Hlnterhallmgsblatt des vorwärts Nr. 15. Mittwoch den 22 Januar. 1908 lÄachdruck Dcitotcn.) 15) Schilf und Schlamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. War aber diese kurze Zeit des Vergnügens vorüber, dann begann Tonet mit demselben Widerwillen sein Leben voll harter Arbeit, das vom Horizont des Sees gleicksam begrenzt wurde. Manchmal trotzte er dem Zorn seines Baters, rückte aus, stieg im Hafen von Catarroja an Land und durchstreifte die Dörfer, wo er zur Zeit der Ernte, einige Freunde hatte. Ein anderes Mal wieder schlug er den Weg nach Saler ein und wanderte nach Valencia, bis der Hunger ihn zwang, wieder in die Hütte seines Vaters zurückzukehren. So hatte er die Existenz derer kennen gelernt, die ohne Arbeit leben und verdammte sein unglückseliges Geschick, das ihn zwang, wie ein Amphibium in einer Gegend von Schlamm und Schilf zu vegetieren, wo der Mensch von seiner Geburt an in einer kleinen Barke Hausen muß. ohne die er keine Be- tvegung machen kann und in der er wie eine Kröte in ihrem Loche zu bleiben verdammt ist. Die Vergnügungssucht erwachte in ihm mit wütender Gewalt. Er spielte in der Schänke bis zu dem. Augenblick, wo Eanamel ihn um Mitternacht vor die Tür setzte: er hatte alle Getränke zu sich genommen, die in der Albufera gc- uossen werden, einschließlich des reinen Absinths, den die Jäger aus der Stadt mitbrachten, um ihn mit dem schlam- migen Wasser des Sees zu vermischen, und mehr als einmal hatte er bei seiner Rückkehr in die Hütte die zornigen Augen seines Vaters gesehen, dem weder sein unsicherer Gang, noch sein alkoholduftender Atem entgangen waren. Auch der Großvater protestierte mit entriisteten Worten. Er ließe es sich wohl gefallen, daß er den Wein liebte, der innnerhin etwas Geweihtes und Gutes war: schließlich müßten sie alle ewig auf dem Wasser leben und der gute Schiffer müßte sich den Leib warm halten... aber gemischte Getränke zu sich zu nehmen— so hatte der alte Sangoncra angefangen. Tonet vergaß fede Rücksicht. Er prügelte die Borda, be- lmndeltc sie wie ein widerstandsloses Tier und sah Ncleta kaum noch an. Wenn er seinem Vater noch gehorchte, so ge- schah es in so gezwungener Weise, daß der tapfere Arbeiter erblaßte und seine dicken, starken Hände bewegte, als wenn er Lust kmtte, ihn zu erdrosseln. Der junge Mann verachtete alle Bewohner der Dorfes und sah in ihnen nur eine er- bärmlichc, für Hilnger uild Anstrengung geborene Herde, aus der er suchen mußte herauszukommen. Wenn sie stolz, die großen Körbe voller Aale und Schleie, nach Hause kamen. dann lächelte er nur. Ging er an dem Hause des Vikars vor- über, so sah er Sangonera, der sich jetzt dem Studium ge- weiht hatte, stundenlang vor der Tiir des Pfarrhauses saß und religiöse Bücher las, wobei der Taugenichts zerknirschte Grimassen schnitt. „Der Dummkopf, was hatten denn all diese Bücher für Zweck, die ihm die Pfarrer liehen?" Tonet wollte leben und mit einem Schlage alle Annebm- lichkeiten des Daseins genießen. Er bildete sich ein. die Leute, die auf der anderen Seite de? Sees oder in der Stadt wohnten, stahlen ihm einen Teil der Vergnügungen und der Freuden, die ihm von Rechts wegen zukamen. Zur Zeit der Reiserntc, »venu die Arbeiter zu Tausenden in die Albufcragegend kamen, um sich die hohen Löhne zu verdienen, die die Guts- bcsitzcr bezahlten, söhnte sich Tonet für den Augenblick mit dem Leben in diesem Erdenwinkel ans. Er sah neue Gc- sichter, sah Freunde tvieder, und es herrschte eine über- strömende Fröhlichkeit unter diesen Landstreichern, die, mit der Sense in der Hand und dem Rucksack auf dem Rücken, von Land zu Land zogen, um zu, nähen, so lange die Sonne über dem Horizont stand, und sich sinnlos zu betrinken, sobald die Nacht hereinbrach. Ihm gefielen diese Leute, die ein so bewegtes Leben führten, und er fand ihre Erzählung tausendmal interessanter als die Geschickten, die man sich abends in den Spinnstuben und in den Hütten erzählte. Der eine war in Amerika ge- Wesen: er vergaß sein Elend in diesen fernen Ländern und sprach davon wie von eincni Paradiese, wo alle Welt in Gold schwamm. Andere erzählten ihren langen Aufenthalt in dem 1 wilden Algier, an der Grenze der Wüste, wo sie sich ziemlich lange versteckt halten mußten, eines häßlichen Messerstiches halber, den sie einem in ihrer Heimat beigebracht, oder wegen eines Diebstahls, den man ihnen fälschlich auf Rech- nung schrieb. Er trieb diese Freundschaft für die Landstreicher so weit, daß er sie nach der Ernte begleitete. War ihr Tagewerk be- endet, so folgte ihnen Tonet bei einer wüsten Orgie durch alle Dörfer, die sich am See hinzogen. Eine wilde Wände- rnng von Schenke zu Schenke, die in eine allgemeine Prügelei ausartete, wenn es an Geld fehlte. Eine solche Erpedition wurde in der ganzen Albufera- gegcnd berühmt. Sie datierte über eine Woche, und während dieser ganzen Zeit sah der Onkel Toni seinen Sobn nicht ein einziges Mal in Palmar. Man erfuhr, daß die Landstreicher wie losgelassene Tiere nach Ribera gelaufen, in Sollana einen Feldhüter durchgeprügelt hatten, und daß zwei von ihnen in Cueca bei einer Kneipenschlägerei schrecklich zugerichtet worden waren. Die ganze Gendarmerie lief dieser Bande Verrückter nach. Eines Nachts benachrichtigte man den Onkel Toni, sein Sohn wäre, die Kleider mit Schmutz bedeckt, als tväre er in irgendeinen Graben gefallen, und einen siebentägigen Rausch in den Augen, in Eanamelo Schenke erschienen. Finster be- gab sich der fleißige Mann dorthin, schweigsam wie stets und mit zitternden Händen, die heftig zuckten, als wenn sie sich ineinandcrvresscn wollten. Sein Sohn tvar gerade im Begriff, mitten in der Schenke mit dem Durste eines Be- trunkenen ein Glas zu leeren, die allgemeine Atifmcrksamkeib tvar auf ihn gerichtet, während er die bei diesem Streifzuge begangenen Dtimnwciren erzählte. Mit dem Handrücken zerschlug der Vater den Becher, den der andere an die Lippen führte, und drückte ihm den Kopf auf die Schulter herunter. Von dem Scksiage ganz verdutzt, war Tonet einen Augenblick bestürzt, als er seinen Vater vor sich stehen sah: bald aber kam er wieder zu sich, ein trübes, bösartiges Licht entzündete sich in seinen Augen, bei deren Glanz die anderen zitterten, dann stürzte er auf den Onkel Toni zu, und brüllte, niemand dürfe ihn ungestraft schlagen. nicht einmal sein Vater. Doch es war nicht leicht, sich gegen diesen ernsten, schweigsamen Alaun zu empören, der, fest und streng wie die Pflicht, in feinen Armen die Energie eines mehr als zwanzigjährigen Kampfes mit dem Elend trug. Ohne vor dieser jungen, wilden Bestie, die ihn zu beißen beabsichtigte, auch nur den Mund aufzumachen, gab er ihm eine heftige Ohrfeige, bei der er wankte, und versetzte ihm in demselben Augenblick einen Fußtritt, der ihn gegen die Wand schleuderte, von der er gegen einen mit Spielern besetzte» Tisch taumelte. Man stürzte sich auf den Vater, denn man fürchtete, diese? würde in seinem kaltblütigen Atletenzvrn alle Gäste niederschlagen. Als. die Ruhe wieder hergestellt war, und man den Alten losgelassen hatte, war sein Sohn nicht inchr da. Mit einer Geste der Verzweiflung, die Anne gen Himmel hebend, tvar er entflohen... „Man hatte ihn geschlagen... und im Beisein von ganz Palmar." Mehrere Tage vergingen, ohne daß Tonet sich wieder blicken ließ. Endlich erfuhr man, er wäre auf dem Markte von Valencia erschienen. Er ivohnte im Bezirk des Mont Olivicto, hatte sich anwerben lassen und sollte sich nächstens einschiffen. Der Onkel Toni hatte zuerst die Absicht, zu protestieren: sein Sohn zählte noch keine zwanzig Jahre, und man hatte also eine Ungesetzlichkeit begangen. Es war doch immer sein Kind, sein einziges Kind. Doch der Großvater mit feiner gewöhnlichen Härte veranlaßte ihn, der Sache ihren Lauf zu losten. Das war für seinen Enkel noch das Beste. Er tvar auf schlimmem Wege, er mußte ein bißchen die Welt kenneu lernen und sich die Hörner ablaufen: aus Reisen tvürde er sich schon austoben... ua, und wenn er wirklich umkam. dann tvar eben ein Vagabund weniger auf der Welt..,, Schließlich muß ja jeder früher oder später sterben. Der junge Mann zog also ab. ohne daß Widerspruch erhoben wurde. Die Borda war die Einzige, die sich heimlich aus der Hütte entfernte ,md nach Mont Olivieto kam, um ihm weinend Lebewohl zu sagen, nachdeiu sie ihm seine arm- fettgcn Kleidungsstücke und sogar ein bitzchcn Geld übergeben hatte. Von Neleta sprach er kein Wort, ihr Bräutigam schien sie vollständig vergessen zu haben. Zwei Jahre vergingen, ohne datz der Junge ein Lebens- zeichen von sich gab: eines Tages kam ein Brief an den Vater voll dramatischer Phrasen und verlogener Sentimen- talität, in dem Tonet um seine Verzeihung bat und von seinem neuen Leben sprach. Er war Polizist in Guantamano, und es ging ihm nicht übel. Man bemerkte in seinem Stil ein gewisses unverschämtes Selbstbewußtsein, wie�s ein Mann zur"Schau trägt, der, mit einer Waffe auf der Schulter, das Land durchstreift und Respekt einflößt. Seine Gesundheit war prächtig. Er hatte nicht mehr das kleinste Unbehagen gehabt, seit er sich eingeschifft. Die Leute vorn Albuferasee ertrugen das Klima der Insel ausgezeichnet. Wer sich ge- wöhnt hatte, in der Lagune zu leben und ihr schlammiges Wasser zu trinken, konnte ohne die geringste Furcht überall hingehen. Er war geimpft. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboicii.j Vom Kaffee imcl Katfeekoeben. Hygieniker und Physiologen, Aerztc und Vloralprediger, Natur- heilkünstler und Sozialpolitiker bemühen sich mit recht geringem Erfolge, die drei Kulturgifte Alkohol, Tabak und Kaffee ans der Welt zu schaffen. Es hilft ihnen wenig, daß sie versuchen, die schädlichen Folgen des Giftgemisses in Wort und Schrift ihren Mitmenschen zu offenbare»; die Bier- und Kaffeehäuser schießen wie Pilze aus der Erde und mit jedem neuen Eckhar.se erblüht uns ein neuer Zigarrcnladen.— Gleich erfolglos wie das Predigen erweisen sich von jeher gesetzliche Maßnahmen gegen den Genuß jener schleichenden Gifte, die uns wie falsche Freunde ins Ver- derben ziehen,— nur allzu spät erkennen wir ihr wahres Gesicht. Im Jahre 1511 wurde zum ersten Male das Kaffeetrinken verboten, und zwar in Mekka, nicht weit von der Heimat des Kaffee- bauntes. Unter der Negierung Solimans des Großen kam die Sitte des Kaffeetrinkens nach Konstantinopel(15511, wo in den »Schulen der Erkenntnis"— wie man die öffentlichen Kaifec- Häuser nannte— der braune Trank reißenden Absatz fand.�trotz der hohen Abgaben, die von den KaffcchauLbesitzern an den Staat gezahlt werden mußten.— Zweimal wurden auf allerhöchsten Be- fehl sämtliche Kaffeehäuser KonstantinopclS geschlossen, und zwar — aus politischen Gründen. Offenbar waren schon damals die „Schulen der Erkenntnis" ein beliebter Tummelplatz der Kaffee- Hauspolitiker. Alle Verbote halfen jedoch nichts; sie mußten sehr bald Iviedcr aufgehoben werden, und nun wurde der Weg frei für den Export ins Abendland. In Paris wurde 1K7S das erste Kaffeehaus er- öffnet, in Wien 1683 und bald darauf in Nürnberg, Regcnsburg, Hamburg und Leipzig. In Berlin konnte man erst 1721 öffentlich feine„Schale Schwarz" trinken und unter Friedrich II. wurde nur Adligen, höheren Beamten und Geistlichen das Kaffecbrenncn er- laubt; sie erhielten einen sogenannten Brennschein, während der gewöhnliche Sterbliche für 21 Lot gebrannten Kaffees einen preußischen Taler bezahlen mußte. Schon damals wetterte man aus gesundheitlichen Gründen gegen den Kaffeegcnuß; wie vergeblich alle Versuche waren, die orientalische Gefahr abzuwenden, lehrt ein Blick in unsere HauS- Haltungen. Tie Kaffeemühle ist unentbehrlich geworden. Unter diesen Umständen sollte man eigentlich annehmen, daß in jeder deutschen Familie ein erträglicher Kaffee gebraut würde. zumal die Kunst des Kaffeckochcns eigentlich gar keine Kunst ist; es erfordert keine aligeborencn Talente, wie etwa die Herstellung eines lockeren Eierkuchens oder einer Silvesterbowle. Aber selbst in bürgerlichen Familien, in denen es wirklich auf ein paar Pfennige nicht ankommt, muß man sich nur zu oft mit einem „Titularkaffce" begnügen, einem braungefärbtcn warmen Wasser, daS ja der Gesundheit zuträglicher sein mag als Kaffee, aber nicht unter diesem Namen präsentiert werden sollte. In hygienischer Beziehung muß man es als erfreulich bc- zeichnen, daß die unzähligen Kaffcc-Ersatzmittel im Volke eine so große Verbreitung gefunden haben; merkwürdig bleibt allein. daß sich die Gejchmacksnerven nicht auflehnen gegen den Genuß derartiger Getränke. Als die Zichorie aufkam, empfand man ihren Geschmack allgemein als widerwärtig, und dem Malzkaffes erging es anfangs auch nicht viel besser. Offensichtlich gewöhnt sich der Mensch aber an Surrogate aller Art, wie an die herrschende Mode, und es ist nur zu bedauern, daß es bisher nicht gelungen ist. ähn- kichc Ersahmittel für den Alkohol und Tabak ausfindig zu machen. Mit� Ausnahme des Kathrcinerschcn Malzkaffces wird wohl kein Ersatzmittel des Kaffees rein genossen, und selbst in dem bekannten dünnen Bliemchenkasfce begegnen wir einzelnen wirklichen Kaffeebohnen. Wenn nun trotz der Vorliebe für dünnen Kaffee, trotz der Sparsamkeit der deutschen Hausfrau der Kaffee- konsum steigt, so läßt sich das nur aus dem Bedürfnis der meisten Menschen nach großen Flüssigkcitsmengen erklären, und selbst für den Freund eines schwachen Kaffees wird es nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, welche Veränderungen die Kaffeebohne erleidet auf dem Wege vom Großkaufmani; bis zur Kaffeekanne. In unseren Städten haben wir heutzutage immer seltener Gelegenheit, die rohen Bohnen in den Läden der Kaufleute, gc- schweige denn in den Haushaltungen kennen zu lernen. Die Zeiten sind vorüber, da die Hausfrau abwechselnd mit der rechten und linken Hand langsam und gleichmaßig die Rösttrommcl über dem offenen Herdfeuer drehte. Ter wundervolle Duft, der damals das Haus noch tagelang erfüllte, ist uns unbekannt geworden, aber auch der Aerger, wenn einmal der Brand mißraten war. Im Gegensatz zum Kaffeekochen ist nämlich das Brennen in der Tat eine Kunst, und selbst im Großbetrieb werde» an den Kaffeeröster Anforderungen gestellt, die ein gewisses Verständnis für die Eigentümlichkeiten der einzelnen Sorten und eine gute Nase voraussetzen. Wollen wir nun erfahren, was aus der rohen Kaffeebohne beim Rösten wird, so ist eS nötig, uns zuvor das Rohprodukt des Handels etwas näher zu betrachten. Man muß nicht glauben, daß es genügt, die kirschenähnlichen, fleischigen Früchte des Kaffee- baumcs zu entkernen und diesen Kern, die beiden mit ihrer flachen Seite aufeinander liegenden Samen— den Kaffeebohnen— zu trocknen. Der geerntete Rohkaffee entspricht noch in den meisten Fällen nicht den Anforderungen, die der Händler an ihn stellt. Da loird gewaschen, gequollen und wieder getrocknet, geglättet und poliert, ja sogar gefärbt; und man sieht es den grünen Bohnen nicht an, daß sie von Natur gelb waren, oder daß die gelben und blauen Bohnen ehemals eine schmutzig-griine Farbe zeigten. In den sogenannten„Appreturen", wie die Farbmischungen genannt werden, finden wir außer Indigo, Ultramarin, Gummigutti usw. Bleifarben, Kupfervitriol und andere Gifte, die allerdings das deutsche Nahrungsmittclgesctz verbietet.— Analysieren wir die zähen und keineswegs wohlschmeckenden rohen Bohnen, so finden wir in ihnen der Hauptfachs nach neben etwa 26 Proz. Rohfascr(im wesentlichen Zellstoff), ungefähr je 12 Proz. Wasser, Eiweiß und Fett, 8 Proz. Zucker, 6 Proz. Gerb- säure, 13 Proz. stickstoffreier Extraltstroffe und 1 bis 2 Proz. Koffein. — Was wird nun aus diesen Dingen beim Rösten? Zahlreiche Untersuchungen vieler Chemiker liegen über diese interessante Frage vor, und wie nicht anders zu erwarten ist, sind sich auch hier wieder einmal die Gelehrten noch nicht einig. Im wesentlichen dürfte sich aber wohl folgendes ergeben: Zunächst verflüchtigt sich der größte Teil des Wassers; wird die Hitze größer, So entweicht ein dicker, weißer Rauch und das ist das Zeichen des ZeginnS der eigentlichen Zersetzung. Die Dämpfe riechen anfangs brenzlich und ein wenig nach Essigsäure, aber bald bemerken wir den charakteristischen Kaffcegeruch unter Bräunung der Bohnen. Tiefe Braunfärbung entsteht durch das Anbrennen des in den Bohnen enthaltenen Zuckers; es bildet sich Karamel, den wir auch sonst als Färbemittel für Saucen usw. vielfach verwenden(Zucker- couleur).— Tie Eiweißstofse werden unter Bildung von so- genannten Pyridinbasen größtenteils zersetzt. Nach neueren Unter- suchungen will man die gesundheitsschädliche Wirkung des Kaffees vielfach auf den Genuß dieser Zersetzungsprodukte zurückführen, eine Annahme, die sicher nicht von der Hand zu weisen ist. wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Spiritus mit ähnlichen Ver- bindungen denaturiert, d. h. für den Genuß unbrauchbar gemacht wird.— Das Fett des Kaffees verbrennt ebenfalls zum Teil und bei dieser Gelegenheit entweicht ätherisches Oel, das im Kaffeefett gelöst war. Die Gerbsäure wird beim Rösten stark vermindert, darum ist der Kaffee nicht geeignet, wie andere gcrbstoffhaltigcn Mittel verwendet zu werden. Im Gegenteil— der Kaffee wirkt infolge seines Gehaltes an Kaffeeöl leicht abführend und ist in dieser Beziehung den Schweizcrpillen und Bitterwassern bei weitem vorzuziehen.— Schließlich geht nun beim Brennen auch ein großer Teil des Koffeins, des bedeutungsvollsten Jnhaltskorpers der Kaffeebohne, verloren und auch die stickstoffrcien Extraktstoffe er- leiden eine Zersetzung, über deren Produkte man sich nicht recht einig ist.— Die größten Meinungsverschiedenheiten herrschen jedoch über die Natur der beim Brennen sich entwickelnden Aroma- stoffc; jedenfalls haben wir es nicht mit einem einheitlichen Körper zu tun. Wichtig ist die Tatsache, daß beim Brennen aromatische Stoffe nicht entwickelt werden, wenn die rohen Kaffeebohnen vorher mit heißem Wasser ausgelaugt werden; die Aromabildner müssen demnach in Wasser löslich sein, und wenn die rohen Bohnen bei dem Verschönerungsprozeß angequollen und wieder getrocknet werden, dann darf es uns nicht wundern, wenn minderwertige Kaffeesortcn trotz allen Röstens wenig Verlockendes für die Nase haben. Wir sehen also, daß in chemischer Hinsicht der Röstprozeß eine große Umwälzung in den Kaffeebohnen verursacht, und trotzdem lehrt die Analyse, daß mit Ausnahme des Wassers und des Zuckers die prozentuale Zusammensetzung der Jnhaltskörper wenig von denen des Rohkaffees abweicht. Infolge des Verlustes des Wasser» und anderer flüchtigen Substanzen vermindert sich nämlich das Gewicht der Bohnen beim Brennen um fast ein Viertel. Das Volumen(Rauminhalt) hingegen nimmt fast um die Hälfte zu durch Aufblähen und Platzen der Zellen, so daß also die Größe der gerösteten Bohne nicht sonderlich von derjenigen der rohen ver» schieden ist. Bck der großen Wichtigkeit ÄcS Äußeren Ansehens für die Beurteilung seitens des Händlers und des Käufers ist man natürlich sehr bald darauf verfallen, der Natur etwas nachzuhelfen. Ta wird dann Zucker beim Rösten zugesetzt, um die Bräunung zu be- schleunigen und zu steigern, die Bohnen werden mit Schellack über- zogen, um ihnen Glanz zu verleihen, Fett wird zugesetzt, da nach Meinung mancher Leute der Kaffee bis zum„Fettschwitzen" ge- röstet werden muß usw.— Soweit keine gesundheitsschädlichen Schönheitsmittel verwendet werden, ist ja nichts gegen derartige Manipulationen einzuwenden, aber leider bedient man sich häufig aller möglichen Tinge, um einer minderwertigen Ware das An- sehen einer guten zu geben. Das kaufende Publikum ist in allen solchen Fällen der leidende. Teil und merkt erst beim Trinken des Kaffees, daß der Schein trügt. Ist es uns aber trotzalledem gelungen, für unser Geld einen brauchbaren Kaffee zu erhandeln, dann wäre es unverantwortlich, wenn wir durch eigene Schuld beim Zubereiten des Getränkes uns um allen Genuß bringen wollten. Und doch geschieht es in un- zähligen Fällen, weil man sich nicht recht klar macht, was man will, und wie man in sparsamer Weise seinen Zweck erreicht. Von einer guten Tasse Kaffee verlangen wir eine Ivarme braune Farbe, einen angenehmen Geruch und Geschmack und eine durch das Koffein und Kaffecöl bedingte anregende Wirkung.— Würde man eine reichliche Menge gemahlenen Kaffees mit wenig heißen: Wasser übergießen, so hätten wir zwar ein Getränk von der gewünschten Farbe und von gutem Geruch, aber, abgesehen von der Kostspieligkeit einer solchen Bereitungsweise, würden wir sehr bald unsere Gesundheit ruinieren, und den meisten Menschen würde ein solcher Kaffceaufguß zu stark und bitter schmecken. Nehmen wir wenig Kaffee und kochen ihn dafür um so länger, so haben wir zwar die Farbe und weniger Koffein, aber alles Aroma ist ver- schwunden. Nun wird, wenigstens in großen Teilen Teutschlands, in den meisten Haushaltungen ein Verfahren bevorzugt, das uns zwar das Aroma einigermaßen erhält, aber mit Farbe und Ge- schmack sind wir nicht zufrieden,— ich meine das Trichtern des Kaffee?, das darin besteht, kochendes Wasser in dünnem Strahl durch einen Beutel oder ein Filter, in welchem der gemahlene Kaffee liegt, zu gießen. Das Filtrat ist anfangs dunkelbraun, wird aber sehr bald heller, und diese Beobachtung war ohne Frage der erste Anlaß, dem Kaffee etwas Cichorie oder ein anderes Färbe- mittel zuzusetzen. Diese Methode des Kaffeetrichterns hat aber noch einen anderen Nachteil; nicht nur eine ganze Reihe Extrakt- stoffe, die dem Kaffee Geschmack geben, bleiben im Kaffeesatz zurück. sondern auch fast die Hälfte des Koffeins; das ist in gesundheitlicher Beziehung ja kein Schade, aber der Kaffee entbehrt in diesem Falle der anregenden Wirkung. �— Kaffeemaschinen, besonders die üb- lichen Kippapparate, haben gegenüber dem Trichtern den Vorzug, daß das Wasser etwas langsamer durch den Kaffee durchsickert und daß von vornherein weniger Wasser verwendet wird, darum sind in Familien derartige Apparate wenig in Gebrauch. Einen guten Kaffee erzielt man stets dadurch, daß man kochen- des Waffer über die irisch gemahlenen Bohnen gießt, und den Auf- guß in gut verschlossenem Gesäß solange stehen läßt, bis der Satz zu Boden gesunken ist. Allerdings erfordert diese Methode ziemlich viele Bohnen, ist also nur zu verwenden, wenn man starken Kaffee kochen will; bei Anwendung von wenig Bohnen wird die Farbe zu hell.— Tie Nachteile aller Bereitungsmethoden lassen sich nun der- meiden, wenn wir nach Vorschrift des großen Liebig verfahren— ob das Rezept wirklich von ihm herrührt, ließ sich nicht ermitteln—. CS ist ohne weiteres einleuchtend, daß um so mehr Stoffe ausgc- zogen werden können, je feiner der Kaffee gemahlen wird; man sorge also für eine gute und scharfe Mühle. Anstatt reines Wasser aufs Feuer zu fetzen, koche man den einmal verwendeten Kaffee, also den Kaffeesatz vom vorigen Male, und gieße diese Abkochung heiß auf die frisch gemahlenen neuen Bohnen, natürlich ohne den alten Satz. Um zu verhindern, daß der abgekochte alte Kaffee sich nicht mit dorn neuen vermischt, kann man die Abkochung durch ein Sieb gießen; meistens bleibt er aber im Tops zurück, da er sehr schnell zu Boden sinkt. Den neuen Aufguß gießt man nach einer Minute oder auch sofort durch ein feines Sieb und man hat einen kräftigen, dabei nicht zu starken, wohlschmeckenden Kaffee; die Extrattstoffe des alten«atzes geben ihm die Farbe und das ganze Aroma des neuen Kaffees bleibt erhalten. Diese Art der Be- rcitung ist keineswegs umständlicher als das Trichtern und Filtrieren; nur empfiehlt es sich, stets zwei Töpfe in Gebrauch zu halten, den einen zum Kochen des alten Satzes und den zweiten für den frischen Aufguß. Schon bei Verwendung eines Loths Kaffeebohnen kann man nach dieser Vorschrift eine Kanne Kaffee von einem Liter Inhalt bereiten, der in jeder Beziehung den Anforderungen des guten Ge- schmackcs genügt.___ Dr. W. (Nachdruck verboten.) Ver IsprawmK. Von F. D. Teleschew. t Schluß.) Erfteut durch die Nachricht aus Petersburg von seiner bevor- stehenden Beförderung, lud Wolhynzew seine Mutter und Schwester für den Sommer zu sich ein. „Das Leben ist bei uns herrlich. d!e Lust sehr rem, grsund, meine Wohnung bequem. Alles ist sehr billig und in Ueberfluß vor» Händen, Fiiche, Geflügel. Wild und so weiter", schrieb er voller Sehn- sucht nach seiner Familie.„Zudem hat sich alles nach mein-n Wünschen geregelt, Arbeit habe ich fast gar keine, überall herrscht völlige Ruhe, so daß ich Euch den ganzen Tag widmen kann." I.. „Iwan Petrowitsch, willst Du mit mir auf die Jagd gehen 1* schlug er eines Tages dem Schreiber vor. „Mit Vergnügen. Wassili Michajlowitsch." „Erinnerst Du Dich noch daran. Iwan Petrowitsch," sahte Wassili,„wie ich vor einem Jahr getobt habe und wie empört'ch gewesen bin? Nun, und jetzt ist alles anders geworden, wie Du siehst. Zu allem gehört Mut und Entschlossenheit. Hätte ich dmnals nur um ein Haar nachgegeben, hätte ich Furcht vor den Diebstählen oder Brandstiftungen gezeigt, so wäre alles beim alten geblieben l Selbst diese Bauern würden mich nicht achten, und jetzt I Jetzt fürchlen sie mich wie den Blitz!" „Charakterfestigkeit ist eine sehr schöne Sache. Sie sollten Gou- verneur werden oder ins Ministerium eintrelcn, aber nicht hier bei uns fein I" Wolhhnzcw lächelte zufrieden' „Was soll man machen, lernen muß jeder.... Sogar Peter der Große war anfangs ein Schisfszimmerinann." „Um etwas ordentlich zu lernen, muß man gute Anfangsgründe haben. Will man hoch hinaus, dann sind die ersten Stufen m< möglich zu umgehen. Nachher kann man sie zu zehn überspringen, doch ohne die ersten geht eS nicht—. das ist mein System." „Das einzige, was mir noch Kummer macht, ist, daß sie meinen Karo aufgekuüptt haben. Konnte das Gesindel schon nicht mehr auf etwas anderes verfallen?!" „Aufknüpfen I..." „Zun, Beispiel, jetzt gehe ich init dein Jagdgewehr.... Natür- lich werde ich schießen und töten, aber eS ist doch ein großer Unter- schied zwischen dem Tode durch die Kugel und durch den Strick. Erschießen, das kann ich,— aber aufhängen, nein, das könnte ich für keinen Preis I Meine Hand würde sich nicht erheben. Wie schrecklich, der Knoten, dann die Konvulsionen, die ausgestreckt» Zunge...." Bei den letzten Worten erbebte Wolhiinzew nervös, und der Schreiber spuckte, zum Zeichen seines Mitgefühls, aus und schlvenkte abwehrend mit der Hand. Noch lange streiften sie durch Wald und Flur, auf der Jagd nach Wild, bis sie ermüdet und hungrig sich in der Nähe eines Sees niederließen. Ter Schreiber zündete ein Feuer an, während Wassili Michajlo- witsch den mitgenommenen Proviant ans der Jagdtasche auspackte. Die Sonne war im Untergehen begriffen und beschien mit ihren letzten blutroten Strahlen die spiegelglatte Oberfläche des SeeS. Ringsum war eS geheimnisvoll, menschenleer, merkwürdig ruhig,— es schien, als ob die Bäume, Gräier und Blumen Abschied von der Sonne bis zum nächsten Morgen nähmen, sich gegenseitig AbschiedSgriiße zulächelnd. Und über der ganzen Natur lagerte ein merkwürdig stiller, harmonischer Friede, alles atmete volles Leben und verstand sich gegenseitig. Nur die beiden Jäger und das qualmende Feuer erschienen hier fremd und überflüssig, und die blutige Beute, ins Gras hin- geworfen,— beleidigte durch ihre Todesohnmacht die Natur und ihre feierliche Jubelstunde. Plötzlich vernahmen die Jäger ein Geflüster im Grase. „Ist er das bestimmt?" „Ja. er ist's I" Die Jäger blickten sich um. Etwa zwanzig Schritte voi, ihnen entfernt, au, Rande dci Wäldes, standen drei Männer. Der eine derselben blickte hartnäckig nach ihnen herüber, während der zweite mit dem Finger ans sie wies. „O. den kennen>vir!" Der Schreiber fing den auf ihn gc- richteten Blick auf und vor Schreck griff er nach dem nebe» ihn, liegenden Knüppel. „Was ivollt Ihr?" rief Wolhynzew, als er sah, daß die ab- gerisscnel. Gestalten sich ihnen näherten. „Was wollt Ihr?" wiederholte er feine Frage in noch drohenderen, Tone, indem er sich erhob. „Was wir wollen? Du hast die Unseren verfolgt, jetzt komm, wir wollen abrechnen I" Erst jetzt begriff Wolhhnzew, Ivorun, eS sich handelte. Er ergriff sein Gewehr und ein paar Schritte zurückspringend, rief er aus: „Hinweg, Elende I" „Zurückl Oder ich strecke Euch alle auf der Stelle nieder I" Sein Gesicht wurde blaß, die Augen blitzten unheildrohend. „Schon lange wollten wir eS Dir heimzahlen," fuhr der Land» streicher fort. „Zu viel haben wir durch Dich gelitten!" sagte der zweite. „Schon lange wollten wir Dich verbrennen, nur Deine Nach- barn, die Bauern, taten unS leid I" fügte der dritte hinzu. „Mt mir abrechnen?!" rief Wolhynzew.„Ich werde Euch zeigen. Ihr Raubgesindel I" Und in der nächsten Sekunde sah der Schreiber, wie das Gewehr in der Lust blitzte. Wolhynzew stand da, mit hochgehobenen, Gewehr. dessen Ende einer der Landstreicher gepackt hatte, während der zweite Wassili Michajlowitsch an die Kehle griff und ihn lvürgte. Noch eine Sekunde und das Gewehr befand sich in der Hand deö Vagabunden, worauf Wolhynzew die Arme nach hinten gebogen und mit einem Lederriemen zusammengeschnürt wurden. Vergebens versuchte Wolhynzew, sich aus der Gewalt seiner Henker zu befreien. «Nein, Herr, Hilst alles nichts!" lachte der eine Vagabund.— „Und Du. was stehst Du da?"' wandte er sich an den Schreiber, „Hast Du Lust, zu verrecken?" «Mörder! Elende!" schrie Wolhynzew und riß aus allen Kräften an seinen Fesseln. Plötzlich beruhigte er sich, richtete sich stolz auf und fragte mit trockener aber entschiedener Stimme: «WaS wollt Ihr von mir?" «Nichts wollen wir von Dir." «Da hast Du eine Lehre, damit Du das nächste Mal besser Weißt, wie neue Ordnung einzuführen." Dies sprechend, nahm der Landstreicher seinen Leibriemen ab »md überreichte ihn Wolhynzew. «Ich schenke ihn Dir für immer! Und den Ast kannst Du Dir selbst wählen, wie Du willst, dick oder dünn." Wolhynzew schwieg. Sein Auge erlosch, das Haupt sank ihm auf die Brust. «Ist dieser Ast reckt?" fragte der Landstreicher. auf eine hohe Kiefer weisend.«Die Stelle ist sehr gut,... schöne Aussicht!" Wassili Michajlowitsch stand totenblaß da, er wollte etwaS sagen, aber die Lippen zitterten ihm konvulsivisch. «Nun. wie ist's, Herr? Willst Du so bi>? morgen schweigen?... Lebewohl I Und denke von uns nicht schlecht!" Der eine Landstreicher warf ihm die Schlinge um den Hals. «Auf Wiedersehen!" Und der Ast knarrte. Dem Schreiber wurde es schwarz vor den Augen. Er stieß einen ntarkerschütiernden Schrei aus und fühlte, wie eine schwere Faust ihi» von hinten einen Stoß versetzte. Da stürzte er davon, sich überschlagend und wieder austastend, ohne die Beine unter sich zu fühlen, lief lange vor sich hin, ohne zu tvissen wohin und ohne sich uiitznblicken. Die Nacht ivar bereits angebrochen, als er atcinloS und ohne Mütze zuni Gemeindevorsteher stürzte. «Den Wolhynzew haben sie ausgehängt I" schrie er und vor Entsetzen weinend, begann er den Vorfall zu erzählen. Als der erste Eindruck vorüber war und der Gemeindevorsteher seine Gedanken gesammelt hatte, bestcuzte er sich und sagte voll Schrecken: «Gott gebe ihm die ewige Rubel" Dann seufzte er erleichtert auf fügte, tief in Gedanken versunken, hinzu: «ya, und die Wahrheit gesagt,... es war ihm nicht bestimmt, unter uns zu leben!..." Kleines f euületon. Marokkanisches Theater. Während auf dem marokkanischen Kriegstheatcr noch immer blutige Dramen und sensationelle Schau- spiele zur Aufführung gelangen, haben die Herren Alphonse Sechä »nd Jules Vertraut die Marokkaner bei'harmloseren Theater- spiclereien beobachtet und geben nun in der literarischen Beilage des„Gaulois" eine fcffclnde Schilderung von den Amüsements der Berbern. Musik, Gesang und Tanz bilden, zwischen zwei tLlündcrungszügen oder zwei kriegerischen Expeditionen, den Lieb- lingszeitverlreib der Maroktancr. Di- Musik ist in der Hauptsache ein entsetzliches Getöse von großen Trommeln und von Zimbeln mit schriller Begleitung von kleinen Kupfcrslötcn, deren Ton einen Europäer zur Verzweiflung bringen kann. Tic Gesäuge sind sehr einfach: es find entweder Gesänge aus dem Storan oder alte Legenden mit eintöniger Moll-Mclodic, Strophen, die immer wieder im Ehor wiederholt werden. Was endlich die Tänze der Marokkaner betrifft, so sind es fast ausschließlich Bauchtänze. Interessanter als die plumpen musikalischen und gesanglichen Uebungen find die malerischen Fantasias der Marokkaner. Es gibt Fantasias zu Pferde und Fantasias zu Fuß: die erstercn sind schon oft geschildert tvorden. von den anderen aber weiß man bei uns nur wenig. Nack einem reichlichen Al'endcffcn, bei welchem stark gewürztes Fleisch die Hauptrolle spielt, suchen sich Frauen und Kinder. Männer und Greise außerhalb des Dorfes einen passenden Platz, ein großes Manöverfeld, auf welchem sich die kämpfenden Parteien frei und ungehindert tummeln können. Tie Frauen, die Kinder, Oie Flötenspieler und die Trommler hocken in zwei parallelen Reiben nieder. Inmitten dieser Menscheuallee wird ein Feuer angezündet. Tic jungen und alten Weiber singen improvisierte Bcrbernliedcr, und die Flöten und Trommeln aeben die Replik in„musikaliichen" Sätzen, die einen Toten aufwecken könnten. Plötzlich schweigen die Instrumente, und die Musiker beginnen nun ihrerseits Lieder zu improvisieren. Wenn sie den letzten Reim Ihiimitsgcbrüllt haben, beginnen sie von neuem zu flöten und die Eselssclle zu bearbeiten. Darauf bereiten sich die Krieger zum Kampfspiel vor. Sie bilden einen großen KrciS. Zwanzig Mann lösen sich von zwei entgegengesetzten Punkten de? Kreises und schreiten aufeinander zu. In der Mitte des Kreises treffen sie zll- sammcn. Eine Stimme schreit:«Man bringe das Pulver"(Aütth ith id!), und es folgt eine Salve aus zwanzig Gewehren, deren nach dem Boden bin gerichtete Läufe mächtige Staubwolken in die Höhe treiben. Während die Krieger zu ihren Plätzen zurückkehren« erhebt sich unter dröhnender Trcmmclbegleitung. ein betäubende? „Jul Ju!-Geschrei der Frauen, das die Herzen in allen Brüsten höher schlagen läßt. So unterhaltend und malerisch aber auch ein solches Schau« spiel sein mag, den Beobachter der Landessitten fesselt es weit Ivenigcr als die ungestaltcn Thcatcraufführungcn, ja selbst als die akrobatischen Kunststücke, die man auf den Märkten bewundern kann. Die Kunststücke find die Lieblingsübungcn der Ulad Sidi Ahmed, welche Akrobaten ersten Ranges sind. Auf den Jahr- markten sieht man am häusigsten das„cumaa"- oder Minarct- Spiel. Bier Männer bilden, indem sich einer auf die Schultern des anderen stellt, eine Pyramide und ziehen langsam durch die Straßen: der oberste schlägt das Tamburin, singt, wirft seine Flinte in die Luft, fängt sie wieder aus und wirft sie von neuem, zum großen Staunen der neugierigen Volksmenge. An einer anderen Ecke des Platzes schwatzen Gaukler und Schlangen- beschwörer endlose Tiraden zum Lobe ihres Lieblingsheiligen. Jeden Augenblick rufen sie die Macht des großen Sidi Abd-el- Kader-cl-Tjilani an und erklären feierlich, daß sie erst dann arbeiten können, wenn die Geldstücke, die man ihnen zuwirft, eine bestimmte Summe erreicht haben werden. Mit echt orientalischer Geduld wartet das Volk, bis es dem Taschenspieler oder Gaukler gefällt, sclne Zauberkunststücke zum besten zu geben. Origineller aber als alle anderen Schauspiele ist daS marokkanische Theater: es ist ein Freilufttbeater, dessen Bühne gewöhn- lich hinter einem alten Gemäuer oder hinter einem leeren Stall liegt. DaS Orchester bilden ein Gucllal- und zwei Flötenspieler- Die dramatische Truppe besteht aus höchstens drei, manchmal aber aus nur zwei Schauspielern. Der erste spielt die vornehmen Rollen: der zweite ist der Possenreißer, der bald die Rolle einer Frau, bald die eines Esels, bald die einer der Menge nicht sympa- thischen oder in Ungnade gefallenen politischen Persönlichleit spielt. Ter dritte endlich verkörpert eine Persönlichkeit, die dem..Gavrochc" des französischen PosscntbcaterS entspricht: Gavroche(eigentlich: Straßenjunge) ist der«dcus ex machina", der, immer munter, immer lebhaft, immer erfindungsreich, den dcrwickeltsten drama- tischen Knoten entwirrt. Elche und Bcrtaut sahen eine Posse, in welcher der Komiker einen Esel spielte, der unter ungeheurem Jubel der Zuschauer erklärte, daß er seinem Herrn das Frühstück nicht habe bringen können, weil er von einer entzückenden Eselin auf- gehalten worden sei. Dabei ahmte er das Geschrei des Esels so täuschend nach, daß die Zuschauer sich vor Lachen buchstäblich auf der Erde loälzten. Als dann sein Herr mit dem Knüttel in der Hand auf ihn zueilte, scklug der Eselspicler so natnrwahr aus, daß der arme Held des Stückes durch einen der Esclsfußtriite mitten unter die Zuschauer geschleudert wurde. Eine Handvoll Gerste stellte schließlich den Frieden zwischen den beider» Kämpfern wieder her. Das find, wie man sieht, echte Farcen, die an die Anfänge der italienischen Harlekinadcn erinnern. Hygienisches. Neue Untersuchungen über den Staub. Der Stäup in den Gewerbebetrieben stellt immer noch die hervor- ragcndste Berufsschädlichteit dar und ungezählte Taufende von Arbeitern verfallen alljährlich durch die Staubeinatinung dem Siechtum oder dem Tode. Kein Wunder, daß die Bestrebungen der AussichtSbeamtcn und der Techniker ständig darauf gerichtet sind, die Staubgcfahr nach Möglichkeit zu vermindern. Aber auch die Aerzte sind in dieser Frage nicht müßig, ist doch bei Sektionen zu- erst festgestellt worden, welche verheerende Wirkung der Staub auf die Lunge ausübt. Der Organismus verfügt Ivohl über gewisse Schutzeinrichtungen, um sich des Staubes zu crivehren, allein ist derselbe zu massenhaft oder ist der Staub an und für sich giftig oder verletzend, so versagen diese Eiurichiungcn und es kommt zu schweren Schädigungen de? Lungengewebes. Dr. Lubenau in Beelitz nahm experimentelle Untersuchungen über die Staub- Wirkung vor, indem er 28 verschiedene Staubarten Meerschweinchen und Kaninchen t2 Stunden lang einatmen ließ, die Tiere alsdamr tötete und die Lungen untersuchte. Es ergab sich, daß, je fein- körniger der Staub ist, er um so leichter eingeatmet wird und in das Lungcngcwebe gelangt. Dies ist der Fall bei mineralischen und metallischen Staubartcn, jedoch auch bei einigen organischen Stoffen, z. B. Tabak, Hanf, Elfenbein und Lloble. Grobfaseriger Staub(Holz, Leder, Filz, Papier) dringt nicht in das Lungen- gewcbc ein, sondern setzt sich in der Luftröhre fest, worauf Katarrhe und Entzündungen folgen. Im Gegensatz zu früherer Annahme, tvonach erst nach monatclangcr Einwirkung des Staube» gröbere Lungenverändcrnngen beobachtet werden, fand Lubenau schon die Zeit einer Woche hicrfüx gusreichcnd. Die Staubrciliigung der Lungen bedarf je nach der verwendeten Staubart verschieden lange Zeit. Staubartcn. bei denen sich die Reinigung der Lungen leicht vollzieht, können trotzdem erhebliche Veränderungen zurücklassen. Am schädlichsten waren: Kaltspat, Erzgeftcin, Solz, Elfenbein, Tabak, Hanf, Hornstaub, weniger gefährlich Sandstein. Porzellan. Zement, Marmor, Gips, Ziegel, Leder, Holz, Papierrwub und Kohlcnruß. Lcrantwortl. Redakteur: HnnS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anjtalt Paul Singer LcCo., Verlin LtzV.