Anlerhattlmgsblatt des vorwärts Nr. 2. Freitag den 3 Jaimar. tS08 aSaLdruS verk-ten.) Schilf und Schlamm. Roman von Biecnte BlaSco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Einzelne Hennen liefen in das Gestrüpp der Böschung und begleiteten die Barke. Scharen von Enten flatterten um den Bug lind trübten den Spiegel des Kanals, in welchem die Hütten des Fleckens, die angcrammten schwarzen Barken und die Strohdächer der Aalkästen, auf deren Spitzen Holz- kreuze befestigt waren, als wolle man die Aale unter den göttlichen Schutz stellen, verkehrt auftauchten. Als das Postboot den Kanal verlassen, flihr es mitten durch die ReiSpstanzungen. nngeyeure Felder flüssigen Schmutzes, aus welchem bronzefarbene Halme aufragten. Die Schnitter, die bis zur Hüfte im Wasser standen, näherten sich, die Sense in der Hand, mit regelmäßigen Schritten, und die schwarzen Barken, die so eng wie Gondeln waren, fingen in ihrem Schoß die Garben auf, um sie nach den Dreschtennen zu iiberfübren. Inmitten dieser Flußvegctation, die gleichsam eine Verlängerung der Kanäle bildete, erhoben sich hier und da auf Schlamminseln kleine weiße Häuser, aus denen Kamine aufragten. Hier waren die Maschinen untergebracht, die je nach den Bedürfnissen der Kultur die Felder über- schwemmten oder austrockneten. Die hohen Böschungen verdeckten das Netz der Kanäle,— breite Fahrstraßen, in denen die mit Reis beladenen Segel- barken langsam cinherschwammcn. Ihre Vorderteile blieben unsichtbar und die großen dreieckigen Segel glitten wie auf dem Festland schreitende Gespenster über den grünlichen Grund der Felder. Die Passagiere betrachteten«nt Kennermiene die Felder, gaben ihre Meinung über die Ernte ab und beklagten das Schicksal derer, die die Feuchtigkeit der Reispflanzungen umbrachte. Die Barle schwamm durch ruhige Kanäle auf einem gelblichen Wasser, das die goldenen Reflexe des TeeS auf- wies. Unten neigten die Flußgräser unter dem Druck des KielS ihre Häupter, und daS Zittern der Pflanzen wurde durch die Stille und Reinheit des Wassers noch stärker. In den kurzen Augenblicken, in denen die Unterhaltung schwieg, hörte man den mühsamen Atem des auf einer Bank liegenden armen Kranken, und das zähe Knurren Canamels, wenn er, den Kopf geneigt und daS Kinn auf die Brust gepreßt, schwer- fällig aufatmete. Von den fernen, fast unsichtbaren Barken hörte man. durch die ruhige Lust»och verstärkt, das Geräusch einer auf die Schiffsplanken fallenden Ruderstange, daS Knistern der Masten und die Stimmen der Schiffer, die sich an den Krcuzungspunkten der Kanäle anriefen, um nicht gegeneinander anzulaufen. Der Schifföführcr mit dem abgeschnittenen Ohr ließ plötzlich seine Stange sinken, sprang über die Beine der Passagiere an das andere Ende der Barke und begann sein Segel zu richten, um den leichten Nachmittagswind zu bc° nutzen. Man war in den See eingelaufen, den nnt Lieschgras versperrten und mit kleinen Inseln besäten Teil, den man mit einer gewissen Vorsicht befahren mußte. Zur Linken zeigte sich die dunkle und wellenförmige Linie der Dehesa- tannen, die den Albufera vom Meere trennt; ein Urwald, der sich meilenweit erstreckt, in dem wilde Stiere weiden und in dessen Schatten die Schlangen leben, die wenig Leute gesehen haben, von denen aber alle in den Spinnstuben sprechen. Auf der entgegengesetzten Seite liegen die un- geheuren Ebenen, die sich in unabsehbarer Ferne verlieren und die Reispflanzungen von Sollana und Sueca bilden. deren Linien mit den fernen Bergen verschmelzen. Massen schwarzer, glibbriger Gräser stiegen wie schleimige Fübl- fadenwürmer aus dem Grunde ans und rollten sich um die Stange des Schiffers. Vergeblich tauchte der Blick in die dunkle, verpestete Vegetation, in der cS von den Tieren wimmelt, die im Schmutze leben. Aller Augen sprachen den- selben Gedanken aus; wer da hineinfiel, hatte große Mühe, wieder herauszukommen. Eine Ochsenherde weidete an den mit Schilf bewachsenen Ufern, am Rande der zur Dehesa ge- hörenden Sümpfe. Einige von ihnen waren in die Nähe der kleinen Inseln geschwommen, standen bis zum Bauch im Schmutz und stampften lärmend mit ihren dicken Füßen. Es waren große, schmutzige Tiere mit ungeheuren Hörnern, die Schnauze voller Speichel und den Rücken mit Schlamm be- deckt. Stolzen Blickes schauten sie der Barke nach, die zwischen ihnen durchfuhr, schüttelten ihren Kopf und schleuderten Schwärme dicker Stechmücken, die ihnen auf die Stirn gefallen waren, rings umher. In einiger Entfermmg sahen die Leute der Barke auf einem kleinen Hügel, der in Wirklichkeit nur eine dünne Schinutzzunge zwischen zwei Wassern bildete, einen Menschen sitzen. Die Bewohner von Palmar kannten ihn. „Das ist Sangonera," riefen sie,„der Tnmkeubold Sangoncra." . Die Hüte schwenkend, fragten sie ihn, wo er diesen Morgen gestohlen, und ob er die Absicht hätte, auf diesem Hügel zu schlafen. Sangonera blieb unbeweglich; da ihm das Geschrei und das Lachen jedenfalls lästig war, so stand er auf, machte eine leichte Pirouette und verabreichte sich mehrere Schläge auf den Rücken, indem er sich ernsthaft mit komischem Anö- druck der Verachtung verneigte. Als er aufgestanden war, wurde das Gelächter, das sein seltsamer Anblick erregte, noch heftiger. Er trug einen Hut. an dem ein großer Strauß von Blumen der Dehesa befestigt war. Um seine Brust und seinen Gürtel waren Girlanden von wilden Glockenblumen gewickelt, wie sie unter dem Ufer- schilf wachsen. Alle lachten und machten sich über ihn lustig. „Der berühmte Sangonera, er hatte nicht seinesgleichen in den anderen Dörfern des Sees." Sangonera hatte den unerschütterlichen Entschluß gefaßt, nicht zu arbeiten, wie es der Rest der Menschheit tat; er behauptete, die Arbeit wäre eine Beschimpfung Gottes, und verbrachte den Tag damit, jemand zu suchen, der ihn beim Trinken freihielt. Er betrank sich in Percllo und schlief in Palmar: er trank in Palmar und cttvachte am nächsten Tage in Saler, und wenn zufällig ans dem Lande irgend ein Fest stattfand, so fand man ihn in Silla oder Catarroja. Es war ein wahres Wunder, daß man seine Leiche»ficht in irgend einem Kanal fand, denn er machte so viele Reisen in der größten Trunkenheit, zu F»»ß durch den See. an der Grenze der Reispflanzungen entlang, die so schinal wie eine Art- schneide tvar; das Wasser reichte ihn» bis zur Brust, wenn er durch die Gräben stolperte, i»? die niemand sich anders als in der Barke wagte. Der Albufera war sei,, Haus. Sein Instinkt als Sohn deS Sees ließ ihn jede Gefahr vermeiden. und so manche Rächt, wenn er in Canamels Schänke erschien, um sich ein Glas zu erbetteln, hatte er den Tanggcruch und die schleimige Berührung cineS AaleS.. Der ewig brummende Schänkwirt murmelte, als cr diese Unterhaltung anhörte:- „Sangonera. ein unverbesserlicher �.augenicht�.! Mehr als tausendmal hatte er ihn aus der Schänke gewiesen." Und die Leute lachten, während sie sich an den seltsamen Aufputz des Vagabunden erinnerten, an seine Manie, sich mit Blumen zu schmücken und sich jedesmal wie ein Wilder mit Girlanden zu umwinden, wenn sein hiiiigrigcr Magen anfing, die Wirkung des getrunkenen WcineS zu verspüren. Die Barke fuhr in den See ein. Zwischen zwei Pflanzen- linien, die den Quais eines HafenS ähnelten, sah man euie große, glänzende, helle Wasserfläche von iveißlichem Blau auf- tauchen. DaS war der Lluent. der wahre Albufera. das fre,e Wasser mit seinen Schilfbüscheln, die sich auf weite Ent- fernungen aiiLdehnten und in die sich die Seevögel slüchteten, die die Jäger der Stadt so eifrig verfolgten. Die Barke fuhr an, Ufer der Dehesa entlang, wo einzelne nnt Wasser bedeckte Sümpfe sich nach und nach in Reisfelder ver- wandelten.„... Ein muskulöser Mann Avfl aus semer Barke Korde mir Erde, die er auf eine kleine, von schlaminigen Gräben um- gebenc Lagune schüttete. Er erregte die Beivunderung der Passagiere. Das war der Onkel Toni, der Sohn des Onkel Paloma und seinerseits wieder der Vater Tonets, des Kuba» «erS. Als man den ketzterm nannte, blickten mehrers winisch Canamel an, der weiterknurrte und nichts zu hören schien. ES gab in nanz Albufera keinen fleißigeren Mann als Ken Onkel Toni. Es plagte ihn eine fixe Idee; er wollte Grundbesitzer werden, Reisfelder sein nennen und nicht von der Fischerei leben, wie der Onkel Paloma. der der älteste Schiffer des Albufera war: Nanz allein— denn seine Familie, die Im von der Riesenarbeit abschrecken ließ, half ihm nur von Zeit zu Zeit,— suchte er mit der Erde, die er aus weiter Ferne mitbrachte, den Wassergraben auszufüllen, den eine reiche Dame, die damit nichts anzufangen wußte, ihm über- lassen hatte. Das war für einen einzelnen Mann eine Arbeit vieler Aabre, vielleicht sogar eines ganzen Lebens. Der Onkel Paloma machte sich über ihn lustig. Sein Sohn half ihm von Zeit zu Zeit, doch nach wenigen Tagen erklärte er. er wäre müde, und der Onkel Toni setzte mit unerschütterlichem Vertrauen und Eifer sein Werk fort, mit alleiniger Hülfe der Borda, eines armen Geschöpfes, das seine verstorbene Frau aus dem Findelhause geholt hatte, einer äußerst schüchternen Person, die aber bei der Arbeit dieselbe Zähigkeit zeigte wie er selbst. «Guten Tag. Onkel Toni, laßt Euch nicht entmutigen. Khr werdet bald Reis auf Eurem Felde säen." Und die Barke entfernte sich, ohne daß der eifrige Arbeiter den Kopf länger als eine Sekunde erhoben hätte, um auf den ironischen Gruß zu antworte». In einige? Entfernung sah man in einem Boot.,da3 nicht größer als ein Sarg war. den Onkel Paloma neben einer Reibe Pflöcke, auf denen er seine Netze ausspannte, um sie am nächsten Tage wieder einzuziehen. In der Barke stritt man sich, ob der Alte neunzig Jahre wäre oder ob er sich schon dem hundertsten nähere. «Was der Mann gesehen hat. ohne aus Albufera heraus- Zukommen! Und mit was für Leuten der zusammeugekom- men war.. J" Ontfetzuiig folgt.) Der Garten cles Laubenkolomften. Januar. Am 31. Dezember stand Prietzke neben feiner Laube, um ton dieser, der Parzelle, dem nahen Dreieck und dem alten Jahr zu-- gleich Abschied zu nehmen. EZ war schon dunkel und ich konnte nicht sehen, ob er alledem eine Träne nachgeweint hat; ich glaube es aber kaum. Das nasse Dreieck hat ausgehört zu bestehen, eS wird der Bebauung erschlossen und der Generalpächier hat daher allen Kolonisten zum 1. Januar gekündigt. Noch rechtzeitig vor Eintritt des Frostes hat PrietzÜe alles abgeräumt, die Pflanzen, die ihm lieb und wert waren, und die er deshalb nicht im Stiche lassen wollte, seine Erdbeeren. Himbeevensträucher und Blüten- stauben ausgegraben und weite rab auf dem noch nicht gefährdeten Eirundstuck eines guten Freundes eingeschlagen, bis er für stc ein neues Unterkommen hat. Prietzke ist lange mit fich zu Rate gegangen, ob er neues Land pachten oder eine Parzelle kaufen soll«. Für das Kaufen schwärmt er eigentlich nicht, denn das kleine Geld ist jetzt bekanntlich überall rar. und bei Prietzkeö, im Hinblick auf die vielen Törbter, ganz besonders rar. Trotzdem Hai er sich schließlich nacb Rücksprache mit mir augekauft; eS fehlt ihm die Lust, sich weiterhin auf un- sicherem Pachtlande abzuplagen und fich dann immer und immer «lieber, wenn die Sache in Gang kommen will, mit dem ganzen Kram an die frische Licht fetzen zu laffen. Er hat, wenn er hiwuiS nach dem nassen Dreieck fuhr und auch weiterhin an der ganzen Ostbahnvorortstrecke und«u den Linien der Görlitzer. Lehrter und Stettiner Bahn überall R«? großen Plakate der Herren Grundstück- tekuliinte«: Krie scher u. stiiecher. Drittel u. Püttel, Schalk u. itschka, und wie fie fich alle nennen mögen, gelesen, die in weithin stchtbareu Lettern bttarmt gckben. daß! ficti ihnen billige Parzellen i» haben find. Sc? luerden da, je»ach Kntj�rming der betreffenden Porortftation und je nach ihrer Lbge zu dieser selbst, wenn sie nicht gerade besondere ZukunftöauSsichlen hieben, die zumeist Zu- kunstomusik find, mir ö'bis 8 oder 19 Mark p>ro Quadratrute an- «boten, im Gegensatz zu den sogenannten LöpekulationSterrains der»est listen Pororte, die nicht selten fljöff ja das Doppelte und mehr pro Quadratruke kosten, so» haß mä'n schon goldene Pflaumen und filberuo Aepfel züchten müßt«: Gm bei solchen Wucherpreisen eine annehmbar'« Bodenrente zu'«z-zielen._ Aber auch die Billigkeit der sogenannten Parzelliernngsg.xundstücke in ungünstiger gelegenen Gegmden ist nur eine scheinbare, Die zahl- reichen Grundstücksspekulanten, die ganze Komplexe von den bäuerlichen Besitzern zu Parze llieningsgweckml auffmM'eii, die Steaß' ilinien festlegen und durch ruppige, ohne jedes Äerständnis aufgepflanzte«lleebäume, die bald wiriZschtef und tr«kbw iVrdcn. markieren, erzielen späterhin beirr Verkauf der einzelnen Par- zollen Reingewinne von 100 und mehr Pcozent. In den entlegenen Gegenden hat der ganze preußische Morgen des minderwertigen märkischen Sandbodens einen durchschnittlichen Wert von 000 bis höchstens 1000 Mark. Noch geringer ist dieser reelle Werl da, wo es sich um Sumpfland handelt, da der Käufer dieses erst mit Gräben durchziehen und dadurch trocken legen muß, bevor er überhaupt an irgend eine Anpflanzung denken kann. Prietzke hat bisher eine ungeheuere Vorstellung vom lim fang einer Quadratrute gehabt, denn 14 Quadratmeter, so meinte er, sind keine Kleinigkeit. Nachdem ich ihm aber tlar gemacht habe, daß ein Berliner Zimmer von bescheidener Größe durchschnittlich einen Fiächencaum von mindestens zwo» Ouadratruten bedeckt, und einer jener preußischen Eisenbahngüterwagen mit der interessanten Aufschrift:„40 Mann oder 6 Pferde" auf einer Quadcatrutc nicht Platz findet, stellt er sich nun die Quadratrute wesentlich besehe;- dener vor. Ich habe ihm gesagt, daß eine Parzelle, die einem kleinen Haushalt bei rationeller Bearbeitung den Bedarf an Kar- löffeln, Gemüse und später auch an Qdst liesern soll, mindestens 80 bis 100 Ouadratruten groß sein muß. zumal späterhin ein ent- sprcci'«ender Raum für den beadfichtigten Hausbau der Bodenrente! entzogen wird, und daß ich den Ankauf einer Parzelle, deren Größe weniger als 60 bis 05 Ouadratruten beträgt, nicht empfehlen könne. Dem Wunsche deS Herrn Prietzke entspreche! td, habe ich mit ihm Umschau nach einer geeigneten Parzelle gehalten und wir haben dann in einem Vorort der Qstbahn das Gewünschte gefunden. Er hat das Stückchen Erde unter Umgehung des Zivischenhandels aus erster Hand von einem Bauern für 400 Mark gekaust und bei der Auflasiung in bar bezahlt. Ich habe ihm von vornherein gesagt, daß es mit der Zahlung des Grundstückpreises, der erst am Tage der Auslastung dem zuständigen Notar zu entrichten ist, nicht getan sei, daß noch weitere Ausgaben seiner harren. In dem Kauf- vertrage wird gewöhnlich dem Kolonisten die Verpflichtung auf- erlegt, das erwordene Grundstück in ortsüblicher Weise einfriedigen zu lassen. Diese ortsübliche Einfriedigung ist der Drahtzaun, für den in sicherer Gegend eine Höhe von 1,20 Meter genügt, während bei größerer Unsicherheit eine solche von 1.50 bis I.7ö Meter an- gebracht erscheint. ES werden bei der ortsüdlichen Einzäunung Kiiüernrundholzpfoftcn auf je 5 Meter Abstand und je 1 Meter tief in den Boden gesetzt, alsdann diesen entlang das verzinnte, nicht zu tveitlänfige Drahtgeflecht straff au j gespannt, oben und unten mit je einen- Eisimdrabt versteift, zum Schluß wird noch ein Stachel- droht über die Spitzen der Pfähle hingeleitet. Je nach Höäe des Zaunes, je nach Maschenweite und Drahtstärk« deS Gitters ichwanien die Preise zwischen 1 und 2 Mark für den lautenden Meter. Man fährt meistens am besten, wenn man einem der in der Kolonie ansässigen kleinen Handwerker die Ausstellung des Zauneö überträgt, da die großen Unternehmer fast durchioeg höhere Preise fordern. Wer das Zeug dazu hat, setzt sich den Zaun selbst; er wird dann die notwendigen Pfähle in einer Holzhandlung für durchschnittlich 00 Pfennig das Stück erstehen können. Es soll nur trockenes Rundholz zur Verwendung komiucn, da frisches von geringerer Dauer ist. Teeren der Pfähle oder Anbrennen deS unteren Drittels erhöbt die Halt- torkelt. In unserem stark zehrenden Sandboden muß man damit rechnen, daß beste Kresernrundholzpfosten nach 0 bis 8 Jahren über dem Boden abgefault find und erneuert werden müssen. Von bedeutend längerer Haltbarkeit find die allerdings schwer erhältlichen Akazienp-osten und ausrangierte eichene Schienenschwellen, d»e aber nur für niedrige Zäune in Frage kommen. Alte Gasrohre von entsprechender Länge Übertreffen alle Holzpfoften an praktischer Brauchbarkeit und Dauerhaftigkeit. Die erste Sorge des angehenden ParzellenbcfitzerS ist immer die Einfriedigung des Grundstückes, an zweiter Stelle kommt dann die UnterkunftShalle oder Laube. Jeder Kolonist, der ein Stückchen Land erwirbt, trägt sich ja mit dem Gedanke n, früher oder später ein, wenn auch nur bescheidenes Wohnhäuschen auf ihm zu er- richten. Das ist aber leichter gedacht als getan, denn erstens er- fordert die Ausführung dieses Vorhabens immerhin nennenswerte Mittel, zweitens liegen alle billig erhältlichen Parzellen an noch unregulierten Strotzen, und die Besitzer haben die Verpflichtung, wenn es zur Regulierung kommt, die auf die Straßenfront ihrer Grundstücke entiallendcn Regulierungskosten höchst eigenhändig zu bestreiten. Will man nun an unregulierter Straße bauen, so hat nian, wenn die Bauerlaubiiis überhaupt erlailt wird, zunächst die au- da? betreffende G-nndstück entfallenden Regnlierlingskosten zu deponieren dann der Baupolizei die Banzeichrrnng, d. h. Profil. KttuirOcttz und iLnurrjofiiu:>>e.n �.runov.an vce in Frage kommen» den Grundstückes mit markierter Ba istelle zur Genehmigung ein- zureichni, und dann kann die Bauern losgehen, vorausgesetzt, daß das nötige Kleingeld vorhanden ist. Da es aber leider hieran bei den meisten Parzellenbesitzern hapert, so begnüg! man sich in der Regel vorläufig mit der Aufstellung einer Laube, die allerdings möglichst geräumig sein soll, da sie Wohnraum, Geräteschuppen, Lagerraum und womöglich auch Keller miteinander verbinden mutz. In solcher Lage tut häufig ein ausrangierter Güterwagen sehr ! gute Dienste. Diese Wagen, die meist für Laubcnzweckc noch ziem- lich brauchbar find, werden von den Eisenbahninspettionen ge- wohnlich freihändig verkauft oder versteigert und zwar vh.ie Achsen und Räder. Ter Ankauf lohnt sich da, wo die betreffende Bahn nicht zu weit vom Grundstuck entfernt ist, und die Bcschasseuhcit d«r Wege einen Transport auf kräftigem yrachtioagen bis znr Par- gelle zuläßt. An Ort und Stelle fetzt man dann den Kasten nicht direkt auf den Boden, sondern, wenn möglich, auf«inen zu er- richtenden Backsteinunterbau, so daß man trocken woyllt. Außerdem kann dann der Unterbau als Keller Verwendung finden. Erwischt man einen Wagen mit Bremshäusckien. so erhöht dies die male- rifche Wirkung des Ganzen; außerdem kann dann das erhöhte, vordem den Sitz des Bremfers bildende Häuschen zum Tauben- schlag oder Hühnerstall ausgestaltet werden. In den Kolonien der Berliner Vororte findet man prächtige Vorbilder für die Einrich- tung derartig ausrangierter Eisendahnwaggonö zu Gartenhäusche». Besonders schön Wirten sie da. wo sie mit einem lauben- oder verandaartigen Vorbau versehen find, der dann mit dankbaren Schlinggewächsen bekleidet wird. Wir werden im nächsten Monat sehen, was weiter zu geschehen hat. wenn die Parzelle eingezäunt und die Laube errichtet ist. kick. jVeujakr in den Sergen. AlZ ich ein Kind war, erschien mir der Iahresivcchsel als eine der feierlichsten und geheimnisvollsten Angelegenheiten. Ich bin zwar nie trotz tiefem Nachdenkens hinter den Unterschied gekommen, welcher zwischen den letzten Minuten des ablaufenden und den ersten deö neuen Jahres besteht, und ich habe es auch nie fassen können, weshalb die guten Vorsätze, mit welchen ich am Silvester- abend regelmäßig sehr verschwenderisch war, im neuen Jahre so rasch wieder in Nichts verflossen.?ch habe mit unter dem neuen Jahr etwas wirklich Neues vorgestellt und mich lange gegen die trübe Erkenntnis gesträubt, daß es im Grunde kaum einmal besser war wie das alte. Aber von diesem Kindcrglauben an das Neue bleibt in den meisten Menschen etwas stecken. Es ist so angenehm, zu glauben, daß man gerade so wie im Hauptbuch unter das Ver- aangene einen Strich machen und nun ganz unabhängig von allem Gewesenen von vorne und natürlich besser beginnen könne. Wenigen nur schtoant es. daß alle Zeiteinteilung, auch die im Jahre, nur eines der dürftigen menschlichen Hülfsmittcl ist, um uns an der Hand der großen Planetenuhr, der Sonne, überhaupt einigermaßen im Mccr der Ewigkcii zurechtzufinden. Darum wird dem Ncujabr eine übermäßige Bedeutung zugeschrieben, und die Formen, welche die Neuzabröbegeisterung annimmt, werden mit der Zeit nicht anmutiger. Trum treibt eL mich, wenn einmal die Briefträger mit einer Stunde Verspätung und die großen Ledertaschen voll papierncr Neujahrswünsche ankommen, hinaus in die Berge. Ans die Sncbe nach dem Winter bin ich dann gegangen, nach dem Winter, der in seiner ganzen Herrlichkeit erst entdeckt worden ist. Es gibt keinen größeren Formen- und Fardenkünstler als ihn; aber lein Schönstes und Bestes zeigt er nur hoch oben in deu Bergen. »-» Am blauen Kacht Himmel strahlt noch der Morgenstern; er allein, wie eine kleine Sonne. Ein Gefährte und ich steigen zum Sceduck aus. Das ist einer der jäh abstürzenden Kämme am Feld- berg. Die Schneeschuhe tönen auf dem hartgefrorenen beeisten Schnee und die Luft ist wie ein Eisbad. Im Südwesten hinter dem Eäntiö färbt ein blaßgoldcner Netherschein sich immer dunkler und im Nordwesten hoch oben am Himmel fliehen Ncbelwollen vor der aufgehenden Sonne. Sie aber segnet aus dem Verborgenen noch die Feind«, die fie verhüllen wollten und haucht fic auf der Flucht noch rosig an. Bald ist der Himmel rein und hellgrüne Scheine legen sich auf die weiten Schnreflächcn. Es tagr. Die über- hängcnde» Schncewäckten und ihre Risse leuchten in gletfcher- grünem gedämpftem Feuer. Aber draußen im Süden, von der Lugspitze bis zum Montblanr. ist alle-s ein großes Alpenglühen. Im Westen steht der Kamm der Vogcscn wie eine blaue Mauer. Da geht irgend etwas großartig Seltsames in der eisigen Tagcofrühe vor. Bon den Schwarzwaldbergen ficht man nichts als das stolze Herzogrnhorn mit seinen mächtigen Abstürzen. Aber in halber Höhe des Berges wogt«in graugrünes Meer, das fich bis zu den Alpen erstreckt. Wie rosige Märcbeninseln schwimmen die Firne in den bewegten Fluten. Trüben, von der schwäbischen Alp her, kommt o3 in mächtigen Wogen. Fast unsichtbar ist die Be- wegung und mit scner ruhigen, dem Menschenaugc nicht wahr- nehm baren Schnelligkeit, mit welcher sich die Bewegung alles Großen auf Erden vollzieht, ergießen sich die Fluten in den kleinen Tälern unter uns. Alles füllt dieses Meer aus und brandet nun schon an den Tannenwäldern um den Feldbergerhof. Am wildesten wälzt eS sich von Osten her. Ta steigen die Stur.zwellen auf, die oft wie erstarrt stehen bleiben. Immer höher flutet das Meer. Aber alles vollzieht fich mit einer lautlosen Ruhe. Man sieht die Brandung des weißen Gischtes nur. man hört sie nickt. lind jetzt wälzen sich die gewaltigen, kilometerlangcn, horizontal hinter- einander hcrschiedenden Wogen über das Kapsle und fluten hinab, den Feldbergerhof und alles verschlingend. Einen Augenblick ist Rubc m dem mächtigen Spiel. Ta erhebt fich ein eisigcS Weben in den Lüften, und wie ein Gott stchgt die rotgüldem- Scheibe der glühenden Sonne hinter dem Säntis empor und wirft uns über das gewaltige Meer, das unter dem purpurnen Glanz erschauert, iwch einen Nlorgcnsegen zu. Da rollt eine Woge heran und auch 1 wir sind mit de? Seebuckspihe Merslutek. So habe ich, der ich kn Geographie und Naturgeschichte stets einen Fünfer hatte, am letzten Tag des alten Jahres das Juramcer gesehen, das vor Hundert- taufenden von Jahren hier wogte, von Lyon bis ans bayerische Fichtelgebirge, nur in dem verdünnten Aggregatznstand eines Nebelmeers. Die Saurier, die llrgetümc der Jurazeit, die dieses Meer belebten, fehlten zwar; dafür tauchten aber wir jjwei Reu- jahrsflüchtigc in den Fluten unter und gelangten nach einer tollen Fahrt im Raymardihof an, wo uns zwar keine Meernixe, wohl aber eine Echwarzwaldbäucrin von ansehnlichen Dimensionen empfing und uns mit heißer Milch, Brot. Butter und Honio energisch unter die Arme griff. Die Reymardibäucrin gehört zu einem der alten Bauern» geschlcchter, die seit Jahrhunderten um den Feldberg herum hausen, und die mehr eingewanderte Kelten als Allemanen sind. Sie führt eine herbe Sprache, aber es kommt ihr dabei alles von Herzen. Ihr Mann, den jetzt die Erde deckt, war ein baumlanger Kelte mit einem scharsgeschnittenen geradlinigen Kopf. Er hat noch die An- sänge des SchnceschuhlaufenS gesehen, aber nur ein Lachen dafür übrig gehabt. Denn seine Verlehrstcchnik auf hohem Schnee war weit einfacher. Wenn er den Berg hinauf ging, band er sich einen großen Lederschurz vor, damit die Kmce nicht zu naß wurden. Bei der Heimkehr aber drehte er den Schurz nach hinten, zog ihn zwischen den Beinen durch und fuhr auf diesem primitivsten aller Scklitten wie der Teufel die steilsten Hange herab. Zn der näm- liehen Rasse gehörte sein Raehbar, der alte Zipfclbauer, der am Letzten jedes JahrcL mit einem Graskorb voll Kronentaler in die Siadt fuhr und sie dort auf die Sparkasse brachte. Papiergeld nahm er leineL und Gold auch nicht. Kronentaler mußten es sein, so rund und hart wie sein Schädel. Aber diese schönen Zeiten find vorbei für die Bauern am Feldberg. Das Zeitalter der Industrie und des Kapitalismus hat ihnen den Meister gezeigt. Viele von den Nachkommen dieser alten Geschlechter lauten jetzt alö ganze oder halbe Torflumpen herum und erzählen von früher, wo fie alö junge Burschen droben auf dem Fcldberg in den Viehhütten tanzten und von der Kräuter babrtte, einer der wildesten aller Feld- bergjungsrauen. mit deren Holzpantoffeln die Köpfe verschlagen bekamen. Solcherlei weiß die Rahmardibäuerin noch vtclcS zu berichten. Aber es trieb uns fort, hinüber in die weiße Wunderwelt des WinterwaldcS. Vor der Stille des Walddomes verstummt alle Ge- schwätzigkeit und in der Seele wird es selber still und weiß. Wir gleiten leise über weiche Kiffen zwischen den glitzernden Pfeilern und Säulen hindurch, in welche der Schnee, der Frost und der Wind die Tannen verwandelt haben. Wir fliegen unter dem seinen dichtbereiften Astwerk der überhängenden Birken und Buchen dahio. Das find die Festgirlanden de? Winters und im Borüberiliegen küssen die dünnen kalten Silberzweige unsere beißen Wangen. ÄlleS Licht ist zu einer feierlichen dämmerigen Helligkeit gedämpft. Man hört nur das leise Zischen der Schnee- schuhe und im Dahingleiten senken sich einem ganz leise wie Schneeflocken allerhand wunderliche stille Gedanken ins Herz. Stundenlang glngS so dahin. Bei einein mächtigen prasselnden Feuer, dessen knisternde Funken hoch oben auf den Schneepolstern der Tannenwipfel erstarben, wnrde Mittag gehalten, und dann gingö hinüber gegen das Herzogenhorn. Es dunkelte schon, als wir den stolzen Berg mit feinen mächtigen Abstürzen aufstiegen. Bon oben war der Anblick der unter uns liegenden Bergwelt fast grau- sam kalt und düster. Aber in der Hütte wurde gleich gekocht und gebraten. Und nach einer Viertelstunde lagen wir, in warme Decken gewickelt, aus dem Boden. Tiefer Friede herrschte in der Hütte, aber draußen hob ein rminderbares Lied an. Ein Sturm brach los. der mehr als ein Lied war. Wie eine gewaltige Fuge brauste es mit gezogenen Registern auf der Ricsenorgcl des Waldes, die Balken ächzten und stöhnten, daß wir glaubten, die Hütte müsse über uns zusammenbrechen. Aber eS brach nichts. Gegen Mitternacht legte sich der Sturm und als wir am anderen Morgen vor die Hütte traten, da hatte es einen halben Meter Neuschnee gegeben und blitzend weiß, rein und vielversprechend lag die Welt im Neujahrökleid da. A. Fendrich. kleines feuilleton. Neber den MusikfanatlSm«? bei den Negern berichtet Charles Ä ö n i a» x in der.Revue Blenc". Er schildert eine musikalische Orgie, der er in einem Fonduk. einem Karawanserail in Tunis beigewohnt hat:„Im Hintergnmde des KarawamerailS. hinter einer Reihe von Kerzen, der weißen Mauer zu. ist die Ruba. ein Orchester von Regen?, in Tätigkeit. � Diele dunklen Männer gleichen komischen und dabei schrecklichen Schattenbildern. Ihre Augäpfel und Zähne glänzen licht. Sie schütteln ihre wolligen Schädel in immer ichnellcrcr Bewegung und schwingen die KrakebS. breite Zimbeln aus Bronze, die wie Bardierbecke» aussehe». Jeder Musikant hat in jeder Hand zwei an Knpfergriffe gelötete Krakeb-Z und spielt damit wie mit Kaftagnetten. Diese vier Zimbeln schlagen mit donnergleichcm Toben aneinander. In der Mitte der Nuba find die Tumbriipieler. gleichzeitig Biolonzellisten und Trommler. Die Seiten töne» und die Eielshaut dröhnr. Auf ein Zeichen cineS bosvast dreindlickenden Schwarze» in schneeweißem Gewand, Mussah al Bahri. des Chefs dieses Orchesters, beginnen die ArakebS und Gumdris in einem hinreißenden Rhythmus zu spielen. Jeder Spieler markiert den Text mit seinen Armen, mit den, Hak? mid Rückgrat und sinnt in senegalesisckem Dialekt die Legende, die nun gemimt und getanzt tverden soll. Vor den Musikanten biegt daS Publikum von Negern und Negerinnen den Leib von vorn»ach hinten. Die Krakeb-Z lverden „ach und nach leidenschaftlicher und die Neger beginnen sich in den Hüsten zu wiegen. In diesem Augenblick tritt ein Sudanese in rotem Lcinwandkittel ans einen Teppich zwischen den Kerzen. � Er scheint den Galopp der Zimbeln zu veniehmen. in seine Gestalt kommt Lebe», er bewegt die Schenkel, dann den Rumpf, die Beine, das Gesicht, springt empor, fällt zurück, springt von neuem. Die Supferbecken schlagen immer stärker aneinander und der Chor der gurgelnden Stiniincn steigt an. tönt in die Nacht hinaus, zum großen Feigenbaum, der im Hof ganz im Silberlicht des Mondes getaucht dasteht. Der Springer reißt plötzlich die Arakia aus weißer Wolle ab. die fem langes Haar fest- gehalten hat. und dreht den Kopf auf seinen Schultern in einer Ausregung, die seine Waden und seine Hände ergreift. Die Trommeln donnern unter den immerzu beschleunigten Schlägen, die Gesänge werden tvild. Augen rollen, Zähne werden gefleticht, die Negerinnen und ihr Flitterschmuck sind in ein tolles Schütteln geraten und der Mime wirbelt in einer solchen Raserei über den Teppich, daß seine berumgejagten Glieder unsichtbar werden. Um seinen Schalten fliegt nur das wollige Haar gleich der Mähne eines scheuen RosseS. Plötzlich ein tiefer Ton— der letzte und der Neger fällt wie eine tote Mäste zu Boden. Was er vorgeführt bat. war der Tanz de» langhaarigen DämonS Migezu. Ich wende mich um. Dem Höllenlärm ist eine erdrückende Äille gefolgt. Die Anwesenden lasien im Mondlicht wahnsinnig starrende Augen sehen. Die Weiber halten die Arme in der Stellung. worin sie der letzte Ton überrascht hat. Diese Halluzination dauert einige Sekunden. Nachdem man Atem geschöpft hat. kündigt Wufsah al Bahri die Ankunft des Sultans Ali Gaiji an. Dieser mächtige Heer von Bornu zeigt sich in Gestalt eines riefigen Negers, mit einem Geficht, das man für gewichst und mit einer Bürste zum Glänzen gebracht halten könnte. Ihm zu Ehren präludiert daS Orchester in tiefen Tonen und die Sänger stimmen ein Lied an. Die Menge der Schwarzen verbeugt stch in sichtlicher Bewegung. Nach einigen vor- uehmen Ouersprüngen kniet der Sultan auf dem Teppich, dann auf allen Vieren vor den Kerzen nieder. Frauen und junge Senegalesen »nit vorgeschobenem Unterkiefer schreiten ehrfurchtsvoll vor. grüßen den Monarchen, der von den KrakebS angegebenen Tonlolge gemäß. und beginnen SouSstücke aus ihn zu tverfen. einer nach dem andern. Die GumbriS geraten in Hitze, vie Zimbeln werden wütend, die Chöre brülle». Schsell. schnell I ES gilt, Ali Gaigi ui, gesäumt die Steuer zu zahlen. Der kniende Sultan schüttelt unzusrieden den Kopf. Die Geldstücke fangen nun an. ihm auf den Hals zu regnen. Der Leiter der Nuba schlägt mit aller Macht auf sein großes Tamtam und der Wahnsinn der Freigebigkeit ergreift die Menge. Die an, weitesten vom Fonduk entfernten Neger reimen herbei. Sie füllen ihre Hand mi, den Kupferstücken und schleudern sie, so schnell eS die Kadenz der Nuba gebietet, auf den Sultan. Der schlaue Mussah al Babri hat ans drele Art seinen GlaubenSgei, offen ihre Ersparnisse herausgelockt. Er»vird sie nun zun, Lohn mi, Har- inonicn berau'chen. Zwei hochgewachsene und schlanke junge Mädchen Achten in, Mondlicht ihre in Silber. Scharlach und Smaragdgrün tZeklcideten Gestalten empor. Diese Negerinnen halten Knüttel in der Hand. Die Sänger präkubieren schmachtend und die KrakebS Verühren sich ganz leise. Die Finger gleiten über die GumbriS und bringen dünne Töne hervor. Diese seltsame sauste Melodie ruft die Korstellung eines afrikanischen FlusteS hervor. Da läßt das Röcheln einer Saite die Zuschauer jäh aufspringen. Ist eS ein Rhinozeros oder ein Krokodil, das aus dem Wasser gestiegen ist? Die jungen Mädchen führen, mit ihren Knütteln rudernd,«ine pan- tomimischc Flucht von wachsender Erregtheit vor. Und plötzlicb wieder Friede. ES folgt der Tanz deS Reiter» Baragi, der alle Gangarren des PserdeS wiedergibt. Auf diese An vermögen die Neger mit ihren primitiven Instrumenten, durch einen unendlichen Wechsel deS Taktes und der Akzente alle ihre Empfindungen ihrer einfachen Seelen aus- zudrücken. Sic genieße.!, dabei unvorstellbare Sensationen. Der Fa- natiömuS deS Tamtam kann bis zur Preisgabe des Lebens in einein Delirium der hypnotisierten Sinne gehen. Am Morgen dieser Nacht hatte die Zuhörerschaft, nach tOstündigcm. ununterbrochenem Toben den Ber- stand verloren. Die dämonischen Spieler schwangen rasend die Becken, Schaum vor dem Munde. Die Sänger heulten mit verdrehten Augäpfeln. Aus dem Teppich bellten Frauen, wie von bösen Geistern besessen. Andere fielen mit ausgebreiteten Armen in Ekstase rück- kings zu Boden und en; Reger, halb tot vor Krämpfen, ließ sich den Dämon de-Z WindeS. der in ihn gefahren war, aus den Ohren herausziehen. Als die Sonne die Szene erleuchtete, schlugen die letzten Musiker in epileptischen Zuckungen noch immer die Becken. ohne ihrer Nerven Herr werden zu können." Kulturgeschichtliches. Schulunterricht vor 4000 Iahren. Der amerikanische Orientalist Profesior H. B. Hilprecht hat in der Nähe von Nipur Ausgrabungen veranstaltet und dabei 10000 Keilschristtafeln gc- funden. die nichts anderes als Schultafeln darstellen. Die Tempel- schaler in Babylon bedienten sich ihrer beim Unterricht. Au? dem tustand dieser Schrelbübungen läßt sich, wie Dr. Max MaaS tu der rankfurter Wocheuschrist. Umschau' berichtet, ganz deutlich erkennen, «vie der Priester den Unterricht in einer solchen Tempelschule erteilte. Auf der linken Seite der Keilschrifttafrl wurde vom Lehrer die Auf» gäbe vorgeschrieben. Der Scküler kopierte sie dann recht». War der Lehrer mit der Leistung zufrieden, so kratzte er die reckte Teste der obere» Tonlage ab. Die Abschrift des SckülcrS hat die vor- geschriebene Aufgabe des Lehrers auf vielen beschädigten Tafeln ver- vollständigen helfen. Die meisten dieser uralten Schreibüvungen enthalten Rechenaufgaben, in denen sehr oft die Zahl 12 960 000 wiederkehrt. Die Zahl scheint aus die Platonische hinzudeuten, und der Münchener Orientalist Profestor Fritz Hommel bat sie durch die Phönixperiode zu erklären versucht, die anS Präzessionsperioden(500 X 25 920= 12 960 000) gleich platonischen Jahren besteht. Die Schüler zu Nipur müssen al'o das Vorrücke» der Tag- undRachtglciche bereits gekannt baden. Hilpreckt weist auch darauf hin, daß v,ele Jahrtausende ver- gangen sein müsten, ehe man den Monaten de» JabreZ Namen gab. Die Sonne muß beim Frühlingsanfang dantalS im Zeichen des KrebieS oder gar des Löwen gestanden haben, wenn die Monatsnamen Elul und Tammuz für Februar und März einen Sinn baben sollen. Der Wiener Astronom von Littrow hat das Jahr 0770 v. Chr. al» den Zeilpunkt bezeichnet, in weichem der Frühlingspunkt im Zeichen des Krebses lag. Die beiden Monatsnamen stammen also auZ dem siebenten oder achten Jahrtausend vor Christi Geburt. Medizinisches. Frostschäden und ihr« Behandlung. Die künst» liche Blutstauung, die namentlich durch Arbeiten von Professor Bier rasch zu hoher Bedeutung in der Heilkunde gelangt ist. scheint noch einer großen Vielseitigkeit in der Anwendung cntgcgenzu- gehen. So hat Profesior Karl Ritter in neuester Zeit zuerst durch ernen Aufsatz in der„Deutschen Zeitschrist für Chirurgie' darauf hingewiesen, daß die künstliche Blutstauung zur Heilung von Frost- schaden benutzt werden könne und seine Fachgenossen aufgefordert. die von ihm vorgenommenen und geschilderten Versuche nachzu- prüfen. Dies« Anregung hatte damals wenig Erfolg, und auch Profesior Ritter selbst konnte erst über zwölf Fälle berichten. Unter- deS haben sich seine Erfahrungen auf mehr als 150 Beobachtungen vermehrt, und man wird jetzt nicht umbin können« den Ergebnissen dieser Versuch« Aufmerksamkeit zu widmen. Nun braucht man nur irgendeine große Zeitung zur Hand zu nehmen, um im An- zeigenteil die Anpreisung von Mitteln gegen Frostschäden aufzufinden. und selbstverständlich ist jedeS dieser Mittel unfehlbar. Die Acrzte sind gegen dieses Arsenal von Medikamenten sehr skep- tisch und waren bis auf die letzte Zeit überhaupt fast verzweifelt an der Heilung von Frostschäden, da die Wissenschaft bei schweren Fällen kaum einen sicheren Weg zeigte. Vielleicht hat ein arund- sätzlicher Irrtum darin gelegen, daß man unter den dabei hervor- tretenden krankhaften Erscheinungen auch die Entzündung unter allen Umständen hat bekämpfen wollen, die nun durch eine Blut- stauung geradezu heraufbeschworen wird. An einem dem Er- frieren ausgesetzten Körperteil stellt sich schon im natürlichen Ver- lauf eine Mutstauung ein, wie die Dunkelfärbung der betreffenden Körperstclle zeigt. Diese Erscheinung kann an sich gewiß nicht schädlich sein, sondern muß als ein Versuch, den die Natur zur Abtvehr cineS Schadens macht, aufgefaßt tverden. Der erste von Profesior Ritter behandelte Fall bezog sich auf Frostschäden, die zur Bildung von Geschwüren an den Fingern eines Knaben geführt hatten. Durch einen festen Verlxrnd um den Oberarm wurde eine starke Blutstauung veranlaßt und die außerdem mit anttseptischcr Gaze bedeckten Geschwüre vernarbten dann in zehn biß vierzehn Tagen vollständig. Damit war die alte Ansicht, daß eine Blut- stauung eine schädliche Rolle bei der Entstehung von Frost spielt. nachhaltig erschüttert. Die Beobachtungen von Professor Ritter haben die durch die ersten Versuche gegebene Hoffnung durchaus bestätigt und außerdem dazu geführt, außer der gewöhnlichen Art. die Stauung zu erzielen, noch die Anwendung heißer Luft hinzu- zuziehen, die namentlich bei bleichsüchtigen Patienten zu empfehlen ist. Nur wenn der Kranke an besonderer Schioäche leidet, kann die künstlich« Blutstauung nicht vorgenommen werden; im übrigen scheint sie sich ebenso bei akuten Verletzungen wie bei der chronischen Neigung zu Frostschäden zu eignen. Sic darf aber nicht von zu geringer Dauer sein, vielmehr hat Professor Ritter eine Zeit von sechs bis zwölf Stunden als notwendig angegeben, und unter umständen ist cö nicht einmal nötig, daß der Patient dabei seine Arbeit ruhen läßt. Der Segen dieser ärztlichen Neuerung wird von unzähligen Leuten empfunden werden, namentlich von den Bedauernswerten, die immer wieder aufs neue Wunden und©e- chwüre durch Frost an ihren Gliedmaßen erleiden. Ein be» onderer Vorzug deS StauungSverfahrenS liegt gerade darin, daß >ie Narben nicht wieder aufbrechen. Alle anderen Mittel, z. B. die Behandlung mit Jodtinktur, leisten cnischieden weniger. Wie wirksam die Blutstauung bei diesen Erkrantungen ist. geht am besten daraus hervor, daß die zu Frost neigenden Leute dadurch sogar ihre oft bewährte Fähigkeit verlieren, plötzliche Witterung»- wÄsel als treue Barometer vorher zu verspüren. ES muß nun noch besonders hervorgehoben werden, daß die Blutstauung nur bei örtlichen Frostschäden angewandt werden darf, nicht aber bei solchen, die eme große Verbreitung über den Körper erreicht haben. Berantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u.BerlagSaniUttiPaut Singer ScCo.BerlmLAtz