Ztnterhaltungsblatt des Worwürts Nr. 12. Freltag öen 17 Januar. 1908 lÄaibdrnik vlrboleii.) 12] Schilf und Schlamm. Roman von Vice nie Blasco Jbanez. Etwas Z�euckteS und Kaltes wie eine Fledermaus schoß an den Kindern vorüber und streifte ihr Gesicht, und diese Beruh- rung, bei der sie zitterten, entrisisie ihrer schmerzlichen Unbewegt lichkeit. Schnell nahmen sie ihre Wanderung wieder auf, bald, � fallend und sich wieder erhebend, bald gegen die Bäume' stolpernd und bei den geheimnisvollen Tönen des Waldes zitternd. Die Erinnerung an Sancha suchte sie heim. Alle� Geschichten vom See, die man sich abends am Barkenfeuer! erzählte, zogen an ihren Augen vorüber, und wenn sie gegen die Rinde der Bäume anrannten, glaubten sie, die rauhe und kalte Haut ungeheurer Reptilien zu berühren. Das Geschrei der Wasserhühner ließ sich in der Ferne in den Gräsern ver- nehmen, und diese Laute hörten sich wie die Klagen von Menschen an. die eben ermordet wurden. Ihr toller Lauf durch das Gestrüpp, bei dem die Gräser knickrcn und Zweige zertraten, weckte in dem dunklen Dickicht eine Menge von Geschöpfen, die nun ebenfalls die Flucht ergriffen und raschelnd über zertretene trockene Blätter huschten. Sie kamen an einen großen Kreuzweg. Die Dunkelheit war an diesem offenen Orte weniger stark. Sie hatten nicht mehr die Kraft, weiter zu wandern, und zitterten vor Furcht, angesichts des riesigen Hochwaldes, der sich wie eine Woge im Dunkeln bewegte. Sie setzten sich, eng umschlungen, als träufele ihnen die Berührung ihrer Körper neues Vertrauen in die Adern. Neleta weinte nicht mehr. Vor Müdigkeit und Schmerz zu- sammenbrechend. lehnte sie leise seufzend ihren Kopf aus die Schulter ihres Freundes. Tonet blickte nach allen Seiten, als müßte ihn, tveit mehr noch als die Dunkelheit des Waldes, dieses Dämmerlicht erschrecken, in dem er jeden Augenblick irgend ein wildes, den verirrten Kindern feindselig gesinntes Tier auftauchen zu sehen glaubte. Das Geschrei des Kuckucks zerriß das tiefe Schweigen. Die Kröten eines benachbarten Sumpfes, die bei ihrem Erscheinen verstummt waren, faßten wieder Vertrauen und stimmten von neuem ihren Gesang an; die lästigen, klebrigen Stechmücken summten ihnen um den Kopf und machten sich in dem Halbdunkel nUr durch ihr ewiges Brummen bemerkbar. Die beiden Kinder gewannen nach und nach ihre Heiter- kcit wieder. Sic fühlten sich hier nicht übel und konnten recht wohl so die Nacht verbringen. Die Wärme ihrer aneinander geschmiegten Körper schien ihnen ein neues Leben zu ver- leihen und ließen die Furcht und ihren tollen Lauf durch den Wald vergessen. Ueber den Tannen auf der Seite des Meeres begann ein weißliches Licht aufzuflimmern. Die Sterne schienen zu erlöschen und in einem Milchmeer zu versinken. Die von der geheimnisvollen Umgebung des Waldes erregten Kinder betrachteten ängstlich dieses Phänomen, als käme ihnen jemand, in einen Lichtglanz eingehüllt, zu Hülfe. Etwas Schimmerndes erschien über dem Wipfel der Bäume: es war zuerst eine kleine Linie, leicht gebogen wie eine silberne Wimper, dann ein voller, glänzender Halbkreis und endlich ein ungeheurer Raum wie von Honigfarbe, der sich mit prachtvollein Glanz inmitten der sterbenden Sterne erhob. Ter Mond schien den beiden Kindern zuzulächeln, die ihn mit der Bewunderung junger Wilder betrachteten. Am Fuße eines jeden Baumes blieb noch ein schwacher Schattenrest zurück, und der Wald schien von dem aus den Sträuchern herabfallenden Dunkel, in das das Licht nur stellenweise drang, vergrößert, ja fast verdoppelt. Die wilden Scenachtigallcn, die ihre Freiheit so heiß lieben, daß sie sterben, wenn man sie in Gefangenschaft setzt, begannen auf allen Punkten des Weges zu singen, und selbst die Mücken summten leiser in dem von neuem Licht überschwemmten Raum. Die beiden Kinder singen an. an ihrem Abenteuer Gefallen zu finden. Neleta fühlte schon nicht mehr die Schmerzen an ihrem Fuß und flüsterte ruhig ihrem Kameraden etwas ins Ohr. Ihr frühreifer Fraueninstinkt, ihre Pfiffigkeit einer ver- lassenen und vagabundierenden Katze gab ihr über Tonet ein bedeutendes Ilebcrgewicht. Sie wollten im Walde bleiben, nicht wahr? Sie würden schon am nächsten Tage, wenn sie wieder inS Dorf kamen, einen Vorwand finden, mit dem sie ihr Abenteuer erklären konnten. Uebrigens würden sie alles Sangonera zur Last legen. Sie wollten hier die Nacht ver- bringen und sich das betrachten, was sie nie gesehen hatten. Tonet empfand einen seltsamen, unerklärlichen Rausch. Er betrachtete seine Gefährtin mit zärtlichen Blicken: doch seine ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf NcletaS Kopf, der sich an seine Schulter lehnte: die Liebkosung dieses Mundes, der bei jedem Atemzug seinen Hals berührte, kitzelte ihn wie ein Sammethandschrch. Weit riß sie die grünen Augen auf, in denen sich der Mond wie ein Tautropfen wiederspiegelte und, indem sie sich umwandte, um eine bessere Lage zu finden, drückte sie ihn noch mehr an sich. „Tonet, Tonet", murmelte sie wie im Traum und schmiegte sich noch mehr an ihn an. Wie spät mochte es sein?... Der Knabe fühlte, wie sich seine Augen unter dem seltsamen Rausche schlössen, in den er noch mehr, als durch den Einfluß des Scküummers, ver- tank. Von den Tönen des Waldes hörte er nur noch daS Summen der Mücken, die mit den Flügeln schlugen. Es war ein seltsames Konzert, das sie den ersten Wogen des Schlummers cntgegentrug. Die einen pfiffen wie kreischende Geigen und wiederholten dieselbe scharfe Note bis ins Unend- liche; die anderen, ernsteren, stimmten eine kurze Skala au. und die dicksten, größten brummten dumpf>vie ernste Kontra- bässe oder wie der Klöppel einer fernen Glocke. Am nächsten Morgen wurden sie von der Sonne geweckt, die schon stark brannte, und von dem Hunde eines Feldhüters. der heftig zu bellen anfing und ihnen seine weitaufgerissene Schnauze zeigte. Sic befanden sich fast an der Grenze der Dehesa, und es war nur ein kurzer Weg, um nach Palmar zu gelangen. Um sich für die angstvolle Nacht schadlos zu halten, lief Tonets Mutter ihrem Sohne mit einer Ruderstange in der Hand entgegen und verabreichte ihm einige Schläge. Außerdem ver- setzte Ncletas Mutter ihrer Tochter bei ihrer Rückkehr vom Markte einige Maulschellen, damit sie sich künftig nicht mehr im Walde verirrte. Seit diesem Abenteuer hielt das ganze Dorf in schwci- gender Uebereinstimmung Tonet und Neleta für verlobt, und beide suchten und liebten sich, ohne es sich zu sagen, als hätte sie diese Nacht unschuldiger Umarmung im Walde für immer miteinander verbunden, und als verstände es sich von selbst, daß einer nur dem anderen angehören könnte. Mit diesem Abenteuer nahm ihre Kindheit ein Ende. Aus war es init den langen Streifzügen und dem fröhlichen Leben, das keine Sorgen und keine Verpflichtungen kannte. Neleta führte dasselbe Leben wie ihre Mutter, sie zog jeden Morgen mit den Aalkörbcn ab und kam erst am folgenden Nachmittag wieder nach Hause. Tonet konnte sie nur abends einen Augenblick sprechen; er arbeitete mit seinem Vater auf dem Felde oder begleitete seinen Großvater auf den Fischzug. Der Onkel Toni, früher so gut, twir jetzt ebenso anspruchsvoll wie der Onkel Paloma, und Tonet beugte sich wie ein resigniertes Vieh unter das Arbeitsjoch. Sein Vater, dieser eigensinnige Held, der sich die Erde erobern wollte, war in seinem Entschluß noch immer unerschütterlich. Wenn die Zeit kam,»vo der Reis gesät oder geerntet wurde, mußte der junge Bursche seinen Tag in Saler verbringen. Den Rest des Jahres fischte er zuweilen im See mit seinem Vater und zu anderen Malen mit seinem Großvater, der ihn kamerad- schaftlich in seiner Barke ausnahm, obwohl er jeden Augen- blick den Jungen verwünschte und gegen das Schicksal wetterte, das solche Vagabunden in seiner Hütte hatte geboren werden lassen. Trotzdem wurde der junge Mann von der Langetveile zur Arbeit getrieben. Im Dorfe war niemand mehr, mit dem er sich hätte unterhalten oder tagsüber herumstreifen können. Neleta wanderte nach Valencia, und seine ehemaligen Spielgefährten waren ebenso erwachsen wie er; sie mußten sich ihr Brot verdienen und lenkten die Barken ihrer Väter. Blieb noch Sangonera', aber dieser verschmitzte Kerl hielt sich seit dem Abenteuer im Walde und nach der Tracht Prügel, die ihm der Verrat jener Nacht eingebracht, von Tonet fern. Als wäre dieses Ereignis für feine Zukunft entscheidend gewesen, so hatte sich der Vagabund endgültig in das Haus des Pfarrers geflüchtet; er diente ihm als Knecht, schlief wie ein Hund hinter der Tür, ohne sich weiter um seinen Vater zu kümmern. Tiefer erschien übrigens nur noch selten in seiner alten, verlassenen Hütte, durch deren Dach der Regen wie auf freien� Felde hereinströmte. Der alte Sangonera hatte einen Beruf gefunden. Wenn er nicht betrunken war, so ging er auf die Jagd nach Ottern, die erbarmungslos seit Jahrhunderten verfolgt wurden. Eines Abends, als er auf einer Böschung seinen Wein trank, sah er, wie das Wasser wirbelte und kochte, und große Luftblasen an die Oberfläche stiegen. Es tauchte etwas in die Netze, die den Kanal schlössen, und stieß an alle mit Fischen gefüllte Beutel. Mit einer Ruderstange, die man ihm geliehen, trat er ins Waiser und verfolgte nun mit heftigen Schlägen ein schwärzliches Tier, das auf dem Grunde herum- lief, bis es ihm glücklich gelang, es zu töten. Das war die berühmte Otter, von der man in Palmar wie von einem Wundertiere sprach; eins dieser Tiere, die zu einer anderen Zeit derartig zahlreich im See vorhanden waren. daß sie alle Netze zerrissen und die Fischerei beeinträchtigten. (Fortsetzung folgt.) (Nnchdnick verboten.) Mnterleben bei clen CsKimos. Von Dr. I. Wiese. Verschiedene Mitteilungen aus letzter Zeit, nach denen unter den Eskimos sich die Fälle von Menschenfressereien in auffälliger Weise mehrten, haben wiederum die Aufmerksamkeit auf dieses zwar oft geschilderte, aber in seinen Sitten und Bräuchen bei weiten« noch nicht genügend bekannte Volk gelenkt. Man darf behaupten, daß kein in Amerika lebendes Volk auch nur annähernd solche ungeheuren Strecken einnimmt und solchen klimatischen Schwankungen unterworfen ist wie die Eskimos. Während ein Teil von ihnen am Stillen Ozean sitzt, kaum 200 Meilen von der nörlichst gelegenen amerikanischen Stadt mit elektrischer Beleuchtung, wohnen andere im höchsten Norden an der Küste Grönlands unter 82 Grad nördlicher Breite, viel« hundert Meilen von der arktischen Baumgrenze entfernt. Zwischen Liverpool von Ost-Grönland bis zum Kap Prinz of Wales gegenüber der Küste von Sibirien dehnt sich eine ungeheure Strecke aus und doch ist der Unterschied in der Sprach« so gering, daß ein Grönländer mit dem Bewohner von West-Alaska sich besser verständigen kann als beispielslveise ein Plattdeutscher mit einem Oberbayern. Während der Wintermonate findet man die Eskimos oder Jnoit«n, wie sie sich selbst nennen, vorzugsweise an vorspringenden Punkten der Küste sich aufhaltend. Hier bricht das w«chselnde Spiel von Ebbe und Flut den Eisgürtel des Ozeans und hier finden sich die Robben ein, von denen sie hauptsächlich leben. Da die während dieser Monate vorherrschenden Wind« vorwiegend aus Nordwest kommen, so wird an den südöstlichen Seiten der Hügel der Schnee zu einer ganz bedeutenden Tiefe angeweht. Davon ziehen ji« Nutzen, und bald nachdem sie ihre Iglus erbaut haben, sind viele im Schnee vergraben und dadurch vor dem Winde voll- kommen geschützt. Als ich, sagt F. F. Payne, d«r 13 Monate bei den Eskimostämmen in der Hudsonsstrahe zubrachte, nach einem Schneegestöber ein Eskimodorf besuchte, ward ich von seiner Aehn- lichkeit mit Maulwurfshügcln vollkommen überrascht. Man konnte nichts sehen, als etwas Schnee, der zu beiden Seiten einer Höhlung ausgeworfen war, durch die ein Zugang nach dem Iglus führte; «rst beim Näherkommen bemerkte man Fenster etwas unterhalb der Oberfläche, von der d«r Schnee hinweggeräumt war. Als ich einige von diesen Iglus betrat, fand ich unter dem Schnee Gänge ausge- graben, durch welche chrerc von ihnen untereinander verbunden waren, was denselben gewissermaßen das Ansehen eines unter- irdischen Dorfes gab. In diesen Dörfern leben die Eskimos so lange wie möglich und verlassen sie nicht eher, als bis sie durch Mangel an Nahrungs- Mitteln dazu genötigt sind. Die Winterhäuser in Grönland sind, da das Holz zu Schiff von Dänemark gebracht werden mutz, klein und, da in einem so engen Raum viele Familien vereinigt sind, sehr oft unreinlich. In Labrador, wo man mehr Holz findet, werden die Hütten zu ebener Erde errichtet und auch meist nur von einer Familie bewohnt. Den stets nach Süden gerichteten Eingang bildet ein mehrere Schritte langer, schmaler und ebenfalls aus Erde oder Rasen gebauter überdeckter Gang, dessen Sohle etwas tiefer liegt als der Boden der Hüte selbst. In dieser befindet sich dem Ein- gange gegenüber etwa 50 Zentimeter über dem Boden erhöht, die gemeinschaftliche Schlafstelle möglichst mit Fellen ausgestattet. Zu beiden Seiten an den Wänden sind schmale Gestelle, worauf das große mit� Tran gefüllte Gefäß sich befindet, das zur Beleuchtung und Erwärmung dient. Tie nötigen Dochte werden aus einem hier häusig vorkommenden Moose gewonnen. Ueber der Lampe ist ein Gestell angebracht, auf dem die Kochgeschirre ihren Platz finden, sowie Strümpfe und Stiefel getrocknet werden. Sobald der Früh- ling..pennak"(Juni und Juli), begonnen hat, beziehen die Eski- mos ihre aus Seehundsfellen bestehenden Sommerzelte. Das Dach nebst dem aus Seehundsfell gefertigten Fenster der Winterwohnung wird abgenommen, um den Raum auszu- lüften, eine höchst notwendige Sorgfalt, weil das Abhäuten und Zerstücken der erlegten Seehunde die ganze lange Winterzcit hin- durch wegen der übergroßen Kälte, die alles erstarren läßt, oft in der Wohnung vorgenommen werden muß. Sobald diese Arbeit be- sorgt ist, packt man alles Hausgerät in die Umiaks(große, 40 Fuß lange Boote von Holz, mit Sehundsfell überzogen) und rudert nun an der Küste entlang bis zu einem der tief eindringenden Fjords, wo inan Aussicht hat. Renntiere zu jagen und Forellen zu fangen. Wenn mehr Beute gemacht wurde als man verzehren kann, so trocknet man den Ueberschuß und bewahrt ihn für den Winter in Gruben auf, die man mit Steinen auslegt und mit großen Tecksteinen verschließt, um die Füchse abzuhalten. So sonderbar es klingen mag: der Winter ist dennoch die eigentliche Fcstzeit. Sie fängt im November an und endet im März. Die Männer tanzen nach I. A. Jacobsen auf folgende Weise sie stampfen kräftig mit dem rechten Fuß zweimal rasch hintereinander auf den Fußboden, während sie gleichzeitig mit dem rechten Arme boxerähnlich zweimal schnell die behandschuhte Faust schräg nach oben stoßen, und verfahren darauf in gleicher Weise mit dem linken Fuß und der linken Hand. Während des Tanzes stoßen sie häufig den Ruf hoi! hoi! aus. Die Frauen tragen beim Tanze in jeder Hand eine runde, maökcnähnliche Rassel, an der ein Griff mit zwei Oeffnungen an- gebracht ist, um den Zeige- und Mittelfinger aufzunehmen. Der Rand ist dicht mit Rennticrhaaren und langen Federn besetzt. An beiden Seiten zeigt die Rassel Gesichter, die entweder einen Dämon oder ein Walroß, einen Seehund oder ein anderes Tier darstellen. Das Tanzen der Frauen besteht darin, daß die Tanzende sich auf einer Stelle stehend bewegt, indem sie die Knie fortwährend wie zu einem Knixe beugt und bald mit dem rechten, bald mit dem linken Arm gestikuliert und so die Rassel in Bewegung setzt. Wie sich die Erwachsenen mit Singen und Tanzen die Zeit zu vertreiben suchen, so hat auch die Jugend ihre Spiele. Die Mädchen spielen mit Vorliebe im Winter auf dem Eise eine Art utzball, indem man einander den Ball mit dem Fuß zuwirft. erner spielen die Mädchen, wie die bekannten Jongleurs, mit zwei oder drei Tonkugeln oder Steinen in der Größe eines Hühnereis. Mit knöchernen Messern ritzen die jungen Mädchen Zeichnungen in den Sand oder Schnee, meist Frauenkleider darstellend, auf denen sie sehr korrekt die landesübliche Ornamentik anbringen. Da den jungen Mädchen von ihren Angehörigen knöcherne Puppen ge- schnitzt werden, die sie dann an- und auskleiden, lernen sie früh- zeitig das Zuschneiden und Nähen ihrer Kleider. Die Kleider der Puppen sind ebenso schön verziert wie die der Menschen.— Die männliche Jugend vergnügt sich an einem Wurfspiel, das für sie das spätere Werfen mit der Harpune üben soll. Di« zwei Spielenden setzen sich, einer rechts, einer links, an das Klassigit. Links in Schulterhöhe jedes spielenden Knaben wird ein Kreis an die Wand gezeichnet. Jeder der Spielenden ergreift ein zigarrcnförmiges Stück Holz, das an einem Ende mit einer Knochen- oder Eiscnspitze. an dem anderen mit einer langen abge- stutzten Feder verschen ist. Der Werfende versucht nun den Kreis mit der Spitze zu treffen, für jeden Treffer legt er sich ein Holz- stückchen zu. Manche Knaben erlangen in diesem Spiel eine nicht geringe Geschicklichkeit. Viel Abwechselung gewährt wie im ganzen Jahre, so besonders im Winter, die Jagd auf den Seehund. Wenn das Eis im Winter festliegt, begibt sich der Jäger hinaus an die Stellen, wo der See- Hund sich Löcher im Eis aushöhlt, um Luft zu schöpfen; jeder See- Hund hat nun deren mehrere. Der Jäger halt in der linken Hand ein« Harpuncnleine, an deren Ende sich ein Griff befindet; die eigentliche Harpune trägt er in der rechten Hand. Er stellt sich »eben die Oeffnung im Eis so, daß der Wind von ihr zu ihm herüberweht; bleibt der Seehund lange aus, so nimmt er ein Gerät, das ihn gewöhnlich anlockt; es besteht aus einer Art Holzhand, an deren Fingerspitzen Sechundskrallen befestigt sind. Er kratzt damit an dem Rande des Eisloches, wobei sich der Laut des Kratzens weit- hin über die Eisfläche fortpflanzt. Dieses Mannöver hat meist den gewünschten Erfolg, indem der Seehund in dem Glauben, einen Konkurrenten an seinem Luftloch zu finden, herbeischwimmt und von der Harpune des lauernden Jägers durchbohrt wird. Auch der Fang von anderen Tieren wird im Winter betrieben, besonders gilt dieser Fang den Füchsen und Eisbären. Das Stellen der gewöhnlichen stählernen Fallen aus Füchse im Winter geschieht mit einigem Scharfsinn. Man errichtet einen Schneewall von un- gefähr andcrhalb Fuß Höhe in Gestalt eines Halbkreises von etwa drittehalb Fuß Durchmesser. In der Nähe des Mittelpunktes, von wo aus der Kreis gezogen ist. wird der Schnee zuerst festgestampft, dann wird mit einem Messer ein Loch von der Gestalt der Pfanne Mgrab«n, die Falle hineingelegt und sorgfältig mit einer dünnen Kruste Schnee bedeckt, so daß, wenn der Fuchs auch nicht wirklich auf die schmale Pfanne tritt, ein Teil der zerbrochenen Kruste die Falle zum-Zusammenklappen bringt. Vorn und gerade unter dem Schneefall werden kleine Stückchen Köder so gelegt, daß der Fuchs sich drehen und wenden muh, um jedes Stückchen aufzunehmen und dabei unfehlbar auf die Falle treten muh. Eines eigentümlichen Verfahrens bedienen sich die Eskimos zum Erlegen der Eisbären vom Kotzebuesund. Sie schneiden eine Anzahl ungefähr I Fuh langer Walfischbarten, die sie an beiden Enden scharf zuspitzen, nehmen einen Streifen Seehundsspeck von derselben Länge wie die Barten und ziehen sie durch den Speck hindurch, biegen und binden alsdann beide Enden zusammen, damit es die Form einer Roll« behält und legen es an einen kalten Platz. Dort friert die Rolle hart, und das Garn, das zum Zusammenhalten diente, kann entfernt werden. Zeigt sich nun ein Eisbär in der Nähe, so wird eine Anzahl solcher Köder auf dem Eise verteilt. Der Bär riecht den Speck und verschlingt die Rollen, die im warmen Leibe bald auftauen; das Fischbein kehrt in die natürliche gerade Form zurück und durchsticht die Magenwände des Tieres, das dann in kurzer Zeit zugrunde geht. Das Reisen im Winter geschieht meist mit Hunden und Schlitten. Fast jede Familie besitzt zwei bis drei und auch mehr Hunde. Der Eskimohund, auch Wolfshund genannt, ein genügsames Geschöpf und vorzügliches Zugtier, ist leicht zu erhalten, da ex nur von rohen und getrockneten Fischen lebt. Im Sommer, wo man seiner nicht bedarf, kümmert sich der Besitzer nur wenig um ihn; er lebt von Fischabfällcn und erhascht sich Vögel und dergleichen. Nur gegen den Herbst hin, wo der Lachsfang am ergiebigsten ist, werden die Hunde regelrecht ernährt, damit fie im Winter zur Arbeit kräftig sind. Sobald die Erde mit Schnee bedeckt ist. spannt der Eskimo vier bis sechs oder auch mehr Hunde an den Schlitten und fährt in die Nachbardörfer zu Besuch, da um diese Zeit die Festzeit beginnt und in jedem Dorfe ein großer Vorrat von ge- trocknetcm Fleisch und Fisch zu finden ist. Di« Eskimo Alaskas bespannen ihre Schlitten anders als die Grönländer und die Labrador-Eskimos. Während letztere beide ihre Hunde gewisser- mähen fächerförmig nebeneinander vor den Schlitten spannen, ge- braucht der Alaska-Eskimo einen langen, starken Seehundsricmcn, an dessen Vordcrende der intelligenteste Hund als Leittier gepsannt wird; hinter diesem, mit einem Zwischenraum von etwa 1 Meter, wird hüben und drüben an jeder Seite ein Hund an den Haupt- riemcn befestigt. Für schwere Schlitten braucht man neun bis elf Hunde. Die Schlitten sind schmal gebaut und in allen Teilen mit Lederriemcn gehalten. So besitzen sie eine auherordentliche Elasti- zität. Mit einem solchen Schlittengespann kann man durch den dichtesten Wald hindurchfahren, was bei der Bespannungswcise der Grönländer und der Labrador-Eskimos unmöglich wäre. Bei den Bewohnern des nördlichen Alaska läuft stets ein Mann vor dem Hunde her, um den Weg anzuzeigen. Nach Verlauf von zwei oder mehr Stunden setzt er sich ermattet auf den Schlitten, und ein anderer übernimmt sein Amt. Als Schlittendecke dienen gewöhnlich vier zusammengenähte Renntierfelle, die Haare nach innen gekehrt. Dahinein werden alle zu transportierenden Waren gepackt, und das Ganze wird gut zugeschnürt, da der Schlitten alle Augenblicke ein- mal umkippt. Fährt man in bäum- und waldloser Gegend, so führt man vier bis sechs dünne Birkenstämme mit sich, die bei Nacht als Zeltstangen dienen. Will man das Lager aufschlagen, so werden die Hunde an Holzstäben, die man in die Erde oder den Schnee einrammt, befestigt, damit sie nicht über Nacht die Schlitten- riemen auffressen. Darauf werden alle Waren vom Schlitten ab- geladen, und die Stangen mit dem starken Ende in den Schnee ge- trieben, die dünnen Enden aber in Halbkugelform zusammen- gebunden. Darüber wirft man die Rennticrdecke. Mit Renntierfell belegt man auch den Boden des Zeltes. Um das Zelt warm, d. h. luftdicht zu machen, bewirft man es auhen dicht mit Schnee. Lagert man im Wald, so werden Bäume gefällt, und hoch zwischen den Bäumen Schlitten wie Gepäck geborgen. Die Schneeschuhe der Eskimos gleichen denen der Indianer und bestehen aus zwei dünnen Holzreifen, denen man eine länglich- runde Form gibt; die Zwischenräume werden mit Lederriemcn zu- geflochten. Schneeschuhe aus einem Stück Holz, wie sie in Nord- curopa und Nordasien gebräuchlich sind, kennen die Eingeborenen Amerikas nicht. Die Eskimo schützen ihre Augen gegen die schäd- liche Reflexion des Schnees durch eine Holzbrille, die den oberen Teil des Gesichts bedeckt und dem Auge nur durch einen haarfeinen Schlitz das Durchblicken gestattet. Bei Jagden im Sommer im Kajak bedient man sich eines Holzhntes, der reich mit Knochen- schnitzercien verziert ist und das Auge gegen die Sonnenstrahlen schützt. Bei starkem Frost im Winter reibt man sich, ehe man auf die Reise geht, das Gesicht mit Fett ein, und bei Tage verschlieht man die Nasenlöcher mit Renntierhaar, was allerdings für den Europäer kein angenehmes Gefühl ist. Das Gefrieren des Gesichts bemerkt man durch einen stechenden Schmerz. Die gefrorenen Gliedmaßen werden weih; das einzige und beste Mittel ist, die Teile mit Schnee einzureiben. kleines feuUleton. Tbeatcr. D' A n n u n z i o S neuestes Drama:„Das Schiff", dessen erste Aufführung am lt. Januar im Teatro Argentino ii» Rom stattfand, hat mit einem rauschenden Triumph geendet, Trotzdem bestätigt das neueste Werk die völlige Unfähigkeit der DÄnnunzioschcn Kunst zur dramatischen Produktion. Was das Publikum bejubelt hat, das war nicht das Werk des Dichters, das war«ine mit allen Raffinements, mit dem verschwenderischsten Luxus hergestellte Phantasmagorie, zu der Malerei, Musik und Tanz fast ebensoviel beisteuern, wie die herrliche Lyrik der Sprache. Von dramatischer Entwickelung fehlt jede Spur. Die Psychologie der Personen entbehrt jeder menschlichen Wahrscheinlichkeit: D'Annunzio hat Triebmenschen alten Schlages schildern wollen, aber er hat das ganze Triebleben derartig in Geicheit und Sinn» lichkeit getaucht, datz das ganze mehr an ein Lusthaus in einer verfallenden Kultur gemahnt als an die Kriege eines neuen Ge- schlechts, daö auszieht, um die Welt zu erobern. D'Annunzio will die Gründung Venedigs, der Meeres« beherrscherin, verherrlichen. Die von den Barbarenhorden ver» triebenen Flüchtlinge italienischer Städte sammeln sich in der Lagune— die Handlung spielt um die Mitte des sechsten Jahr» Hunderts—, um dort eine Heimstätte zu bauen. Während sie auf ein Zeichen vom Himmel warten, das die Stätte der neuen Stadt bezeichne, �ertönt eine überirdische Stimme:„Euer Vaterland ist auf dem Schiffe." Aber unter den Flüchtlingen herrscht Zwiespalt und Kampf. Die Partei der Faledrer, die eben unterlegen ist, sieht in dem Zeichen von oben einen Kunstgriff der gegnerischen Fak- tion. Die Faledrer sollen den byzantinischen Einsluh darstellen gegenüber dem schlichten, kraftvollen Geschlecht der Gratiker, das die neue Stadt zur Eroberung der Meere führen will. Die unter- legene Faktion der Faledrer hat ihren Tribunen Orso und dessen vier Söhne von den Gratikern blenden sehen und hat Basiliola, die Tochter des Tribunen, nach Byzanz gesandt, um Hülfe zu erflehen. Das junge, in allen Verführungskünsten erfahrene Weib von königlicher Schönheit kehrt mit Rache im Herzen an die Lagune zurück. Sie unterjocht die Sinne Marcos, des Tribunen vom Geschlecht der Gratiker, das ihre Familie vernichtet hat und führt an seiner Seite eine Schreckensherrschaft unter den Flüchtlingen. Hierbei kommen Blutszenen von stark sadistischem Beigeschmack auf die Szene. Um ihr Rachewerk zu vollenden, entflammt Basiliola auch den Bruder Marcos, den Bischof Sergis, und ver« »vandelt die christlichen LiebeLmählcr der Gemeinde in Orgien sinn» licher Raserei. Fast nackt tanzt sie vor der Menge, als Marco dazutritt. Von dem Weibe angestiftet, fordern sich die Brüder zum Zweikampf, in dem der Bischof fällt. Marco läht Basiliola binden, um sie dem Henker zu überantworten und der Akt schließt mit der Kunde, dah der älteste Sohp Orsos mit 3(KK) Eziroleu gelandet ist, um sein Geschlecht zu rächen. Im letzten Akt ist das Schiff zu sehen, das das Vaterland des neuen Volkes sein soll. Es steht gerüstet da, bereit, in das Meer zu gleiten, und Marco Gratico wird sein Führer sein und im Meer sein Grab suchen, um Buhe zu tun für den Brudermord. Basiliola, die gefesselt auf den Henker wartet, versucht den Tribunen zum Mitleid zu bewegen: sie will die letzte Reise mit ihm teilen. Schön läht Marco ihr die Fesseln abnehmen, um sie an den Bug des SchisfeN zu nageln, das die Welt erobern soll, als die schöne Buhlerin sich über die Flamme des Altars beugt und sich so selbst den Tod gibt. Und unter dem Hosianna der Menge gleitet das Schiff inS Meer.— Der Dichter hat die Tragödie einer großen Zeit schildern wollen, ist aber wieder in den eisernen Bann geraten, der seine Phantasie einengt: in den der Erotik. So gleiten zwei ganz ver» schiedene Handlungen nebeneinander her, ohne sich je zu berühren. Was hat das Schiff, das ein junges, tatenfrohes Volk zu groher Zukunft trägt, mit dem Tribun zu tun, der für Geilheit und Brudermord Buhe tun will? Wo bleibt der Sieg über Byzanz und seine Korruption, wenn der Tribun ein willenloses Werkzeug der Verführerin wird und nur als markloser Büßer sich ihrem Bann entwindet? Jeder Glaubwürdigkeit entbehrt auch die lüsterne, ewig im brünstigen Taumel befindliche Menge. So hat sich D'Annunzio auch diesmal einem Ziel zugewendet, das ihm unerreichbar ist. Das Heroische, Grohe, Gesunde, die fruchtbare Tat ist seinem Wesen so völlig fremd, daß er nicht einmal gewahr wird, wie wenig die Bordellatmosphäre dazu paßt, in die er die Empfindungswelt seiner Personen einhüllt. D'Annunzio ist ein typischer Dekadent, alles an ihm atmet die Ungesundheit steriler Genußsucht: wo sollte er wohl die Mittel hernehmen, um das Drama eines jungen� Volkes zu schreiben, das die Schwelle baut zu seiner großen Geschichte? Er kann nur ein Schauspiel bieten, das die Sinne packt und bezaubert, mit herrlichen Formen, Farben und Tönen, einen Rausch der Sinne, von dem man heimkehrt mit müden Gliedern und leerem Herzen. Und dabei lebt D'Annunzio in dem Wahn, in erhabenster' Sym- bolik ein Drama zu geben, das er bescheiden neben die griechische Schicksalstragödie stellt und in dem er der Mitwelt neue Wege weisen will. Eines solchen Weglveiscrs, der die von tausend müden Füßen ausgetretenen Wege zeigt, kann unsere Zeit kvahr» hastig cntraten. L>. L. Literarisches. Holger Drachman n. Der Tod Holger VrachmannS hat nicht nur sein« Landsleute, die Dänen, sondern auch die verwandten Rationen der Norweger und Schweden in tiefe Trauer versetzt, rmd auch die Presse der übrigen Kulturländer widmet dem größten dänischen Lyriker ehrende Nachrufe. Drachmann ist außerhalb Skandinaviens weit weniger bekannt geworden als etwa Ibsen, Björnson, Kielland, Strindberg und andere. Das liegt daran, daß er seine Hauptstärke in der Lyrik entwickelte. Seine meister- hafte Handhavung der dänischen Sprache, die Fülle des Ausdrucks, der wunderbare Klang seiner Verse machen den Ucbersetzcrn allzu Hroße Schwierigkeiten. Darum können seine lyrischen Gedichte tm Auslande, soweit sie übersetzt sind, nie so wirken wie im 2>ä- nischen. In seinem Vaterlande aber hat er eine neue Epoche der Lyrik eröffnet, sie mit kraftvollem, frischen Realismus erfüllt, ohne damit freilich für immer der Romantik zu entsagen. DrachmannS Dichtung beschränkt sich jedoch nicht auf Lobpreisung des Meeres, der Küsten- und Waldlandschaft, der Natur und ihrer Schönheit. Er loar auch ein Mann, der die weltbewegenden Ideen der Zeit in sich aufnahm und mit Leidenschaft in seiner Dichtung wiedergab. Wir sprachen jüngst mit einem Manne, der als Handwerksgeselle zu den ersten Agitatoren der dänischen Arbeiterbewegung gehörte, die selbstverständlich mit manchen Mißerfolgen zu kämpfen hatten. „Wenn Enttäuschung über Enttäuschung kam," sagte der Mann, „wenn wir glaubten, wir müßten verzweifeln, dann lasen oder deklmnierten wir Drachmanns Gedichte. Sie gaben uns neue Kraft und frischen Mut." Obwohl Trachmann aus einer gutbürgerlichen Familie stammt— sein Vater war Marincarzt und wurde später Professor der Orthopädie— ist er oft zum SchreckenSkind des guten BürgertumS geworden. Er hat oftmals, gleichsam um die Bürgersleute zu necken, den äußeren Anstand, der ja so vielen als der Inbegriff aller Bildung Klt, gröblich verletzt. Auf dem Lande, an der Küste, auf dem Meere verkehrte er viel mit Seeleuten und Fischern, pflegte wie sie seinen Priem hinter die Backe zu stecken und wie sie verächtlich in weitem Bogen auszuspucken. Er hatte slch anfänglich zum Marinemaler ausgebildet, fand aber dann, daß er seiner Liebe zum Meere, seinem Ideenreichtum besser als Dichter gerecht werden könnte. Im Jahre 1871 hielt er sich in London auf. wo er als Maler, Illustrator und Zeitungskorrespondent tätig war. Tort wurde er mit Flüchtlingen der Kommune aus Paris bekannt, wie er auch die sozialistischen Strömungen kennen lernte. In London entstand auch jenes gewaltige revolutionäre Gedicht „Englische Sozialisten", das Karl Henckell für das„Buch der Freiheit" übersetzte. Ein anderes Gedicht aus dem deutsch-fran- zösischen Kriege:„Auf Vorposten" zeigt uns den deutschen und den französtschen Soldaten, die, statt aufeinander zu schießen, Brüder- schaft trinken und den großen Gedanken der Völkerverbrüderung austauschen: Ja, Du kannst glauben, es kommt ein Friede, Ja. Du kannst glauben, ein Bund wird erscheinen. Deutsche, Franzosen, Schulter an Schulter, Werden begegnen sich und vereinen. Fällt da? Kommando und schallt daö Orchester. Reichen wir uns die.Hände zum Bunde... Deutscher Kamerad! Lebewohl heut abend! Nimm Dein Gewehr! Ich höre die Runde. In diesen beiden Gedichten, wie in seinem„Misericordia" kommt Drachmanns revolutionärer Geist am stärksten zur Geltung. Das; Drachmann, der den englischen Kohlenträger seine Kollegen auf- fordern läßt, sich ihrer Stärke bewußt zu werden und mit aber- tausend Stimmen ein saftig Stück von dein goldenen Kalbe zu fordern, das die Herren großzüchtcn, ihn dann die bitteren Worte sagen läßt: Sie schicken Priester uns mit Krauscnkragcn; Die Bibel hier für Euren Lechzermagen l Den Hungernden Text über Kanaan," Als MictözinS Wechsel auf die Ewigkeiten... daß dieser Dichter von der Bourgeoisie in Acht und Bann getan wurde, ist ja leicht begreiflich. Ein Dichter, der in Deutschland solche Verse geschrieben hätte, wäre wohl nie mehr emporgekommen. Aber in Dänemark herrscht ja im allgemeinen eine freiere Gesin- nung, ein größeres Maß unabhängiger Geisteskultur. Zudem war der politische Charakter Drachmanns sehr schwankend. Neben den freiheitlichen, sozialistisch angehauchten Gedichten und neben den rein lyrischen, hat er cS auch in einer Lebensperiode fertig gebracht, Hen Dänenkönig Christian schwungvoll anzusingen, und auf seinem letzten Krankenlager soll er sich noch bemüht haben, den Tod deS Schwedenkönigs und Dichters Oskar II. zu besingen. Auch hat er das Ritterkreuz des Dancbrogordcns entgegengenommen. Drach- mann war darin ein großes Kind, das seinen Stimmungen und Eingebungen folgte, wie da? von ihm so wunderbar besungene Meer den Winden. Trotz aller dieser Schwankungen gehörte aber wohl sein Herz vor allem der Arbeiterklasse. Als man vor zwei Jahren auf dem Rathaus in Kopenhagen seinen 60. Geburtstag feierte, und als er das ehrenwerte Bürgertum dabei mit einigen seiner Saftigkeiten geärgert hatte, ging er hierauf nach„Social- dcmokratens" Redaktion, in die Setzerei und hielt hier mit den Arbeitern eine kleine schwungvolle Nachfeier. Bei jener Rathaus- feiet schloß Drachmann seine Rede mit den Worten:„Auf Wieder- sehen in 10 Jahren!" Er fühlte sich von ungeschtvächter Lebens- kraft durchflutet und hoffte noch auf ein langes Leben. Nun ist er, 62 Jahre alt, einem Lungenleiden erlegen. Sein Leben war reich an Arbeit und Erfolg. Er hat viele Erzählungen, Novellen und Romane geschrieben(von denen der Bohemeroman„Vcr- schrieben" zu nennen ist) und sich auch als Dramatiker des Märchenhaften und Lyrischen versucht. Seine prosaischen Werke sind zum großen Teil in deutscher Ilebcrsetzimg erschienen, unter anderem seine„See- und Strandgeschichten" in Reclams Ilniversalbibliothck. Otto Ernst hat seine Schippcrgeschichten in Hamburger Platt über- tragen. Vor allem als Liederdichter wird Holger Drachmann weiterleben. In seinen Gedichten hat cr am freiestcn sich ausgesprochen. er, der ein allen Fesicln und Konventionen spottender freier Vogel, ein fahrender Gesell im wahren Sinne des Wortes lvar, er. der lebte, wie cr empfand und sich offen und rücksichtslos dazu bekannte. Medizinisches. Einfache Mittel gegen das Nasenbluten. Nichts Unangenehmeres, namentlich»n Gesellschaften, kann eS für einen Menschen geben, lvenn er plötzlich von heftigem Nasenbluten befallen wird. Der Arzt, den man auffucht, wird sich in der Haupt- fache mit dem Ausstopfen des betreffenden Nasenloches(Tampo- uieren) begnügen müssen, und etwaige Gcfäßverändermigen find dann später durch Actzen usw. zu beseitigen. JndeS gibt eS noch andere Vorkehrungen, die wenigstens veriucht werden sollten, bevor man zur Tanwonade. die auch nicht allemal sicher ist. schreitet. Oft genügt eS schon, wenn man die Nasenflügel unmittelbar unterhalb des Nasenbeines fest zusammenpreßt und dadurch eine Gerinnung deS BlureS an der in Frage kommenden Stelle bewirkt. Dann wird aber noch etwas zu beachten sein, wie es sich unwillkürlich in einem alten Bolksbranch äußert, nämlich den Arm. der dein blutenden Nasenloch« entspricht, in die Höhe zu halten und tief einzuatmen. Der verstorbene SanitätSrat Dr. Niemeyer brachte die hierdurch erzeugte Wirkung auch noch auf einem anderen Wege zustande. Er ließ zunächst bei einem solchen Patienten de» Oberkörper nach hinten in die Sofa- lehne beugen und den Kopf rückwärts in beide Hände stützen. Die Wattepfropfen sind natürlich dann sofort herausziehen, selbst auf die Gefahr hin. daß die Blutung für den Augenblick stärker wird. Dann handelt es sich um eine Ableitung deS Blutes von oben nach unten, und das geschieht durch ei» Fußbad. Werden außerdem noch die Fenster geöffnet, damit frische, zum Atmen nötige Luft in die Lungen eintreten kann, so hört die Blutung recht bald auf. Wir haben in diesem Falle einen naturgemäßen Vorgang vor uns, der darin besteht, daß das durch das Einatmen und die Atemhaltung erweiterte ungeheuere Lungeninitere wie eine Art Saugpumpe wirkt, die das Blut vom Kopf absaugt. Um die Wirkung noch zu verstärken, empfiehlt er weiter heiße Bollbäder mit darauf folgender kalter Braule und möglichst natürliche fleißige Uebung des VollatemS und der Atemhaltung. kfg. Technisches. Gewebte Photographien. Die photographische Platte. die auf so vielen Gebieten deS wisienschaftlichen und gewerblichen Lebens fast unentbehrlich geworden ist, hat neuerdings auch in die Gobelinweberei Eingang gefunden, und zwar wird diese durch die Photographie möglicherweise einen großen Aufschtvung erfahren. Im Leimvandgewcbc liegt stets ein LängSfaden über einem Quer- faden, im Tamaftgewcbe al'er wirb diese Regelmäßigkeit unter- brachen und dadurch das oft recht schöne Muster erzeugt. Der Webstuhl ist deshalb so eingerichtet, daß die horizontal neben- einander aufgespannten LängSfaden gleichzeitig nach oben und unten auseinander gezogen werden. Bei Lcinwandgclvcben geschieht das in der Regel so, daß der erste, dritte und fünfte Faden nach oben, der zweite, vierte und sechste nach unten gezogen Iverden. Dadurch entsteht ein Ztvischenraum, durch den dann der Schuß- faden geht. Die Fachbildung, die so entsteht, wechselt ab. Bei der Gebildweberei wird die Fachbildung geändert und ein Karree- muster hergestellt. Vor Beginn der Arbeit muß ein Plan entworfen werden, nach dem dann ein Heben und Senken der einzelnen Längs- fäden zum Zweck der Fachbildung erfolgt. Die Herstellung einer sclchcn Zeichnung ist aber sehr schwierig, weil der Zeichner daS Muster auf ein Art Netz nach Art der Millimetcrpapierc übertragen muß. Dieses ist sehr mühevoll und zeitraubend und verteuert die Porträtgewcbe. Neuerdings ist nun nach einer Mitteilung von I. Hansen in der„Photographischen Chronik" ein Verfahren er- funden worden, nach dem ein photographisches Negativ des zu webenden Entwurfes auf Bromsilber projiciert wird. Unter der Emulsion ist das die Längs- und Schußfädeneinteilung darstellende Gitter schon eingezeichnet. Nachdem die Platte belichtet und ent- wickelt ist, wird das Bild fixiert. Das ganze Verfahren, das früher Wochen und Monate in Anspruch nahm, ist jetzt in 1— 2 Stunden fertig. Dabei ist zu beachten, daß die photographische Platte sich nicht irrt und sich auch nicht verzählt, was dem Zeichner sehr oft passierte. Mit ihrer Hülfe können nun alle Arten von Gebilden, Landschaften und Porträts hergestellt werden, und wir sind vielleicht nicht mehr alluzufern von jenem Tag, der uns wirklich gc- webte Photographien beschert. Terantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerIag»anjtaltPaulSingerSiEo..BerlinS>V.