Ilnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 246. Donnerstag den 19 Dezember. 1907 l?!nchMi!ck verboten.) 84J Die Brüder Zemganno. Von iZdmond de Goncourt. Unter dem tiefen Schweigen, das sich über den ganzen Raum gebreitet, wurde jetzt ein Weißes, tonnenartiges Faß auf dem Reifen, der über die vier Träger lief, befestigt, und zugleich ertönte schmetternde, feurige Musik, mit der die Orchester in den Arenen das nervige Spiel der Muskeln an- spornen, zu dem heroischen Wagen des Halsbruches begeistern. Bei dem Schallen der Musik eilte Gianni, der im Begriff gewesen, auf dem Sprungbrett noch einmal nach vorn zu schreiten, um einen letzten prüfenden Blick auf die An- bringung des Fasses zu werfen, rasch Kehrt machend, in den Hintergrund zurück, und während die Musik plötzlich inne- Hielt und eine Stille über dem weiten Raum lag, in welcher selbst die Atemzüge ausgesetzt zu haben schienen, hörte man auf den elastischen Planken des Sprungbrettes die mächtigen Schritte des zu seinem Sprunge vorwärts stürmenden älteren Bruders, den man, fast möchte man sagen: in dem- selben Moment mit den Füße» oben auf dem Rande des Fasses stehend erblickte, aufrecht, in vollkommen sicherem Halt des Gleichgewichts. Während die Musik wieder schmetterte, die jetzt das Ge- lingcn des kiihnen Sprunges feierte, während jenes Dröhnen des Beifalls ertönte, das nur den Glanzstücken zu Teil wird, sah man plötzlich, ohne zu verstehen, was geschah, Gianni sich mit Blicken des Erstaunens zu dem Faß niederbeugen und den einen Arm>vie abwehrend nach rückwärts aus- strecken, als wolle er seinen Bruder, den man jetzt in der Stellung des zum Ablauf Bereiten erblickte— beide Arme in die Luft emporgestreckt, die Hände, den Seiten des 5kopfes Zugekehrt, nicderl)ängend— in seinem Laufe aufhalten. Allein schon hatte die Musik mit jenem kurzen Abbrechen, das ein Gefühl der Beklemmung um jede Brust legt, wieder aufgehört, schon hatte Nello auf dem Trampolin in die Hände klatschend sein letztes Zeichen gegeben, und Gianni rief über die Schulter hinweg seinem Bruder ein kurzes, heiseres, verzweiflungsvolles:„Go!" zu,— ein„Gol", das klang, wie ein schwerbcdrücktcs:„Jin Namen Gottes!", das man ausstößt in einem furchtbaren Moment, wo es gilt, eine schreckliche Wahl zu treffen, ohne daß man Zeit hat, sich über die drohende Gefahr zu unterrichten oder zu überlegen. Nello flog über die Länge des Trampolins, auf Füßen, welche dem hohllicgcnden Holz keinen Schall entlockten, auf seiner Brust einen kleinen, von dem hurtigen Lauf hin und her hüpfenden, glänzenden Gegenstand gleich einem Amulett, der sich unter seinem Kostüm hervorgestohlen. Am Ende des Brettes gab er mit beiden Fiißen zugleich der schwanken, elastischen Planke einen kurzen, scharfen Stoß und flog empor, auf seinem luftigen Wege gleichsam getragen, gefördert, mit cmporgerissen von aller Blicken, allen hochgcrecktcn Hälsen, allen Gesichtern, die. aufwärts gerichtet, gleichsam mit ihm der Höhe des Fasses zustrebten. Aber was geschah in dieser aufregenden, angsterfüllten Sekunde, in der' die Menge den jungen Gymnastiker bereits dort oben auf den Schultern seines Bruders suchte, ihn dort bereits zu erblicken glaubte?... Gianni wurde, jäh des Gleichgewichtes beraubt, aus seiner Stellung oben herab- geschleudert, während Nello, aus dem Fasse niederstürzend sind hart mit dem Kopfe aufschlagend zu Boden rollte, wo er sich noch einmal aufrichtete und von neuem zusammenbrach. Ein einziger, lauter Schrei der gesamten Menge war es, der den Raum erfüllte, ein Schrei, unier dessen Erschallen Gianni seinen Bruder in Vatcrarme nahm und ihn hinaus- trug, den Acrmsten, der in seinen Zügen jene schreckenSvollc Unruhe der Verwundeten zeigte, die man aus der Schlacht trägt, und deren bange Blicke auf dem Transport jedermann zu fragen scheinen: was ist mit mir, was ist meine Wunde— was wird sie sein?! �..-V■* Dem allgemeinen Schreckensschrei, der pochenden Auf- regung in jedem Herzen, die der Sturz des jungen Künstlers hervorgerufen, war eine düstere Erstarrung gefolgt, und mit ihr hatte sich dumpfe Stille auf den von Zuschauern über» füllten Raum gelagert: jene Stille, nach der Aeußerung eine? Mannes ans dem Volke, wie die Minute nach einer schreck- lichen Katastrophe sie über eine Menge verhängt, und in deren tiefstem Hintergrunde, fern, es hier und da klagendes Seufzer junger Mädchen gibt— von denen man weiß, daß sie in eine Enge mütterlicher Korsetts eingeschnürt sind, in der sie ersticken. Männer und Frauen blieben unbeweglich auf ihren Plätzen sitzen, als ob die Vorstellung nicht bereits ver- hängnisvoll ihr Ende erreicht hätte: alles war von der nagenden Neugier erfüllt, den Verunglückten wieder- erscheinen zu sehen, nur auf einen Moment wicdererschcinen, wenn auch von den Armen anderer gestützt, um durch sein Erscheinen wenigstens zu zeigen, daß er lebe, daß er nicht zu Tode gekommen. Die Masse der Reiter, die, dicht geschlossen, bewegungs- los standen wie Soldaten, denen das Kommando gegeben ist, sich nicht zu rühren, versperrte die Passage nach dem Stall und ließ nichts von der Sachlage dort innen auf ihren Ge- sichtern lesen. Gerade in der Mitte der Manege stand ver- lassen und ohne daß jemand Hand anlegte, ihn hinweg- zuschafsen, der Aufbau mit seinem Zubehör zu der Produktion: die Musiker hielten lautlos ihre Instrumente, die Finger zu den Griffen bereit darauf liegend, ohne zu spielen: das plötzliche Erlöschen des regen, bunten, lauten Trubels des Zirkusschauspiels und in der gesamten, gleichsam erstarrten Menge war düster tragisch. Die Zeit verstrich: noch immer keine Nachricht von dem Verunglückten. Endlich öffnete sich die Gruppe der Reiter, ein einzelner trat hervor, schritt in die Manege, empfangen von einem leisen allgemeinen:„Ahl" der Erleichterung, machte ernst die drei vorschriftsmäßigen Verbeugungen und richtete kurz die Worte an das Publikum: „Die Direktion gestattet sich die Anfrage, ob sich viel- leicht ein Chirurg hier befindet?" Die Ncbcneinandcrsitzenden blickten sich fragend an. man flüsterte leise miteinander, mit bedauerndem Kopfschütteln wie bei Begräbnissen, während ein junger Mann mit langen Haaren und nachdenklichen dunklen Augen sich hastig den Weg zwischen den Bänken hindurch, über sie hinweg, dem Stallgange zu bahnte, gefolgt von aller Augen, die ihm mit einer gewissen grausamen Neugier nachblickten. Das Publikum verharrte noch immer auf seinen Plätzen: man konnte sich nicht entschließen zu gehen, man wartete, als sei man bereit, bis aufs Endlose hin zu warten. Das Zirkuspersonal begann jetzt, flüsternd und mit zerstreutem Wesen, die Zuriistung zu der Produktion abzubauen: Diener begannen das Gas auszulöschen, und als auch das allmählich eintretende Dunkel in dem Raum das Publikum nicht zum Aufbruch veranlaßte, sainmelten die Logen- schließcrinncn die kleinen Fußbänke unter den Fiißen der Zuschauerinnen ein, sie höflich hinwegnehmcnd, und trieben die Menge so mit sanfter Gewalt zum Gehen: die Menge, die sich träge, zögernd nach der Tür zu bewegte, den Kopf zurückgewendet nach dem Raum jenseits des Stallganges, wohin man den Verunglückten gebracht: während sich unter dem langsamen Weiterschreiten der Masse allmählich ein leises dumpfes Geräusch, ein unbestimmtes Summen, ein undeutliches Murmeln erhob, daS in den engeren Räumen und in den schmäleren Korridors die Gestalt der Worte au- nahm:„Der junge Mann hat beide Beine gebrochen." »« C Der Chirurg beugte sich, mit einem Knie auf dem Boden ruhend, über Nello hin, der auf der Matratze der„Botoude" lag: der großen, weichen Matratze, auf welche die gesamten Hcrrernnitglieder der Gesellschaft bei der„Großen Voltige", welche gewöhnlich die Vorstellung schließt, ihre Sprünge aus- sichren. Um den Verletzten her bewegten sich Mitglieder des Personals, welche kamen und nach einen: Blick auf sein bleiches Gesicht wieder verschwanden oder, in den Ecken zu» sammentretcnd, mit gedampfer Stimme zu plaudern be- gannen: von dem Publikum, das sich in den Kopf gesetzt habe, nicht zu ncljott, Bon J»Cm unglücklichen Zufall, daß der Zirkus- arzt auch heute gerade unwohl sei: vor allen, aber von der untx'grciflichen Dertauschung des Fasses, das zu der Pro- Auktion der Brüder zu dienen hatte, mit einem anderen von Holz, von dein kein Mensch wisse, woher es gekommen: eine Erörterung, in der immer wieder von neuem die Ausrufe zu hören waren:„Es ist merkwürdig I... Es ist ganz außerordentlich!,, z Es ist unerklärlich!" (Forisetzung solgt.l t??achdnick virboltll.) Oer KöbcW� Cine Weihnachtsgeschichtc. Von Anton Fendrich. Tie Zuzwyler waren in großer Aufregung. Tie von Bögli-au tvolltcn dieses Jahr bei der Thristmctte keine Musik machen. Gründe »vurdcn von den Böglisauern keine dafür angegeben, waS die �uzwtzlcr l-esonderö tief verletzte. Zwar ließen die Bögliöaucr da und dort in den Wirtshäusern einnial etwas fallen von ivcnig eidgenössischer Aufführung bei Gelegenheit des Kantonsschützen- festes, wo die Zuzwyler die Großartigen spielten und die Schützen der Nachbargemcinde wie hergelaufene Jvtzel ansahen. Aber das war der Grund nicht, weshalb die Böglisauer brechen wollten mit der alten Gewohnheit, die Hälfte ihrer zwölf Mann starken Musik den Zuzwtilern zur Christniette zu schicken. Die Sache war vielmehr die: Tie Böglisauer hatten zwar die meisten Instrumente doppelt, wie sich das bei einer leistungsfähigen Musik gehört und auch gioei große Trommeln waren da. Aver der Schreinerkari, der sonst als zweiter Mann die große Trommel zu schlagen verstand, lag mit einem gebrochenen Bein im Bett und im ganzen Tors konnte kein Mensch ausgetrieben werden, welcher sich getraut hätte, die zweite große Trommel mit Kunst zu meistern. Bei der großen Berühmt- heit der Böglisauer im ganzen Kanton als Musikanten war dieS eine Blamage, die sie unter keinen Umständen eingestehen dursten. Ihren ersten Trommelschläger, den RasiercrhanS, konnten sie bei rhrcr eigenen Christmcttemusik nicht entbehren. Tcnn ohne große Trommel war das Gloria eben einfach nicht, waS cö vom richtigen musikalischen Standpunkt aus sein mußte. Wen» der Lehrer mit den Füßen wie wütend auf den Baßpcbalcn der Orgel herumtrat, daß es nur so gewitterte, und die Jungfrauen von BögliSau mit hohen Stimmen wie die Engel das„Qom in Excclsis" sangen und der gewaltige Tonschwall noch die eigentliche Wirkung durch die Tonnerschläge der großen Trommel und das Kling-cling-eling des Treiangels erhielt, dann fühlte sich jeder Böglisauer, und wenn er sonst auch im Jahr der größte Grobian war, in seinem tiefsten Innern erschüttert und gerührt. Ohne große Trommel war also das Gloria eine einfache Unmöglichkeit. Unzulängliches zu bieten, war aber nicht Sache der Bögislauer, insbesondere nicht bei den -Zuzivhlcrn, der Protzen, die zwar gut zahlten, aber dafür auch meistcrlose Mäuler hatten, Wenns ans Kritisieren ging. Also wurde von der Böglisauer M�lsil Bescheid hinauf nach Zuzwyl geschickt. daß f-3 dieses Jahr leider nichts sei. Ta kam aber ei» vom Pfarrer imb Bürgermeister unterzeichnetes Schreiben zurück, welches dem Künstlerstolz der Böglisauer stark schmeichelte. Weder Kosten noch Atzung und Trank sollten gescheut werden, hieß cS in den, Brief,„wenn nur die Gemeinde Zriziohl wieder einmal dc-3 erhebenden Genusses der Böglisauer Mustk in der Christmettc teil- hastig werden könnte". Einem solchen e-atz widerstanden auch die Musikanten von Vügli>?au nicht und so überlegten sie sich die Sache noch einmal. Aber es wollte sich kein Austveg finden. Ta fiel mitten in den fruchtlosen Beratungen, wie die Lücke ausgefüllt tnerden könnte, plötzlich die Frage: „Und der Köbeli?" Ta atmeten alle auf. TaZ war die Lösung. Ter Köbe'Ii war ein Bürschlcin von 10 Jahren und der älteste von neun lebendigen Geschwistern. Sein Vater war ein Lump, seine Mutter eine gute Frau und deren ganzer Stolz der Köbeli. An ihrer Stelle führte er ost das Regiment im Haushalt und hielt, !o gut es ging, die Ordnung aufrecht. Seine Autorität wurde von einem der kleinen Geschwisterschast angezweifelt und wenn c-? nicht anders ging, hieb er energisch mit einem Stecken dazwischen, lleber keinen Menschen im ganzen Torf wurde soviel geredet, wie über den Köbeli. ES bildeten sich zwei Parteien, die eine für, die andere gegen ihn. Tie einen sagten, er würde zum mindesten einmal Rationalrat oder so etwas, und die anderen hielten ihn für einen Erzschlingel, der schon früh mit dem Landjäger Bekanntschaft machen Würde. In der Schule war er immer der erste, aber der Lehrer hatte auch keine rechte Freude mit ihm. Ter Köbeli konnte nämlich mit seinen zwei großen, hellen Augen, seiner kühn in die Lüfte stehenden Rase und oem schmalen Mund, in dessen Winkeln eS immer ein wenig lächelte, ein solches LauSbubengesicht machen, daß es den Lehrer und bieten ehrbaren Böglisauer Bürgern deuchte, der Köbeli mache sich eigsntlich fortwährend über sie lustig. Aber seine Talente konnte ihm niemand bestreiten. Ter Köbeli konnte einfach alles. E,: k�mte pfeifen und jodeln, wie kein Bub im Darf, schnitzte Z-sickzeug für seine Brüder und Schwestern, versah *). Köbel", �iö.izerischeS Dtmimitiv für Jaköbli, Jakobs den Milnstraniendienst in der Kirche und machte im Frühjahr HU; schönsten Pfeifen. So hielt man es auch für ganz selbstverständlich, daß der Köbeli die große Trommel schkagen könne. Es wurde eine kurze Probe abgehalten und der Köbeli dazu geholt. Der Dirigent. der SchneiderhauS, welcher die Klarinette bttss und wähnend deS BlasenS als Taktstock benützte, unterwies den Köbeli in den ersten Elementen der Kunst des Pauken- und Triangelschlagens. Er zeigte ihm, wie er, wenn die Instrumente stark spielten, mit Gewalt den Schlegel auf das Fell sausen lassen müsse und wie er beim Piano nur ganz sanft, mehr streichend als schlagend, den Schlegel zu führen habe. Das schwierigste war die Erklärung, wie er im Gloria zu gleicher Zeit die Trommel mit der Rechten und den daran hängenden Triangel mit der Linken zu schlagen habe. Der Köbeli verzog während dieser Unterweisung keine Miene. Man sah ihm nicht an, ob ihm die Sache schwer oder leicht vorkam. Als aber einmal ein Versuch mit dem„Jntroituö", dem ersten Stück der musikalischen Messe, gemacht wurde, da handhabte der Köbeli seinen Paukenschlegel und den Stahlstab des Triangels mit einer Virtuosität, als ob er in seinem Leben nie etwas anderes getrieben hätte. Daß man auch nicht gleich auf den Gedanken verfallen war, den Köbeli als Ersatz für den kranken Schreinerkari zu holen l Die Ehristmettc in Zuzwtzl begann ebenso wie die in Böglieau um 12 Uhr in der Christnacht. Um 0 Uhr marschierten die Bog- liöaucr Musikanten ab. Es war sternenklar und der Schnee so hart gefroren, daß eS ein leichtes Gehen war. Die große Trommel trug all« Viertelstunde ein anderer dem köbeli. Er hatte einen großen, von der Mutter gestrickten Thawl um den Kops gewickelt und seine ganzen Gedanken beschäftigten sich nicht etwa damit, ob er auch mit Ehren bestehen würde, sondern mit den Genüssen, die nach der Christmettc seiner warteten. Nach über zweistnndigem langsamem Steigen tauchten hinter einem überschnciten Bergvor- sprung die hellcrlcuchtetcn Bogenfenster der Zuzwhler Kirche in der Winternackt aus. Dann begann eS mit allen Glocken zu läuten, und der Koüeli stellte stch bor, wie er sich an dem Seil hinauszieheu lassen würde, wenn er an der großen Glocke mitläuten dürste. Vor dem Torf machte er sich an den SehneiderhanS heran, der gerade die große Trommel trug, und meinte, hier, wo der Weg eben sei, könne er ja auch die Trommel tragen.„Recht hast," sagte der SchneiderhauS.„der Künstler gehört zu seinem Instrument!"— nahm die Trommel ab und schnallte sie dem Köbeli auf den Rücken. Als die Musikanten bescheiden in die Kirche traten, die schon ganz gesteckt voll mar, und die Treppe zur Orgelempore hinaufstiegen, erregte der kleine Köbeli mit seiner großen Trommel allgemeines Aussehen. Er war stolz darauf, ließ sich aber nichts aiisehcn. Oben aus der Empore mit ocn alten, vergoldeten Rokokogittcrn, durch welche man die vielen Lichter in der Kirche blitzen sah, hatten die Böglisauer gerade Zeit, um die Noten herauszunehmen und sie ans' die Instrumente zu stecken. Der.Köbeli bekam die große Trommel aus einen alten Stuhl gestellt, wo sie mit zivei Holz- scheiten unterlegt wurde, llnd dann gniaS los. Nie hatten die Z.izwyler eine herrlichere Musik in der Ehrijtmette gehört. Der Schneiderhans blies den Kuhreigen noch nie mit solcher Rührung auf seiner Klarinette und im Gloria lvar es ein solches Dröhnen, Trompeten und Tonnern, als ob alle himmlischen Heerscharen los- gelassen wären. TaS war aber alles in der Hauptsache Köbelis Kunst zu danken. Er arbeitete in allen Tonstärken und wenn die. rollenden Gewitter verstummt waren, dann ließ er daS gclvaltige Musikgetöse auf seinem Triangel sanft ausilingen. Kein Wunder, daß den Böglisauer Musikanten nach der Christmettc im„Eidgenössischen Kreuz" nichts zu wünschen übrig blieb. Ta stand weißer und roter Wein und ans zwei großen Platten lagen Schnitten, Schinken, Wurst und Braten in lieb- lichem Durcheinander. Zum Schluß gab es Kaffee und mürbe Bretzeln. Es war halb vier Nhr, als der Bürgermeister in einer kleinen Ansprache den Böglisauern dankte und dann den Lohn auszahlte. Jeder bekam ein Jünffrankstück. Auch der Äöbe'.r bekam eins. Er hatte schon von dem Schinken, der Wurst und den Bretzeln in seinen Taschen in einem besonders zu diese»'. Zweck mitgenommenen großen roten Taschentuch untergebracht, was er konnte, und fühlte sich bereits reichlich belohnt. Als er aber noch das Fünffrankenstück in der Hand fühlte, da geschah dem Köbeli etwas, was ihm sonst selten passierte. Er fühlte sieh fassungslos. Ein Fünffrankenstück war für ihn etwas Unerhörtes» etwas, WaS schon an den Grenzen des Reichtums lag, etwas, mit dem man schon ganz Unglaubliches ansangen konnte. Aber lange gab er sich diesen Träumen nicht bin. Sein kleines Herz durch- zuckte auf einmal ein Gedanke: Die Mutter! Daö ist für die Mutter! Und er hielt rS fest tn die Hand gepreßt und steckte die Hand noch zur Sicherheit in die Hosentasche und dachte dabei immer an die Mutter. Dann erfüllte ihn der ganze Stolz, daß er seiner Mutter eine solche Freude machen könnte zum Christkind. Ein Fünslirck Himmel-Tonncrwetterk— dachte er und spuckte mit einer großartigen Geberde aus. Auf dem Heimweg mußte er aber die Trommel selber tragen. Seine fünf älteren Kollegen hatten dem Wein so zugesprochen. daß sie den Köbeli und seine Trommel fast ganz vergaßen. Sie gerieten bald ins Schwadronieren, daß sie es halt den Zuztviilern wieder einmal gezeigt hätten, was die Böglisauer für Kerle seien WM und kamen sich immer grohartiger vor. Nur ter Schneiders)auZ glaubte bemerken zu dürfen, dah der Tchmicdpcter. der die Posaune trug, im Creclo einmal? statt?is geblasen hatte. Da kam er aber bei dem Schmicdpcter schlecht an. Dieser war näm- lich nicht gewillt, seine Kunst irgendwie herabsetzen zu lassen, auch Nicht von» Dirigenten. Und er gab dem Kritiker zur Antwort, daß, wenn er so viel Franken hätte, als der SchneidcrhanS schon auf seiner Gelbrübe daneben gegriffen habe, er bald keine Rosse mehr zu beschlagen brauche. DaS ging begreiflicherweise dem Klarinettisten an das Mark seiner Künstlcrehre, und er hieh den Kollegen ein besoffenes Kamel. Dieses harte Wort wurde von dem Schmied als eine Beleidigung erachtet, für die es nur eine Sühne geben könne. Er hieb dem dürren Schnciderhanö eine herunter, dah dieser samt seiner in einen schwarzen Sack gc- hüllten Klarinette in einem am Wegrand aufgetürmten Haufen Schnee verschwand. Wie nun eine schwere Prügelei entstand, bei der die Instrumente die Rollen der Waffen vertraten, wie der Schneider, nachdem er sich wieder aus dem Schnee herausgearbeitet und einigen Vorsprung gewonnen hatte, dem Schmied Dinge der schlimmsten Art aus seinem Leben vorhielt und dann davon- rannte, wie der Schmied dem Beleidiger nachsetzte und die übrigen Musikanten dem Flüchtling und dem Verfolger nachstürzten-- das alles sah der Köbcli mit wachsender Angst. AIS er sich aber plötzlich mit seiner großen Trommel auf dem Rücken allein und verlassen in der kalten Wintcrnacht sah, da überfiel ihn der Schreck. ES war sicher noch anderthalb Stunden bis nach Hause und ein bitter kalter Wind fing an zu blasen. Aus der Ferne hallten die wüsten Stimmen der Stcitcndcn und dann wurde cS auf einmal still. Als der Köbeli die erste Furcht überwunden hatte, besann er sich nicht lang, sondern marschierte durch die Nacht weiter. Die Sterne waren jetzt erloschen, aber er würde vom Weg nicht abkommen, dachte er. Der Wind jagte ihm harte Schneckörncr inS Geficht und er marschierte frisch darauf los. Mit jedem Schritt schlug der an die Trommel gehängte Schlägel auf das Fell und der angehängte Triangel klang leise durch die Nacht. DaS machte zusammen eine stille Musik, die dem Köbile die Angst vertrieb. Aber das Schneegestöber wurde immer stärker und so oft auch der Köbeli daö gefüllte Taschentuch abwechselnd in der einen und der anderen Hand trug und die freie Hand, fn welcher er krampfhaft das Fünffrankenstück hielt, zum Wärmen in die Tasche steckte. cS fror ihn doch immer mehr. Das Gehen in dein frisch fallenden Schnee wurde immer schwerer und auch die große Trommel schien immer schwerer zu werden. Er schnallte einmal ab. um sich auszuruhen. Da war auf der Trommel schon ein ganz dichter Pelz von Schnee. Der Köbile kannte den Winter und setzte sich nicht hin. Er stampfte neben der Trommel im Schnee herum, um sich warm zu halten. Aber der Wind fuhr durch scftic dünnen Kleider und er spürte die Kälte bis auf die Knocken. Aber daö war nur kurze Zeit. Auf einmal ließen die Schmerzen in den Fingern und in den Füße» nach, und der Köbeti wurde schläfrig! Wenn nur daö Fünffrankcnstück nicht der- loren gchtl Das war seine Angst. Er sing an laut zu rufen. Vielleicht würden ihn die anderen hären. Er wartete und wartete, aber es kam keine Antwort. Da wollte er die Trommel wieder auf den Rücken nehmen und weiter marschieren. Aber e-Z ging nicht mehr. Er war ganz steif. Leise fing er an zu weinen und dachte jetzt nur noch an sich, nicht mehr a» sein Jünffrankcn- stück. Da kam ihm auf einmal der Gedanke, sich in der Trommel rn Sicherheit zu bringen. Er arbeitete sich in eine wahre Wut hinein und lveithin hallten die Paukenschläge durch die Winter- nacht. Doch die Trommel hielt aus. Daö Fell platzte nicht. Der Köbeli Ivar aber durch die Arbeit wieder warm geworden und hatte frischen Lebensmut gcsckwpft. Jetzt gelang es ihm, die Trommel auf den Rücken zu bringen. Das gefüllt- Taschentuch nahm er in die Hand und während der Triangel allein Musik machte— denn der Paukenschlngel lag einsam und verlassen im Schnee,— lief der Köbeli so schnell er nur konnte den Weg hinab DögkiSan zu. Er mochte woist eine halbe Stunde lang gerannt sein, als er ftinf dunkle Gestalten miftauchen sab. DaS waren oic anderen, die in der Kälte und im Schneegestöber wieder zur Vernunft gekommen waren, insbesondere aber dadurch, daß sie Köbelis einsame vcrzlvcisvltc Arbeit mi der Pauke gehört hatten. DaS hatte sie wieder ganz nüchtern gemacht. Sie finge» an, den Weg zurückzugehen. Als sie aber die Sorge uni den verlorenen Köbeli loS Ivaren, da plagte sie eine andere. Wenn er etwas von ihrer nächtlichen Prügeckei verraten würde, dann hätten sie im ganzen Dorfe zu der Schande, daß sie den Bub fast umkommen ktesten, noch den Spott. Der Schneiderhans bohrte leise bei dem Köbile an, der sich von seinen ausgestandenen Nengften nichts anmerken liest. due nix verrote" antwortete er fast grob. Sie wollten ihm die Trommel abnehmen, aber davon wollte er fetzt nichts wissen. Er ging stramm voraus und die anderen fünf schlichen ihm still htntennach. Keiner sagte ein Wort znm anderen. Fn einer halljcn Stunde waren sie daheim. Sonst schämte sich, der Köbeli. gn der Mutter mS Bett zu schlüpfen. Diesmal aber loar er froh daran. Als er langsam warm geioorden war, stand er wieder auf. holte das Fünffranken- stück aus seiner.Hosentasche und drückte es der Mutter, ohne ein Wort zu sagen, unter der Bettdecke in die Hand. Dann erzählte er ihr ldp alles u:S Ohr' was er erlebt hatte, alles, außer der Prügelei; wie schön cZ geivescn war, waS er alles mitgebracht im Nastuch und wie er beim Gloria drausgehauen habe. Die Mutter aber hielt ihn still und stolz im Arm. Es wgr halt i h r Köbcli._ Kleines feirilleton* Literarisches. Nene Kinderbücher. Der Verlag A. Köhler in Dresden hat in: Einverständnis mit dein Dresdener Jngendschriften-ZlnLschust und mit Schmuck von W. Krause die„Reisen und Abenteuer von M ü n ch h a u s e n" neu herausgegeben.(8,50 M.) Das Buch enthält Vollbilder in Vierfarbendruck, nebst vielem anderen Schmuck. Gut wirkt das Titelbild in Grau und Rot. Die Bilder sind zuweilen reichlich bunt, das Papier vielleicht zu glatt und die blaue, sich um den Text schlängelnde Randleiste könnte sohlen. Aus der Redaktion der„Jugend" gab Hammer„Märchen ohne Worte".(2.— M.) Eine Reihe schöner Blätter aus der Wochenschrift, die an sich Märcheninhalt haben. DaS Kind soll dadurch angeregt werden, den Inhalt herauszulesen und weiterzu- spinnen. Vielleicht gibt der Verlag späterhin doch einen kurzen Tert hinzu. Der künstlerische Gehalt der große» Blätter dürste jedenfalls auf das Kind, auf daö Sehen des KindeS erzieherisch wirken. Im Turm-Verlag(Leipzig) erschien von Dr. Rob. Riemann herausgegeben eine NcuauSgabe der Grimmschen Märchen (0 M.>. Wichtig ist. dast sie den'authentischen Text wieder bringt. So wird der Inhalt von dem Geist der„verbessernden" llmarbci- tungcn befreit. Schade, daß der Preis so hoch ist; doch ist er in Anbetrochk des Druckes und der Ausstattung, des Umfangeö an- genicsfen. ES ist ein Schatz von bleibender Bedeutung in diesen Märchen verborgen und selbst Erwachsene werden mit Freude darin lesen. Die Zeichnungen von Nbbelohde fügen sich in ihrer linearen Hallung dem Druck harmonisch ein, beleben den Inhalt, ohne da? Seitenbild zu zerreißen. Eine eigenartige Gabe ftir die Kleinsten bietet der Verlag HanS ü. Wecbr(München): unzerreißbare waschechte Leinenbücher mit unschädlichen Farben, die nach Art der japanischen Skizzcnbücher ge- heftet sind. Der dekorative Stil, dessen sich CaSpari und Langer- Schüller befleißigen, erhält durch den derben Leinwandstoff noch eine besonders eigene derbe Note. Dabei sind diese„Unzerreißbaren" trotz ihrer Haltbarkeit geschmeidig und fem. Tierbilder herrschen vor; Illustrationen zu alten Neimen und ein luftiges A-B-C. Caöprari weiß geschickt das Dekorative mit dem Inhaltlichen zu ver- einen, und so wirken diese den englischen Ray- Bookö ncha- gebildeten Büchlein sehr frisch und eigenartig. Die Preise schwanken zwischen 80 Pfennig und 2,40 Mark. Erziehung und Nutervicht. Gehören Schwachsichtige t n die Blinden« a n st a I t? Schwachsichtige Kinder werden in der Regel ebenso wie blind behandelt und in einer Anstalt untergebracht, damit dort ihr Taftsinn eine bessere Ausbildung erfahre. Diese Maß, nahmen sind aber, wie Dr. G. Lcvinsohn in der Wochenschrist fui� soziale Medizin erklärt, grundfalsch. In der Ansicht der Welt muß allerdings jeder, der ein schweres törperlicheS Gebrechen hak. als ein Unglücklicher gelten, also auch der Schtvachsichtigc; Arzt und Lehrer aber haben die Pflicht, den verkümmerten Teil nicht bloß zu erhalten, sondern auch weiter auszubilden, wenn es noch möglich ist. Daö gilt auch für das sih wachsicht ige Auge. Auf dem Wege der steten Ucbung ist die Besserung der Sehkraft bestimmt zu erzielen, wenn der optische Bau dcö Auges wenig von der Norm abweicht, ferner bei allen, die infolge nicht genügenden Gebrauchs des Sehorgans in der Jugend schwachsichtig geworden sind. Der Arzt muß die Schwachsichtigen ür zwei Gruppen ein- teilen, wenn er eine' Besserung des Sehvermögens oder gar eine Heilung erzielen will: in solche, deren Sehvermögen so schlecht ist, das; eine Erziehung in der Normalschule unmöglich ist. Einen wirtlichen Erfolg wird der Unterricht der Schwachsichtigen aber erst dann haben. Ivenn sie ans der Normalschule ganz entfernt und in eine besondere HülfSklasse gebracht werden, wo sie unab- hängig von den sehstarken Kindern in ben Fächern ausgebildet werden, die für ihren späteren Brotertverb in Frage kommen. HygiemschrS. Der Einfluß des Schnüren? auf den Magen. So viel auch immer auf die Schädlichkeit deS Korsetts für den weiblichen Organismus hingewiesen toirb, genützt haben alle diese Warnungen nicht viel; die Tyrannei Mode erlveist sich eben bis jetzt noch stärker loie alle Vorstellungen der Hygiene und der Ver- minft. Obwohl die Frauen wissen, daß jeder Druck auf die dünnen Bauchdecken sich auf die Baucheingetveide fortpflanzt, und. da er. dauernd wirkt, ein besonders schädlicher ist, so können viele sich doch nicht von dem geliebten Kleidunadftücke emanzipieren. Dr. Franz Giödel in Bad Nauheim hat neulich die Einwirkung des Schnürens ans den Magen niit Hülfe der Rönigenstrahlen nachgewiesen. Wenn man den zu Untersuchenden einen Brei essen läßt, der mit 10 Prog. Wiömnih versetzt ist. so erhält man auf dem Röntgenschirm eine scharfe Silhouette des gefüllten Magen? und dadurch ein zuver» lässiges Bild von der Grüß', Form und Lage des Magens. Belm Magen nun wurde eine Einschnürung wahrgenommen tn der großen Krümmung, die bei Frauen, die sich stark schnüren, genau der Taillenumschnürung entspricht; es entsteht so ein Schnürmagcn, eine narbige Veränderung der Magenschleimhaut, welche auf ahn- lichc Weise wie die Schnürleber zustande kommt. Bei einer Anzahl Röntgenaufnahmen lägt sich sehr deutlich die Einschnürung des Magen-Z erkennen. Die Aufnahmen wurden mit und ohne 5torsctt gemacht. Bei ersteren wurde der absteigende Magenteil genau an der der Taille entsprechenden Stelle eingeschnürt und der- schmälert gefunden, er war nach unten und oben auseinander gezogen. Die Magenblase, die dicht unter dem Zwerchfell liegt, nimmt oft vollkommene Trichtcrform an, das Zwerchfell steigt nach oben und der absteigende Magenteil ist nach links und unten gc- zogen. Es nimmt daher unter dem Einflüsse des starken Echnürens der Magen die Form, Lage und Eigentümlichkeiten des krankhaft veränderten Magens an, die Leibcsform wird ähnlich der beim Hängebauch. Das Korsett vergrößert die schon von vornherein beim weiblichen Geschlecht vorhandene Neigung zur Entstehung des Hängebauchcs, der Magensenkung und Magenerweiterung. Das Übermässig hohe Schnüren wird demnach, besonders bei schon von Natur an schlaffen Bauchdecken und bei schmaler und hoher Leibes- höhle für den Magen äusserst schädlich und gefährlich. Anthropologisches. H o ck e r b e st a t t u n g. Bei den meisten Naturvölkern ist der Glaube verbreitet, dass der Tote wiederkehren und sich an seinen Feinden rächen könne. Dagegen suchen sich die Leute mancher Volksstämme dadurch zu versichern, dass dem Toten Beine und Arme fest mit am Oberkörper verschnürt werden. Ein derartig gefesselter Leichnam ficht aus wie ein grosses Bündel. Er wird entweder vcr- hüllt in ein Grab gelegt oder in einer Steinurne eingesargt. Die Polyncsicr glauben, wie Richard Andree im Archiv für Antra- pologie erzählt, dass im Menschen Geister wohnen, die sie Tihi nennen. Diese sehen, hören, riechen, fühlen und- schweben nach dem Tode eines Menschen über der Leiche und suchen allen zu schaden, die dem Verstorbenen bei Lebzeiten ein Unrecht zugefügt haben. Um die Wiederkehr des Toten und die Rache der Tihi zu verhindern, wird das Grab noch mit Steinen beschwert, der Boden auf ihm festgestampft und durch Klagelieder der Tote zu besänftigen gesucht. Schoetenoch war der erste, der aus den Funden in zahl- reichen Hoekergräbern zu dem Schlüsse gelangte, dass diese Bc- stattnngSart mit dem Glauben an die Wiederkehr des Toten zu- sammenhinge. Die Sitte der Hockcrbcstattnng ist uralt. Die Aegvptcr kannten sie schon, und es sind Hockergräber aus der ägyptischen Steinzeit erhalten. Die Troglodhtcn banden mit Ruten aus Wegcdorn die Beine und Arme an den Hals der Leiche fest. In einigen Gegenden Polynesiens werden sogar schon die Sterbenden so gefesselt. Der ostafrikanische Wagoge ruft dem Toten ins Grab nach:..Beunruhige die Hinterbliebenen nicht I" und der Wadschagga steckt ihm ins linke Ohr eine Bohne und legt ihn auf die rechte Seite ins Grab, damit er vom Geräusch der Außenwelt nichts höre und nicht wieder erwache. Ans dem Tierleden. Wie die Ameisen eine Expedition unter- nehmen. Der um die Amcisenforschung verdiente Pater Wasmann hat aus dem Kongostaat ein Schreiben von E. Luja erhalten, das in fesselnder Weise eine Folge von Beobachtungen einer am untern Kongo vorkommenden Amciscnart enthält. Die Nester dieser Ameisen finden sich gewöhnlich am Fuss eines grossen Bau», es in einem Meter Tiefe unter der Erdoberfläche vor. Die Insekten benutzen dabei das Wurzelgeflecht des BaumcS gleichsam als Zimmerwcrk für ihre Wohnung und legen nach dessen Verlauf ihre vielen Galerien an. Die beim Graben dieser Wohnräume und Vcrbindungsgänge herausgelöste Erde wird in Körnern ins Freie geschafft und häuft sich dort zu einem kleinen Krater an, dessen Vorhandensein den Ort deS Restes und seiner Eingänge verrät. Die Ausdehnung einer solchen Ameiscnwohnung erreicht S— 4 Meter im Durchmesser. An manchen Tagen unternimmt das ganze Amciscnvolk eine grosse Expedition, und cS muß ein anziehender Anblick fein, die kleinen Tiere dabei zu beobachten. Sie marschieren in geschlossenen Reihen wie eine Armee in beschleunigtem Tempo. Die Soldaten, die mit furchtbaren Kiefern als Waffen ausgerüstet sind, bilden teils ein Spalier, teils begleiten sie die dazwischen hin ziehend« Karawane. Mitten in dteser Horde fallen einige kleine Käfer ins Auge, die sich als ständige Gäste bei den Ameisen auf- halten und nun versuchen, ihren von Natur schwerfälligen Schritt dem des ganzen Haufens anzupassen, dem sie wahrscheinlich als Hülfstruppen dienen. Das Ganze wälzt sich unaufhaltsam fort wie ein Ladastrom en miniature, und oft nimmt eine solche Ex- pedition ganze Tage in Anspruch. Kein Hindernis ist der In- telligcnz und der Körperkraft der Ameisen zu schwierig. Kommt daS Heer an einen kleinen Waffcrlauf, so rücken die Pioniere vor und bauen eine Pontonbrücke in einer für Menschen ganz unnach- ahmlichen Weise, indem sie nämlich ihre eigenen Leiber dazu be- nutzen. Mit Hülse ihrer Beine und Kiefern halten sie sich gegen- seitig aneinander fest und bilden so eine Brücke über da? Wasser, die von der ganzen Armee in sicherem und schnellem Schritt passiert wird. Ausser bei solchen Hindernissen ist die Karawane dauernd von den Soldaten eingekreist. Da die Ameisen den Aufenthalt unter der Erde lieben und gcivöhnt sind, so kommt cS ihnen noch weniger darauf an als irgend einem Eisenbahningenieur, eine Boden» anschwellung, die für sie das Gleiche bedeuten mag wie für un» der St. Gotthardpass, mit einem Tunnel zu durchschlagen. An» unangenehmsten ist ihnen ein sandiger Boden, da sie auf den leicht beweglichen Sandkörnern häufig ausgleiten und zu Fall kommen. Ist die Anstrengung des Vorwärtskommens in solchem Gelände zu gross, so greifen sie zu demselben Hülfsmittel wie beim lieber- schreiten eines Wasserlaufcs, indem eine Anzahl von Ameisen sich hinter und neben einander platt auf den Boden legt und so eine feste Strasse für die übrigen bildet. Und dabei sind diese Insekten blind! Der Zweck der Expedition ist gewöhnlich die Erzielung einer Beute, die durch ein erbarmungsloses Gemetzel beschafft wird. Durch ihre Ucbermacht bringen die Ameisen auch grössere Tiere, wie Kröten und Schlangen, zur Strecke. Humoristisches. — Die Enteignung.(Ungefähr nach den Beschlüssen der Ostmarkenkommilsion.) Die Enteignung wird abgelehnt. Die ab- gelehnte Enteignung wird nach der Vorlage der Regierung durch- geführt. Eine Enteignung polnischer Güter darf nicht stattfinden. Wo sie statlfindcl, muss nach besonderen Prinzipien verfahren werden. Die Einführung der verworfenen Enteignung wird einer besonderen Kominilfio» übertragen. Die besondere Kommission existiert nicht. Wo sie existiert, ist sie an die vorliegenden Beschlüsse gebunden. Sie bedürfen zu ihrer Widerrufung einer königlichen Verordnung. Diese königliche Verordnung darf nicht erteilt werden. Sie bedarf zu ihrer Gültigkeit der Unterschrift des StaatSnünisteriums. Sie darf nur dann erfolgen, wenn sie sich in Uebereinstimmung mit den vorliegenden Beschlüssen hält. Die vorliegenden Beschlüsse dürfen nicht nnrgcstossen iverden. Im Falle der Umstotzung ist eine Ex- propriation polnischer Güter zulässig. Sonst nicht. ES sei denn, dass... Falls nicht etwa... Die zur Dlirchführung der hiermit beseitigten Enteignung erforderlichen 30) Millionen werden ans Staatsmitteln bereitgestellt.(„Lnstige Blätter".) Notizen. Im Berliner Theater Ivird Offenbachs„Blaubart" auch an den Nachmittagen der Weihnnchtsfeienagc zu vollen Preisen. jedoch ohne Borkanfsgebühr zar Aufführung gelangen. — Thomas Manns Drama„Fiorenza" fand in einer vom„Neuen Verein" veranstalteten Aufführung im Münchener Residenzthcater beifällige Aufnahme. — Ein n e u e r G r ü n e w a l d ist von dein Tübinger Kunst- bistoriker Konrad Lange in der Kirche des Dorfes Stuppach bei Mergentheim entdeckt worden. DaS Werk dieses farbigsten und stimmungsvollsten deutschen Malers aus der Nenaissancezeit stellt eine Madonna in blühender Landschaft vor. — Die internationale Vereinigung zur Be- kämpf ung der K r e b S k r a n k h c i t. Die Erforschung der seit den ältesten Zeiten bekannten>i»d gefürchtete» Krebskrn»kl,eit, durch die im Deutschen Reiche jährlich mehr als 40 VO) Menschen dahingerafft werden, hat gerade in den letzten Jahren stete Fortschritte gemacht»nd eine inlernationale Vereinigung zu ihrer Bekämpfung ist im Entstehen begriffen, über die der Leiter des Berliner Instituts zur Erforschung der KrcbSkrankbeit. Prof. Dr. Ernst v. Lehden. Mit- teilungen macht. Auf der iulernalioiialen Kornerenz, die im An» schlnd an die Eröffnung deS Instituts für KrebSforichung und Be- Handlung in Heidelberg im September IlKXZ tagte, wurde der Antrag gestellt, eine allgemeine internationale Vereinigliiig der Krebs» forschung zu organisieren Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. „Die uns aufgetragene Organisation", berichtet Professor v. Lehden. „haben wir in Berlin in die Hand genommen. In einer grossen Zahl von Läiiderir bestehen bereits Gesellschaften oder Komitees für .Krebsforschung. In einzelnen deutschen Bundesstaaten wird seit längerer Zeit die Begründung von Lanoeslomitees beabsichtigt. Die ausländischen Komitees haben zum Teil bereits jetzt ihr Ein- verständmS erklärt, einet grossen internationalen Veremigung bei- zutreten. Es steht sicher zu hoffen, dass es gelingen wird, in aller- nächster Zeit eine Sitzung der Vertreter von Komitees nach Berlin ziliammenzubernfen, um hier die Internationale Vereinigung für KrebSforfchlmg begründen zu können." — Lord Kelvin, einer der bekanntesten englischen Physiker, ist im 84. Lebensjahre geslorben. Roch kürzlich halte er die aus den neuesten Radiiintforichlmgcn abgeleitete llmivandlung der Elemente abgelehnt. William Thonison— so hiess bis zu feiner Ernennung zun> Lord der Forscher— war 1824 in Vel'ast geboren und bereits 1848 Professor der Physik an der Universität Glasgow geworden. Seine Forschnngeii, die von, sorgsam beobachteten Erperiinent ausgingen, aber auch mit Hülfe bcr_ höheren Mathematik zur Theorie ausgebaut wurden, galten vorzüglich der Wärine und der Elektrizität. Auf beiden Gebieten hat er bc- denrendes geleistet. Die Praxis verdankt ihm die Erfindung eines heute noch bemitzten Elektrizitätsmessers(Elektrometer) und eines SpiegelgalvanometerS, der die imterieeische Tclegraphie erst wirklich nutzbar machte, und nach der Legung de» Kabels von 1860 zur Anwendung kam. Auch die Gezeiicnlebre hat er bereichert. �Kelvin» Schritten(darnnler die über Naturphilosophie) sind zum Teil auch ins Deutsche übersetzt. Berantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BrrlagsanstaltPaul Singer LcEo.. Berlin 81V.