Anterhatwngsblatt des Horwärts Nr. 8. Sonnabeno� öen 11. Januar. 1908 lRalbdnick verboten) si Sckilf unä Scklamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Abgesehen von diesen Scherzen, durch die er sich draußen erleichterte, behielt der Onkel Paloma der Familie seines Sohnes gegenüber eine kalte und gleichgültige Haltung bei. Er kam nachts, mit dem„Monot" auf dem Arm, einem Paket Netze und einem Holzkasten mit einigen Aalen, nach Hause und stieß seine Schwiegertochter mit dem Fuß, sie sollte ihm am Herde Platz machen. Zuweilen wickelte er einen Aal um ein Stück Holz und drehte ihn geduldig am Feuer hin und her, bis er geräuchert war. Ein andermal holte er sich aus seiner Barke seinen alten Kochkessel, in dem allerlei Dinge lagen, leerte ihn aus und machte sich einen riefen- großen Schlei zurecksi, oder er schmorte die Aale mit Zwiebeln und bereitete sich ein Gericht, das reichlich für ein halbes Dorf hingereicht hätte. Dieser magere, kleine, alte Mann war gefräßig, wie alle alten Söhne des Albuferasees. Er aß ernsthaft nur einmal. abends, wenn er vom Fischzug nach Hause kam. Dann setzte er sich, seinen Kessel zwischen den Beinen, in einen Winkel auf den Erdboden, verbrachte so stillschweigend ganze Stunden. ließ seine alten Ziegenkinnbacken arbeiten und verschlang auf diese Weise ungeheure Quantitäten von Nahrungsmitteln, deren Volumen die Leistungsfähigkeit eines menschlichen Magens erheblich zu übersteigen schien. Er benutzte zu seiner Nahrung nur, was ihm selbst ge- hörte, was er sich bei seiner Tagesarbeit erobert hatte. Er kümmerte sich auch nie darum, was seine Kinder aßen, und bot ihnen nie das Geringste aus seinem Kessel an.„Jeder lebe von seiner Arbeit." Seine kleinen Augen glänzten in boshafter Freude, wenn er auf dem Tische der Familie eine einzige Schüssel mit Reis sah, während er die Knochen eines Vogels abnagte, den er an einem Orte, sicher vor den Feld- Hütern, erlegt hatte. Toni ließ seinen Vater ganz nach seinem Belieben hau- deln. Man durfte nicht daran denken, den Alten auf bessere Gedanken zu bringen, und die düstere Einsamkeit herrschte weiter zwischen ihm und der Familie. Der kleine Tonet bil- dete den einzigen Verbindungspunkt. Oft näherte sich der Enkel dem Onkel Paloma, von dem kräftigen Duft des Kessels angelockt. „Da, armer Kleiner, da," sagte der Großvater, mit einem Ausdruck inniger Zärtlichkeit, als hätte er ihn im tiefsten Elend gesehen. Dann gab er ihm eine fette, schmackhafte Hühnerkeulc und freute sich, wenn er ihn schlingen sah. Wenn er sich zufällig mit seinen alten Freunden in der Schänke vergnügen wollte, dann nahm er den Kleinen zu- weilen mit, ohne den Eltern etwas zu sagen. Ein andermal war das Fest noch schöner. Schon am frühen Morgen verspürte der Onkel Paloma ein heftiges Ver- langen nach Abenteuern und stieg mit einem alten Kameraden in den Dickichten der Dehesa an Land. Stundenlang lagen sie hier im Grase ausgestreckt auf der Lauer und beobachteten die Feldhüter, die keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hatten. Sobald die wilden Kaninchen erschienen und in Dornen und Buschwerk herumsprangen, ertönten zwei Schüsse: zwei Kaninchen wurden in den Beutel gesteckt, dann liefen die Alten, was sie konnten, erreichten ihre Barke und stießen sie nach dem See, wo sie die Feldhüter verspotteten, die eifrig nach allen Seiten liefen. Derartige kühne Streifzüge ver- jungten den Onkel Paloma. Man mußte ihn nur in der Schänke abends hören, wenn er sich dieser Heldentaten rühmte, während er in Gesellschaft seiner guten Freunde, die den Wein bezahlten, das Wildpret zubereitete. Heutzutage war kein junger Mann mehr imstande, so etwas zu tun. Und> wenn die Schüchternsten vom Gesetz und seinen Strafen sprachen, dann erhob der alte Schisfsführer stolz den Kopf,; den er infolge der beständigen Handhabung der Ruderstange stets geneigt hielt. Die Feldhüter waren unglückliche Mcn- 1 schen, die diese Stellung nur annahmen, weil sie arbeitsscheu waren, und die Herrschaft, die die Jagd verpachtete, ein Haufen Diebe, die alles für sich behalten wollten. Der Albuferasee gehörte ihm untz all den anderen Fischern. Wären sie in einem Palast zur Welt gekommen, so wären sie Könige. Gott mußte wohl seine Absicht dabei haben, daß er sie hier hatte geboren werden lassen. Alles andere waren Lügen, die die Menschen erfunden hatten. Wenn er das Abendesien ver> schlungen, und nur noch sehr wenig Wein in den Bechern übrig war, betrachtete der Onkel Paloma seinen Enkel, der zwischen seinen Beinen schlief, und zeigte ihn seinen Freundem Der Kleine würde ein wahrer Sohn des Albufera werden. Er wolle seine Erziehung übernehmen, damit er die Verrückt heiten seines Vaters nicht auch noch nachahmte. Der würde einmal die Büchse mit glänzender Geschicklichkeit handhaben, würde den See wie ein richtiger Aal kennen, und wenn sein Großvater einmal tot war, würden alle künftigen Jäger auf der Barke eines anderen, jüngeren Paloma fahren, der genau so war, wie er selbst, als er die Königin, die er durch seine Späße so sehr erheitert, herumgerudert hatte. Trotz dieser Intermezzi kam die schlummernde Gehässig« kcit des Alten gegen seinen Sohn nicht zur Ruhe. Er wollt- die erbärmliche Erde, die dieser bebaute, nicht sehen, dachte aber stets daran und rieb sich mit teuflischem Lachen die Hände, als er erfuhr, daß es mit Tonis Geschäften schlecht stand. Im ersten Jahre verheerte der Salpeter die Felder gerade in dem Augenblick, wo der Reis aufgehen sollte, und die Ernte war sozusagen verloren. Der Onkel Paloma erzählte mit hoher Freude die Neuigkeit einem jeden: als er aber die Traurig« keit seiner Familie und die Not sah, die der Fehlschlag zur Folge hatte, empfand er eine gewisse Rührung und brach sei» Schweigen dem Sohne gegenüber, um ihm Ratschläge zu er- teilen. War er überzeugt, daß er zum Wasser gehörte und kein Arbeiter war? Er war ein Sohn von Fischersleuten und sollte zu seinen Netzen zurückkehren. Aber Toni protestierte mit übellaunigem Knurren und gab seinen festen Entschluß kund, fortzufahren, während sich der Alte wieder in seine stumme Gehässigkeit verschloß. Ach, der Eigensinn!... Von diesem Augenblick an begann er zu wünschen, alles mögliche Unglück möge sich auf die Aecker seines SohneS herabsenken: er betrachtete daS als das einzige Mittel, seinen hochmütigen Widerstand zu brechen. Er ver- langte nichts mehr im.Hause, doch wenn er in seiner kleinen Barke saß und die großen von Salcr kommenden Boote kreuzte, erkundigte er sich»ach dem Fortgang der Ernte und empfand eine gewisse Genugtuung, wenn er hörte, das Jahr künde sich schlecht an. Sein Eigensinn von Sohn würde also vor Hunger sterben. Jetzt würde er, wenn er etwas zu esien haben wollte, auf den Knien um den Schlüssel des alten Aal- kastens mit dem eingesunkenen Strohdach bitten müssen, den sie in der Nähe von Palmar besaßen. ' Die Stürme, die gegen Ende des Sommers herrschten, er« füllten ihn mit froher Freude. Die Schleusen deS HimmelZ sollten sich öffnen, der See sollte die Felder überschwemmen und die Reisgarben in dem Augenblick ertränken, wo sie ge- rade zum Mähen gut waren, wie er das schon zuweilen ge« sehen. Die Arbeiter würden vor Hunger umkommen, aber was würde ihn das kümmern? Er hatte ja die Fische de? Sees, und außerdem hatte er das Vergnügen, daß sein Sohn, der nichts zu essen hatte, um seinen Schutz flehen mußte. Zum Glück für Toni gingen die Wünsche des Alten nicht in Erfüllung. Die Jahre wurden wieder gut, und ein ge- wisser Wohlstand herrschte in der Hütte. Man lebte, und der mutige und fleißige Arbeiter grübelte, wie über einen unerfüllbaren Trauni, über die Möglichkeit nach, Aecker zu be- bauen, die ihm nicht gehörten, und für die er alljährlich m der Stadt eine Pacht bezahlen mußte, die dem Werte der Ernte fast gleichkam. Um diese Zeit vollzog sich ein Ereignis im Leben der Palonia. Tonet wuchs heran, und seine Mutter wurde traurig. Der Junge begleitete seinen Großvater auf den See hinaus: wenn er größer sein würde, sollte er mit dem Vater auf den Feldern arbeiten, und die arme Mutter mußte jetzt schon den ganzen Tag allein in der Hütte verbringen. Sie dachte an diese Zukunft und fürchtete die Einsam- keit. Ach, wenn sie andere Kinder gehabt hätte.... Mit größter Inbrunst bat sie Gott um eine Tochter. Doch die Tochter kani nicht, und der Alte behauptete, sie könne auch nicht mehr kommen. Seine Schwiegertochter befand sich in einem kläglichen Zustande. Sie sah immer krank aus, und konnte sich nicht lange auf den Beinen halten, ohne zu klagen. An gewissen Tagen schleppte sie sich nur mit dunipfem Ge- stöhn, das sie, um die Ihrigen nicht aufzuregen, in Tränen erstickte. Toni schloß sich den Wünschen seiner Frau lebhaft an. Er dachte, es müsse gut sein, ein kleines Mädchen im Hause zu haben, es würde der armen Kranken helfen. Sie machten also eine Reise nach der Stadt und brachten ein kleines Mädchen von sechs Jahren mit, ein schüchternes, wildes und häßliches Tierchen, das sie sich aus dem Findelhause geholt hatten. Sie hieß Visanteta, aber jedermann in Palmar nannte sie mit der unbewußten Grausamkeit der ungebildeten Leute la Borda(der Bankert), damit sie ihren Ursprung nicht vergesse. Der alte Schiffer war außer sich.„Ein Mund mehrl" Doch der kleine Tonet, der damals zehn Jahre zählte, fand diese Kleine, die all seine Ansprüche und Launen eines� einzigen, sehr verzogenen Kindes ertragen mußte, nach seinem Geschmack. Die Borda fand in der Hütte keine andere Zuneigung, als die der armen kranken Frau, die jeden Tag schwächer und hinfälliger wurde. Die Unglückliche wiegte sich in der Jllu- sion, sie hätte eine Tochter, nahm sie abends vor der Tür auf den Schoß und kämmte sorgfältig ihr zerzaustes rotes Haar, das sie vorher tüchtig mit Oel eingeschmiert hatte. Sie war wie ein lebhafter und gehorsamer kleiner Hund, der fröhlich durch das Haus trabte, sich jeder Arbeit fügte und, ohne sich zu betlagen, alle Bosheiten Tonets ertrug. Mit höchster Anstrengung ihrer kleinen Arme schöpfte sie mit einem Krug, der ebenso groß war, wie sie, Wasser aus denr Kanal und schleppte ihn vom Rande der Dehesa bis zur Tür. Sie ging tagtäglich ins Torf, um für ihre neue Mutter ein- zuholen ilnd blieb beim Essen mit gesenkten Augen stehen: dabei hütete sie sich wohl, ihren Napf hinzuhalten, ehe alle anderen nicht die Mahlzeit bis zur Hälfte beendet hatten. Der Onkel Paloma flößte ihr mit seinem tiefen Schweigen und den wilden Blicken, die er ihr zuwarf, eine schreckliche Furcht ein. Da die beiden Zimmer, das eine von dem Ehepaar das andere von dem Großvater und Tonet in Anspruch genommen waren, so schlief sie mitten in der Hütte im Schlamm, der durch das Stück Segeltuch drang, aus dem ihr Bett bestand', dabei quälten sie die Natten und beständig suchte sie sich vor der Zugluft zu schützen, die durch die nicht ordentlich schließende Tür und den Kamin eindrang. Ihre einzige angenehme Zeit>var der Nachmittag. Wenn alles in der Gegend ruhig war, die Männer in der Lagune oder aus den Feldern waren, setzte sie sich zu ihrer Mutter, um Segel zu nähen oder Netze zu flicken. Beide plauderten mit den Nachbarinnen in dem tiefen Schweigen der einsame» unregelmäßigen, mit Gras bewachsenen Straße, in der die Hennen herumliefen und die Enten ihr eintöniges Geschrei ausstießen. � Tonet ging nicht in die Torfschule, ein kleines, feuchtes, von der Ortsbehörde bezahltes Haus, wo Knaben und Mädchen in einem Gemisch schlechter Gerüche den Tag mit dem Herleiern des A-B-C oder mit dem Auswendiglernen von Gebeten hinbrachten. „Er wäre schon ein Mann," erklärte sein Großvater, der ihm die Arme befühlte, um ihre Festigkeit zu prüfen, und ihm mit der Hand auf die Brust schlug. In seinem Alter konnte der Onkel Paloma essen, was er sich fischte, und hatte schon auf alle Böge! des Albufera geschossen. Der Junge folgte seinem Großvater mit Vergnügen bei allen seinen Streifzügen zu Wasser und zu Lande. Er lernte die Ruderstange handhaben, er schoß wie ein Meteor durch die Kanäle, und wenn die Jäger aus Valencia kamen, dann ließ er sich am Bug nieder, half dem Alten beim Aufgeihen des Segels und sprang manchmal ans Ufer, um die Taue heranzuziehen oder daS Boot über eine schwierige Stelle zu bringen. (Fortsetzung folgt.) MlKelm ßufcb•f* Von Ernst Schur. Es gibt kaum ein Buch über ihn. Die Kunstgeschichten, die ihn berücksichtigen, nennen ihn mit Achtung, verweilen aber nicht allzulange bei ihm. Er, der mit seinem Werk in die weitesten Kreise gedrungen ist, den die Künstler unbedingt schätzen und an» erkennen, der über dem Gegensatz von alter und neuer Zeit steht. und der der Vater der modernen Karikatur überhaupt, der Schöpfer einer neuen Kunst zu nennen ist, er ist nicht in langen Ausführungen verherrlicht. Es mag dies eben daran liegen, daß er mit seinen Werken, die so staunenswert höchste, reifste Kunst mit Allgemeinverständlichkeit vereinen, sich das Publikum selbst so nachhaltig erobert hat, daß es nicht nötig war, daß der Erklärer mit langen Untersuchungen und Auseinandersetzungen an seine Seite trat. Aber seltsam bleibt es doch, daß man sich fast der. geblich nach einer Literatur über diesen eigenartigen Künstler umsieht, die sonst um jeden einigermaßen bekannten Künstler so üppig blüht. Büschs äußeres Leben verlief ohne große Aufregungen und Sensationen. Er ist in Wiedensahl in der Provinz Hannover am 1ö. April 1852 geboren. Sein Onkel erzog ihn. Er kam dann aus die Polytechnische Hochschule in Hannover, besuchte die Maler- akademie zu Düsseldorf. Er machte eine Reise nach Belgien und studierte in Antwerpen, dann in München weiter. Er war keiner- von den ehrgeizigen Schülern, im Gegenteil, er galt als faul. Er besah sich die Welt und schien nichts Bedeutendes anzustreben. Doch war er ein Freund von Geselligkeit, und in dem Münchener Künstlerleben spielte er eine tüchtige Rolle. Damals wurden die „Fliegenden Blätter" gegründet, und ohne daß er sich recht be- mühte, wurde er in die neuen Bestrebungen hineingezogen, da man von den Festen her seine Begabung für Humor und Satire kannte. Er begann seine Laufbahn als Karikaturzeichner, ohne sich recht darüber klar zu sein, daß er hier sein eigenes Wesen erst entdeckte. Und ebenso sprunghaft wie der Anfang, war das Ende. Eines Tages bekam er die Arbeit satt und zog sich in das Dorf Mechtshausen im Harz zurück, mit Bienenzucht beschäftigte er sich fortan; hier starb er. Hierin beruht Büschs Meisterschaft: daß er für die Begeben- heite» des Leben? die karikaturistische Form fand und diese so rücksichtslos durchführte(in einer Zeit, wo man schlecht und recht und meist ohne Charakter malte), daß sie vorbildlich für alle Welt wurde. Sie trug den Stempel des Genialen, und die Franzose» verehren in ihm den König der Karikatur. Dieser karikaturistischen Form liegt nicht Voreingenommenheit zugrunde, so daß man aus dem Ganzen bald ein Schema, eine Schablone herausmerken könnte. Der unerschöpfliche Reichtum des Lebens wirkt dahinter. Das gibt den Zeichnungen den Stempel des Genialen. Bewußte Meisterschaft gesellt sich zu ganz unbefangener Betrachtung. Das ist das Künstlerische: aus dm Moment ist das wesentliche herausgeholt. Dieses Auge sah so scharf, wie wir es erst in dem Zeitalter des photographischen Apparates und unter dem Einfluß der japanischen Kunst lernten; und die Hand gab so sicher und unbefangen alle die Kühnheiten wieder, wie wir es erst jetzt unter dem Einfluß des Impressionismus wagen. Zu unserer Zeit wäre Busch vielleicht erner der kühnsten Impressionisten geworden. DamakL. als alles schematisch und trocken und lehrhaft malte, mußte sich die lebendige Kunst in die Karikatur flüchten, die damit erst geschaffen wurde. Seinen Gegenstand befreit Busch von dem Ueberfluß des Vielerlei, er bringt das Zufällige auf eine restlose Formel. Dieses Wenige gibt er in scharf charakteristischen Linien, mit einer ver- blüffcnden Souveränität, die anscheinend nachlässig sich gehen läßt, in Wahrheit aber sich jeden Augenblick in Zucht hat. Diese Linien wissen ganz genau, wohin sie zielen. Der Künstler beobachtet bas Leben. In langer Arbeit holt er aus dem Zufall einer Erscheinung den Charakter, das Bezeichnende heraus; das schreibt er in raffiniert künstlerischer Berechnung hin, unbekümmert um Schön- heitöregeln. Er gibt so gewissermaßen ein künstlerisches Steno- gramm einer Erscheinung, einer Gestalt, einer Bewegung. Aber er bleibt nicht in der Skizze stecken. Er holt schon aus dem Impressionismus etwas Neues, Eigenartiges heraus, das mehr ist als zufällige Beobachtung. Er holt bleibende Werte aus dem Moment heraus und seine Linie, so prachtvoll sie allen Intentionen gehorcht, hat dennoch schon eine dekorative Kraft. Wie viel zuckende? Leben ist in diesen Zeichnungen, viel reicheres Leben als in manchen gepriesenen Arbeiten moderner Künstler, denen Lebcnswahrheit, Augenblicklichkeit der Erscheinung nachgerühmt wird. Und trotz aller momentanen Treue dieser Fleiß, dieses liebevolle Versenken, Eigenschaften, deren Vereini- gung sonst unmöglich erscheinen. Man muß erstaunen: ohne daß Busch irgend etwas von japanischer 5lünst gesehen hätte, gibt er in seinen Arbeilen Beweise von derselben verblüffend scharfen Beobachtungsgabe, der die Hand im Moment folgt. Und ohne daß er nach Paris gezogen wäre, folgt er einem Impressionismus, den wir als die eigene Errungenschaft unserer Zeit und speziell der Franzosen betrachten. Busch ist der Vater der modernen Karikatur. Während maa früher instinktiv die Lustigkeit dieser Zeichnungen bejubelte, sehen wir jetzt das Künstlerisch In dieftr uc. c:: schwarz Weiß- lunst stecken aber zugleich malerische und dekorative Werte, die be- deutungsvoll erscheinen. Die Zeichner des..Simplicisfimus" traten in seine Fußstapfen. Und selbst der literarische Stil unserer Zeit(stehe Ludwig Thoma) ist von ihm, der auch im Vers sich feinen eigenen Stil schuf, beeinflußt. Der Lausbub Ludwig Thoma's ist weiter nichts als eine Uebertragung des Max und Moritz und des Hans Huckebein ins Literarische, und den scharfen, harten und wie willkürlich gesetzten Strichen, Schnörkeln und Klecksen einer Zeichnung von Busch entsprechen die kurzen, knappen Sätze Ludwig Thoma's. Ja, man kann sagen, es täte der Literatur gut, ginge sie bei Busch noch mehr in die Schule, um Prägnanz, Schärfe, Charakter zu gewinnen und immer mehr sich dem Leben zu nähern, ihm gerade und furchtlos ins Gesicht zu sehen und aus dieser Betrachtung des Lebens einen eigenen, literarischen Stil zu gewinnen. Wie alles plötzlich und seltsam in Büschs Leben war, so auch das Ende. Lange vor seinem wirklichen Tode ist er gestorben. Ein seltener Fall, daß sich ein Talent, ein Genie, das von allen Seiten anerkannt und gepriesen wird, von selbst ein Ziel setzt und aufhört mit dem Schaffen, wo alle Welt von ihm noch viel erwartet. Ja, so energisch trennte sich Busch von seiner Kunst, daß er unliebsamen Fragprn gegenüber tat, als wisse er aar nichts von seinen Schöpfun- gen. Er selbst war sich unverstänolich geworden, er wollte von seinem früheren Schaffen nichts mehr wissen und konnte nicht begreifen, daß die Welt davon so viel Wesens machte. Merkwürdig wie seine Faulheit war sein plötzliches, beinah eruptives Schaffen, und ebenso merkwürdig war das Aufhören. Dieses Werk, das die ganze Welt bewunderte, trennte er selbst von sich mit einer phleg- matischen Kaltblütigkeit, die unerklärlich scheint, man müßte denn eine dickköpfige Hartnäckigkeit, die sich um das llrteil der Welt den Teufel kümmert, als Grund annehmen. Nun er wirklich starb, wundern wir uns, daß er noch lebte. Aber sein Werk lebt. Und daS ist doch schließlich das Ausschlaggebende. kleines feuUUton. Die Kälber und der Wolf. Ein politisches Märlein von Fedor Solojub. I» eine Herde war ein Wolf eingebrochen und begann die Kälblein und die Zicklein wegzuraffen. Er schleppte sie weg, immer mehr und mehr, zerriß sie mit den Zähnen, zerfetzte sie mit den Krallen, zerrte sie nach dem Wald und fütterte seine Wolfsbrut mit dein Fleische der Kälblein und Zicklein. Und er war so groß, und er war so böse, und er war so grau. Nun, da schaffte man. wie so üblich, die bissigsten, allerbissigsten Hunde an. Die Hunde schnüffeln um die Herde herum, bellen die Rächte hindurch, lassen die guten Kälblein nicht schlafen; nur der Wolf macht sich aus ihnen herzlich wenig. Er schleppt und schleppt die Kälblein und die Zicklein fort, iininerfort. So groß, so böse, so grau er war. Einmal stand da die Kuh«nd kaute, was ihr zukam, bewegte gemächlich ihren Kuhschwanz, blickte aus stumpfen Augen auf das Gras und dachte an nichts und wieder nichts. Da horte sie, wie ihr junger Kuhsohn, das garte Kälblein, also sprach: „Wir jungen Kälblem und Zicklein müssen jede Hoffnung auf unsere Hunde aufgeben. Nie und nimmer werden sie unserem argen Erzfeind, dem grauen Wolf, beikommen, umsonst ist all ihr Gekläff, schrecken nur noch unsere Kleinen. Da ging aber gestern der Fremde vorüber, und wir hörten von ihm das listige Wort:„In der Einig- kcit ist die Kraft." Und so sind auch wir übereingekommen, brave, gute Kälblein und Zicklein, wollen wir uns alle zusammentun, auf nach dem Walde, in die Wolsshöhle hinein, erwürgen wir den bösen grauen Wolf, machen wir der argen Wölfin den Garaus und die Wolfsbrwt wollen wir auch nicht schonen". Die Kuh bewegte gemächlich ihren Kuhschwanz, kaute, was ihr zukommt, guckte aus das Söhnlein, so stumpf sie konnte und sprach zu ihnen das leise Kuhwort: „Segne Gott unsere Kälblein, auf daß sie den Wolf verjagen. Doch sagt mir mein Verstand, daß ihr nichts ausrichten könnt. Ihr rennet selber dem Herrn Wolf in die Klauen, euch allen wird der Herr Wols eure gottergebenen Seelen ausblasen. Denkt doch lieber an das alte erprobte Sprichwort:„Bleibe zu Hause und nähre dich redlich I" Doch daö Kubsöhnlein, daS junge verwegene Kälblein, hörte nicht aus sie. Und ganz recht tat es daran. Alle Rälblein und Zicklein der Herde versammelten sich, machten sich auf nach dem Wald zum grauen Wolf, umzingelten seine verdammte Höhle und zerstampften mit den Hufen die ganze Wolfssippe. Und alsdann verjagten sie auch die Hunde, auf daß sie die Nächte hindurch nicht bellten und den Kleinen Angst einjagten. Theater. Kleines Theater: Der König Kandaule«, Drama in drei Akten von Andrä Gide, deutsch von Franz Blei. Der französische Verfaffer Gide, der zum Kreise der Parnassiens und Symbolisten gerechnet wird, mag das GygeSdrama, in den» Friedrich Hebbel den gleichen Sagenstoff gestaltete, nicht gelesen haben. Zu seiner Ehre sei es angenommen. Dies ragende Gebäude kennen und dann noch eine solche Puppenstube auszuschnitzeln und ihr gegenüber aufzustellen, würde einen nicht mehr leicht denkbaren Grad von Urteilslosigkeit verrateu. Hebbel hat den Mythus von de:: orientalischen König, der dank einen: unsichtbaren Zauberring seinen Freund die hüllenlose Schön- heit der Königin im ehelichen Schlafgeiuach schauen läßt, und die dann als Opfer ihrer Rache heischenden beleidigten Scham fällt, ins Großsymbolische erhoben. DieKönigin, dem fernen geheimnisvollen In- dierland entstammend, erscheint bei:hm als Repräsentantin einer träum» umfangenen Seelenart, die ihr Gepräge völlig durch überkommenen Glauben, überkommene Sitte erhalten hat und jede Abweichung davon als Auflehnung wider ein Heiliges empfindet. Dcn Kandaules aber formt er, das häßlich Brutale seiner Handlung nach Möglichkeit abmildernd, zu einem Typ beweglich leichten Denkens, das die Scheu vor dunkeln, in jahrhundertealten Traditionen wurzelnden Instinkten zweifelnd unterhöhlt. In diesen: Sinn begeht er die Tat. Wenn dann im weiteren dramatischen Verlauf die Zuspitzung der Gegensätze, echt Hebbelsch, so weit fortgetrieben, die begrenzte Schuld so weit gesteigert wird, daß das unmittelbare Empfinden des Zuschauers schließlich nicht mehr mitgeht, kann der Verstand trotz allem dem Eindruck wuchtiger gedankenschwerer Kraft sich nicht entziehen. Was Andre Gide mit der dramatischen Behandlung jener Fabel wollte, bleibt schlechthin unklar. Der Name des deutschen Essaisten, der das Stück übersetzt hat, schien zu verbürgen, daß die Dichmng wenigstens durch irgend eins besondere, für das moderne Deka- dententum charakteristische Nuance ausgezeichnet sei. Doch auch danach sucht man vergebens, wenn nicht etwa die erotische Spekulation in der Ausmalung der Schlafzimmerszene als Merkmal der Modernität passieren soll. So belanglos die Personen, so gänzlich unmotiviert find die Vorgänge. Nirgends eröffnet sich ein Ausblick auf allgemeine Hintergründe. Aus dem Gyges, der bei Hebbel Candaules treuester Genosse ist, macht Gide einen Fischer. dem der König ein paar Stunden vor der Schlafgemach- szene zum ersten Mal begegnet ist. Dadurch wird die Handlung von vornherein bis zum läppischen unwahrschein- lich. Und warum faßt der Gidesche König auf einmal solche Zuneigung zu den: Fremden? Weil er. waS Majestät bei keinen: seiner Untertanen für möglich gehalten hatte, veritabel arm ist, und tveil er sein Weib, als es des Ehebruchs bezichtigt wird, ohne ein Wort zu sagen, niedersticht. Das steigert nur des guten Königs Mitgefühl. Plötzlichkeit ist überhaupt d:e starke Seite der Figuren. Der eben Witwer gewordene Fischer wirft sich am Morgen nach der Nacht, da er den Anblick der Königin hat ge- nießen dürfen, ihr zu Füßen, schwört Liebe, erzählt die Schuld des Königs, wird als Rächer akzeptiert, durchbohrt ÄaudauleS und ist dann zwei Minuten später Rodopes Gatle und König des Reiches. Er ftihrt sie zur Tafel und heißt sie sich verschleiern. Sie aber, die Fanatikerin der Scham, trumpft da auf einmal ganz ge» waltig aus. Mit der Verhüllung ihrer Schönheit sei es jetzt vorüber! Vermutlich lvird sich die verletzte Unschuld zu einer Messalina häuten. Diese Schlußpointe kommt dermaßen abrupt, daß sie bei der Vor- stellung starke Heiterkeit hervorrief.— Interessante schauspielerisch« Leistungen waren bei der zerfahrenen Art des Stückes ausgeschlossen. ät. Literarisches. Friedrich Spielhagen: Ausgewählte Werke. (L. Staackmann. Leipzig 1907.) Dichter find Phantasiemenschen, daher meistens schlechte Mathematiker. Mit dem Studium der Philosophie, Juristerei und Medizin war es bei dem jungen Spiel» Hägen, wenn nicht ähnlich bestellt, so doch auch nur so lange ertrag» Iick>. bis aus dem Träumer, aus dem für die Welt HomerS schwärme» risch Hingegebenen der wagemutig ins blühende Leben hineinstürmende Kämpfer geworden. Er ging durch die Schule der Erfahrung, indem er bald als Schauspieler, bald als Hauslehrer, bald auch alS Journalist und Redakteur sein Brot verdiente. Aber das waren ja doch nur Durchgangsstadien der künstlerischen EntWickelung. Von dem Moment an, Ivo sild Spielhagen seiner dichterischen Schöpfer- kräfte bewußt ward, strebte er auch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Er bringt also nicht bloß Talent, sondern auch einen sich im Sturm stählenden festen Charakter mit. Ungesundes hastet nicht an ihm, oder es wird energisch weggeworfen. damit der Blick ein Bild des Weltganzen gewinne. So leicht ist das nicht. Man muß auch politisch denken, muß die menschlichen und Wirt- schastlichen Verhältnisse, muß daS Volk nach seinen Ständen und Klassen, nach seinen Begierden und Leidenschaften, Zielen und Be- dürfnissen kennen kernen. Das alleserfordert den zähen Willen zur Macht des Wissens; und bedarf der allumfassenden Liebe nicht minder. Beides sind die Pole des Welterkennens und Menschenumfasiens. Ein eigener selbständiger Denker und Gestalter muß einer schon sein. um alle Erscheinungen richtig zu verstehen. Je tiefer er in das Wesen der Dinge zu schauen vermag, je klarer er über sich selbst ist. desto sicherer kann er die eigene Persönlichkeit behaupten. Jeder Bildner sieht die Menschen und die Verhältnisse stets nach dem Maße seiner Individualität. Je stärker diese ist, desto markanter hebt sich die jeweilige Umwelt ab. Daß der Dichter oder Künstler sich auch an den politischen und sozialen Kämpfen des TageS praktisch betätigen müffe, ist nicht unbedingt erforderlich; daß er aber mit seiner ganzen Anteilnahme dabei stehe, um sie auch künstlerisch verarbeiten zu können, das ist eine für den modernen Schriftsteller unabweisliche For- derung. Spielhagen war, wenn wir unseren Robert Schweichel von vorneherein ausnehmen— unter der älteren Dichtergilde viel« leicht der erste und blieb auch wohl der einzige, der durch sein Schaffen jene Forderung zu erfüllen versucht hat. Wenn dem deutschen Roman bis dahin noch die Enge des kleinbürgerlichen Lebens eigen gewesen war: Spielhagen befreite ihn von dieser Enge. Er gab ihm politische, soziale, religiöse und gesellschaftliche Per- spektiven. Insofern hat er den Kreis der damaligen Anschauungen durchbrochen: deunoch blieb er einseitig. Mehr als kleine schroff umgrenzte Ausschnitte des Weltgetriebes geben seine erzählenden Schriften nicht. Er ist zwar beim pommerschen Adel und noch mehr beim bürgerlichen Mittelstand zu Hause; ivenn er sich jedoch einmal in die Sphäre des arbeilenden Prolerariats hineinwagt, dann ver- sagt seine Kenntnis vollständig. Sein politisches Glanbensbekenntnis ist das eines Bürgers von 1848, der keine soziale, wohl aber eine demokratisch-liberal-freisinnige Mischmaschentwickelung durchgemacht hat. Er teilt diese Eigenschaft mit den meislen seiner dichtenden Zeitgenossen. Der lehrhafte Moralprediger Spiel- Hägen übertrumpft den Dichter, der Akademiker den Realisten. Er konstruiert sich, will er einen Roman schreiben, zuerst eine Tendenz, um nach dieser seine Helden und die Handlung zu malen. Er be- strebt sich immer, das Tüchtige aufzuzeigen und zusammenzuführen. Als kulturelles Endziel alles Fortschritts erblickt er den bürgerlichen Mittelstand. Aus ihm, solange er gesund und strebsam bleibt, be- ruhe die Zukunft der deutschen Nation. Diese Tendenz bringt Spielhagen besonders in dem Roman„Die von Hohenstein" zum Ausdruck. Er stellt darin drei Parteien gegenüber: einen von Ge- nutzsucht, Hochmut und Faulheit völlig zerfressenen Adel, ein zwar mit mancherlei Schwächen behaftetes, aber im Kern gesundes und edles Bürgertum— und Vertreter des Sozialismus. An der Zeichnung dieser Charaktere offenbart sich der ganze Spielhagen. Seine sozialisttschen Helden sind zumeist tierisch natürlich oder zäsaristisch, sinnlich und ehrgeizig angelegt. Das Proletariat hält Spielbagcn nur für zukunftsfähig, wenn es ganz im bürgerlichen Mittelstände aufgeht oder sich bestrebt, ihm zu folgen. Hieran läht sich am besten die soziale Einsichislosigkeit Spielhagens ermessen. Sehen wir sie uns in einigen seiner Hauptroinane an.„In Reih' und Glied" zum Beispiel verkörpert einen Gedanken, den auch schon der Titel andeutet. Und dieser durch die Charattere wie durch die Handlung in allen ihren Gliedern und Phasen zum Ausdruck ge- brachte Gedanke ist: datz der heuttge Mensch„in Reih und Glied" kämpfen müsse, falls er das Wohl der Allgemeinheit fördern will; datz er aber zugrunde gehen müffe, wenn er sich allein stellt. Es mangelt dem Dichter keineswegs an sozialem Mitgefühl. So wird denn viel von dem Elend gesprochen, das in einein näher be- zeichneten Dorfe herrsche. Hier, sollte man nun meinen, hätte Spiel- Hägen Gelegenheit gehabt, eine Schilderung der Rotzustände zu geben; als er jedoch endlich den Leser dorthin führt, lenkt er ab und erzählt von einer sich gerade abspielenden Liebesepisode. Für sozialdemokratische Leser hat dieser Roman noch insofenr ein lokales Interesse, als in dem Helden„Gutmann" Ferdinand Lassalle charakterisiert wird.„In„Hammer und Ambos" versucht Spielhagen die soziale Frage zu lösen, ohne indessen die Notwendigkeit einer Lösung darzutun. Es ist eben init der lehrhaften Tendenz, mag sie auch aus einer noch so hockherzigen Gesinnung erwachsen, allein nickt getan— ivenn ihr die künstlerische Durchdringung fehlt. Spiclhngens Einseitigkeit offenbart sich aber auch in der ziem- lichen Verwandtschaft aller seiner Schöpfungen untereinander, sofenr man sie nämlick nach Stoff, Anlage. Entwickelung, Schilderung, Sprache sowie Charaktcrzeicknung der Personen betrachtet. Trotz alledem steht Spielhagen uns doch ungleich näher als die meisten älteren Romanschriftsteller von bürgerlicher Herkunft. Ans diesem Grunde erklärt sich das Interesse, das die Parreipresse hin und wieder durch den Abdruck Spjelhagenscher Romans bis beute bekundet hat. Es sind jetzt genau fünfzig Jahre her, seitdem der Dichter als Novellist hervortrat. Im Zusammenhang mit diesem Schrift- stellerjudiläum steht eine A u s w a h l s e i n e r R o m a n e, die der Verlag nun in einer guten Ausstattung darbietet. Diese Teil- ausgäbe umschlictzt in fünf Bänden folgende Werke:„Problematische Naturen"(1861/82),„Sturmflut"(1877),„Was will das werden?' (1886),„Opfer"(1899)..Freigeboren",„Sonntagskind"(1893) und „Staunen des Himmels"(1894). Datz gerade zwei der bezeich- uendsten Hauptromane, nämlich„In Reib und Glied"(1866) und „Hammer und Ambos"(1869) beileite gclaffen wurden, entspricht keineswegs den Erwartungen, welche an eine„Volksausgabe" geknüpft werden müssen.' So„staatsgefährlich" sind die dort vor- getragenen Tendenzen doch nicht, um Befürchtungen für politisch und geistig aufgeklärte Leser aufkommen zu lassen. Zu einem geschlossenen Charakterbilde deS Autors gehören sie aber, gehören sie selbst dann, wenn der gealterte Dichter sich mittlerweile zu friedfertigen Ge- sinnungen bekehrt hätte. Gleichwohl soll die Anschaffung dieser „Volksausgade" für Arbeiterbibliotbekcn empfohlen sein. Der Preis: 18 M., in starkem Pappkarton 20 Mi, für die fünf solide gebundenen Bände entspricht dein Wert des Gebotenen. E. K. Technisches. Lichtausbeute Bei den verschiedenen Veleuch» tungs arten. Unsere künstlichen BcleuchtungSarten beruhe» auf einer Umwandlung verschiedener Energieformen in Licht. Häufig ist diese Umwandlung eine recht verwickelte, wie etwa bei der Erzeugung elektrischen Lichts aus Kohle. Die Vereinigung der unter dem Dampfkessel verfeuerten Kohle mit dem Sauerstoff der Luft verwandelt die chemische Energie in Wärme. Diese bringt durch die im Kessel erzeugte Spannung des Wasserdampfes mecha- nische Arbeit zuwege, die sich ihrerseits in der Dynamomaschine in Elektrizität umsetzt; deren eigentümliche Wirkung auf einen in ihren Stromkreis geschalteten Widerstand-— sei es auf den Kohlenfaden einer Glühlampe oder auf die angenäherten Spitzen einer Bogenlampe— lätzt dann erst das Leuchte zustande kommen. Bei den einfachen Lichtquellen, etwa dem Kienspan, der Kerze oder Petroleumlampe, und auch bei der Gasbeleuchtung ist die Energie- Umwandlung eine viel einfachere. Der unter Entstehung einer Flamme verlaufende Oxydationsvorgang bringt direkt die Leucht- Wirkung durch Erglühen von Kohlenstoffteilchrn hervor. Jedesmal aber vollzieht sich der Uebcrgang von einer Energieform in eine andere nicht restlos, denn immer werden mehrere verschiedene Arten von Energie gleichzeitig erzeugt, so datz die angestrebte Licht- Wirkung mehr oder minder günstig ausfällt, je nachdem mehr oder weniger andere Gattungen von Energie daneben im Spiele sind. Sowohl die Gase einer Flamme als die leuchtenden Stoffe eines Glühkörpers geben autzer jenen Strahlen, die das Auge als Licht empfindet, noch Wärmestrahlen und„chemische" Strahlen ab, worunter die ersteren der Menge nach sehr überwiegen und daher vorzugsweise den Wirkungsgrad einer Lichtquelle beeinträchtigen. Tie ideale Beleuchtungsart wäre„kaltes" Licht, wobei also die ur- sprüngliche Energie ohne Wärmeentwickelung in Leuchtwirkung überginge. Unsere heutigen Belcuchtungsarten sind von diesem Ideal sehr, aber doch verschieden weit entfernt, und es ist daher für die Vervollkommnung der Beleuchtungstechnik wesentlich, die Ver- hältniszahlen zwischen Licht und Wärme bei den verschiedenen Arten der gebräuchlichen Lichtquellen zu kennen. Eine solche Untersuchung zur Feststellung der Gesamtstrahlung wie der Lichtstrahlung in ab- soluten Matzen veröffentlicht H. Lux im„Elektrotechnischen An- zeiger". Er hat zur Veranschaulichung seiner Messungsergebnisse die Lichtquellen in vier Hauptgruppen geordnet. Die erste Gruppe umfatzt die Lichtquellen mit offener Flamme: Hefner-Lampe, Petro- leumlampe, Acetylen- und Gasglühlicht. Die schlechteste Ausbeute an Lichtstrahlen zeigt sich dort, wo die Leuchtwirkung durch glühende Kohlenstoffteilchen erzielt wird. Aber auch beim Gasglühlicht wird nur wenig, nämlich nur ein Drittel der aufgewendeten Energie, in Lichtstrahlung umgesetzt, indem die übrigen zwei Drittel zur Er- wärmung des Luftstickstoffcs ungenützt verbraucht werden. Günstiger liegen die Verhältnisse in der zweiten Gruppe, in die Lux die verschiedenen Systeme der elektrischen Glühlampen eingc- ordnet hat. Während eine noch so heitze offene Flamme auch bei Verwendung von Glühkörpern, die ein ungewöhnlich hohes Licht- aussendungsvermögen aufweisen, keine besonderen Ergebnisse er- hoffen läht, nimmt bei den elektrischen Glühlampen mit steigender Temperatur der glühenden Fäden auch die Leuchtkraft zu. Man könnte, während bei der erste Kategorie die Ausbeute aus der an- gewandten Energie bestenfalls 20 v. H. beträgt, hier bis zu dp v. H. gelangen. Wesentlich ist dabei allerdings, ein Material zu finden, das widerstandsfähig genug ist, eine so hohe Tcmperaturbelastung zu ertragen. Jede gewöhnliche Glühlampe, die mit einer höheren als der normalen Voltspannung brennt, gibt eine ausserordentliche Lichtwirkung, aber ihre Lebensdauer ist gering. Lux ficht auch bei Anwendung der am schwersten schmelzbaren Metallfäden keine Möglichkeit, in dieser Richtung weiter zu kommen. Nur der hohe Schmelzpunkt de? Kohlenstoffs verheitzt die Möglichkeit eines Er- folges. ES ist dabei zu beachten, datz trotz der absoluten Luftleere, die bei einer brauchbaren Glühlampe so weit getrieben werden nmtz, daß sie für elektrische Entladungen undurchlässig ist, im Kohlenfaden immer noch kleinste Spuren von Gas eingeschlossen bleiben, die bei der ungeheueren Temperatursteigerung einer über- anstrengten Lampe sein Gefüge mechanisch zerstören. Wenn es gelänge, dieses Uebelstandes Herr zu werden und eine völlig Homo- gene Beschaffenheit deKt Kohle zu erzielen, so wäre Aussicht auf eine erhöhte Encrgieausnützung vorhanden. Gleichwohl ist auch hier ein grosser Energieverlust nicht zu vermeiden. Am meisten Erfolg versprechen die Lichtquellen der dritten und vierten Gattung, in die Lux die elektrischen Bogenlampen bczw. die Onecksilber- dampflampen einreiht. Ihre Wirksamkeit ist vorzugsweise durch Erzeugung von Luminescenz bedingt, wie dies zum Teil auch bei der Auerlampe der Fall ist, obschon sie wegen des enormen Wärme- vcrlusts zu den Leuchtkörpern mit offener Flamme zu zählen ist. Die LumincScenz, die in der Richtung des Ideals des„kalten Lichtes" liegt, bat schon in ihren jetzigen Anwcndungsformen grosse Fortschritte geschaffen. Während die gewöhnliche Petroleumlampe eine Ockonomie von 0.2S Proz. aufweist, erhöht sich dieser Be- trag bei einer Bogenlampe mit Effektkohlen für gelbes Licht auf 13 Proz., also auf das Zweiundfünfzigfache. Damit ist etwa ein gleicher Nutzeffekt erreicht, wie ihn die heutige Dampfmaschine bei der Umwandlung von Wärme in mechanische Kraft leistet. Jeden- falls nimmt das Luminescenz-Prinzip in der Ockonomie die führende Stelle ein. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlggSanstaltPaul Singer LcTo..Berlin SW.