Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 3. Sonnabend den 4 Januar. 1908 lNllchdniil uerfiotcn.) 3] Schilf und Schlamm» Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Run wiederholte man. die allgemeine Leichtgläubigkeit noch übertreibend, die unverschämten Vertraulichkeiten, die der Fischer sich mit dem General Prim erlaubt, den er bei seinen Jagden über den See gerudert, und wie grob er vornehme Damen, selbst Königinnen, behandelt hatte. Als erriete er diese Reden, lind als wäre ihm der Ruhm läsiig, blieb der Alte gebeugt stehen und betrachtete seine Rehe. Als das Boot an ihm vorüberfuhr, richtete er sich auf und zeigte den Abgrund seines zahnlosen Mundes und das Netz kleiner roter Runzeln. die um seine tiefliegenden, von ironischem Lichte belebten Augen zusammenliefen. Der Wind begann stärker zu wehen. Das Segel schwoll stellenweise an. und die zu stark belastete Barke neigte sich derart, daß die Schultern der am Rande Sitzenden durch- näßt wurden. Am Kiel ließen die heftig aufgespülten Wellen ein immer hastigeres Glucksen vernehmen. Man befand sich mitten auf dem Albufera, in dem unge- Heuren, blau und klar wie ein veiretiamscher Spiegel schimmernden Lluent, der die umgekehrten Bilder der Barken und fernen Ufer mit ihren leichtgewölbten Umrissen wiedergab. Die Wolken schienen wie Flocken weißer Wolle auf dem Grunde des Sees zu flattern, am Ufer der Debesa schritten einige Jäger, denen ihre Hunde folgten, mit gesenktem Kopfe einher. Auf dem Teile des Festlandes schienen die großen Flecken und Dörfer der Ribera mit ihren durch die Ent- fernung verdeckten Feldern auf dem See zu schwimmen. Der stärker werdende Wind gab dem Albufera ein anderes Aussehen. Die Wellenlinien traten stärker hervor, die Wasser hatten eine grünliche Färbung, ähnlich der des Meeres, an- genommen. Der Grund des Sees verschwand, und an den Rändern des mit Muscheln bespülten festen Sandes setzte sich der gelbliche Schaum der kleinen Wogen ab, auf dem sich im Sonnenlicht schiminernde, bunte Kugeln bildeten. Die Barke glitt jetzt durch die Dehesa. Die sandigen Hügel mit den Zollwächterhütten auf den, Gipfel schössen blitzschnell an ihr vorüber, dann kam der Vorhang aus Heide- kraut und die gewundenen Fichtendickichte mit den schrecklichen Formen, die wie von der Tortur gequälte menschliche Glieder aussahen. Von der Schnelligkeit berauscht, von der Gefahr erregt, die die immer tiefer sich neigende Barke hervorzurufen schien, begrüßten die Passagiere mit lautem Geschrei die an- deren Barken, die in der Ferne vorüberzogen und ließen ihre Hände in daS von der schnellen Fahrt aufgewühlte Wasser hinabhängen. In kurzer Entfernung tauchten zwei„Capu- zonen", Vchtcl von dunkler Farbe, in das Wasser und schössen, nachdem sie lange unten gewesen, wieder auf, die Reisenden durch ihre verschiedenartigen Bewegungen lebhaft zerstreuend. Etwas weiter, in dem Dickicht der von den Kanälen gebildeten vielen Inseln, flogen die Wasscrhülmer, die sogenannten Grün Hälse, auf, sobald das Boot sich näherte, doch mit einer gc- wissen Langsamkeit, als wüßten sie. daß sie es hier mit fricd- lichen Leuten zu tun hatten. Dabei wurde aber mehr als einer von den Passagieren vor Aufregung rot, als er sie auf fliegen sah. „Das wäre ein prächtiger Schuß: wie waren die Menschen nur darauf gekommen, einem das Jagen ohne Erlaubnis- schein zu verbieten?" Und während die kriegerischen Gemüter sich entrüsteten, ließ das Stöhnen des Kranken sich vernehmen, und Canamel klagte wie ein Kind, von den Strahlen der untergehenden Sonne belästigt, die ihn trotz seines Sonnenschirmes trafen. Die Gehölze schienen sich in der Richtung nach dem Meere zu entfernen und ließen zwischen sich und dem Albufera eine ungeheure, niedrige Ebene, die niit wilder Vegetation bedeckt tvar und von Zeit zu Zeit von der leuchtenden Klinge einer kleinen Lagune durchschnitten wurde. Das tvar die Ebene der Sancha. Zwischen den Dornen weidete unter der Hut eines Jungen eine Ziegenherde, und bei seinem Anblick tauchte in der Erinnerung der Leute aus der Albufcragegend die Legende auf, der dieser Ort seinen Namen verdankt. Die Bewohner des Festlandes, die nach Hause fuhren, fragten, wer diese Sancha war, deren Namen die Frauen mit einer gewissen Angst erwähnten, und die Leute vom See er- zählten ihren Nachbarn die einfache Legende, die alle schon in ihrer Kindheit gehört hatten. „In alten Zeiten ließ ein kleiner Hirt, wie der. der da am Ufer eiuherschritt, seine Ziegen an derselben Stelle weiden. Doch das war vor vielen, vielen Jahren... so vielen Jahren, daß keiner von den alten Leuten, die in Albufera lebten, den Hirten kannten... nicht einmal der Onkel Paloma. Der Bursche lebte wie ein Wilder in der Einsamkeit, und die Fischer, die im See ihre Netze ausspannten, hörten ihn aus der Ferne an ruhigen Tagen rufen: „Sanckm 1 Sancha!" Sancha war eine kleine Schlange, die einzige Freundin, die ihn begleitete. Das böse Tier kam auf seiner Ruf herbei, und der Hirt nahm seine besten Ziegen, um sie zu melken, und bot der Schlange einen Becher Milch. Dann schnitt sich der Knabe in sonnigen Stunden ein Schilfrobr, um daraus eine Flöte zu machen, in die er sanft hineinblies: zu seinen Füßen lag die Schlange, die sich auf ihrem Schwänze erhob und sich wand, als wolle sie beim Tone dieser sanften Klänge tanzen. Ein anderes Mal machte sich der Hirt den Scherz, die Schlange aufzurollen und sie auf dem Sande auszu- strecken, und er lachte, wenn er sah, mit welcher Schnelligkeit sie sich wieder zusanimenrollte. War er dieser Spiele müde, so führte er seine Herde an das andere Ende der großen Ebene: die Schlange folgte ihm wie ein Hündchen oder rollte sich um seine Beine, stieg bis zum Halse und blieb dort unbe- wcglich wie tot liegen, ihre Diamantangen scharf aus die des Hirten gerichtet. Die Leute aus Albufera hielten den Burschen für einen Hexenmeister, und mehr als eine Frau, die ihn mit seiner Schlange um den Hals auftauchen sah, machte das Zeichen des Kreuzes, als hätte sie den Bösen gesehen. So erklärten es sich auch alle, warum der Hirt gefahrlos im Walde unter den großen Reptilien schlafen konnte, von. denen es im Dickicht wimmelte. Sancha. die der Teufel tvar, schützte ihn vor jeder Gefahr: so glaubten die Leute. Die Schlange wuchs heran und der Hirt war bereits ein Mann, als die Bewohner des Albufera ihn nicht mehr zu sehen bekamen. Man erfuhr, daß er Soldat geworden und nach Italien in den Krieg gezogen war. Keine andere Herde weidete auf der wilden Ebene. Die Fischer, die an ihr vor- überfuhren, trugen kein Verlangen, sich in das große Scktilf zu»vagen, das die verfluchten Lagunen bedeckte. Sancha, der die Milch fehlte, mit der der Hirt sie früher erquickt, mußte die zahllosen Kaninchen der Dehesa jagen. Es verflossen acht bis zehn Jahre, und die Bewohner von Salcr sahen eines Tages auf der Landstraße von Valcnzia einen Soldaten, einen mageren Grenadier mit gelblichem Ge- ficht, niit schwarzen Gamaschen und cineni weißen Rock mit roten Aufschlägen, bekleidet, einen mitraförmigen Hut auf den geflochtenen Haaren, auftauchen: er stützte sich auf einen Stock und trug einen Mantelsack auf der Schulter. Trotz seines großen Schnurrbartes wurde er erkannt. Es war der Hirt, der zurückkehrte, um das Land seiner Kindheit wieder« zusehen. Er schlug den Weg nach dem Walde ein. an dem See entlang, und kam so auch nach der sumpfigen Ebene, wo er einst seine Ziegen gehütet hatte. Nichts war zu sehen. Die Libellen wiegten ihre Flügel mit sanftem Zittern in dem hohen Schilf, und in den verborgenen Sümpfen, die das Schilfrohr bedeckte, sprangen die Frösche und Kröten, vom Nahen des Menschen geängstigt, umher. „Sancha! Sancha!" rief der frühere Hirt mit sanfter Stimme.. TicfeS Schweigen. Zu ihm drang nm der Gelang eines unsichtbaren Schiffers, der auf dem See fischte. „Sauchai Sancha!" begann er wieder mit aller Kraft seiner Lungen zu schreien. Als er seinen Ruf mehrmals wiederholte, sah er. wie die hohen Gräser sich bewegten: er vernahm das Rascheln des zerbrochenen Schilfes, als würfe sich ein schwerer Körper da- nieder. Zwischen dem Schilf glänzten plötzlick in derselben Höhe wie die seinen zwei Augen, und es erschien ein flacher Kopf, in dem sich eine spitze Zunge mit traurigem Zischen bewegte, daß ilmi das Bkut in den Adern erstarrte und ihn vor Entsetzen lähmte. Tos war Sancha. Sie war unge- Heuer groß und stark geworden, reckte sich zur Menschenhöhe auf und schleppte einen endlosen Schwanz durUi das Gestrüpp. während die bunte-saut schillerte und der Körper, der so stark wie der Stamm einer dicken Tanne tvar, nachnickte. „Sancha," rief der Soldat, der sich nach und nach von seiner Furcht erholte,„wie du gewachsen bist, wie groß du geworden bist." Er wollte fliehen. Doch seine alte Freundin schien ihn. alZ die erste Verwunderung vorüber war. zu erkennen, rollte sich uni seine Schultern und schnürte ihn in die Ringe ihrer runzligen Haut ein, die nervös und zitternd sich bewegte. Ter Soldat sträubte sich. (Fortsetzung folzr.) (Rn�dnit Bcldoten.) Olimder der Optik. (Streifzuge Im Reiche des Lichtstrahls. Von W. Berdrow- Berlin. Wunder— darf man den Ausdruck denn eigentlich noch ge- brauchen in unserer Zeit, deren Motorwagen und lenkbare Lust- schisse, deren Röntgenstrahlen und Funksprüche ihn ja im Grunde allesamt verdienen? Und dennoch, gibt es etwas wunderbareres als ven gebcinbigten Lichtstrahl, der den Vogel und das Geschos; int Fluge aus die Platte bannt, der unwahrnehmbare Sterne ans ein schwarzes Blatt Papier zeichnet und die Knochen des lebenden Körpers nit allen ihren Geurcchcn enthüllt? Nicht zu reden von den neuesten Triumphen der Selenzelle, die das Licht redend und die Helligteiisschwanlungen einer Aetherwelle tönend machl? Betrachten wir ein photographisches Objektiv, diesen einfachen kleinen Apparat, den ungezählte Tau sende heutzutage in den Händen haoen, ohne sich im geringsten Rechenschaft zu geben, welche glänzende Stufe des menschlichen ErsindungSgeistes er verkörpert. Ja, daß ein gewisser Unterschied sein-uiug zw-ichen einem Üb Mark- O'bjeltiv von Hinz oder Kunz und einem Toppelanastigmat von Gocrz für einige hundert Märterchen, werden sie allenfalls zugeben, -aber schließlich denken doch die meisten Amateure: Glas ist Glas, wenn es nur Bilder gib:, und sie gaoen nicht ganz unrecht; für das GroS der Amateure ist wirklich ihr Apparat reichlich gut genug. And doch, welch ein wunderbarer Geist des Fortschritts spiegelt sich in diesen kleinen Gläsern wieber. Von Steinheil wurden vor 4k) Jahren in den ersten aplana- tischen Linsen aus Glassorten von verschiedenartiger Zusammen- sepung die Fehler der ältesten Objektive, Farbenzerstreuung und ungenaue Zeichnung, teilweise beseitigt, und ein Vierteljahr- hundert blieb dann die photographische Optik ans dieser Stufe stehen. Tann freilich ging es um so schneller und glänzender voran. Die Namen Schott und Genossen in Jena und C. P. Gocrz in Berlin ragen aus der Menge derer, die um diese Entloickelung sich verdient gemacht haben, an erster Stelle hervor. Schot, und G. als Erfinder und Hersteller neuer Glasarten von ungeahnten op- tischen Eigenschaften, Eoerz und sein gelehrter Mitarbeiter van Hoegh durch.hre scharfsinnig« Berechnung neuer Linsensysteme und ihre unübertroffene Sorgfalt in der Bearbciinng der Gläser. Der Toppelanastigmat„Dagor" gab im Jahre 1892 dein Photopraphen wirklich ein Instrument von ganz neuen Eigenschaften in die Hand und wurde der Ansang einer Reihe von Vervesseruiigeii. ohne welche die modern- Momcntphotographie, 5k Porträtkunst, die Architektur» und technische Aufnahme, die Landsckxistsphotographie der For- jchungSrcisnden und viele andere Zweige der Lichtbildkunst in ihrer heutigen Vollkommenheit nicht möglich wären. Mindestens sechs biS acht Gläser vereinigt nun ein solches kleines Objektiv, und in der blanken gelben Röhre, die der Kenner, wenn sie auS den renommiertesten Fabriken stammt, beinahe mit Gold aufwiegt, birgt sich die wisienschafiliäxe und praktische Arbeit vieler Hände und Köpfe, vieler Tage und Wochen. Ta wird jeder Glaöblock vor seiner Verwendung wissenschaftlich untersuck' und berechnet, denn kein Glasfluß wird in Lichtberechnung und Durch- lüssigkeii genau dein anderen gleich. Jede Linse aber, die daraus geschliffen wird, soll in ihren Eigenschaften dem geforderten Grade »nanscchtbar genau entsprechen. Dann kommt das Schleifen und Polieren, und unendliche Geduld, hundertfältiges Prüfen und Pro- bkren tritt nun an sie Stelle der matl)entatischcn Berechnung. Sckö'eßlich aber, wenn alle die zu einem Objektiv nötigen Linsen von den bizarrsten Fonmn und verschiedensten GlaSarten beisammen sind, so geht eS nochmals au ein Zentrieren und Probieren und Justieren und Kitten und Fassen und Passen und Messen und mikro- metrisches Einstellen, daß dem ungelehrten Zuschauer Hören und Sehen darüber vergehen kann. Aber eines wird ihm dabei klar: baß Objektive von dieser Herstellung nicht u.m billiges Geld zu haben sind. Wir wollen von allem anderen ganz absehen, aber schon ein bestimmtes Gebiet, das ganze ungeheuere Feld der mo- Iderncn Kinematographie mit ihren Tausenden von Romentaus- nahmen in wenigen Minuten, oft bei ungünstigster, vom blöden Zufall abhängiger Beleuchtung, wäre ohne die neueren Präzisimis- objette unmöglich. Damit wäre ein kleines Gebiet gestreist von dem uncrschöps- lichen Felde der Möglichkeiten, die die moderne Optik uns eröffnet hat. Aber wie viele solcher Gebiete gibt es noch außerdem! Ta find gleich die prachtvollen naturfarbigen Proiektionslnldcr, wie sie beispielsweise in der Berliner«Urania" so lebenstreu vorgeführt werden, daß man die Wirklichkeit, selbst zu schauen glaubt. Wir können aus die Photographie in ualür'icheu Farben hier nicht eingehen, nur soviel sei gesagt, daß diese Projektionen in den Farben der Wirklichkeit wohl das Vollkommenste find, was die Zauberer der Optik der Natur abzulauschen vennockten. Die Ausnahme solcher Landschaften, wobei die Farben der Natur durch Filtration auf drei Platten verteilt und in ihre Grundsarben rot, grün, violett zerlegt werden, können wir als bekannt voraussetzen. Die so gewonnenen drei Negative geben dann mit denselben Grundfarben überzogen und Übereinandergelegt beim Durchsehen ohne weiteres das Bild der farbigen Landschaft wieder. Ja, fie lassen auch eine Projettion zu, aber nur in bescheidenem Maßstäbe und mit be- schränkter Genauigkeit, denn die auseinander gelegten Platten verschlucken viel Licht und außerdem war es bisher praktisch un- möglich, sie so genau Übereinander zu legen, daß sich dieselben Punkte auf allen Platten mathematisch genau deckten, was dann Verzeichnungen und vcrschwimmende Ränder in den Farben ver- nrsachte. Erst ein neues Verfahren von dem Altmeister der Farben- Photographie, Professor MSeche, hat die wirklich vollendete Wiedergabe solcher Bildet in Größen bis zu 20 Quadratmeter möglich gemacht. Tie Bilder werden nun von drei nebeneinanderstehenden Apparaten und mit Hülfe von drei mächtigen Lichtquellen auf den Schirm geworfen, vorher aber werden sie mit Hülfe von Faden- kreuzen und einer auf Hundertstel von Millimetern genau messen- den Vorrichtung so eingestellt, daß in der Tat nur ein Bild aus die Leinwand geworfen wird, dieses Bild aber in einer Naturtreue, Lebendigkeit und Farbenschönheit, die unübertrefflich erscheinen. Und doch ist man schon dabei, sie zu Übertreffen, denn wie lange kann eS noch dauern, so werden wir in naturfarbigcn lebenden Bildern wieder einen neuen Fortschritt schauen. Nur einen Augenblick brauchen wir bei einer anderen Erfin- dung zu verweilen, die wirklich einem..tiefgefühlten Bedürfnis" abgeholfen hat, bei der Telephotographie. Jeder im Freien ar- bettende Photograph weiß, wie oft man gute Objekte sich muß ent- gehen lassen, weil sie nicht aus der für den Apparat ercichbaren Entfernung zugänglich find. Sie nachher vergrößr. i, ist ein oft an- getvandtes, zeooch keineswegs volle noetes Hülssmittel. Tie Fern- Photographie vergrößert dagegen das Bild im Moment der Auf- nähme selbst, indan es zwischen Objektiv und Platte eine Zer- ftreuungSlinsc passiert. Aber um diese Zerstreuung zu vertragen, müssen die Bilder durch ein GlaS von hervorragender Lichtstärke und Schärfe gezei ebnet werden. Das äußerste in der Telephoto- graphie leisten natürlich die astronomisch-photographischen Jnstru- mente zur Aufnahm« der Gestirne, zuweilen sind sie mit beson- deren Fernrohren verbunden, zuweilen auch wird die Kamera einfach an Stelle des sonst gebrauchten Okulars in das astrono- mische Fernrohr eingesetzt, wentt man Himinelsaufnahmen machen will. Beste Optik, vereinigt mit äußerster Präzision all«: mecha- nischen Teile, ist auch hier die Vorbedingung einer guten Wirkung. Zeichnen doch diese Apparat«, stundenlang automatisch den Bewegungen folgend, zuweilen ferne Weltkörper auf die empfindliche Platte, von denen das schärfste Fernrohr dem Auge noch nichts ver- raten hatte. Zu den Beweisen, daß der menschliche Scharfsinn den Natur- gescheit auch auf vielbegangenen. Pfaden immer noch ein neues Zugeständnis abzulocken weiß, gehören die sogenannten Triebet- Binokles oder verkürzten Fernrohre, die besonders von Zeiß in Jena und von Gocrz musterhaft hergestellt werden. Das kurze und bequeme Opernglas ist für viele Zwecke des Jägers, Militärs de? Forschungsreisenden von zu geringer Vergrößerung, daö lei- stungs fähigere Fernrohr wieder zu lang und schwer. Das Trieder- Rohr oerbindet die Vorzüge beider. Es ist eigentlich ein Fernrohr von großer Sehweite und müßte nach der Brennweite der darin enthaltenen Linsen die dreifache oder vierfache Länge haben, aller durch einige darin befindliche Prismen werden die Lichtstrahlen genötigt, dreimal hin und her zu wandern; der Trieder ist ge- wisserntaßen ein Fernrohr mit zusammengefalteter Optik. Nur eine Ausführung, wie sie in den ersten optischen Fabriken der Welt geleistet werden kann, läßt solche Husarcnstüc'ckien zu, ohne die Lichtstrahlen zu ungenauen Bildern zu verwischen. Müssen doch dto Linsen und Priömen von einer Genauigkeit im Schliff sein, die noch nicht um den fünftauscndsten Teil eines Millimeters von der mathe malischen Form abweichen darf! Was ließe sich noch weiter alles sagen von den Wundern der neueren Mikroskope, von den Beleuchtungs- und Spiegelungsappa- raten, die das Innere des menschlichen Körpers erhellen und sicknbar machen, von den Sehorganen, durch denen sich das unter Wasser schwimmende Torpedoboot Kunde von den Dingen an de? Ober- fläche verschafft, durch die der Taucher in der Tiefe setnett Arbeits» vlatz sichtet oder sogar photograpbiert. Und ivelche Fülle der Erscheinungen und Geheimnisse tritt uns vollends entgegen, wenn wir das Gebiet des jedem Auge Sichtbaren verlassen und uns an die schwelle der Welten begeben, die der elektrische Funke, die die StelcruicKe im S-creii» mit d?m Licht: ers.Wüßtk Wir zwinge» in iinet Entfernung ton hundert Meilen den Lichtstrahl, anfzu- zeichnen, was unser Stift eben dem Papier aavertraule und was der Draht in elektrischen Wellen eilig fortgetragen hat. Wir können aber auch das Telephon zwingen, uns alle Berärrdernngen der Helligkeit an einem Crte, der uns gar nicht zugänglich ist. treu- lich mitzuteilen, wir tonnen die optischen Zuckungen einer Bogen- lampe in tönende Laute verwandeln und können das Tageslicht Mingen. das Gas oder die elektrische Lampe in einer einsam auf den Wogen schaukelnden Leuchtboje anzuzüt.den und wieder aus- zudrehen, wenn die Helligteit es erfordert. Aber es wird gewiß kein Leser«rwartcu, drß sich soviele seltsame und schwierige Dinge in den paar Spalten eines kurzen Feuilletons verständlich machen laff-'n.__ (Nachdruck verboten.) Die Gefchichte einer Hmmc* Von D. Doroschewitsch. Nutorisierte Neberfetzung von Paul Barchan. Der chinesische Kaiser Doiry-Li-O, genannt Cl>ao-Tou-L!-San- Che-Äun. zu denticb.Die Gerechtigkeit selbst", erwachte eines Morgens und füdlte sich unwohl. Am Hose begann man so allerlei zu munkeln. Mancher hörte auch auf, den ersten Minister zu grüßen Der Ho'poet ging an die Äbsasiung einer schwungvollen Begrußungöred« für den Nachfolger aus dein Throne. Wie Espenlaub behend untersuchten die berühmten Aerzte unter unzähligen Berbeuguugen und Emsckiildigimge» Die Majestät und flttüertcn unter einander, Euiietzeu auf den vor Ehrfurcht und Ernst langgezogenen Gesichtern. Der Oberarzt stürzte der Majestät zu Füßen und rief ans: ,O, vergönne mir, Trost der Menschheit, die volle Wahrheit zu sprechen!* .Red«!" .Sohu des Htm ine W, in Deiner unfaßbaren Gnade steigst Du bisweile» zu uns Menschen hernieder und gernhii die uamlicben Krankheilen anzunehmen, an denen d>e verächtlichen Sierblichcn leiden. Heule ist der Tag Denier huldvollste!» Herablasiung; so höre denn: Du dast Dir den Magen deidortsn." Die Majestät war höchst bestürzt. .Sollte es»nöglich iein? Zur Nacht habe Ich nichts getrunken außer der Milch von Meiner Amine. Ihr wißt ja. Ich nähre Mich feit den 360 Monaten Meiner Regierung mit der Milch von Amine», so wie es Mir gezieml. Ich habe auch!M Auimen gewechieli und noch nie ist Mir ähnliches zugesiogen. Wer sorgt für das Esie» der Amme? 1" Es wurde sofort eine Untersuchung angestellt. Es erwies sich jedoch, daß ibr nur die besten Speisen gereicht waren, und obendrein in geringe» Doien. .Sollte sie von Natur krank sein? Wo find sie, die fie Mir ausfindig gemacht?! Man köpie sie i" Sie wurden gelüpft. Dan« aber stellte eS sich herculS. daß die Amme terngeinnd mar. Da ließ die Majestät die Amme selbst holen. .Wodurch wurde Deine Milch verdorben?* fragte Er streng. .Sohn des Himmels, Wohltäter der Menschheit, Gerechtigkeit selbst!" verieyte die Amme bebend..Niemand hat mir ichlechte Speise gereicht, noch habe ich selber zu viel zu mir genominen«ucb von Geburi aus bin ich mit keiner Kronlheit behaftet Nur dadurch wurde meine Milch schlecht, da tch immer daran deitkeu muß. was bei mir dabeim vorgehl." .Was gehl denn bei Dir daheim vor?" fragte die Majestät. »Ich bin aus der Probinz Pe-Tichi-Li gebürtig, dciiei,?er- tvaltinig Du dem Mai, dar»» Ki-N> a»zuverlra>le>i die Gnade haltest. Er aber lvütel dort sürchierlich. linier Haus hat er verkaun und das Geld an«ich gerissen, weil lmr ihn, keine»0 hohe Bestechung geben konnten, wie er sie vo» uns gefordert. Meine Schwester liahm er als KebSiveib. und damit der Man» sich nicht beschwerte, ließ er ib»n den Kops adschiagen. Dann ließ er auch meinen Vater köp'en und warf meine Müller in den Kerler. Und so wie mit uns. so verfährt er mit allen. Wenn ich an all daS nur denke, muß ich weinen; daher wurde meine Milch schlecht." Die Majestät wurde höchst zornig. Er ließ alle Räte versammeln. BIS sie vollzählig ersckiielikn waren, befahl Er strengstens:.Sofort einen ehreiihasten Menschen auffinden?" Man fand einen solchen. .Da sprach zu ihm die Majestät also: Der Mandarin K»-bi, den Ich als höchsten Bollstrecker Meines Willens nach der Provinz Pe-Tichi-Li geschickt, hat vor, soviel sin- heil gestiftet, daß bei meiner Amme logar die Milch verdorben wurde. Reise sofort von hi». stelle in Meinen, Name» die streligste Uinerillchiing a». und dann dericvie Mir alles. Jedoch Ich wanie Dich, verhehle Mir nichts und übertreibe amv nichts. Die Wahrheil soll aus Deine» Worten leuchten, wie der Mond leuchtet aus dem stillen, schl»»»lier>iden See. Du weißt, wenn Du in einer stillen Nack' fii»ei»blickst. Du lainist nichl unterscheiden, wo der ivirkliche Mond ist und wo sein Spiegelbild— in» See oder am Himmel. Jetzt geh'!' Ter ehrliche Mann machte sich mit hundert der besten Späher auf den Weg. Der Mandarin ahnte, daß ihm Gefahr droht, und wurde zu Tode erschreckt. Da sandle er dem ehrlichen Manne eine große Summe Geldes als Bestechung. Dieser al« wies es nicht zurück. Dreimal wechselte der Mond am Himmel und der ehrliche Manu mit seinen hundert Gebülse» untersuchte» noch immer.... Und da der vierte Monat zur Neige ging, erichien der ehrenhafte Mann vor der Majeitär. slürzie ihr zu Füßen und begaun: .Will die Gerechtigkeit selbst die volle Wahrheit erfahret,?" .Die volle l" besaht die Majestät. .Wenn cs auf der ganze» Erde, die nur Dir allem zukommt und sonst niemand, einen Winkel gibt, um de» man weinen düiste, io ist er die Provinz PeoT>chi-Li LH. Sohn des Himmels! Selbst dem biitersten Drachen müßte es Trauen entlocken. In der ganzen Provinz bitten olle um Almosen, und niemand ist da. der ein Almosen reichen könnte, denn alle bitten dämm Die Hauser sind eiiigeäichm. die Reisfelder liegen brach. Und dicö nicht etwa, weil sich die Emwobuer der Faulheit ergeben, sondern weil ihnen der Mandarin alles entreißl. was sie sich durch ihren Schweiß erworben haben. Beim Gerichi findet nian keine Gsi ecdiigteil. und nur der bebali recht, der der Habgier des MandariuS am meisten opfert. Die Zeilen, da gute Sitten geherrscht hoben, sind längst vergessen. Sobald Ki-hi nur ein Mädchen siebt, deren Blick itm im Vorübergehen streift und an der er Wohlgefallen gefunden dat. da entreißt er sie dem Vater, der Mutter... Ja. uichl nur Mädchen, selbst verheiraieie Frauen nimmt er," »Nicht möglich!" rief die Majestät aus. .Nicht tau der Moird, auch die Sonne köimte auS der Wahrheit meiner Worte leuchten." verieyie der ehrenhafte Mann..Alles, da? im hier gesprochen habe, ist lantere Wahrheit. Die Zierde Deiner Herrichast. die Blüte der Provinzen, die Provinz Pe-Tichi-Li. geht zugrunde I" T,e Majestät griff nach dem Hatipte, zum Zeichen tiefster Be- stürzuug und Trauer. „Mau muß nachdenken, was zn machen ist. man muß nachdenken." Er defahl den, ganzen Hos, fn der großen Halle zu uwrien. Er felbi» aber entfernte Sich nach Seinem Gemach, ging im Zimmer auf und ob und dachte nach. So vorging der ganze Tag. AIS der Äbend heranbrach, trat Er vor den veri»mn>elten Hos, nabm feierlich unter dem Baldachin Play und während alle mit dem Gesicht zur Erde fielen, verkündet« er alfo: .Um die Provinz Pe-Tfcki-Li steht eS sehr schlimm und daher bestimmen Wir: Man nehme nie mehr aus dieser Provinz eine Smrne für Sie Majestät." Und seitdem nimmt man nie mehr aus der Provinz Pe-Tschi-Li eine Alimie für die Majestät. Steines feuitteron. Pom Harfenmädchcn zur gcohcn Tragödin. Am 4. Januar ist ein halbes Jahrhundert dahingegangen feit dem Tage,, an dent das Leben der größten französischen Schauspielerin, der Rachel. geendet hat. 37jährig erlag die körperlich schwäch iche Frau, deren umcheinbare Gestalt nur durch die Glut einer auflodernden Feuer» secle zu dämonischer Größe entfacht wurde, den Auslegungen, in die sie durch zwanzig Jahre ihre Liunst, der Ruhm und ihre un- bezähmbarcn Leidenschaften gestürzt hatten. Sie stammte aus einer armen jüdischen Schweizer Familie und war mit den Eltern nach Pariö geiommen, wo sie auf den Straßen mit zitternder Stimme zur Harfe fang, um den Vorübergehenden ein Almosen abzulocken. Ganz unwissend, kaum der französischen Sprache recht mächtig, versuchte sie sich zur Sängerin auszubilden und erregte zwar nicht durch ihre Stimme, avcr durch die Eigenart ihrer Persönlichkeit das Interesse deö Echauspiclers Saint-Aulaire, der ihr den ersten schauspielerischen Unterricht erteilte, stauin sieb- zehnjährig kam sie an die Comädic-Franeaije und fand hier die Bühne und die Stücke, die ihre große Seele mit neuen Inhalten erfüllen sollten. Ein eingeborener Drang nach Größe und Pathos trieb diese heroische und wilde Natur zu den Werken der großen stlajsiter, die die Romantik damals eben endgültig abgetan zn haben glaubte. Wie ein Geist der Rache erhob sich aus dem Lager der Romantik selbst die große Künstlerin, die den Heldinnen der Corneille und Racine die düstere Wut und die träumende Leiden» schaj! ihres Zeitalter? einzuhauchen verstand. Tie Alexandriner, die Theophile Gautier für eintönig und langweilig erklärt hatte. erhielten fortstürmende Lebendigkeit, die Gestalten im klassischen Faltenwurf wurden durchströml von dem beißen Blut eines ge- wältigen FühlenS. Mit der schwülen Wildheit ihre? Tempera- mcntL, der unheimlich grandiosen Düsternis ihres Wesens, dem melancholisch grausigen Grundzug ihrer Kunst wurzelt die Rachel durchaus im Romantischen, wie eS die Victor Hugo und Alexandre Dumas der Aeltere ge'chassen; aber die ergreifende Wahrheit ihres Schmerzes, die Hoheit einer Richtcrin, die in ihr lag, hoben ihre Sckzauspielkunst in das Gebiet jene? reinen geschlossenen Stils, der den antiken Tragikern wie den Tickitern aus der Zeit Ludwigs XlV. gemeinsam ist. Ter rätselvoll faszinierende Ein- druck, der von ihrer Gestalt ausging, läßt sich heute ebenso wie die Erscheinung PaganiniS nur schwer definieren, aber die Zeit- — 12— ßercffcn riß sie in ißrcn Vann, zwang si? zu einem Taumel der Begeisterung. Die wundervolle Aussprache, die Kunst der großen Geste, der bewußten Steigerung bis zu einem Höhepunkt, dessen aufgespeicherte Gewalt sich wie eine Explosion in einem Wort ent- lädt, das sind alles nur Mittel und Bedingungen ihrer Wirkung. Ihr eigenstes war eine Verbindung von höchster Energie und edelster" Gemessenheit, von chaotischer Wildheit und starrer Be- rechnung. Die Rachel ist zugleich der Typus des großen modernen Schauspielers, wie ihn in ähnlicher Weise in Deutschland Ludwig Dcvrient ebenfalls au3 dem Urgrund der Romantik herausbildete; sie ist ganz Ncrvenwcib, von einer erbarmungslosen psychologischen Sclbstzcrglicdcrung, und mehr noch als Weib stets Schauspielerin, die Empfindungen des Lebens mit denen der Bühne vermischend und alles auf ihre Kunst beziehend. Als Edmond de Goncourt in „La Faustin" ein Bild der modernen Tragödin entwarf, nahm er die Rachel zum Vorbild, die ähnlich wie die Heldin seines Romans auch noch au den Zügen des sterbenden Geliebten die Verzerrungen dcS TodeS studiert hätte. Ins Maßlose gesteigert waren alle Leidenschaften dieser Frau, die nur sich selbst gab, wenn sie die 5wniginnen und die großen Liebhaberinnen spielte. Ihre Ruhm- sucht, ihre Verschwendung und Prachtlicbc. ihre unersättliche Hab- vier hielten Paris in Aufregung. Ihre Streitigkeiten mit der Comedie, von der sie immer höhere Gagen verlangte, waren stadt- bekannt, aber die 60 OOV Frank, die sie erhielt, genügten ihr nicht, sondern sie ging noch sechs Monate auf Gastspielreisen, um in England, Belgien, Holland, Deutschland und Rußland neue Schätze zu erwerben und dann abgehetzt, ermattet nach Paris zurückzu- kehren. Bei ihrem Gastspiel in Berlin im Jahre 1850, bei dem ihr das königliche Theater unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde und bei dem sie in wenigen Tagen die für damalige Ver- hältnifse ungeheure Summe von 15 400 preußischen Talern verdiente, hat Gottfried Keller die Rachel gesehen. Der Dichter, der ein scharfer Kritiker des Theaters war, und dem da- malö kein deutscher Schauspieler genügen mochte, empfing hier einen unvergeßlichen Eindruck, der sich ihm für sein Leben lebendig erhielt.„Die Rackel", schrieb er an den Literarhistoriker Hermann Hettner,„habe ich einige Male gesehen und fast Lust bekommen,"mich zu cntnationalisieren und französisch zu lernen. Sie hat vie! Manier, ist aber troydem eine großartige Person und die oder vielmehr der größte Künstler, den ich kenne. Am besten hat sie mir in Racines„Athalie" gefallen, wo sie eine altorienta- lische, tyrannische und blutbeflcckw Königin so darstellte, wie es nur ein Weib kann, die in der Wirklichkeit und in den gegebenen Verhältnissen das Original selbst gewesen wäre. Sie spielte nur den zweiten Akt und diesen fast ganz in einem Sessel sitzend, in einem prägnanten glanzvollen Kostüm, mit großen, ergrauten Locken. Ihre Bewegungen waren so kolossal einfach, derb und fast männlich, und doch so majestätisch, wie man es sich von einem Königsweib aus der Pyraniideil�eit denken kann; es lag auch soviel wilde Majestät und Größe in ihr, daß man für sie Partei nahm gegen die frommen, aber langweiligen Priester JchovaS, wenigstens ,ch. Dem deutschen Publikum hat sie freilich in dieser Rolle am wenigsten gefallen; man sah nur ein böses„Weib" und bewunderte sie hingegen als Virginia, wo sie als liebende Braut ihre Jung- fräulichkcit gegen einen Tyrannen bewahren mußte." Auch am Berliner Hofe wurde die große Tragödin gefeiert und mußte mehrere Male, vor dem König und dem anwesenden russischen Kaiscrpaare spielen. Friedrich Wilhelm lV. schickte ihr, nachdem sie in Potsdam die„Phödra" gespielt hatte, die Summe von 30 000 M., und der Kaiser von Rußland ließ ihr einen mit Dia- manten besetzten Opalschmuck überreichen, der wenigstens 20 000 Mark wert war. Tiefer RuhmcSzug durch Europa untergrub die ohnehin schwache Gesundheit der Rachel völlig, und als sie dann noch eine Tournee nach Amerika unternahm, hielt den völlig ent- kräfteten Körper eigentlich nur noch ihr inneres Feuer mühsam aufrecht. Als sie nach Paris zurückkehrte war sie dem Tode gc- weiht Vergebens suchte sie in Nizza, in Aegypten Gesundung; immer schwächer flackerte die Flamme auf, die ein leuchtendes Fanal am Himmel der Kunst gewesen, und am 4. Januar 1858 verlosch sie. Musik. Musikerbiographien. In den: Büchlein„ B e e t h o b e n" nimmt H. von der Pfordten energisch und mit Reckt Stellung gegen den übertriebenen Veeiboven-Kultus Mit einem hübsche» Gleichnis eriimert er«Seite 136 f.) dnrnn, daß ein fortwährendes Besteigen des höchsten Gipfel? einer GebirgSgruppe diesen ivcniger gut kennen lehrt, als eine Ergänzung durch da? Besteigen auch anderer Gipfel. Man köiinte dies vielleicht gegen den Tutor wende» und ihn fragen, warum denn er selbst über Bcelhovni und nicht lieber über cine» weniger verhimmellen Meister schreibt. Indessen ist ja die The», awahl nicht immer eigene Sache des Autors. Da- gegen läßt sich um so»ichr darauf hinweisen, wie sehr gerade beute die sozusagen sekundäre Literatur anschwillt, d. i. die Schrift- Werke über vorhandene Leistuiigen, zumal über die großer Namen. Solche Literatui stücke haben von vornherein viel Erfolgsboffnung für sich. Dahinter treten die Aussichten der selbständig>» Themen. sozusagen der primären Literatur, beträchtlich zurück; oder um in jenem Vergleiche zu bleiben: wer selbst Gipfel ist, zumal ein neuer Gipfel. Hai cö schiverer als der Bergsteiger. Schließlich geraten auch wir in das gleiche hinein und tragen zur Empfehlung solcher Werke bei. Diesmal mit mancher Freude. Unvermeidlich sind ja die biographischen und ähnlichen Themen zcdenialls. In der dem Außenstehenden ganz besonders schwer mit Worten zu beschreibenden Tonkunst geben Musikerbiographien etwas wie einen Cr'atz für musikaliiche Jmtruktion. DieReclaimckc Universalbibliothek hat sich um die Musilpflcgc insbesondere durch ihre Textbücher(oder genauer: RegiebüÄer) von Opernwerken ver- dient gemacht; und cS ist nur sehr zu wünschen, daß diese trefslickeu und billigen Ausgaben endlich einmal die«noch dazu teueren!„Text« bücher", die meist nur„Arien und Gesänge" enthalten, verdrängen. Nicht so vollkommen sind die Musikerbiographien bei Reclam; mindestens darf man sie ungleichmäßig nennen. Immerhin können auch sie einen Ersatz für die sonst etwas dürftige biographische Musik« literawr geben. Wer eine noch bessere Orientierung sucht, findet in dem überhaupt slctS wieder rühmenswerten„Musiklexikon" von Hugo Niemann lLeipzig bei Max Hesse. 6. Auflage) die erforderlichen Literamrangaben. Das eingangs genannte Büchlein sLcipzig 1007. bei Quelle u. Meyer, 17. Bündchen von„Wissenschaft und Bildung")»nackt einen Ivirksamen Eindruck durch die Geschicklichkeit des AutorS. einfachste ! Gedanken wuchtig auszudrücken. Sei«, Thema gibt besonders viel � Gelegenheit, Uebenreibimgen und Mißversländt'.isie mit nüchterner Verständigkeit aufzuklären. So instruiert uns der Vcifasscr beispielsweise(Seile dl) darüber, daß die Musik nicht die Empfindung selbst als solche ausdrücken kann, sondern„ihre Art. Dauer, Stärke, ihren Verlauf, ihren Grund und ihren Gipfel". Näher zeigt es uns die Erläuterung von Beethovens Pastoralsinfonie(Seite 53 sf.).„Nicht wie eS auf dem Lande aus- sieht, sondern wie uns auf dem Lande zu Mute ist, sagt uns dieser erste Satz." Dann:„Progranminiustk und Tomnolcrei sind durch- auS nicht ein und das'clbe." Besonders interessant«vird die Auseinandersetzung de?„Fidelio", mit nachdrücklichem Kampfe gegen die Auffassung der Leonore als einer heroischen Figur, und mit glücklichen Hinweisen darauf, wie beweisend der musikalische AuS« druck dort ist, wo das Gesprochene versagt(Seite 70). Unter den übrigen Werken dcS Meisters behandelt sein Deuter mit besonderer Hochschätzimg die„missrn solornnis". In den Auseinandersetzungen über die neunte Sinfonie und über andere Werke des letzten Beethoven werden«vir ivicder vor falschen Hineintragungcn gewarnt und hören die zutreffende Benterkinig. daß die sich dabei bildenden Parteien„nicht sowohl über Beethoven urteilen, als vielmehr sich selbst qnnlifizieren; daZ tut mau ja überhaupt viel öfter als man glaubt"(Seite 127).— Im Mittelpunkte steht für den Verfasser der „musikalische Dramatiker" Beethoven.„Hier haben wir den Schlüssel zum Verständnis seiner Werke." Ob das nickt zu weit geht und ob die„Seele aller Dramatik" schon durch gegensätzlichen EmvfinduiigS- ausdrnck ersckopft ist(Seite 13, 19), während der Verzicht auf ' eine Durchführung von Gegensätzen„ivesentlich lyrisch sei" :(Seite 23): darüber läßt sich noch streiten. Im Zusammenhange � damit scheint es uns, als kömue die Rhythmik, in der ja ' Beethoven wohl am größten war. noch näher behandelt werden. Ebenso könnte sich zeigen lassen,«vie Beethovens Kunst der Bc- Handlung seiner Motive von den Spielern eine weit größere „Phrasicrung" oder Gestaltung verlangt, als heutzutage üblich ist. Daß auch in der Sinfonie Haydn der Vater der GaUimg sei(©. 30), läßt sich nach der Aufdeckung der schon vorher durch die„Mann- heimer Schule" gemachten Fortschritte schwerlich mehr aufrecht erhalten.— Von derartigem abgesehen, ist unser Büchlein eine gute Biographie und ist gut instrultiv, nicht am wenigsten durch die bei- gegebene Literatnrübersicht. Eine andere unS vorliegende Musikerbiographie, der 24. und 25. Band aus der Sammlung„Die Musik"(Berlin bei Marquardt u. Co.) ist der„Bizet" von Adolf Weißmann. Bisher gab es nur eine französische und cine kleine deutsche Biographie des französischen OpermneisterS. Jetzt bekommen wir manche bisher nicht oder wenig bekannte Auffchlüsse und können dem Verfasser namentlich dafür danken, daß er den hohen Wert der früheren Werke von Bizet betont. In Berlin haben uns die letzten Fahre zwar zu unserer Freude, doch ohne nachhaltigen äußeren Erfolg_ sowohl die„Perlenfischer" wie auch„Djamileh" („die köstlichste Blüte Bizetschcr Fcinlimst") wie euch die Suite „L'Arlesienne" gebracht. Auf diese legt der Verfasser besondere? Gewicht, mit dem berechtigten Wunsche, daß diese wunderliche Musik iiichl nur im Konzertsaale, sondern auch zu wirklichen Aufführungeu dcS Daudetschen Drama? erklingen möge. Daß dabei, wie cS der Typ»? einer Biographie mit sich bringt, der Meister etiua? überschätzt wird, läßt sich begreifen. In der Erläuterung des Hauptwerkes, der„Carmen", stört trnZ die allerdings übliche Aufsassimg dieses Stückes als„des hohen LicdcS der Liebe". Im übrigen findet sich auch hier viel Treffendes und Instruktives; gegenüber dem etivaS biderben Stil des VccthovcitbüchleinS kann das Bizetbüchlcin durch einen koketten Stil anziehen oder abstoßen. Zahlreiche kleine Mnsikbeilagen er- lvecken Jntereffe. Leider geht es auch hier wie so oft: die illustrierenden Beilagen sind durch keine Hinweise organisch mit dem Text verbunden— eine effekthaschendc Aeußerlichkeit, die bei den Ver- legern sehr beliebt ist. aber den Protest eines jeden herausfordern muß, der sachlich denkt. tm, Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buckdruckerei u.VerlagSanstal? Baul Singer S:Eo..Berlin L VV„