Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 13. Sonnabend den 13 Januar. 1903 Snnrn. Gang schon lag auf der Lauen, Leise tausend, heimlicher Sturm. Plötzlich näher und näher brausend üeberfällt er die ÜJelt. frühlingsschauer Bringt er dem atemschöpfenden Land. Sturm! Ülas in verzehrender Sehnsucht harrte, Schier begraben in schweigender Qual, Aas die luftipicgelndc Hoffnung narrte, Bebt die Häupter mit einemmal. Januar 1908. Aus der lähmend erzwungenen Stille endlich laut gebrochenem Bann Schwillt des Lebens erlösender Wille Wieder höher und höher an. Denn nur Hörige dulden gelassen, Was des Rechtes Würde verhöhnt, freiheitliebende Menschen hassen, Was die llnbill mit ünbill krönt, Seht, ein Sturm iit langsam gekommen, Heuer bläst er gewaltig ins Horn, Wer hinhorchte, hat längst ihn vernommen— Länder reinigt fein herrlicher Zorn, Kar) fcwkell. mmc sc ppf 13] sNachvruck verboten.) Schilf und Schlamm. Roman Von Vicente VlaSco Jbanez. Der alte Vagabund betrachtete sich nunmehr als den ge- schicktesten Mann des ganzen Albuferasees. Die Gemeinschaft der Fischer von Palmar mußte einer alten Gewohnheit zufolge für jede Otter, die man ihr vorlegte, einen Duro zahlen. Der Alte erhob seinen Preis, blieb aber dabei nicht stehen. Das Tier war ein Schatz: er zeigte e3 den Leuten am Hafen von Catarroja lind am Hafen von Silla, ja, er ging bis nach Sueca llnd Cullera, sodaß er förmlich einen Triumphzug um den See veranstaltete. Ueberall wurde er hingerufen, und es gab keine Schänke, wo man ihn nicht mit offenen Armen empfing. „Kommt doch herein, Onkel Sangoncra, zeigt uns daS schöne Tier, das Ihr erlegt habt." Dann holte der Vagabund, nachdem A sich die Kehle mit zahlreichen kleinen Gläschen befeuchtet, liebevoll unter seinem Mantel den weißlichen, stinkenden 5rörpcr des armen Tieres hervor, ließ seine Hant bewundern und gestattete, daß mail ihm mit der Hand über den Rücken filhr— aber vorsichtig bitte— lnn sich /von dem feinen Fell zu überzeugen. Nie hatte der kleine Sangonera, seit er zur Welt ge- kommen, so zärtlich in den Armen seines Vaters gelegen, wie dieses schmutzige Tier. Doch die Tage vergingen, und die Leute bekamen schließlich von der Otter genug. Niemand gab mehr etwas aus, um sie zu sehen, nicht einmal ein armseliges Glas Schnaps, llnd bald wollte sogar niemand mehr in eine Schänke treten, bevor sie Sangonera»licht verlassen hatte, denn er vergiftete alle Welt mit dem unter seinem Mantel hervordringenden Geruch. Bevor er sich endgültig des Tieres entledigte, zog er noch einmal Nutzen daraus, indem er es in Valencia einem Natur- forscher verkailfte, der es sezieren wollte. Dann erzählte er jedermann von seinem neuen Berufe: er Würde jetzt Otternjäger werden. Nun legte er sich niit dem Eifer eines Menschen, der dem Glücke nachjagt, auf die Suche nach einem zweiten Tier. Der von der(ilemmde erhaltene Preis, die Wocke be- ständigen, unentgeltlichen Rausches, und dazu der wahrhaft königliche Empfang, den man ihm überall Hatte zuteil werden lassen, gingen ihnl nicht aus dem Sinn. Indessen wollte sich die zweite Otter nicht fangen lassen. Manchmal glaubte er sie in den entlegensten Stellen des Sees zli be>ncrkeli, doch sie versteckte sich sofort, als hätten sich alle Verlvandten der ersten die Nachricht von dem netten Beruf Sangoneras nlit- geteilt. In seiner Vcrzwciflllug fing er an, auf Rechnung der neuen Otter zu trinken, die er fangen sollte, und das war ihm mehr als einmal passiert, bis ihn einige Fischer eines Nachts tot im Kanal fanden. Er war in dem Schlamm aus- geglitten und hatte in seinem Rausch nicht mehr Heralls- gekonnt. Er blieb im Wasser und lauerte nun für ewig auf seine Otter. Der Tod von Sangoneras Vater hatte zur Folge, daß dieser sich endgültig im Hause des Pfarrers einnistete und gar nicht>nehr in seine Hütte zurückkehrte. Die Vikare folgten sich in Palmar, denn es war ein Dorf fiir Strafversetzung, und alle flohen, sobald es ihnen möglich, diesem erbärmlichen Ort. Sämtliche Geistliche nahmen, wenn sie von der Kirche Besitz ergriffen, auch Sangonera,>vie ein zum Gottesdienst unbedingt notwendiges Requisit, an. In der Gegend war er allein imstande, die Messe zu bedienen. Wenn er so bedachte, daß er der einzige war, der nicht mit der Ruderstange arbeitete und nicht die Nacht auf dem Albufcrasec verbrachte, so empfand er einen ungeheuren Stolz lind betrachtete die anderen mit tiefer Verachtung. Sonntags bei Tagesanbruch eröffnete er, mit_ hocherhobenem Kreuz, beim Rosenkranzgebet den Zug. Männer, Frauen lind Kinder zogen singend in zwei breiten Reihen mit langsamen Schritten durch die einzige Straße des Dorfes und gingen uni jedes Dorf herum, um die Zeremonie zu ver, längern. In dem verschwommenen Lichte des Tages, der zu grauen begann, glänzten die Kanäle wie dunkle Stahlspitzen; die kleinen Wolken, die über dem Meer? flatterten, färbten sich rot; aus den Kaninchengehegen erhoben sich die Sperlinge in Scharen und antworteten mit ihrem leisen, fröhlichen Ge- piepse vergnügter Vagabunden, die mit dem Leben und der Freiheit recht zufrieden waren, auf den traurigen und schwer- mütigen Gesang der Gläubigen. „Erwache, Christ," sang die Rosenkranzprozession mitten ans dem Platz, und dieser herzliche Anruf trieb alle Be- wohner heraus, die sich dem Zuge nun anschlössen. In den leeren Häusern bellten die Hunde, und die Hähne, die den traurigen Singsang mit deni lauten Klange ihres Kikeriki begleiteten, begrüßten das aufgehende Licht und die Freude eines neuen beginnenden Tages. Tonet betrachtete,»venu er in der Rosenkranzprozession mitwanderte, mit wütenden Blicken seinen früheren Käme- raden, der allen voran, wie ein General, an der Spitze mar- schirrte und das Kreuz wie eine Fahne trug. „Ach, der Hallunke, der hatte sich sein Leben nach seinein Gefchinacke einzurichten verstanden." Er blieb während dieser Zeit unter der Oberherrschaft feines Vaters, der jeden Tag strenger und weniger mitteilsam wurde; er war ja im Grunde ein guter Mann, verlangte aber die Liebe zur Arbeit bei den Seinen bis zur Grausamkeit. Die Zejten waren schlecht. Die Aecker von Saler ergaben nicht zwei gute Ernten hintereinander, und der Wucherer, zu dem der Onkel Toni seine Zuflucht'genommen hatte, ver- schlang den besten Teil seiner Einkünfte. Auch beim Fisch- zug hatten die Paloinas kein Glück, stets waren ihnen bei der Auslosung im Gemeindehause die schlechtesten Plätze des Sees zugefallen. Außerdem zehrte sich die Mutter langsam auf, das Leben erlosch bei ihr nach und nach, ohne daß ihre Krankheit ein anderes Symptom zeigte, als das unnatürliche Feuer ihrer fieberglänzenden Augen. Das Leben war traurig für Tonet. Er kehrte Palmar nicht mehr mit seinen tollen Streichen von oberst zu unterst, die Nachbarinnen küßten ihn nicht mehr und sagten, er wäre das schönste Kind im Torfe. Heut war er ein Mann. Er galt kaum noch mehr als die Borda, und bei dem geringsten Widerspruch erhob sich die schwere Hand des Onkels Toni drohend über seinem Haupte, während der Onkel Paloma mit unangenehmem Lachen erklärte, so zwinge man die Leute, gerade zu gehen. Als die Frau starb, schien die alte Zuneigung des Groß- Vaters für seinen Sohn aufs neue zu erwachen. Der Onkel Paloma betrauerte das Hinscheiden dieses gefügigen Gc- schöpfes, das geduldig und stillschweigend all seine Marotten ertrug; er fühlte eine gewisse Leere in feinem Leben ein- getreten, und so schloß er sich wieder an seinen Sohn an, der zwar seinem Willen wenig gehorchte, es aber doch niemals wagte, ihm offen ins Gesicht zu widersprechen. Sie fischten wieder wie früher, gingen auch nianchmal zusammen in die Schenke, während die arme Borda in der Hütte blieb und mit der frühreifen Tüchtigkeit der Unglück- lichen Geschöpfe die Wirtschast besorgte. Neleta gehörte gleichsam auch mit zur Familie. Ihre Mutter konnte jetzt nicht mehr nach Valencia auf den Markt gehen; die Feuchtigkeit des Albufcrasees schien sich in ihre Knochen eingeschlichen und ihren ganzen Körper gelähmt zu haben. Die arme Frau hockte, ohne sich rühren zu können. in ihrer Hütte, jammerte bei jeder Verschlimmerung ihrer rheumatischen Schmerzen und schrie lvie eine Verdammte, ohne auch nur einen Augenblick die geringste Erleichterung zu verspüren. Ihre Genossinnen vom Markt schenkten ihr aus Mitleid ein paar Fische aus ihren Körben, und wenn die Kleine in ihrer Hütte Hunger hatte, so lief sie sofort zu Tonet und half der Borda bei ihren Beschäftigungen mit der ganzen Autorität eines weit älteren Mädchens.. Ter Onkel Toni nahm sie sehr freundlich auf. Sein Großmut ließ ihn allen Armen und Bedrückten zu Hülfe kommen, denn als tapferer Kämpfer, der beständig mit dem Elend rang, wußte er die Not anderer zu würdigen. Neleta aß in der Hütte ihres Bräutigams. Sie suchte hier das täsliche Brot, und ihre Beziehungen zu Toni nahmen weit mehr einen brüderlichen, als einen verliebten Charakter an. Ter junge Mann kümmerte sich kauin um sxine Braut. Er war ihrer sicher. Wen hätte sie denn sonst noch lieben können? Hatte sie das Recht, an einen anderen zu denken, da doch das ganze Torf sie als verlobt anerkannte? Uebcr den Besitz Neletas durchaus beruhigt, die im Elend wie eine seltene Blume aufwuchs, und deren Schönheit zu der körper- lichen Dürftigkeit der anderen Mädchen in Palmar einen schroffen Gegensatz bildete, tvar nicht sehr galant zu ihr und behandelte sie so ziemlich, als wenn sie verheiratet wären. Ost vergingen ganze Wochen, ohne daß er das Wort an sie richtete. Er hatte andere Neigungen im Kopf, dieser junge Mensch, der für den schönsten Burschen in Palmar galt. Er war sehr stolz aus seinen Ruhm als tapferer Bursch unter seinen ehemaligen Spielkameraden, die jetzt Männer waren wie er. Er hatte sich nach und nach mit allen geschlagen und war stets der Stärkste gewesen. Mit der Ruderstange in der Hand hatte er mehrere niedergeschlagen, und eines Abends war er sogar, wie man erzählte, mit dem Dreizack bewasfnet, einem Schiffer aus Catarroja nachgelaufen, der im Rufe eines fürchterlichen Raufbolds stand. Der Vater schnitt eine Grimmasse, als er diese Abenteuer erfuhr, aber der Groß- vater lachte und versöhnte sich sofort wieder mit seinem Enkel. Am meisten aber begeisterte sich der Onkel Paloma dafür, daß der Bursche sogar eines Tages den Feldhütern der Dehesa entgegengetreten!var und ihnen vor der Nasö weg ein Kaninchen stibizt hatte, das er eben erlegt. Er war ein Ar» beiter, aber es war doch sein Fleisch und Blut. Dieser junge Mensch, der noch nicht sein achtzehntes Lebensjahr vollendet hatte, und von dem man schon so viel im Dorfe sprach, hatte einen Lieblingsort, den er sofort auf- suchte, wenn die Barke seines Vaters und die seines Groß- Vaters in den Kanal eingelaufen waren. Das war die Schenke Canamels, ein ganz neues Wirts- Haus, von dem man viel in der ganzen Albuferagegend sprach. Es war ein hübsches Haus, ein Gebäude, das unter den Strohhütten mit seinen blauangestrichenen Mauerwänden. seinem Ziegeldach und seinen beiden Türen, von denen die eine auf die einzige Straße des Dorfes, die andere auf den Kanal hinausging, einen ganz prächtigen Eindruck machte. Der Raum zwischen den beiden Türen wimmelte stets von Reis- Pflanzern oder Fischern, die, am Schenktisch stehend, tranken und wie verzückt die beiden Reihen roter Tönnchen anstarrten. Oder sie saßen auch auf Strohschemeln vor den Fichtenholz- tischen, wo sie endlose Partien Briske oder Truque spielten. Der Luxus dieser Schenke erfüllte alle Mitglieder der Gemeinde mit holiem Stolz. Die Wände waren bis zur Höhe der Köpfe mit Porzellankacheln bedeckt, darauf waren phan- tastische Landschaften in grünen oder blauen Farben gemalt — mit�Pferden, die so groß wie Ratten, und Bäumen, die kleiner als die Menschen waren. Von den Balken hingen Kränze von Zwiebeln und Würsten, geflochtene Strohschuhe und dicke Rollen gelber Taue herab, deren man sich auf den großen Barken bediente. Alle bewunderten Canamel.„Was dieser dicke Mensch für Geld hatte." Er war Polizist in Euba und Karabinier in Spanien gewesen. Dann hatte er lange Zeit in Algier gelebt; er hatte alle Berufe betrieben und wüßte so viel, daß er nach dem Ausdruck des Onkels Paloma während des Schlafes die Orte erkannte, wo die Pesetas versteckt waren, und am nächsten Tage hinlief, um sie aufzuheben. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verböte».) Oer T>cyy poUzcirat» Von Lothar Schmidt. Ter Herr Poli�eirat hat das Dezernat für Erteilung von Schankkonzessioinfn im Gastivirtsbetriebe, er befürwortet oder beanstandet die Gesuche der Restaurateure um Ge- nehmigung von Tanzvergnügungc», er hat Strafmandate zu bc- arbeiten, die er nur so hageln läßt, wenn die Lokale nicht recht- zeitig geschlossen werden und wenn nach abgelaufener Frist noch musiziert und getrunken wird, usw. usw. Kurz, der Herr Polizei- rat ist in seinem Ressort ein Gewaltiger: das Wohl und Wehe vieler großen und kleinen Gastwirte hängt ab von seiner Laune. Fritz Kabulke, Pächter eines Vergnügungsetablisseinents in der Vorstadt, hat schon manchmal heimlich und manchmal auch laut deni Polizcirat geflucht und hat ihm schon oft einen sanften Tod oder mindestens einen Beinbruch gewünscht. Denn wie sehr auch ein Restaurateur bemüht fem möge, nicht zu verstoßen gegen die unzähligen stachlichten Paragraphen, die sein Gewerbe bedrohen. so ist es doch unvermeidlich, daß hin und wieder gefehlt wird gegen den Buchstaben des Gesetzes. Der Buchstabe des Gesetzes nämlich, er kann gedreht und gedeutelt werden, sehr wohlwollend oder sehr gehässig, da oben von den Herren am grünen Tisch, je nachdem. Zum Beispiel: Es steht klipp und klar in der gedruckten und mit dem Amtösiegel würdig versehenen Konzessionsurkunde des Restaurateurs Kabulke, daß er an Wochentagen in allen für den öffentlichen Perkehr seines Lokals bestimmten Räumen um «in Uhr nachts feinen Gästen nichts mehr verabreichen dürfe, sondern Feierabend zu gebieten habe. Gut! Nun geht aber ein Schuhmann am Hause vorbei und sieht um ein Uhr fünf Minuten noch Licht und JMste drinnen. Was ein anständiger Schutzmann ist, ein solcher Schutzmann geht überhaupt nicht um diese kritische Zeit an einem Lokal seines Reviers vorbei, sondern er sitzt drinnen in einer verborgenen Ecke und trinkt sein Freibier. Gesetzt aber, er passiert gegen allen Brauch um die bewußte Stunde die Stätte des Verbrechens, so ist es immer noch denkbar, daß er nicht sieht, was Polizeiwidriges vorgeht, oder daß er zufällig nicht auf die Uhr blickt, oder endlich, daß er sehend ein Auge zudrückt oder zwei. Der Schutzmann weiß nämlich ganz genau, was er sehen oder nicht sehen darf, und ob eine Anzeige da oben in diesem besonderen Falle erwünscht und in jenem Falle unerwünscht ist. Im übrigen ist er schließlich auch nur ein Mensch und hat Sym- pathien oder Antipathien, je nachdem. Der Buchstabe des Gesetzes freilich, der bleibt derselbe, doch die behördliche Deutung— ja, da eben liegt der Hase tm Pfeffer. Ist ein Wirt gut angeschrieben beim Polizeirat, dann schläft wohlwollend das Auge des Gesetzes; ist er aber schlecht angeschrieben, dann wacht es arglistigen Blickes. Fritz Kabulke nun ist sehr schlecht angeschrieben beim Herrn Polizeirat. Das kommt daher, weil er den bösen Sozialdemo- iraten einmal seinen großen Saal gegeben hat zu einer politischen Versammlung, trotzdem er halbamtlich und vertraulich davor gewarnt worden war. Sein Duzbruder, der Kommissarius. war gekommen und hatte gesagt:„Lieber Freund, verbieten können wir Dir's zwar nicht, aber wenn Du auf meinen guten Rat hören willst, dann gibst Tu diesen Vaterlandsverrätern den Saal nicht." „Vaterlandsverräter? Aber Karle, das glaubst Du doch selber Nicht!" „Was ich privatim von den Sozialdemokraten denke, das gehört nicht hierher, affitlich aber sind sie für mich Vaterlandsverräter samt und sonders." „Wenn ich pünktlich meine Steuern zahle, meine Gewerbe- steuer, meine Gemeindesteuer, meine Staatseinkommensteuer, meine Kirchensteuer und sogar meine Hundesteuer, so kann mir niemand etwas anhaben!" Das ging nun so eine Weile hin und her, und weil er ein Dickkopf war, gab Kabulke trotzdem den Sozialdemokraten den Saal. Indessen, weil sein Freund, der Kommissarius, jeden Tag ge- laufen kam, halbamtlich und vertraulich ihm die Hölle heiß machte, und ihm die Wut des Polizeirates schilderte, so kringte der Wirt es schließlich mit der Angst zu tun und ging zum Schlossermeister Benecke hin, der von ihm im Namen der Partei den Saal gemietet hatte. „Lieber Benecke, es tut mir herzlich leid, ich kann Euch aber den Saal nicht hergeben, denn diese..." Das übrige, was er sagte, wollen wir lieber verschweigen, weil es nicht in unserer Abficht liegt, den Mann hier öffentlich zu denun- zieren wegen Beamtenbeleidigung, denn eine Beamtenbeleidigung, und z>var eine saftige, war es, die er in seinem Unmut heraus- schleuderte. Jedoch Benecke, als ein Genosse von unbeugsamer Gesinnung, erwiderte:„Fällt uns nicht im Traume ein! Wir haben den Saal schriftlich gemietet, wir haben eine Konventionalstrafe von 500 M. vereinbart, wir tagen, und damit basta!" Na. da blieb halt Kabulke nichts anderes übrig, als die Vater- landsverräter tagen zu lassen in seinem Saale. Seit der Zeit setzte ihm der Polizeirat arg zu, hetzte die Schutzleute des Reviers auf ihn, ahndete jeden geringsten Verstoß gegen die hohen obrigkeitlichen Verordnungen, verkürzte ihm, wenn es nur mit einem Schein von Recht anging, die Zahl der öffent- lichen Tanzvergnügungen und piesackte ihn durch allerhand Schikanen dermaßen, daß Kabulke sich vornahm, ihn zu versöhnen, es koste, was es wolle. Er fragte seinen Freund, den Kommissarius, wie das wohl aih besten anzustellen wäre. Dem war die ganze Sache wohl sehr peinlich, und durch allerlei Ausflüchte suchte er sich um die Ant- wort herumzudrücken. Schließlich aber, weil ihn der arme Kabulke in seiner Not dauerte, meinte er: „Hm... ja, das ist eine heikle Geschichte, ich... Na, hör mal zu. Der Polizeirat trinkt gern ein gutes Glas Wein. Wenn Tu also bei passender Gelegenheit und ohne daß es etwa wie eine Art Bestechung aussieht, und vor allem ohne daß die anderen Leute was davon erfahren... Tu verstehst mich doch, Kabulke? Na, ich will nichts gesagt haben... mach, wie Tu denkst..." „Also der-trinkt gern Wein!" dachte Kabulke; und wie nun Neujahr herankam, nahm er einen großen, großen Korb, packte zehn Flaschen Veuve Clicquot hinein, zehn Flaschen„Berncastler Docktor", zehn Flaschen RüdeSheimer, zehn Flaschen Bordeaux, fünf Flaschen Kognak und fünf Flaschen Rum. Damit schickte er den Hausbälter in die Wohnung des Herrn Polizeirates und ließ sagen:„irnie schöne Empfehlung von Herrn Kabulke, und hier schickt er den bestellten Wein." Einige Monate vergingen, da sprach eines Sonntags nach- mittags der Herr Polizeirat als Gast in Kabulkes Etablissement vor, und mit freundlichem Tadel und mit scherzhaft drohendem Finger meinte er:„Hören Sie, mein Lieber. Sie haben mir da eine Menge Wein auf den Hals geschickt! Ich wüßte nicht, daß ich eine Bestellung bei Ihnen gemacht habe." Kabulke machte einen krummen Rücken und rieb, verlegen lächelnd, die Handflächen aneinander:„Wenn der Herr Polizc!» rat mir vielleicht die Ehre antun wollten, den Wein so zu nehmen, zur Stärkung Ihrer Gesundheit..?" Jetzt runzelte sich die Stirn des Polizeirates:„Was fällt Ihnen ein? Ja, was glauben Sie d'.nn von mir? Entweder Sie lassen den Wein sofort abholen, oder Sie sagen mir, was ich Ihnen schuldig bin." „Aber Herr Polizeirat. Sie werden doch nicht...?" „Los, los, mein Lieber; was bin ich Ihnen schuldig?" „Nun, wenn Herr Polizeirat durchaus ettoas bezahlen wollen ... nu, da sagen wir halt... sagen wir rund drei Mark." „Wa— c— as: „ Ja... nämlich ich Hab ihn selber geschenkt bekommen zu Weihnachten von meinem Weinhändler... Wenn aber der Herr Polizeirat durchaus bezahlen wollen.. „Wirklich geschenkt bekommen?" „Wirklich, Herr Polizeirat!" „Hm... nun, das ist etwas anderes... dann allerdings ... dann will ich einmal ausnahmsweise..." Und indem er das Portemonnaie, das er bereits in der Hand hatte, um die drei Mark zu bezahlen, wieder in die Hosentasche steckte, verabschiedete sich wohlwollend der Polizeirat mit einem gnädigen Nicke» des Kopfes farmans Drachenflieger. Am 13. d. M. hat F a r m a n, über dessen kühne Flugversuche wir bereits an dieser Stelle(vergl. Unterhaltungsblatt 1807 Nr. 2431 berichteten, den von de» französischen Sportsleuten Deutsch und Archdeacon gestifteten Preis von 50 000 Frank gewonnein Um diesen Preis zu gewinnen, mußte er einen geschlossenen Jireis von 1000 Meter Länge zurücklegen, ohne in der Zwischenzeit den Boden zu berühren. Dies gelang ihm auch in einer Minute und 26 Se- künden, so daß er eine Geschwindigkeit von 11—12 Meter in der Sekunde erzielte. Mit diesem Flug hat er den Beweis erbracht, daß auch Lustschiffe, die schwerer als Lust sind, voll- kommen lenkbar gemacht werden können. Besonders bemerkens- wert ist der Umstand, daß bei seinem Aufstieg fast völlige Windstille herrschte und er buchstäblich von seinem Motor in die Lüste getragen wurde. Der Flug wurde in einer Höhe von zirka zwölf Meter über dem Erdboden durchgeführt. Sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt mußte der Flugapparat durch zwei 50 Meter von einander entfernte Pfähle durchstiegen, ein Manöver, das anstandslos durchgeführt wurde. Farmans Apparat besteht aus zwei kastenartigen Zellen. Die größere Vorderjjelle besteht auS zwei übereinander gestellten Stoffflächen, die zwölf Meter lang, zwei Meter breit und zwei Meter von einander entfernt sind. Die hintere Zelle ist nur sechs Meter lang und ist mit der Vorderzelle durch einen Ouerbalken verbunden. Diese Hinterzelle enthält das Vertikalsteuer, während in der Vorderzelle der bOpserdige leichte Motor, der Führerfitz sowie das Tiefensteuer untergebracht find. Der ganze Apparat ruht auf einem vierrädrigen Gestell, das beim Aufstieg und beim Landen eine große Rolle spielt. Auf diesen Rädern rollt mit wagrecht gestellten Flächen der„Aeroplan", durch den Motor getrieben, beim Anlauf eine Strecke ouf der Erde mit großer Geschwindigteit. Werden dann die Flächen schräg gestellt, so drückt die Luft den Apparat förnilich in die Höhe: er steigt wie ein Vogel in die Lüfte.— Natürlich ist mit diesem Flug- apparat noch die Frage des Fliegens nickt völlig gelöst, wenn auch Farman hofft, in kurzer Zeit 100 Kilometer in der Stunde in den Lüften zurücklegen zu können. Der Drachenflieger ist vor allem in weit höherem Maße als das lenkbare Luftschiff, das leichter als Lust ist. zum Beispiel als der Zeppeli nicht Ballon, von der Persönlichkeit des Führers, von seiner Geschicklichkeit und Kaltblütig- keit abhängig. Eine falsche Stellung einer Fläche und der Fahrer stürzt ab und büßt seinen Wagemut mit dem Leben. Man kann daher diesen Erfolg viel eher einen Erfolg FarmanS als den des Drachenfliegers nennen. Andererseits ist aber durch diesen erfolgreichen Versuch auch bewiesen, daß das Prinzip des sogenannten„Avialibrer", nur mit Hülfe von Flächen und einem durch Motor getriebenen Propeller sich in die Lüste zu erheben, richtig und durchführbar ist. Welches System das beste bleiben ivird, kann jetzt noch nicht entschieden werden. Vorläufig haben die lenkbaren Luftschiffe gegenüber den Fliegern einen großen Vorsprnng. Aber von erfahrenen Luftschiffern, wie dem bekannten Santos- Dmnont, wird den Fliegern die größere Zukunft prophezeit. Vorläufig kann aber diesen Flugapparaten eine praktische Bedeutung nicht zugesprochen werden. Farman, der glückliche Sieger, schickt sich übrigens jetzt an, auch in England ausgesetzte Presse zu gewinnen. Das nächste Ziel, das er sich gesteckt hat, ist eine englische Meile sdas sind 1000 Meter) zu durchfahren ohne zu landen, ein Ziel, das er nach seinen bisherigen Erfolgen auch erreichen dürfte. kleines fenitteton. Aus dem Tierlebe». lieber den Kollektivismus bei den Bienen hat -der Professor Gaston B o n n i e r in Paris interessante Untersuchungen angestellt, über die er kürzlich in einem Bortraa berichtete. Bonmer war von einer bekannten, aber noch unerklärten Tatsache ausgegangen. Bei den Bienen zeigt sich eine merkwürdige, nicht nur auf den ein- zelncn Stock, sondern auf di« Geiaz ltheit der Stöcke in einem Gebiet, dessen Durchmesser bis zu 3 Kilometer gehen kann. 5tombi»ation der Kräfte, wonach in möglichst kurzer Zeit die beste zur Honig- Produktion bestimmte Zuckersubstanz gewonnen werden kann.„Wie kommt es nun, dag sich nicht alle Bienen zugleich auf die honigreichsten und zunächst liegenden Pflanzen stürzen? Wie kommt es, dast die Zahl der Sammlerinnen bei dieser allgemeinen Teilung der Arbeit in richtigem Verhältnis verteilt wird?" Es scheinen zunächst zwei Antworten möglich: Die i n d i v i d u a- l i st i s ch e Lösung greift zur Vermutung, dast jede einzelne Biene die schon besetzten gmen Plätze vermeide und noch unbesetzte suche. Die k o l l e k l i V i st i s ch e kommt zum Schlust. dast eine vorher- gehende Beratung oder ein an die Gemeinschaft gerichteter Befehl die Bienen regionenweise verteile, wie man Bergarbeiter im Berg- werk verteilt.' Um zwischen diesen beide» Hypothesen zu entscheiden, unternahm Bomrier ein Experiment. Im Sommer, in der Zeit, wo die Ernte wenig ergiebig ist, stellte er an einem schönen Nachmittag in einer Gorlenecke, wo sich keine anderen Blüten befanden, zehn blühende Zweige eines sehr zuckerhaltigen Strauches in mit Wasser gefüllten Gcfästen auf. Am ersten Tage liest sich keine Biene sehen. Am nächsten Morgen hatte sie eine„Srrcherin" entdeckt. Bonnicr zeichnete sie mit einem farbigen Pulver:„Sie kam einige Minuten später wieder, diesmal als Sammlerin und nachdem sie aus zwei oder drei Blüten den Nektar gepumpt hatte, kam sie begleitet von einer zweiten Biene wieder, die gleichfalls ihre Marke bekam. Nach etwa 20 Minuten befanden sich fünf Bienen auf den Blütenzweigen und es kamen keine anderen mehr. Diese sämtlich gemarkten Bienen flogen zwischen den Blüten und dem Stock hin»md her. ES waren immer die gleichen. Vier sammelten den Nektar und die fünfte— immer dieselbe— den Pollen. Am zweiten Morgen fand ich die- selben Bienen an der Arbeit." Natürlich wurden die Blüten auch von anderen Bienen, die demselben Stock oder auch anderen Kolonien angehörten, entdeckt. Aber diese neuen Ankömmlinge flatterten um die besetzten Zweige eine Weile herum, begaben sich dann nach ihrem Stock, kehrten zurück, um einen letzten Blick ans die Zweige zu werfen und verschwanden dann endgültig. ES scheint also. dast sie nicht freiwillig auf eine Konkurrenz verzichteten. sondern zunächst irgend einer Autorität oder Gemeinschaft Bericht erstattet hatten. Bonnier berichtet über ein weiteres Bespiel„kollektiver Eni- scheidung". Er brachte innerhalb eines Bienenstocks Wachsstückchen an, die mit einander durch einen Bindfaden verbunden waren. Die Bienen klebten erst die Stücke zusammen und gingen dann daran. dm Faden wegzubringen. Sie zerstückelten ihn und fünf oder sechs „Rcinigerinnen" zogen ein Bruchstück vor das Tor deS Stocks. Dann stellten sie sich in ungefähr gleicher Entfernung voneinander auf. nahmen den Zwirn zwischen die Kiefer und flogen, ohne dast man einen Befehlshaber wahniehmen konnte, gleichzeitig Iveg. Einige Meter vom Bienenstock ließen sie den Faden zugleich los und kehrten dann in ihre Behausung zurück, lim sich mit einem anderen Bruch- stück zu beschästigen. Da? merkwürdigste Experiment aber war das folgende: Bonnier brachte an einem abseits gelegenen Orte einige Zuckerftückchen an. Die Bienen entdeckten sie, erkannten, dast sie es mit einem Na hrungS- stoff zu tun hatten, brachten es aber nicht fertig, die Körn eben abzubrechen. Sie kehrten zum Stock zurück, kamen wieder(Bonnier hatte sie gemarkt) und flogen von neuem weg. Endlich, nach etwa einer oder zwei Stunden, sah Bonnier die gefärbten Bienen zurück- kommen, gefolgt von anderen Sammlerinnen, die die Schwemme passiert hatten. Diese Sammlerinnen gössen auf den Zucker das Wasicr, womit sie ihren Kropf gefüllt hatten, und dieses Wasser bildete bei der Berührung mit dem Wasier einen Sirup. Als der Sirup genügend gezuckert war, saugten ihn die Bienen mit dem Rüssel ein und brachten ihn zum Stock. Von diesem Augenblick an wurde ein dreifacher Zug der Sammlerinnen organisiert: 1. vom Stock zur Schwemme, 2. von der Schwemme zuin Zucker, 3. vom Zucker zum Bienenstock. Diese Beobachtungen beweisen, dast ein kollektives, nicht ein individuelles Gesetz des Handelns vorliegt. Da nichts für die Leitung durch eine einzige übergeordnete Intelligenz spricht, muß man annehmen, dast dw Entscheidungen nach einer Art von Be- ratung getroffen werden, über deren Form sich allerdings gegen- wärtig noch gar nichts sagen läßt. Bonnier vergleicht schließlich den Bienenstock einem mit einem langsam arbeitenden Gehirn behafteten lebendeil Wesen, besten Elemente— die Bienen— unablässig er- neucrt. DaS ist steilich schon mehr phantasierende„organische Staats- theroic", als beobachtende Raturwistenschaft. Physikalisches. Der Atom zerfall als neue Energiequelle. Mit der Frage der Vcrwertbarkeit der in der radioaktiven Sub- stanzen vorhandenen ungeheuren Energi- mengen beschäftigte sich im Bezirksvercin deutscher Ingenieure zu München kürzlich der Prof. H. Ebcrt. Einem Bericht der„Köln. Ztg." darüber entnehmen wir: Bisher hat der merkwürdigste aller Stoffe, das Radium, bloß in der Wissenschaft Umwälzungen hervorgerufen, während einer Verwendung zu technischen Zwecken schon der ungeheure Preis entgegenzustehen schien. Aber auch Tantal, Osmium und andere zur Glühlampcnfabrikation benutzte Elemente sind vor wenigen Jahrzehnten eben solche Raritäten gewesen wie heute noch daS Radium. Dieses letztere ist in Wahrheit gar riicht einmal selten, sondern gehört als in geringer Menge in den allermeisten Gc- steinen, wie z. B. dein 5talk des Wetterstcingebirges auffindbar, zu den allerverbrcitctstcn Elementen unseres Planeten. Der gc- samtc Radiumvorrat der Erde, von dem man behauptet, dast er neben der Sonnenstrahlung die Wärmeabgabe in den Weltenraum ausgleiche, wird auf 27 Milliarden Tonnen geschätzt. Nachdem die österreichische Regierung mit der industriellen Ausbeutung der Pechblende auf Radium auch den privaten UnternchmungSgcisl angespornt hat, scheint der Preis für ein Gramm von 340 000 M. auf etwa 8öOO M. hei. abgehen zu wollen. Auch daS wäre natürlich für technische Zwecke noch viel zu teuer. Dazu kommt, dast der energiespcndendc Zerfall des Radiums, dem man eine Lebensdauer von 1300 Jahren zuschreiben zu können glaubt, verhältnismästig langsam erfolgt. Weit schneller verfällt die gasartige Emanation, die sich auS den in Waffcr gelösten Radiumsalzen entwickelt. Die Menge diese? unsichtbaren, leicht beweglichen Gases war bei allen bisherigen Versuchen derart gering, daß sein Vorhandensein bloß durch die Fähigkeit, jeden Körper, auf den cS fällt, vorübergehend radioaktiv zu machen, sowie besonders durch seine ionisierende Wirkung auf die umgebende Luft festgestellt werden konnte. Nun enthalten nicht bloß die meisten Heilquellen Nadium-Emanation, sondern diese quillt unaufhörlich aus allen Poren der Erde. Berechnet doch der Amerikaner Rutherford, dast sich 2400 Tonnen reinen Radiums als Emanation in unserer Atmosphäre befänden. Wie nun, wenn es gelänge, die Ra di um-Ernann t««i der Atmosphäre zu entziehen und unseren menschlichen Zwecken dienstbar zu machen? Professor Ebcrt wurde vor einige» Jahren von einem seiner Assistenten darauf aufmerksam gemacht, dast, wenn man flüssige Luft verdampfen läßt, die anfänglich geringe Ionisierung der um- gebenden freien Luft sich bis zum letzten Tropfen beständig steigere. Ebert dachte dabei zunächst nicht an Emanation, sondern irriger- weise an die von Ramsay entdeckten Edelgase Argon, Neon usw. Aber als er sich von der Linde-Gesellschaft möglichst alte Rückstände flüssiger Luft erbat, zeigte sich bei diesen eine noch viel stärkere Ionisierung. ES war damit der Beweis erbracht, dast der Emanationsgehalt der Luft angereichert werden kann. Dazu kommt, dast man die Emanation bei— 150 bis 190 Grad EelsiuS derart zu kondensieren vermag, als ob sie eingefroren wäre. DaS wichtigste ist jetzt, für die erwähnte Anreicherung einen ähnlichen Tauerprozcst in Szene zu setzen, wie ihn Linde für die Luft- Verflüssigung erfunden hat. Ob es jemals gelingen wird, auf diesem Wege größere Mengen reiner Emanation zu erzielen, steht einstweilen niÄ dahin. Daß aber das Ziel des Schweißes der Edelsten wert ist, möge aus der einzigen Tatsache erhellen, dast drei Kilogramm Radium-Emanation ausreichen würden, um den Riesendampfer„Lusitania" mit seinen 08 000 Pferdekrästen von Europa nach Amerika zu treiben, während man jetzt dazu 4 890 000 Kilogramm Steinkohlen benötigt, die zehn der längsten Eisenbahn- züge füllen. Man hat ähnlich wie das 19. Jahrhundert das Zeit- alter des Dampfes, so das 20. dasjenige der Elektrizität genannt. Aber vielleicht wird man dereinst von einem Jahrhundert des die Nützlichkeit der Elektrizität noch in den Schatten stellenden Atom- zerfalls sprechen. Denn mit dieser bis vor wenigen Jahren völlig unbekannten Erscheinung hat sich uns eine neue Energieform er- schloffen, die an Mächtigkeit alle anderen weit überragt. Zweifel- kos ist mit den älteren Energieformen, also mit Wärme, mceba- nischer, chemischer, strahlender und elektrischer Energie, die alle ineinander umgewandelt werden können, auch die neuentdeckts Energieform des Atomzerfalls wesensgleich und muß mit ihnen etwas Gemeinsames haben. Aber ein Unterschied besteht insofern, als wir feit einigen Jahren zwar den Zerfall der bis dahin für unteilbar gehaltenen Atome, nicht aber ihren Aufbau kennen. Wir beobachten, wie sich bei den 23 bisher als radioaktiv bekannten Substanzen die Energie des Atomzerfalls in Wärme und bei der Wegschleuderung kleinster Teilchen in Bewegung umsetzt, besitzen aber kein Mittel und sehen einstweilen keine Möglichkeit, den um- gekehrten Weg einzuschlagen. Obwohl die Atome der chemischen Elemente, die man sich früher als»inteilbare kleine Körperchen vorstellte, jetzt als in sehr verwickelten Systemen auS noch kleineren Baustücken zusammengesetzt gelten, scheint es sich bei ihrem Aufbau und Zerfall doch keineswegs um etwas den bekannten chemischen Prozessen Entsprechendes zu handeln. Wir stehen dabei vor einem Grenzgebiet zwischen Chemie und Physik, zwischen Materie und Energie. So schlecht begründet ein Ausblick auf die technische Vcr- Wertung der neuen Energieform heute noch manchem erscheinen mag, so bietet doch die Elektrizität insofern ein Gegenstück, als es noch gar nicht viele Jahrzehnte her sind, daß hochgelehrte Professoren die damals bekannten elektrischen Erscheinungen für artige Spielereien erklärten, die niemals eine praktische Nutzanwendung finden würden. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber Berlin.— Druck u. Verla": VsrtRsrtSBuckdruckcrei u.PerlagsanstaltHaul Singer üiTo..Btrlinh!Vf.