Attterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 231. Donnerstag� den 28 November. 1907 lNachdruck verbolc».) W Die Brüder Zemganno. Von Eimonb de Ooncoiirt. Die Brüder befanden sich in dem Geschäftszimmer des Direktors der Deux-Cii'qaes in Paris, Rue de Crussol: einem grosien Saal mit mächtigem, mit grünem Tuch be- zogenen Tisch, Mahagoni-Fauteuils in dem altmodischen Stil des ersten Kaiserreichs, Wänden, die mit einer düsteren Tapete bedeckt waren und an denen man, mit Nadeln an- geheftet, alte Affichen mit Ankündigungen der ersten Auf- führung berühmter Produktionen erblickte, untermischt hier und da mit in grellen Farben gehaltenen Chroniolitho- graphien von Cheret. Der Direktor gab den Brüdern den Kontrakt zur Durch- ficht, den sie zu unterzeichnen hatten. „Zwischen den Endesunterschriebenen————— ist vereinbart und festgesetzt worden tvas folgt: 1. Die Herren Gianni und Nello erklären, daß sie hier- mit bei der Truppe der Sociöts des venxOirque in der Eigenschaft als„Clowns" Engagement nehmen, um in diesem Fach gegen die Vergütung, welche ihnen der geschäftsfiihrende Direktor dafür gewährt, und in der Weise, wie er es für ge- eignet erachten wird, tätig zu sein, nicht nur in den Vor- ftellungen der veuxOirgue zu Paris, sondern auch in den- lenigen Vorstellungen, welche, sei es in Frankreich oder im Auslande, in gleichviel welchen Sälen, Gärten, öffentlichen oder Privatlokalitäten, seitens der Soci6t6 des Deux-Cirquek veranstaltet werden, gleichviel, welches die Zahl der an einem Tage gegebenen Vorstellungen sei. 2. MM. Gianni und Nello werden demgemäß der Truppe oder einem Teil derselben überall dahin folgen, wohin der geschäftsführende Direktor es für geeignet hält, dieselbe sich sowohl in Frankreich wie im Auslände begeben zu lassen, und werden sich ebenso auch, wenn er es wünscht, allein an den von ihm bezeichneten Ort begeben, und zwar dies auf sein bloßes Verlangen hin, ohne dafür eine erhöhte Gage noch irgendwelche andere Entschädigung mit Ausnahme der Kosten für die Reise zu beanspruchen, welche letztere auf dem Wege und in der Weise stattzufinden hat, wie der ge- schäftsführeude Direktor es anordnet. 3. MM. Gianni und Nello verpflichten sich, alle Sorg- falt auf die Details des Manegendienstes zu verwenden, in der bei Zirkusgesellschaften üblichen Weise die Terrasse*) mitzumachen, sich an dem Jnstandsetzen der P i st e**) zu be- teiligen und während der Vorstellung die Uniform zu tragen, welche ihnen zu dem Dienst in der Manege geliefert wird. 4. MM. Gianni und Nello verpflichten sich, außer zu dem in obigen Artikeln Festgesetzten, jeden Abend eine Nummer***) zu geben. 5. MM. Gianni und Nello haben sich zu ihrem Dienst in der Vorstellung an dem vorgeschriebenen Ort und zu der vorgeschriebenen Stunde einzufinden, so oft dies von ihnen verlangt wird, sei es, daß die Benachrichtigung davon münd- lich oder durch die Aushängetafel erfolgt� welche das Pro- gramm und die sonstigen Anordnungen des Tages kundgibt. Sie verpflichten sich außerdem, jedesmal eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung in der Manege zu sein, auch bann, wenn sie nicht in dem Programm der Vorstellung mit notiert sind, und endlich, auch in Vertretuna anderer oder als Zugabe zu dem Programm zu arbeiten, sobald sie von der Direktion dazu aufgefordert werden. 6. Der geschäftsführende Direktor behält sich allein das Recht vor, die Arbeit der MM. Gianni und Nello zu be- stimmen und bei derselben alle Veränderungen, Hinzu- •) Die Schar von Künstlern in Stallmeisteruniform. deren Aufgabe eS ist, als Staffage im stallgang an der Barriere zu stedcn. in der Manege die Reifen, Hürden usw. zu halten und den sonstigen lvdanegendienst zu verschen. **) Piste: die Sandflüche der Manege. Unter dem„Instand- setzen der Piste" ist hier oas Glattharken derselben nach einer Pro- duktion. die den Boden besonders aufgewühlt, verstanden. •••) Eine Prograininnuinmer, welche sie beide allein aus- füllen. Anmerkung des Uebersctzers. fügungen oder Weglasstingen anzuordnen, die er für ge, eignet hält. 7. MM. Gianni und Nello dürfen an keinem anderen öffentlichen oder privaten Ort ailftreten, als da, wo dies in den Vorstellungen der Truppe der Deux-Clrque geschieht, bei Strafe des Verlustes einer Monatsgage für jeden ein- zclnen Fall einer Verletzung dieses Paragraphen. 8. MM. Gianni und Nello erklären, daß ihnen die Ordnungsreglcmcnts der vouxOirquos bekannt sind, die sich den Vorschriften derselben unterwerfen und Geldstrafen. welche ihnen kraft der besagten Reglements auferlegt werden sollten, als legal betrachten. 9. Im Fall einer Schließung des Hauses oder Sus» pendicruug der Ausführungen infolge Eingreifens einer force majeure, Brand, öffentlichem Notstand, obrigkcit- licher Anordnung, allgemeiner Trauer oder irgend einer anderen derartigen Veranlassung, welcher Natur immer sie sei, vorhergesehen oder unvorhergesehen, in jeglichem Lande, in welchem sich die ganze Truppe oder eine Abzweigung den- selben befindet, und auch wenn die StiSpcndierung nur einen Tag währt, hört die Gage der Herren Gianni und Nello mit dem Tage der Schließung auf, weiterzulaufen. Hingegen steht den Herren Gianni und Nello das Recht zu, in dem Fall, daß die Schließung über einen Monat hinaus währt, von gegenwärtigem Engagement zurückzutreten, indem sie das- selbe durch Mitteilung an den geschästsführenden Direktor lösen. 10. Die sämtlichen zu dem Auftreten vor dem Publikum erforderlichen Kostüme werden von der Direktion der Denx» Oirques geliefert. Keinerlei Abänderung, welche immer es sei, darf an denselben vorgenommen werden. 11. Gegenwärtiges Engagement ist auf die Dauer eines IahreS geschlossen, mdes behält sich der geschäftsführende Direktor das Recht vor, das Engagement nach Ablauf von sechs Monaten zu lösen. 12. Ter geschäftsführende Direktor verpflichtet sich, den Herren Gianni und Nello eine monatliche Gage von zwei- tausendvierhundert Frank zu zahlen. Die Zahlungen erfolgen halbmonatlich. 13. Der geschäftsführende Direktor ist in keiner Weise Verantwortlich für Unglücksfälle, welche den Herren Gianni und Nello bei ihren Arbeiten etwa zustoßen sollten. Die beiden Brüder waren damit beschäftigt, ihre Namen unter das„kait double et de bonne foi"*) zu setzen, als der Direktor sich an Gianni wandte: „Und sie beharren dabei, auf den Affichen mit den Worten„die Clowns Gianni und Nello" bezeichnet zu werden?" „Ja. mein Herr," erwiderte Gianni entschlosien. „Aber das ist doch Unsinn, erlauben Sie mir, daß ich's saget Während jetzt diejenigen, die nichts weniger als Brüder sind, es als wirksam erkannt haben, vom Publikum als solche angesehen zu werden, wollen Sie, die es wirklich sind..." „Später... später werden wir uns auch als Brüder- paar auf die Affichen setzen lassen... aber noch nicht jetzt, die Zeit ist noch nicht gekommen... ich..." „Eh, was meinen Sie?"— Und da Gianni schwieg, fuhr der Direktor fort:„Nun, wie Sie wollen... aber, ich sage es Ihnen in Ihrem Interesse und in dem Ihres Er- fotges, Sie tun unrecht... sehr unrecht." Ten beiden Brüdern vorausgehend und ihnen als Führer dienend, ließ der Direktor sie den Hof überschreiten, der die Nue de Crussol mit dem Circpe d'hiver verband. Hier befand sich der'Separateingang für die Artisten. Sie passierten einige Räume mit ganzen gigantischen Bergen von Requisiten-Allerlei, an deren Plafond, in unmöglichen Höhen, fabelhafte Dinge hingen wie leibhaftige Mütter Gigogne im roten Seidenrock, weit genug, um zwanzig Kinder zu verschlingen. Jenseits einer halbgeöffneten Tür sahen sie zwei kleine Jungen und ein kleines Mädchen in Ueberrocken, die sie über ihre Trikots gezogen, auf Kugeln *) Schlußformel französischer Kontrakte. Anmerk. b. Uebers. laufen, während ganz in ihrer Nähe ein Känigkiiger, miß- gestiiniiit über diese Nachbarschaft von frischem Fleisch und dein unaufhörlichen Rollen der Kugeln um ihn her, sich von Zeit zu Zeit an den Eisenstäben seines Käfigs emporrichtete und ein Stöhnen ausstieß, das wie krachender Dampsauswurf hervorbrach. Sie dnrschritten das Getrappel der Ställe, die in schläfriges Dunkel gehüllt waren, und traten hinaus in den Zirkus, der jetzt, am volleil Lormittage, in deni dämmerigen Licht solcher Lokalitäten dalag, die dazn errichtet sind, nur abciids erhellt zu werden, und wo in der leeren Manege fünf bis sechs Männer in Mützen iiiid Blusen um einen Tisch herumsaßen, uiit Einstudieren einer Pantomime beschäftigt,— einer Pantomime, welche hier, in der prosaischen äußeren Erscheinung ihrer Akteure, ihrer Komik, die keinen Widerhall bei einem Publikum fand, in dem gespeustischeu Halbiicht des weiten leeren Raumes ein sonderbares Bild abgab. lFortsetzung folgt.) (Nndjdnul oevfccitn.) üebcr ßord. Von W. S ch a r r e l m a n n. ES ist«in die Mittagsstunde, und eine drückende Hitze herrscht selbst unter dem Sonnenzelte, unter dem doch noch von Zeit zu Zeit ein belebender Windhauch hindurchfährt. Die Passagiere halten Siesta. I» bequemen Liegesesseln läßt es sich so angenehm träumen »rnd hindämmern. Nur das Stampfen der Maschine da unten im Brnichc des Schiffes und das rauschende, gurgelnde Wühlen der Schraube im Wasser unterbricht die Mittagsstille. Tie Mannschaft ist zum größten Teile jetzt bei der Mahlzeit. SluS dem Logis hört man das.Ulirren und Klappern der Geschirre. In gleichmäßigem Takte stampft die unermüdliche Maschine unten im Raum. Alle Luken und Einfalllichtcr find geöffnet, um die glühende Hitze, die dort unter herrscht, ein wenig herunterzudrücken. Die Heizer stehen mit nackten Armen und entblößter Brust bor den gewaltigen Feucrschlündcn, die unter den Kesseln glühen. Schwarz und beschmutzt vorn Kohlenstaub, naß vom perlenden Schweiße klebt das Hemd auf den muskulösen Schultern. Oben vom Lichtschachte aus gesehen, aus dem der heiße, feuchte Dunst atcmnehmciid emporsteigt, scheint es dort unten der Hölle ähnlich zu sein. llnablässig schaffen die Trimmer die schtvorzcn Kohlen aus den Bunkern herbei und schütten ganze Berge davon vor den Feuern nieder, die.von der Hand der Heizer bedient, ihre wcißstrahlende Glut in den Raum scheinen lassen, wenn mit den langen eisernen Haken die runden Türen geöffnet werden, um die in weitem Bogen geworfenen Kohlen in die gierig züngelnden Flammen zu schaffen. „Es ist seine erste Reise als Trimmer," sagt der hagere, sehnige Arbeiter mit dem rotbuutkarierten Hemde zu seinem Arbeits- genossen.„Er hätte besser getan, so lange im Hafen zu bleiben, um erst das Geld fürs Zwischendeck auf dem Lande zu verdienen, ehe er seinen Fuß auf das Schiff setzte, um sich hinüberzuarbeiten. „Faß ihn an, wir wollen ihn an die Luft bringen, vielleicht Wird ihm dann besser." Sic heben den schmächtigen Körper des Ohnmächtigen und tragen ihn etwas unvorsichtig hinaus, die eiserne Treppe hinauf, durch die enge eiserne Tür und streifen dabei im Gehen die Leder- schuhe von den nackten Füßen, um den Kohlenstaub nicht mit aus den Gang zu schleppen. Der eine der Maschinisten bemerkt sie und ruft, was cS gibt. Man antwortet. Ter Maschinist geht brummend und unwillig, um dem Schiffs- arzt zu klingeln. „Man hat nur seine Qual mit solchen Burschen. Der Schiffs- arzt hat ihn doch untersucht, che er angemustert wurde. WaS soll denn das nun?" Die beiden Trimmer haben den Ohnmächtigen in die Mannschaftsküche gebracht, Ivo der Koch ihm kaltes Wast'cr über Brust und Kopf gießt. Er schlägt die Augen auf, rührt sich aber nicht. Wie ein Toter liegt er aus dem Gummibelag des Fußbodens. Der Arzt kommt, etwas ärgerlich über die gestörte Mittags- ruhe. „Run?" Wieder einer? Er ist ja schon wieder wach. Die wievielte Stunde der Schicht ist denn?" Der Bursche sieht teilnahmslos an ihm vorbei. Seine beiden Kameraden sind gleich beim Erscheinen des Arztes schon der- fchwunden. Der Koch antwortet, daß die Schicht in einer Stunde zu Ende gehe. „So. Hoben Sic Schmerzen? Hier? Dort? Wo denn?" Der Bursche rührt sich nicht. Auch antwortet er nicht. Ter Arzt fühlt ungeduldig nach dem Puls und sagt dann: „Zur nächsten Schicht wird er wohl lviedcr auf den Beinen sein!" schlägt die Tür zu und geht. „Nim. Faulpelz," sagt der Koch,„willst Tu nun aufstehen? Oder meinst Du, daß Du mit Deinem Schornstcinfcgerbuckcl hier de» Fußboden polieren muht?" Der Bursche seufzt und richtet sich halb auf. Sein Gesicht ist geschwärzt von Kohlenstaub und Schweiß, und selbst die hellblonden Haare sind mit dem schwarzen Puder über und über bestäubt. „Ja, ja,"- sagt er mit leiser Stimme.„Mir ist nur so schlecht." Der Koch hält ihm ein Glas Wasser hin, und der Erschöpfte trinkt, trinkt mit vollen, langen Zügen. „Jetzt ist Dir schon besser?" Der andere nickt und erhebt sich nun ganz. Aber die Beine wollen ihn imnier noch nicht tragen. Er setzt sich auf den Klapp- sessek, der nahe der Tür an der Wand angebracht ist. ..Es ist leine feine Arbeit, das Trimmen, beileibe nicht." meint der Koch nun, der Schüsseln spült und viel Geklapper dabei macht. „Uebrigens räkele Dich nicht so. Du schmierst mir auch noch die Wand mit Deinem schmutzigen Hemde ein," sagt er nun in einem gutmütigen, polternden Tone scheltend, als der Bursche sich erschöpft an die Wand lehnt. „Rein, nein," entgegnet der verwirrt und unsicher. „Wie ist Dir denn der Einfall gekommen. Dich hinüberzu- arbeiten? He?" fragt der Koch, die Hände im Handtuch trocknend. „Ich mußte." „So? All Dein Geld versät, was?— Aber Du bist zu jung zum Trimmen!" „Ich mußte fort von dort. Und das sogleich." „Nun, nun, Du wirst doch keinen Mord auf dem Gewissen haben?" „Wer weiß?" sagt der andere leise und versucht zu lächeln. „Das Trimmen ist nichts für Dich. Das war nun Deine erste Schicht. Wie solls mit der anderen und übernächsten werden? Wir haben noch zwei Tage bis Genua." „Weiß Gott, ich geh auch nicht wieder hinunter, in die Hölle da unten. Eher gehe ich über Bord!" „Nu», sachte, mein Bürschchen!" ruft der Koch, etwas erschrocken über den Ton, in dem der andere gesprochen hat.„Im Meere ist's selbst bei dieser Hitze nur so lange mollig, als man die Nase über Wasser hat." Da gucken die beiden, die den Jungen hereingetragen haben, neugierig durch die Tür, und er geht mit ihnen ins Logis. Man wäscht sich und legt sich dann auf die Matratzen zum AuS- ruhen. Vier Stunden Pause bis zur nächsten Schicht. Ein wohliges Gefühl! Vier Stunden erlöst zu sein und die Ruhe zu genießen, die selbst in dem dumpfigen, nach Schweiß riechenden LogiS erquickend und wohltuend ist. Bald tönt das Schnarchen der Erschöpiten durch den Raum. Auch der übermüde und matte Bursche schlummert ein. trotzdem die zerschlagenen Glieder schmerzen und in keiner Loge zu recht- konimen können.... Im Ja. Das ist seiner Mutter Hau«. Er sieht es deutlich im Traume. Das Gartcutor ist noch das alte. Die Strebe daran ist zerbrochen, und der eine der beiden Pfeiler, die es halten, ist etwas vcrrutscbt und zur Seite geneigt. Ter Lindenbaum alvr s beint noch dicker und behäbiger geworden zu sein, seitdem er Ab- schied nahm, beimlich, ohne ein Ade, in der ersten Nacht im Mai vor sieben Jahren. Tie Jalousien sind heruntergelassen, und die Haustür ist der- schloffen. Gerade so wie damals, als er fortging und den Fenster- jlügel hinter sich zudrückte. Und aus dem Beete links ani Wege d'.e kleinen Stiefmütterchen, die damals so leuchteten mit ihren gelben Blüten, als er im Mondschein noch einmal Haus und Garten besah und sidi dann umwandte und fortging, und ihm dann doch etwas wunderlich wurde und er ein Lied pfiff.... Auch das Hühncrhaus steht noch da. Aber kein Huhn läßt sich sehe». Alles liegt wie verzaubert. Still und obnc Leben. Nicht einmal die Bäume rauschen im Winde. Aus dem Schorn- stein quillt kein Rauch, und die Stare sind nicht da, die jedes Jahr unter den moosbewachsenen Pfannen nisteten. Und doch ist es seiner Mutter Haus. Er geht die zwei Stcinstnfen hinauf, die zur Haustür führen, und das Herz klopft ihm zum Springen. Der Drücker mit dem Mcssingschnabel fühlt sich eiskalt an in der heißen Hand, und die Glocke schellt nicht, als er nun öffnet. Aber in der Küche hinten am Flur, vor dem steinernen Herde steht seine Mutter und dreht sich um und läßt vor Schrecken das Messer fallen, mit dem sie die Erdäpfel schälte, und er ruft über- laut:„Mutterl" und stürzt an ihr Herz und fühlt ihre Arme um seinen Hals. Die Kameraden wecken ihn etwas rauh. Er fährt in die Höhe und steht sich verwirrt um, und mit einem Male durchzuckt es ihn wie ein Blitz: Du mußt Kohlen schleppen da drunten im Räume. Da packt ihn eine Angst, ein Entsetzen, ein wilder Trotz. Er schlägt mit den Armen um sich wie ein wildes Tier, und dann bricht er in Weinen aus. Die beiden, der im rotkaricrtcn Hemde und der mit dem schmutzigen Kittel, lachen aus vollem Halse. Das ernüchtert ihn. Und er sagt sehr ruhig:„Geht nur. Geht! Ich habe es satt. Mich kriegt Ihr nicht wieder hinunter!" „Meinethalben!" sagt der Rotkarierte.„Dann wirst Du in Genua ans Land gesetzt. Darauf kannst Du Dich in des Teufels Namen verlassen? Der Kapitän versteht leinen Spaß, mein Junge! Aber uns falls recht fein.* Sie gehen. Er springt auf.„Nicht! Alfa nicht nach Teutschland zurück I* Eine Wut packt ihn. Er tönnie etwas zerschlagen, zer- trümmern. Tann wird er wieder ruhig und gelassen. Ganz gleichgültig wird er. Es ist ihm alles einerlei. Er setzt sich auf den Nand der ZNatratze und stiert vor sich auf den Boden. Der Maschinist kommt ins Logis. Nun? Wirtschast, verfluchte! Wo er stecke? „Hier." C'b er nicht kommen will? Ja, er will, aber er kann nicht. Er will an die Luft und sich erst erholen. „Das kenne ich," brummt der Maschinist ärgerlich.„Taraus wird nichts!" Er geht auf den Gang hinaus und klingelt dem Schisfsarztc. Als der kommt, ist dem Burschen, als fei er schon wieder vcr- urteilt zu der Arbeit da unten. Ter Arzt mustert ihn, als ihm der Maschinist ein Zeichen gc- geben, und fragt ihn, diesmal mitleidig und freundlich:„Nun? Wills noch nicht wieder?" Willenlos läßt er sich untersuchen. „Muß noch Pause machen!" entscheidet der Arzt dann.„Morgen kann er wieder ansangen!" Tic beiden verlassen ihn. Er sinkt auf seine Matratze, stumpf und gleichgültig.—--- Um Mitternacht stürzte er sich über Bord. Nicht cinnial die Wache hatte ihn bemerkt, als er über die Reeling kletterte. In die Schiffsliste wurde er als„vermißt" eingetragen. kleines feuilleton. Völkerkunde. Geburtshülfe in China. Trotzdem jahraus, zahrein die europäischen und amerikanischen und neuerdings auch die von Deutschen gegründete Mcdizinschule in Schanghai eine große Zahl von jungen Chinesen zu Aerzte» heranbilden, liegt die medizinische Wissenschaft im Reiche der Mitte doch noch recht im argen. Nur wcnige chinesische Frauen bedienen sich der Hülfe europäischer Aerzte, die in China weilen, die übrigen holen den chinesischen Arzt, dessen medizinische Kcniitnisse nicht höher anzuschlagen sind als die eines europäischen Gymnasiasten. Das ganze medizinische Wissen in China, sagt Dr. H. Gaupp in der„Zeitschrift für Ethno- logic", ist reine Spekulation, und in vielen Fällen kommt der?lber- staube bei der Behandlung von Krankheiten mehr zur Geltung als die Vernunft und der Körper. Tos zeigt sich besonders bei Entbindungen. Tie alte chinesische Heilkunde besitzt zwei Werke mit Verhaltungsmaßregeln für den Arzt, die„weise Frau" und die Wöchnerin, nämlich den Ta schcng yall und den Echc-schcng- pi-pang-tsung-ynll. Pflicht der Hebamme ist c?, die Gebärende zu deruhigen und zum Schlafen zu bringen. Nicht, wie bei unS, muß in China die„weise Frau" die Entbindung selbst leiten, sondern sie hat nur acht zu geben, daß sich die Wöchnerin ruhig verhält. TaS andere muß die Natur allein besorgen. Merkwürdigerweise sollen in China dennoch sehr selten Frauen bei der Entbindung sterben, und das liegt wohl daran, daß die chinesische Mutter kör- pcrlich weit widerstandsfähiger ist als die europäische. Ist das Kind geboren, so darf die Mutter einen Monat das Zimmer nicht verlassen. Das geschieht angeblich aus rituellem Grunde und hat den Zlveck, die Frau für eine spätere Entbindung kräftig erhalten. Dr. Gaupp erklärt, daß er unter 150 Kranken, die fast täglich in die Klinik zu Peking kamen, auch nicht ein Kind ge- finden habe, das an englischer Krankheit litt, wahrend diese bei uns überaus häufig ist. Der Schwangeren ist streng verboten, feste sckiarfe und gewürzte Speisen zu genießen. Gemüse und Reis bilden fast ausschließlich ihre Nahrung während der Zeit der Schioangerschaft. Das Kind erhält in den ersten sechs Wochen nur Milch, später Brei aus Hirse, Reiö oder Kauliang mit Lotossameu. Vor Ablauf des ersten Jahres bekommt das Kind keine fetten Speisen, auch kein Fleisch. Ohne Zweifel sind die chinesischen Kinder zcsünder und kräftiger als die europäischen, weil sie bis fast zum 4. Lebensjahr nur mit Milch ernährt tocrden. Die chine- sische Mutter nährt ihr Kind selbst und oft bis zum 3. Jahre. Kann sie es selbst nicht nähren, dann wird ihm eine gesunde kräftige Amme gegeben. Entgegen der Forderung unserer Aerzte und Heb- ammen, badet die chinesische Mutter ihr Neugeborenes erst am dritten Tage, und zwar geschieht diese Verzögerung aus religiösen Motiven, die überhaupt eine große Rolle bei der Geburt des Kindes spielen. Unter Zauberformeln, die von der Hebamme hergesagt werden, erblickt der junge Bürger des„Reichs der Mitte" das Licht der Welt. Der Ehegatte darf das Zimmer der Wöchnerin einen Monat lang nicht betreten, weil er sonst der Mutter die Milch„wegtrampeli". Der Arzt und die Verwandten der Frau müssen ihren„Wochenbesuch" in den ersten drei Tagen nach der Geburt des Kindes machen, sonst nehmen sie dem jungen Welt- bürgcr gleichfalls die gesunde Nahrung der Mutter. Jeder chine- sische Arzt soll in der Lage fem, das Geschlecht des Kindes schon best ünmen zu können, che es geboren ist, und europäische Acrzie, di» das für unmöglich hielten, begegneten in vornehmen chinesischer» Familien einer gewissen Geringschätzung. Der Ta scheng yall gibt folgende Anweisungen zur Vorausbestimmung des Geschlechts: Wird die Frau im ersten chinesischen Monat schivanger, dann ist das Kind ein Knabe, empfängt sie aber im zweiten Monat des chinesischen Kalenders, dann gebiert sie ein Mädchen. Tie grade» 0 Monate des chinesischen Jahres bringen Mädchen, die ungraden Knaben hervor. Dr. Gaupp hat festgestellt, daß die chinesischen Verordnungen bei der Geburtshülfe auch in Tibet gebräuchlich sind und schließt daraus, daß die tibetische Heilkunde in früheren Zeiten nach China kam und sich hier unverändert erhalten hat. Mineralogisches. Das A l u m i u m ist, schreibt„Prometheus", ein„modernes* Metall, insofern als seine Verwendung in der Technik erst etwa zwei Jahrzehnte alt ist. Das dürfte daran liegen, daß es in der Natur nicht gediegen, sondern nur chemisch gebunden vorkommt. 1827 gelang es Wühler, durch Zersetzung von Aluminiumchlorid mit Kalium das Aluminium zum ersten Male rein darzustellen. und nach diesem, um 1854 von Devillc ctivas modifizierten Ver- fahren wurden in Frankreich mehrere Jahrzehnte lang die geringen Mengen von Aluminium hergestellt, welche die Welt, oder wohl besser gesagt die Laboratorien, damals gebrauchten. Im Jahre 1854 fand Bunscn, daß sich auZ Aluminium-Natriumchlorid durch Elektrolyse das Aluminium abscheiden ließ, und von da ab arbeiteten die wenigen kleinen Fabriken, die sich mit der Alu- nliniumherstcllung befaßten, nach Verfahren, die von den drei stizziertcn nur wenig verschieden waren, bis im Jahre 188? Heroult auf ein Verfahren ein Patent erhielt, nach dem das Aluminium aus elektrisch geschmolzener Tonerde durch Elektrolyse gewonnen wird; auf diesem Herouitschcn Verfahren beruhen die heutigen Gcivinnungsvcrfahren. Von 1887 ab beginnt nun die industrielle Verwertung des Aluminiums in größcrem Maßstäbe. und zwar fand das„leichte Metall" bei den Technikern solchen An- klang, man fand dafür soviel mannigfaltige Verwendung, daß heute, etwa 20 Jahre nach Höroults Erfindung, über 12 000 Tonnen Aluminium jährlich proouzicrt werden. An dieser Entwickelunq bat besonders das letzte Jahrzehnt ganz hervorragenden Anteil. denn im Jahre 1890 betrug die Gesamtproduktion an Aluminium erst 1800 Tonnen. Heute liegt die Produktion in der Hauptfach« in den Händen von sechs Werken, der Deutschen Aluminium- Jndustric-Gesellschaft in Schafshausen, sowie einer englischen, zwei französischen, einer amerikanischen und einer italienischen Gesell- schaft. Diese Gesellschaften verfügen zusammen über etwa 90 000 Pferdestärken, meist Wasserkraft. Da indessen die Produktion heute der Nachfrage bei weitem nicht mehr genügt, so sind die ge- nannten Werke damit beschäftigt, ihre Anlagen bedeutend zu er- wettern, sodaß für das Jahr 1909 mit einer Alüminiumproduktion von 24 900 bis 25 000 Tonnen gerechnet werden darf. Der Preis des Aluminiums betrug im Jahre 1855 etwa 1000 Ml für daS Kilogramm, 1870 wurde es zu 110 M., 1885 zu 30 M. und 1888 zu 20 M. verkauft. Der Durchschnittspreis des Jahres 1906 betrug ctiva 4 M. Zurzeit zeigt der Preis wieder steigend« Tendenz infolge der großen Nachfrage, die hauptsächlich von de« elektrotechnischen Industrie ausgeht, die das Aluminium vielfach an Stelle des immer teurer werdenden Kupfers verwendet. Auch der Automobilbau verbraucht Aluminium in größeren Mengen. Technisches. lieber das neue Verfahren der Farbe nphoio» g r a p h i e mit sogenannten Autochromplatten der Gebrüder L u m i e r e sind kürzlich von Dr. Huberrisser in München in der „Chcmiker-Zcitung" Mitteilungen gemacht worden, denen die folgenden sachlichen Angaben entnommen sind. Danach gestaltet sich die Herstellung der Autochromplatten folgcndcrmatzeu: Kar- toffelstärke wird zum Teil grün, zum Teil blauviolett und rot ge- färbt, die so gefärbten Stärkekörnchcn werden in solchen Mengen- Verhältnissen gemischt, daß die Mischung ein helles Grau, in der Durchsicht Weiß ergibt. Dabei ist die Menge der grünen Stärke- körnchcn fast doppelt so groß wie die der roten und blauen zu- sammen. Die Körnchcn selbst werden mittels Maschinen in genau gleicher Größe hergestellt. Die Mischung wird auf Spiegelscheiben, die mit einer klebrigen Substanz überzogen sind, ausgebreitet uns der Ilebcrschuß an Stärkekörnchcn sorgfältig entfernt, damit kein Körnchcn das andere überlagert. Sodann werden die Körnchen durch Quetschen und Pressen etwas platt gedrückt, damit sich die Zwischenräume zwischen ihnen nach Möglichkeit schließen. Die dann noch vorhandenen Lücken werden durch ein schwarzes Pulver ausgefüllt. Die Platten werden nun mit einer isolierenden Lack- schicht überzogen, und nach dem Trocknen wird auf ihnen eine sehr dünne„panchromatische" Bromsilbergelatineemulsion aufgetragen. Die Platten werden im Gegensatz zu dem Verfahren bei der ge« wohnlichen photographischen Aufnahme so in die Kassette ringe- legt, daß die Glasseite dem Objektiv zugekehrt ist; man belichtet also durch die Glasschicht der Platte hindurch. Da bei allen farbenempfindlichen Platten die Empfindlichkeit für blaue, violette und ultraviolette Strahlen größer ist als für rote, gelbe und grüne Strahlen, so müssen sie durch eine Gelbscheibe entsprechend gedämpft werden. Die Gebrüder Lumiörc liefern hierzu ein besonderes Spezial-Gelbfiltcr, das eine schwach bräun- liche Farbe besitzt und vorn direkt hinter das Objektiv gesetzt wird. Durch sie gichcn die anderen Tircchlen ohne merkliche Schwächung hindurch. TaS schwierigste bei dem ganzen Verfahren ist die BelichtungS- zeii. Trifft man diese bei der Aufnahme richtig, so isi die Aarben- Wiedergabe fast vollständig befriedigend. Am meisten laßt die Wiedergabe des Weih zu wünschen übrig. Betrachtet man die Platten unter dem Mikroskop, so kann man die einzelnen der- schiedcnfarbigen Stärkekörnchen nebeneinander gelagert sehen; das macht auf den Beschauer einen sehr merkwürdigen Eindruck, da sich die Lagerung in den verschiedenen Farben des Bildes auf der Platte sichtlich nicht unterscheidet. Ein Nachteil des Lumiäreschen Verfahrens ist, dast man mit ihm nur farbige Bilder auf Glas herstellen kann, die auch nur in der Durchsicht betrachtet werden können. Sopien auf Papier herzustellen, ist einstweilen noch nicht gelungen. Dr. Haulstrrisser hat versucht, eine Kopie auf Auiopapier anzufertigen, doch war erst nach sechs Tagen das Bild in den meisten Einzelheiten zu sehen. Von Farben war nur Rot, Schwarz und cm helles Gelb zu erkennen während von Grün und Blau nicht eine Spur sichtbar war. Das Autochrombild selbst auf Glas war in den Farben noch vollständig unverändert, obwohl es sechs Tage dem direkten Sonnenlicht und mehrere Tage lang dem zerstreuten Tageslicht ausgesetzt war. Diese Feststellung ist allerdings wertvoll. Der Preis der Platten ist übrigens noch sehr hoch; eine Platte des gewöhnlichen kleinen Formats S mal 12 Zentimeter kostet durchschnittlich noch 2 M. D i e Photographie bei Gasglühlicht. Die Photo- graphische Technik ist heute so weit vorgeschritten, dast man nicht nur bei Tage, wenn die Sonne ihr Licht spendet, sondern auch bei künstlichein Licht sehr schöne Aufnahmen zu erzielen vermag. H. Schivarz hat jetzt Versuche angestellt, auch bei Gasglühlicht Auf- nahmen zu machen, und erklärt im„Atelier des Photographen", daß seine Experimente sehr gut ausgefallen seien. Er verwandte dazu sowohl Platten als FilmS. Die FilmS eigneten sich zu den Gasglühlichtaufnahmcn viel besser als die Platten, weil sie färben- empfindlicher und durchaus licbthoffrei find. Schwarz brauchte zu seinen Aufnahmen bei GaSglühlicht mit einem Objektiv von der «ichtstärke F: 8 etwa 23 Sekunden, bei Anwendung eines Objektivs mit Lichtstärke F: 4,5 nur etwa 8 bis 10 Sekunden und mit einem Porträtobjcktiv F: 2,8 nur etwa 4 Sekunden Belichtungszeit. Er hatte bei seinen Versuchen nur einen Glühkörper als Lichtquelle benutzt und ist der Meinung, daß bei einer größeren Zahl von Glühkörpern eine viel kürzere Belichtungszeit ausreichen würde Hnmoristtschcs. Die nächste Sitzung der dritten Duma. Vor- sitzender: Ich eröffne die Verhandlungen mit der Mitteilung, daß «in Antrag eingelaufen ist. Ein Okloorist: Ich kenne den Antrag nicht, aber ich nehme an, dast er der Stimmung der Majorität AuSoruck geben wird. Es liegt also nicht der leiseste Grund vor, ihm unsere Zustimmung zu der- sagen. Ich für meine Person nehme den Antrag an. Ein»tadelt: Ich stimme dagegen. Der Antrag taugt nichts. Vorsitzender: Sie kennen ihn ja noch gar nicht. Der Antrag- peller hat das Worr. Abgeordneter Fürst Autokratsky: Mein Antrag lautet: DaS hohe Haus wolle beichlichen, die Duma abzuschaffen. Ein Kadett: Wir sind ja eben erst zusammengetreten. Abgeordneter Fürst Autokratsky: Gerade deswegen. Unser Zu- sanunenkoiitmen muß doch irgend einen Zweck haben. Zeigen wir, daß wir als freigewählte Männer entschlossen sind, vor keiner Huldigung für den Zaren zurückzuschrecken. Abstmrmung durch Akklamation I Vorsitzender: Ter Antrag ist angenommen. Gehen Sie nach Hause, meine Herrschaften. Am Ausgang links befindet sich d« Mülleimer für die Mandate. Die öffentliche Meinung von Europa: Endlich eine Volksvertretung, die ihren Willen durchzusetzen versteht. Die Regierung hatte sie eingesetzt und berufen; die Deputierien bewiesen durch ihren energischen Entschluß, daß sie sich solche Willkür nicht bieten ließ. DaS ist wahrhast demolratisch l Hut ab vor dieser Duma f.(.Lustige Blätter.") Notizen. — Musik, Theater. Vorträge: DaS letzte diesjährige Sonntagskonzert des Schiller-TheaterS(Kammer- mustk und Gesang), das Sonntag, den 1. Dezember, mittag? 12 Uhr, im Schiller-Theater Charlottenburg stattfindet, ist vollständig Beethoven gewidmet. Eintrittskarten zum Preise von 60 Pf. und 75 Pf.(einschließlich Garderobe und Programm) find täglich an der Kasse des Schiller-TheaterS zu haben. '!— Der Verlagsbuchhändler MaxHesse, der in den billigen Klassikerausgaben und der Volksbücherei ein verdientes Unter- nehmen schuf, ist in Leipzig gestorben. Hesse ist auch der Be- gründer des vielbenutzten Deutschen Musikerkalenders. — Eine Wintersportaus st ellung, die erste dieser Art in den deutschen Mittelgebirgen, fand in den letzten Tagen des November in Friedrichroda im Thüringer Walde statt. Die gut beschickte Ausstellung bot so ziemlich alles, was den Wintersport betrifft, vom Rennschlitten bis zu den untergeordnetsten AuSrüstuvgS- gegenständen. Da waren Skis, Schneereifen. Rodel. Bobsleigh und was dergleichen Requisiten der Wintersport sonst erfordert; manches davon war in seiner Verwendungsform recht anschaulich dargestellt. Neben dem Wintersponsinan fand auch der Winlertourist hier so manches, das er auf seinen Winterfahrten gebrauchen kann. — Vi�elandS Brunnen in Kristiania. DaS bedeutendste künstlerische Ereignis der letzten Monate in Norwegen dürste ohne Zweifel das seilt, daß die Kommunalverwaltung die noch erforderlichen Mittel für Gustav VigclandS großen Brunnen übernehmen will. Der Bildhauer Vigeland, der trotz seiner Jugend unstreitig für Norwegens größten Bildhauer gilt, hat im vortgen Fahre de» Entwurf eines Springbrunnens ausgestellt, der ihn schon mehrere Jahre beschäfttat hatte. In der Mitte eines großen Bassins halten fünf Riesengestalten über ihren Köpfen eine große Schale. aus der das Wasser langsam niederströmt. Am Rande des Bassins finden sich zwanzig eigentümliche Baumgruppen, unter deren Aesteu Menschen sitzen oder stehen. Die Seitenwände des Bassins schmücken 66 Reliefs, und die Zahl der das Werk schmückenden menschlichen Figuren geht in die Huudecte. Die Kosten dieses monumentalen Werkes sind auf 650 000 M. berechnet. Künstlerisch ist vigeland von Rodin ausgegangen, aber er hat seinen ganz persönlichen schlichten Weg gesunden. Demnächst wird er sich an die Ausarbeitung des Brunnens machen, für dessen Vollendung er zehn Jahre ins Auge, gefaßt hat. — DaS Jubiläum der Zündhölzchen. Dreiviertel Jahrhundert ist eS jetzt her— schreibt man der„Köln. Ztg."— daß die„Schwefelhölzer" erfunden wurden, ein halbes, daß ihr Er- finder starb— im tiefsten Elend. Er war ein Deutscher und hieß Joh. Friedrich Kämmerer. Sein Name erinnert un» an die trübste Zeit der Herrschaft Metternichs: Kümmerer war eines seiner Opfer, die in die bitterste Not. in die Verbannung oder inS Irrenhaus gehetzt wurden. Aus Ludwigsburg in Württemberg stammend, feines Zeichen? Chemiker, nahm Kämmerer teil am Hämbacher Nationalfest und sprach begeistert von Deutschlands Einigung und der„Konföderation der europäischen Staaten". Solche Reden wurden aber gar übel verrnerkt. Auch Kämmerer wurde in seiner Heimat als staatS- gefährlicher Aufwiegler ergriffen und nach dem Hohenasperg ab- geführt. Während seiner Gefangenschaft hier erfand er im No- vember deS JabrcS 1832 die Schwefelhölzer. Als er aber wieder auf sreien Fuß gesetzt wurde und die behördliche Bewilligung zur Ver- toertung seiner Erfindung nachsuchte, w»rd« dem Verdächtigen„die Herstellung de? gefährlichen FeuererzeugimgSnüttelS" bei schwerster Strafe verboten I Eine Weile gelang cS ihm, die Schwefelhölzer im gebeimen herzustellen und ins Ausland zu verkaufen. Als die? ruchbar wurde, ließ die Behörde feine Werkstatt zerstören, und Kämmerer wanderte wieder inS Gefängnis. Die Sache wurde für so wichtig gehalten, daß der Bundestag sich damit beschäftigte und eine Verordnung erließ, wonach in allen deutschen Landen„der Hairdel und Gebrauch der höchst gefährlichen Reib- zündhölzer, erfunden und hergestellt von dem Chemiker Kämmerer, strengstens verboten' wurde. Der unglückliche Erfinder verlor darüber im Gefängnisse den Verstand und starb elend im Jahre 1867. Frankreich aber und namentlich England nützten die bedent- iame Erfindung sofort aus; hier war eS besonders Holden, der die Fabrikation im großen betrieb und als vielfacher Millionär starb. Deutschland zahlte erst noch lange Jahrzebnre hindurch Tribut an daS Ausland, ehe Feuerstein und Zunder verschwanden. — Drei Gramm Radin in I Di« Wiener Akademie der Wissenschaften hat in den letzten drei.Jahren 10 000 Kilogramm Uranpechblende, das in JoachimSthal in Böhmen das Kilo zu 1 Krone erworben wurde, auf Radium verarbeiten lassen. Es wurden 2,6 Granu» daraus gewonnen, dreimal so viel als bisher au» der gleichen Menge Robmaierial gewonnen wurde. DaS Gramm Radium kostete der Akademie nur etwas über 10 000 Kronen, während eS bisher bedeutend teurer war. Da Joachimsthal der einzige Fundort deS Uranpechblende ist, hat Oesterreich ein Monopol. Es hat aber einen nachahmenswerten Gebrauch davon gemacht; 1,6 Gramm des neuen Radiums blieben in Wien und 1 Gramm wurde dem englischen Forscher Ramsay überlassen. — Schutz deS Elefanten in Afrika. Der französisch« Gelehrte G. Vasse bringt interessante Mitteilungen über das Schicksal der aftikanischen Elefanten, über deren allmähliche Ausrottung auch schon von deutscher Seite jüngst Klage erhoben ist. Die unglücklichen Dickhäuter werden von einer ganzen Armee schwarzer und weißer Jäger auf da? schonungsloseste verfolgt und die Zahl der jährlich getöteten Elefanten kann man auf wenigstens 25— 30 000 beziffern. Da nun die weiblichen Elefanten nicht vor dem sechzehnten Jahre Junge bekommen und höchstens nach zweieinhalb Jahren Ivieder Junge zur Welt bringen, so nimmt die Zahl der Elefanten reißend schnell ab. Vasse glaubt, daß dem entgegengearbeitet werden könne durch Einführung einer ähnlichen Gesetzgebung in den ftanzösischen Kolonien wie in den deutschen und englischen, in denen zur Er- legung zweier männlicher Tiere ein teurer Erlaubnisschein noiwendig ist, für das Schießen jeden weiteren Tieres ein neuer kostspieliger Schein gefordert wird und die Tötung eines weiblichen Tiere" mit beträchtlicher Geldbuße belegt wird. Das wirksamste Mittel aber wäre eine internationale Organisation, die dieses Werk des Schutzes durch allgemeine Verfügungen regeln und in bestimmten Zeiträunien die Jagd für mehrere Jahre verbieten müßte. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruck»rei u.VerlagSanstaltPaul Singer ScCo..BerlinLlV.