Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 4. Dienstag, den 7. Januar. 1903 lNajidMll verboten.) 4 Schilf und Schlamm. Roman von Vice nie Blasco Jbancz. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. „Laß los. Sancha. laß los. umarme mich nicht mehr, du bist xu groß." Ein neuer Ring ergriff seine Arme und klammerte sie ein. Der Mund der Schlange liebkoste ihn wie früher, ihr Odem blies in seinen Schnurrbart und verursachte ihm ein angstvolles Beben, während die Ringe sich immer enger zu- sammenzogen, bis der Soldat erstickt, mit krachenden Knochen. in das bunte Polster eingeschnürt, zu Boden sank. Wenige Tage darauf fanden einige Fischer feinen Leichnam, er war nur noch eine unförmliche Masse, gebrochene Knochen und violett schimmerndes Fleisch,— die traurige Wirkung von Sanchas Unischlingung. So starb der Hirt, das Opfer der Umarmung seiner alten Freundin." Auf der Postbarke lachten die Fremden über diese Ge- schichte, während die Frauen mit einer gewissen Unruhe ihre Füße bewegten. Sie glaubten, was sich da auf dem Grunde der Barke niit dumpfem Gestöhn rühre, wäre die Schlange Sancha. Der See ging zu Ende. Die Barke drang von neuem in das Netz der Kanäle, und in der Ferne, in weiter Ferne hoben sich von dem ungeheuren Reisfelde die Häuser von Saler ab, des kleinen. Valenzia am nächsten liegenden Dorfes des Albufera, mit dem von Barken und Schiffen wimmelnden Hafen, die sich mit ihren Masten vom Horizont abhoben. Der Tag ging zur Rüste, und die Barke fuhr mit ge- ringerer Schnelligkeit über die toten Wasser des Kanals. Der Schatten des Segels fiel wie eine Wolke auf die Reisfelder, die sich in der untergehenden Sonne rötlich färbten, während sich unten, auf einem orangefarbenen Hintergrunde, die Schattenrisse der Passagiere abzeichneten. Beständig zogen, die Ruderstange in den Händen, Leute vorüber, die. auf den Barken stehend, aus den Feldern heim- kehrten: eifrig schössen si evorwärts, diese kleinen schwarzen Barken, deren Rand das Wasser streifte. Diese Boote waren die Pferde des Albufera. Schon in dem frühesten Kindes- alter lernt jedes Wesen, das in dieser Seegegcnd geboren wird, ein Boot steuern, wie man gehen lernt. Es ist un- bedingt notwendig, um auf dem Felde zu arbeiten, um zum Nachbar zu gehen und um sich seinen Lebensunterhalt zu vcr° dienen. Alle, Kinder. Frauen oder alte Leute handhaben mit gleicher Leichtigkeit und Gewandtheit die Rudcrstange, die sie in den Schlamm einbohren, um das Fahrzeug über das tote Wasser zu treiben. In den Nebengräben bewegten sich unsichtbar andere kleine Barken, und jenseits des Gestrüpps sah man große Boote mit unbeweglichen Masten, die mit heftiger Anstrengung vorwärts getrieben wurden. Bon Zeit zu Zeit sahen die Passagiere des Postbootcs. wie sich an den Rändern dieser Gräben Breschen öffneten, durch die das unter einem schlammigen Mantel schmutzigen Grüns schlummernde Wasser plötzlich still und geräuschlos durchfloß. Diese Eingänge waren durch Aalnetze versperrt. die an Pflöcken hingen. Beim Vorüberziehen der Postbarke sprangen ungeheure Ratten aus den Reisfeldern und vcr- schwanden im Schlamm. Die, welche sich schon wegen der Vogeljagd aufgeregt, fühlten, wie die Wut von neuem in ihnen aufstieg, als sie die Kanalrattcn erblickten. „Das wäre eine schöne Jagd, ein prächtiger Schmaus I" Die Leute vom Festlande protestierten angewidert gegen den Gedanken. Ratten zu essen, unter dem lauten Gelächter und den Scherzen der Bewohner des Albufera.„Gewiß, ein köstlicher Bissen. Wie konnten sie das Gegenteil behaupten, ohne sie je gekostet zu haben? Die Ratten aus den Sumpf- ebenen fressen nur Reis, das ist ein königliches Gericht. Man mußte sie nur sehen, wie sie. abgezogen, zu Dutzenden an ihren langen Schwänzen hingen auf dem Markt von Sueca von den Ständen der Schlächter. Nur die Neichen kauften sie: die Aristokratie des Albufera aß nichts anderes." Als hielte er sich wegen seiner anerkannten Eigenschaft als reicher Mann fiir verpflichtet, das Wort zu ergreifen, so hörte Canamel zu stöhnen auf und versicherte mit ernster Miene, er kenne nur zwei Tiere auf der Welt, die tadellos wären: die Taube und die Ratte. Wenn man sie nannte, hatte man alles gesagt. Die Unterhaltung wurde lebhaft. Der Widerwille, den ihre Gefährten zur Schau trugen, feuerte die Bewohner des Albufera nur noch eifriger an. Diese Leute, die ein so trau« riges, häßliches Dasein führen, auf Fleisch verzichten, von den Herden nichts weiter kennen, als was sie in der DeHesa weiden sehen und verurteilt sind, sich beständig von Aalen und Sumpffischen zu nähren, hetzten sich gegenseitig auf. um eine falsche Tapferheit zu zeigen, und die Fremden durch die erstaunliche Ausdauer ihrer Magen in Verwunderung zu der« setzen. Die Frauen erzählten, welch ausgezeichnetes Gericht die geschmorte Ratte mit Reis bildet, viele hatten es gegessen, ohne es zu wissen und es für ein unbekanntes Fleisch gehalten. Andere sprachen von Schlangenragouts, rühmten das weiche. weiße Fleisch, das weit besser als das der Aale schmeckt, und der Schiffer, der zum ersten Male seit der Abfahrt das Schweigen brach, erzählte, er hätte eines Abends mit an- deren Freunden in Canamcls Schänke eine von einem Matrosen gekochte Katze gegessen: dieser Matrose war viel in der Welt umhcrgestrcift und hatte in der Bereitung gewisser Speisen eine wahrhaft gesegnete Hand. Es begann dunkel zu werden. Die Felder färbten sich schwarz. Der Kanal nahm beim fahlen Lichte der Dämmerung crzgraue Farbe an. Ans dem Grunde des Wassers spiegelte» sich die ersten glänzenden Sterne, bei der Bewegung der Barkö bald hier und bald dort aufschießend, wider. Man näherte sich S«ler. Ueber den Dächern der kleine» Häuser erhob sich inmitten zweier Pfeiler der kleine Kirch- türm der Dcmana. das Haus, in welchem Jäger und Fischer an den bedeutungsvollen Tagen zusammenkamen, an dem die Fischposten ausgelost wurden. Vor dem Hause bemerkte man einen ungeheuren Postwagen, der die Passagiere des BooteK später nach der Stadt befördern sollte. Der Wind hatte aufgehört, und das schlaffe Segel flatterte am Mast herunter. Der Mann mit dem abgeschnittenen Ohr hatte wieder die Rudcrstange ergriffen, die er gegen den Rand bohrte, um das Fahrzeug vorwärts zu bringen. In diesem Augenblick fuhr, nach dem See steuernd, eine kleine, mit Erde beladene Barke vorüber. Ein Mädchen handhabte geschickt die Ruderstange, und vor ihr saß ei» junger Mann mit einem Panamahut auf dem Kopfe. Ei» jeder kannte sie. Das waren die Kinder des Onkels Toni, die Erde nach seinem Felde brachten: die Borda. das un- ermiidliche Findelkind, das wie ein Mann arbeitete, und Tonet, der Kubaner, der Enkel des Onkel Paloma, der reizendste Bursche des ganzen Albufera, der die Welt gesehen hatte und schöne Dinge zu erzählen wußte. „Guten Tag. Knebelbart," rief man ihm vertraulich von der Barke aus zu. Man gab ihm diesen Spitznamen wegen des starken Schnurr- und Kncbelbartcs, der sein ohnehin schwarzes Ge- sich noch verdüsterte,— ein unbeliebter Schmuck in der Albuferagegend. wo alle Männer sich rasieren. Andere fragten ihn mit ironischem Erstaunen, seit wann cr denn arbeite. Die kleine Barke schoß weiter, ohne daß Tonet, der einen raschen Blic? aiff das Boot warf, diese Scherze gehört zn haben schien. Mehrere sahen Canamel mit einer gewissen Unverschämt- heit an und erlaubten sich dieselben Anspielungen, die ma» ihm in der Schänke auftischte. „Achtung. Onkel Paco, Ihr reist nach Valenzia, während Tonet die Nacht in Palmar zubringen wird." Der Gastwirt tat zuerst, als hörte er nichts, bis er sich mit nervöser Bewegung ungeduldig aufrichtete, und ein Zornes- blitz aus seinen Augen schoß. Doch die Fettmasse, die seine» Körper bildete, tvar stärker als sein Wille und schwerfällig. gleichsam von der Masse erdrückt, fiel cr wieder auf die Bank zurück. Wieder begann er schmerzlich zu stöhnen und rief dabei zwischen seinen Klagen: „Gesindel l Gesindel!" IL Tie Hütte des Onkel Paloma erhob sich am äußersten Ende von Palmar. Ein großer Brand hatte das Dorf verwüstet und ihm von Grund aus ein anderes Aussehen gegeben. Tie Strohhütten waren schnell in Asche verwandelt worden, und ihre Besitzer, die in Zukunft von der Furcht vor dem Feuer unbehelligt zu leben wünschten, führten auf dem verkalkten Boden Gebäude von Ziegelsteinen auf; die meisten von ihnen benutzten ihre Ersparnisse, um sich Material zu verschaffen, das ihnen, weil sie es erst über den See befördern mußten, äußerst teuer zu stehen kam. Der Teil des Fleckens, der unter dem Brande gelitten hatte, bevölkerte sich mit kleinen Häusern, mit rosa, «rün oder blau angestrichenen Fassaden. Ter andere Teil von Palmar behielt seinen ursprünglichen Charakter; die Hütten hatten auf beiden Seiten abgerundete Dächer, Barken ähnlich, die man verkehrt auf zwei Schmutzwände gestülpt hatte. Von dem kleinen Kirchenplatz bis zum Ende des Fleckens, der auf der Seite der Dehesa lag, erstreckten sich die Hütten, die aus Furcht vor dem Brande voneinander getrennt und gleichsam wie durch Zufall hier aufgepflanzt waren. Die des Onkels Paloma war die älteste. Sein Vater hatte sie in alter Zeit erbaut, zu einer Epoche, als man in Albufera nicht ein einziges menschliches Wesen traf, das nicht vor Fieber schlotterte. Das Heidekraut wuchs damals bis an den Fuß der Häuser. Nach den Behauptungen des Onkel Paloma ver° schwanden die Hennen schon auf der Schwell? darin, und wenn sie einige Wochen später herauskamen, schleppten sie einen ganzen Schwann frisch ausgebrüteter Küken mit. Zu jener Zeit jagte man noch die Fischotter in den Kanälen, und die Bevölkerung des Sees war so schwach, daß die Fischer nicht wußten, was sie mit den Fischen anfangen sollten, die sie in ihren Netzen fingen� (Fortsetzung folgt.) feste Luft. Die im gewöhnlichen Leben gebräuchlichen Temperaturangabcn nehmen alle den Schmelzpunkt des Eises zum Ausgang. Man spricht von„warm", wenn die Temperatur oberhalb, und von „talt", wenn die Temperatur unterhalb des Schmelzpunktes des Eises liegt. Es sei hier bemerkt, daß der Gefrierpunkt des Wassers mit dem Schmelzpunkt des Eises zusammenfallen kann, daß aber «mter bestimmten Bedingungen das Wasser sich leicht unterhalb des Schmelzpunktes des Eises abkühlen kann, also etwa auf— 4 Grad, »hne zu gefrieren. Also 0 Grad bezeichnet den Schmelzpunkt des Eises, natürlich unter atmosphärischem Druck von 790 mm Ouecksilber gemessen. Dieser Tempcraturangaben bedient man sich auch im allgemeinen in der Wissenschaft. Aber man sieht wohl »eicht ein, daß die Annahme des Schmelzpunktes des Eises als G°Punkt eine gewisse Willkürlichkeit in sich birgt. Die Wissenschaft Hat darum besonders für Tempcraturangaben, die weit unter dem Schmelzpunkt des Eises liegen, nach einem anderen Ausgangspunkt gesucht, und zwar hat sie diesen Punkt bei— 273 Grad gefunden. Die Gründe dafür, daß man diese Teniperatur von— 273 Grad als »absoluten Nullpunkt" gewählt hat, sind die folgenden: Nach einer Theorie, welche die verschiedenen Temperaturen auf •erschiedcn starke Bewegungen der kleinsten Teile, aus denen ein Stoff besteht, zurückführt, muß bei einer Temperatur von 273 Grad jede Bewegung dieser kleinsten Teilchen aufgehört Haben, wodurch natürlich auch die Möglichkeit tieferer Tempera- turcn wegfällt. Denn eine noch tiefere Temperatur müßte sich fei noch geringerer Beweglichkeit der kleinsten Teilchen zeigen. Da «der die Bewegung schon völlig aufgehört hat, so ist das, wie schon «rwähnt, unmöglich. Man rechnet nun von diesem absoluten Null- »unkt aus, wie von dem gewöhnlichen Nullpunkt. Diese Art der Temperaturangabcn hat den großen Vorteil, daß man nur mit »»sitiiH'ii Zahlen umzugehen hat, da ja aus Wen«ben kurz er- wähnten theoretischen Gründen Temperaturen unterhalb des ab- fvluten Nullpunktes nicht zu bestehen scheinen. Mit absolutem Maß gemessen, würde alsck der Schmelzpunkt des EiseS bei 273 Grad und der Siedepunkt des Masters bei-s- 373 Grad liegen. Der Wert des absoluten Nullpunktes wird einem besonders klar, wenn man sich mit der Temperatur verflüssigter und fester Wasc befaßt, da wir da zu Temperaturen gelangen, die dem ab- folutcn Nullpunkt nahe find. Wir kommen so zu dem eigentlichen Thema, das wir behandeln wollen. Der Stoff tritt uns in drei verschiedenen Formen entgegen, Hie Aggregatzustände genannt werden, und zwar unterscheiden wir den gasförmigen, den flüssigen und den festen Aggrcgatzustand. Es gib. nur ganz wenige Stoffe, von denen wir nicht alle drei Aggregatzustände kennen. Und zwar sind es bisher nur Körper, die unS für gewöhnlich in festem Aggregatzustande entgegentreten, die wir noch nicht verflüssigen oder vergasen tonnren. Der bekannteste dieser Stoffe ist der Kohlenstoff, aus dem unsere Kohle im wesentlichen besteht und dem wir im Graphit oder Diamanten in reiner Form begegnen. Unsere Wärme- quellen haben bislang noch nicht ausgereicht, Kohlenstoff soweit zu erhitzen, daß er in den flüssigen oder gasförmigen Aggregat- zustand sich umwandelt. Aber dieser Stoffe sind nur wenige. Es erscheint uns als etwas Selbstverständliches, daß Wasser bei 0 Grad in den festen Aggregatzustand übergeht und bei 100 Grad in den gasförmigen. Ebenso wundern wir uns nicht. wenn Schwefel bei 109 Grad schmilzt und bei 400 Grad sich ver- flüchtet oder gasförmig wird. Wenn wir aber hören, daß Körper, die für gewöhnlich gasförmig sind, verflüssigt oder gar in festen Zustand übergeführt werden, so haben wir da« Gefühl, daß wir einem hohen Wunder gegenüberstehen Und doch hat das gar nichts Wunderbares an sich. Daß wir die Körper für gewöhnlich in einem ganz bestimmien Aggregatzustand antreffen, ist nur den auf der Erde herrschenden Verhältnissen der Temperatur und des Druckes zu verdanken. Hätten wir zum Beispiel eine Durchschnitts- teniperatur von b0 Grad auf der Erde, so würden wir den all- gemein bekannten Schwefeläther, der einen leichtflüssigen Körver darstellt, nur als Gas kennen, und hätten wir einen atmosphärismen Druck, der doppelt so groß wäre, wie er jetzt ist, dann würde Wasser erst bei 122 Grad kochen. Man sieht also, daß die Aggregatzustände abhängig sind von dem Druck und der Temperatur. Man wird also bei Anwendung geeigneten Druckes und geeigneter Temperatur jeden Körper in den gewünschten Aggregatzustand überführen können. Diese Erkenntnis, daß zur Verflüssigung der Gase sowohl ein bestimmter Druck, wie eine bestimmte Temperatur notwendig ist, hat sich erst allmählich entwickelt. Und bevor man sie erlangte. hielt man eine ganze Anzahl von Gasen, darunter den Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff für beständig, für permanent, wie der wissenschaftliche Ausdruck lautet» das heißt, man glaubte nichi, daß sie ihren gasförmigen Zustand ausgeben und in den flüssigen oder festen übergehen würden. Man vernachlässigte nämlich anfangs die Temperatur und glaubte, durch Zusammenpressen der Gase allein sie verflüssigen zu können. Man war zu diesem Irrtum gelangt, weil man durch einfache Kompression einiger Gase eine Verflüssigung hatte erzielen können. Die bekanntesten dieser Gase sind die Kohlensäure und die schwefelige Säure. Während diese nur einen Druck von etwa drei Atmosphären braucht, um in den flüssigen Zustand überzugehen, muß man jene schon unter einen Druck von 70 Atmosphären bringen. Der um die Mitte des vorigen Jahrhunderls lebende Wiener Gelehrte Natterer hatte bis zu 3600 Atmosphären angewandt, um die oben genannten permanenten Gase zu verflüssigen, aber ohne Ersolg. Da war es eine an der Köhlensäure gemachte Beobachtung, die die Gelehrten auf den rechten Weg wies. Man entdeckte nämlich, daß Kohlensäure, die wärmer als 31 Grad war, auch nicht durch den stärksten Druck in den flüssigen Aggregatzustand übergeführt werden konnte, während bei 31 Grad ein Druck von 77 Atmosphären zum Ziele führte. Kohlensäure war also über 31 Grad auch ein»per- manentes" Gas, wie Sauerstoff, Stickstoff usw. Man nannte diese Temperatur, bei der die Kohlensäur« eben noch verflüssigt werden konrne, also 31 Grad, die kritische Temperatur. Die kritische Temperatur der schwefeligen Säure liegt bei 107 Grad. Den Druck, der bei dieser Temperatur nötig war, um die Ver- flüssigung herbeizuführen, nannte man den kritischen Druck. Nun war es klar, daß man bei den sogenannten permanenten Gasen die Verflüssigungsversuche gemacht hatte bei Temperaturen, die über der kritischen Temperatur der betreffenden Gase lagen, daß also aus diesem Grunde alle Versuche, durch Druck ein« Ver- flüssigung zu erreichen, erfolglos sein mußten. Mit dieser Er- kcnninis bewaffnet, gelang es fast gleichzeitig zwei französischen Forschern, L. C a i l l e t e t und P i e t e t, unabhängig voneinander die permanenten Gase zu verflüssigen. Cailletet preßte die Gase unter starkem Druck zusammen und ließ sie sich wieder plötzlich ausdehnen. Die dadurch entstehende starke Abkühlung bewirkte eine Ncbelbildung der verflüssigten Gase. Pictet leitete die Gas« unter starkem Druck in Kupferröhren, die durch flüssige, zu rascher Verdampfung gezwungene Kohlensäure abgekühlt wurden,(�r erreichte so eine Abkühlung auf— 140 Grad oder-f 133 Grad in absolutem Maß gemessen. Man fand so, daß die kritische Temperatur für Sauerstoff 105 Grad absolut<—— 118 Grad gewöhnliche Messung, siehe oben), für Stickstoff 124 Grad absolut und für Wasserstoff 33 Grad in absolutem Maß betrug. Wir sind also hier dem absoluten Nullpunkt schon sehr nahe gekommen. Nur ein GaS hat bisher der Verflüssigung widerstanden: Helium, das in letzter Zeit wegen seiner Entstehung aus Radium viel- genannte, nur in äußerst geringer Menge in der Atmosphäre vor- kommende Gas. Obwohl man es unter starkem Druck auf 9 Grad absolute Temperatur, also auf— 264 Grad, abkühlte, konnte keine Verflüssigung beobachtet werden. Man hat Grund zur Annahme, daß die kritische Temperatur des Heliums bei 0 Grad absoluter Temperatur liegt. Am erfolgreichsten haben sich noch außer den oben erwähnten Gelcbrtcn die russischen Forscher Wroblewsky und Olszcivskh und vor allem der Engländer I. D e w a r(gesprochen Djuer) mit der Verflüssigung der Gase beschäftigt. Die Her» stellung flüssiger Luft in ununterbrochenem Betrieb durch den Deutschen Linde ist allgemein bekannt. Durch rascheS Verdampfen der verflüssigten Gase in lust- verdünntem Räume gelang es auch, die.permanenten" Gase im festen Zustande zu erhallen. Flüssige Kohlensäure wird ohne weiteres fest, wenn man sie aus den Stahlflaschen, in denen sie sich unter starkem Druck befindet, herauslaufen läßt. Infolge der raschen Verdampfung eines Teiles der Kohlensäure wird der anoere Teil so stark abgekühlt, daß er gefriert. Der Schmelzpunkt für Kohlensäure liegt bei 216 Grad, der für Wasserstoff bei 16 Grad— beides in absoluter Temperatur gemessen. Feste Kohlensäure hat man sogar einmal versucht/ in den Handel zu bringen. Man um- gab die wie Ziegelsteine geformten Kuchen von fester Kohlensäure mit einer die Wärme schlecht leitenden Hülle. Der Transport ist ein sehr einfacher Man ist aber wieder davon abgekommen, seit- dem die Stahlflaschen, die sogenannten Boniben, allgemein ein- teführt worden sind. In den Stahlflaschen sind die verflüssigten iase fest eingeschlossen. Die Flaschen halten Druck von Hunderten von Atmosphären aus. Es werden jetzt Ammoniak, Kohlensäure und Chlor und viele andere Gase in diesen Stahlflaschen verschickt. Aus einem an den Stab'flaschen angebrachten Hahn tann man die Gase in beliebiger Weise abzapfen. Neuerdings hat Professor H. Erdmann eine Beobachtung gemacht, die iveniger als Be- reicherung der Wissenschaft, als wegen der Kühnheit, mit der sie wirtschaftlich verwertet werden soll, allgemeine Beachtung verdient. Erdmann verdunstete flüssige Lust von der Zusammensetzung der atmosphärischen Luft»n luftverdünntem Räume, ivobei sich der Stickstoff in herrlichen Kristallen in dem flüssig gebliebenen Sauer- stoff abschied. Die festen Stickstoffkristalle sollen nun durch eine der Methoden, nach denen man in der Technik schon längst Kristalle von einer Flüssigkeit trennt, z. B. durch Abfiltrieren, vom flüssigen Sauerstoff getrennt werden. Natürlich darf während des ganzen Verfahrens die Temperatur der Flüssigkeit nicht über den Schmelz- Punkt des Stickstoffes steigen, der sich bei 66 Grad absoluter Temperatur befindet, während der Schmelzpunkt des Sauerstoffes bei 40 Grad liegt. ES erscheint nicht ausgeschlossen, daß es durch geeignete Konstruktion der Apparate gelingen wird, das Ver- fahren so auszuarbeiten, daß es zur Gewinnung von reinem Stick- stoff verwendet werden und mit dem bisher angewendeten Linde- schen Verfahren in Wettbewerb treten kann. Der Unterschied in beiden Verfahren besteht darin, daß Linde die verschiedenen Siede- punkte von Stickstoff(78 Grad absoluter Temperatur) und Sauerstoff fvl Grad) verwendet, um die beiden Körper in genau derselben Weise voneinander zu scheiden, wie man etwa Gemische von Alkohol und Wasser i» den Brennereien trennt, während Erdmann die verschiedenen Schmelzpunkte in der oben angegebenen Weise benutzt. Stickstoff wird jetzt in der chemischen Technik stark begehrt für die Herstellung von Kalkstickstoff o. I. (Nachdruck verböte».) Das Opfer. Von KarlBusse. Nikolaus Prus steuerte bei sinkender Sonne seinem Dorf und feiner Hütte zu. Barfuß mit hochgekrempelten Hosen, die schweren Stiefel am geschulterten Stock, watete er den Sommerweg der Chaussee entlang, durch den zermnhlenen weißen Sand, der wie Puder aufstäubte. Von Zeit zu Zeit fuhr er mit der Hand wie liebkosend gegen die breiten Rocktaschen, als trüg' er in ihnen alle Schätze der Welt, und dann strahlten seine Augen in Lust und Lachen, es strablte?as ganze, schon etwas verwitterte Gesicht, an dem die Schweißtropfen herabliefen. Heilige Mutter Gottes, es war fast zu viel Glück... man konnte ordentlich Angst bekommen I Wenn er an früher dachte: wie hatte sich Väterchen auf dem schlechte» Boden geschunden I Und alles umsonst... nichts hatte einschlagen wollen! Der alte Adam Prus blieb der ärmste Kossäte in ganz Runowo-Hauland. Ein Stück Acker nach dem andere» ging weg— wann kam der letzte dran? Und heut? Nikolaus strahlte wieder. Seine Lippen spitzten sich, seine Hand fuhr in die Tasche. Natürlich.. er hatte die Freundin bei sich, niemals trennte er sich von der kleinen Mund- Harmonika. Und er setzte sie an und begann zu blasen. Hin und her rutschten die Lippen an dem blanken Ding, und das sang und klang, als hält' es eine Seele und freu« sich mit über das Glück des Hauses PruL. Kaum war der Alte tot, sing es an: die Wiesen standen üppiger, die Felder trugen reicher, es fiel kein Stück Vieh mehr, der Junge, der Witold, gedieh, und Nikolaus Prus Ijcttc seitdem ein Lachen im Herzen und in den Augen. Borsichtig könnt' er beginne», die drückendsten Schulden abzuzahlen... jedes Fahr ein Teilchen. Langsam, langsam holte er sich dann die Becker zurück, die der Vater hatte verlaufen müssen. Es blieb auch dann «och eine ärmliche Klitsche, auf der er saß, aber es ging doch auf- wärts. Und gar im letzte» Jahre hatte es einen Ruck nach vorwärts gegeben, daß ganz Runowo-Hauland aus dem Kopfe stand. Triumph und Jubel schmetterte die Mundharmonika empor. Jauchzend zogen die Töne über das grüne Meer des Roggens, in das der erwachte Abcndwind sich ewig wechselnde Täler grub. Schlag auf Schlag war es gekommen: zuerst hatten sie den Witold, seinen Jungen, unter die Soldaten gesteckt... unter die blauen Dragoner, die in Bromberg standen. Vater und Sohn zogen ein schiefes Maul, aber Gott wußte, was er tat. Seit der Witold Weihnachten sporcnklirrend durchs Dorf gegangen war, könnt' die reiche Schulzenlockter schlecht schlafen und hatte eine merkwürdige � Vorliebe für die windschiefe Kossätenhütte. UebrigenS begreiflich '... alle Mädels waren ja hinter dem Jungen her wie die Hennen hinterm Hahn. Und wenn er die Schulzentochter kriegte, floß goldner Hafer in seine Krippe. Dann: die Kleinbahn sollte gebaut werden, und bei allem Rechnen und Messen kam das Eine heraus: sie mußte über die Felder von Nikolaus Prus. Da stiegen ein paar Juchzer hinter- einander aus der Mundharmonika. Die mageren Accker, die schlechte Frucht gebracht, trugen mit einem Male so viel Gold, daß man doppelt so viel jette dafür taufen könnt'. Und das Merkwürdigste, kaum Faßbare war doch jetzt geschehn. Strahlend hatte er, Nikolaus Prus, sich vor ein paar Wochen die Summen für die Felder von der Kasse geholt; strahlend beim Kauf- man» Lewandowski ein Gläschen getrunken. Run, Kaufmann bleibt Kaufmann... reden können sie alle wie gedruckt. Der Pan Lewandowski besonders. Ter hatte ihm denn auch glücklich ein Papierchen angedreht, ein Los. Natürlich war es dummes Zeug und ziemlich leuer. Aber weil er gerade die große Summe ausgezahlt erhalten hatte, drückte er ein Auge zu. Schön, mochten andere auch'was verdienen! Man war kein Unmensch. Da: vor vierzehn Tagen schon hatte der Kaufmann ihm durch den lahmen Bialla, vor acht Tagen durch Thomas LaSkowicz sagen lassen, er möchte doch mit dem Papicrchen mal zu ihm kommen. Und weil er heut grad sowieso in der Stadt zu tun hatte, war er 'rangegangen. Was ist los? Kurz und gut: daS Papierchen hatte gewonnen. Lewandowski zählte auf: Scheine, Scheine, Scheine, zuletzt tat er noch Gold drauf. Und alles für ihn, den Nikolaus ... um nichts und wieder nichts I Lachen und Weinen steckten ihm gleichzeitig in der Kehle. Er könnt' es nicht glauben und glaubte es doch schon. Er sah immer wieder unsicher den Kauf- mann an, ob der keinen Scherz mit ihm triebe. Und dann plötzlich begann er in blinder Halt alles aufzuraffen, als könnt' das Ganze doch am Ende Spuk oder Irrtum sein, als müsse er die Summe so rasch wie möglich in Sicherheit bringen. Bis endlich durch Un- glauben und Furcht, Hast und Unruhe sich die unumstößliche Gewiß- heit Bahn brach: das Geld ist dein! Etwas von dem Rausch der nächsten Stunden steckte auch jetzt noch in ihm, als er längst mit der Mundharmonika zwischen grünen Feldern hinschritt. Was mit dem Gewinn gemacht werden sollte, stand ihm bereits fest. Man tat noch etwa? dazu, und sofort, am liebsten gleich morgen, mußte der Maurer Biskupsk» antreten und ihm ein neue? Haus bauen. Die alte Baracke taugte wirklich nichts mehr... durch alle Ritzen pfiff der Wind... im Winter konnte« sie noch so viel heizen und froren dennoch. Zwar: er hing an dem Hültchen. War drin geboren, hatte bis jetzt drin gehaust— psia krew, trotzdem eS notwendig war, daß es fiel, würde cS ihm einen Stich ins Herz geben I Und eigentlich war em Stall noch nötiger. Aber wenn der Witold nun heiratete? Wenn er die reiche Schulzentochter bekam? Nein, nein, es mußte nun mal ein neues und geräumigeres Haus gebaut werden! D« half nickts. Und die heilige Jungfrau hatte ihm selber nun fo gnädig das Geld dazu in den Schoß geschüttet! Eigentlich, sein Glück war wirklich beängstigend. Es war fast zu viel. Er wollt' freiwillig'was opfern, etwa ein paar dicke Altarkerzen für die heilige Jungfrau. Und keiner sollt' ihn scheel ansehen, jedem wollt' er eine Freude machen. Nack Brombcrg an den Witold hatle er gleich ein Goldstückchen gesandt; für die Pellascha, seine Frau, steckten zwei neue Kopftücher hier in der Rocktasche, und ganz unten hatte er die Wurst, die Wurst für daS Ludcrchen... Nikolaus Prus blies nicht mehr; er ging schneller, als er an das Luderche.» dachte. Das Ludcrchen war nächst dem Witold sein Liebling. Es war ein Hund, den er selber mit der Flasche aufgezogen halte. Ein Hund, der nun sechs Jahre schon Freud und Leid mit ihm teilte. Ein Hund, wie eS keinen zweite» rn ganz Polen— nein, in der Welt gab. Schön war er nicht. Er hatte eine Figur, als>vär' er vom allmächtigen Schöpfer erst als Meerschwein angelegt und mit Hänge» und Würgen im letzten Augenblick dann noch in einer anderen Tierfamilie untergebracht worden.. Für die Klasse, der er angehörte, gab es keinen Namen. Aber welch ein Tierl Nikolaus PrnS hätte stundenlang erzählen können. Niemals und nirgends war so viel Treue, so vief Virstand, so viel flusdauer beieinander gewesen! Morgens, wenn es eben hell wurde, brachte das Luderchen schon die Stiefel ans Bett: erst den rechten, dann den linken. Man konnte die Stiefel hinwerfen, wie man wollte: der Linke mit dem Riester kam stets an zweiter Stelle. Oder wenn Nikolaus abends vor der Tür Harmonika blieS: wer sang so schön mit wie Luderchcn? Und wer war des Nachts wachsamer, wer folgsamer, als dieser Hund? Wer konnte besser schmeicheln? Wer liebte seinen Herren noch so blindlings? Mit einem. Worte: Nikolaus Prus hatte Grund, die Wurst zu kaufen. Er wickelte sie jetzt aus. Und sie bot sich ihm so appetitlich dar, daß er am liebsten selber hineingebiffen hätte, aber er bezwang sich. Wie lange noch, und er war zu Hause. Wie lange noch, und Luderchen schoß ihm wie ein Pfeil entgegen. Richtig— da kam es schon von weitem heran, als ob es sich überkugele, mit kurzem Bellen und Freudengeheul, und Nikolaus Prus blieb stehen, schwenkte die Wurst, klatschte sich auf die Knie und schrie einmal übcrS andere:„'N Abend, Luderchen... Luderchenl" Und wie sich die Beiden nun bcarüsjtcn. als lmtien sie sich eine Ewigkeit nicht gesehen, war es schwer zu unterscheiden, wer denn eigentlich glücklicher war: der glückliche Nikolaus Prus mit dem Lotteriegewinn oder der struppige jwter, der wie toll an ihm empor- sprang, sich an ihn schmiegte und nach der Wurst zappelte— der Köter, der eigentlich ein Meerschwein hatte werden sollen... (Fortsetzung folgt.) kleines feiriUeton. Musik. Die Gemeinde de»„Berliner B o l k S- C h o r e S" hat einem guten Geschmackc gehuldigt, als sie am Sonntag die Solo- lieber von Peter Cor ne lius lebhaft begrüßte. In der Tat ist dieser, mit uv Jahren zu früh verstorbene Komponist(1824— 1874) Wohl der im besten Sinne fortschrittlichste unter den Tondichtern seiner Generation. Di« große dramatische Wucht liegt ihm nicht; Tim so bedeutender ist er im Stilleren, Setilichte reu, und über- raschend wirkungsvoll durch das Wahrhaftige seiner Kompositionen. Die Texte sind in einer solchen Weise vertont, wie es gerade ihnen launi besser angepaßt sein könnte. Das Perdienst, gegenüber dem Leiernden, Tafclmusikartigcn von früher auf Sinn und Ausdruck einzugehen, ist es ja namentlich, was„Die neudeutsche Schule" kennzeichnet. Diesen Untertitel fügte der Veranstalter des Konzertes zu der Hauptbezeichnung„Franz Liszt- Abend" hinzu; wohl nur das weniger Populäre der erstcrcn Bc- gcichnung trieb dazu, einen ganz berühmten Namen an die Spitze des Konzertes zu stellen. Franz Liszt ist der älteste aus diesem Kreis und hat auch praktisch äußerlich wohl am meisten für die Sache getan. Etwas jünger als er ist der eigentliche Dramatiker dieses Kreises, Richard Wagner(1813— 1883). Später kamen I. I. viaff(1822—18821, vielleicht der Ivcnigst radikale von ihnen, aber doch noch immer einer besseren Beachtung wert; dann Cornelius und endlich A. Ritter(1833—1896), dem wir ein andermal noch einige Worte zu tvidmen haben. Das waren die Komponisten jenes vlbendcs. Neben Cornelius waren die übrigen m geringerem Aus- anaß vertreten, und wohl viele Zuhörer fühlten auch etwas Gerin- acres in ihrer lyrischen Kraft heraus. Von Liszt gab es Haupt- sachlich zwei Chöre, die den Konzertgcbcrn im allgemeinen gut ge- langen; das etwas gekünstelt Wuchtige, Hinaufgeschraubte von Liszts Kompositionen war auch diesmal schwer zu verkennen, trotz der Zartheit, mit welcher Meister Conrad An sorge einige seiner Klavierstücke vortrug. Für daS Sinnige der verschiedenen Solo- gesänge war die Sopranistin Mientje van Lammen gerade die richtige Jnterprctin. Owohl jene„Rcudeutschcn" sich ersichtlich auch nach dem Gc- sangsmäßigen in der Komposition bemühen, spielt doch das Jnstru- mentale bei ihnen eine beträchtliche Rolle. Gegen daS Ucberwuchern des Spieles über den Gesang besteht eine! leine, doch sehr be- achtungswürdige Gegnersckmft. Der schärfste und wohl auch kräftigste in dieser Minderheit war zuletzt der zu Verlin wirkende � E A. Grell(1899— 1886), Er feindete die Instrumentalmusik Geradezu an und trat mit allen irnergien für den»nbegleiteten, für den a-capella-Gesang ein; ein besonderer Verehrer und Ver- trcter der Grellschc» Richtung, Theodor Krause, wirkt noch heute in Berlin. Zu dieser Richtung möchten wir nun auch Constanz Berncker rechnen, dessen Andenken am Sonnabend durch ein eigenes fionzejct aufgefrischt wurde. Der Komponist(1844— 1996) War ein geborener Lstpreuße und wirkte so gut wie sein ganzes Leben lang in Königsberg als Dirigent usw. Jetzt hat sich ein Komitee von hervorragenden Musikern und Musikfreunden gebildet, um ihm nachlräglich zu seinem Rechte zu verhelfen. Namentlich war eS diesmal der von Margarethe T o c p p e geleitete Frauen- chor, der sich der Sache annahm, und dessen Vorträge Wohl auch daS Wichtigste des Abends bedeuteten. Mau merkte sofort, daß der Komponist vorwiegend in der Vokalmusik gelebt und gearbeitet hat. Der spezifische Wohlklang ohne melodische Simpeleien und die weichen Rundungen seiner Tonsolgen, mit einer Abneigung gegen das Sprunghafte und Eckige, bewähren den Künstler der Gesangs- Welt. Ganz besonders interessant aber war es uns, daß derselbe Komponist, der hervorragende lyrische Texte mit so viel Anmut und Eigenart zu vertonen weiß, beträchtlich schlvächer wird, sobald es Texte von geringerer und speziell mehr gekünstelter Qualität gilt. So mußten die Kompositionen zu Dichtungen von Felix Dahn ziemlick enttäuschen. Jedenfalls aber hat unS dieses Konzert, nicht zuletzt durch die Wcrdienste der mitwirkenden Sänger(Felix Senius«. a.) darauf gespannt gemacht, daß wir einmal etwas von den größeren Chor- werken Bernekcrs zu hören bekommen. sz. Einen LiSztabend veranstaltete am Sonnabend in der Singakademie Herr Leo K e st e n V e r g, ein Schüler des gefeieilen Pianisten Ferrucio©iifoiii. Drei große Klavierwerke mit Ötckestcrbeglcitung eulbielt daS Programm: Die beiden Klavierkonzerte und den Tvteiuanz, die bekannte Paraphrase über„ckies ira©u. Das ganze Konzert währte nur eine gute Stunde, stellt aber an die Ausdauer und Leistungsfähigkeit des Pianisten die größten Ansprüche, so daß man es dem Konzcrtgever nicht verübeln kami. wenn er sich trotz des großen Beifalles, denn das vollbesetzte Haus am Schluß spendete, zu keiner Zugabe mehr verstand. Daß Herr Kestcnberg über die erforderlichen physischen Kräfte verfügt, konnte man von früheren Konzerten her voraussetzen, ja man durste eher vor einem zu viel als von einem zu wenig in dieser Hinsicht besorgt sein. Um so angenehmer überraschte das Maßhalten des Künstlers und die subtile Wiedergabe der zarten Stellen. Daß das rein Technische keinen Stein des Anstoßes bilden würde, war zu erwarten, denn Meister B u s o n i hatte selbst die Leitung des mit gewohnter Akkuratesse begleitenden Philharmonischen Orchesters übernommen; er würde dies aber gewiß nicht getan haben, wenn er nicht einer technisch wie geistig gut durckigearbeitelen Wiedergabe der Werke seitens seines Schülers sicher gewesen wäre. Wenn wir von dem Konzerte des Herrn Kestenberg in unserem Blatte Notiz genommen haben, während sonst die Hunderte, ja Tausende der in Berlin all» jährlich stattfindenden Solistenkonzerte unberücksichtigt bleiben müssen. so geschieht dies, iveil Herr Kestenberg schon des öfteren seine Kunst in selbstlosester Weise bei iiiiistlerischeu Veranstaltungen der Arbeiter- schaft zur Verfügung gestellt hat. Hoffen wir, daß dies auch ferner- hin öster der Fall sein wird.— r. Naturwissenschaftliches. Eine Volkszählung in der Lebe Welt. So sehr im heutigen Leben fast jeder mit den Ergebuisien der Statistik, soweit sie sich auf menschliche Lebensverhältnisse bezieht, in Berührung tritt, so sehr dürste das Kapitel von der Dichtigkeit des Vorkommens tierischer und pflanzlicher Lebewesen in der freien Natur für die Meisten ein völlig unbeschriebenes Blatt j�m. Wer ganz unvorbereitet Antwort auf Fragen solcher Art zu geben hätte, würde voraussichtlich mit den Tatsachen in einen höchst wunderliche» Zwiespalt geraten und von den Ziffern, die sich aufstellen lassen, aufs höchste überrascht sein. Die Zahl der Früchte, Samen, Insekten usw., die auf einer bestimmten Flächeneinheit vorkommen, wird natürlich je nach Ort und Klima in beträchtlichem Grade schwanken. Nu sich aber wird ihre Größe den Laien zlveifellos jedesmal verblüffen. Eine sehr wertvolle und lehrreiche Zusammenstellung praktischer Zcihhiiigbversilche veröffentlicht der amerikanische Gelehrte W. L. Mac Atcc in der Wochenschrift„Science" als Beitrag zu einer selchen Statistik im Reiche des Lebendigen. Er hat einerseits den Waldbode», andererseits den Wiesenboden zum Gegenfiaiid seiner Untersuchung gemacht und die Zahl und Art der organisierten Ge- bilde auf einer Fläche von je vier Quadratstiß bestimmt. Ter leitende Gedanke dabei war, ein Bild davon zu gewinnen, welche Menge von Nahrung in Wald und Flur den Vögeln zur Verfügung stände. Die entsprechenden Flächen wurden in den Monaten November und März in Arbeit genommen und alle tierischen und pflanzlichen Gebilde, soweit sie sich an der Oberfläche oder bis zu einer Tiefe fanden, wo sie von einein pickenden Vogelschnabel er» reicht werden konnten, abgezählt und bestimmt. In den vier Quadratfuß Waldboden wurden gefunden: 12 Käfer, 7 Halbflügler, 8 Hautflügler, 11 Spinnen, 26 andere Gliederfüßer, S Würmer, 11 Schnecken, 27 Puppen und Jnsekteneicr; also zusammen 112 tierische Individuen. Dazu kamen 194 Samen und Früchte. Unter der berechtigten Annahme, daß das untersuchte Bodeustück keine außergewöhnlichen Verhältnisse aufwies, würde sich für jedeö Acre(gleich rund 49 Ar) Landes in der betreffenden Waldgegend eine Zahl von 1 216 889 tierischen und 2 197 819 pflanzlichen Orga- nismcn ergeben! Auf den vier Quadratfuß Wiese wurden gefunden: 61 Käser. 29 Halbflügler, 949 Hautflügler, 93 Spinnen, 127 andere Gliederfüßer, 33 Wiirmer, 29 Schnecken, Puppen und Eier, also insgesamt 1294 tierische Gebilde. Daneben fanden sich 3113 Samen. Somit ergibt sich für ein Acre Mesenboden eine Zahl von 13 694 719 tierischen und 83 822 749 pflanzlichen Lebewesen. Diese Ziffern sind so interessant und im ersten Moment so unwahrscheinlich, daß ihre Zusammensetzung auS den einzelnen, in sich gar nicht sehr hohen Posten der verschiedenen Gattungen einer näheren Be» trachtung wert ist: Di« 89 wirbellosen Tiere auf den vier Quadrat» fuß Waldboden verteilten sich auf 31 verschiedene Gattungen, von denen die überwiegende Mehrheit mit nur einem einzigen Jndivi- duum vertreten war, wäbrend nur ganz wenige höhere Zahlen bis zu dem vereinzelten Höchstbetrag von 19 Stück aufwiesen. Von den 27 Puppen und Eiern verteilten sich je 2—6 Stück auf die bor- handenen Arten. Tie 194 Samen bestanden aus nur 19 Sorten, von denen 8 in ganz klciirer Zahl erschienen, nur der Tulpcnbaum mit 97 und das Paiiieum-GraS mit 89 Stücken waren in größerer Zahl vertreten. Abweichende Verhältnisse zwischen Gattungen und Individuen weist die Fauna des Wiesenbodens auf. Wohl ist auch dicr ein sehr großer Teil der Gattungen nur durch ganz wenige Exemplare vertreten. Dagegen fanden sich 933 Ameisen gegen nur 8 im Waldboden, ebenso 192 Springschwänze gegenüber 19 im Walde. Ferner entfallen, wie dies bei einer Wiese kaum über» raschen kann, 2716 von den 3113 Samen auf eine einzige Erasart. Sicht man von diesen durch den Spezialcharaktcr bedingten Zahlen ab, so beläuft sich die Gesamtziffcr von 397 Samen und 239 Tieren auf dem Wiescnbodcn immer noch auf mehr als das Doppelte der Gesamrzisfer für den Waldboden. Eine interessante Ergänzung zu diesem Ergebnis ist die von Forbes aufgestellte Statistik des Vor- kcmmcns der Vögel. Er findet für den Wald auf die Quadratmcile die Zahl 789, dagegen für die Wiese 1991. Die Dichte der Vogel- bcvölkerung stimmt also mit der Futterdichte gut übcrein. Bernntwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärtiLuchdruckerci u.VerI«a»anstaI»P.i" �""t* �eri-nS-v