Interhaltungsblatt des vorwärts Nr. 14. Dienstag den 21 Januar. 1908 lNachdniil verboten.) I« Schilf und Schlamin» Roman von Vicente Blasco Jbanez. In Palmar hatte man nie einen Wein getrunken, der sich mit dem CanamclS auch nur vergleichen konnte. In seinem Hause wurden nur gute Sackiei: verzehrt. Der Wirt nahm die Leute gut aus und schröpfte sie mit dem Preise nur ein ganz klein bißchen in ganz vernünftiger Weise. Canamel stammte nicht aus Palmar, er war nicht einmal aus Valencia. Er war viel weiter her, aus einer Gegend. wo man kastilianisch spricht. In seiner Jugend hatte er als Karabinier auf dem Albuferasee ein armes häßliches Mädchen aus Palmar geheiratet. Nach einem bewegten Leben hatte er etwas Geld zusammengebracht und sich in der Heimat seiner Frau niedergelassen. Die arme Kleine war krank und hatte nicht mehr lange zu leben. Die zahlreichen Reisen hatten sie aufgezehrt, doch stets hatte sie von ihrem ruhigen, kleinen Waldwinkel geträumt. Die anderen Gastwirte schimpften auf Canamel, als sie sahen, wie er ihnen ihre ganze Kundschaft wegnahm. „Ach, der Erzspitzbube, er hatte gewiß seinen Grund, daß er den guten Wein so billig verkaufte. Die Schenke kümmerte ihn am wenigsten, daraus zog er nicht feinen Nutzen. Nicht umsonst war er so weit hergekommen, um sich in Palmar niederzulassen." Doch Canamel lächelte mit vergnügter Miene, wenn er solche Worte hörte, und meinte: „Leben muß doch schließlich jeder." Die intimsten Freunde Canamels wußten bestimmt, daß in diesen Redereien ein Körnchen Wahrheit war. Die Schenke lag ihm in der Tat sehr wenig am Herzen: seine Hauptarbeit wurde nachts verrichtet, wenn alles geschlossen war: nicht umsonst war er Karabinicr gewesen und hatte sich an den Mceresgestaden herumgetrieben. Allmonatlich tvurdcn Ballen an die 5tüstc geworfen, die durch den Sand rollten und die eine Menge schwarzer Schatten dann weiterstießen, auf- hoben und durch die Dehcsa bis ans Ufer dcS Meeres be- förderten. Dort wurden die großen Barken, die sogenannten Gräber des Albufera, die bis zu hundert Säcken Reis auf- nehmen konnten, mit den Tabaksballcu beladen und nahmen langsam ihre Fahrt durch die Dunkelheit bis zum Festlande wieder auf— und am nächsten Tage hatte niemand etwas gesehen, noch gehört. Canamel suchte seine Komplizen unter den Kühnsten, ver- schlagcnsten Besuchern der Schenke. Tonet wurde zwei- oder dreimal mit seinem Vertrauen beehrt, weil er trotz seiner Jugend stark und verschwiegen war. Bei dieser nächtlichen Arbeit konnte sich ein kräftiger Mann reckst gut seine zwei bis drei Duros verdienen, die naturgemäß wieder in Gestalt der in der Schenke verzehrten Getränke zu Canamels Händen zurückkehrten. Trotzdem sagten alle, wenn sie am nächsten Tage über die Zufälle eines solchen Streifzuges, dessen Haupt- akteurc sie selbst gewesen waren, sprachen, voller Bc- wundcruilg: „Nein, was ist dieser Canamel für ein kühner Mann, wie mutig setzt er sich der Gefahr aus, gefaßt zu werden." Seine Geschäfte blühten. Am Strande schien dank der Gewandheit des Gastwirts alle Welt blind zu sein. Seine alten Freunde in Algier schickten ihm regelmäßig die Ladungen, und der Handel wurde mit um so größerer Leichtig- kcit betrieben, als Canamel das Schweigen derer, die ihm hätten lästig werden können, mit vollendeter Freigebigkeit bezahlte. Alles schlug ilmi zum Vorteil aus. Ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Palmar hatte er gute Reisfelder gekaust, und im oberen Stock der Schenke bewahrte er in einem Winkel seine Geldsäcke, mit deren Hülse er notleidende Personen unterstützte, indem er ihnen Geld auf Zinsen lieh. Sein Ansehen wuchs mit Blitzesschnelle. Zu Anfang hatte man ihm wegen des süßlichen und weichen Akzents, mit dem er sich in einem äußerst gewählten Valencianisch ausdrückte, den Beinamen Canamel(Zuckerrohr) gegeben, als er reich wurde, nannte man ihn, ohne feinen Spitznamen zu vergehen, Paco, weil er nach den Behauptungen seiner Frau diesen Namen in seiner Heimat trug. Beim Tode seiner Frau, der armen Gefährtin seiner traurigen Tage, wollte sich seine Schwägerin, eine gräßliche Megäre, mit ihrer ganzen Familie als Wirtin in der Schenke niederlassen. Sie umgaben Canamel mit der aufmerksamsten Fürsorge und hoben die Schwierigkeiten hervor, die für einen einzelnen Mann entstehen würden, wenn er eine so große Schenke allein zu leiten hätte. Ja gewiß, der Mangel einer Frau machte sich fühlbar. Doch Canamel, der seine Schwägerin stets wegen ihrer bösen Zunge gefürchtet hatte und vor ihrer Absicht, den noch warmen Platz ihrer Schwester einzunehmen, zitterte, setzte sie trotz ihrer skandalösen Proteste ganz einfach vor die Tür. Für die in der Wirtschaft zu besorgenden Arbeiten genügten ihm zwei alte Frauen, zwei Fischerwitwen, die ganz ausgezeichnete Matelotcn braten konnten, wie sie die Bürger aus Valencia auf ihren Ausflügen wohl zu schätzen wußten. Sie säuberten das Haus und reinigten die Tische, die die ganze hier ver� kehrende Dorfgemeinde beschmutzt hatte. Als Canamel sich von seiner Schwägerin befreit sah, sprach er gegen die Ehe. Ein Mann, der Vermögen besitzt. konnte nur mit einer Frau, die reicher war als er, eine Ver- nunftehe eingehen. Häufig lachte er abends, wenn er den Onkel Paloma von den Frauen sprechen hörte. Der alte Schiffer erklärte, die Männer sollten sich nur ein Beispiel au den Seenachtigallcn nehmen, die fröhlich singen, wenn sie frei sind, und lieber sterben als in Gefangen- schaft leben. Alle Vögel des See? mußten ihm zu Vergleichen dienen. Die Weiber?... Elende Geschöpfe. Sie waren die uu- dankbarsten und vergeßlichsten Wesen der Welt. Man brauchte sich nur die armen Geschöpfe vom See anzusehen. Sie flogen stets in Begleitung ihres Weibchens und waren unfähig, ohne sie Nahrung zu suchen. Wenn der Jäger schießt und das Weibchen getroffen wird, so flattert das arme Männchen, anstatt davonzufliegen, im Kreise um die Stelle, wo seine Gc- fährtin gefallen ist, bis der Jäger es ebenfalls erlegt hat. Wird dagegen das Männchen erschossen, so fliegt das Weibchen schnell davon, ohne auch nur den Kopf zu wenden, als wenn gar nichts geschehen wäre... Und wenn sie ihren Gefährten verloren, dann sucht sie sich sofort einen anderen. Bei Gott. alle Weiber sind gleich, ob sie nun Federn oder Röcke tragen. Tonet verbrachte alle Nächte in der Schenke, und gespannt erwartete er den Sonntag, weil er sich dann den ganzen Tag hier aufhalten konnte. Dieses Faulenzerleben, mit dem Kruge neben sich, gefiel ihm über alles, wenn er die schmutzigen 5tartcn auf die Decke werken konnte, die auf dem Tische lag. Es war jammerschade, daß er nicht Canamels Vermögen be- saß, um dieses vornehme Leben fortführen zu können. Er wütete bei dem Gedanken, daß er am nächsten Tage wieder in der Barke arbeiten mußte, und seine Leidenschaft für das Nichtstun war so groß, daß Canamel ihn nicht einmal mehr zu den nächtlichen Arbeiten benutzte, als er sah. wie widerwillig er die Ballen allflud und sich stets mit seinen Gefährten zankte. Er zeigte seine Tüchtigkeit nur bei einem ganz besonderen Umstände, nämlich bei dem großen Feste, das in Palmar zu Ehren des Christkindes an: dritten Weihnachtstage stattfand,. Dann zeichnete sich Tonet vor allen jungen Leuten des Sees aus. Wenn die Musik von Catarroja abends in einer großen Barke anlangte, dann stürzten sich die jungen Leute ins Wasser und kämpften um die große Trommel. Das war eine Ehre, sich mit Gewalt des großen Instrumentes zu be- mächtigen, es sich im Triumph auf die Schulter zu laden und damit durch das Dorf zu ziehen, und sie prahlten den Mäd- chcn gegenüber nickst wenig damit. Tonet stand das eiskalte Wasser bis zu den Schultern, doch trotzdem schlug er mit den Fäusten auf die Kühnsten, die sich ihm nahten, lehnte sich dann an den Rand der Barke und machte sich zuin Herrn der großen Trommel. Dann kämen an den drei Festtagen die verschiedenartigen Zänkereien, die stets mit Schlägen endeten. Hoch ging cS auch auf dem Ball her, der auf dem von Fackeln beleuchteten Marktplatz stattfand. Unter dem Vorwand sie wäre feine > Braut, zwang Tonet Neleta, in einem Winkel sitzen �u bleiben und Verbot ihr zu tanzen, während er mit anderen Mädchen tanzte, die sicherlich weniger hübsch aber besser gekleidet ivarcn. In der Weihnachtszeit brachten die jungen Leute Serenaden, zogen von Tür zu Tür, um Lieder zu singen zur Kräftigung hatten sie ein Tönuchen mit Wein bei sich, und jedes Lied wurde von lautem Gewieher und einer Flintensalve begleitet. (Fortsetzung folgt.) Obor, Vers imcl JVIonolog im Drama. Von Dr. Rudolf Franz Der heutige Theaterbesucher, der an einem Abend den„Tcll", am anderen vielleicht die„Hedda Gabler" sieht, wird sich in den seltensten Fällen darüber Rechenschaft geben, was für grundlegende Unterschiede in der äußeren dramatischen Form zwischen einem Etück von Schiller und einem von Ibsen bestehen. Es sind vor allem zwei solcher Unterschiede, die uns heute ja so geläufig ge- worden sind, daß wir ebendeshalb sie gar nicht mehr als wesentliche linterschiede erkennen: Selbstgespräche und V e r s s p r a ch e bei dem einen— stumme Soloscenen und Prosa bei dem anderen Dichter. Geht man weiter zurück, sehr weit zurück— bis zu den alten Griechen, so findet man noch ein drittes Ausdrucksmittel, das eben- falls bei Ibsen fehlt, ja gar nicht denkbar wäre, und das selbst bei Schiller schon, außer in einem Stücke, geschwunden ist. Das ist der— Chor. Schiller hat in einer merkwürdig reaktionären Anwandlung versucht, diesen Chor wieder in das Drama cinzu- führen, der doch schon seit Jahrhunderten, fast seit Jahrtausenden aus ihm verichivunden war. So großartig nun auch die Chöre in Schillers„Braut von Messina" dem Leser erscheinen: beim Hören empfindet man gleichwohl die Unerträglichteit dieses AuL- drucksmittels. In der Tat verzichte- man bei der Darstellung der „Braut von Messina" heute fast ausnahmslos darauf, die betreffen- den Stellen, wie der Dichter selbst es ursprünglich nach antikem Vorbild sich gedacht hatte, durch einen Chor, durch eine Anzahl gleichzeitig Redender, vortragen zu lassen. Vielmehr werden die Worte verteilt unter einzelne Mitglieder dieses Chors. Dazu nötigt ja schon die Forderung der Verständlichkeit. Nur mit größter Sorgfalt ist eS möglich, eine Anzahl Menschen genau im Takt gleichzeitig sprechen zu lehren. Ein einzelner schon kann durch eine Kleinigkeit das ganze verderben. Die alten Griechen haben vermutlich ihre Chöre gesungen — oder doch in einer recitativen Weise, taktmäßig, gesprochen. Dabei führten sie feierlich-getragene Tangbewegungen aus. Und der Inhalt dieser Chorlieder war dem angepaßt: in allgemein ge- haltencn Bildern und Gedanken wurde eine Art Betrachtung an- gestellt über die vorhergegangenen oder zu erwartenden Geschehnisse VeS vorgestellte» Dramas. Häufig sogar wurde aus dem Chorlied ein Hymnus, ein Gebet zur Gottheit— deren Altar ja ursprüng- lich den Mittelpunkt des besonderen Raumes bildete, auf dem sich die Choreuten, die Mitglieder des Chores, bclvegten. Indessen haben schon die Griechen, deren Drama sogar aus diesen Hymnen, aus diesen religiöse» Tänzen und Gesängen ent- standen war, im Laufe der Entimckelung ihres Dramas die Ver- Wendung des Chores immer mehr eingeschränkt und verändert. Ja, sie haben zuletzt den Chor so gut wie ganz aufgegeben. Und sie würden ihn völlig abgestoßen haben, wenn die Entwickelung nicht jäh unterbrochen worden Iväre. Die Ausstattung des Chores lag den reichsten Bürgern ob. Als nun aber nach dem verheeren- den pcloponnesischcn Kriege, der von 431 bis 404 dauerte und der Entwickelung des griechischen Geisteslebens ebenso ein Ende be- reitete, wie im Deutschland des 17. Jahrhunderts der um drei Jahre längere 30jährige Krieg den Anfang der Entwickelung hemmte— als dieser Krieg dem allgemeinen Wohlstand zum Sinken brachte, da war es auch' nicht mehr möglich, jene Riesenauf- Wendungen zu machen, durck die man vorher die Schauspiele zu solchem Glanz entwickelt hatte. Das gab auch dem Chor den Rest. Der Komödiendichter Aristophanes schuf seine letzten Stücke, nach diesem Kriege, ohne den alten Chor zu verwenden. Freilich sank von da an die griechische Kultur rapide, und es erstanden immer seltener und immer unbedeutendere Dichter, bis endlich das ernste Drama ganz verschwand oder mehr und mehr dem ZirkuS und allerle Possen den Platz räumte. Fast zweitausend Jahre lang hat dann das Drama einen tiefen Schlaf geschlafen, aus dem es nur hier und da zu kurzem, wenig glanzvollem Leben erweckt wurde. Die christliche Religion und die gewaltigen Stürme, die sie nach sich zog, ließen sogar das griechische Drama lange Zeit in völlige Vergessenheit geraten, der es erst im Ausgang des Mittelalters allmählich und bruchstückweise wieder entrissen wurde. Unterdessen aber hatten sich die Zeiten gewaltig verändert. Und als schließlich Shakespeare kam, da war der ursprüngliche Sinn und Zweck des Theaters so ganz verwandelt, daß er ein völlig neues Drama erschaffen mußte. Ohne es zu wollen oder zu wissen, knüpfte er aber doch da an, wo die griechische Entwickelung zwei Lahrtansend� vorher aufgehört hatte..Und so verzichtete cp von vornherein ans den Chor, den ja auch die Griechen, wie schon ge- sagt, mehr und mehr vernachlässigt und aufgegeben hatten. Zwar läßt er gelegentlich noch einen„Chorus" auftreten; aber das war geradezu das Gegenteil des alten Chores, nämlich ein einzelner, der freilich eine ähnliche, doch vergleichsweise sehr untergeordnete Rolle spielte wie der eigentliche, alte Chor:-ndem auch er all» gemeine Betraebtungen anstellte. Hat Shakespeare auf diese Weise einen kümmerlichen Rest des Alten beibehalten, so bietet er zugleich eine Spur von etwas ganz Neuem, von etwas, das sich erst entwickeln sollte: Er führt neben der Sprache des Verses, die seit Anbeginn im Drama ge- herrscht hatte, gelegentlich auch die Prosasprache, die Sprache des täglichen Lebens ein. Von da bis zur alleinigen Verwendung der Prosa im ernsten Schauspiel war freilich noch ein weiter Schritt. Der wurde erst im 13. Jahrhundert getan, anderthalb Jahrhunderte nach Shakespeare. Neben ihren unbedeutenderen Borgängern haben damals besonders Lessing und Diderot, der vielseitige Philo- soph, sich dieser neuen Gestaltungsart des Dramas angenommen. Schiller und Goethe wandelten anfangs in ihren Spuren, kehrten sich dann aber so entschieden davon ab, daß noch jahrzehntelang niemand unter den großen Dramatikern diese neue Bahn weiter zu verfolgen sich entschloß. Ja, Schiller hat gerade aus Opposition gegen diesen Realismus, gegen dieses Fortschreiten der Wirklich- keitsformen, jenen erwähnten Versuch gemacht, den Chor wieder ins Drama einzuführen und auch damit, wie mit der Bersspracha, nach seinem eigenen Ausdruck, dem Naturalismus in der Kunst „offen und ehrlich den Krieg zu erklären". Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts— wenn wir von ein» zelnen Vorstößen, wie Hebbels„Maria Magdalene" absehen, be» ginnt ein Franzose, der jüngere Dumas, in ernsten Schauspielen sich ausschließlich der Prosasprache zu bedienen. Zu jener Zeit haftete Ibsen noch im Boden des romantischen Dramas mit vor- zugSweiser Benutzung der Verssprache. Doch auch er greift schon damals mehrfach zur Sprache der Wirklichkeit, des alltäglichen Lebens. Ibsen und Dumas haben dann, während sie in dieser Hin- ficht nur fortzusetzen brauchten, was Lessing, Diderot und andere schon vollbracht hatten, noch ein anderes AusdruckSmittel des Dramas allmählich aufgegeben und ersetzt, das zivar ebenso wie Chor und Vcrssprache schon im 18. Jahrhundert von einigen unbc- deutenden Dramatikern verlassen worden war, ohne daß aber von diesen Leuten eine nachhaltige Wirkung ausgegangen wäre. Sie vermieden nämlich mehr und mehr den Monolog, das Selbst- gespräch oder, richtiger übersetzt und ausgedrückt: das Allein- gespräch. Richard Wagner war ihnen da in einigen seiner Opern noch zuvorgekommen und ist für sie vielleicht sogar vorbildlich ge- wesen. Das des näheren auszusiihren, fehlt hier der Raum.�) Ibsen war dann erst der eigentliche Vollender dieser neuen Fort- schrittsstufe des Dramas, indem er das Alleingespräch teils durch sinnreiches stummes Spiel etwa allein auf der Bühne anwesender Personen ersetzte, teils durch seinen Dialog, d. h. durch die Art und Weise, wie er seine Personen miteinander reden läßt, das Alleingcspräch, das zur Enthüllung geheimster Gedanken und Stimmungen einst notwendig war, ganz überflüssig machte. Damit war denn auch das dritte jener AusdruckSmittel der- schwunden, die ursprünglich zum Wesen deS Dramas gehört hatten. Und wenn wir mit Shakespeare, also etwa mit dem Jahre 1000, mit Lessing, etwa 1760, und mit Ibsen, bis 1900, die drei Stufen be- zeichnen wollen, so sind diese drei Ausdrucksmittel, Chor, Vers- spräche und Alleingcspräch, in Abstaiiden von ungefähr je ändert- halb Jahrhunderten dem Drama verloren gegangen. Sie alle drei sind im modernen Drama, soweit es Gegenwartsprobleme in einein Gegenwartsgeivand behandelt, ebensowenig denkbar, wie einst, vor zweitausendvierhundert Jahren, das Drama der Griechen, das heißt das erste Drama überhaupt, ohne sie denkbar war. Denn in diesem Urdrama war der Chor, d. h. eine Anzahl tanzender und singender Verehrer einer Gottheit, sogar das eigent- liche Element gewesen. Und die singende Vortragsweise hatte wiederum die gebundene Redeform, die V e r s s p r a ch e bedingt. Nachdem dann schließlich ein einzelner sich losgelöst hatte aus dem Chor und, wie etwa ein Priester auf der Kanzel, allein sprach, war auch eben das Allein gespräch gegeben. Ursprünglich war das kein Monolog in unserem Sinne, sondern ein Vortrag, da eben immer ein Publikum zugegen war. Erst später, als man den Chor zeitweilig und zuletzt völlig entfernte, entstand der Widersinn des eigentlichen MitsichselbstsprechenS. Mit dieser Entfernung des Chores, auch wenn sie nur zeitweilig war, gab man also schon die innere Berechtigung aller drei Ausdrucksmittel preis. Denn nur dem Chor war ursprünglich die Vcrssprache gemäß, wie etwa einem Kirchenlieds. Und ebenso war das Sprechen eines einzelnen ohne einen Partner nur durch die Anwesenheit des ChoreS bedingt und ermöglicht worden. Mit der Aufgabe des Chores also, unter Bei- beHaltung des Allcingesprächs und der Verssprachc, verrannte sich schon das antike Drama in eine Sackgasse, aus der auch Shakespeare und die deutschen Klassiker nicht herausfanden. Heute nun haben wir zwei Gattungen des ernsten Dramas. Eine, die eben auf alle jene AusdruckSmittel Verzicht leistet und wenigstens in der äußeren Form möglichste Wirklichkeitstreue an- strebt; diese Form wird repräsentiert durch Ibsens Dramen. Und *) Binnen kurzem erscheint bei Niemeyer in Halle ein« Schrift über diese Dinge unter dem Titel„Der Monolog und Ibsen." eäitc, die daS©egenfeil dsvon darstellt und zugleich das Gegenstück zum alten, griechische» Drama— wo dessen Hülssmittel nach wie vor am Platze find. Das ausgeprägteste Beispiel für diese letztere Gattung ist der zweite Teil von Goethes„Jaust", Ivo Vers, Monolog und sogar Chor eine noch ebenso bedeutsame Rolle spielen wie einst bei Sophokles und seinen Zeitgenossen. Aber diese Art Drama ist dem Theater mehr und mehr entfremdet. Sie ist weniger für den Zuschauer als für den Leser und allenfalls den Hörer von Wert und von Interesse. Sie ist schwer darstellbar und noch schwerer (als Darstellung) genießbar. Vielmehr gehört das moderne Theater dem modernen Drama, dem Wirllichkeitsdrama und vor allem dem Wirklichkeitsdramatiker schlechthin: dem toten Norweger. (Nachdruck verboten) Der Xsprawmk. Von I. D. T e l e s ch e lv. Heber die traurige sibirische Ebene senkten fich die Abendschatten. als zwei Männer vor der einkamen Lehmhütte am Waldrande an- hielten. E§ war dies der unlängst aus Petersburg angekommene JSprawnik(Kreisvorsteher) Wa'sili Wolbynzew mit dem Ortsschreiber, den er gewöhnlich mit sich auf die Jagd nahm. Infolge der Ermüdung oder der mißglückten Jagd befand sich Wolhynzew in sehr schlechter Laune. Ungeduldig öffnete er die Tür der Hütte, um ihren Besitzer um irgend eine Stärkung zu bitten. Aber niemand war da, nur auf der Schwelle stand ein großer Topf mit Milch, und daneben lagen ein Laib Brot, Eier und Käse. .Ist niemand da?" rief Wolhynzew ungeduldig.„Ich habe Durst." „Trinken Sie doch ruhig, soviel Sie wollen," sagte der Schreiber und wollte ihm den Milchiopf reichen. „Warte," hielt Wolhynzew ihn zurück.„Wahrscheinlich haben fich die Leute hier das Abendbrot zurechtgestellt... Merkwürdige Leute das I Die Tür ist nicht verschloffen und keine lebende Seele da... Hier treibt sich nicht wenig Gesindel herum, nachher werden fie jammern, wenn sie bestohlen worden sind." Der Schreiber lächelte. „Mit Absicht mn sie eS so. Gerade deshalb haben sie die Speisen hier hingelegt, daniit die Vorüberziehenden sich stärken. Haben Sie keine Sorge. Wassili Michajlowitsch, essen und winken Sie, soviel Sie wollen I" „Für die Vorüberziehenden?" fragte Wolhynzew ungläubig. „Wer kümmert sich in dieser Weise um die Vorüberziehenden?" „Alle tun es, in sämtlichen Dörfern," entgegnete der Schreiber. „Das ist ein alter Brauch, und jeder hält es heute für seine heilige Pflicht. Hier trifft man das seltener an, aber in den Dörfern.— da tragen sie jede Nacht Speisen und Trank mitten auf den Weg hinaus oder stellen sie unters Fenster hin. Sie stellen die Speisen hin, in der Nacht kommt der Landstreicher, sucht sie auf und sättigt sich." „Was für Landstreicher?" „Nun, die Verbannten, die aus der Katorge") entfliehen, von den schweren Zwangsarbeiten. Hier nennt man sie einfach Land- streicher." Wolhynzew blickte den Schreiber verwundert an. „Ja, das ist gerade für sie," fügte dieser, innerlich über etwas erfreut, hinzu.„Ziehen doch durch unsere Gegend so viele Flüchl- linge durch, daß man fie nicht einmal zählen kann! Es werden wohl schon hundert Jahre her sein, seitdem sie fortwährend vorüber- ziehen,— kein Wunder, daß daS Landvolk sich daran gewöhnt hat." Der Schreiber erzählte, und Wassili hörte nachdenklich zu, runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen. „Du sagst, die Bauern hätten sich daran gewöhnt?" fragte er mit einem Halblächeln, den Schreiber unterbrechend. „Ja, sie haben sich daran gewöhnt." „Und sie speisen und tränken die Vagabunden?" „So ist es. Aber das ist noch nicht alles. Es kommt auch vor. daß man den Alten und Kranken, die nicht selbst ins Dorf kommen können, die Speisen in den Wald trägt, ja sogar— Kleidung... Ein sehr schöner Brauch I" „Bist Du verrückt geworden?" rief Wolhynzew fast grob auZ. „Du lobst das noch? Ist es nicht gegen das Gesetz, Verbrecher in solcher Weise in Schutz zu nehmen. Ausreißer zu verbergen und zu speisen? Weiß der Teufel, wonach das aussieht, mein Verehrter I" „Wer weiß." sagte der Schreiber verwirrt.„Ein alter Brauch... wer kann da entscheiden, ob sie schlecht oder recht handeln. Natürlich, wenn... UebrigenS ttit man überall so." „Nun, mögen sie überall so tun!" sagte Wolhynzew wütend. „Bei mir aber sollen solche Schandtaten nicht vorkommen." WolhynzewS Augen blitzten drohend auf. „Du kennst mich nicht. WaS ich einmal gesagt habe, das führe ich auch aus. Run. ich danke Dir. Iwan Petrowilsch, Du hast mich auf eine schöne Aufgabe aufmerksam gemacht. Mag dies mein Debüt sein I Eine interessante und neue Beschäftigung... Sichtlich begünstigt mich daS Geschick selbst." Die Ermüdung und die mißglückte Jagd waren mit einem Male vergessen. Heiße Gedanken gingen Wolhynzew durch den Kopf und verbanden sich zu einem zwar noch unklaren, aber großartigen *) Sibirisches GckänaniS. Plan.