Mtterhallnngsblatt des vorwärts Nr. 248. Sonnabend den 21� Dezember. 1907 lNnchdruck Dctbutcn.) 863 Die Brüder Zemganno* Von KJbmonb de G o n c o u r t. „Nicht nur, daß ich der Anstifter des Ganzen war: auch noch den schlimmsten Teil der Sache, es ist so klar wie die Sonne am Himmel, hatte ich ihm aufgebürdet!... Er, er war es, der die Kastanien aus dem Feuer zu holen hatte! Was hatte ich denn Großes dabei zu tun? Einen Sprung von neun Fuß... pah! Er aber... fünf Fuß mehr... volle fünf Fuß höher springen... und nicht für einen Moment inußte mir der Gedanke in den Kopf kommen, daß er sich den Tod holen könne!... O ja doch, ja, ich hatte es schön einge- richtet, ich war der Baron dabei, der mit den Händen in der Tasche zusah... Hundsfott, der ich bin!... Ich habe alles, alles verschuldet!" Er sprang auf und stürmte hinweg, in wortloser Wut, mit seinem Stock rechts und links zwischen die grünen Pflan- zen zu beiden Seiten des Weges schlagend, deren grausames Vernichten, deren gebrochenes Herabhängen auf ihre der Krone beraubten Stengel ihm eine Erleichterung seines eigenen Leidens gewährte. Von Sympathie für die beiden Brüder und ihre rührende Liebe zueinander erfüllt, kam der Chirurg in dieser ersten Woche täglich, um den Verband abzunehmen, ihn zu lockern, ihn neu zu befestigen. Nach seinem Besuch am Schluß der Woche sagte er zu Gianni: „An der Lage des Beines ist nichts auszusehen... die Anschtvellung ist geschwunden... die Vernarbung des Knochenbruchs vollzieht sich normal... aber die Nächte sind schlecht, sagen Sie? Es ist indes kein Fieber mehr vorhanden ... wenn Sie wünschen, werde ich ihm etwas geben, wonach er schlafen wird." Und der Arzt verschrieb eine Arznei. „Man sieht es ihm an, Ihr Bruder leidet unter der Langweile seiner Lage," fuhr er dann fort,„unter der Un- tätigkeit seines Körpers, der beklagenswerten Unterbrechung seiner Exerzitien. Er verzehrt sich vor Gram darüber, der arme Junge. Im übrigen, seien Sie versichert, ist das Allge- meinbefinden gut, und bald wird sich auch dieser nervöse Zu- stand, die Aufgeregtheit, die Schlaflosigkeit legen.... Was die Beine betrifft, da wird's freilich länger währen." „Was glauben Sie, wie lange er in seiner jetzigen Lage verbleiben muß?" „Ich denke, er wird nach Verlauf von acht Wochen an- fangen können, auf Krücken zu gehen... in fünfzig Tagen etwa, von heut an gerechnet.... Uebrigens, was die Krücken betrifft: lassen Sie dieselben immer anfertigen. Wenn erste sieht, wird ihm dies den Zeitpunkt näher vor Augen rücken, wo er wieder anfangen kann, zu gehen." „Und wann wird er dann..." „Hm, Sie meinen, wann er seine Produktionen wieder wird aufnehmen können?... Ja. mein armer Freund, wenn wir es nur mit dem Bruch des linken Beines zu tun hätten! Aber da sind die Brüche des rechten Beines... sehr schlimme Brüche, welche das Gelenk mit betreffm.... Nun, nun, bc- ruhigen Sie sich," unterbrach er sich, als er die tiefe Traurig- keit sah, die sich über Giannis Züge breitete:„er wird wieder gehen können... wird sogar ohne Krücken gehen können, aber freilich.... Indes, die Natur tut ja manchmal Wunder. — Lassen Sie hören, wollten Sie mich sonst noch etwas fragen?" „Nein," stieß Gianni hervor. Das Opium des beruhigenden Trankes, den Nello Abends nahm, rief in seinem fieberhaften Schlaf wirre Träume hervor. Er träumte eines Nachts, er sei im Zirkus. Es war der Zirkus und war auch wieder nicht der Zirkus, wie ja in Träumen die wunderliche Erscheinung vorkommt, daß wir uns an Orten sehen, die wir kennen, und die doch nichts von ihrer wirklichcir Beschaffenheit an sich haben, au der viel- mehr alles verändert ist. Er träumte, der Zirkus habe eine unermeßliche Ausdehnung angenommen, und die Zuschauer um die Manege her erschienen wie eine unbestimmte Masse, in der er keine Gesichter unterschied, wie eine Menschenmenge. die eine viertel Meile von ihm entfernt saß: während dis Kronleuchter, die jeden Augenblick neue zu gebären schienen, unzählbar waren, das Licht derselben sich ganz seltsam, tvie in lauter Spiegelbildern zeigte, und auf einem Ord>ester. so groß wie ein ganzes Theater, die Musiker wie toll auf ihrer» Instrumenten arbeiteten, ohne init ihren stummen Geigen, ihren klanglosen Hörnern und Trompeten einen einziger» Ton hervorzribringen. In dem endlosen Raum aber sah man in der Luft ringsum Kinderleiber auf unsichtbaren Füßen sich im Wirbel drehen: sausenden Lauf von Pferden, die auf ihrem im Winde fliegenden Schweif � Reiter trugen; zur Parabellinie gebogene Gestalten von Gymnastikern. die in der Luft schwebend ohire herabzufallen, das Vild von Körpern ge- währten, die kein Gewicht haben. In der Ferne erstreckten sich ganze Gassen von Trapezen, durch welche sich ein Saut pdrillaux durch die Luft hinzog, der immerwährend andauerte, und öffneten sich endlose Alleen von Papierreisen, durch welche in unaufhörlichem Fluge tüllrockbekleidete Frauengestalten sprangen, während kaltblütig von Höhen gleich den Türmen von Notre-Dame hüpfende Seiltänzerinnen herabstiegen. Dies alles verblich, zerfloß unter dem Bleicherwcrden dee Gases, und vom Stallgang herein wirbelte eine Myriade von Clowns in schwarzem Trikot, ein Skelett in weißer Seide eingestickt auf ihrem tvie angeklebten dürftigen Gewand, und schwarze Stücken Papier im Munde, die demselben das Au» sehen eines schwarzen Loches mit fehlendem Gebiß gaben, Sich einer dicht hinter den anderen schmiegend, die Körper sämtlich mit gemeinsamem und gleichzeitigem Wiegen hin und her bewegend, marschierten sie Touren durch die Manege, wie eine ungeheure sich dahinwindende Schlange. Kleine Säulen stiegen aus der Erde empor, und plötzlich zeigten sich die Tausende von Clowns, jeder auf einer derselben mit den» Steißbein ruhend, die ausgespreizten Beine zu beiden Seiten des Oberkörpers und Kopfes in die Höhe gestreckt, mit den auf den Sohlen ruhenden Händen die Füße umfaßt haltend und zwischen den Beinen hindurch in der Regungslosigkeit einer Sphinx mit mehlgefärbtem Gesicht auf daS Publikum hinstarrend. Das Leuchten des Gases erhöhte sich wieder, und mit der rückkehrenden Helle zeigte sich menschliches Leben auf den Gesichtern der Zuschauer, die alsbald Gesichter von Farbe wurden, und die schwarzen Clowns waren verschwunden. In einem wilden Neigen unter Springen, Wirbeln, Schwingen, daS die Flittern der Kostüme Ivic einen Regen von Sternschnuppen die Luft durchblitzen ließ, kehrte nun alles Frühere noch einmal wieder, in einer Knochenbiegsamkeit. wie nian sie niemals gesehen, bei der man aus Gliedern von Kautschuk Schleifen schürzte wie aus Bändern, und mächtige Riesinnen vollständig in Kästen zusammenlegte, � ein Alpdrücken von allen Unmöglichkeiten und Unausfiihrbarkeitey: des Körpers, die sich erdenken lassen. Und in die tollen Phan» tasten des Traumes mischten sich Reminiszenzen von den Dingen, die der Schlafende vor nicht langer Zeit gesehen und den Dingen, die sein Vrnder ihm aus jenem alten Buch vor- gelesen: das Bild eines indischen Jongleurs, der sich auf der obersten Spitze eines ungeheuren schön geschmückten Arm- leuchters in unbegreiflicher Weise im Gleichgewicht hielt: eines Atlethen, der mit den Zähnen einen mit Personen gefüllten Omnibus am Trittbrett in die Höhe hob: eines Akrobaten des Altertums, der mit geschlossenen Füßen auf einen mit Luft gefüllten Gummisack sprang: eines Elephanten, der mit aller'Leichtigkeit und Grazie einer Balletteuse auf einem Eisendraht tanzte. Das Gas verdrmkelte sich abermals und die schwarzen Clowns auf ihren Säulmschaften erschienen wieder für einen Moment., Dann begann das frühere Schauspiel von neuem. Dies- mal in einer Unbestiinmtheit der Erscheinung, in welcher die Dinge unb Personen gewissermaßen farblos waren, milchweiß wolkig sich abhoben wie die mattgeschliffenen Figuren auf venetianischem Glase... es war wie ein mattweißes Lcuch- ten von Frauenbeinen, Männerarmen, Kinderleibern, Pferde- rücken, Elefantenriisseln— ein drehendes Durcheinander rast- los arbeitender Glieder. Muskeln. Nerven von Menschen und — 990— Tierep. dessen immer schnellerer Wirbel den Schläfer mit einem unendlichen Gefühl der Mattigkeit und des Leidens er- füllte. � � * „Du leidest: Tu hast Dich auch in der verflossenen Nacht schlecht gefühlt?"— sagte Gianni, in das Zimmer seines Bruders tretend. „Nein..." erwiderte Ncllo. der soeben erwacht war: „nein... nur habe ich. wie mir scheint, ein verteufeltes Lieber gehabt... nebst tollen Träumen." Und er erzählte dem Bruder ein Traumbild, das ihm soeben im Schlaf seine erhitzte Phantasie vorgespiegelt. „Denke Dir nur. es war mir," Hub er an.„als säße ich wieder auf dem Platze im Zirkus, wo wir damals am ersten Abend unserer Ankunft in Paris saßen.... Du erinnerst Dich... der Platz links am Stallgange... und es war ganz wunderlich, als ob die ganze Welt in den Zirkus käme und -.. und mich so seltsam ansähe, mit ernster Miene und finsteren Gesichtern.. lauter Leute, von denen man im Traum weiß, daß sie einem Uebles antun wollen, und... warte nur noch.. indem all diese wunderlichen Gesellen dicht bei mir vorüberzogen, ließen sie mich auf einen Moment — halb und halb— ein Ding sehen, wie eine Art Anschlag- zcttel... das ich nur undeutlich erkennen konnte, aber das ich jetzt ganz deutlich vor mir sehe... eine Art Anschlagzettel, ans dem ich abgebildet war. in einem Kostüm als Clonrn, und, denke Dir nur... mit den Krücken, die Du gestern für mich bestellt hast." Ncllo brach kurz ab und sein Bruder stand— ein feierliches, düsteres Bild— eii&ittert da. ohne ein Wort zu finden, ihn, zu antworten, (Fortsetzung folgt.) Verbotene Sücber. Man hat dem Dr. Franz Blei in München, einem der lvcnigcn, die zwischen den Kulturen zu vermitteln wissen, ohne die eine oder die andere ungerecht aufzubauschen, einige von ihm herausgegebene Bücher beschlagnahmt. Und obwohl alle Vorsichtsmaßregeln, die das Gesetz gelvisscn nicht staatlich approbierten Kunstgebicten auf- nötigt, befolgt sind: die Bücher sind beschlagnahmt. Ich blättere in diesen verruchten Drucken, und zunächst füllt auf, daß sie mit vollendeter Kunst auf sehr schönem Papier gedruckt sind.„Opale" nennt sich die Vierteljahrcsschrift. deren unzüchtiger Inhalt den Zorn der Staatsanwaltschaft erregt hat. Wir scheinen nun in einer besonders cmpsindsamen Zeit zu leben, die ständig in Furcht und Zittern um die Sittlichkeit der Menschen besorgt ist. Selbst unsere zünftigen Professoren sind von unglaublicher Zaghaftigkeit. Ihr Rohrstock macht nicht einmal bor Goethe Halt, vor dem sie doch sonst einen gewissen Respekt haben. In der großen Goethe- Ausgabe, die alles, was er geschrieben hat, enthalten soll, deren Herausgeber am liebsten Goethes Abtritt auf druckfühige Makulatur durchstöbern möchten, fehlen oder sind nur verstümmelt wieder- gegeben eine Anzahl Gedichte, ein Reisetagcbuch und ein paar sehr schöne Verschcn, die zartnervige Damen allerdings nur unter sich vertragen. Da ist eine Ode an Priap zum Beispiel, an den römischen Gartengott, einer Vcrbildlichung des männlichen Geschlechts. Das Reisetagcbuch— jetzt bei Julius Bard in Berlin erschienen— erzählt ausführlicher und leidenschaftlicher, was die „Venezianischen Epigramme" in dem reinen Stoff klassischer Formen gebildet enthalten. Und von den so schnöde behandelten VerSchen richtet sich ein ganz besonders kräftiges gegen Friedrich Nicolai. den großen Verkündigcr aller Sclbstverständlichkeikcn, dem die leidenschaftliche Handlungsart des„jungen Werther" wider seine «sthmatische Körperfülle ging; und das den biederen Nicolai auf Werthers Grab porträtiert, in einer durchaus menschlichen, aber nicht gerade salonfähigen Haltung, die einen Körperteil eniblößt, der in letzter Zeit besonders in militärischen Kreisen zu einer gc- wissen Beliebtheit gelangt ist. Die Sachen sind längst gedruckt und vckannt: aber die Herausgeber der„Sophicn-Ausgabc" kennen Goethe nur als Kastraten, dem ein heftiges Wort Leibschmerzen verursacht. Wunder soll es mich nehmen, wie die geplante „historisch-kritische" Ausgabe der Werke Wielands"werden soll, der bekanntlich ein übler Windhund gewesen, mit einer bc- sonderen Neigung zur Darstellung sehr schwieriger Lagen. Es gibt so ziemlich keinen der Scherze, die etwas toll gewordene Liebesbedürftigkeit treibt, die der gute Wicland nicht in wunder- 1 voll zarten Versen besungen hat: die„Komischen Erzählungen"! berichten schlimmere Dinge, als die Rormalehe des deutschen Spießbürgers sie kennt. Und da wir bei den Altbordern sind, die so gern als Beispiel deutscher Klassik gerühmt werden, wollen wir nicht an den kleineren Geistern vorübergehen, die Deutschland damals zur Kultur bcrhalfcn. H e i n s e, der jetzt in der Insel- rfusgabc wunderschön erscheint— und von dessen Hauptwerken ein billiger Neudruck angebracht wäre—, hat in seinen Romanen Stellen, die eine höhere Tochler nur in ihren sanftesten Träumen zu erleben wagt. Allerdings wollen wir nicht vergessen, daß er am Hofe cincS amüsanten Erzbischoss lebte, der sein Bistum— er war Kurfürst von Mainz— von seiner Maitrcsse leiten ließ. An diesem in einem ewigen Taumel lebenden Hofe war es kein Wunder, daß Heinse den„Satyrikon" des Petronius übersetzte, ein Sittenbild der römischen Bourgeoisie, das allerdings einen Pavian erröten machen könnte. Aber die Geschichte belehrt uns, daß Petronius nur ein kaltblütiger Cchilderer war, dem es weniger auf die sittliche Reinheit seiner Geschichten als auf deren Wahrheit ankam. Die Zustände im alten Rom zur Zeit Neros waren eben etwas stark verseucht, und wir haben noch ein Weilchen Zeit, ehe unsere Kultur auf diese Höhe angekommen sein wird. Daß es nicht unmöglich ist, beweist die wunderschöne Schilderung des Gastmahls des Trimalchw— in einer billigen Uebersctzung bei Reclam, leider „bearbeitet"—, die, abgesehen von den zeitlichen Verschiedenheiten. sehr gut auf manchen Tiergartenemporkömmling paßt. Doch Heinse ist nicht vereinzelt. V o ß, der unvergeßliche Uebcrsetzer des Homer, hat im Wettbeiverb mit dem einen der Grafen Stall- berg, die als edles Brüderpaar durch die Literaturgeschichte wandeln, eine Ode gedichtet, deren saftige Ausdrücke von keinem betrunkenen Zuhälter zu übertreffen sind. Ausgerechnet der Graf Stollberg, für dessen„jünglingshafte Reinheit" jeder Literatur- geschichtsschreiber entschlossen bürgt. Aber man hatte damals kräftigere Nerven, man hätte den einfach ausgelacht, der irgend ein kräftiges Wort unter die Anmerkungen versteckt, wie es Frau Förster-Nietzsche bei den Werken ihres Bruders getan hat. Daß Ausschreitungen wie diese natürlich der schlimmste Unfug sind, der mit dem Sittlichkeitsgefühl getrieben werden kann, leuchtet ein. Wer nicht schon verdorben ist, kann durch Bücher sicher nicht verdorben werden: und wer so etwas nicht lesen will, hat nur nötig, es nicht anzufassen. Man höre sich doch einmal die Stammtisch-- Unterhaltungen friedlicher Bürger an! Weibergeschichtcn, vou Nacktheiten hagelnd; Scherze, deren breite Eindeutigkeit nicht zu übertreffen ist. Heinrich von Kleist kannte die famosen Gesell- scbaften. wo Damen sanft anrötcn, wenn ein bedenkliches Wort fällt; wo die Herren sich winden, um irgend etwas Menschliches auf ja nur sehr vorsichtige Weise ganz von Ferne anzudeuten. Sein Sinngedicht auf eine Dame bei dem Lesen der„Marquise von O.. einer Kleistschcn Novelle, die das Schicksal einer Frau bebandelt, die in der Ohnmacht vergewaltigt ist, sagt dies sehr klar: Dieser Roman ist nicht für Dich, meine Tochter! In Ohnmacht! Schamlose Posse! Sie hielt, weiß ich, die Augen nur zu. Mit anderen Worten, die gnädige Frau vermochte an die Ohnmacht zu so günstiger Zeit nicht glauben, sie dachte sich in eine ähnliche Lage und meint dann ganz folgerichtig, die Marquise von O... hätte sich nur die Augen zugehalten und die Ohnmacht erheuchelt, um sich nachher herauszureden. Dem Reinen ist alles rein, und dem Schwein— fügt der Volksmund mit besonderer Richtigkeit hinzu— alles Schwein. Ich vermag auch nicht zu finden, daß die Leute vor hundert Jahren sittenloser gewesen sind als jetzt. Und dabei zirkulierten Bücher, deren Verfasser jetzt lebenslängliche Versorgung in staat- lichen Aufbewahrungshäusern finden würden. Tie„Gedichte im Geschmacke des Grckourt" z. B. enthalten so ungefähr das schlimmste, ums ich kenne. Kein Mensch dachte daran, sie zu verbieten. Uebrigcns entpuppte sich als ihr Verfasser ein sehr sittenstrenger Beamter. Es gibt kein traurigeres Zeichen einer unfreien, an- gefaulten Kultur, wenn das. was wir lesen wollen, uns von einer staatlichen Bcvormundnngsanstalt vorgeschrieben werden muß. Aber ist es ein Muß? Aus Grund welcher Erfahrungen sollen uns jetzt Dinge untersagt sein, die vor hundert Jahren selbstverständlich waren? Wenn die Entwickclung der Beaufsichtigung so weiter geht, wie soll das enden? Vor vierhundert Jahren konnte sich noch ein Tübinger Universitätsprofessor, der Humanist Heinrich Bebel, gestatten, ein Bändchen„Faeetien"— das läßt sich bei Gott nicht anders als„Schmutzereien" wiedergeben— zu schreiben, ohne seinem Ansehen zu schaden. Man wußte damals noch nicht. daß der, der einmal Sitte besaß, durch jedes derbe Wort zu einem Lustmörder gemacht werden konnte. Aber wie lange wird cS dauern, und man wird den„S i m p l i z i s s i m u s" von Grimmelshausen, diesen unvergänglich schönen Abenteurer- und Kriegsroman— in einer billigen und nicht grob verstümmelten, leicht erneuten Schreibweise in Meyers Volksbüchern— nicht mehr lesen dürfen, weil er einige sehr natürliche Szenen enthält. Oder Rabelais, dessen wundervoller„Gargantua und Pantagrucl" — in einer scbr schönen und moralinfreic» Ucbersetzung in Met>ers Klassikerausgabcn und neuerdings in verkürzter Form in Langens Verlag— allerdings sehr grobe Stellen enthält. Aber sind wir denn schon ein so kraftloses Geschlecht, daß uns jedes kräftige Wort gleich umwirft! Gewiß ist z. B. das Kapitel, welches Pantagrucls Versuche, ein brauchbares Papier für den Abtritt zu erfinden, nicht ganz stubenrein: aber ist es nicht von köstlichem, ganz frischem Humor? Und das Kapitel, wo der Erzschelm Panurge eine vor- nehme Dame mit einem Pulver bestreut, dessen Zusammensetzung sich allerdings nicht wiedererzählen läßt, so daß alle lüsternen Hunde von Paris der Erschreckten heulend und bellend nachlaufen. Und all das Wunderbare, was ein gesunder und lustiger Herr. und ein solcher war der trinklustige Pfarrer von Meudon, an spaßigen Anekdoten erzählt und womit er uns seine Menschen so vertraut und angenehm macht, im Gegensatz zu den leblosen Puppen der Schuldichtcr.'Wird man uns nicht nächstens noch den Don Quichote verbieten, nur weil er Szenen enthält, deren urkomische Drastik guten Haustöchtern erst nach der Ehe aufgehen soll? Welch ein kostbares Kapitel, wo die hästliche Magd zu dem Maultiertraiber ins Bett steigen will und sich zu Sancho Pausa, dem kugelrunden Knappen des Ritters Don Quichotte, verirrt und wo aus den Verwickelungen eine allgemeine Prügelei entsteht, die die komischsten Folgen hat! Und was die Behörde nicht besorgt, veranlassen gewisse Verleger. Als ich kürzlich die Reklamsche Aus- gäbe der Werke Ch. D. G r a b b e s durchblättere, fand ich, daß ganze Partien fehlen— ohne daß der Verlust mit einer Silbe angedeutet war, sinnlos ging es weiter.— Aber es wäre Heller Blödsinn, unsere Meisterwerke daraufhin zu prüfen, ob sie etwas enthalten, was gewissen Herrschaften, schlimmen Muck»rn_ im Deutschen Reich, unangenehm ist: es ist, nochmals sei es gesagt, ein Zeichen, daß irgend etwas nicht in der natürlichen Ordnung ist, wenn sich das Gesetz in die Privatsachen des einzelnen, die nur ihn allein berühren, mischt. Soviel soll festgestellt sein, daß wir viele unserer kostbarsten Geistesschätze nicht besitzen würden, wenn es immer Sittlichkcitswächler von der gleichen Einjichtslosigkeit Wie heute gegeben hätte. Und nun zu den„Opalen". Ja, was enthalten sie denn Fürchterliches? Zeichnungen von Aubrey Beardsley, dem be- gabtesten englischen Zeichner der letzten Jahrzehnte. Freilich sind die Stoffe nicht dem Srbauungsbuch fürs christliche Haus ent- nommen. Gewiss sind die Darstellungen sinnlich: aber ist das Leben denn stubenrein? Ist denn die Sinnlichkeit nicht das einzige Gut, das alle anderen Lebcnstätigkeiten mit einem sanften Feuer durch- glüht? Und wenn es schon einmal heftiger wird, soll denn alles mit dem Lineal auSgemcssen fein! Ist Aristophanes, der grosse griechische Komödienschreiber, den Beardsley illustriert, vielleicht ein Dresdener Gerichtsbeamter gewesen? Ja, waren die Griechen, für die gewisse Deutsche, deren Name in der Schule gelehrt wird, ein so grosse Schwachheit gehabt haben, dass sie sie als das Vorbild- liche Menschengeschlecht hingestellt habe», waren die Griechen viel- leicht prüde und schüchtern? Das wollen wir doch englischen Gou- vcrnanten und schweizerischen Pensionaten überlassen und uns mit Herder und Goethe an der Saminlung griechischer Liebcsgedichte, einen Teil der sogenannten„Griechischen A n t h o l o g i e"— jetzt in. billiger uird sittlich ganz unabhängiger Auswahl bei Piper in München erschienen— erfreuen. Oder echauffiert man sich an Somoffs Bild: Die Verführung? Nun, der Russe Konstantin Somoff ist ein grosser Künstler, und wer will, kann sich durch eine Autorität, wie Professor Bie, den ganz unprofessnralcn Heraus- gcber der«Neuen Rundschau", der soeben ein Buch über Somoff herausgibt, belehren lassen. Aber vielleicht ist der Text anstössig. Ein Teil eines bisher ungedruckten Tagebuches E. T. A. Hoffmanns, das ganz neue Aufschlüsse über den Dichter des„Kater Mürr" und der„Elixiere des Teufels" geben. Das knnns also nicht sein. Aber vielleicht das Schmähgedicht von Christian Reuter, dem Verfasser des Unsterblichen„Schellmuffskh"(bei Reklam er- schienen!), der trotz seines respektablen Alters von 2t)<1 Jahren noch sehr frisch zu lesen ist. Nun, nicine Herren, das ist vor zwei Jahren von einem sehr angesehenen Leipziger Professor herausgegeben worden: warum hat man sich da nicht aufgeregt? Aber sicher, die Gedichte V e r l a i n e s sind anstössig. Nun, die fragwürdigen Lieb- schaften, die Verlaine besingt— und, wie Sie sicher zugeben werden, mit fabelhaftem Talent besingt— sind kürzlich in einem sehr amüsanten Prozcss der breiten Oeffentlichkeit mit einer Ausführlich- seit erzählt worden, dass Sie den Dr. Blei, hätte er so etwas in den „Opalen" veröffentlicht, unfehlbar bestraft hätten. Und wenn Sie schon Liebesgedichte erlauben, müssen Sie auch anormale Liebes- gcdichte erlauben. Es ist doch nicht zu ändern, dass nicht alle Menschen die gleichen Triebe fühlen, und SokrateS bleibt Sokrates, ob er schon errötet— wie sein Schüler Platon berichtet— wenn sein Blick auf den wunderschönen Charmides fällt, dessen Gewand vom Winde gelüftet wird. Und fragen Sie einen Professor von einigen Kenntnisse», wen er für den bedeutendsten französischen Lyriker der letzten Jahre hält, und wenn der Mann nicht Verlaine nennt— aber er nennt eben Verlaine. Sogar das Brockhaussche Konversationslexikon, gewiss keine revolutionäre Einrichtung, gibt ihm einen gewissen Rang. Aber die alten deutschen Gedichte, die die„Opale" brachten— und die Blei nachher in seinem„Lust- Wäldchen" sammelte, das ja auch beschlagnahmt ist— haben Sie verschnupft? Ja, aber warum haben Sie die gelehrten Publi- kationen übersehen, die schon längst ähnliches brachten, für jeden zugänglich, der es lesen wollte. Aber das Aufzählen wird all- mählich langweilig. Tie beiden ersten Hefte der„Opale" sind bc- schlagnahmt worden. Befürchtet man, dass sie das Volk verderben werden? Dazu sind die„Opale" erstens zu kostspielig und zweitens hat das Volk vcrdauungsfähigere Magen als die zahlungsfähige Bourgeoisie. Will man diese vor dem geistigen Ruin behüten? Die Herrschaften brauchen sie ja nur nicht zu kaufen. Oder die Künstler? Die sind ja sonst von der staatlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. Das Verbot bleibt also eine überflüssige und dem Auslande gegenüber blamable Formel: wer sich die Bücher kaufen will, kauft sie doch, bestenfalls zu erhöhtem Preise. Oder denkt man durch solche Verbote diese Art der Literatur auszurotten? Auf eine so dumme Idee wird nicht einmal der Schriftführer eines evangelischen Jünglings- Vereins kommen. Ein fleißiger Forscher, Hayn, hat ein dickes Buch geschrieben, welches nichts als die Äücheriitcl solcher Schriften enthält, eine ungeheure Anzahl: zu Ehren des deutschen Tempera, ments sei's gesagt. Da kann kein Verbot gegen auf. Das ver« nünftigsie bleibt, den§ 184, von welchem diese Tinge abhängen» mit grosser Eile abzuschaffen: zur Beruhigung bedenklicher Ge- müter könnte man ja, wie es Dr. Benedikt Friedländer einst vor- schlug, um jedes„unsittliche" Buch einen roten Ilmschlag machen mit der fetten Aufschrift:„Warnung! Tics Buch ist: unsittlich 1" lind wer es dann noch kauft, möge es mit sich abmachen und der liebe Gott ihm seine Sünden vergeben. Aber immerhin eröffnen solche Verbote, wie die der Opale, hübsche Fernsichtcn in die Zu» kunft: und wir wollen zufrieden sein, wenn eine löbliche Behörde nicht irgend eine Kommission einsetzt, die unsere gesamte Literatur zensuriert und kastriert. R. K. Kleines f euilleton* Klnift Klcttcrasscn! Die Schlosser von der Fabrik im zweiten Hof sitzen auf der Mauer und schlenkern mit den Beinen. Wenn sie so dasiyeu und das tun, weiss jeder, der sich in der Nachbarschaft auskeimt, dass es nachmittag ist und zwar�t Uhr. Im Sommer liegt dann gewöhnlich Sonne über dem Hof, an den Fenstern singen bei ihrer Arbeit die Mädchen und wie zur Ant- wort pfeifen die Vögel auf den Dächern. Im Winter abcr�inacht um diese Zeit fahles Tageslicht der Dämmerung Raiim, die Sonne hockt missmutig hinter Wolkenballen, was ein anständiger Vogel ist, ist längst fortgeflogen und die Mädchen singen solchen Tagen keine Lieder. Die Dämmerung kommt... Sie senkt sich hastig herab, als wolle sie die Spuren des Tages verwischen, der seit dem Morgen die Strassen in Nebellmnpen durchwankt, hässlich und grau. Im Keller des Hofes, wo Grossvater und Enkel sitzen, steigt sie aus den Winkeln auf, schaut sich um und reckt langsam die Glieder. Grossuater sieht sie nicht. Er hockt am Ofen, den Kopf in die Hände gestützt, und starrt in die Glut, während der Ranch seiner Pfeife lange Schnüre durch's Zimmer zieht. Nur hin und wieder wirft er einen Blick zum Enkel hinüber, der über den Tisch ani Fenster gebückt, eifrig kleistert und llebt. Eine ganze Menagerie ist dieser Tisch. Krokodile und Mäuse verschiedener Farbe, Elefanten, die mit dem Rüssel nicken und Affen, die blitzschnell hinaufklettern an ihren Schnüren... Es klopft. Ein kleiner Junge steht vor'm Fenster und drückt das Gesicht an die Scheibe, so dass es breit und platt wird und er aussieht wie ein Eskimo. Seine Eltern wohnen im Vorderhaus und er soll eigentlich nicht auf den Hof. Wegen der„Bälger", die da wohnen. Aber je strenger das Verbot, desto niehr lockt's ihn hin und heute ist er wieder mal ausgekniffm. Fritz blickt auf. „Was gibt's?" „Gehst Tu mit?" Der drinnen schüttelt den Kopf. „Nur eine Viertelstunde I Zun, Fenster, wo die Bären stehen I" Aber Fritz bleibt standhaft. Er ivtrst einen Blick auf die Arbeit. dann schüttelt er wiederum den Kopf. Der Kleine steht unschliissig. Dann verschwindet er plötzlich vom Fenster und im nächsten Augenblick stürmt er herein. „WaS niachst Du denn?" Fritz ist schon wieder bei der Arbeit. „Kletteraffen", sagt er kurz, indem er einen an der Schnur befestigt. Der Kleine tritt heran und wirft zärtliche Blicke auf die Menagerie. „Und alle willst Du verkaufen?" „Alle", sagt Fritz. Und man sieht ihm an, es ist sein Enischluss. „Wenn der Weihnachtsmann kommt..." beginnt der Kleine. Dann unterbricht er sich.„Wie ist das wohl mit dem WcihnachtS- mann?" Fritz hat keine Zeit. Er hört und sieht nur den Affen. „Mama sagt, er kommt nachts. Spät, wenn die Kinder längst schlafen. Und hat einen langen weissen Bart und auf dem Rücken einen Sack mit Geschenken für die guten Kinder. Fritz?" Der Affe ist fertig, sein Schöpfer sieht auf. „Man weiss das nicht genau." meint er.„Früher hat Gross- Vater das auch gesagt. Aber dies Jahr sagt er, ich sei sechs Jahre. und' einen Weihnachtsmann gebe es nicht und wir müssten selbst Tiere machen." „Und alle verkaufen." „Gewiss," nickt Fritz.„Wenn wir sie los werden— klappt's. Dann wird's Feiertag." „Mit einem Baum?" Fritz schüttelt den Kopf. „So nobel sind wir nicht. Das kostet einen Batzen Geld. Eine Marl— Zwei Mark— Drei Marl „Also gar keinen Baum?" fragt der Kleine traurig.„Ja, wie denn—?" „Wie?" Fritz denkt nach.„Grossvater sagt: Wenn wir alle los werden, die ganzen Elefanten und Affen, so das; kein einziger bleibt. dann klappts. Daun machen wir Feiertag. Heizen den Ofen und ■.1■-■ v. v-■...■ Sk'»i.w gehen den ganzen Tag nicht von ihm fort. Und esien zu Mittag Brathering und zu Abend Pferdewurst und trinken Malzbier dazu— wie die Grafen.. „Pferdeumrst?" �Ja. Wenns klappt..* Euren Augenblick noch sieht er nachdenklich bor sich hin, bann seufzt er leise auf und beugt sich über die Affen. Der Kleine neben ihm träumt. Grofzvuter starrt in die Glut. Ringsum ist Stille.... Slm Sonntag vor Weihnachten aber, am„goldenen Sonntag", wenn Bcrliit das lichte Geivand anzieht, gewebt aus Flittern und Märchen und Glanz, kommt plötzlich Leben in alles. Krokodile und Mäuse huschen bin lind her. die kleinen Elefanten beginnen zu incken und die Affen klettern so emsig, als wollten sie den Himmel erklettern.... Ani Potsdamer Platz, wo der Menschcnschwarm am dichtesten wogt, bietet ein kleiner Junge Spielsachen feil. Wenige Schritte entfernt lehnt, müde auf den Stock gestützt, ein Alter. Blau vor Kälte und längst heiser, erheben sie immer wieder unermüdlich die Stimmen: „Kauft Klettcraffen!"... -- Wie es wird, weiß man nicht. Bielleicht schlecht. Biel- leicht gut. Bielleicht— Feiertag? W. P. Larsen. Humoristisches. — Ein Idyll aus Wild-West. Pfälzer sauS Amerika zurückgekehrt, am Stammtisch!:„Ehr liewe Kinner I— In dem Wilde Weste— do sinn Eich Zuständ' l Zuständ', sag' ich Eich, do kennt Ehr Eich jo hie' keim' Begriff dervun mache. Meent Ehr, do gceb's aach wie hieznland Wert'chäftelcher, wu mer eerrfacd sein Scliobbe Wein b'schlellt im' en Handkees dazu? Ja, Peifedcckel l Deß nächscht Ding, was eme Wertshaus so ung'feehr ähnlich g'sehe hol, war vun meiner Farm sechzeh' Meile' weit weg— englische Meile' nadierlich. Na, am e' scheene Sundag Mittag mach' ich mich halt doch uff die Veen' un' geh' hin. „Wot häv ju got?" deß heeßt:„was henn Ehr daim heit Gutes?" frog ich de' Wert, en Landsmann, aach en Pälzer.„Onli Koffi!" fcggt der.„O I krieg' die Kränk I" denk' ich, un' sag:„Na, do bring' mer halt in drei Deiwels Name Koffi I" Er bringt mer aach e' Tasi' voll schwarze Kaffee un' e' Häwwelche wie en Fingerhut voll Millich.— Ich wart' un' wart'— un' frog schließlich:„Na— un' de Zucker?" Do kratzt sich der gut' Mann uff'm Kopp un' schtottert: „'s dbut mer arig leed. Ehr missen schun cxkjuse; awwer sehen Ehr. die zwce Gemlemen, wu dort driwwe hocke', henn die letschte drei Sckmckelcher Zucker kriegt. Un' die henn Dubbe druff gemolt un' fchpicle Wcrfcl mit." („Fliegende Blätter'.) Notizen. — DaS beste Publikum. Max Burckhard, der frühere Direktor des Wiener Burgiheaters schreibt in einer demnächst bei Riittcn«. Loenig in Frankfurt a. M. erscheinenden Monographie über daö Theater:„Das beste Publikum, das ich kennen gelernt habe, ist das Publikum aus dem gebildeten, minder bemittelten Mittelstand, das sich aus Beamten, Kaufleuten, Lehrern, Studenten zusammensetzt, und das Arbeiterpnbliknm. Ich habe im Wiener Burgtheatcr während meiner Dircktionszeit durch eine Reihe von Jahren an den Nachmittagen der Sonnrage Vorstellungen klassischer Werke veranstaltet, und die Wahrnehmungen, die icv da vemaÄt habe, haben mich wünschen lassen, ich könnte vor diesem Publikum alle Premieren des Theaters spielen.... Da? Publikum aus Arbeiterkreisen habe ich aber auch kennen und schätzen gelernt, wenn ich, wie ich es oft und immer mit großer Befriedigung getan habe, in Vereinen der sozialdemokratischen Organisation Vor- lesungen gehalten habe. Ich habe da nicht nur Stücke, sondern auch andere literarische Erzeugnisse, Gedichte und Novellen vorgelesen, und ich muß sagen, daß ich nie ein Publikum gefunden habe, daß solche Empfänglichkeit und so richtigen Geschmack gezeigt hat. Als ein Expcrinient nur hatte ich es versucht, in solchen Kreisen Novellen Gottsried Kellers vorzulesen. Und nur mit einem gewissen Zagen habe ich diese Vermche mit einer Vorlesung der„gerechten Kammacher" eingeleitet. Die drei Kammachergesellen stehen in einer sozialen Schicht, denen ein Teil meiner Zuhörer nahestand oder selbst angehörte. Und der Dichter hat sie ivahrlich nicht idealisiert, sondern mit scharfer Satiere all die Schwächen und Fehler gezeigt, die durch ihre praktische LcbenStätigkeit und ihre gesellschaft- liche Stellung aus der menschlichen Natur herausgearbeitet worden sind. Wenn man den Angehörigen anderer, höherer Berufszweige die Schwächen ihres Standes vorführt, dann Pflegen sie beleidigt zu werden. Hier ober war' kein Zeichen einer Mißstimmung zu merken, und jede komische Wendung löste frohe Heiterkeit aus. Das waren Leute, die nicht etwa vorher wußten, Ivos in der Erzählung iveiter kommen werde, und daß zum Schlüsse die Bürger, die behäbig in den Fenstern lümmeln, um den Wettlauf vergnügt zu betrachten, der unter den armen Teufeln veranstaltet worden ist. eine viel traurigere Nolle zu Wielen berufen seien, als die drei Gesellen im Verlaufe der ganzen Erzählung gespielt hatten. Als aber die Erzählung bis zu dem Punkt gediehen war, wo der Dichter dies zeigte, da verstanden sie ihn auch sofort, und in lautem Jubel machte sich die freudige Er» kenntnis Luft. Bücher-Einlanf. Heinrich von Klei st s sämtliche Werke liegen nun auch in den einbändigen Klassikerausgaben der Deutschen Verlagsanstalt in Großoktavformat vor. Eine alle» Wichtige bcrücknckitigende Einleitung von Fritz Baader gibt einen Abriß von Kleists Leben und Dichten.(Preis geb. 3 M.)— Richard Wagner in der Karikatur behandelt unser Mitarbeiter Ernst K r e o w s k i in einer gründlichen und doch frischen Weise in einem stattlichSn Bande, der bei B. Vehr(Berlin) erschienen ist.(Preis 7 M., geb. 10 M.). Eduard Fuchs hat mit gewohnter Kennerschaft das ungemein reichhaltige illustrative Beiwerk besorgt. Für den Musikforscher und Knlturhistoriker ist damit ein wichtiges Material erschlossen.— Rudolf Wilke und Ernst Heile mann haben ihre vom„SimplicissimuS" her bekannten Zeichnungen in je einem Sammelbande bei Langen herausgegeben(je 0 M. gebunden). Wilke nennt seine Sammlung„Gesindel", er ist in der Tat der künstlerisch feinste Darsteller der Vagabunden und Verlorenen, in der Technik von stärkster Eigenart. Heilemauns Bilder aus der halben und ganzen Berliner Welt(„Die Berliner Pflanze") haben einen Stich ins stark gewürzte Pikante.— Vom Himmel und von der Erde nenm der frühere Direktor der Berliner Urania Dr. M. Wilhelm Meyer, dem wir vortreffliche populäre Darstellungen aus der Astronomie verdanken, eine Sammlung von gut illustrierten Aufsätzen, in denen u. a. Sonne und Erde, der Mensch im Weltall, Aeihcrwellen, Radium, Riesen der Vorwelt, die Schönheit des Lebendigen, Capri und der große Vcsuvausbruch von 1906, Stern» warten, das Zeißwerk u. a. behandelt werden.(Deutsche Verlags« anstatt, Stuttgart, geb. 7 M.)— Ein wahres Zeitalter der Breviere scheint hereinzubrechen. B. Shaw hat sein Wagnerbrevier übersetzen lasse» und dabei in einem seiner bekannten Vorworte ein Groteskfeuerwerk über Sozialismus, Sbaw als Wundertier und ähnliches losgelassen.(Hoffentlich wird das niemand für etwas anderes halten— als Shaw selber, der die deutsche Ernstbeit zu verspotten liebt.) Auch das Jbscnbrevier von Shaw ist uuS nicht versagt geblieben(beide bei S. Fischer, Berlin. Jedes 2.öl) M., geb. 3,öl1 M). Ob im klassischen Lande Ibsens und WagnerS diese Essays heute noch irgendwie befruchtend wirken können? Viel nötiger wäre Shaws Einfluß in dieser Hinsicht in England.— Breviere im eigentlichen Sinne bietet die Sammlung: Aus der Gedankenwelt großer Geister.(R. Lutz, Stuttgart. Jeder Band 2,50 M., geb. 3 9)?.). E» liegen vor: Voltaire von Käthe S ch i rm a ch e r und L e s s i n g von T h e o d o r K a p p st e i n.— Die Hausbüchereider Deutschen Dichter-Gedächtnis« Stiftung ist um eine Reihe von Bänden vermehrt worden. „Frauen Novellen" von Klara Viebig, Lulu von Strauß. Lou Andreas Salome uud M. R. Fischer bietet ein neuer Band de? NovcllcnbiicheS,„K i n d h e i t s» g e s ch i ch t e n" von Ad. Schmitthenner, H. Heiberg. Ehar« lotte Niese, Thomas Mann und anderen ein zweiter. Preußische Jugend zur Zeit Napoleons hat Wilhelm Bode aus Karl Zimmermanns Memorabilien zusammengestellt. Die klar gedruckten und gilt gebundenen Bücher kosten 1 M. der Band.— Zu den hier bereits rühmend genannten„Büchern d e S deutsch e n Hauses"(der geschmackvoll gebundene Band kostet 0,75 M.) sind neu hinzu gekommen: Novellen(„HanS Dampf",„Kleine Ursachen") von H. Zschokke und„Die Sphinx in Trauer" von Max Krctzer.— Grimm 8 Kinder- und H a u s m ä r ch e n sind in einer voll- ständigen Ausgabe mit einer Einleitung von Heinrich Wolgast nun auch in Max H e s s e s Verlag erschienen. Acht farbige Voll- bilder von Heinrich Vogeler, die indes in der Verkleinerung nicht voll zur Geltung kommen, schmücken den hübsch gebundenen Band.(Preis 3 M.) Die bekannten Schaff st einschen Fugendschriften, die von unseren Prüfungsausschüssen zum größten Teile empfohlen werben, sind dieses Jahr wieder um eine erkleckliche Anzahl ver» mehrt worden. Wir treffen da die Legenden von Rübe« zahl nach Musäus(geb. 2 M.), die Schildbürger, wieder« erzählt von Gustav Schwab(geb. 2 M), CaspariS neu bearbeitete Erzählung Der Schulmeister und sein Sohn(geb. 1 M.), Das grüne Haus, Märchen und Geschichten von Paula Dehme l(geb. 1 M.), Neue Märchen hat aus neueren Dichtern Emil Weber ausgewählt(geb. 4 M.).— Kinderlieder von Karl Ferdinands schmückt Hans v. Volk mann mit präch» tigen Bildern(geb. 3 M.).— Märchen für große Leute sind gesammelt von Emil Weber in einem schmucken Bändchen Die Traum» buche mit Beiträgen von Storni, Anzengruber, Leander, Heyse, Dehmcl und zahlreichen anderen(geb. 3 M.)— Ein Märleiu von einem FnihlingSsouiientag(Eine Reise i n s Märchenland) schildert Franz M ä d i n g in bunten Reimen mit Buchschmuck von S. Tusar.(Miiuchener Volksbuchhandlung geb. 2 M.)— Schade daß alle die guten Sachen immer noch für die breiten Massen viel zu teuer sind. Wann werden in Deutschland die überaus billigen (von 8 Pf. an I) und guten Kinderbücher von Stead nachgeahmt toerden? Verantivortl. Redakteur: Hans Weber» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer L-Eo.. Berlin