Nnterhaltungsblatt des Dorwarts 9K. 5. Mittwoch den 8 Januar. 1908 lN-lchdruck verboten.) 5} Schilf und Schlamm. Roman von Vicente BlaLco Jbanez. Autorisierte Ucbersctzung von Wilhelm Thal. Valenzia lag für sie am äußersten Ende der Welt, von dort kam der Marschall Suchet, den der König Joseph zuin Herzog von Albufera und zum Herrn des Sees, des Waldes und aller seiner Reichtümer ernannt hatte. Er war wohl die älteste Gestalt, an die sich der Onkel Paloma erinnerte. Der Alte glaubte ihn noch vor sich zu sehen mit seinen wirren Haaren und dem klirzen, breiten Backenbart, in seinem grauen Gchrock. einen runden Hut auf dem Kopfe, stets von Männern in prächtigen Uniformen um- geben, die seine Gewehre luden. Der Marschall benuhtc zur Jagd die Barke von Palomas Vater, und der Onkel Paloma saß als kleiner Junge am Bug und starrte den großen Mann bewundernd an. Sehr häufig lachte er über das Kauderwelsch des Feldherrn, der die Rückständigkeit des Landes beklagte oder die wahrscheinlichen Erfolge eines Krieges gegen die Engländer und Spanier, von denen die Leute am See nur eine recht unklare Vorstellung hatten, in Betracht zog. Einmal war er mit seinem Vater nach Valenzia gegangen, um dem Herzog von Albufera einen riesengroßen Aal als Geschenk zu überbringen, und der Marschall hatte sie lachend in seiner Uniform empfangen, von prächtigen Offizieren in Golduniformen umgeben, die gleichsam als Trabanten seines Glanzes erschienen. Der Onkel Paloma war bereits ein Mann, als sein Bater starb. Er wurde nun Herr der Hütte und Besitzer der beiden Barken, aber es gab jetzt keinen Herzog von Albufera mehr. An dessen Stelle regierten jetzt Amtsmänner im Namen ihres tüniglicfyen Herrn: vortreffliche Stadtleute, die nie nach dem See kamen, die Fischer in der Dehesa räubern und unge- hindert die Vögel jagen ließen, von denen es in den Gräben wimmelte. Das waren die guten Zeiten, und wenn der Onkel Pa- loma bei den Kneipgclagcn in Canmnels Schänke daran er- innerte, dann gerieten die jungen Leute vor Begeisterung außer sich. Damals fischte lind jagte man, ohne daß man vor Geldstrafen oder Feldhütern Furcht zu haben brauchte. Wenn der Abend hereinbrach, kamen die Leute mit ihrem Dutzend Kaninchen, die sie in der Dehesa in der Schlinge ge- fangen, und außerdem mit Körben von Fischen, Kränzen von Vögeln, die sie in den Kanälen gejagt, nach Hause. Alles gehörte dem König, und der König wohnte in weiter, weiter Ferne. Das war nicht wie jetzt, wo Albufera Staatseigentum war. Jetzt konnten die armen Leute keinen Schuß mehr ab- geben und sich kein armseliges Bündel Reis mehr sammeln, ohne daß im selben Augenblick, man wußte nicht woher, ein Gendarm mit dem Wehrgchängc umgürtet und sein Schild- chcn auf der Brust, auftauchte und seinen Karabiner auf sie anlegte. Der Onkel Paloma hatte sich die Privilegien seines Baters bewahrt. Er war der erste Schiffer von Albufera, und es kam keine wichtige Persönlichkeit nach dem See, die er nicht durch die Inseln und Kanäle fahren und der er nicht alle Merkwürdigkeiten zu Wasser und zu Lande zeigen mußte. Er erinnerte sich an die Königin Jsabcllä II., als sie noch jung war, wie sie mit ihren Röcken das ganze Hinterteil der Barke ausfüllte, und besonders an ihren üppigen Busen, der sich bei jedem Stoß der Ruderstangc hob und senkte. Die Leute lachten, wenn sie sich daran erinnerten, wie er die Kaiserin Engcnie über den See gerudert. Sie stand schlank und graziös im Reitanzug auf der Barke, das Gewehr in der Hand, und legte fortwährend auf die Scharen von Enten an, die eine Anzahl von Treibern mit lautem Geschrei vor ihr aufjagte. Am entgegengesetzten Ende stand der Onkel Paloma mit tiickisch-pfifsigcm Gesicht, se'ne alte Büchse zwischen den Beinen und erlegte jeden Vogel, der der hohen Dame entging. Dabei machte er sie in einem äußerst phan- tastischen Spanisch auf das Erscheinen der Vogel aufmerksam: „Da, Majestät, Achtung:-, rechts,-> ritt Grsinhals." Alle diese vornchmcn Persönlichkeiten waren mit dem alten Schiffer zufrieden. Er war unverschämt und zeigte die ganze Grobheit eines Laguncnsohnes: dagegen schmeichelte er ihnen mit seiner alten Büchse, einer ehrwürdigen Waffe, die so geflickt und ausgebessert war, daß von der eigentlichen Fabrikation kaum noch etwas übrig blieb. Der Onkel Pa- loma war ein wunderbarer Schütze. Die Aufschneider er- zählten, er hätte einmal mit einem einzigen Schuß vier Wasserhühner erlegt. Wenn er einem mittelmäßigen Schlitzen, der dabei aber eine bedeutende Persönlichkeit war, schincicheln wollte, dann stellte er sich in der Barke neben ihn, und schoß gleichzeitig mit ihm mit einer solchen Genauigkeit und Prä- zifion, daß die beiden Schüsse nur einen bildeten, und der Jäger, der das Wild fallen sah, von seiner Geschicklichkeit ent- zückt war, während der Schiffer stillschweigend vor sich hin- lächelte. Am liebsten aber erinnerte er sich doch an den General Prim. Er hatte ihn in einer stürmischen Nacht kennen gc- lernt, wo er ihn in seiner Barke über den See gefahren. Das war zur Zeit, als er in Ungnade gefallen war. Die Gendarmen waren hinter ihm her, und der General floh, als Arbeiter verkleidet, aus Valenzia, wo er die Garnison ver- geblich zum Alisstande hatte treiben wollen. Der Onkel Palomc. brachte ihn bis zum Meer und als er ihn ein paar Jahre später wiedersah, stand er an der Spitze der Regierung und loar der vergötterte Liebling der Nation. Zuweilen aber wurde er der Politik überdrüssig und dann verließ er Madrid, um auf dem See zu jagen: der Onkel Palonia, der seit dem vorigen Abenteuer sich ihm gegenüber recht unverschämt und vertraulich bMzhm, zankte ihn wie ein Kind aus. wenn er einmal einen Schuß verfehlte. Für ihn existierten die Großen nicht. Die Menschen zerfielen in zwei Klassen, in gute und schlechte Jäger. Wenn der Held einen Vogel verfehlte, dann wurde der Schiffer so wütend, daß er ihn duzte. „Du willst ein General sein? Ein netter General!" Und den tapferen Helden, der in Marokko so große Taten verrichtet, redete er folgendermaßen an: „Aber so schieß doch, schieß doch, lern' doch richtig zielen." Und während der glorreiche Schüler lachte, gab der Fischer, ohne auch nur das Gewehr an die Wange zu halten, einen Schuß ab, worauf ein Huhn wie ein Stein inS Wasser fiel. Alle diese Anekdoten verliehen dem Onkel Paloma ein ungeheures Ansehen bei den Leuten am See. „Was dieser Mann hätte erreick>en können, wenn er von seinen Landslcuten nur etwas gewollt hätte." Aber er war immer schwermütig und brummig und behandelte die vornehmen Persönlichkeiten wie Kneipgenossen. Er brachte sie durch seine Unverschämtheiten gerade in dem Augenblick zum Lachen, wenn sie in der düstersten Stimmung waren, oder heiterte sie durch doppelsinnige oder lustige Phrasen auf, wenn er den Liebenswürdigen spielen wollte. Er war mit seinem Schicksal zufrieden, und was noch merkwürdiger und schwieriger war, er blieb es auch, je mehr er in die Jahre kam. Trotzdem blieb er Schiffer, imnicr Schiffer. Er verachtete die Leute, die die Reisfelder be- bauten, das waren Arbeiter, und dieses Wort bedeutete für ihn den größten Schimpf. Er war stolz darauf, ein Kind des Wassers zu sein, und oft zog er es vor, lieber dem Rande der Kanäle zu folgen, als seinen Weg über die Hügel zu nehmen, wenn er auch kürzer, war. Er betrat nicht gern einen anderen Boden als den der Dehesa, wo er beim Erscheinen der Feldhüter die Flucht ei/ griff, nachdem er ein paar Schüsse auf Kaninchen abgegeben. J Wäre es nach ihm gegangen, er hätte in seiner Barke gc- schlafen und gegessen, denn sie war für ihn dasselbe, was der. Panzer für ein Krustcntier ist. Die Instinkte der ältesten Rassen lebten in diesem alten Manne wieder auf., Nur eins hinderte ihn, ganz und gar glücklich zu fein: das war der Mangel der Familie und die Notwendigkeit,, wie ein Fisch oder wie ein Grabcnvogcl zu leben, der sich heute sein Nest auf einer kleinen Insel und morgen im Schilfrohr baut..[ Trotzdem hatte sein Vater versucht, ihn zu verheiraten� Gr wollte nicht, daß die Hütte, die sein Werk war. leer und verlassen dastand, und der Wasserzigeuver sah sich genötigt. in Gesellschaft mit seinen Nebemnenschen zu leben, unter einen« Strohdach zu schlafen, seine Beisteuer zum Unterhalt des Pfarrers zu leisten und dem kleinen Alkade. dem Friedens- dichter des Torfes, zu gehorchen. „Ein schaniloser Mensch," behauptete er.„der, um nicht ZU arbeiten, sich unter den Schutz der Stadtbehörden stellt." An seine Gattin erinnerte er sich nur noch unklar. Er hatte gememsam mit ihr viele Jahre seines Lebens verbracht, ohne daß ih:n etwas anderes im Gedächtnis geblieben wäre, als ihre Gewohnheit im Flicken von Netzen und ihre Geschick- lichkeit, mit der sie Freitag das Brot für die Woche knetete, das sie dann nach dem Ofen mit der weißen runden Kuppel trug, der einein arabischen Grabe ähnlich sah und anv äußersten Ende der Insel sich befand. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) 3) Da9 Opfer. Von KarlBusse. Vier Wochen etwa nach dieser glücklichen Heimkehr saß Nikolaus Prus auf dem Grenzstein vor seiner Wiese. Es war ein trüber Morgen, der Regen versprach. Ringsum wucherten Hahnen- fußpflanzen, und Kuckuckslichtnelken mit den klebrigen Gelenken schaukelten sich dazwischen. Drüben aus seiner Baracke stieg der Rauch in die Frühluft. Auch eine etwas zittrige, näselnde Stimme hörte man manchmal von drüben, und der Kossäte auf dein Stein zuckte dann jedesmal zusammen. Mit einem stumpfen Gesicht starrte er danach wieder vor sich hin auf die Gräser. Das Luderchen war ihm nachgeschlichen. Aber es sprang nicht an ihm empor, es ließ die Ohren und den Stummelschwanz hängen und streckte sich zehn Schritt hinter seinem Herrn ins Gras... scheu, leise, unsicher, �»ngsam, ohne sich zu erheben, rutschte es dann von Zeit zu Zeit einen Schritt naher. Es verstand die Welt nicht mehr, was es tun und lassen sollte, es legte den Kopf zwischen die Vorderbeine und winselte leise, von unsicherer schwerer Ahnung wie von schivarzen Wolken überschattet. Denn es ging etwas vor in der Hütte der Prus, und es hing zusammen mit dem Hausbau nebenan.... Nikolaus Prus hob den Kopf. Vielleicht hatte er das Winseln vernommen. Er wandte sich, sah den Hund liegen, wollt' eine ungestüme Bewegung machen und ihn zu sich rufen, aber bezwang sich und kehrte sich ab. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr stumpf; es arbeitete darin, und als von neuem die näselnde Stimme herüberscholl, kam etwas Unruhiges und Zerquältes in die per- witterten Züge. Nein, das Lottericacld hatte kein Glück gebracht. Seit es da war, hatte alles ein anderes Gesicht. Im Torf war die Neuigkeit von Mund zu Mund geflogen, jeder wollt' sie sich bestätigen lassen. jeder es auch einmal m«t solchem Papierchcn versuchen. Eigentlich war ja in ganz Runolvo-Hauland keiner, der dem gutherzigen, ewig strahlenden Nikolaus Prus den Gelvinn nicht gönnte. Im Gegen- teil... aber man fand doch, daß eS etwas reichlich war: erst der Landvcrkauf, dann jetzt der fabelhafte Segen. Wenn das alles nur gut auslief... beklemmend war solch ein Glück. Und von Tag zu Tag wuchs ringsum unter den Nachbarn und Bekannten ein dumpfes Staunen. Man hatte Fälle, daß der Himmel einen immer höher hob, um ihn dann um so stärker zu schlagen. Man schüttelte den Kopf und flüsterte sorgenschwer. Ja. es gab bald einige, die offen erklärten, sie hätten gewiß eine Unterstützung nötig, möchten aber mit Nikolaus Prus nicht tauschen. Ein halbes .Grauen ergriff das Dorf vor dem Glücke des Kossäten. Und mitten durch den Sonnenschein kam dieses Grauen auf Nikolaus Prus zu. Er las tß in den Mienen, er hörte es in den Andeutungen. Es nahm ihm langsam die Freude an seinem Ge- winn, es ward stärker und legte sich wie ein Gewicht auf sein Herz, cS wischte ihm das Strahlen aus den Mienen, machte ihn selber unsicher, beklommen, unfroh, als müsse sich wirklich eine unbekannte Macht wegen des überreichen ihm bescherten Glückes an ihm rächen. Vergebens opferte er der heiligen Jungfrau zwei armdicke Kerzen. Seine strahlende Fröhlichkeit war dabin, und wenn er des Abends die Harmonika blies, geschah es oft, daß er jäh abbrach und auffuhr, als schatte etlvas über den Weg. als käme etwas heimlich näher. Ter Hausbau sollt' ihn ablenken— er sah dem Ausschachten zu, dem Grundsteinlegen und plauderte mit den Leuten. Aber bald hörte auch das auf, denn da der städtische Meister alle Arbeiter zur Vollendung eines größeren Gebäudes «brauchte, schickte er nur den eisgrauen Plawinski und einen jungen Steinträger nach Nunowo-Hauland. ....~cr aI.tc Plawinski war unheimlich. Seine Kiefer mahlten standig, und mit der zittrigen, näselnden Stimme murmelte er unverständliches Zeug vor sich hin. kicherte dazwischen und blickte. die Kelle in der Hand, mit deil rotumrändcrten Augen oft minutenlang auf einen Fleck. Von vornherein hatte der offene, harmlos« fröhliche Nikolaus eine kleine Scheu vor ihm gehabt. Und nicht minder das Luderchen. So friedfertig es sonst war... den alten Maurer blaffte es ärgerlich an und umschlich ihn knurrend. Grad', als hätte das Tier eine Ähnung, von welcher Seite ihm Unheil drohe. Anders die Pani Pellascha. Ter alte Plawinski hatte ihr vo» Jahren einst die Rose besprochen, und so hegte sie eine etwas aber- gläubische Verehrung für ihn. Als sich nun langsam auch ihr Furcht und geheimes Grauen über ihr allzu großes Glück mit- teilten, stand sie oft bei dem Maurer, und wenn sie auch halb lachend das Mißtrauen der Dörslcr ablehnte und die Einbildungen der Leute nicht ernst zu nehmen schien, so merkte man doch, daß ihr selbst im Herzensgrund eine versteckte Angst wohnte und sie durch die Zustimmung des Greises nur beruhigt werden wollte. Der jedoch stimmte durchaus nicht zu. Er gab keine Antwort, sah die Frau mit den entzündeten Augen an und wackelte mit dem Kopf. Eines Bormittags jedoch, als die Pani ihre Angst offen gestand, lachte er, blickte auf einen Fleck in der Ferne, murmelte allerlei Zeug zusammen und befahl ihr endlich, ihren Mann zu rufen. Nikolaus kam. und mit ihm kam Luderchcn. lieber eine Stunde hockten die drei Menschen zusammen, und das Grauen, das den Kossäten hier und da befallen, saß jetzt in dem eisgrauen Maurer leibhaftig vor ihm, sprach mit näselnder Stimme, machte große Bewegungen mit den zittrigen Händen und wollt' ihn völlig unterjochen. Was Plawinsti sagte, kam auf dies hinaus: ja, das Glück sei zu groß, und um oie Rache derer, die dadurch Gewalt über den Menschen bekommen, aufzuhalten und abzuleiten, sei es notwendig, ein Opfer zu bringen. Das jedoch könne nicht «n ein paar Kerzen und Almosen bestehen, weil dies zu billig wäre und nur einen ganz geringen Teil des Gewinnes beanspruche, son- dern er, der Nikolaus Prus, inüsse freiwillig das Liebste dar- bringen, was er besäße, etwas, dessen Verlust ihn schmerze und ihm naheginge. Die Pani fing an zu heulen: was sie denn hätten? Und Nikolaus schüttelte den Kopf und lachte kurz auf, auS bedrücktem Herzen. Er fühlte dumpf, daß nun das Unheil kam und wußte doch nicht, was es wäre und wohin der Alte zielte. Er setzte sich schwer und stützte ben Kops in die Hand. Da drängte sich zärtlich. als wollt' es ihn trösten, das Luderchen mit feuchter Nase geyen seine Knie, wedelte mit dem Stummelschwänzchen und sah«hn mit treuen Augen an. Unwillkürlich flog über das Gesicht des Kossäten ein hellerer Schein, und mit beiden Händen rieb er den Kopf des Tieres, das er so liebte. Ter alte Maurer hatte das gesehen. In seinen rotumränderten Augen glomm es auf, seine Kiefer mahlten stärker. Und dann kicherte er und sagte mit der näselnden Stimme: „Mit dem Hause. Söhnchen, ist es Sonnabend auch so weit." Verwundert und wie erlöst, weil Plawinski nicht weiter auf das Opfer zurückzukommen schien, blickte Nikolaus Prus auf die Fundamente seines Neubaues. Upd hastig begann er zu erzählen, lvie er sich einrichten wolle, wo das juvHe Paar, wenn sein Witold mal heiratete, hausen, wo er selber mit seiner Frau daS Alten- stübchcn teilen würde. Aber der Maurer lachte dazwischen. Sonnabend sei der letzte Termin... wie er es damit halten wolle? Ob er denn den Brauch nicht kenne, den uralten, heiligen...? Und während die Augen, rund und in Ringen wie Eulenaugen, bald listig funkelten, bald sich verschleierten, bald sich merkwürdig verloren und er- starrten, erzählte er, was sie beide auch wußten: daß in ein neues Haus, wenn es den drin Wohnenden Glück und Gesundheit bringen sollte, etlvas Lebendiges eingemauert werden müßte. Und erzählte aus den Tagen seines Urgroßvaters, wie man heimlich, heimlich unschuldige Kinder und junge Nonnen eingemauert hab«� und nannte halblaut Namen und Häuser, die dadurch groß und glänzend geworden wären. Wohl dürfe man in der jetzigen Zeit, wo die Polizei ihre Nase in alles stecke, nicht mehr über reinen Kindern die Mauern errichten, obwohl dies am besten sei und die stärkste ScgenSwirkung ausübe, aber noch immer über Lebendigem. Natürlich müsse es geheim bleiben. Der Meister«volle eS nicht, doch der käme vo� dem Donnerstag der nächsten Woche nicht, uz«d «kiel könne von Sonnabend bis dahin fertig und erledigt sein. Und kichernd, funkelnd, unheimlich raunte der Eisgraue lvcitcri es wäre damit gleichzeitig die Gelegenheit gegeben, das Opfer zu bringen... das freiwillige Opfer für das beängstigende Glück, das Schlag auf Schlag ihn, den Nikolaus Prus. träfe. So würde durch dieses Opfer Strafe und Rache abgelenkt, und gleichzeitig für die Zukunft gesorgt, für den Sohn, der einst di�s neue Haus doch bewohnen solle. Seit vorhin wisse er auch, was einzig in Betraft käme... etlvas, das zugleich lebendig und ihnen sehr lieb se«. Ter alte Maurer nahm, als hätt' er genug gesagt, seine Arbeit auf. Nur einmal drehte er fich noch um. sah mit einem bösen Blick nach dem Hund und lvics mit dem Finger auf ihn hin: „Terl" Da ging ein Rucken und Zucken durch die Gestalt von Nikolaus Prus. Ein Lachen, das wie ein Gurgeln klang, als war ihm der Weg versperrt:.Luderchen l" Und er stürzte sich auf den Hund, als müßt' er ihn schützen und halten für Lebenszeit. Er nahm ihn empor und ging unwill- lürlich zurück mit ihy«, als ob ihm jetzt schon Gefahr drohe. «Niemals I" schrie er..-„NkmalZ!" Und ballte gegen Plawinski die Faust:„Q du Besessener!" Der aber zuckte nur die Achseln.„Für wen. Söhnchen," näselte er,„soll cZ sein? Für mich? oder für dich, für die Pani, für den Witold? Tu's oder tu's nicht... deine Sache, nicht meine!"» Von dem Tag an lachte Nikolaus Prus nicht mehr. Er wutzie, wie es kommen würde. Zwar sagte er auch jetzt noch das„Nie- malS", das er dem Alten entgegengeschrien hatte, aber jedesmal, wenn er es nach der schweren Durchackerung derselben Furche sagte. klang es unsicherer und schwächer. ES waren zu viel gegen ihn, den Einen. Tag für Tag arbeitete der Greis mit den mahlenden Kiefern nebenan, und das heimliche Grauen, das durchs Torf lief, schien fich in ihm verkörpert zu haben. Tag für Tag bohrte seine Frau, die Pellascha... bohrte mit halben Worten: es wär doch schön, wenn sie dann sorgenfrei leben könnten, und man dürfe etwas Liebes wohl hergeben für etwas Lieberes, für den Sohn, dem das Glück des Hauses einst zu gute kommen sollte. Tie Pani war im Herzensgrunde des Handels froh: sie selber machte sich aus dem Hund wenig, und wenn chr Mann auch an dem Tier hing, man kam doch billig dabei fort. Ein Schwein wär teurer gewesen. Am schlimmsten war, daß eine heimliche Stimme in Nikolaus Prus selber sich auf die Seite der Beiden stellte und unaufhörlich über das„Niemals" hinweg flüsterte: es sei für den eigenen Frieden, für den Sohn, für die Zukunft. Wie eine Kette, die sich aufrollt, abläuft, und wieder aufrollt, zog das Für und Wider durch den Kopf des Kossäten. Er lief Tags herum, er lag Nachts im dickgestopften Bett und schlief nicht. Er quälte sich und wurde immer miirber. Oft sehnte er sich, dem Alten, der langsam, langscun arbeitete, aber doch vorwärts kam, ins Gesicht zu schrein, weshalb es nicht ginge, ihm klarzumachen, daß er seinen Liebling doch nicht einem qualvollen Tode überliefern könnte, aber der Alte schwieg und schwang die Kelle, als Hütt' er nie etwas ge- sagt, als kümmere ihn die ganze Sache gar nichts mehr. Und wieder ward das heimliche Grauen vor dem seltsamen Greise stärker: wie eine lebendig gewordene Drohung und Forderung, die nicht weicht, die immer da ist und wartet, erschien es dun Kossäten, der nicht aus noch ein wugtc. Und nun war der Sonnabend gekommen. So oder so... heut' mustt' eS sich entscheiden. Unter dem regcntrübcn Himmel sah er, dumpf und stumpf von dem viele» ungetvohnten Denken, und sagte nur immer vor sich hin: Das Luderchen... Das kluge Tier wuht' ja so wenig mehr aus und ein, wie er selber. Denn bald liebkoste er es stürmisch wie seinen besten Freund, bald in Vcr- zwciflung trieb er es mit Steinwürfen fort von sich, weil er dumpf tühlte, dah er es schlichlich doch verraten und verurteilen würde. Und heut, am Sonnabend, hörte m prochen. Begann es zu regnen, dann— dann mochte es eben ge- schehen. Und weder gegen das eine noch das andere sollt' es eine Widerrede geben. Das schwor sich Nikolaus PruS selber zu. Langsam erhob er sich vom Grenzstein. Und plötzlich schien ihm, als kämen von Osten, vom polnischen Wind gescheucht, schwärzere, schwer tragende Wolken heran. Da zuckte sein ver- wittertes Gesicht, und als jetzt das Luderchcn ihn leise und scheu mit der Schnauze anstieh, schrie er es mit schmerz- und wuterfüllter Stimme an und bückte sich mit einem wilden Ausdrucke in den Mienen nach dem Stein. Winselnd entfloh das Tier. Doch ein paar Meter weiter stellte er sich auf die Hinterbeine und bettelte... bettelte, wie es sonst um einen Knochen gebettelt hatte, um seines Herrn Liebe.» Da wandte sich der Kossäte ab, ein gurgelnder Laut ward hör- bar. und er schleuderte mit aller Gewalt den Stein fort— nicht nach dem Luderchcn, sondern in der Richtung, aus der die näselnde Stimme tönte.___ Tann ging er rastlos auf die Felder, schlang zu Hanse das Essen hinunter und wartete. Seme Frau schlich um ihn herum. Er wuhte, was sie wollte. Er hatte die Lippen zusammengepreht und sah schweigend nach dem Himmel. 4 Gegen drei Uhr fing es an zu regnen. Die Tropfen klatschten an die kleinen Scheiben. Es ward ein heftiger, lang andauernder Guh. Einen Augenblick verzerrte sich das verwitterte Gesicht, dann wurde es ruhig. Nikolaus PruS nahm die Mütze. „Und?"— fragte die Pani Pcllascha mit einer Kopfbelvrgung nach dem Neubau. „Macht's, macht's," erwiderte er halb heiser,„aber ich.,. will nicht dabei sein!" Er öffnete die Tür. Er drehte sich noch einmal um, wie unter einem stärkeren Willen. Da lag das Luderchen in seinem Winkel, den Kopf auf den Vorderpfoten und sah unverwandt nach ihm hin. ES wartete nur auf eine Bewegung, dah es mitkommen durfte, und war doch gleichsam schon in sein Schicksal ergeben. Die traurigen Klugen des Tieres rijsen Nikolaus Prus förmlich zurück. Er zögerte. Er hörte den mahnenden Fall der Tropfen. Er senkte dag Haupt und schloh die Tür. Ziel- und zwecklos wanderte er in den klatschenden Regen hinaus. (Fortsetzung wlgt.) lNachdruck verbot«!.) frostige flitterwocken. Von E. Schcnkling- Berlin. Sentimentalen Leuten scheint die Schneedecke, die sich zur Winterzcit über die Erde legt, ein Leichentuch. Mit Unrecht sagt man so. Einem Bettuch ist sie vergleichbar, denn schlummernd, nicht erstorben, ruht unter ihr das Naturlcbcn. Hier und da cnt- faltet sogar mitten im Winter das Leben seine vollste Kraft. Juv Christmond erblüht die Schncerose im Walde und jetzt, im Januar. finden wir sogar Liebesleute dort. Kreuzschnäbel sind cS. die in den Nadelwäldern des Harzes. Thüringer Waldes und des schlcsi- schcn Gebirges nicht selten sind, und soweit die Fichte Massen- bestände in der Ebene bildet, wie in Preußen und Südwestdcutsch- land, auch dort vorkommen. Ein ständiger Brutvogcl ist»der Fichtcnkrcuzschnabcl aber nicht. Zufolge seines Wlahlspruchcs: udi bene, ibi patrial durch» streift er zigcunerartig das Land und tritt in Gebieten, in denen er jahrelang nicht gesehen wurde, plötzlich in großer Menge auf, wenn der Fichtensame, der seine Hauptnahrung bildet, gut geraten ist. Und dieser reiche NahrungZvorrat macht ihm Mut, mitten in Schnee und Eis seinen Haushalt zu etablieren. Das Verhältnis- mäßig große und halbkugelige, aus zarten Nadelhölzern, M00S. Flechten und Graöhälmchcn Hergestellte Nest legt der Bogel vcrsteckb in hohen Fichten an, bald im Wipfel, bald nahe am Stamm, bald auf Gabelästen, immer aber so. daß es von Zweigen bedeckt wird. damit es nicht ins Wochenbett und in die Wiege schneit. Selbst klingender Frost hindert das Tierchen nicht in seinem Brutgeschäft. To berichtet Bechstein:„Im Dezember 1794 und Jänner 1793 war die Kälte so außerordentlich stark, daß daS Thermometer etliche Male 20 bis 30 Grad unter dem Gefrierpunkt stand, und doch! waren in der Mitte und zu Ende des Jänner die jungen Kreuz- schnäbel alle glücklich ausgekommen, so daß vom Geschrei der Jungen die Thüringer Wälder widerhallten." Tie Brut wird mit Fichten- samcn großgefüttert, den das Weibchen in kleinen Portiönchen im Kropf aufweicht. DaS Geschäft des Auffütterns dauert ziemlich lange, denn der Schnabel des jungen Bogels muß erst erhärten, ehe er die Form annimmt, die eine selbständige Nahrungsausnahme ermöglicht. Höchst interessant ist es. den Vogel beim Schmause zu bcob- achten. Hat er einen ihm zusagenden Zapfen gefunden, so ergreist er ihn mit dem einen Füßchen, während er sich mit dem andern am Zweige festhält, bricht ihn mit dem Schnabel ab und trägt ihn auf einen breiten Ast. Hier legt er den Zapfen so nieder, daß dessen Längsachse mit der seines Körpers zusammenfällt, ihn mit einem Fuße festhaltend. Das Ausllauben selbst geschieht in der Weise, daß der Vogel mit der Spitze seines Obcrschnabcls die breite Teck- schuppe, unter der der Same verborgen ist, in der Mitte aufreißk, den etwas geöffneten Schnabel darunter schiebt und den Kops se,t- wärtS dreht. Durch die ruckweise Kopsbewcgung, werden die Schuppenhälftcn beiseite geschleudert und der Same bloßgelegt. Gleich dem Papagei des Tropcnwaldes nimmt nun der„Papagei der deutschen Wälder" den Samen auf, wendet ihn mit der Junge hin und her, bis er von dem Flugblättchcn und der Scbale vefreit ist und verschluckt ihn. Da ein und derselbe Vogel bei der Nahrungsausnahme sein Köpfchen stets nach der Richtung dreht, die er beim Ausklauben seines ersten Samenkorns annahm, wird der anfangs noch biegsame Obcrschnabcl entgegen der Kopfbewegung, gedrückt und nimmt allmählich zu dem gerade bleibenden, weil fixierten Untcrschnabcl eine gekreuzte Stellung ein: so schlägt der Obcrschnabcl nach rechts oder links— je nachdem er gewöhnt wurde. Ter Gebirgler unterscheidet demnach«rechte" und„link« Krinitzc", wie er unseren Bogel nennt. Wennschon der Kreuzschnabel auch andere Sämereien, zur Zeit der Not sogar Insekten, besonders Blattläuse, verzehrt, so bilden seine Hauptnahrung doch Nadelholzsamcn. Mit deren Gedeihen stehen nicht nur die unregelmäßigen Wanderungen dieser Zigeuner, Vögel im Zusammenhang, sondern es wird durch sie noch eins weitere mcrkivürdige Eigentümlichkeit des Vogels bedingt,»ämlichj die, daß er nicht verwest. Brehm berichtet, daß ein im Hochsommev geschossenes Exemplar in den Federn ein Jahr lang und ein anderes, das, zur Mumie eingetrocknet war, zwanzig Jahre lang sich unverändert hielt. Diese Eigenschaft rührt von der Menge deg Harzes her, die der Vogel mit dem Nadelholzsamcn zu sich nimmd. wie daraus hervorgeht, daß Individuen, deren Hauptnahrung in anderen Sämereien bestand, diese Eigenschaft nicht besitzen. Noch eins ist es, das den Kreuzschnabel zu einem durchaus originellen Gesellen macht, nämlich sein Fcdcrlleid oder vielmehr die Farbcnändcrnng in diesem. Erwiesenermaßen gibt es nämlich von der dritten Mauser an gerechnet kaum zwei männliche Kreuz, schnäbel. deren Gefieder ein gleiches Aussehen hat. In ihren» Jugendtleide tritt das Grau noch mehr zutage als in dem graugrün gefärbten Habit des Weibchens. Beim jungen Männchen wird dgK Gefieder nach der ersten Mauser gelbgrün. Da in diesem Falle der Farbcnwcchsel nicht nur durch die Mauser hervorgerufen wird, sondern auch durch Verfärben, so wird das Kleid um so gelber, je länger es getragen wird. Die Fahnen einzelner Federpariien namentlich an der Brust, erhalten nach und nach einen orange- sorbcncn Saum, während der übrige Teil die graugrüne Farbe beibehält. Nach der zweiten Mauser ist das Kleingeficdcr der jungen Männchen rot. wiederum zunächst nur am Fahncnsaum, während der Lmupttcil der Feder graue Färbung angenommen hat. Das Rote des Saumes breitet sich immer mehr nach dem Schafte hin auS, bis es schließlich die ganze Fabne überzieht und auch gesättigter erscheint; der bisher orangefarbene Saum wird nunmehr karminrot. Diese Verfärbungserscheinungen vollziehen sich aber sehr unregelmäßig, so daß. wie bereits gesagt, nach der dritten Mauser kaum zwei Männchen in der Färbung gleich sind. Die Weibchen erhalten nie ein rotes Gefieder und auch Männchen, die im Käfig gehalten werden, kommen niemals über das gelbe hinaus, doch sollen sie das orangefarbene Kleid bekommen, wenn sie dauernd im Freien hängen. Andererseits verlieren völlig aus- gefärbte, also hochrote, Männchen nach der ersten Mauser, die stc ■im Bauer überstanden, ihre schöne Färbung und werden zum größten Leidwesen ihres- Pflegers düster grünlichgelb. DaS weist darauf hin, daß die Verfärbung der Vogclfedcrn unter anderem auch von der freien Luft beeinflußt wird. Gleich dem männlichen Kreuz- -schnabel erhalten auch die Pirolmännchcn und der Blutfinkcnhahn im Käfig ihr Prachtkleid nicht. Unser Vöglcin spielt auch in der Legende eine Rolle: die Nnomalic seines Schnabels soll die Folge des Versuches sein, am ersten Karfreitag die Nägel aus dem Stamm des Kreuzes zu ziehen, wobei das hcrabricsclndc Blut des Gekreuzigten sein Kleid färbte; auch die Unvcrwcslichkeit und der Trieb, im Winter zu misten, verdankt nach der Legende der Vogel diesem Bcfrciungs- versuche: ..Verwesen sollt ihr nicht, der Tat zum Lohne; Die Waldung biet' euch nicht das Futter spärlich," So sprach gerührt der Herr mit mildem Tone, „Selbst rauher Winter bleib' euch ungefährlich, Da sollt allein ihr nisten..." So find also die Kreuzschnäbel„geheiligte Vögel". Aber nicht icins diesem Grunde haben die Gebirgler sie zu Stube ngenosscn gc- wacht, auch nicht wegen der Kurzweil, die die kleinen gefiederten Turner in ihrem Käfig dem Vogclfrcund bereiten, sondern aus— Aberglauben. Die Vögel sollen nämlich gewisse„Krankheitsstoffc" an fich ziehen, und zwar die rechten Krinitzc die der Männer, die linken die der Frauen. Wo Kiefern mit Fichten und Tannen untermischt stehen, kommt her Kiefcrnkmizschnabel vor, dessen gleichfalls prächtig rotgcfärbto? Gefieder in den verschiedensten Abstufungen vom Mennigrot bis zum dunklen Ziegelrot wechselt. Er ist kräftiger als jener, auch schwerfälliger, klettert aber doch geivandt an den dünnsten Zweigen auf nud ab, hängt fich auch kopfabwärtS daran.und gebraucht Schnabel und Füße ganz noch Art der Papageien. Eine Krcuzschnabelgcscllschast bildet zu jeder Zeit eine schöne Zierde der Waldbäume. Am prächtigsten aber nimmt sie sich au». wenn dicker Schnee auf den Zweigen liegt. Daun heben sich die roten Vögclchcn von der weißen Last und dem düsteren Nadelgrün lebendig ab und wandeln de» Fichtcnwipfel zu einem Christbaum um, wie er schöner nicht gedacht werden kann. Zu der ansprechenden Färbung gesellt sich ihr frisches, fröhliche? Leben, ihre stille nn- unterbrochene Regsamkeit. Dir Männchen lassen das einfache, au? eigentümlich klirrenden und zwitschernden'Tönen zusammengesetzte Licbeslied hören, produzieren sich auch in kleinen Flugkünstrn, bik sie ein Weibchen gefunden haben. Mit diesem trennen sie sich von der Gesellschaft und richten die Kindcrwicge her, die so schön und so fest und so dicht zusammengewirkt ist, daß mau nicht begreift, wie sie dieser so ungeschickt'emsschcndc Vogel mit seinem Kreuz- schnabel hat anfertigen können.— Kleines Feuilleton. Missivuspredigt des F. Joseph us gegen den Sport. Liebe Christengemeinde! Im vorigen Jahr habe ich euch den twzuchtStenscl geschildert, der>vo bei schlampeten Fraucnzimnwrn unter dem Buscntüchel wohnt oder gleich gar aus der nacketca Haut fitzt, ivenn sie ihre seidenen Fetzen>o weit ausschneiden. Er freut fich über die höllische Wärme, de wo beim Tanzen aufakmunt und rapiti capiti hat er den christlichen Jüngling beim Heft, mit dem er Vielleicht liebevoll die giftige« Dimsl' auftchmeckt. Apage Satan as! sag i. apage du Höllenfürst! Aber natürlich die Menscher müssen flaiAeln. und wenn die Röck fliegen, merken sie nicht, daß ihnen der Spirigankerl den Takt pfeift. Liebe Christengemeinde! Jetzt haben wir aber noch einen anderen Unzuchtsteufel. und der ist gleich gar ein Engländer und heißt Sport. Jesses Morand Joseph l Beim man mit leibliche» Augen zuschauen muß, wie da eine unsterbliche Seele nach der andern in die Holl abirutscht und mit einem solchem Schwung, daß sie im Fegfeuer gleich gar rnmmer bremsen kann! Rodelt's nur! Rodelt's nur, ihr Malefizpamien, daß euch die letzten Unterrock köpf- aus in die Höh steigen und der Teufel gleich weiß, wo er anpacken muß. Zeigt'S aS nur her, eure Waderln und die schwarzen Strümps und noch was dazu, daß euer Schutzengel abschieben muß über dem grauk-licheu Anblick! Ja, was stech i denn da? Ein Trunim Mensch, das schon zehn Jahr aus der Feiertagsschul is, schnallt fich Schlittschuh an. wie ein laufigs Schuldeandl, und rutscht am Eis unianand. Und natürlich, er is aa dabei, der feine Herr mit sein Zwickerbandl hinter die Ohr- wasckcl! Habt's aS net g'hört, daß die Glocken zum heiligen Rosen- kränz laut? Hört's net glei aus mit dem Speonzeln, und mit m G'fickitenchneiden. und mit dene Redensarten, die von der Peppen ins Herz hinein tropfen? O du Annifierlarvcn, du auSg'schamte, wa-Z hängst denn dn deine Augen so weit außer, daß ma'S glei an der Knopfgabel putzen könnt? Hat er was g'sogt, dein abg'schleckter HerzenSaff? Hat er was g'sagt, daß deine Kuttclflcck vor lauter Freud in die Höh hupfen? Und in Rosenkranz gehst net nei. du arme, verlorene Scel, und ausg'rutscht bist aa scho, und der Teufel hat di bei deine langen Haar? Gelt, da schaugst, wenn di der Teufel mit der glühenden Fang in dein Hintern zwickt, weil'S d'n jetzt gar n so drohst? Ja. ja. ja. ja! Ja, was kimmt deml da daher? D' Frau Muatta mit die zwoa Töchter auf die Ski? San S' da, Madam, und hat'S Ihnen neig'sckmissen in den Schneehaufen, daß de dicken Elesantenftiaß zum Firmament aufistengan? Da kann ja unser Herrgott a halbe Stund lang nimmer aba schaug'n. suust muaß er dös abscheuliche Schastt-Ouasti sehg'n, döS wo eahm Sie aufirecken I Pfui Teufi l sag i, pkui Teufi l Und di Fräulein Töchter, habe die Ehre I Plumpstika, liegt auch schon da! Freili, was ma siecht, is ja netter, alS wie bei da Frau Mama. Aba g'langt denn dös net. daß Ihnen da Herr Verehrer vom Hofball her bis zum Nabel kennt? Muaß er no mehra seh'gn? Muß Sahna denn der Teufel aa bei der untern Partie dcrwischen? Ja, strainpeln S' nur mit die Füaßerln l Er schaugt scho hin; er siecht's scho! Servus. Herr Luzifer l Da kriag'n S' amal a feines Bröckerl in de» höllischen Surkübel. Amen! (Peter Schlemihl im„SiulplieissimuS".) Anthropologisches. Menschenopfer in Japan und China. In seiner Eröffuimgsrede ftir das Anthropologische Institut für Großbritannien (1907) behandelte Präsident Gowtand. wie wir im„Globus" lesen, auch die alljapanischen Menschenopfer, die bei der Bestattung von Kaisern Sitte waren, worüber in den alten Chroniken (Rihongi) ausführliche Berichte vorliegen. Im Jahre 2 der christlichen Zeitrechnung wurde ein Prinz begraben. „Darauf", heißt es im Nihongi,„drrsammeltc man seiue Diener ,md begrub sie alle aufrecht im Bereiche des Misasagi (Dolmen). Sie weinten und schrien Tag und Rächt, bis sie starben und verwesten. Hunde und Raben kamen und verzehrten sie." Da- dtirck wurde der Kaiser Suinin tief gerührt und sagte, es sei un- § erecht, daß jene, die einem treu im Leben gedient, ihm auch im 'odc folgen sollten. Sei eS auch alter Brauch, so sei er doch schlecht. Es solle darüber beraten werden, ob er auch ferner beizubehalten sei. Als daim im Jahre 3 die Kaiserin Hibasuhnne starb, warf der Kaiser wieder diese Frage auf. und sehte Ratgeber stimmten mit ihm überein. daß es sich um einen häßlichen Brauch handele. WaS nun folgt, erläutert luis an der Haud geschichtlicher Quellen sehr gut die auch anderwärts beobachtete Abschwächung eine» grauen- vollen Opfergebrauches und die Emschiebung eines Bildes für den zu opfernden lebenden Menschen. Der Kaiser sagt«, schon früher habe er das Mitbegraben Lebender als Mißbrauch erkannt, aber was dafür au die Stelle setzen? Da schlug fem Ratgeber Nonn no Sukuuc vor, er wolle hundert Tonarbeiter aus dem Lande Jdzamo kommen lc.sscn, denen er. nach ihrem Eintreffen. Anleitung gab. Figuren in Menschen oder Pferdcgcstalt zu formen, sowie allerlei andere Gegenstände, die er dem Kaiser zeigte und wobei er sprach:«Möge es nun für die Zukunft ein Gesetz sein, diese Ton- figrrren an Stelle der lebenden Menschen zu setzen und sie auf den Tiunuli auszustellen." Dn war der Kaiser hocherfreut und dankte Komi no Sukune. Die Tonfigureu aber benaimte man fortan Haniwa(Tonringe) oder Tatcmono(mifgesiclltc Dinge». Der Kaiser erhob diese An dc-Z Ersatzes zum Geietz und wies den herbei- gerufenen Tonarbeiteru eine» besonderen Arbeitsplatz an. In China sind derartige Menschenopfer schon Ö78 vor Christus bezeugt; in emzelnen Fällen handelt cS sich um 6C und 177 Geopferte. auch dir Konkubinen der Kaiser waren dabei, sofern sie noch kein Knid geboren hatten. Im Jahre 117 vor Christus koimut dami die Nachricht vor, daß man Steinstguren voir Menschen und Pferden auf dem Grabe von Hohkü-ping ausgestellt habe. Viele der alten japanischeu Toufigureu, die incm heute als tsuchi ningyo bezeichnet, haben sich erhallen und find von Gowland abgebildet worden. Sie zeigen zum Teil recht primitive Formen. «erantwortl. Redakteur: H-nS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag:? orwärtS Buchdruckerei u.VerI«g»iinstal: Paul Singer«cSo..Brrlin S W.