Anterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 230. Mittlvoch den 27 November. 1907 l?Iachdruck verbolen.» m Die Brüder Zemganno» Von gimonb de E o n c o u r t. Newfome hatte das Briiderpaar mit einer Gage von zehn Pfund Sterling wöchentlich engagiert, und Gianni und Nello, jetzt der Gesellschaft einverleibt, lebten in ziemlich gutem Einvernehmen mit ihren Kollegen. Die Männer waren gute Kameraden, mit einem bißchen britischer Steifheit Die Damen, durchweg anständig und sämtlich Familien- miitter, waren»sanft wie Schafe"; nur an gewissen Tagen, unter dein Einfluß einer durch den„Gin" hervorgerufenen Erregtheit, oder wenn Nordost-Wind wehte, fingen diejenigen unter ihnen, welche sich nicht leiden konnten, wohl an, mit einander zu boren. Es waren das dann nicht französische Fraucnkänipfe, bei denen nichr Beleidigungen und zer- rissene Hüte fallen, als Schläge, sondern ganz wirkliche, veri- table Borducllc, nach denen die Besiegte zuweilen vierzehn Tage im" Bett liegen mußte. Im Grunde genommen hatten die Brüder ihr früheres Rcisclebcn in Frankreich quer durch die drei Königreiche wieder aufgenommen, allerdings unter besseren Bedingungen und in einem Lande, das den körperlichen ftimsten ein größeres Interesse entgegenbringt. In England, wo das Eintreffen eines Zirkus in den kleinen Städten ein Ereignis ist und der Zu" des Personals mit seinen Pferden, seinen Schaustücken, seinen Käfigen mit wilden Tieren durch die Straßen der Stadt die Einwohner wie an einem Festtage die Läden schließen läßt, wurden die graziösen Produktionen Giannis und Nellos mit Begeisterung aufgenommen und begannen ihren Einfluß auf die Geschäfte des Zirkus zu üben. Von Zeit zu Zeit bewilligte ihnen Newsome, um die beiden beliebten Künstler an sich zu fesseln, eine jeuer Vene- fizvorstcllungon, bei denen die Bcncfizianten von Haus zu Haus gehen, um die Billcts zu offerieren und eine solche Vorstellung pflegte ihnen fünf bis sechs Pfund auf ihr Teil zu bringen. Und der Name der beiden Elowns, der Künstler» uame, den sie drüben angenommen, glänzte auf den Zirkus- affichcn in den größten Lettern, gedruckt in der rötesten Druckfarbe, die Großbritannien darbot. Trotz der günstigen Aufnahme indes, welche rhrc Produktionen bei den Engländern gefunden, und trotz des Ruhmes, der sich um ihren Namen verbreitete, regte sich doch der junge Franzose in Nello und begann, Englands über- drüssig zu werden. Sein romantisches Temperament und das Blut seiner Vorfahren aus heißen Ländern in ihm, ließ ihn allmählig an dem Nebel Großbritanniens genug haben, genug an feinem grauen Himmel, seinen verräucherten Häusern, seiner Atmosphäre von Kohle und Staub, die alles durchdringen und es auf den ersten Blick selbst an Silber- münzen, gleichviel ob sie auch im Geldschrank verschlossen gelegen, erkennen lassen, wenn sie einige Jahre hindurch sich in diesem Lande des traurigen finsteren.Kohlenstaubes be- sunden haben. Er war des englischen Heizens müde, der Speisen, der Getränke, der Sonntage, der Männer und der Frauen der drei Königreiche. Außerdem begann er, ohne sich gerade krank zu fühlen, leicht zu husten, und dieser Husten. obgleich er durchaus nichts Beunruhigendes hatte, erweckte in Gianni eine traurige Erinnerung: die Erinnerung daran, daß ihre Mutter an der Schwindsucht gestorben war. Nello war, ohne daß auf den ersten Anblick eine frappante Aehnlichkeit ins Auge gefallen»värc, doch ganz das Abbild seiner Mutter. Ihr jüngster Cohn hatte viel von ihrer Gestalt, und ein wenig von dem Weiblichen der Zigeunerin lag über den ganzen männlichen Gliederbau des jungen Elown ausgebreitet. Was sein Gesicht betraf, so war es zwar durchaus nicht dasselbe, aber dennoch rief Nello trotz seiner weißen Haut und mit seinen sinnenden dunklen Augen, seinem kleinen lächelnden Munde, seinem Schnurrbart blond wie Hanf, der sanften Anmut des ganzen Antlitzes die Er- innerun-- das Gesicht der Mutter wach, durch die Nüance einiger Züge, den Schnitt einer Kontur, durch das physio gnomische Je ue sais quoi eines Blickes, eines Lächelns. e'ner Miene des Stolzes, durch tausend Kleinigkeiten, welche in oewillen Momenten, bei gewissen Bewegungen des Kopfes, bei einer bestimmten Beleuchtung in ihm die verschönert wieder aufgelebte Stepanida erblicken ließ, nicht anders als cb der Sohn das getreue Ebenbild der Mutter gewesen wäre. Da geschah es denn Wohl, daß Gianni in den langen Stunden, welche die Brüder auf der Eisenbahn zubrachten, umgeben von Kollegen, die eine andere Sprache sprachen, unter dem Einfluß von Erinnerungen, die ibm in dem Hinträumen einer endlosen Reise kamen, seine Blicke sinnend auf Nello heftete, um sich für einige Augenblicke der Illusion hinzu- geben, daß seine Mutter zurückgekehrt sei, daß er sie wiedersehe. Eines Tages, als die Gesellschaft Newsomcs von Dorchester abgereist war um nach Ncwcastlc zu gehen, hatte Gianni den Bruder sich gegenüber im Waggon, schlummernd den Kopf zurückgelegt, den Mund geöffnet und von Zeit zu Zeit leicht hustend, ohne daß der Husten ihn erweckte. Der Äbend nahte, und mit dem sinkenden Tage fielen Schatten ans die Augenhöhlen Nellos und aus sein mager gewordenes Antlitz, abendliches Dunkel in seine Nasenlöcher und dw Oeffnung seines Mundes. Gianni, dessen Blicke auf dem Bruder weilten, empfing den Eindruck, als sehe er den Kops der Mutter, wie sie schlummernd auf den Kissen der Marin- gotte ruhte. 5turz entschlossen weckte er Nello. —„Bist Du krank?" —„Nein doch!" machte Nello mit einem leichten Frösteln. „Nein—" —„Ja wohl!... Hör mich an, Bruder..! Ah, meiner Treu, es bleibt mir nichts anderes übrig... Ich habe unnötigerweise zwei Jahre geopfert wegen des Aufzuges an einem Handgelenk... Professor Brady, der Gymnastikec in New Jork, hat es darin nur bis auf sieben Aufziige ge- bracht, ich mache jetzt deren neun, wie Du weißt... Aber ich weiß noch nicht, was Du darin leisten könntest... und dasselbe ists mit dem Tragen des Körpers in der Luft zwischen ganz ausgestreckten Armen, das bisher nur die Künstler auf Kuba machen. Nun gut; dieser Tage glaubt« ich, die Idee zu einem neuen Apparat gefunden zu haben, einem Apparat, sage ich Dir... aber im letzten Augenblick, Holls der Henker, sah ich, daß das Ding nicht ging, die Sache unausführbar war.— Was ich hier wollte... um was es sich handelte... Du muht mich recht verstehen, Bruder... war, zu dem, was wir jetzt inachen, etwas Neues erfinden. eine neue Produktion—- aber wirklich lieu, nicht etwas Ge- wohnliches... He, was meinst Tu? DaS wäre so etwas geloesen, um damit in Paris im Zirkus herauszukommen!" —„Gut, warten wir also noch." —„Nein! England behagt Dir nickt... Du linstest.. zum Wetter, ich will nicht, daß Tu hpstcst!... vorwärts also, gehen wir nach Frankreich!... Unser Erfolg dort wird ein b'ßchen weniger schmeichelhaft sein— pah! was tut's! Seiner- zeit... und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn dies? Zeit nicht käme... wird man die Sacke schon beim Wickel haben! Gib mir nur noch einen Monat, sechs Wochen... das ist alles, um was ich Dich bitte." «- ir * In Nellos Mißlaune in diesen englischen Kreisen brachte der Eintritt eines französischen Prestidigitateurs, tvelchen Newsome engagierte, eine kleine Erheiterung- Es war ein junger Mann von entschieden vornehmen Allüren, von dem ein dunkles Gerücht wissen wollte, daß er nie wieder nach Frankreich zurückkehren dürfe: er sei, hieß es, ein Sohn aus vornehmem Hause, der sich zu falschem Spiel hatte verleiten lassen, um das gewonnene Geld einer Dame von Stande in den Schoß zu schütten, in die er sterblich verliebt war. Zwischen den beiden aus Frankreich Exilierten entspann sich ein näherer Verkehr, ein melancholisches aber wohltuendes Freundschafts- Verhältnis, in welches auch der mittätige stille Teilnehmer des jungen Edelmannes mit eingeschlossen wurde: eine arme einsame Taube, der die Rolle zufiel, allabendlich von ihm cskamotiert zu werden, und welche in diesem Beruf und ihrem dunklen Leben in den Tiefen der Rocktaschen des Zauberkünstlers ihre liebenswürdige Grazie, ihren Frohsinn und ihre muntere Beweglichkeit verloreil hatte, so daß sie, ftetS regungslos und mit ungepuhtcn Federn dasitzend, einem schlecht geschiützten Vogel von Holz glich. Zu der Zeit aber, als im Soniiner das Wohlsein Nello- sich wiederherzustellen begann und er sich beinahe wieder fröhlich dem Aufenthalte in England hingab, sah der ge- schäftsfiihrende Direktor der vemx-Eirctues von Paris auf seiner Tour, die er alljährlich durch England machte, um neue Kräfte, die man in Frankreich noch nicht kannte, für sein Institut zu gewinnen, die beiden Brüder in Manchester arbeiten und engagierte sie für die neu beginnende Saison des Circiue d'hiver, Ende Oktober. lFortsetzung folgt.) tNachdnnk verboten.) Die ßuebbindekunft der alten JVleifter. (Eine Ausstellung alter Einbände im Deutschen Buchgewerbe- Museum zu Leipzig.) Ein Buch ohne Einband ist wie ein Mensch ohne Obdach. Wer mag geliebte Menschen ohne Obdach wissen! So gönnt der rechte Bücherfreund jedem Buche, daö ihni wert ist, seine schützende und wohl auch schmückende Hülle. Das Mittelalter hat schon die Buch- bindekunst gepflegt, ja in der Anfertigung kostbarer Einbände war es uns sogar weit voraus; aber weniger der Buchbinder als Gold- schmiede- und Elfenbeinschnitzer haben jene älteren Einbände her- gestellt, und diese Anwendung der vornehmsten Techniken auf die Buchhülle erklärt sich ohne weiteres aus dem unvergleichlich höheren Werte der handgeschriebenen Bücher jener Zeit. Fürsten- Höfe, Kirchen und Klöster waren ihre glücklichen Besitzer, und nannte einmal ein gelehrter Privatmann solch einen Band sein eigen, so pflegte er ihn wohl mit einer starken Kette, die den größten Hund hätte halten können, an sein Pult zu schließen. Nicht indes von diesen„Mönchsbänd en", die mit ihren Bünden, Schließen und Bcschlagstückcn einem soliden Handkoffer unserer Tage an Größe und Gewicht nichts nachgeben, soll hier erzählt werden; lebendigen Wert hat für unS nur die Buchbindekunst, wie sie sich seit Erfindung des Buchdrucks, mit dem Massen-, dem Ver- legerbande entwickelt hat, und gerade über diese ihre neuzeitliche Entivickelung gibt zurzeit eine große Ausstellung älterer Buch- einbände aus drei Jahrhunderten(vom Ende dcö Ib. bis zum Be- ginn deS IS. Jahrhunderts) im Deutschen Buchgcwerbc-Muscum zu Leipzig sehr interessante Aufschlüsse. Das Regal ist der Sarg des alten, üppigen Metall- und ElfcnbeinschmuckcS am Bucheinband. Von dem Augenblick an, da gedruckte Bücher in die Welt hinausgingen und jeder wohl- habende und gebildete Mann sich so viele sammeln konnte, daß nicht mehr das Pult, sondern ein Bücherregal den geeigneten Auf- bcwahrungsort für die Bibliothek bildete, mußte mehr und mehr der Zierrat der nebeneinander gestellten Bücher auf einen reinen Flächenschmuck zusammenschrumpfen. Lcder, auf Holzdeckcl und später auch auf Pappe gezogen, wird nun da? Grundmatcrial jedes Bucheinbandes. Man sieht einige sehr alte Ledereinbändc auf der Leipziger Ausstellung, in die noch einfach mit dem Messer Ornamente und figürlicher Schmuck eingeritzt sind; diese älteste Technik der Lcderbcarbeitung wird aber bald von der Leder- Pressung, der sogenannten Blindpressung(ohne Farbe) fast ganz verdrängt. Die verschiedenen alten Preßwcrkzeuge fehlen auf der Ausstellung nicht: da ist, einem Spieß nicht unähnlich, das S t r e i ch e i s e n. das nach gehöriger Erwärmung dazu dient, in das angefeuchtete Leder gerade Rahmenlinicn zu ziehen; dann wurden kleine Handstempel mit eingeschnittenem Muster be- nutzt, das mühselig in so und so viel Wiederholungen auf den Leder, decke! gepreßt wird, und als praktische Vereinfachung dieser Technik kommt die Rolle auf, die man bei kleinen Buchbindern wohl heute noch findet. Das sich fortgesetzt wiederholende Ornament eines Schmuckstreifcns ist in die mit Holzgriff zu lenkende Metall- rolle eingeschnitten, und so läßt sich in einem Zuge ein ganzer Ornameutband aufs Leder ziehen. Daß da die Muster bei den Querleisten auf der Seite lagen, daß sie in den Ecken über- einander gedruckt wurden und an den Enden oft unvermittelt ab- brachen(„Totlaufen" nennt es der Fachmann), störte unsere alten Meister wenig. Tie Wirkung der verschiedenen BlindpressungS- tcchnikcn, zu denen sich schließlich auch der große, die ganze Band- fläche deckende Plattenstcmpcl gesellte, ist stets eine vornehm- ruhige; die ohne Farbe eingedruckten, schlicht konstruktiven Oma- mcntc heben sich nur durch ihren dunkleren Glanz vom Leder- gründe ab. Für den echten alten deutschen Bucheinband ist die prunklose und billige Blindpressung lange typisch geblieben. Die vergoldete und farbige Buchhülle der neueren Zeit ist über Ungarn und Italien vom Orient her ins Abendland ge- kommen." Der orientalische Buchbinder folgte nur seinem eigenen Gefühl und dem Geschmack seiner Stammesgenossen, wenn er selbst ein so schlichtes Ding wie daS Buch in ein sehr phantastisches Ge- wand kleidete. Tie Goldprcssung war im Orient eine längst geübte Technik; das Leder wird, nachdem meist das Muster schon blind vorgcdruckt worden ist, mit Eiweißpulver eingestäubt und daS darüber gelegte Goldblatt wiederum mit Handjtempeln und wohl auch mit feinen Rollen fest eingepreßt, worauf das über- schüssige Gold abgebürstet wird. Reben den vollen, den leeren (d. h. nur umrisscncn) und schaffrierten Handstempeln, wie sie im Orient benutz: wurden, sieht man auf der Ausstellung des Deutschen BuchgcwerbemuseumS auch orientalische Plattenstempcl, die aus sehr merkwürdigem Material, nämlich harter Kamelshaut, gefertigt sind. Außer durch die Goldpressung erhöhte der Buch- Kinder des Orients den Farbenrciz seiner Einbände durch Hinter- legung der feingeschnittenen Lederornamente, mit farbiger Seide; endlich stand ihm in den schönen Lederarten der Sarazenen das denkbar edelste Material zur Verfügung, narbiges Zicgcnlcder, Korduan oder Maroquin(nach Kordova und Marokko) genannt, und kräftiges Esel» oder Maultierleder, C h a g r i n genannt, weil vom Rücken(türkisch„zagri") ge- nommcn. In der Ornamentik neigt die Phantasie des Orientalen, wie überall, so auch auf seinen Bucheinbänden leicht zur Ueber- ladung; die starke ornamentale Betonung der Mitte und der vier Ecken des Buchdeckels ist uns vom Orient überkommen, und manche allzu aufdringliche Buchverzierung mag bis in unsere Tage darauf zurückzuführen sein. Aber orientalisch ist auch mehr als eine der entzückenden einzelnen Schmuckformcn, die noch heute in der Buch- bindekunst mit Recht verwendet werden, insonderheit die sogenannte Maureske, ein phantasievollcs Geschlinge zarter Linien mit stilisierten Blatt- und Blütenansätzcn. Ter venctianische Buchhändler AlduS ManutiuS und � der Ungarkönig Matthias Eorvinus haben zuerst die orientalischen Neuerungen übernommen und verbreitet. Eorvinus(1458— 1490) war wohl der erste große Bibliophile; da aber bei der Eroberung Ofens durch die Türken seine Bibliothek zerstört oder zersprengt worden ist, so sind die„E o r v i n e n" außerordentlich selten. Für die Leipziger Ausstellung hat die königliche Bibliothek zu Dresden einen der kostbaren ungarischen Lcderbände hergeliehen. In der Entwickelungsgeschichte der Buchbindckunst von weit größerer Be- deutung sind die gediegenen Einbände des hervorragenden italienischen Verlegers Aldus M a n u t i u s: die sogenannten „Aldi neu" haben den Golddruck, wenn auch zunächst in sehr sparsamer Verwendung, und die orientalischen Schmuckformen über ganz Italien verbreitet, sie stellen zugleich den Anfang der italienischen Rcnaissance-Buchbindckunst dar. Leicht läßt sich ihre weitere Entwickclung an der Hand der zahlreichen ausgestellten italienischen Einbände verfolgen: sogenannte Bandrahmen. jeder aus zwei parallelen Göldlinicn gebildet, erscheinen zunächst zu zweien, laufen ein paarmal verschränkt am Rande der Buch- decke! entlang(Vorder- und Rückdeckcl sind gleicherweise ge- schmückt), während den Titel im Mittelfeld der Vorderseite einige Mauresken umranken; dann mehren sich die Bandrahmen, über- ziehen auch in Form von Rauten und Dreiecken vielverschlungen die Einbandfläche. schweifen in Kurven aus und winden sich in immer stärker gekrümmten Bogen, bis sich schließlich der volle Charakter des reliefartig wirkenden Nollwerk eS ausprägt, das für unser Empfinden aus dem Rahmen des reinen Flächen- schmuckes, wie ihn der Bucheinband der Neuzeit verlangt, fast schon herausfällt. An zwei Namen bcsondeers ist diese EntWickelung geknüpft, an Tommaso Maioli, den italienischen Meister, und an Jean Grolier de Servin, den berühmten Bibliophilen, der als Schatzmeister des französischen Heeres ein Viertcljahrhundert lang in Italien gelebt hat. Die üppige Formensülle der Grolicrbände erscheint häufig durch schwarze oder bunte Bemalung des BandwcrkS mit Lackfarben noch ge» hoben. Im Jahre 1537 wurde Grolier nach Paris zurückberufen, und hier gab er den Anstoß auch für die EntWickelung der f r a n z ö- fischen Buchbindcrkunst, die zugleich durch das Bibliophilentum der französischen Könige, wie Franz L, Heinrich II., so wirksam gefördert wurde, daß sie bis in unsere Zeit tonangebend geblieben ist. Zu einem guten Teile dankt sie diese Stellung natürlich auch dem feinen Geschmack der französischen Buchbinder, der sich alsbald in der Wandlung kundgibt, die der Grolicrstil in Frankreich er- fahren mußte. Das reichlich derbe und grob verschlungene Band- werk der in Italien für Grolier gefertigten Einbände weicht jetzt nämlich mcbr und mehr einem leichten, aus kleineren Bandrähmchcn zusamengcsctztcn Netz, dessen Maschen von anmutigen Mauresken übcrrankt werden. Ein so oder auf ähnliche Art gleichmäßig über- sponnencr Deckel trifft den Flächcncharaktcr des Bucheinbandorna- mcntcS weit vollkommener als etwa das Rollwcrk der Italiener; ruch die reihenweise mit Initialen, dem Lilicnwappen, Flammen oder Sternen übersäten Einbände aus der Bibliothek des französischen Hofes find in der Gesamtwirkung äußerst schön. Die MaureSkcnfüllung selbst macht unter den Händen des französischen Buchbinders ebenfalls noch mancktcrlei Wandlungen durch; Sic feinen Ranken werden spiralförmig, und Lorbeer- und Palmen» zweige gesellen sich dazu: das ist der F an fa r en st i l. der seinen merkwürdigen, rein zufälligen Namen erst später erhalten hat. als sich ein sranzösischer Bibliophile einmal ein Buch mit dem Titel „Les Fanfarcs..." wieder in solch einen Einband älteren Stils binden ließ. Im 17. Jahrhundert zeigen sich, auch auf der Innen- leite der Teckel, die man jetzt zu verzieren begann, zwischen dem Ranken» und Vlütenwerk des Bandnetzcs kleine goldene Pünktchen, mit ien sogenannten p oi n ti l li erte n Stempeln in? Leder gepreßt; so winzig dieses Motiv ist, das zuerst die franzosischen Meister Le Gascon und Florimond Badicr angewandt haben, so wurde es doch bald überall nachgeahmt. Ein Streben nach ver- feinerten Schmuckformen lassen etwa um die Mitte des 17. Jahr- Hunderts auch die Einbände italienischer und deutscher Buchbinder erkennen: der Fächerftil bildet sich aus, der die Bandrahmen, die Ecken und freien Felder mit fächcrstabförmigen Viertel- Halb- und Ganzkreisen füllt Und in Frankreich setzt sich die Entwickc- lung, die mit dem Bandnetzstil der Renaissance begann, bis ins 18. Jahrhundert hinein fort, denn nur eine Abart jenes Stils ist auch das zarte Spitzenornament, das jetzt ähnlich den leichten Spitzenmustern auf den Porzellanen dieser Zeit die fran- zösischcn Buchdeckel umzieht. Ein Meister dieses Stils ist Tcrome lc Jenne, und von ihm stammen höchstwahrscheinlich auf der Leipziger Ausstellung die zwei schönen roten Lederbände, die mit ihren, aus kleinen Teilstempeln zusammengesetzten goldenen Spitzen- mustern schon für sich wie zarte Gedichte wirken. Ein Blick auf verschiedene Einbände für den französischen Hof lehrt uns noch, daß Frankreichs Könige, wo sie von dem allgemeinen Stil der sranzosisckicn Buchbindekunst abwichen, die vornehmste Schönheit in äußerster Einfachheit sahen; eine schlichte, kräftige Goldrandborde. vier Lilien in den Ecken und in der Mitte das Wappen, das ist häufig der ganze Schmuck, aber dieses Wenige atmet höchste Würde. Es fällt einem schwer, nach dem Anblick so geschmackvoller Er- zugnisie sich für die deutschen Einbände der Renaissance und der späteren Zeit sonderlich zu begeistern. Die blind gepreßten, bleichen Pergament- und Schwcinsledcrhüllen. die so häufig wieder. kehren, sind kaum ein Labsal für das Auge. Für den Reiz reiner, flächiger Schmuckformen hatten die deutschen Buchbinder noch wenig Gefühl und so preßten sie, ganz im Einvernehmen mit dem heute noch nicht einmal überwundenen deutschen Turchschnittsgeschmack, das Bild eines Fürsten oder auch eines Mannes wie Luther mit Plattenstempeln ins Schweinsleder. Erträglicher wirken diese Blindpressungen von Bildnissen auf braunem Kalbleder, und in Verbindung' mit dem Kalbleder trat auch allmählich die Gold- vrcssung häufiger auf, gegen die sich die konservativen deutschen Buchbinder lange gesträubt haben. Daß die pfalzbaye- r i s che n Fürsten auf reicheren Schmuck der Büchercinbände Wert legten, beweisen Kalblcderbände, die für Otto Heinrichs Schloß- bibliothck in Heidelberg und für seinen Nachfolger Friedrich III. gefertigt sind. Aber wiederum charakterisiert es den primitiveren Geschmack der Deutschen, daß man sich nicht wie in Frankreich mit der Goldpressung und ihren mannigfachen Variationen begnügte, sondern bald in Farbenbunthcit zu schwelgen begann. Das Band- werk wurde mit Lackfarben bemalt, der goldbepunzte Grund noch farbig getüpfelt, auch weißes und rotes Leder wohl aufgelegt, und wie in Einzelheiten so in der Gesamtanlage der Buchdeckel das orientalische Verzierungsprinzip vielfach nachgeahmt. Den Höhepunkt dieser deutschen Renaissance-Buchbinderkunst stellen die prunkvollen Arbeiten des in Zwickau geborenen Buchbinders Jakob Krause für Kurfürst August von Sachsen(1553— 1686) dar, und man muß gestehen, daß besonders jene Einbände, auf denen sich orientalisches Ornament mit dem Goldnetzstil der Fran- zosen verbindet, in ihrer Art von großer Schönheit sind. Des deutschen Fächerstils ist schon gedacht worden. Im 17. und 18. Jahr- Hunderts ging von Norddeutschland eine besondere Vorliebe für die dekorative Verwendung naturalistischer Blumen» motive aus. Blüten- und Blätterornamcnte kehren auch in der sehr selbständigen, durch großen Prachtaufwand gekennzeichneten en g l i schcn Buchbindekunst vielfach wieder. Was das 16. Jahr- hundert dann geleistet hat, wissen wir; eS warf entweder alle guten Traditionen über den Haufen und„schmückte" die Buchein- bände sogut wie Häuser und Möbel mit allen möglichen Motiven, die überall anders, nur gerade dorthin nicht paßten, oder es druckte mit der Maschine die üppigsten Grobicr- und Gascon- Muster auf„Leder aus Pappe" und fügte so zu der Protzerei den Betrug. Erst in unseren Tagen haben die Künstler und Buchbinder- meister wieder begonnen, dem Bucheinband einen ehrlichen und seinem Charakter gemäßen Schmuck zu schaffen. Dr. Karl Weichard t. (Nachdruck verboten.) Vom Erfrieren. Das Sinken! der Temperatur in verschiedenen Gegenden Europas und die aus allen Gebirgen gemeldeten Schneefälle lassen auf baldigen Wintereintritt schließen. Eine der größten Gefahren des Winters ist das Erfrieren. Der sogenannten Mittel gegen das Erfrieren sind es unzählige; viele davon befördern es eher, als daß sie es verhindern, z. B. der Alkohol. Gute Ernährung, eine gewisse Abhärtung, ein energischer Charakter und ein gesundes Herz find die besten Schutzmittel gegen das Unglück des Erfriercns. Einen großen Einfluß übt allerdings die Individualität aus. Werden grelle, rasche Ueber- gänge vom Warmen ins Kalte und vom Kalten ins Warme ver- mieden, so kann ein gesunder Mensch allerdings sehr hohe Kälte- grade ohne Schaden aushalten, namentlich wenn er geistig erregt, energisch, tätig, muskelkräftig ist und einen gesunden Herzmuskel, das heigt einen regelmäßigen, kräftigen Puls hat. Tempera- turen, bei welchen Weingeist und Quecksilber gefrieren, erträgt noch der gesunde Mensch. So ist ti z. B. bekannt, daß Teilnehme» von Nordpolcxpeditionen 56 Grad unter Null schadlos ertrugen» Hingegen kommt es oft vor, daß schon bei ganz mäßiger Kälte. wenn der Thermometer nur einige Grade unter dem Gefrierpunkt steht, bedeutende Uebcl, sogar mit tödlichem Ausgange zustande kommen, wenn die Menschen blutarm, schlecht ernährt, oder geistig niedergedrückt sind. Greise, Kinder, bleichsüchtige Mädchen, Säufer, namentlich Branntweintrinkcr, Leute, welche einen schlechten Herzmuskel haben, bekommen leicht Frostbeulen und er- frieren sogar sehr schnell, wenn sie bei starker Kälte müde und fchläfrig werden. Es tritt alsbald ein Zustand von Betäubung ein, und sobald sie sich dann niedersetzen, um auszuruhen, schlafen sie in scheintotem Zustande, atmen noch ein ganz klein wenig, und auch ihr Herz macht noch leise Anstrengungen, etwas Blut hin und her zu treiben. Gerade diese Herzbewegung ist eS, welche den Scheintod so lange erhält. Sie übt auf die Lungen einen leisen Druck aus und bewirkt auf die Lungen eine Art künstlicher Atmung, welche aber so gering ist, daß Laien und selbst Acrztc Erfrorene oft- mals für tot baltcn. Middeldorfs Akidopeirastik ist die sicherste Methode, den Scheintod zu erkennen, sicherer als der Fußsohlen- schnitt und das Brennen mit Siegellack und alles andere. Man stößt eine lange Nadel zwischen fünfter und sechster Rippe i» das Herzfleisch, was bis zu einer gewissen Tiefe ganz ungefährlich geschehen kann. Die Nadel ist so lang, daß ungefähr die Hälfte dcrfclbcn außerhalb der Brust sichtbar ist. Sind noch die geringsten Hcrzbcwegungen vorhanden, so bemerkt man dies an einem leisen Zittern der Nadel. Wird die Erwärmung der Erfrorenen zu rasch bewerkstelligt, so tritt eine so heftige Reaktion ein, daß die Behandelten daran sicher zugrunde gehen. Gefrorenes und wieder aufgetautes Blut ist zwar noch rot, aber lackfarben. Der Blutfarbstoff hat sich von den Blutzcllen getrennt. Solches aufgetaute Blut erzeugt im normalen Blute Gerinnungen, und man kann sogar ein gesundes Tier töten, wenn man aufgetautes Blut in seine Gefäße spritzt. Anders aber gestaltet sich der Vorgang bei Erfrorenen, welche sehr langsam erwärmt und belebt werden. Wird nämlich eine ganz kleine Menge des erfrorenen Blutes wieder aufgelöst, und dem Organismus zugeschwemmt, so wird derselbe diese kleine Menge Gift überwinden. Aus diesem Grunde darf auch, wenn man bei Erfrorenen Wiederbelebungsversuche anstellt, die Erwärmung und Flüssigmachung der Säfte nur langsam vor sich gehen. Am besten legt man Erfrorene in Schnee und reibt sie mit Schnee, nimmt sogar öfters wieder frischen Schnee, und ersetzt dann diesen durch recht kaltes Wasser. Endlich gibt man in einem ungeheizten Zimmer ein kaltes Bad, reibt Brust und Herzgrube recht mit frischem Wasser, dann erst kann man den Erfrorenen in ein kalte? Bett legen, mit kalten Decken einhüllen und ihm ein kaltes Wasser» klhstier geben. Einige blasen mit einem Blasebalg frische Luft in ein Nasen» loch, während sie das andere Nasenloch und den Mund gut zu» halten. Allein hierbei kommt die Luft weit mehr in den Magen als in die Lungen. Will man eine künstliche Atmung einleiten, so ist eS viel besser, abwechselnd des Kranken Arme an sein« Brust hin zu drücken und dann wieder über seinen Rumpf hinauf- zuhebcn, oder noch einfacher mit unseren beiden Händen langsam (alle zwei bis drei Sekunden) Brust und Bauch des Erfrorenen zusammenzudrücken. In den gewöhnlichen Verhältnissen unseres Lebens werden jedoch derartige Unglücksfälle wir selten zur Beobachtung kommen, desto zahlreicher sind aber die Klagen über erfrorene Finger und Zehen, Ohren und Nasen, oder über quälende Frostbeulen. Werden solch kleine Körperteile der Kälte preisgegeben, so ziehen sich die Adern zusammen und treiben das Blut gegen das Zen» trum. Die Rückflächen der Finger und Zehen erfrieren zuerst, werden bald gefühllos, die Glieder selbst steif und bewegungslos. Nach einiger Dauer gefriert das Blut in den Adern zu Eis; alle Gewebsfasern werden spröde und brechen sehr leicht. Erfrorene Glieder sind aber nicht tot, langsam erwärmt, genesen sie wieder vollkommen. Der erste Grad dieser Entzündung macht die Glieder blaurot, violett, geschwollen und glänzend gespannt. Erfrorene Glieder sind anfangs kalt und schwer beweglich, machen stechende Schmerzen, gerade wie ein eingcschlafcnes Glied, namentlich abends bei naßkaltem Wetter. Im Frühjahr und Sommer verschwindet oft das ganze Hebel, manchmal tritt es aber auch mitten im Sommer wieder auf. Im ersten Winter sind bis Schmerzen heftiger als in den folgenden. Ein zweiter und höherer Grad der örtlichen Erfrierung cnt- steht, wenn höhere Kältegrade eingewirkt haben oder die Erwär- mung noch ungeschickt rascher war. Alle Symptome sind dann heftiger. Die Oberhaut der Finger berstet, und eS entstehen schmerzhafte Risse, Blasen, Geschwüre. Als dritter Grad bezeichnet man jene Erfrierungen, wo das erfrorene Glied entweder sofort brandig wird, oder locnn es sich vorher heftig entzündet hat, in Brand übergeht. Jedoch geht der Brand selten tief, sondern er beschränkt sich meist nur aus dis Oberbaut, welche grau, schwarz und trocken wird. Unter diesem oberflächlichen Brand findet man gewöhnlich ein gutartiges heil- bares Geschwür. Hat man tatsächlich das Unglück gehabt, sich ein Glied zn erfrieren, so daß es blaß, steif, kalt, gefühl- und bewegungslos wird, so vergesse man ja den Hauptgrundsatz nicht und erwärme den erfrorenen Teil nicht zu Mfch; man reibe das erfrorene Glied in einem ungeheizten Zimmer mit Schnee und Eis, bis einige Empfindung zurückkehrt, dam reibe man dasselbe mit kaltem Wasser und wickele es zuletzt in feine Leinwandläppchcn. welche mit einer Mischung von fünf Teilen Goulardiscbcm Wasser und einem Teil jlampfergeist befeuchtet sind und mit Gutt»Percha- Papier oder WachStaffct umwickelt und eingebunden werden. Will man die Sache recht gründlich»nachen, so lege man sich abends ins Bett, hülle die erfrorenen Glieder in Flanell und trinke etwas Schweißtreibendes, ein paar Tassen warmen Flieder-, Minzcntec oder Punsch. Wird eine Hand oder ein Fuß, der erfroren und pelzig war und bald nachher bis zur Rückkehr der Empfindung»nit Schnee tüchtig gerieben wurde, abends im Bette in Schweiß gebracht, so ist die Erfrierung meist gründlich kuriert und kaum ein Rückfall zu befürchten. Von der großen Anzahl empfohlener Mittel hat doch jede? seine Eigentümlichkeit; der einen Natur wird dieses, der anderen jenes mehr nützen, weshalb es recht klug ist, die Wahl jenem Arzte zu überlassen, der die Natur des Beschädigten kennt; denn alle Mittel, die kräftig und nützlich Wirten, können bei un- passendem Gebrauche auch recht schaden. Leider treten aber gerade derartige Unglücksfälle oft in Situationen und an Orten auf, wo Aerzte nicht zu Gebote stehen, und deshalb ist es recht gut, wenn von diesen Verhältnissen auch Laien etwas wissen. Dr. N.— r. Kleines f euUleton. Waisenkind! Der kleinen Martha Weber? Eltern starben beide kurz nacheinander, als die Kleine 4 Jahre alt war und den Verlust noch gar nicht recht begreifen konnte. So wenigstens meinten die Leute, und die Weiber wischten sich eine Träne aus dem Auge, die sie über das Schicksal des armen Kindes geweint, ohne nur einen einzigen Blick in die großen, grauen Kindcraugen xu tun. Hätten sie es getan, dann hätten sie wohl aufschreien können vor Mitleid über das, was da die Seele redete, die kurzen, klaren Worte:„Ich verstehe alles". Ja, die kleine Martha verstand, waZ sie verloren, verstand, was man ihr geben würde und ruhig, ohne Tränen ging sie den Weg»nit, den man sie führte. So zog sie ein in das große, schöne Gebäude da draußen, welches Waisen- und Erzichungshaus zusammen darstellte, so sah sie alle die bunten Blumen an, welche in dem Garten blühten, und so hörte sie das Gezwitscher der Vögel in den Zweigen der alten Linde, welche die Fenster des Schlnfsaalcs beschattete. So ruhig und traurig vertauschte sie ihr Kleidchen mit der Anstaltstracht, dem grauen, unförmigen Kittel, über tvelchcm im Hause eine schwarze, beim Ausgange eine weiße Schürze von ebenso häßlichem Schnitt und das weiße, altmodische Buscntuch gebunden wurde, so setzte sie am Sonntag, wenn sie mit hinaus marschieren mußte, um zu spielen, den graubraunen Schutenhut mit den Bindebändern auf, und so spielte sie, wenn sie durch die Aufseherin dazu gezwungen wurde. Sic lachte nicht und sie weinte nicht. Nur abends, wenn alle schon schliefen, lag sie noch lange in ihrem Bette wach und die großen Augen starrten in die Dunkel- heit, ohne daß eine Träne das Brennen darin gelindert hätte. Ohne Murren, aber auch ohne Empfindung nahm sie Er- uiahnungcn und Schelten entgegen, und schließlich kam man zu der Ansicht, daß man cS hier mit einem besonders verstockten Kinde zu tun hätte. Am ersten Tage, nachdem man zu dieser Erkenntnis ge- kommen, erhielt die kleine Martha die ersten Schläge, nicht viel, nicht schwer, nur so viel, daß es jedes andere Kind nach zehn Minuten vergessen gehabt hätte, wenn es zuerst geweint. Die kleine Martha weinte nicht, sie ging an diesem Abend schlafen wie stets, aber als sie am nächsten Morgen nicht aufstand, und mai« nachsehen wollte, ob sie krank sei, da war der kleine .Körper schon fast erkaltet. Die ungewcintcn Tränen hatte» ihr das Herz gebrochen.--- Elara Bobm-Sckuch. Notizen. — Musik, Theater, Vorträge: Puppenspiele. Am 7. Dezember d. I. wird im oberen Saale der Sezession, Kurfürsien- dämm 208/209, ein Puppentheater eröffnet werden. An diesem Tage gelangen fünf Einakter von Paul Scheerbart zur Erfi- äuffnhrung.— Architekt oder Gärtner. Der Verein zur Beförderung de? GartenbancS veranstaltet am Donnerstag, den 28. in der Landwirtschaftlichen Hochschule, Jnvalideustr. 42, seine Rovembersitzung. Die Frage, ob der Garten als eine.erweiterte Wohnung zu betrachten und seine Gestaltung daher Sache des Architekten sei, oder ob der Gartenküifftler dieses Gebiet als seine eigene Domäne betrachten müsse, ist heiß umstritten. Daher wird der Generalsekretär dcS Vereins, Siegfried Braun, über da-Z Thema sprechen:„Gärtner und Architekt im Lichts der Aus- stellungen von Dresden und Mannheim." Gäste willkommen.— Sprachkurse aus dem Podium scheint Fr. Rosa Poppe, die das für sie ungastlich gewordene Schauspielhaus zugunsten Eng- lands bekanntlich verläßt, veranstalten zu wollen. Wenigstens ist für Dienstagabend angekündigt, daß sie in der Hochschule für Musik den Grctchenmonolog— englisch rezitiert. — Ein bleibendes Verdien st Bonn? ist die Ein- führung der Theaterspeeches. In der Tat wie viel Nutzen wäre damit zu stiften, wenn die Autoren, Schauspieler und Aktionäre in den Zwischenakten oder auch sonst über all das ihr Publikum aufklären könnten, was sie auf dem Herzen haben, aber in den Stücken nicht gut unterbringen konnten. Wie beredt hätte Sudcr- mann Über seine Kritiker, wie sachverständig Lautenburg über die Cochonncricn und ivie tief Reinhardt über die Bedeutung der Lilatönungen für das Verständnis Shakespeares reden können. Wie'viele Dramen wären der Welt erhalten worden. wenn man sie von der Bühne herab kommentiert bätte. Schade, daß nur Bonn von dieser Methode Gebrauch zu machen weiß. Es war vorauszusehen, daß er bei der Abschiedsvorstellung in seinem Berliner Theater reden würde. Und Bonn sprach, lieber Bonns „Andalosia", das immer noch nicht genügend geschätzte Drama des Bonnichen SchönheitSkultuS— das an diesem Abend nicht wieder durchfiel wie bei der Eröffnung der Bonnschen Epoche—, über Germaniens Ideale, über Frau Bonn und noch manches. Auch dessen rühmte sich der Meister, daß er die Laune des Publikum? nach Detektivstücken für seine Zwecke fanS dem Idealen ins Deutsch« über- setzt Kasse) meisten» konnte. Als guter Kenner der obcrbaycrischen Volksstücke ließ Bonn in dem improvisierten Theater, das er allein spielte, den Teufel... die Lichtgestaltcn auftnarschieren. Erstcrer erschien in Gestalt eines Kritikus und letztere repräsentiert durch unseren„großen, genialen Kaiser". Hierauf korrtrnandierte er— Bonn— verschiedene Hurra?, und alles Bonnsche Volk freute sich sehr, teils dicserhalb. teils jcnetwegcn. Und da Bonn ein guter Bayer ist, wird er hoffentlich auch für echte? Freibier gesorgt habe». Denn ohne dieses ist'S auf die Dauer nichts mit dem besten deutschen Idealismus. — B ü h n e n ch r o n i k. In Mannheim erwies sich das Märchcnstück„Fitzebutzc" von Richard D e h in e l»nit der komplizicricit und von Vorbildern abhängigen Musik von Z i l ch e r als verfehlt. — Reichskassenscheinkunst. Da uirs lein Rezensionsexemplar der neuen Zehmnark- Reichskasienscheine zugegangen ist, möchten wir vor der Hand wenigstens die Kritik, die ein so reich?- treues Blatt, wie die versckcrlte„Münchcncr Allg. Ztg." daran übt. unseren Lesern nicht vorenthalten. Man liest dort: Die asketischen Kunstanschauungen der Moderne verbieten es nnsern Dichtern und Malern ganz und gar, politische Motive zu verwerten. ES ist die? der einzige Punkt, da Polizei und Moderne ein Herz und eine Seele sind; und cS muß schon etwa? ganz Entsetzliches in der Politik loS sein. wenn e? in der Kunst seinen Ausdruck findet. Etwas so Entsetzliches scheint die Finanznot deS Reiches zu seilt. Denn sie hat bereit? ein Kunstwerk geschaffen: den neuen Zebninark-Reichskassenichein. Ach. es ist kein stolzes und glückstrahlende-? Kunstwerk. Graugrünlich ist seine trübe und höchst bezeichnende Farbe, und es ist, als habe der Künstler, der es schuf, all seinen Schmerz hinein versenkt. Es ist freilich kein Vergnügen, heutzutage für das Reich zu arbeiten,»venu man keinen Vorschuß hat und an die fragwürdige Schuldentilgung denkt. So kann's nicht ivundernehmen. daß die Damen, die dieses Titelblatt moderner Finanzgeschichtc allegorisch schmücke», einen höchst betrübenden Eindruck macken. Sie sind von erschreckender Magerkeit und schauen bleich und sorgenvoll in die Zukunft. Allegorien sollen ja wohl immer etwas ausdrücken—»md wenn ich den Sinn des Künstlers recht verstehe, so bedeuten die drei tronrigen Geschöpfe: Schulden- tilgung, Martikularbeiträge und Steuerschraube. Schrecklich— gab »licbt ein Engel Trost—, denn auf dem grünen Papier ist ein kreis- runder weißer Fleck. Zuerst denkt man, die Farbe habe nicht aus- gereicht. Hält man den Schein aber gegen das Licht, so wird ein Wasserkopf— nein, ein Wasserzeichen sichtbar, das einen wunder- vollen Merkurkopf darstellt. — Die Pariser öffentlichen Schreiber. Länger als anderswo haben sich im weltstädtischcn Treiben von Paris Em- richtungen des mittelalterlichen SladtlebenS erhalten. So ist erst in der jüngsten Zeit der letzte der öffentlichen Schreiber, die mit obrigkeitlicher Bewilligung in ihrer Bude eine Kundschaft von schreib- unkundigen oder ihrer Schreibkunst mißtrauenden Leuten bedienten. aus den» Slraßcnbild verschwunden. Tie letzte Schreiberbnde befand sich bei der Abbaye-au-Bois am Boulevard Raspail. Sie war i»n Jähre 1832 errichtet worden und hielt seither allen Umwälzungen der neuen Zeit stand. Ihr Insasse war seit einigen Jahren eine Frau, die von der Präfcktnr nach dem Tode ihres ManneS die Erlaubnis erhalten hatte, sein Gewerbe auf öffentlichem Platze weiter auszuüben. Zu ihren Kunden gehörten allerhand kleine Leute, die schön aufgesetzter NeujahrSgratiilationen, HciratSaitträge u. dergl. bedurften, daneben ging etwas Winkeladvokatur einher. daS Auf- putzen urwüchsiger Streithändel mit altertümlichen Schnörkelformen. Die Frau versichert, daß die vielgcrühmten Fortschritte der Volks- bildnng ihrem Geschäft keinen Eintrag getan hätten. Der auf- schießende Gcschäftsbau eines Warenhauses, nicht der bessere Satzbau der Zeitgenossen ist es. der sie verdrängt. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer&(£o.,9ciImSW.