AnterhaltungMatt des Torwarts Nr. 237. Freitag� den 6 Dezeinber. 1907 lNcich&rull verboieii.) 251 Die Brüder Zetnganno. Von E d m o n d d e Goncourt. Die beiden Brüder liebten sich nicht nur, sie hingen an- einander mit geheimnisvollen Banden, in einer seelischen Verknüpfung, einer engen Verflechtung der Zwillings- naturen beider ineinander, und zwar dies, obwohl sie an Alter sehr verschieden, an Charakter einander diametral ent- gegengeseht waren. Ihre ersten instinktiven Regungen waren stets bis zur Identität die nämlichen. Sie empfanden Sympathien und Antipathien, der eine zu derselben Zeit wie der andere, und verließen sie einen Ort, an dem sie sich gemeinsam befunden, so war der Eindruck, den sie von den dort gesehenen Personen empfangen, bei beiden durchaus gleich. Die Gedanken sogar, diese Schöpfungen des Gehirns, deren Entstehung so ganz Sache der Individualität ist und die uns so oft staunen lassen bei der Frage, woher sie ge- kommen: die Gedanken, die so selten gleichzeitig und so selten gleichlaufend in den inneren Regungen selbst zwischen Mann und Frau sind: auch die Gedanken hatten in beiden Brüdern fast stets die gemeinsame Richtung, so daß es sehr oft ge- schah, daß nach einem kurzen Stillschweigen sich beide Plötz- lich zueinander wendeten, um sich das gleiche zu sagen, ohne eine Erklärung dafiir finden zu können, welch sonderbarer Zufall dieselben Worte in beider Mund gelegt, als seien beide Aussprüche nur ein einziger in nur einem Munde. So innerlich aneinander geheftet, war es den beiden Bcscap6s ein Bedürfnis, auch ihre Tage, ihre Nächte miteinander zu- zubringen, fiel es ihnen schwer, sich voneinander zu trennen, hatte jeder von ihnen, wenn der andere abwesend war, das cigentümlickw Gefühl, wie soll man eS ausdrücken: das Gefühl gewissermaßen eines fehlenden Stückes seiner selbst, eines plötzlich eingetretenen UnvollständigscinS. Wenn der eine von ihnen auf ein paar Stunden fortgegangen war, schien er die Fähigkeit des Zurückgebliebenen zur Kon- zentration mit sich genommen zu haben, den der Zurück- gebliebene vermochte während der Zeit der Abwesenheit des anderen nichts weiter vorzunehmen, als, seine Rückkehr erwartend, zu rauchen. Und wenn die für die Rückkehr fest- gesetzte Zeit ohne sein Kommen verstrich, erfüllte sich der Kopf des Wartenden mit Vorstellungen von Unglücksfällen, allerlei Katastrophen, Ueberfahrcn durch Wagen, Erschlagung von Passanten durch herabgestürzte Balken oder Steine, töricht düsteren Befüchwngcn, die ihn immer wieder und wieder forschend aus seinem Zimmer an die Eingangstür der Wohnung laufen machten. Sie trennten sich denn auch nur gezwungen, und keiner von beiden akzeptierte je ein Vergnügen, an welchem der andere nicht teilnehmen konnte: es gab all die Jahre ihres Beisammenlebens hindurch nicht einen einzigen Fall, in welchem sie vierundzwanzig Stunden fern voneinander zugebracht hatten. Ueberdies wurde, wie bemerkt werden muß, die enge Zusammengehörigkeit der beiden Brüder auch noch durch ein mächtiges anderes Agens befördert. Die Arbeit beider war so sehr und so eng miteinander verbunden, die Leistungen des einen so in die dcS anderen verflochten und jede ihrer Produktionen schien so wenig einem einzelnen von beiden anzugehören, daß der Beifall des Publikums sich stets an beide gemeinschaftlich wandte, man nie auf den Gedanken kam, im Lob oder im Tadel beider Personen voneinander zu trennen. So kam es, daß hier zwei Wesen als ein in der Geschichte menschlicher Freundschaften fast einzig dastehender Fall nur eine gemeinsame Eigenliebe besaßen, nur eine ge- meinsame Eitelkeit, einen gemeinsamen Stolz, den man, mochte man ihn verwunden oder ihm schmeicheln, bei beiden stets gleichweis traf. Allmählich sahen die Bewohner der Rue des Acacias ihren Haustüren stehend mit freundlichen Gefühlen das Brüdervaar vorübergehen und wieder zurückkommen, Seite an Seite, der Jüngere morgenS ein wenig zurück, abends, zur Zeit des Diners, ein wenig voran. Die beiden Brüder, stets gleich gekleidet, trugen ganz kleine, aufs sorgfältigste gebürstete Hüte, lange, in zwei Zipfeln herabfallende Krawatten mit einer goldenen Nadel in Gestalt eines Hufeisens darin: kurze Jacketts in der Form der großen Stallknechtwcsten: nußbraune Beinkleider, auf denen sich in der Mitte des Beines in schickgemäßer Weise das Knie markierte, und Stiefel mit nägclbeschlagenen Doppelsohlen. Ihre äußere Erscheinung war etwa diejenige eleganter Stallbeamten eines Rothschild, mit einer Nuance von jener geschmeidig geraden Haltung, dem Anglisierten, Ernsten, ruhig Kalten in ihrem ganzen Wesen, das allen Clowns in Zivil eigen ist. Zuweilen indes geschah es, daß der lustige, junge Schalk» der in Ncllo steckte, sich durch alle äußerliche Gravität einmal' Bahn brach und dem tadellosen Gentleman irgend ein neckischer Streich entschlüpfte, der dann immer noch ganz in den ruhigen, kaltblütigen Ernst des Engländers gehüllt war, als sei sein drolliger Vcrüber wirklich ein Sproß dieser fischblütigen Nationalität. So fuhren die Brüder zufällig einmal abends nach der Vorstellung bei der Rückkehr vom Zirkus mit dem Omnibus nach Hause. Man kennt diese Omnibusse von abends 11 Uhr, und zumal einen Omnibus, der um diese Zeit nach einem Ort im äußeren Weichbilde der Stadt geht: harmlose, beschränkte, kleine Leute, die müde vom Tagewerk sind.mid in dem wirren Wechsel von Dunkel- heit und momentanen Lichtstrcifen der vorübergleitendcn Gaslatcrnen nickend dähinschlummern, Leute von schläfrigen, stumpfen Wahrnehmungen und zuweilen schwerfälliger Ver- dauung, welche das Schüttern des Wagens beim Absteigen eines Passagiers aus ihrem Hindämmern blöde aufblicken läßt, ohne daß sie ganz wach sind, noch ganz schlafen. Diese guten Leutchen also hatten die unbestimmte Empfindung auf ihrer Fahrt zwei elegant gekleidete Herren von nobler Er- scheinung, die ihre sechs Sou mit vornehmer Nachlässigkeit gezahlt, in ihrer Mitte gehabt zu haben, als sie plötzlich an der Ecke der Rue des Acacias, in dem halben Wachwerden, welches das plötzliche Anhalten des Omnibus hervorrief, sahen.......... nun, bei dem, was sie sahen, wurden die zwölf Gesichter der Zurückbleibenden, deren Anlitz gerade durch den Schein von ein paar Laternen bleich erleuchtet wurde, plötzlich lang von einer gemeinsamen Verlängerung durch einen gemeinsamen Schreck, und als ob alle zwölf Ge- sichtcr nur eines wären, wendeten sie sich sämtlich der Rue des Acacias zu, in welche soeben in unerschütterlicher Ruhe eine nur von der Kehrseite gesehene Gestalt verschwand. Nello, auf das Trittbrett des Omnibus hinausgetreten, hatte von dort aus einen Laut p6rilleux auf die Straße hinab gemacht, und entfernte sich jetzt, nachdem er in dieser ein wenig ungewöhnlichen Weise. ausgestiegen, sehr ruhig und sehr gerade gehend auf seinen natürlichen zwei Beinen, seine Reisegefährten in- einer Verblüfftheit zurücklassend, in der ihre Augen sich noch eine ganze Weile lang mit erstaunten und unruhigen Blicken fragten, ob sie recht gesehen, oder ob sie alle zusammen das Opfer einer Halluzination gewesen. „Holla, mein Großer,"— Hub Nello eines TagcS freundlich scherzend zu seinem Bruder an—„zum Wetter, nun einmal eine kleine Moralpredigt!... Ja, ja, ich weiß es recht gut... es hat wieder einmal eines Deiner Kinder gegeben, über das ein De J.'rokundis angestimmt werden muß." „Du hast also bemerkt, daß ich etwas gefunden hatte?" „Nun, wahrhaftig... ah, ich bitte Dich, Gianni, Du bist ja durchsichtig wie Glas... Du ahnst also gar nicht, wie sich so etwas bei Dir ausnimmt?... Nun gut, past" auf... Zuerst zwei bis drei Tage... manchmal auch fiinf bis sechs... an denen Du mir Ja antwortest, wo es Nein heißen müßte, und umgekehrt... Gut: ich sage mir also: das Er- findungsficber hat ihn wieder gepackt... Dann machst Du eines Morgens beim Frühstück vergnügte Augen, mit einer Miene, als wolltest Du Dich bei jedem Stück, das Du issest, dafür bedanken, daß es so gut schmeckt... und findest eine Zeitlang nichts zu teuer... alle Mädchen hübsch... und das Wetter schön, wcnn's regnet.,. alles das zusammen 946— mit lauter Jas itui» NeiitS. die noch nicht cm ihrem richtigen Platz sind.... Dieser Zustand hält ,»l allgemeine» zwei bis drei Wochen an.... Kurz und gut. plötzlich zeigst Du ein Gesicht wie heut... ein Gesicht wie die Sonnen- finsternis... und wenn ich Dich so sehe, sage ich zu mir selbst. ohne zu Dir ein Wort zu sagen: die neue Prodicktion. der er auf der Spur war, ist TodeS verblichen I" „Verwünschter kleiner Spötter, der Tu bistl... Aber weshalb hilfst Tu mir nicht ein bisichezk... indem Du Dir auch Deinerseits Mühe gäbest, etwas zu finden, he?" „Oh, was das anbetrifft: Nein!... Alles, was Tu erfindest, will ich ausführen, auf die Gefahr hin, mir den Hals zu brechen... aber daS Erfinden ist Deine Sache... darin verlasse ich mich auf Dich... ich kann mich um alles in der Welt nicht dazu verstehen, mir Mühe zu geben... außer mit den kleinen Schnurren, die ich m unsere Clown- szeucn hineinbringe... Ich bin ganz zufrieden... freue mich, so zu leben, wie wir leben... und habe für mein Teil Weder Hunger noch Durch auf Unsterblichkeit I" „Im Grunde genommen hast Du recht... und ich bin der Egoist von uns beiden... Aber was will ich tun, ich bin nicht Herr über mich!... Es ist eine Manie in mir, ein Fieber, etwas zu erfinden, das mw zu berühmten Leuten »wcht... zu Leuten, von denen die Welt spricht, hörst Tu wohl?" „Gut, mag'S denn so fein! Aber ich muß Dir gestehen, Gianni, wenn ich noch betete, würde ich alle Morgen und Abend beten, daß daS so spät als möglich geschehen möge!" „Wir wollen sehen! Aber Tu wirst einst ebenso stolz darauf sein wie ich." „Gewiß, sicherlich werde ich stolz darauf sein... aber das ist dann vielleicht dumm von mir... und teuerer er- kauft, als es wert istP � Die beiden Brüder ftihrten ein ruhiges Leben, geordnet. einfach, mäßig, beinahe keusch. Sie hatten keine Maitresfen lind tranken nur Wein mit Wasser. Ihre größte Zec- streuung war abends eine Promenade aus dem Boulevard, bei der sie an sämtliche Anschlagsäulen, eine nach der anderen, herantraten, um ihre Namen auf den Asfichen zu lesen— dann kehrten sie heiin und gingen zur Ruhe. Die Ermüdung von ihrer Arbeit im Zirkus und von den Exerzitien, die sie alltäglich lange Stunden hindurch zw Hause vornahmen, um ihre Körper stets geschmeidig und in Uebung zu erhalten, damit sie für ihre abendliche Arbeit nicht„steif" würden: die beständige Sorge um ihren Beruf und ihre Laufbahn als gymnastische Künstler, die stete Anspannung ihres Geistes bei dem Ersinnen von neuen Einfällen und Szenen für ihr Spiel, hielten die fleischlichen Begierden und die Versuchung zu Exzessen in ihrem einerseits anstrengenden, andererseits doch durch die Körperermüdung und Geistestätigkeit nicht vollständig ausgefüllten Leben nieder. Sodann erhielt sich in ihnen unangetastet die alte italienische Tradition, deren! Ausspruch man vor etwa zwanzig Jahren dein letzten auf italienischen, Boden lebenden Athleten in den Mund gelegt hat: daß die Leute ihres Berufes sich einer„priesterlichen Enthaltsamkeit" unterwerfen müßten, und die Kraft sich in ihrer ganzen Fülle und vollen Anspannungsfähigkeit nur um den Preis der Entsagung von den„Freuden des Bacchus und der Venus" erhalte: eine Tradition, die in direkter Linie von den Ringkänipsern und Muskelkünstlern des Altertums ' herstammt. lFortsttzüng folgt.) Kunstausstellungen. Von Ernst<2 ch u r. Dos Verhalinlö deS Künstlers zur Landschaft entscheidet oft üCiv die Art der Gestaltung. Man wird in Ländern mit groß- artiger Natur die Liebe zu mächtigen Kontrasten, kraftvollen Farben bei den Künstlern finden. Und die weilhingeftreckte Eben« erzieht zu schlichten Motiven, die in ihrer Monotonie Größe haben können. Im„K ü n st l e r h a u stellen Weimarer Künstler kollektiv aus. Tie Thüringische Landschaft Hai weder Größe noch Kargheit. Sie ist lieblich, idyllisch. Und also koutnten die Künstler hier selten iiber ein anständiges Mittelmaß hinaus. Eie sehen die Naturidyll« und gehen den Stimmungen ohne Hast nach. Theodor Hagen g'bt mit Vorliebe Aecker, auf denen das Korn geschichtet liegt, der Himmel breitet sich mit breiter Fläche darüber. Das Unaufdringliche wirkt synrpathisch. Karl A r p ist kräftiger; er packt zu; er hat moderne TechniPn gesehen; gelbe, wogende Kornfelder malt er mit kühnem, geschunrngeucn, breiten Strich, der alles Kleinliche verschmäht. L. v. Hofmanns dekorative Arbeiten phantastischer Prägung wirken hier fast süß;-natt in den Farben. Was im ganzen fesselt, das ist die Schlichtheit und Ehrlichkeit der Anschauung, die zcdeö Kokettieren abweist und der Natur sich unvoreingenommen gegenüberstellt. • Tie Kunsthandlung A m s l e r u. R n t h a r d t hat das gc- samte graphische Werk Emil O r I i k s zur Besichtigung vereinigt. Wenn man die reichhaltige Sammlung durchgegangen ist, hat mn» die Vorstellung von einem vielseitigen Können, einem regsamen Wollen. Es zeigt sich eine nervöse Beweglichkeit bei diesenZ .Künstler, der nach neuen, originellen Motiven steht, der die ver- lchiedensten Anregungen benutzt, der die Techniken variiert. Von den Franzosen, von den Japanern, von den Deutschen hat Oriik gelernt. In der Lithographie gibt Orlik hauptsächlich Landschaften. Landschaften von zartem Reiz und leichter Erscheinung. Im Holz schnitt wird er breiter, dekorativer. Er kommt hier zu einen» strengen Linienstil. Auch die Farbe verwendet er in breiten Flächen. Feiner behandelt er wieder, dem Wesen der Technik ent-> sprechend, die Radierung. Zarte, leichte Linien: nur zuweilen schwarz« Farbflecken. Diese geschmackvolle Vereinigung des Fein- Linearen und des Malerischen wirkt besonders eigenartig. Eine reichhaltige Sammlung von Buchzeichen(Ex libris) schließt sich cm; sie zeigt das bewegliche Können auf ganz kleinem, befchränktern Gebiet. Dann werden wir nach Japan geführt, wo der Künstler sich aufhielt. Szenerien von breitem, fremdartigem Reiz. De- sonders fein die beiden Mädchen, deren Gestalien schattenhaft, il» weichen Konturen hinter dem Wandschirm erscheinen. Und so ist denn, wenn man auch zuweilen den energischen Anschluß an die Natur vermißt, der endgültige Eindruck der eines geschmackvollen Talents, das sich mit andauerndem Fleiß zu einen» klugen, durchgebildeten Können erzieht. Tie dekorative Malerei ist bei uns nicht sehr zur Entwickelung gekommen. ES gehört dazu eine Großzügigkeit des Empfindens, eine Kraft der Charakteristik und eine resolute Sicherheit im Tech- nischen, die uns abhanden gekommen sind. Einer der wenige» Künstler, die wirklich in großem Sinne dekorativ malen können, ist der Schweizer Hodler, der für die neue Universität in Jena «inen Auftrag erhielt, worüber die Patrioten in Aufregung ge- rieten. Wir behelfen uns statt dessen mit dem Gegenständlichen. mit den üblichen Emblemen, mit Mythologie und Verherrlichung und Pose, indem wir die Barock- und die Rokokoposc ans den frühere» dekorativen Stilen übernehmen. Den Tiefstand auf diesem Gebiet zeigt eine Ausstelluiig im Lichthof des Kunstgewerbemuseums, die dekorativ« Malc- rcien von Prof. Max Koch bringt. Da sehen wir die übliche» Teckenmolereien, wie wir sie aus Palästen und Theatern zur Genüge kennen. Blauer Himmel; ansprengende, weiße Rofl«; auf einer Quadriga ein römischer oder griechischer Jüngling; Wolken aus allen Seiten, in denen Putten und Jungfrauen schweben. Theater- Malerei. Es soll nicht bestritten loerden, daß die technische Leistung, die Arbeit vielleicht tüchtig ist. Das schlimme ist das gänzlich Un- persönl'che, das aus einer Kunpübung eine Schabloncnfertigkcit macht. Dann sehen wir die üblichen Friese mit Girlandenlrierk unk» Putten. Ein andermal kommt der Künstler uns germanism und zeigt uns Germanenjagden. Stürzende Eber, mit Fällen bcNei- bete Männer, die wild blicken, und trotzige Weiber. Die Laud- schast vorsintflutlich wild. DaS alles soll ernsthafte Kunst sein. Kunst des 20. Jahrhunderts. Noch dazu Kunst der Ocffentlichkeit, die jeder sehen soll. Nirgends ein direkter Anschluß an die Natur. Motive, die einem Vorlagenschatz entnommni zu sein scheinen. Weder in der Linie Charakter, noch in der Farbe Frische und Eigenart. Was sind unS Germanen und Römer und Griechen?! Selbst so interessante Vorwürfe, wie die dekorativen Bilder für daS Lübecker Rathaus, wo die einzelnen Stände zur Darstellung kommen, wo also pulsierendes Leben geboten ist, entbehren jeder Frische. Nein, die alte Stildekorationskuiist ist untergegangen und wir müssen uns unsere Dekorationskunst erst erobern. Die T r n d n e r- Ausstellung, die der Kunstsalon G u r l i t t bringt, zeigt in imponierender Weise das Werk eines Malers, der in der sinnlichen Tarstellung der Farbe aufgeht. Er erreicht eine Tonschönhcit, die wie selbstverständlich sich einstellt. Er wird kein Opfer der Natur, die leicht den 5tünstler durch ein Zuviel verwirrt. Ruhig und sicher geht er seinen Weg. Sein Strich hat etwas ganz Persönliches, eine rücksichtslose Bravour. Man denkt a» Franz Hals, der seine Bilder mit so lebhaftem Temperament herunter- � strich. In diesem Ilmkreis ist Trübner geblieben und hat selten sich durch das Treiben der anderen ablenken lassen. Am höchsten stehen seine Porträts. Von grauem Grunde heben sich die Köpfe meist ab, und immer ist es irgendeine Schönheit in der farbigen Anordnung, die sofort das Auge auf sich zieht, ohne doch sich vorzudrängen. Die hellen Tön« des Gesichts, das Schwarz des Haares, das Brau» einer Pelzkappe, das matte Leuchten eines Fächers. Nur wenig Farben im ganzen, doch darin ist der kon- zentrierte Ausdruck des Malerischen einer Erscheinung gegeben. Eine Breite und Ruhe des Vortrags, die an Leibi erinnert, ein« �Schönheit der Töne, sie von den alten Meistern herkommt. Tann kommt eine Idh wo Trübner. durch den Erfolg der Eeschichtsmaler verfül>rt. historische und mythologische Bilder malt: oie„Amazoncnschlacht", den»Kampf der Centauren". Hier kommt Trübner zu einer rdcheren Palette; die Bewegungen sind temperamentvoll gegeben; jedoch gerade das beste, die Karben- und Tonschönheit, ist verloren gegangen. Aus dieser Unklarheit l-esrcit sich der Künstler durch ein energisches Studium vor der Natur. Eine ganze Reihe von Landschaften, die nun folgen, erläutern diesen Weg. Allmählich findet er sich von der Freilichtmalerei, der er zuerst folgt, in der er helle Farben bevorzugt, zu der Schönheit seiner alten Töne zurück. Er schildert mit diesen alten Mitteln die Lichtphänomcne in überzeugender Weise. Er hat den alten, breiten Strich wieder; er wählt wieder aus unter all den dielen Farben, die die Natur bietet. Meist bleibt er bei einwu stumpfen Grün, das in Fülle wuchert, und einem matten Grau, und nur zuweilen ist noch ein Braun, ein Gelb eingefügt. Nachdem der Künstler sich so wiedergefunden hatte, er war mittlerweile ein Fünfziger geworden— bildete er ein spezielles Gebiet aus. Er wandte sich Pferde- und Neiterbildnissen ausschließlich zu und brachte es darin im Technischen zu einer verblüffenden Meisterschaft, wenn auch das Psychologische zurücktrat. Mit einer Wravour ohne gleichen setzte er solche Erscheinungen hin; jeder Strich saß. Er erreichte damit eine Monumentalität im Malerischen und diese mit breitem Pinsel wie hingehauenen Bildnisse bedeuten den letzten Triumph seiner Arbeit. kleines f eirilkton* Guy de Maupassant übe» die herrscheichen Kleffe». In den nächsten Tagen wird eine neue französische Gesamtausgab« der Werke Maupassarrts erscheinen, die u. a. die noch ungedruckte Korrc- spondenz dcö Dichters mit I l a u b e r t enthalten wird. Die „Hitnumie" gibt daraus einen vom 10. Dezember 1S77 datierten Brief wieder. Maupassant, der damals im Dkarineministerium an- gestellt war, schrieb:„Schon lange, mein verehrter Meister, will ich Ihnen schreiben, aber die Politik hat mich daran gehindert. Sie hindert mich, auszugehen, zu arbeiten, zu denken, zu schreiben. Ich bin wie die Gleichgültigen, die am leidenschaftlichsten, wie die Friedlichen, die Wilde werden. Ich lache nicht mehr und bin in richtiA« Wut geraten. Di» Aufregung, die die niederträchtigen Manöver dieser Elenden hervorrufen, ist so intensiv, heftig, unauf- hörlich, dasi sie einen verfolgt wie Mückenstiche... Es sieht wohl aus. als ob ich Phrasen machte— nun. um so schlimmer. Ich fordere die Abschaffung der herrschenden Klassen. dieses Haufens stumpfsinniger Herrlein, die in den UnLerröckehi der frommen und albernen Dirne, die man die»gute Gesellschaft" nennt, hcrumtändeln. Ja. ich sind« jetzt, dasi 1793 sanftmütig. daß die Septembermördcr mild waren. M a r a t war ein Lamm, Danton ein weisies Kaninchen und Robeöpierre ein Turtel- tauber. Da die alten herrschenden Klassen heute ebenso unintelli- ent find wie damals, ebenso unfähig zum Regieren, ebenso feil. etrrrgerisch und lästig, musi man sie heute niederschlagen wie damals und die idiotischen schöiren Herren mit samt den schöne» vornehmen Dirnen ersäufen. O. Ihr Radikalen, obwohl Ihr oft hirnlos genug seid, befreit uns von den Rettern und von den Militärs, die im Kopf nur einen ewigen Refrain und Weihwasser haben."— Natürlich musi man einen Literaten, der einmal einen solchen Wutanfall bekommt, noch für keinen Revolutionär halten. Aber wenn man sieht, dasi nicht einmal ein so unpolitischer Mensch wie Maupassant, von umftürzlcrischen Anfällen frei war, ko erkennt man, dasi man niemand trauen darf, der die Feder führt. Literarisch«?. „Gegen den Schund" versucht der„Buchverlag des Deutschen Hauses"(Wilhelm Wagner, Berlin) durch ein in seiner Art zeitgemäßes Bibliotheksunternchmen anzukämpfen. In- wieweit dieser Kampf seine Berechtigung hat. das lehrt die mehr und mehr um sich greifende Pest der Hintertreppen-Romanc. Eine ztveite Frage ist: ob die Bestrebungen des Verlags unterstützt werden können. Als Herausgeber dieser Hausbibliothek zeichnet Rudolf Presber. Presbcr hat sich als liebenswürdiger Poet und flotter Plauderer ein gewisses Renomee verschafft. Wird er bei der Aus- wähl der zu bietenden Lektüre einen ästhetischen Standpunkt ein- nehmen? Soll dem besseren, oder soll dem vulgären Lesebedürfnis und Geschmack gedient werden? Steht der Herauögeber dafür, dasi weder dem ByzantünömuS, noch der Muckerei und Lüsternheit Vor- fchub geleistet wird? Sollen wirkliche volksbildnerisch: Tendenzen obwalten? Alles dies find Fragen, die wohl gesieß: werden dürfen und müssen. Daraufhin wollen wir uns einmal das Programm der vorerst in Aussicht genommenen Schriften«n- sehen. Es gewährt volle Beruhigung; denn die besten Namen der Weltliteratur sind vertreten. Vorwiegenderweise ältere, deren Werke längst honorarfrei nachgedruckt und verbreitet werden iönnen. Wir begegnen da folgenden Auslandeautoren: Balzac lTi« Frau von dreißig Jahren), B j ö r n s o n(Eynöve Soldakken). Dickens sWeihnachtögeschichicn und Klein Torit), Maupassant sNvvellen), Merimee(Carmen), Murger((Boheme), Petöfi (Dvrsgeschichren). Poe(Ter Mord ig der Rue Morgue). Pusch- Hn(Pigue Dame). Thackeray(Der Diamant). Tolstoi(Tis Kosaken), sowie Sammelbände» holländischer, italienischer uno spanischer Novellen. Deutscherseits interessieren: mehrere Bände Deutschen Humors, wobei natürlich erst abzuwarten wäre, was für. Humor und welche Humoristen dargrchoten werden. Zweckmäßig ist die Einbeziehung der besten Humoristen von vornherein; nur dürfen auch die Satiriker nicht vergessen werden I Neben Goethe (Die Leiden des jungen Werth«), Ludwig(Zwischen Himmel und Erde), Zschokte(HanS Dampf, Kleine Ursachen), Gebrüder Grimm(Märchen), I e a n P a u l l�Dr. Katzenbergerö Badereise), Eichendorff(Aus dem Leben eines Taugenichts), E. A. T. Hoffmann(Elixiere des Teufels und Klein Zaches), Achim V. A r n i m(Ter Kronenwächter), JnstiniusKerner(Seherin von Prevorst), Gcrstäcker(glußpiratcn). Holtet?(Die Vaga- buichen), Heinrich König(Die Klubisten von Mainz), sind auch einige neuere Schriftsteller berücksichtigt. In Anbetracht dessen. daß die Auslese aus älteren Autoren meistens nur Werke bietet. die auch in allen Groschenbliotheken zu haben sind, wäre das Haupt- gewicht auf gute, aber wenig beachtete Romanschriftsteller der Gegen- wart zu legen. Der erste Anlauf ist mit Tel mann. Max Kretz er(Tie Sphinx in Trauer), Hans Hauptmann(Auf tönernen Füßen), KarlGrunert(Der Marbspion) und F r i e- brich Spielhagen(Deutsche Pioniere) gemacht worden; aber das ist noch sehr dürstig. Es müßten da namentlich solche Werta der erzählenden Dichtung herangezogen werden, die im Laufe der letzten dreißig Jahre entstanden, jedoch— trotz ihres künstlerischen Gehaltes— in der Flut der UnterhaltungSliteratur versoffen sind. Dabei ist natürlich Süddeutschland, Oesterreich, Tirol und die Schweiz einerseits, Niederdcutschland andererseits nicht zn um- gehen. Die ersten Bände des Unternehmens liegen uns bereits vor. Jedes Werk ist mit geschmackvollen Illustrationen von tüchtigen modernen Künstlern geschmückt. Entsprechend ihrem gediegenen Gebalt präsentieren sich die Bücher in geradeswegö mustergültiger Ausstattung: holzfreies Papier, großer klarer Druck, dem Auge willkommen, und sehr geschmackvoller moderner Leineneinband. WaS jedoch bei dem allem der höchste Borzug ist: Jeder(illustrierte) Band. in Großoktad mehr als 300 Seiten umfassend, kostet nur 7ö Pf. Aehnliche Vorzüge weisen allerdings auch die Bücher der Hamburger Dichter-Gedächtnis-Stiftun� auf. Jedenfalls schlägt das neue Ber- liner VcrlagLunternehmcn l«d« Konkurrenz. Einige Beispiele möge?» das klar machen: Kernerö„Seherin" und GerstäckzrS.Flußpiraten" kosten bei Reclam(Universalbibliothek) gebunden' je l,50 M.. hier je 75 Pf.; Ticken?.Klein Torit" sogar 2,50 M., hier bei zwei Bänden nur 1,50 M. Dabei hat der Leser bei Reclamschcn Aus- gaben mit nicht illustrierten Büchern in dem bekannten für die Augen nicht sehr angenehmen Drucke vorlieb zu nehmen. Diese wenigen Gegenüberstellungen mögen einstweilen genügen, um dos Vorzüge der„Bücher des Tcui scheu Hauses" ins rechte Licht zu rücken. Geographisches. R i ch t h o f« n s„Tagebücher a u ö China". Der de, deutendste deutsche Geograph aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ferdinand v. Richthofen. ist durch ein umfassendes, un- gemein reiches und anregendes Werk über das unermeßliche China. das er in langjährigen Reisen wissenschaftlich erschloß, in Forscher- lrcisen deS In- und Auslandes eine anerkannte Autorität geworden. Aber volkstümlich konnte er damit nicht werden. Er hatte ztvar selbst den Plan auszuführen begonnen, eine populäre Schilderung seiner Reiseerlebnisse zu geben, war aber damit nicht fertig ge- worden. Dr. Ticssen!?«t aber jetzt aus dem Nachlaß RichthoscnS eine solche volkstümliche Tarstellung herausgegeben, die sich auf Richthofcnö sehr sorgfältige und interessante Tagebücher stützt. Der Herausgeber schreibt darüber: An Büchern über China hat es im letzten Jahrzehnt eine Hochflut gegeben, aber es muß wvh! heute noch gesagt werden, daß nach Ilichthofcn niemand ähnliche Reisen in China gemacht hat. War schon die Ausdehnung seiner Reisen«ine ungewöhnlich große, so erhalten sie ihre besondere Bedeutung durch die hervorragende Persönlichkeit, durch den tief eindringenden und stets eine Vielheit von Erscheinungen um- fassenden Forscherblick. Diese Merkmale prägen sich in den Tage- büchcrn aus, indem die mannigfaltigsten Interessen, die mit einein so merkwürdigen Land und Volk verknüpft sind, darin zum Auö- druck kommen. Der Naturforscher findet plastische Schilderungen der Landschaft, Beobachtungen über Tier- und Pflanzenwelt, weit- ausblickende Gedanken über die EntWickelung der Gebirge und andere Bodenformen— Schöpfungen des Richthofcnschen Geistes. die zum Teil eine große Bedeutung für die EntWickelung der Erd- künde gehabt haben und in diesen Tagebüchern in ihrer ersten Form bei ihrer ursprünglichen Konzeption auftreten. Acußcrst wichtig werden ferner die zahlreichen Aufklärungen über den Charakter, die Lebensweise, die Industrie, die Handelsbetätigung usw. der Bevölkerung in den verschiedenen Provinzen von China sein, von denen NichtHofen alle bis auf drei bereist hat. Der Inhalt dieser Tagebücher läßt sich in solchen Andeutungen nicht erschöpfen. Ihr persönlich« und biographischer Wert wird noch dadurch besonders erhöht daß ihnen als Ergänzung einzelne Familienbriese eingcflcchten sind, in denen der so lange von der Heimat Getrennte zusammenfassende Berichte über seine Erleb- niffe, Stimmungen und Sorgen nach Hause sandte. Und einen köstlichen Schmuck haben diese Tagebücher durch die Ausnahme von Zdchnungen erhalten, die Richihosen während der Reise von Land- schiften, Volks, zenen usw. entworfen Hi t und die eine geradezu künstlerische Führung des Stiftes bmaten. So stehen diese Bücher, feit deren Niederschrift einige Jahrzehnte vergangen sind, noch für lange hinaus über der Zeit und sind nur in wenigen Teilen historisch geworden, und auch diese haben dadurch nicht verloren. Hauswirtschaft. Blumenpflege im Dezember. Bei seiner letzten Anwesenheit im Gemüsekeller hat Prictzlc die Wahrnehmung gc- macht, daß die im August auf wassergefüllie Gläser gesctzicn Hyazinthenzwiebeln, die"er vorläufig, meinem Rate entsprechend, da unten untergebracht hatte, zum größten Teil reichliche Wurzeln und einen kräftigen Gipfeltrieb gebildet haben. Einige wenige sind ausgeblieben, von diesen waren etliche faul und tvertlos ge- tvorden. Bei den anderen hat Prictzke den Wurzelboden mit einem spatcnförmig zugeschnitienen, weichen Hölzchen gereinigt, ihn danach gründlich mit zerstoßener Holzkohle eingerieben und nun die so präparierten Zwiebeln nachträglich in Töpfe gepflanzt. Durch dieses Verfahren kann manche Zwiebel, die sich zum Treiben auf Wasser nicht eignet, noch gerettet werden, da sie eingepflanzt bald wurzeln und schließlich noch zur Blüte gelangen. Die Gläser mit den gut entwickelten Zwiebeln werden nun zwischen Doppel- fenster oder auf das Fenstcrgesimse einer kühleren Nedenstube gc- stellt. Ab und zu füllt man. ohne die Zwiebel zu bcnässen, euvas frisches Wasser nach, so daß der Wasserstand im Glase ein ziemlich gleichmäßiger bleibt. Während die auf Gläsern sitzenden Hyazinthen sich ganz allmählich entwickeln müssen und gcivöhnlich erst im Februar und März blühen, können in Töpfen stehende Zwiebeln früher Sorten jetzt am Fenster der warmen Stube, bei regel- mäßiger Bewässerung mit angewärmtem Wasser, getrieben werden. Man hat dann die Freude, die frühesten Sorten schon zu Weih- nachten und Neujahr in vollem Flor zu haben. Zwischen den Doppelfenstern blüht jetzt auch die chinesische Schlüsselblume, unsere härteste und dankbarste Winterblume, die gelegentlich auch geringem Frost standzuhalten vermag. Wo andere empfindlichere Blumen gepflegt werden, da muß man sie vor starken Temperaturschwankungen und, namentlich bei Frostwetter, vor den Einwirkungen der kalten Außenluft schützen, da anderen- falls oft ein rasches Absterben zu beklagen ist. Frau Prietzke hat schon lange herausgefunden, daß gelegentlich des großen Reine- machens ihre zarteren Lieblinge beiseite gestellt werden müssen und erst späterhin, wenn die Stube entsprechend erwärmt, au den gewohnten Platz zurückgestellt ioerden dürfen. Sie hat aber auch erkannt, daß sich der Staub nicht nur auf Bildern, Schränken und anderen Möbelstücken, sondern auch auf den Blättern der Winter- grünen Blattpflanzen festsetzt. Ich habe ihr gesagt, daß die mehr oder weniger dickte Staubschicht, die namentlich flach ausgebreitete Blätter häufig bedeckt, der Pflanze, die durch mikroskopisch feine Poren ihres Laubwerks atmet, das Leben erschwert. Sie unter- zieht nun diese Blätter allwöchentlich einer sogenannten großen Wäsche. Dazu verwendet sie ein altes Schwämmchen, in dessen Ermangelung ein Watteflöckchcn. und lauwarmes Wasser. Bei Pflanzen mit rinncnförmigcn Blättern, wie bei Dattelpalmen, tut auch eine abgelegte Zahnbürste zur Entfernung des Schmutzes uuS den Rinnen am Grunde der Blattficdcrchen gute Dienste. Nicht immer ist es aber Staub allein, der die Zimmerpflanze bc- schwert und beschädigt, mitunter siedeln sich auch Blatt- und Schild- lause, vorzugsweise auf der Rückseite der Blätter aber noch andere nnnzige, mit bloßem Auge kaum sichtbare Schädlinge an, die dem Gärtner als Thrips und rote Spinnen bekannt sind. Gegen diese infame Gesellschaft ist mit reinem Wasser nicht auszurichten; ihr rückt man mit Seifenwasser auf den Hals, zu dessen Herstellung die in allen Wirtschaften gebräuchliche grüne oder Schmierseife verwendet wird. Von dieser Seife gibt man soviel in das Wasser, daß es tief milchweiß gefärbt ist. Am folgenden Tage werden die mit Seifenwasser behandelten Blattgewächse mit reine« Wasser abgespritzt, wobei sie schräg zu halten sind, damit die abgespülte Brühe nicht in den Topf läuft, ivaS Wurzelschädigung zur Folge hätte. lW- Technisches. Boote aus Eisenbeton ist die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete des Eisenbctonbaucs. Die Versuche, derartige Schiffsgcfäße zu bauen, reichen schon 1t) Jahre zurück, namentlich die Firma C. Gabellini in Rom hat sich damit abgegeben und seit- dem eine ganze Reihe von Eiscnbetonschwimmgefäßen verschiedenster Art für die mannigfachsten Zwecke hergestellt. Die Spanten werden aus Eisenbeton gefertigt. Ueber diese sind innen und außen Be- tonhäute mit Drahtnetzeinlagen gelegt, so daß sich zwischen beiden Häuten mit Luft angefüllte wasserdichte Hohlräume befinden. Um eine äußerlich glatte Oberfläche zu erzielen, wird ein Ueberzug von Zement aufgetragen. Die zuletzt gebauten Boote dieser Art haben eine Tragfähigkeit von 100 bis 150 Tonnen(ä 1000 Kilogramm). Man sagt diesen Sckissskörvcrn billige und schnelle Her- stellung, geringe Unterhaltungskosten, gute Schwimmfähigkeit, hohen Widerstand bei einseitig wirkenden Kräften nach. Gegenüber den Holzbooten wird sodann ferner noch ihre Feuersicherheit gerühmi. Nach den Eigenschaften des Eisenbetons tst eS tatsächlich mhr- scheinlich, daß man mit Vorteil dieses Material zur Herslcllung kleinerer- Schiffskörper ivird benutzen können. Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u- Herlaa' Humoristisches. Hnmor des Auslandes. — Prompte Antivort. Richter:„WaS brachte Sie hierher?"— Angeklagter:.Zwei Polizisten.*— Richter: .Betrunken, nicht wahr?"— Angeklagter:„Ja, alle beide." („Pick me up.*) — Einem Detektiv war eine anonyme Bricf-Angelegenheit über» tragen worden. Der Empfänger des Briefes sagte zu ihm:„Das Ding bestand nur auS einer kurzen Seite, und doch waren 11 Worte verkehrt geschrieben."—„Dann", entgegnete der Detektiv prompt, „war der Verbrecher entweder eine Maschmenschreiberin oder ein Schildermaler. Haben Sie wohl ein Adreßbuch zur Hand?"— („The Argonaut".) — Hix:„Sie sagten. Ihre Flinte würde neunhundert Meter weit schießen."— Dix:„Ich weiß."— Hix:„Der Stempel besagt aber, daß sie nur vierhundertfünfzig Meier schießt."— Dix:„Ich weiß; aber sie hat zwei Läufe."(„Jllustrated BiiS".) Notizen. — Vorträge. Wilhelm Bvlsche wird noch zwei Gorträge in der Singakademie über die„Abstammung des Menschen" halten. Sonnabend, 7. Dezember:„Die Abstammung vom Affen", Sonnrag, 8. Dezember:„Abstaaimnitgslchre und religiöses Empfinden". Karten bei Wertheim, Bote u. Bock und Amelang. — Die Neue freie Volksbühne bringt diesen Sonntag. nachmittags 3 Uhr. im Schiller-Theater Charlottenbnrg Calderons Schaujpiel„Der Richter von Zalamea" zur Aufführung. — Jobannes Trojan, der Hausdichter des„Kladderadatsch", wurde nachträglich wegen Erreichung des 70. Lebensjahres zum Pro- fcffor ernannt. Ob das hohe Alter oder die Fest- und Sünder- Dichtungen oder die Moselweinlaune TrojanS oder die Reakttonärheft des unter ihm total degenerierten ehemaligen Witzblattes daran Sckuld ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Ein politisches Witzblatt, dessen Leiter königlich preußischer Prosessor wird— das ist wirklich ein Wig. Der Block übertrifft in seinen Folgen allmählich die höchsten Erwartungen. — Nathanael Sichel, einer der vor Zeiten sehr belannten, geschätzten und dann mit Erfolg bekämpften Süßlichkeitsmaler ist beinahe 65 Jahre alt in Berlin gestorben. Seine Spezialität waren die sog. orientalischen Schönheiten, ewige Wiederholungen desselben glatten und unwirklichen Typus. Daß diese Sachen solange gesielen und in den illnsttierlen Fomilienblättern noch immer reproduziert werden, zeigt den Tiefstand der deutschen bürgerlichen Kultur. — F a in i l i e ii l e b c n im Hotel. In New Aork gibt e» über 300 Hotels erster Klasse, von denen 140 als„große" Hotels bezeichnet werden. Acht der letzteren, die in den letzten fünf bis sieben Jahren gebaut worden sind, kosten zusammen 50 Millionen Dollar. Das neueste ist das Plaza-Hotel an 5. Avenue und 50. Straße: cS kostet allein 12 500 000 Dollar.— DaS Familienleben in Hotels findet immer mehr Anklang in den oberen SUasien. Im„Sozial Register" wurden im November 9000 Faniilien ver- zeichnet, die dauernd in New Aorker Hotels leben. Das heißt, daß 41 Proz. der wohlhabendsten, der reichsten Familien das Hotel der eigenen Häuslichkeit vorziehen. Das Leben in diesen Hotels ist sehr teuer, aber man findet dort alle modernen Bequemlichkeiten, den Wünschen der Gäste wird in jeder Beziehung Rechnung getragen und die Dienstboienftage ist für Madame gelöst. — Ueber den grünen Klee loben. Woher kommt wohl diese seltsame Redensarl, die wenn auch nicht gerade zu den all» täglichen, so doch zu den immer wieder einmal vorkommenden ge- hört? Nach dem Grimnischen Wörterbuche ist der Vergleich„grün ivie Klee, grüner als SUce" im Mitteldochdeutschen bereits sehr be- liebt, wie denn früh schon der mit Klecblumen bunt gezierte Rasen vom Volke und von den Dichtern kurz Klee(der griine Silee) genannt wurde. Picander(Henrici) singt noch 1732: Wie man in fetter FrLhlingSweide Auf Stlce und Auen lustig geht; und Voß 1823: Rotwangig, leichtgekleidet saß Sie neben inir auf Stlee und Gras. Viel mehr Ansehen hatte der Klee überhaupt früher, als er heute hat: ein mittelalterlicher Dichter nennt seine Geliebte„meines Herzens Klee", und ein anderer erklärt, daß er die„Huld" der Liebsten im Winter selbst„für(---- als) Laub und Klee nehmen" würde, also als das Höchste. Iva? der Sommer bieten kann. In den von Uhland herausgegebenen Volksliedern ist sehr oft vom„Veiel (Peigclein) und grünen Sllee" die Rede, die ein später Schnee er- frieren macht oder die das Mädchen pflücken will; und in des Knabe» Wunderhorn heißt cS einmal: Ich grüße sie durch grasgrünen Klee, Nach ihr tut mir mein Herz so weh. Wenn der„grüne Klee" also im Volkslieds so beliebt ist, so braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß eine Redensart ent- stand, die besagen will: noch mehr loben als die Dichter den grünen Stlee preisen, d. h. über alle Maßen. Vorwärts Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin SW.