der Einfluß geistiger Arbeiten auf das Gehirn ist physiologisch festzustellen in der Menge deö BluteS. das diesem Organ zugeführt wird. Je an- gestrengter da« Gehirn arbeitet, desto stärker füllen sich die Hirn- gefäße mit Blut. Der italienische Forscher Profeffor Moffo gibt. wie die Zeitschrift„Medizin" für alle mitteilt, ein interessantes. leicht auszuführendes Experiment an, welches diesen Einfluß der geistigen Arbeit aus das Gehirn klar veranschaulicht. Man legt einen Menschen so aus einen Wagenbalkcn, daß dieser ini Gleich- gewicht schwebt. Die Füße der Versuchsperson muffen sich dabei selbstverständlich auf der einen, der Kopf auf der anderen Seite befinden. Läßt man nun eine geistige Arbeit verrichten, beispicls- weise ein schtvierigeS Rcchcnexempcl ausführen, so sinkt dasjenige Ende des Wagcnbalkcns, auf dem der Kopf liegt. Damit ist der Beweis erbracht, daß infolge der erhöhten tJirntätigkeit eine stärkere Blutzufuhr zum Kopfe stattgefunden hat." — Ein gewaltiger Ausbruch auf der Sonne. Letzten Freitag hat Dr. Rambant, der Direktor des Radclisfe- Observatoriums in Oxford, wie englische Blätter berichten, um Uhr einen gewaltigen Ausbruch auf der Sonne beobachtet. Tie flammenähnliche Masse wuchs mit einer Schnelligkeit von 10 000 englischen Meilen in der Minute! zehn Minuten nach zwölf hatte der Ausbruch eine Höhe von 325 000 englischen Meilen über der Sonncnobcrflächc erreicht. Fünf Minuten später war die ganze Erscheinung wieder verschwunden und nichts blieb als eine Heine Rarbe auf dem Sonncnkörpcr. Es handelt sich bei der Beobachtung RambantS um eine riesige vulkanähnliche Störung in voller Aktion. Da der Sonnendurchmesscr gegen 860 500 englische Meilen beträgt, so hat die Ausdehnung des beobachteten Ausbruchs nahezu vier Zehntel des Sonncndurchmesscrs gehabt. Die jüngste Störung auf der Sonne mag einen Rekord bedeuten: immerhin sind derartige Ereignisse schon relativ oft beobachtet worden. Professor Jung hat z. B. 1870 einen Ausbruch beobachtet, der in zehn Minuten von 100 000 zu mehr als 200 000 englischen Meilen anwuchs und dann in Stücke zersprengt wurde. Tie Bcwegungöschnclligkeit betrug 166 englische Meilen rn der Sekunde, also die gleiche Geschwindigkeit, die auch Rambant beobachtet bat. Die neuen photographischen Methoden haben gelehrt, daß solche Störungen nicht selten sind. Verantlvortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag:-Vc-»lvärtSBuchdruckerei u.Ver:«g»aiistaltPaulSingerSlSo..BerlinL>V.