Anterhaltungsbsatt des Honvärts Nr. 249. Dienstag, den 24. Dezember. 1907 (Nachdruck verbolm.) Vie Krücler �emganno. Von Il5dmond de Goncourt. «Aber sprechen Sie, was denken S i e von der Sache? Vermögen Sic keine Erklärung zu finden für die Vertanschnng der Leinwandtonne mit einer Holztonne, die zuvor im Zirkus nicht existierte und die plötzlich da war wie durch ein Wunder?" Der Direktor des Zirkus, der gekommen war. um Nello einen Besuch zu machen, richtete diese Worte an Gianni, mit dem er nach Verlassen des Krankenzimmers in der Tür des kleinen Häuschens in den TWne» sprach. «Ah. ja, eine Tonne von Holzl" sagte Gianni zögernd. als ob er weit fern in seinen Erinnerungen suche.„Richtig, es ist so, wie Sie sagen... diese Unglückstonne war mir ganz aus dem Gedächtnis gekommen, seit ich... seit ich so unglücklich bin, mein Herr!... Aber warten Sie... wahr- haftig. wie kam es, daß s i e da lvar, sie. diese Person, die sonst nie in der Vorstellung war, wenn sie nicht arbeitete... daß sie an diesem Abend auf einer Bank im Stallgang stand ... ich sah sie noch dort, als ich mit meinem Bruder in den Armen vorüberging, um ihn hinauszutragen. Man hätte meinen können, daß sie dort aus den Anblick gewartet!... Und dann noch eines: jener Unbekannte, wegen dessen man mich abrief, weil er einen Brief an niich abzugeben habe, so daß ich auf einen Augenblick die Manege verließ... ohne daß der Mann dann zu finden war...»vas hatte es damit für eine Bewaudtms?" «Ich sehe, auch Sie hegen Verdacht gegen die Tompkins, wie Tisfany, wie die ganze Welt, wie ich.— Und Ihr Bruder? Wie denkt er darüber?" «Oh, mein Bruder! Das Unglück ist so jäh über ihn ge- kommen, daß er von nichts weiter mehr weiß, als von seinem Sturz. Er hat keine Ahnung davon, ob er an eine Tonne von Holz gestoßen ist oder an etwas anderes. Der arme Junge glaubt einfach, den Sprung verfehlt zu haben, wie es vorkommt, daß einmal eine Produktion mißglückt, das ist alles. Und Sie begreifen, daß i ch ihn nicht aufklären mag." «Ja, ja, die Sache ist verdächtig genug," bemerkte der Direktor, seine eigenen Ideen verfosgend, ohne auf Gianni zu hören.«Sehr verdächtig! Um so mehr, als jenes Vieh von Kerl, bei dem man nie klug daraus werden konnte, ob seine Betrunkenheit echt oder nur Komödie war— der Mann, der die Tonne hereinbrachte und an ihren Platz stellte— auf die Empfehlung der Tompkins engagiert worden war. Ich habe versucht, ihn zum Reden zu bringen... vergebliche Mühe! Er ließ sich wegjagen, ohne ein Wort dagegen zu haben... aber nüt allem Bösen, das sich nur denken läßt, ans seinem Tölpelgesicht.... Ah, der Amerikanerin ist zuzutrauen, daß sie sich diesen infamen Streich ein tüchtiges Stück Geld hat kosten lassen.... Nun, mein Lieber, ich habe alles getan, was möglich war... ich habe die Sache anhängig gemacht, eine Untersuchung ist eingeleitet.— Wissen Sie, daß die Tompkins am Tage nach dem Vorfall Paris verlassen hat?" „Sprechen Sie mir nicht von dem boshaften Tier! Wenn sie die Ursache ist, daß das Unglück geschah... was Sie auch gegen sie unternehmen, gibt mir... gibt mir meines Bruders Beine nicht wieder!" sagte Gianni in jener Tiefe der Niedergeschlagenheit, in welcher die Verzweiflung nicht mehr Raum läßt für den Haß. Die heftigen Schinerzen in den gebrochenen Gliedern waren gewichen, der Kranke empfand nur noch das Gefühl einer gewissen, nicht näher zu beschreibenden Unbehaglichkeit in denselben, das nervös machende Gefiihl wie das Jucken beim Heilen einer Wunde, hervorgerufen von der prickelnden letzten Arbeit der Natur bei dem Zusammenwachsen der Knochen. Nello empfand wieder Appetit, er aß, er schlief nachts gut, und mit der zurückkehrenden Gesundheit begann ihm auch der Frohsinn wiederzukehren, ein Frohsinn, den das Gefiihl des Glückes, zu genesen, tief durchdrang und er- füllte. Der Chirurg nahm die Schienen ab, legte um das rechte Bein eine in Dextrin getränkte Bandage und bestimmte j einen Tag, an welchem der Kranke das Bett verlassen dürfe, �zu dein ersten Versuch nn Zimmer, an Krücken zu gehen » Der sehnsüchtig erwartete Tag lvar erschienen, an welchem Nello endlich aus der Unbcwcglichkeit und der an- haltenden horizontalen Lage, zu der er fast zwei Monats hindurch verurteilt gewesen, erlöst werden sollte. Giairni machte die Bemerkung, daß ihre Zimmer eigentlich sehr, eng seien, und da das Wetter schön war, schlug er Nello vor, seine ersten Gehversuche ii: t>em Musikpavillon unten auf dem Hofe zu machen. Er selbst ging und fegte ihn sorgsani rein, beseitigte jedes Gräschen, jedes Steinchen, auf dem sein Bruder hätte fehltreten oder auf dem er hätte ausgleiten können. Dann trug er Nello in seinen Armen hinunter nach dem anmutigen Rauin, in welchem sie im verflossenen Sommer so reizend miteinander konzertiert, so hübsch in Tönen miteinander geplaudert hatten. Und der jüngere Bruder begann seine Lallfübungen, während der ältere Bruder stets air seiner Seite blieb, ihn Schritt für Schritt begleitete, jeden Augenblick bereit, ihn mit seinen Armen fsti stützen, wenn Nellos Beine schwach werden sollten, ihm be, hülflich zu sein, wenn Nello umwenden wollte. «Es ist närrisch, wahrhastig," rief dieser auf seinen Krücken aus:„ich fühle inich wie ein kleines Kind... als ob ich anfinge, laufen zu lernen... zum ersten Male laufen zu lernen, meine ich!...Aber merkwürdig, das Laufen ist doch eigentlich sehr schwer, Gianni... und, wie dumm! es komnit einem so leicht, so natürlich vor... wenn man nicht die Beine gebrochen hat!... Und dann, denkst Du etwa, es sei bequem, diese Maschinen zu regieren? Wenn ich auf Stelzen lief, ohne mir dabei etwas zu denken... das ging besser!... Und dabei, weißt Du, muß ich Dir sagen, ich... ich... wahrhaftig, ich würde mich genieren, wenn jemand hier wäre und mich so sehen könnte! Ich muß eine jämmer- liche Figur spielen... oh! ah! ah! zum Teufel! es kommt einem vor, als ob der Erdboden nicht fest steht... Nun, be- unruhige Dich nur nicht, das gibt sich, ja... es macht nichts... sie ist jetzt nur wie von Baumwolle, meine armen Beine!" Es war erschütternd, die Mühe zu sehen, welche dieser junge Körper hatte, und die Anstrengung, die es ihn kostete, sich auf den schwachen, den Dienst versagenden Füßen im Gleichgewicht zu erhalten, die zögernde Langsamkeit seiner Fortbewegung und das unsichere Schwanken seiner ganzen Gestalt, indem er einen Fuß vor den anderen setzte, oder viel- mehr indem er bei jedem Schritt ängstlich den kränksten Fuß vorauf gehen ließ. Aber Nello war nun einmal entschlossen, zu laufen, und seine Beine begannen trotz ihrer Schwäche und Unsicherheit allmählich, ihre einstige Gewohnheit, als Organe der Fort- bewegung zu dienen, wiederzufinden: ein kleiner Erfolg, der die Augen des Verletzten vor Vergnügen leuchten ließ und ein freudiges Lächeln aus sein Gesicht zauberte.„Halte mich, Gianni, ich falle!" rief er plötzlich scherzend aus, und als Gianni die Arme uin ihn schlang und dabei seine Wange Nellos Munde näherte, küßte dieser die Wange des Bruders und biß im Uebermaß seines Entzückens liebkosend hinein, wie ein kleines Hündchen im tändelnden Spiel. Ein fröhlicher Abend verfloß, erheitert von den Scherzen des lustig schwatzenden Nello, der munter erklärte, daß er. noch ehe vierzehn Tage verflossen, hingehen werde und seine Krücken an der Brücke von Neuilly in die Seme werfen. ff In dein Musikpavillon hatten fünf bis sechsmal solche Uebungon stattgefunden, erfüllt von dem Glück des Augen- blicks und dem Vertrauen auf den folgenden Tag. Allein nach Verlauf einer Woche iiiachte Nello die Bemerkung, daß er noch nicht besser lief als beim ersten Mal. Und auch vier- zehn Tage verstrichen, ohne daß er mehr Kraft in den ver- letzten Gliedern, größere Sicherheit in ihrem Gebrauch ge- Wonnen hatte. Er versuchte zuweilen, sich ohne Krücken einig« Schritte fortzubewegen, allein sofort überkam ihn jenes Ge- fühl der Angst, der Hülflosigkeit und des wirren Schreckens, das wir sich auf dem Gesicht kleiner Kinder widerspiegeln sehen, die beim Laufcnlcrncn sich den beiden zu ihrem Empfang ausgebreiteten Armen zu bewegen und plötzlich. sich nicht weiter wagend. Halt machen und zn weinen an- fangen wollen: ein Schreckensgefühl, das ihn hastig wieder nach den soeben aus der Hand gelegten Krücken greifen lies;— mit dem krampfhaften Griff eines Ertrinkenden, dessen Hand ein rettendes Holz erhascht. In dem Maße, wie der Monat, in welchem er seine Lauf- Übungen begonnen hatte, vorschritt, begannen die Stunden von Nellos Lausvcrsuchcn ernstere zu werden, stillere, traurigere. tFortsetzung folgt.) Die zdcbmndcn KUnftc. Die diesjährige Ausstellung der»Zeichnenden Künste", die die Sezession im Kunstsalon Casfirer veranstaltet, bringt trotz der gülle nichts sonderlich Uebcrraschendcs. Tic Wirkung ist zu sehr zerpflückt. Es kommt hinzu, dag daS Zeichnen gerade nicht die Stärke der Sczcssionisten ist, und es hat oft den Anschein, als hätten ste nur aus äußerlichen Gründen, um vertreten zu sein, sich die Mühe genommen, sich zeichnerisch zu betätigen. So fehlt die Frische. Taö Künstliche, die Pose fällt auf und man bekommt den Eindruck des Ueberflüssigen. Beinahe akademisch mutet diese Ausstellung an, die man verläßt, ohne bleibende Eindrücke mit- zunehmen. Es sind nur Namen, die vertreten find, keine Werke. Bcrlincrisch-protzig tritt jeder auf, wo die meisten, was Zeichnen anlangt, noch so viel lernen könnten. Willkürliche Beschränkung auf Namen, die jedesmal monoton wiederkehren, und so fehlen gerade die zeichnerisch veranlagten Künstler, an denen Teutschland sonst «eich ist. Als ein solcher tritt eigentlich hier nur Tetchner auf, dessen süddeutsche Veranlagung in farbigen Zeichnungen für Kalender, deren Motive dem Bauernlcben entnommen sind, zutage tritt. Treffsichere Komposition, farbige Wirkung, zeichnerische Durch- führung machen seine Bilder zu Schöpfungen, die eine geschlossene, eigene Erscheinung, etwas wirklich Graphisches haben, der die darin zutage tretende fröhliche Laune gut steht. Das gerade Gegenstück zu dieser bodenständigen Art ist die Schar der in Berlin überwiegenden 5tiinstlcr, die bewußt ihre Manier übertreiben und im Stofflich-Extravaganten Bedeutung suchen. Das Absichtliche stört. Christophe, Stern, Pasdn. Das einzige, was bei ihnen noch zuweilen erfreulich loirkt, ist der Sinn für dekorative Wirkung. Sie wissen die Farbe gescknckt zu ver- wenden. Pasdn erscheint, so verschroben auch seine Sachen wirken, am eigensten. Sein feiner Strich, seine matten Farben fallen auf. Dagegen wirkt Kandinskp mit seiner breiten, fleckigen Art dessen Zeichnungen wie Glasfenster aussehen, äußerst kräftig. Wie Märchenbilder wirken die Zeichnungen, sie haben viel Eigen- beit und besonders vor schwarzem Hintergrund stehen diese leb- haften Farben fein. Klimt, der auch aufs Dekorative aus ist, tjt ein Künstler der Linie. Seine Art hat etwas Japanisch-Kalli- graphisches; zart und nervös ist sein dünner Strich, der die Um- risse eines Kopfes wie-ein Ornament zieht. Nur die Lippen sind rot hincingesctzt; oder das Haar ist violett getönt. Am besten ist Klimt in einfachen Zeichnungen, wie dem Bilde einer einfachen, ,«lten Frau, die fitzt. Da erschöpft er in feinen Linien die ganze Erscheinung. Tann gibt eL noch eine Reihe Künstler, die von der Plastik herkommen und ebenso das Dekorative anstreben. Am kräftigsten ist V a r l a ch. der russische Bauerntypen so breit und derb hin- stellt, daß das Dekorative sich wie von selbst einstellt. Kolbe hat sich in seinen impressionistischen Modcllskizzen von Rodin anregen lassen. Besonderen Wert haben die feinen, malerischen Skizzen »on M a i l l o l, dessen leichte Aktzeichnungen als Vorstudie zur plastischen Arbeit, als Notiz zu betrachten find. Gründliche Akt- zeichnungcn von sorgfältigster Arbeit gibt eine Dame, Marz, von K u n o w s k i. W e I s c r, der auch zu den Dekorativen zu rechnen ist, verrennt sich zu sehr in den Biedermeierstil; Silhouettenzeich- nungen in Mahagonirahmen, die nichts Eigenes mehr haben. Die Farbe bringt MattheS, dessen pariserische Schulung man beut- lich merkt, zu dekorativer Wirkung; die Arbeiten erinnern deutlich «m japanische Farbcnholzschnittc; die Linien find cckig-ornaincntal, die Farben gebrochen und matt. Es bleibt eine Reihe von Namen, deren Arbeiten von vorn- herein Interesse haben. An der Spitze steht Liebcrmann. Er sst ein Künstler der Linie und der Farbe. Wie er ein Straßendild mit wimmelnden Menschen aus tausend Strichelchcn zusammensetzt, alle Werte richtig verteilt und doch das Ganze im Auge behält, so daß er zuckendes Leben gibt, das ist bewunderungswürdig. Ebenso gebt er im Farbigen vor. Aus lauter Tupfen setzt sich ein Markt- bild zusammen. Plan hat die Erscheinung vor sich und doch sind die Farben so gewählt, daß sie nur die Zeichnung unterstützen, wo- bei das Malerische sich in der sorgfältigen Wahl der Farben bc- währt. Zur breiteren Wirkung führt Liebermann die Fordes in dem Pastellbild einer Uferszene mit bcladencn Schiffen, wo der ganze Schmelz der Farbe wundervoll hervortritt. Die kleinen Strandbilder sind merkwürdig flau. Dagegen versagt Corinth. Am besten ist er im«Ostseestrand", in dem die Farben fein in- cinandergchen. Dagegen kommt er in den Porträts zu füßlichen Posen und in der Farbe zu einer unleidlichen Buntheit. Seine Radierungen find aber von stauncncrrcgcndcm Ungeschick. Ec sollte sich die Radierungen der Kollwitz ansehen und da in die Schul« gehen, um das Technische zu lernen. Auch S l e v og t ist in seinen Zeichnungen zur Ilms zu kleinlich. Ebenso enttäuscht Klinger, und zwar gründlich; seine Portrüttöpfe in ihrec pedantischen Ausführung, den geschmacklosen Farben, könnten kaum als Arbeit eines Akademieschülers passieren. Welche Kraft ist da- gegen in van Gogh! Diese Landschaften find wirklich Zeich- nungen von merkwürdiger Gewalt. Es ist die ganze Weite der Ebene darin, nichts verkleinert und das wenig Farbige unterstützt vorzüglich den lebendigen Eindruck. Etwas einseitiger ist L e i st i k o lo, doch steckt auch in seinen Landschaften(Kohlezeichnungen) Kraft. Weicher ist Ulrich H ü b n e r, von dem ein See- stück bemerkenswert ist, von zarter Erscheinung. Der Norweger Münch ist ein Künstler mit zwei Seelen in der Brust. Einmal gibt er Porträts von zwingender lftaft; malerisch in der Er« fcheinung, charakteristisch in der Zeichnung. Es ist nichts dagegen einzuwenden. Sie sind frisch und graziös. Und er zeigt, daß er die verschiedenen Techniken der Radierung, der Lithographie, des Holzschnitts vorzüglich beherrscht. Dann aber gibt er Mädchen- köpfe mit stechenden Augen, umwallt von Haaren, Totcnschädck, Wahnsinnige, als sei er von allen Göttern verlassen; dag einzig', was man daraus entnimmt, ist ein gewisser Sinn für das Teko- rativc, das aber in den Anfängen stecken bleibt. Auch B a l u s ch ek fehlt das Selbsturteil; diese ganze Serie von Grohstadtbildern und Nachtszenen von umfangreichen Zeichnungen ist zu groß aus- geführt; sie find zu monoton dunkel gehalten, sie sind technisch un- interessant. Dagegen wirkt Zille, der seine Motive ebenfalls dem dunklen Berlin entnimmt, urwüchsig. Er hat französische «Schulung; Sterelen ähnelt er, im Zeichnerischen wie im Farbigen. Er gibt treffende Milieuschilderung. Das»Familicnbad Wann- sce" dürfte an Schlagkraft der Schilderung wenig Gleiches hier finden. Zille hat Vorliebe für die Abnormitätenbildung in de:» Menschen der Großstadt und zugleich einen derben Humor, den der Ernst der Sache nicht anficht. Mit Liebe geht er diesen Stoffen nach, die ihn in Spelunken und dunkle Gassen führen. Bon den Franzosen sind ältere Künstler bevorzugt. M i l l e t s Zeichnungen haben Ruhe der Erscheinung. D c l a c r.o i x geht in seinen Arbeiten auf das Malerische aus. Cherannes Zeich- nungen lassen in ihrer etwas akademischen Haltung doch dekorative Größe ahnen. Man ficht, Ileberraschungcn gibt es auch hier nicht. Will die Sezession also in einer solchen Ausstellung ctivaS geben, das ihr würdig ist, so muß sie einmal die Nachläufer nicht so sehr zur Sprache kommen lassen. Und dann muß sie nicht so blindlings der Mode folgen und Blätter aufnehmen, nur wenn sie inhaltlich bizarr oder pervers sind. Zu dritt dürfte sie nicht den Personcnkultus treiben, der sie Arbeiten von Mitgliedern, seien sie auch noch so wertlos, zustimmen läßt. Kurz, sie müßte wirk- liche Arbeit, gründliches Könncn mehr zu Worte kommen lassen und nicht die Pose, auf die sie sich hier so gut verstehen. Sie müßten dann das Programm nicht so in den Vordergrund rücken, sondern mehr die Tüchtigkeit des Einzelnen uiitersilchen. So erreichen sie gerade das Gegenteil: bei der Mass« der impressio» nistischcn Arbeiten erkennt man das Schematischr, die Schülcrarbcit, man verliert alles Interesse daran und sehnt sich nach Arbeiten von Persönlichkeiten, die kein Programm zum soundsovielten Male wiederholen, sondern eigenes geben. Scheint es doch, als hätte die Stunde dieses Programms geschlagen. Nicht in dem Sinn, daß eö abgetan wäre. Sondern man schätzt eL richtiger ein, als Mittel, als Technik. Darüber hinauszukommen, wieder zu einer große» Kunst zu komme», nicht in rückwärtsgelvandtem Geist, sondern m neuer Auffassung, die den Impressionismus für ihre Zwecke benutzt, was sehr gut denkbar ist, wird Aufgabe derjenigen sein, die nicht Schüler und Mitläufer, sondern eigene Charaktere sind. _ Ernst Schur. Kleines f einlleton* Terschsang auf Island. Tie Seefischerei der Isländer besteht vor allem in Dorsch- oder Kabeljaufang, dazu komme» Schellfische, Quappen(Langfische, Aalraupcn), Schollen, Flundern, Seehasen, Rochen usw. Ter Dorsch, in Island wie in Norwegen Hauptfisch. ist fetter als der norwegische und bildet nicht nur ein wichtiges Nahrungsmittel für die Isländer selbst, sondern wird auch nach Spanien, England, Italien und besonder« nach Dänemark aus- geftihrt. Während 1849 die Ausfuhr von Klipp- und Stockfisch 5 Millionen Pfund betrug, war sie 1898 auf 92 Millionen an- gewachsen, und während der Wert der ausgesührtcn Fische 188a 8 375 009 Kronen war, betrug er 1892 8 Millionen Krone», d. h. der Export betrug für die Einwohner 1882 77 Kronen, 1902 aber 132 Kronen. Im Frühling und Herbst bildet der Fischfang— wir folgen hier dem soeben erschienenen zweibändigen Werke von Paul Herrmann„Island in Vergangenheit und Gegenwart"—> den Sammelpunkt aller verfügbaren Arbeitskräfte. Besonders in dem sogenannten vcrtick— man unterscheidet drei„Saisons": baust» verticl(Herbstfischzeit) 29. September bis 23. Dezember, vetrar- venid(Winterfischzeit) 2. Februar bis 11. Mai, und vorvertid (Frühliugsfischzeit)— findet der Dorschfang statt. Tie Besatzung «ineS offenen BooicS mit IS bis 20 Mann nemtt man eine tkipshöfn(Schiffsladung, Schiffsmannschaft), diese wählt sich einen Steuermann. Aus allen Bezirken strömen die Leute dann an die Küste, um zu„rudern", mar he als Matrosen, andere mit eigenen Booten; auch eine große Menge Landarbeiter sucht im Winter ihr Glück auf dem Meere, da sie zu dieser Jahreszeit auf den Bauern- Höfen wenig zu tun haben. Unterkunft finden sie teils bei den Secbauern, teils Hausen fie in besonderen, sehr dürftigen Hütten, den sogenannten„Scebuden", die den Rest des Jahres leer stehen; sie bestehen aus einer großen Schlaf- und Wohnstube, einer Küche und einem Raum zum Salzen der Fische; in der Regel haben sie eine Frau bei sich, die ihnen das einfache Essen zubereitet. In der„Wintersaison" ist die Fischerei gewöhnlich am lebendigsten. Der Winter ist auf Island beständig stürmisch, und es gehört viel Abhärtung, Mut und Energie dazu, in dem Unwetter, Schnee und Frost auf den kleinen, schmalen, gebrechlichen offenen Booten ins offene Meer zu fahren. Unglücksfälle sind darum nicht selten, und ein einziger Sturm hat schon manche Ansiedelung der gesamten männlichen Bevölkerung beraubt. Tie unruhigen südlichen Winde sind den fremden wie den isländischen Fischerfahrzeugen gleich ver- hängnisvoll. Es ist also ein harter, gefährlicher Erwerb, und nicht jeden Tag kann gefischt werden; darum gilt es, jeden Augenblick der kurzen Zeit auszunutzen, wo der Dorsch unterm Lande steht. Hat man 20 Fischtage in dem vmicl, so ist man schon ganz zu- frieden. Schon ein Spaziergang vor die Tore von Rehkjavik macht unS mit den beiden wichtigsten Zubcreitungsarten des Dorsches bekannt: «Is„harter Fisch"(baräur fiskur) und gesalzener Fisch(xaltüskur, Klippfisch). Daß es dabei nicht allzu reinlich hergeht, und daß dabei nicht Arabiens Wohlgerüche ausgeströmt werden, mag un« vcrmcidlich sein. Dem geköpften Hartfisch wird der Bauch geöffnet, die Eingeweide werden herausgenommen und die Seiten gespalten, dann wird er gehörig gcloaschen und zum Trocknen in den bjallur gehängt, d. H. in ein auf allen Seiten dem Winde geöffnetes Häuschen mit verstellbaren Jalousien(die Trockenräume für die Kleider sind auf den Bauernhöfen ebenso eingerichtet). Die so aufgehängten Fische heißen bengitizkar, die auf den Felsen oder auf den Stein- wällen, die das Haus umgeben, getrockneten heißen fiatfokar. Ist nun der Fisch so steif und trocken geworden wie ein Stock— daher sein Name Stockfisch—, so wird er in Bündel zusammen- gelegt; bei der Zubereitung für den Tisch muß er erst mit Steinen mürbe geklopft werden und schmeckt, mit frischer Butter zubereitet, ganz gut nur nicht des Morgens um 9 Zlhr zum Kaffee. Ter Klippfisch wird ebenso behandelt, dann aber auf dem Boden aufgeschichtet und tüchtig Salz wird zwischen die einzelnen Lagen gestreut; dieses dringt völlig in den Fisch ein, und das Wasser sickert ab. Nach dem Einpökeln werden die Klippfische auf Steinen ausgebreitet und Sonne und Wind zum Trocknen überlassen. Wenn sie so„steif wie ein Besenstiel" geworden, sind sie versandsähig und können fromme Katholiken an Fasttagen erfreuen— der Isländer selbst genießt sie nur wenig. Eine dritte Art der Zubereitung des Dorsches als Tonnenfisch(saltackur porskur) wird von den Is- ländern selbst fast gar nicht ausgeübt. Der Tonnenfisch wird wie der gesalzene Hering behandelt: man wirft auf ein paar Hände voll Fische immer ein paar Hände voll Salz in eine Tonne, so daß das konservierte Salz mit der von den Fischen ablaufenden Flüssig- keit zusammen bleibt. Nur die fremden Fischer, die keine Zeit und Gelegenheit haben, die Fische am Lande anders zu behandeln, Verfahren auf ihren Fahrzeugen immer so. Kunst. Im Kunstsolon Schulte bietet die erste, gemeinsame AuS- stcllung von Werken deutscher und französischer Künstler viel Interessantes. Es ist eine neue Generation, die hier zu Worte kommt; junge Künstler, die man noch nicht sah. Man hofft, durch diesen Import des Allerneuesten Neberraschun- gen zr sehen; man meint, diese Jüngsten werden Probleme zeigen, die neue Lösungen ermöglichen. Das ist nicht der Fall. Es sind alles Schüler der Maler, die wir bei Eassirer zu sehen gewohnt sind, der Renoir, Bezanne, van Gogh. Es ist interesstnt, festzustellen, daß nicht Manet oder Monet die Borbilder sind, die einfache Natu» ausschnitt« mit allem Reiz des Lichts gaben, sondern die< benannten, die alle auf den dekorativen Eindruck aus sind. Damit wird eine neue Etappc der Malerei angebahnt. Man strebt aus dem Impressionismus heraus zu breiten, kräftigen Wirkungen, zu einer Art großer Malerei. Es ivar vorauszusehen, daß den Nachfolgern die auf die Tauer kleinliche Art des Impressionismus nicht mehr defriedigt. Immer wieder kommt das Streben hoch, große Malerei zu geben. Und so ist dieses Hinneige» zum Dekorativen Chraktc- ristisches, in dem zum Ausdruck kommt, daß auch der Jmpresfio- nismuS zrc großen Wirkungen ausgebildet werden kann. Die Werte gibt ihnen aber nicht der Inhalt des Dargestellten, sondern die Technik. In diesem Sinuc sind P. Gauguin und M. Denis bc- merkenswert. Sie sind bestrebt, ihren Bildern breite, flächige Wirkung zu geben. Gauguin liebt mehr die dunklen, tiefen Farben, Denis die hellen, lichten. Beide aber stimmen darin überein, daß fie die Kontur lviedcr gewinnen und ein Bild komponieren. Beiden ist auch eigen die Borliebe für das Primitive, das sich bei Gauguin in dem Bevorzugen der Motive aus Tahiti, bei Denis in dem Bevorzugen von Kindermotivcn ausspricht. In anderer Art gehen die jungen Künstler vor. Zwei Richtungen sind erkennbar. Tie eine entnimmt dem Malerischen, Aufgelösten de» dekorativen Reiz. Tie Farben sitzen locker neben einander. Solch ein Bild verhüllt leicht den Inhalt und die Farben schimmern in fast selbständiger Erscheinung. Man merkt das Nachwirken dcS Rokoko, jenes Leichte, Flatternde in der Malerei. So gibt Guerin Stimmungen aus einem alten Park mit Damen in alten jlostümen; über das Ganze ist ein einheitlicher grauer Schimmer gebreitet, aus dem Gelb, Blau, Violett nur sanft herauslcuchten. Ebenso geht Roussel bor, dessen Motive(Nymphen und Satyrc) an Böcklin erinnern, deffen Größe er lange nicht erreicht, wenn er ihn auch im Technischen übertrifft. Tie Figuren treten nicht heraus; diese Tanzenden, Lagernden find ganz eingehüllt in sonnige Lust, die wundervoll über gelben Büschen und am hellblauen Himmel flimmert, so daß auch hier trotz alles Diffizilen eine malerische Ein- heit erzielt ist. Ebenso gehen Vaillard und Vonnard darauf aus, durch Auflösung der farbigen Massen malerische Gesamtstimmung zu erreichen. Die andere Richtung gibt der Kontur ihr Recht; die Gegen- stände treten deutlich heraus. Während die vorigen Künstler malerisch auflösen und über das Dargestellte einen Schleier breiten, treiben diese Künstler das Gegenständliche mit Absicht kraß heraus und die Farbe ist loie eingefaßt mit breiten Linien. Ans diese Weise gewinnen sie durch Betonung der leuchtenden nnaciertcn Lokalfarben eine dekorative Erscheinung, deren Wert im einzelne». in den deutlich sichtbaren Farbcnflücheu besteht. Mit außerordcnt- sicher Kühnheit getjt da H e r b i n vor, dessen Pinselstriche breit und derb nebeneinander sitzen, dessen Farben so prall leuchten. In den Stilleben übertrifft ihn der vorgenannte Guerin, der nicht so berechnend, absichtlich ist und auch in dieser zweiten Manier arbeitet. Er stimmt die Gesamtfarben feiner zu einander. Da- gegen sind Herbins Landschaften von fabelhafter Leuchtkraft, die einzelnen Nuancen stehen trotz aller Kraft fein ineinander, das Licht steht prachtvoll über den Bäumen, am grünblauen Himmel. Mit stärksten Mitteln ist hier ein Natureindruck erreicht, der durch di» Art der Darstellung bewußte Kunst geworden ist. Sind diese jungen Franzosen mehr oder weniger Schüler, die dadurch, daß sie das Programm weitergeben, wirken, so ist V a l l o t o n, einer von der alten Garde, eine Persönlichkeit. Er zeigt, daß nicht die Manier entscheidet. Er malt in alter Art, gründlich, sorgfältig; das Zeichnerische zeigt sich in der genauen Beibehaltung der Kontur. Ja. sogar eine gewiss« Glätte ist seinen Bildern eigen. Dennoch fesselt er nachhaltig. Sein„Porträt eines alten Mannes" hat fast gar nichts Modern-Französisches. Da ist alles bis inö einzelnste fast pedantisch nachgezeichnet und doch kommt der ganze Eindruck dieses Mannes aus dem Volk« voll heraus. Auch die Interieurs haben feinen Reiz. Meist blickt man durch die offene Tür in ein hinterliegendcs Zimmer, in dem sich di» Erscheinungen zu einem malerischen Eindruck sammeln. Blumen, die Valloton mit aller Sinnfälligkeit gibt, dienen dazu, die Farbig- keit zu bereichern. Valloton ist einer, der ehrlich lernt, der nicht eine Manier ausnutzt, sondern jedes Mal neu vor die Erscheinungen tritt. Im ganzen fesselt auch bei diesem jungen Franzosen die Kultur, das wirklichen Malen-Könncn. Auch die sich anschließenden deutschen Künstler brauchen sich nicht zu schämen. Vor allem ist da Ida Gerhardt, die die Ausstellung zusammenbrachte, zu nennen. Ihre Porträts biederer Lüdenscheider Bürger haben aparte farbige Erscheinung und sie weiß durch die Entschiedenheit des Farbigen gerade das Eckig-Klcinbürgerliche dieser Menschen mit dein Modernen in der Tarstellung wirkungsvoll zu kontrastieren. Es ind dann noch E. R. Weiß und R o h l f s zu nennen. Weiß tellt in sich eine Vermischung des Deutschen und Französischen dar. Er hat viel von den Franzosen gelernt, das Farbige, Malerisch«, und er hat sich nicht anfgcgcbcn. Das bewußte feiner Arbeiten zeugt von Reife, und namentlich die Stilleben, Blumen, Obst, haben prachtvoll große Erscheinung. Rohlfs gibt durch seine neoimpressio- nistische Technik, die alles in Striche und Punkte auslöst, alten, West« äkischcn Häusern eine sehr dekorative Erscheinung«. s. Mnfik. Im„Theater des Westens" bekamen wir am Sonn- abend die Operette„Ein W a l z c r t r a u m" zu hören, und zwar von Wien herüber, wo sie unbeschreiblich wirksam eingeschlagen haben soll. Auch bei uns wird cS voraussichtlich ähnlich gehen, obwohl das Ganze ein Hymnus ans Wiener Walzer und Gemüt ein will. Der von drei Autoren stammende Text hat kurz ölgendcn Inhalt. In dem Fürstentum Flausenturin wird für sie Prinzessin Helene ein Prinzgemabl gesucht und in der Person eines feschen Wiener Leutnants und armen Grafen gefunden. Allein der so Hochgeehrte fiihlt sich recht unbehaglich und streikt gegenüber seiner jungen Frau und seinem fürstlichen Schwiegcr- bater derart, daß sich diesem die Krone aus dem Haupte sträubt. „lind die arme Dvnastie— So was überlebt fie nie!" Schon lauert auch die„Seitenlinie", ein„Dynastiefatzke", auf das In- trigicren gegen den Eindringling und auf Kalauer gegen das Zublikum. Der junge Held aber entflieht sogar seincni eigenen 'eparaten Schlafzimmer und weidet sich an der Dirigentin einer Wiener Damenkapclle, natürlich verfolgt von den llcbrigcn. Schließlich gewinnt die Prinzessin das Herz ihres Gemahls, indem sie sich an die fesche Wienerin hält und sie zu einem rührenden Verzicht bewegt. Gcigcnspiclcnd, walzerträumcnd zieht die Arme ab. Um uns an die Größe der Koniposition und deS Erfolges glauben zu machen, hat die Direktion des Theaters alles Mögliche ctilsgcboten. Seit längerem schon werden wir mit Reden von der ..Wiedergeburt der Operette" in Atem gehalten. Der Haupt- träger dieses musikhistorischcn Wendepunktes soll niemand ge- ringcrer sein als der ehemalige Ueberbrettlheld, der jetzige Walzer- tranm-Komponist Oskar Strauß. Unter allen Umständen zeigen Ouoerturc und einige Anfangsnummcrn die Lcichtfüßigkeit und Leichtflüssigkeit, die wir in gegenwärtigen Kompositionen und Aufführungen so oft vermißt haben. Es steckt melodische Lieblich- kcit und sogar auch eine ernstere Beherrschung der Kompositions- kunst und speziell der Jnstrumentalfarbcn darin. Man freut sich lebhaft über ein oder das andere Duett. Allmählich kehren diese Duette Ivicdcr und mit ihnen die rasch erstarrte Rundlichkcit und Beschränktheit der Mclodicführung, so daß man geradezu anfangen kann, sich zu langweilen. Einen Höhepunkt dieses Effektes bildet ein Duett, dessen Refrain charakteristisch genug ist:..Pkcolo! Piccolo! Tsin— tsin— tsin! Da liegt alle Weisheit drin." Das Publikum konnte sich inehrmals, und namentlich an dieser Stelle, nicht genug ins Zeug legen, immer wieder ein Dacapo zu erzwingen. Nun wird man uns einen Griesgram schelten und tadeln, daß wir ettva mit den Ansprüchen einer ernstesten Oper an die Operette herangehen. Nein: wir wollen gerade diese Habens aber wenn einmal Wiedergeburt ausgerufen ivird, dann möchten wir nicht zurückbleiben hinter dem, was schon seit einiger Zeit erreicht worden ist. Der Franzose Audran, der Engländer Jones und sogar auch lvcniger Berühmte haben die Operette dramatisch ge- steigert, haben gezeigt, wie textliche Wendungen als musikalische Wendungen wiederzugeben, loie Gegensätze in musikalischer Sprache auszudrücken, wie Aktschlüsse aufzubauen sind. Von all dem bc- kommen wir hier nichts zu hören; lediglich ein Nebeneinander von melodischer Lieblichkeit, nicht dramatisch, sondern lbrisch, breitet sich auseinander, und bereits vor der Mitte des Stückes versiegt die Erfindungskraft des Komponisten, die schon von vorn- herein mehr die anderer Komponisten war. Um so schlagender wirkte auf das Publikum die Ausstattung. Da gibt cs im ersten Akt einen Hockizeitscinzug, dessen Marsch samt den Trompetenstimmen auf der Bühne noch zu dem Besten der Komposition gehört; da gibt es gelbe und lila Tönungen des Bühnengrundes und dergleichen mehr. Da gibt es schließlich oder eigentlich in erster Linie auch viele gute schauspielerische und manche gute gesangliche Leistung. Eine solche können wir be- sonders bei Hermine Hoffmann als Prinzessin, ein treff- liches Soubrettenspiel besonders bei Bali P a a k als Dirigentin der Damenkapelle feststellen; und der Träger der Hauptrolle: G u st a v M a tz n e r als Leutnant Nicki, gewann sich die Herzen durch seine Wiener Gemütlichkeit.' sz. Medizinisches. Der durchsichtige Trinker. Die Röntgenstrahlen, die schon so nianches Wunder vollbracht haben, machen in der Durch- leuchtung des Menschen immer weitere Fortschritte und erfüllen das. tvas Wilhelm Büschs„Maler Kleckse!" in seinen Kinderjahren auf einer seiner genialen Zeichnungen zuwege brachte:„lind nicht nur wie er außen war, nein, selbst daS Innere stellt er dar." Auch die weitere Schilderung von Wilhelm Busch toird durch die Röntgen- strahlen ganz realistisch, denn man brauchte der Hafergrütze, die sich sichtbar im Bäuchlein des Mannes anhäufte, nur etwas Wismut dcizumischeii, um diesen Borgang mit Röntgenstrahlen photogra- phieren zu können. Jetzt erstreckt sich diese Kunst der Röntgen- strahlen auch bereits auf die Darstellung des Vorganges beim Trinken, und zwar hat Dr. Bertrand Tawson im Londoner„Lancet" einen dahinziclendcn Versuch beschrieben. Die Cache ist durchaus keine Spielerei, sondern der Arzt erblickt darin ein wertvolles Mittel, den Sitz von Halskrankheiten festzustellen. Vor dem Ex- perinmit hielt sich der Arzt 10 Minuten lang in einer Dunkel- kammer auf, um sei» Auge möglichst empfindlich zu machen und stellte sich dann vor einen Beobachtungsschirm, der'n einer Wand der Dunkelkammer eingelassen war. Ter Patient stellte sich ans die andere Seite des Schirmes, gegen den er mit erhobenem rechten Arm die rechte Brust anpreßte. Er nahm dann einen Mund voll einer dicken Emulsion von Wismut und schluckte sie auf ein vom Arzt gegebenes Zeichen herunter. Bei gleichzeitiger Bestrahlung mit Röntgenstrahlen erschien nun das Bild dieser WiSmutmasse auf dem Schirm, wie sie vom Msindc aus durch die Speiseröhre abwärts zum Magen ging. Dabei konnte festgestellt werden, daß an einer Stelle der Speiseröhre eine krankhafte Erweiterung bor- banden war. Auf diesem Wege war also der ärztlichen Unter- suchung und Behandlung ein wichtiges Hülfsmittel geboten worden: Aus der Vorzeit. Zur Eni lvickelungsge schichte des europäischen Geldes hat R. Forrer, wie wir dem„Globus" entnehmen, einen interessanten Beitrag geliefert. Cr untersuchte die ägyptische», kretischen, phönikischen und andere Gelvichtc und Maße der curo- päisclien Kupfer-, Bronze- und Eisenzeit. Es ergaben sich auS den Untersuchungen für Zentraleuropa folgende vier Epochen der Eni- Wickelung des Zahlmittels Geld. In der Steinzeit spielt baS Ge» wicht im Tauschhandel noch keine Rolle, ist wahrscheinlich überhaupt noch nicht als Maßmittel bekannt. Als Zahlung nimmt mar« Ware gegen Ware nach individueller Abschätzung von Fall zu Fall; später geschieht dt? Rechnung nach Häuten, Vieh und anderen Na- turalien: Vichgeld. In der Kupfer- und Bronzezeit finden die älteren Gewichtssystcme des Orients, die ägyptische, babylonische und kretische Mine, in Europa Eingang. Zum Viehgeld setzt sich allmählich das Mctallwarengeld. Die Ausdehnung des phönikischen Handels bringt die phönikische Mine und andere Minen nebst Ge- Wichten, welche, tvie die karthagisch«, die verschiedenen Systeme untereinander besser verbinden helfen. Das Erscheinen des Eisens ändert an den Gcwichtsshstemen selbst nichts, aber es ist ein Zurück- geben der älteren Minen und ein immer stärkeres Hervortreten des phönikischen Systems bemerkbar. Zum Metalltvarcngeld tritt Barrengeld in Gestalt von nur dem Zahlzlvcck dienenden Geld- ringen, Gcldstangen, Gußklumpen, Golddatteln usw. Dieses Mc- tallgeld besteht weiter bis in die Aera der Münzprägung. Die vierte Epoche umfaßt, die mittlere La Töne- bis zur Römerzeit. Vom Mittelmeer gewinnt ein Münzgeld Eingang bei den Kelten der Donaulande und bei denen Galliens. Je mehr die geprägte Münze sich Rom erobert, desto mehr treten das Metallwarengeld und das Barrengcld als allgemeine Zahlmittcl zurück. Das phöni- tische Getvicht macht schließlich im allgemeinen Handel wie in der Münzprägung dem römischen Pfund Platz. Humoristisches. Kindermund. Bei Rcgierungsrats haben sie Familien- zuwachS erhalten. Der Herr Papa verständigt seinen lOjährigen Sohn von diesem Ereignis mit den Worten:„Maxl, heute Nacht war der Klapperstorch bei uns." „So," sagt darauf der Maxl,„hab'S schon g'spannt, daß er nimmer lang ausbleiben kann.". Der Wink mit dem Zaunpfahl. Er:„Siehst Du den Ring um den Mond?" Sie:„Ja?(nach einer kurzen Pause) Georg, kannst Du mir den Unterschied sagen zioischcn dem Mond und meinem Finger?" („Jugend".) Notizen. — Die nächstjährigen Richard Wagncr- nnd Mozart- Festspiele in München finden in der Zeit vom 1. August bis 14. September statt. Es sind 6 Mozart- und 20 Wagner- Aufführungen geplant. — Der Scheiterhaufen des Zaren. In St. PeterS« bürg wurde, nach der„Franks. Ztg.", neulich wieder ein Autodafä mit den von der Polizei beublagnahmten Erzeugnissen der sogenannten „illegalen Literatur" vorgenommen, da c? in den Polizeiarchiven an Platz dafür mangelte. Im Laufe des verflossenen Jahres wurden im ganzen 17 000 Kilo revolutionärer Broschüren und Proklamationen verbrannt. — Künstler-Modellierbogen sind im Verlage von B. G. T c u b n e r in Leipzig erschienen. Die gewählten Motive halten sich an die Phantasie des Kindes und geben ihm zugleich geographische und geschichtliche Belehrung. WaS cö da aus- schneiden, zusammenkleben und aufbauen kann, wird nicht nur seine Handfertigkeit, sondern auch sein Wissen fördern. Die ein- zelncn Blätter» von denen wir das„Japanische Teehaus", das mittelalterliche„Rathaus", das„Lappenlagcr" nennen lvollen, sind kiinsilerisch ausgewählt gute Drucke. Ihr Preis, 40 Pf. pro Bogen, erscheint uns etwas hoch; die allgemeine Verbreitung, die den Künstler-Modcllierbogen zu wünschen wäre, dürfte dadurch nicht gerade erleichtert werden.— — Professor Oskar Lassar, einer der bedeutendsten deutschen Dermatologen, ist, 08 Jahre alt, am Sonntag infolge eines Antomobil-Unfalls gestorben; die praktische und thera» peutische Behandlung der Hautkrankheiten verdankt dem.Toten manche wertvolle, bleibende Bereicherung. Seine Bemühungen um die Hebung des Volksbäderwcsens haben seinen Name» auch weiteren Kreisen bekannt gemacht.— Noch ein zweiter Todesfall aus ärztlichen Kreisen ist zu berichten: Am Montag verschied der greise Berliner Chirurg Adalbert Tobold; die operative Behandlung von Kehltopferkrankungen lvar sein Feld. Die Erfolge, die er mit seiner Technik hierbei erzielte, hatten seinen Ruf schon frühzeitig begründet.— — Ein Modell des„T e m p l e", das wahrscheinlich au? der Zeit der großen französischen Revolution stammt, ist in den Besitz des Pariser Museum Carnavalet übergegangen. Die mit großer Sorgfalt angefertigte Nachbildung, die alle Details des niedergerissenen, historisch überaus interessanten Bauwerks sehr genau zeigt, ist zufällig bei einem Trödler aufgefunden loorden.— Verantwortl. Redakteur: Hons Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anstalt Paul Singer LcCo..Berlin