Zlnterhaltungsblatt des Horwarts Nr. 1. Mittwoch den 1 Januar. 190S »I Machvnick verboten.) 8ckilf uncl Scblamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. I. Me jeden Nachmittag kündete das Postboot seine An- kunft in Palmar auch diesmal mit verschiedenen Horn- stöben an. Der Schiffer, ein dürres, kleines Männchen, dem ein Ohr fehlte, ging von Tür zu Tür, um die Besorgungen für Valencia zusammenzuholen, und als er an die unbewohnten Stellen der einzigen Dorfstraße kam, tutete er von neuem, um seine Anwesenheit den zerstreut an den Usern des Kanals stehenden Häusern kundzutun. Ein Schwärm fast nackter Gassenjungen folgte dem Schiffer nicht ohne eine gewisse Bewunderung. Für sie, die auf einer Schmutz» und Schilf- insel lebten, war dieser Mann der Gegenstand einer starken Neugier. Viermal kam er nämlich täglich in ihre Gegend, brachte die schönsten Fische des Sees nach Valencia und dafür eine Menge von Gegenständen ans dieser Stadt zurück, die ihnen geheimnisvoll und phantastisch erschien. Aus Canamels Schänke, die die erste in Palmar war, kam eine Gruppe Feldarbeiter mit ihren Leinensäcken auf der Schulter: sie wollten die Barke benutzen, um nach Hause zu fahren. Auch die Frauen strömten zum Kanal, der mit seinen Hütten und seinen Aalkästen den Eindruck einer Straße von Venedig machte. Das Postboot, das in dem wie Erz glänzenden toten Wasser unbeweglich stehen geblieben war, glich einem riefen- haften Sarge. Mit Personen und Paketen überfüllt, trat das Wasser über seine Ränder, und über dem dreieckigen, mit dunklen Stoffen geflickten Segel hing ein Fetzen, der zu anderen Zeiten eine spanische Fahne gewesen war und dadurch den amtlichen Charakter der armseligen alten Barke. verriet, die ringsumher einen unerträglichen Gestank verbreitete. Die Planken dufteten von dem warmen Brodem, der aus den mit Aalen angefüllten Karben drang, und nach den Ausdünstungen der dichtgedrängten Hundertc von Passagieren, die mit- genommen wurden: es war ein eigenartiger, übler Dunst von glibbrigem Leder, von Fischschuppen, schmutzigen Füßen, besudelten Kleidungsstücken, an denen sich die Bänke der Barke glattgescheuert hatten. Die Passagiere, meistens Mäher, kamen von Pcrello, einem Orte am äußersten Ende des Albuferasecs, bevor sich dieser niit dem Meere verbindet. Sic schrien wild durch- einander und verlangten von dem Schiffer, er solle sofort ab- fahren. „Die Barke war ja schon voll, es war für niemand mehr Platz." Das stimmte: aber der kleine Mann wandte ihnen sein fehlendes Ohr zu, als wollte er damit andeuten, daß er keine Lust hätte, sie anzuhören, rind staute langsam die Körbe und Säcke auf, die die Frauen ihm vom Ufer des Flusses zu- reichten. Bei jedem neuen Gegenstande, der hereingereicht wurde, erhoben sich Proteste; die Passagiere rückten zu- sammen oder wechselten den Platz, und die Leute aus Palmar, die in die Barke stiegen, nahmen mit wahrhaft engelhafter Geduld die Flut von Schinipfworten entgegen, init denen die, die sich schon auf dem Boote befanden, sie überschütteten. „Nur ein bißchen Geduld, Ihr habt hier ebensoviel Platz. wie Ihr im Himmel haben werdet." Die Barke sank unter einer so starken Last, ohne daß der Schiffer die geringste Unruhe zeigte, denn er war an kühne Fahrten gewöhnt. Es war auch nicht ein Zoll breit mehr frei. Zwei Männer blieben, an den Mast gelehnt, stehen: ein anderer lag, wie eine versteinerte Figur, am Bug. Indessen begann der Schiffer, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, wieder auf seinem Horn zu tuten, ohne sich um die cinstimniigen Proteste zu kümmern. „Bei Gott, der größte Spitzbube hätte genug... Sollten sie vielleicht so den ganzen Nachmittag in der September« sonne zubringen, die sie von der Seite röstete und ihnen den Rücken verbrannte?" Es war still geworden, denn die Leute auf dem Postboot sahen, wie sich vom Kanal her ein Mann näherte, der von zwei Frauen gehalten wurde,— ein blasses, zitterndes Gespenst mit fieberglänzenden Augen, das in eine Bettdecke gehüllt war. An diesem heißen Nachmittage schien das Wasser fast zu kochen. Ein jeder schwitzte auf der Barke und jeder suchte die unangenehme Berührung deS Nachbarn zu vermeiden: doch dieser Unglückliche zitterte vor Fieber, seine Zähne schlugen mit grauenhaftem Klappern aneinander, und der Tag schien für ihn nur eine eisige Nacht zu sein. Die Frauen, die ihn stützten, protestierten mit groben Worten, als sie sahen, daß die Passagiere der Barke sich nicht vom Flecke rührten. Man sollte ihm einen Platz einräumen, er war ein Kranker, ein armer Arbeiter. Er hatte sich beim Mähen in den Reisfeldern das Wechselfieber, das verfluchte Fieber der Albufera, zugezogen, und wollte nun nach Ruzafa, um sich im Hause eines Verwandten kurieren zu lassen. „Waren sie etwa keine Christen?... Man sollte ihm doch aus Mitleid einen Platz einräumen." Und das arme Fiebergespenst wiederholte schlotternd, wie ein Echo, mit dem Schluchzen eines vom Frost Geschüttelten: „AuS Mitleid, aus Mitleid." Er stieg mit Gewalt ein, ohne daß die egoistische Masse ihm Platz machte: da er keinen Raum fand, so ließ er sich zwischen den Beinen der Passagiere niederfallen und streckte sich auf dein Boden der Barke aus, das Gesicht den schmutz- bespritzten Schuhen zugewendet. Die Leute schienen au solche Szenen gewöhnt, denn diese Barke wurde zu allem benutzt. Sie diente zum Transport der Lebensmittel, als Kranken- haus und als Kirchhof. Tagtäglich nahm sie Kranke aus und transportierte sie nach dem Flecken Nuzasa, wo die Leute auS Palmar, denen es an Medikamente fehlte, einige Hülse gegen das Wechselficber fanden. Starb ein armer Teufel, der keine eigene Barke hatte, so setzte man den Sarg einfach auf die Postbarkc, und das Boot nahm seine Fahrt mit denselben gleichgültigen Passagieren auf. die unerschüttert lachten und schwatzten und den düsteren Kasten mit dem Fuße stießen. Als der arme Kranke sich niedergelassen hatte, erhoben sich die Proteste von neuem. „Worauf wartete er denn, dieser Kerl mit dem ab- geschnittenen Ohr? Fehlte nockj jemand?" Und fast alle Passagiere empfingen mit lächelndem Gesicht ein Paar, das aus der Tür von Canamels Schänke trat, die unmittelbar am Kanal lag. „Der Onkel Paco!" rief man im Chorus,„der Onkel Paco Canamcl!" Ter Wirt der Schänke, ein ungeheurer, aufgedunsener Mann, der die Wassersucht zu haben schien, stöhnte bei jedem Schritt, seufzte wie ein Kind und stützte sich auf seine Frau Nelcta, eine kleine Person mit hellroten Haaren und leb- haften grünen Augen, die weich wie Samt erschienen. Der reiche Canamel! Immer krank und jammernd, während seine Frau, die immer hübscher und liebreizender wurde, von ihrem Schänktisch aus über ganz Palmar und Albufera herrschte. Ihm fehlte nichts weiter als die Krankheit der Reichen, zu viel gutes Essen und Ueberfluß an Geld. Man brauchte nur seinen Bauch, sein rundes Gesicht und seine Wangen, zwischen denen die Nase fast verschwand, und seine in Fettwulsten verschwimmenden Augen anzusehen.„Alle die, die an seinem Uebel litten, sollten sich nur ihren Lebensunterhalt mit Mähen in den Reisfeldern verdienen, und das Wasser sollte ihnen bis zum Gürtel reichen,— dann würde es ihnen gewiß nicht mehr einfallen, krank zu sein." Canamel schob mühsam ein Bein nach der Barke vor, ohne Neleta loszulassen, während er auf die Leute schimpfte. die sich über seine Gesundheit lustig machten.„Er wußte wohl, wie ihm zu Mute war, ach Du lieber Gottl"... Da- mit ließ er sich auf einem Platze nieder, den man ihm mit jener kriechenden Gefälligkeit einräumte, die die Leute vom Lande stets den Reichen gegenüber zur Schau tragen, während seine Frau, ohne sich einschüchtern zu lassen, die Scherze der Passagiere über sich ergehe«, lieh, die ihr über ihr hübsches, nuiiiteres Aussehen Komplimente machten. Sie mar ihren. Manne beim Oeffnen eines groben Soimenschirines behü�'ich, stellte neben ihn einen großen Strohkord mit Lebensmitteln zu einer Reise, die keine drei Stnnden dauern sollte, und empfahl ihren Paco schließlich der allergrößten Sorgfalt des Schiffers. Er sollte eine Zeit- lang in seinem kleinen Hause in Ruzasa verleben. Dort sollte er von den besten Aerzten behandelt ivcrden, denn dem Armen ging es schlecht. Sie sagte das lächelnd, mit freundlichem Ausdruck und streichelte den schlaffen, dicken Mann, dessen ganzen Körper bei den ersten Schwankungen der Barke zitterte, als wenn er auS Gallert bestanden hätte. Er schenkte dein spöttischen Augenblinzeln der Leute, ihren ironischen und spöttischen Blicken, die, bevor sie bis zu Neleta huschten, sich auf den Schänkwirt richteten, nicht die geringste Aufmerksamkeit, sondern blieb unter seinem sonnen- schirm sitzen und atmete schwer niit schmerzlichem Gestöhne. Der Schiffer preßte seine dicke Stange gegen das Ufer, und die Barke begann nach dem Kanal zu gleiten, unter dem Geschrei Neletas, die noch immer mit rätselhaftem Lächeln allen ihren Freunden auenipfahl, sie möchten auf ihren Mann acht geben, (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten) I�eujakrsfeiern und JVeujabröwünfcbe. Bon Dr. I. W t e s e. iCdloohl man glauben sollte, daß das Neusahr als ein astronomisches Fest von den Völkern der Welt stets zu derselben Zeit , satte begangen«oerden müssen so sind dennoch bis in das vorig« Jahrhundert hinein die NcujahrSfciern selbst in den Kulturreichen auf verschiedene Tage gefallen. Während die alten Juden, die das neue Jahr mit Posaunentöncn begrüßten, in dem Ersterben der Natur, in der Tag- und Nachtglciche des HerbsteS den Beginn der neuen Zeitrechnung sahen und auch heute noch in ihren Tempeln das im Herbst stattfindende Neujahrsfest durch Posaunenklänge feiern, betrachteten die Inder und Parsen das Wiedererwachen des LcbenS, den Lenz, als ihr Neujahr und beschenkten sich an diesem Tage mit Eiern. Die Christen der morgcnländiscken Kirche feierten den S. Januar, die abendländische Kirche den LS. Dezember, der auch bei den alten Germanen und den meisten slavischcn Stämmen wie bei den Aegyptern als Tag des neuen Zeitbeginns galt. Unter Karl dem Großen war Anfang und Ende des JahreS der 25. März, der auch in Florenz noch bis zum Jahre IV-id als Neujahrstag galt. In Frankreich feierte man bis zum ,0. Jahrhundert am Weihnachtö- tage das Neujahr, um es dann auf den 25. März und noch später auf den Ostertag zu verlegen. Schließlich einigte man sich im, Jahre ,691 auf den 1. Januar. DaS kaiserliche Rom feierte den ,. Januar als den Beginn deS römischen Jahrcö. Auch bei den Römern herrschte die Sitte der gegenseitigen Beglückivünschung. Freunde und Bekannte erschienen mit Geschenken, die man geradezu Neujahrögesckenke Utrcnae, daher französisch„etrenncs") nannte. Die gewöhnlichen Geschenke waren die sogenannten Sigilla Puppen oder Figürchcn, die für die Armen aus gebranntem Ton, für die besser Situierten aus Glas und Wachs, für die Reichen auS edlem Metall, Gold und Silber gefertigt wurden. Dann aber schickten sich die Erwachsenen auch gegenseitige Geschenke, Figürchcn und ander« Nachahmungen natür- licher Gegenstände zum Scherz. Reiche Trinkgelder wurden an die dienenden Klassen gespendet. Allmählich wurden nicht nur die Neujahrsgeschenke luxuriöser, sondern die freiwilligen Gaben orteten in drückenden Zwang aus. Die Klienten mußten not- gedrungen ihren Patron beschenken; dag Geschenk wandelte sich in eine Abgabe um. Bis in die Tage deS AugustuS waren die Herrscher anständig genug, Gegengeschenke zu machen, aber später betrachteten sie die Strcnae lediglich alö eine regelrechte Abgabe. Geloöhnlich waren diese Strenae von Glückwünschen, die vielfach eingraviert waren, begleitet. Fast stets kehrte die Inschrift; „.Znnmn novoin faostuni lclicctn tibi"(Wir wünschen ein glück- lrches Neues Jahr) wieder. Alle Straßen Roms wimmelten am Neujahrstage von Gratu- kanten in Festgcwändern. Man zog nach dem Kapital, um dort JanuS. dem doppclköpfigcn Äotte des TageS, durch Darbringung von Weihrauch und Wein seine Gerchrung zu bezeigen. Während die Konsuln am Abend auf dem Kapital einen großen FestschmauS vccanstaltetcn, nahmen an den Familienfesilickkeiten auch die Haus- sklavcn teil. Sie vertauschten an diesem Freudenfeste, an dem allgemeine Freiheit und Gleichheit herrschten, mit ihren Herren die Rollen und wurden von diesen bedient. Natürlich fehlte eS dabei nicht an Ausschweifungen und Orgien. Bon jeher war cS auch Sitte, in der Silvesternacht Shmaujereien und Trinkgeloge zu veranstalten. Tie Chronik einer rheinischen Stadt berichtet, daß in dieser im Mittelalter am Silvesterabend 7850 Bratwürste, 500 Karpfen. 800 Dutzend Austern, 100 Schinken, 600 Gänse, 200 Kälber und 90 Tonnen Wein verbraucht wurden. Wenn heutzutage solche großartigen Gelage auch nicht mehr vorkommen, so trinken doch jetzt noch viele Familien am Silvesterabend ihren Grog oder Punsch. Mit dem letzten Schlage der zwölften Stunde jubelt, jauchzt und klingt überall das„Profit Neujahr!" Eine große Rolle spielten die NeujahrSgeschenke im alien England, und hier hatten sie merkwürdigerweise denselben Charakter wie im alten Rom. NeujahrSgeschenke erhielten in erster Linie die Herrscher deS Landes; sie hielten alle streng auf die Beachtung des alten Brauches, am energischsten wohl die Königin Elisabeth. Hofbeamte, die Pairs und ihre Gemahlinnen, Bischöfe. Ritter, Edelleute und die Untertanen jedeS Standes, sie alle mußten der Königin ihren Tribut zollen und sich durch die Annahme ihrer Gc- schenk« aufs höchste geehrt fühlen. Von niemand nahm die Königin eine Entschuldigung an, und es wird berichtet, daß sie sogar von ihrem Müllfuhrknecht ein NeujahrSgeschenk forderte und erhielt. Und was für Geschenke das sein mußten! Schatullen, besetzt mit Edelsteinen, kostbare Armbänder, Halsketten und Ring«, schwera «seiden- und Atlasstoffe, gestickte Mäntel, Unterröcke, zierliche Fächer und Spiegel— kurz, alles, ivaS nur der Eitelkeit dieser anspruchsvollsten unter allen Königinnen dienen konnte. Eins dieser NeujahrSgeschenke hat auch ein historisches Interesse; zu Neujahr ,561 wurde der Königin ein Paar schwarze, seidene, ge-. strickte Strümpfe von ihrer Seidenhändlerin MrS. Montague ge- schenkt.� Das war etwas ganz NcueS, und diese Gabe gefiel ihrer Majestät so. daß sie von da ab keine andere Strümpfe mehr tragen wollte.„Queen Bcss" war auch keineswegs darüber erhaben, von ihren getreuen Untertanen Geld anzunehmen. Vom Erzbischof von Canterbury erhielt sie 800 Mark, der Erzbischof von Uork kam mit 600 Mark davon, andere Bischöfe hatten ihr 200—400 Mark zu „schenken", und ein weltlicher Pair war auf 400 Mark taxiert; so betrugen die Geldgeschenke zu jedem Neujahr gut 24 000 Mark. Wer sich aber bei der Königin besonders in Gunst setzen wollte, machte ihr geradezu fürstliche Geschenke. So erhielt die„jung-. frauliche Königin" am 1. Januar 1571 von Lord Leicester ein Arm- band aus Gold, �fchön mit Rubinen und Diamanten besetzt, mit einer Uhr in der Schließe, an deren Vorderseite ein schöner rauten- förmiger Diamant sitzt, von dem ein rundes Schmuckstück mit Diamanten und Perlen im Gewicht von elf Unzen herabhängt". Dafür schenkte die Königin ihren Untertanen Silbergeschirr. ?m übrigen waren in England in diesen guten alten Zeiten te NeuiahrSgcschenke Handschuhe und Nadeln, die damals recht teure Gegenstände waren, da sie häufig auS Silber hergestellt wurden. AIS Sir Thomas More Großkanzler von England war, erhielt er zu einem Neujahr von einer MrS. Croater, zu deren Gunsten er in einem Streitfalle entschieden hatte, ein Paar Hand- ichuhe geschenkt, in die 40 goldene EngelStaler gesteckt waren. Der feinsinnige Humanist schickte ihr das unwillkommene Neujahrs- gescheut mit folgendem Briefchen zurück:„Mistreß.— da eS gegen die guten Sitten verstoßen würde, wenn ich Ihr Neujahrögeschent zurückweisen wollte, nehme ich Ihre Handschuhe mit Tank an; aber das Futter muß ich entschieden zurückweisen." Heutzutage sind fast in allen Ländern Deutschlands die Neu- jabrögeschenke außer Brauch gekommen, um so mehr wird aber � in gesprochenen handschriftlichen und gedruckten Neujahrswünschcn geleistet. Auch sogar vor Erfindung der Buchdruckerkunst sandte man sich fchon_ hausig bemalte und beschriebene Neujahrszettel zu. Tie Universitätsbibliotbck zu Marburg beivahrt in einer Hand» schritt einen alten niederdeutschen Neuiahrssegen auf, der in hoch- deutscher Uebersrtzung ungefähr so lautet: „Gott grüße dich, mein allerliebste Lieb. Mein Herz sendet dir diesen Brief. Darzu sende ich dir ganz ossenbar Mein Lieb zu einem seligen neuen Jahr, Speer, Nägel, Kronen und Bande, Da Christus mit wurde gebunden sein Hanbe, Dazu seine heilgen fünf Wunden. Die er empfing zu selbigen Stunden. Der beschirme uns vor allem Weh. Er ist von Sünden also Nor. Das sende ich dir, Liebe, für ein neues Jahr, Nicht mehr«n dieser Stund Mein Gott erhalte uns lange gesund." Ein- NcujahrLgedicht befindet sich auch lm Liederbuch« bit- Klara Hätzlcrin: „Gott grüße dich, Frawe(Fraue) zn diesem ncven jähr-* Gott grüße dich. Frawe, uh saus) aller Engel Schar, Gott grüße dich, schönes Lieb besundcrbar, Daß es dir widerfahr' Als wol und ich dirs gan Dein nicht vergessen kann." Alwin Schultz teilt ln seinem Buche„Deutsches Leben lm I f. und 15. Jahrhundert" mehrere solcher gereimter Neujahrswünscha mit. die eigentümlicherweise oft mit dem Worte beginnen:„Klopf an". Die meisten entstammen der Feder der nürnberger Meister- sänger, besonders des BardierS Hans Falz. Einer von ihnen lautet: Klopf an, llopf anl Ein selig Jahr naht dir heran! Klopf an, klops an; der Himmel hat sich aufgeian. TrauS Heil und Seligkeit geflossen, Damit werdest Du begossen! Der Frau, den Kindern und dem Mann Wünsch' ich, was Gott nur geben kann: Gesundheit des Leibes und frischen Mut-» Uno waö sonst not dem Herzen tut. So viel Tropfen im Meere sind— So viel Vergebung für Deine Sünd! Klopf an, klopf anl" Viele von den gedruckten Neujahrswünschcn, die mit der Hand koloriert wurden, zeigen ein feines künstlerisches Empfinden. Später finden wir auch in den Kalendern einleitende Glückwunsch- gedickte und Ansprachen an die Leser zum Neujahrsfest. Schließlich hat sich in unseren Tagen mehr als je zuvor die Kunst in den Dienst der Neujahrsgratulationen gestellt, und Künstler und Künst- lerinnen von Ruf nehmen keinen Anstand, die herrlichsten Entwürfe herzustellen, die die Kunst der Vervielfältigung dann in Massen zum Verkauf bringt. In den letzten Jahren ist bei uns und in anderen Ländern der Neujahrsbesuch in Aufnahme gekommen. In Schweden und Norwegen werden sämtliche Gratulationsbesuche wo- möglich am Neujahrstage abgemocht, und in jedem Hause wird da- zu alles, was man Kostbares an Geschirr von Silber. Porzellan und Kristall besitzt, bervorgesucht, um das kalte Frühstück recht prächtig zu servieren, das keine der Personen, die ins Haus kommen. unberührt lassen darf. Auf dem Lande hat sich bei unS noch der Brauch erhalten, ein- ander das neue Jahr„abzugewinnen". Man sucht, um ein Ge- schenk zu erhalten, dem anderen mit seinem Gluckwunsch zuvorzu» kommen. So ist es in der Eise!, in Tirol, in Schwaben und im Böhmerwald. Kaum erwacht z. B. im Böhmerwald ein Knecht, so steht er sachte auf, schleicht sich zum Bette seines MitknechtS, stößt ihn leise an und raunt ihm ins Ohr: „Brüadcrl! Nuis Gohr l Nuis Gohr! 'S Kristkindl liegt im Kröstnhoor;—- Longs Löm, longs Löm llnd an Badl völl Gald danö'ml" („Vriider! I Neues Jahr I NeueS Jahr! Christkindlein liegt im krausen Haar;— Langes Leben, langes Leben Und einen Beutel voll Geld daneben I")' Beide begeben sich dann an die Kammern, wo die Mägde und die Herrschaft schlafen, donnern an die Türen und rufen:„Ladla (Leutchen), Nuis Gohrl" und bald erklingt von allen Seiten und von allen Ecken der hergebrachte NeusahrSwunsch, der den ganzen Morgen über von allen wiederholt wird, die sich ansichtig werden. Am lebhaftesten geht es wohl am Reujahrstage auf der Insel. Helgoland zu; denn wohl nirgends wird so eifrig Glück gewünscht Wie dort Vom frühen Morgen bis zum späten Abend findet eine ununterbrochene Wanderung von einem Hause zum anderen statt. Gesundheit. Glück und Segen kommen natürlich zuerst an die Reihe. dann folgen die besonderen Güter, die man nach den obwaltenden Umständen für wünschenswert hält, wie ein junger Freier, eine junge Frau, viel Schellfische, reichen Fisch- und Hummerfang usw. Nie aber fehlt der für diese, im tosenden, oft wildstürmcnden Meere wohnenden Insulaner besonders charakteristische und bedeutsame Wunsch„ein ruhiges Herz". (Nachdruck Verbotenz 8tiefKan und die Haberbcrger und die Tragheimer Bürgerschule für Mädch«• dienten dem Unterricht als Stätte, und städtische Lehrer und Lehrerinnen gaben, ihn. Die Stadt als solche war aber unbeteiligt und das Unternehmen privater Natur. Auf dem Lehrplan standen Schreiben und Zeichnen für Mädchen und Knaben und für letztere außerdem der Handfertigkeitsunter» richt. Bei ihnen machten Schreiben und Zeichnen ein Fach aus, > dem sich auf der Unterstufe auch der Handfertigkeitsunterricht eiu- . gliederte. Was dieser hier die kleinen Stifte hervorbringen ließ, - verkörperte sich in den eingangs erwähnten Sachen Fröbelscher Art. ) In der Mädchenabteilung bildeten Schreiben und Zeichnen je ein » vesondercs Fach. Für diesen Schreib-, Zeichen- und Handfertig- - keitsunterricht bestand die Abweichung darin, daß statt der rechten : Hand die link« in Tätigleit trat. Sonst entsprach er im Ivesent- > lichen dem in öffentlichen Schulen. > Lehrer und Lehrerinnen mußten sich vor dem Beginn der > neuartigen Tätigkeü erst selbst auf den Gebrauch ihrer linken Hand > einarbeiten, also mit dieser zu schreiben, zu zeichnen, zu schnoiden. ' zu hämmern usw. lernen. Der Plan, nach dem sie unterrichteten, > beruhte auf einheitlich methodischer Grundlage und rechnete damit. t daß zwischen ihnen Fühlung bestand, scknürte sie aber keineswegs < in spanische Stiekcl ein. Beivegungsfrciheit blieb ihnen, und damit den Kindern gleichfalls, gewahrt. Wt Lust und Liebe haben denn ' auch beide Teils, Lehrende und Lernende, gearbeitet. ' Die Schüler setzten sich aus Mädchen uns Knaben der Unter-, ' Mittel- und Oberstufe zusammen und gehörten im allgemeinen den > als Unterrichtsstätte dienenden Schulen an. Von den 19 Kursen > entfielen fünf auf Mädchen, fünf auf Knaben. Jeder 5burfuö um- l faßte ein Fach und für jedes Fach waren wöchentlich zwei Stunden an je einem schulfreien Nachmittag angesetzt. Durchschnittlich nahmen an einem Kursus 17 Kinder teil. In mehr als einem Kursus wurde aber kein Kind zugelassen. Der Ge- fahr einer Ueberaiistrengung sollte vorgebeugt werden. Wohl aus gleichem Grunde hielt man sich für die engere Wahl auch an Mädchen und Knaben, die von gefestigter Gesundheit und den An» forderungen ihrer Klasse gewachsen waren. Unvermittelt wurde kein Fach in Angriff genommen. Zu» nächst übte man die Kinder darin, allerlei Dinge nicht wie gewöhn- ) lich mit der rechten Hand, sondern mit der linken zu vollführen. i Sie hatten z. B. mit der linken Hand Blcifedern anzuspitzen und ) mit ihr beim Ausschneiden von Bildern die Sckere zu halten. ,„Luftzeichncn" gehörte zu dem, was auf das Zeichnen im befon- . deren vorbereitete. Hierbei fuhr die Linke in Linien, die der Skiz- I zierung eines Gegenstandes entsprachen, durch die Lust. Man zog t die Uebungen, deren Stufenleiter sich nach dem Grundsatz„Vom e Leichten zum Schweren!" aufbaute, aber nicht bloß für die ersten � Stunden heran, sondern griff weiterhin wieder und wieder auf sie zurück. � Am ausgedehntesten waren die den Handfertigkeitsunterricht e einleitenden Uebungen. Die Jungen reichten sich die linke Hand, i. lüfteten mit ihr den Hut oder die Mütze, legten mit ihrer Hülfe e Kleidungsstücke an und ab. Sie griffen mit der Linien beim Vor- e ziehen. Aufschlagen. Zurückstecken der Bücher zu. benutzten sie, um etivas herbeizuholen oder fortzuschaffen usw. Bei den Beratungen über die Gestaltung der Kurse ist auch davon die Rede gewesen, nur für daö betreffende Fach noch nicht eingearbeitete Kinder heranzuziehen. Solche Forderung erwuchs wohl aus der Annahme, die erforderliche Umgewöbnung könnte den Fortgang erschweren oder die Sache überhaupt lähmen. Gerade daS " Gegenteil trat dann aber in den Kursen zutage. Die der rechten >. Hand bereits gewordene Ausbildung erwies sick für die werdende x der linken nickt als Hemmnis, sondern als wesentliche Förderung. n Knaben, die schon HandfertigkeitSunterrickt erhalten hatten, die e also mit der rechten Hand zu schaffen verstanden, erlernten es, dies nun mit der linken zu tun, weit schneller und leichter als solche, x deren reckte Hand ungeübt war. Diese rückten viel langsamer von x der Swlle. >, Hinsichtlich des Zeichnens lag die Sache in gleicher Art. Weiter s fortgeschrittene Kinder konnten bedeutend rascher gefördert werden x als. die aus unterer Stufe. Die Gewöhnung an den Gebrauch der l- linken Hand verlief überhaupt um so glatter, je älter und verstän- ;C diger die Kinder waren. Andererseits aber fiel es beim Schreib- unterficht auf der Unterstufe den Kleinen, die noch keine latei- n nischen Buchstaben schreiben gelernt hatten, durchaus nicht schwer, _ sie nun zuerst mit der linken Hand zu ziehen. Diese ist— das haben die Kurse dargetan— genau so leistungsfähig wie die rechte [l Hand. Für technische Fächer besonders befähigte Kinder offenbarten t ihre Veranlagung mit der linken Hand nicht minder a'S mit der e rechten,_ E. J, Rleined fcuillcton- > Neusahrskarten ln alter Zeit. Seit der Einführung der n Kalenderrechnung haben sich an den Wechsel des Jahrcö die mannig» i- fachsten Sitten und Gebräuche geknüpft, von denen sich die Glück» r wunschkarten biö auf den heutigen Tag erhalten haben. Erst die ic Kunst des Holzschneiders, des Buchdruckers und des Kupfcrstecherl Uetz Im 15. Jahrhundert künstlerisch verzierk und durch den Druck vervielfältig. s? Neujabrswünsci?e entstehen, die aber erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre cigciUIichc Blütezeit erreichten. Bei der Entstehung der Wunschkarten handelte es sich um eine im letzten Eirunde lokale Erscheinung, um eine Wiener Spezialität, die dann allerdings auch in ganz Deutschland, ja selbst bis nach dem sonst so tonangebenden Paris Verbreitung fand. Nach und irach erfreuten sich die Wiener Karten einer solchen Beliebtheit, dag sie allent- halben genau nachgeahmt und nachgedruckt wurden. Diese für die ulte Zeit so charakteristischen Dokument« sind auch für den modernen Menschen von Interesse. Eine im Landesgewerbemuseum zu Stuttgart staltfindende Ausstellung von Neujahrskarten bietet so des Beachtenswerten genug. Das„Gcwcrbeblatt a. Württ." bringt eine hübsche Auslese aus den verschiedenen Gruppen der Karten, über ihre äutzere Ge- swlt wie über ihren Inhalt. Wie die Visitenkarten sind auch die Glückwunschkarten aus jener unter dem Siileinflutz Ludwig XVI. stckerchen Zeit in Kupferstich, zumeist in Punkticrmanicr, aus» geführt. Es find zierliche Kunstblättchen, die bald eine figürliche Szene, bald architektonische Motive, bald Embleme aus Freund- lchaft und Treue darbieten. Wo ein Spruch oder eine Widmung der Besonderheit eines Glückwunsches Rechnung trägt, ist dieser beispielsweise auf farbige Seide gedruckt und in eine Umrahmung eingeklebt. Aber das Bestreben, diesen Glückwunsch den Augen eines unbefugten Beschauers zu entziehen, brachte jene Karten auf, wo sich der Spruch hinter einer Klappe verbirgt und die zu- gleich beglücken und überraschen sollten. Die Biedermeierzeit er- fand hierin die kompliziertesten Spielereien: nicht nur mehrere Klappen übereinander oder nebeneinander finden sich, sondern auch Vorrichtungen zur Entfaltunz des Wunsches durch Abheben eines Netze» oder durch Ausblasen. Großer Beliebtheit erfreuten sich jene, auch heute noch gebräuchlichen Karten mit einer Zug-, Dreh- oder Hebclvorrichtung, durch die Figuren sich bewegen, Streifen, auf denen Verse enthalten, hervortreten, Türen und Herzen sich öffnen. Weniger Verbreitung fanden die kolorierten Transparent- karten, die, um ihren wahren Inhalt erkennen zu lasten, erst gegen das Licht gehalten werden mußten. Aber wie auch heutzutage wollten schon damals manche Menschen sich nicht mit dem Gleichen begnügen, was auch der liebe Nächste für wenig Geld sich leisten konnte, sondern man ging daraus aus. Glückwunschkarten zu schaffen, die es nur in einer Ausfertigung gab. Die mit dem Namen„Kunstbillett" bezeichneten Einzclkartcn, bei denen auf zartem Stoffgrund alle möglichen Materialien wie Perlmutter, Schildpatt. Stroh, Moos, Metallstücke. Sternchen, kleine Spiegel usw. zu emblematischen Darstellungen zusammengesetzt wurden, kamen, mit einem Spruchzettclchcn versehen und in einem Etui geborgen, dem Käufer bereits auf eine hübsche Summe Geld zu stehen. Zu erwähnen sind auch noch die auf der Ausstellung in drei Exemplaren vertretenen Berliner Neujahrskarten aus Gußeisen, die im S. und'S. Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts eine Spezialität der hiesigen Kgl. Eisengießerei bildeten. Allmählich tritt bei den.Karten der Text hinter der bildlichen Darstellung zurück, und es bietet sich uns ivährend der Blütcjahre der Biedermeierzeit ein getreues Abbild de» damaligen Lebens. Dwse bunten Wünsche' sind durchweg heiter und besonders harmlos! nirgends wird eine derbere Note angeschlagen, alles ist furchtbar bieder. Prosaische Wüns6>e. wie beispielsweise ein gefüllter Geld- bcutel, finden sich äußerst selten, dagegen sind die vielen prosaischen Darstellungen nur Mittel zur Verbergung der Gefühle. Die ganze Zeit spiegelt sich in diesen bunten Bilde:.. wider. Die Menscher ron damals ziehen an uns vorüber in ihren Trachten, wir blicken in Zimmer, deren Einrichtungen zum Teil wieder modern ge- worder. sind, und mit Behagen kann man sich in die gute alte Zeit der Postkutsche versetzen. Freilich beabsichtigt die Ausstellung nicht zur Wiederbelebung dieser Neujahrskarten anzuregen, denn sie Pasten so gar nicht in die heutige Zeit der Elektrizität und des Dampfes. Aber sie dürften wohl erwiesen haben, daß sich sehr gut Geschmacklosigkeiten vcr- meiden lasten und daß auf die Jahreswende passende Einfälle leicht in eine sowohl originelle wie künstlerische Form gekleidet werden können. Auch das kausende Publikum hätte alle Ursache, die von Widerwärtigkeiten und Unsinnigkciten strotzenden 5wrtcn zu meiden und statt ihrer hübsche und geschmackvolle Karten zu verlangen. sprachwissenschaftliches. Ein nenes de Uli che» Wörterbuch. Es begegnet mir ein alter lieber Vckannlcr, ber wieder jung geworden ist. Gegen Ende der siebziger Jahre bekamen wir in unserem Heimatdorf einen neuen Lehrer, einen Dichter mit UniversitätS- bildung. Als junger Gymnasiast fühlte ick) micki glcicki zu dem be- gabten Man» hingezogen der als Dickner seine Multcriprache natürlicki über alles lieble. In seiner reichen Bibliothek entdeckte ich das erste deüische Wörterbuch, das mir in meinem Leben zu Gesicht gekommen ist; ein Buch, wonach ich innner eine unbewußte Sehn- sucht gehabt hatte. Es war von Karl Weigand. Wann ich nur konnte, las ich darin und fand zu»icincr großen Freude alle bei der Lektüre aufgezeichneten merkwürdige» Worte, llticht nur über ihre Herkunst erlangte ick? Aufklärung, wildern auch über.hre Be- deutnng. In der Zwischenzeit bin ich natürlich auch mit dem von den Gebrüdern Grimm im Jahre 1885 angefangenen und von»am- haften Gelehrten bis auf den heutigen Tag fortgesetzten WiHcrlstiche dekaiint geworden. Wegen seines Nmfanges eignet eS sich aber keineswegs zu einem raiche Belehrung gebenden Nachschlagebnch. Denn wer hätte immer Zeit, sich einen halben Tag hinzusetze», um einen Artikel durchzustudieren, nicht zu erwähnen, daß die drei ersten Bände des noch unfertigen Buches schon veraltet sind und der Preis in die Hunderte geht. Der Hanpifördcrer dieser gelehrten Arbeit, der leider vor einigen Jahren verstorbene Göttniger Protesior Moriz Heyne, hat ielbst ein gutes Wörterbuch der deutschen Sprack-e in drei Bänden herausgegeben ES ist aber mehr iür den liebevollen Betrachter umerer Muttersprache ge- ichrieben worden und soll dabei mehr ein Lese- als ein Nachschlage- buch sein. Auch hat eS keine Fremdwörter. Daher zurück zu meinem alten Bskannlen! Jetzt»u». im Jahre 1907, komnil mir der alte Bekannte plötzlich in ganz neuer Bearbeitling zu Gesicht: er beginnt, mit allen Vor» zögen ausgestaltet, in dem rührige» Verlage von Alfred Töpelmamr in Gießen neu zu ericheiiieu. Den größien Teil deS ursprünglich Weigandichen Buches hat Prof. Karl v Bavder. der am großen Gilinmicheii Wörterbuch mitarbeitet, das übrige Prof. Hermann Hirt und der Privaigelebrte Karl Kant, alle aus Leipzig, mit völliger Beherrichung deS schwierige» Stoffes sorgsam ailsgearbeitet. DaS Werk wird m l2 Lieferunge» vo» je 200 Seiten in Ziviichenräuinen von etwa zlvei Monalen erscheinen. Jede Lieferung kostet 1,00 M. .Aber wozu ein deutsches Wörterbuch.' wird mancher gebildete Laie sagen,„wir wisteil ja. was die Wörter bedeuten.' Nein, das weiß die Mehrzahl der Leser durchaus nicht, selbst die Studierten nicht. Nednir ich z. B. da? in der Lileratur häufig vorkoniiiiend« Wort„Adebar", ein weit verbreiteter Name für den Storch, so er» halte ich die Belehriing. daß eS.Glückbringer' bedeutet. Im Mittelhochdeutsche» heißt es odebar, im Altdochdeutschen odobero. Dem ersten Teil odo begegnen wir in Allod, das aus all und od besteht und Ganzeigen. rechtes Eigenuini. Besitz bedeutet. Hinzugefügt bäite noch weiden können, daß auch Kleinod detiielben BestaiidteU auiweist. Den zweiten Teil bar»der boro finden wir in dein bochdeuischen ge-vnren. Bahre. Auch hier hätte»um sagen können, daß in, Riederdeulicheu baren»och tragen bedeutet. Jetzl hat daS incrkwüldige Morl Adebar und mit ihm noch andere durch die Hin- weise auf ihre Verwandtschaft auf einmal Lebe» bekommen: der Storch bring! die Kinder, den beste» Besitz»»d das Glück des Hauses, daher: Ädedar. Bei dem Rachweise der Herkunft der Wörter sind die gelcbrlen Bearveilcr nicht mu aus die direkten Bo, fahren im Mittel-»nd Althochdeutschen ziir>!ckgeg«»zeii. sondern sie haben den ganzen Sdmtz des iiidvgerinaliiiitien Sprachsiaiiinres herangezogen. Das Worl Ahle,„ein an ei».Heft befestigter stäblerner Vorslecher bei Lederardeiten" wird bis ins Ältindiiche verfolgt, wo es in der Form ara auftritt. Früher hieß das Werkzeug der Ahl oder Aal, erst in, Jahre 1753 koninit die jetzt allein übliche Form Adle vor. Wir sehe» also, daß der Werl eines iolche» Börlerbnches be- sonders darin liegt, daß eS die richtige Vontclllliig vermittelt, die wir»lil einem Worte zu verbinde» haben. Je richtigere Vor» itelliingen man aber mit den Wörter» verbindet, desto mehr Leben gewinnt das Gelesene und eine um so kräfiigere Nahrung wird eS für de» Geist. Je kräftiger aber der Geist genährt wird, desto nach- drücklicher und wirknngsvoller ist seine Tätigkeit Gegenüber anderen Wörterbüchern derielben Art hat der neue Weigand meines EmchtenS einige uiiichäybare Vorzüge auf- zuweiken. Er lühn alle gebräuchliche» Fremdwöiter auf und behaiidelr sie mit derielben Gründlichkeit wie die ein- heimischen Wörlcr. Ariikel wie Agent, agitieren, Agrarier, Alkohol, anekticren usw. beweise» da». Die sozialistische Literatur ist leider etwas überreich an manch- mal ganz entbehrlichen Fremdwörlern: es ioird daher dem nach wirklicher Ausklärimg strebenden Leier höchst willkommen sein, wenn er in dem Buche eine gründliche Belebrung findet. Man denke ja nicht, daß ein geivöhnlidies Fremdwörlerbiich, worin die Be- deutungen niemals wisienichaftlich abgeleitel sind, dieselbe» Diensts leiste. Denn eine klare Vorstellung von dem Unbekannten erhält man nie daraus. Ferner haben die provinziellen Wörter eine weitgehende Berück- sichtigung erfahren. In dem vorliegenden Hefte fiiiden wir unter anderen die Wörter Anke iButterj und Aelte(Vater) besprochen. Auch die Vornamen sind aufgeführt und gründlich erklärt. Man sehe sich die Artikel August. Arnold und Anton an. Als ein weiterer Vorzug verdient hervorgehoben zu werden, daß bei den ichlvierigen Wörtern angegeben ist. init welchem Fall sie zu verbinden sind. z. B. bei anmaßen. Auszusetzen hätte ich an dem Buche nur wenig. Man hätte z. B. beim Artikel aussetzen nicht auf das neumodische ausstelle», im Sinne von tadeln, wenn es auch bei Schiller vorkommt, verwelicn sollen, sondern umgekehrt hätte man verfahren müssen. Denn mit de», Worte ausstellen verbinde ich eher die Hossmiiig aus Anerkennung lind Lob. während das alte gute aussetzen sofort an etiva Genngiverliges und UnbranchbareS denken läßt. Keine unnütze» und üverflüssige» Nenerniigen I Daß die Etymologie auf der Höhe der Zeil sieht, brauche ich wohl»ickst besonders hervorzuheben. AlleS in allem also: ein gutes, brauch« bares Buch, und nicht allein für den Höhergebildete», den Studierenden, den Literaten, sondern für jeden nach Aufklärung und Klarheit Strebenden. E. W r c d e. Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Bcrltn.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerei u.VerlagSaustaltPaul Singer �Co..Beilin SW,