Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 17. Freitag den 24 Januar. 1903 (Nachd'.uck verbolen.) V] Schilf und Sd�lamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Die erbärmlichsten Verleumdungen wurden jedesmal über Neleta kolportiert, wenn man sich einbildete, sie würde ihrem Gatten ein Kind schenken. Die'Boshaftesten nannten ironisch einige Großgrundbesitzer, die aus den Dörfern der Ribera kamen und in dem Gasihause abstiegen, dann nannte man wieder irgend einen Jäger aus Valencia, ja sogar der Kara> binierleutnant mußte herhalten, der sich in seiner Einsamkeit in Torre Nueva langweilte und zuweilen sein Pferd vor Eanamels Haus an einen Baum band, bevor er seine In- spektionen durch die Kanäle unternahm. So schob man alle Welt vor, mit Ausnahme des unglücklichen Gastwirts, der aus jeder Berechnung vollständig ausgeschaltet schien. Neleta lächelte über all das Gerede. Sie liebte ihren Mann nicht, aber sie war seiner sicher. Obwohl sie für einige Gäste größere Zuneigung hegte, besaß sie doch die Klugheit der egoistisckien und vernünftigen Frau, die sich aus Interesse verheiratet hat und entschlossen ist, die Ruhe ihres Lebens nicht durch Leichtsinn auss Spiel zu setzen. Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, der Sohn des Onkel Toni wäre nach Valencia gekommen. Der Krieg war beendet, und die entwaffneten Bataillone, die den traurigen Eindruck kranker Herden machten, wurden in den Häfen aus- geschifft. Es waren wahre Gespenster mit ausgehungerten, vom Fieber ausgehöhlten Gesichtern, gelb wie die 5terzen, die mau nur bei den Leichenfeiern verwendet, in deren Augen aber trotzdem, wie ein Stern in einem Brunnen, der Wille weiter zu leben glänzte. Alle kehrten, zur Arbeit unfähig, in ihr Heim zurück, und fast alle waren bestimmt, in diesem JlaHre im Schoß ihrer Familie zu sterben, die dem Lande einen Mann geschenkt hatte und dafür nur seinen Schatten zurückbekam. Tonet wurde mit Neugier und Begeisterung in Palmar aufgenommen. Er war der Einzige aus dem Dorfe, der von da drüben zurückkam. Und in welchem Zustand kam er zurück I Von dem Elend der letzten Kricgstage abgeinagert, gehörte er auch noch zu denen, die unter der Belagerung von Santiago gelitten hatten. Dock) abgesehen davon tvar er kräftig geblieben und die alten Weiber bewunderten seinen trockenen und schlanken Körper und die inartialische Haltung, während er den Schnurrbart in die Höhe drehte. Diesen männlichen Schmuck trug in ganz Palmar nur noch der Karabinicrlcutnant. Dann stellte Tonet seine große Sammlung von Panamahüten zur Schau, das Einzige, was er aus dem Kriege mitgebracht hatte. Abends füllte sich die Schenke mit Leuten, die die Berichte anhören wollten, die er von den Dingen und Sitten da drüben entwarf. Die Prahlhanscreicn des Guerillero, als er noch friedliche Leute prügelte und mit dem Revolver in der Hand in die Häuser eindrang, hatte er vollständig vergessen. Jetzt bezog sicki alles, was er sagte, auf die Amerrkaner,— auf die Vankccs: er hatte sie in Santiago gesehen, sehr große und sehr starke Burschen, die viel Fleisch aßen und ganz kleine Hüte trugen. Tie ungeheure Statur dieser Burschen war der einzige Eindruck, der sich seinem Gedächtnis eingeprägt hatte. Und in dem tiefen Schweigen der Schenke brach plötzlich ein allgemeines Lachen los, wenn Tonet erzählte,'daß einer seiner Onkel, der ihn mit Lumpen bekleidet sah, ihm, als er sich einschiffen wollte, eine Hose geschenkt hatte: diese Hose war aber so groß, daß er sich wie in. ein Segel darin einwickeln konnte. Neleta, die hinter dem Schenktisch saß. hörte ihm zu und sah ihn dabei starr an. Ihre Augen waren ausdruckslos, den beiden grünen Sternen fehlte es an Licht, doch sie ver- ließen Tonet keinen Augenblick, als wollte sie sich das männ- liche Gesicht einprägen, das von allen denen, die sie umgaben, so verschieden war und in nichts an den jungen Burschen erinnerte, dessen Braut sie vor zehn Jahren gewesen. Canamel, der infolge des großen Zuflusses von Gästen, die Tonet in die Taverne zog, einen plötzlichen Anfall von Patriotismus nnd Begeisterung bekommen hatte, drückte dem jungen Soldaten jeden Augenblick die Hand, bot ihm Gläs- chen mit Schnaps an und erkundigte sich fortwährend nach den Verhältnissen in Euba. Eifrig forschte er nach den Ver» änderungen, die sich seit der Zeit, wo er selbst dort gewesen, vollzogen hatten. Tonet war stets von Sangonera begleitet, der für den Gefährten seiner Kmjcheit die größte Bewunderung hegte. Er ioar nicht mehr Sakristan und hatte auf die Lektüre der Bücher, die die Pfarrer ihm geliehen, verzichtet. Die Liebe seines Vaters für das Vagabundenleben und für den Wein war in ihm erwacht, und der Pfarrer hatte ihn, seiner Streiche müde, da er sinnlos berauscht die Messe bediente, auS der Kirche fortgejagt. Jetzt behauptete Sangonera, er verwerfe die Ansichten der Pfarrer, und das erklärte er unter dein lauten Lachen aller Gäste der Kneipe. In seiner Jugend schon durch Trunkenheit gealtert, zerlumpt und schmutzig, schlief er in einer Baracke, die schlimmer als ein Schweine- stall war, und zeigte an allen Orten, wo getrunken wurde, sein mageres Asketengesicht, das kaum noch einen Schatten von der Dicke einer Linie auf den Erdboden warf. Durch die Freundschaft mit Tonet erfreute er sich ge» wisscr Rücksichten. Er war es, der ihn in der Taverne aus- fragte und ihn animierte, die Verhältnisse da drüben zu schildern, denn er wußte, daß die Schnapsgläser dann nie leer wurden. Der Zurückgekehrte war mit dieser Existenz voll Ruhe und Ansehen sehr zufrieden. Palmar erschien ihm wahr- haftig wie ein Ort der Wonne, wenn er an die Nächte dachte, die er mit hungrigem Magen in den Schanzgräben zubrachte, oder wenn ihm die peinliche Rückkehr auf dem mit Kranken und Verwundeten beladenen Schiff einfiel, bei der das Meer mit Leichnamen förmlich besät war. Aus diesem lustigen Leben riß ihn sein Vater heraus, indem er eines Nachts im tiefen Schweigen der Hütte das Wort an ihn richtete. Was beabsichtigte er denn eigentlich zu tun. Er war jetzt ein ausgewachsener Mann, mußte die. Abenteuer als beendet ansehen und ernsthaft an seine Zukunft denken. Er selbst hatte einen Plan, den er seinem Sohn. seinem einzigen Erben, mitteilen wollte. Wenn man, ohne nachzulassen, mit der Zähigkeit rechtschaffener Menschen weiterarbeitete, so konnte man sich wohl ein kleines Ver» mögen schaffen. Eine große Dame aus der Stadt, dieselbe, die ihm die Aeckcr in Saler verpachtet, wollte ihm, von seiner Ausdauer und seinem Arbeitseifer gerührt, ein großes Terrain am Rande des Sees zum Geschenk machen, einen Grund und Boden, auf dem man große Saaten anlegen konnte. Dieses schöne Geschenk hatte nur eine Unannehmlichkeit: der Boden stand nämlich vollständig unter Wasser, und man mußte viel Erde, aber wirklich sehr viel Erde herbeischaffen, um ihn bebauen zu können. Man mußte also selbst tüchtig arbeiten, aber zum Teufel. deshalb brauchte man nicht zu erschrecken, denn schließlich waren doch alle Aecker des Albufcra derartig angelegt. Lagen die reichsten und üppigsten nicht noch vor fünfzig Jahren unter Wasser? Zwei gesunde, kräftige Männer, die sich nicht vor der Arbeit scheuten, konnten da Wunderwerke vollbriilgeu. Das war wirklich besser, als an schlechten Plätzen zu fischen oder sich auf gepachteten Aeckern abzurackern. Die Neuheit des Unternehmens reizte Tonet. Wenn man ihm vorgeschlagen hätte, die besten und ältesten Aecker Pal» mars zu bebauen, so hätte er sicherlich eine Grimasse ge» schnitten. Aber der Gedanke gefiel ihm, mit dem See zu kämpfen, was augenblicklich nur Wasser war, in Ackerland zu verwandeln und da Ernten herauszuholen, wo jetzt die Aale unter dem Seegras herumschwammen. Mit seiner gewöhn» lichcn Leichtfertigkeit dachte er nur an das Resultat, ohne sich bei der Aussicht auf die ungeheure Arbeit aufzuhalten. Er konnte reich werden, er konnte die dem Wasser abgerungenen Ländereien verpachten und bummeln, was tatsächlich sein einziger Traum war. Vater und Sohn stürzten sich in das Abenteuer, mit Unterstützung der Borda, die stets eifrig bei jedem Unter- nehmen war. das dem Hause von Nutzen sein konnte. Auf i den Großvater durste man nicht zählen. Er hatte das Unter» nehmen mit derselben schlechten Laune aufgenommen, wie damals, als sein Sohn ihm zum ersten Male davon sprach. sich von nun an dem Ackerbau zu widnien.„Da wollten also wieder welche den Albufera austrocknen, um das Wasser in Felder zu verwandeln! Und die, die solche Verbrechen be- gingen, gehörten zu seiner Familie... Banditen!" Mit dem augenblicklichen Eiser aller Geschöpfe, die einen schwankenden Willen haben, machte sich Tonet an die Arbeit. «sein Wunsch wäre es gewesen, diesen Winkel des Sees, nach dessen künstigem Reichtum sein Vater strebte, mit einem Schlage auszufüllen. Schon vor Tagesanbruch holten Tonet und die Borda in zwei Barken Erde, um sie auf einem über eine«stunde langen Wege nach dem stoßen toten Wasser zu schleppen, in dem Schtammhaufen den zu erobernden Raun« begrenzten. Die Arbeit war mühsam und verblödend, eine wahre Ameijenarbeit. Nur der Onkel Toni mit seiner Zähigkeit eines unermüdlichen Arbeiters konnte dies ohne andere Hülfe als die seiner Familie und serner Arme unternehmen. Sie fuhren nach den großen Kanälen, die in den Albu- serasee münden: nach den Häfen von Catarroja und Saler. Mit langen Gabeln rissen sie große Stücke Schlamm, Haufen klebrigen Lehms los, dem ein unerträglicher Geruch entströmte. Diese aus dem Wasser losgerissenen Erdklumpen ließen sie am Ufer trocknen und luden sie, wenn die Sonne sie in weißliche Erdhaufen venvandelt hatte, auf die beiden Barken, die sie zusammen verkoppelten, so daß sie gleichsam nur ein Fahrzeug bildeten. Nach einer Stunde unauihör- licher Arbeit beförderten sie den zusanunengebrachten Haufen Erde nach ihrem Loch, und der Sumpf verschlang ihn ohne anscheinendes Resultat, als hätte sich das Ganze aufgelöst, ohne�die geringste Spur zu hinterlassen... Tagtäglich sahen die Fischer die arbeitsame Familie zwei- bis dreimal vorüber- ziehen.� Sie machten den Eindruck von Wasserfliegen, die über die glatte Oberfläche des Sees huschen. (Fortsetzung folgt.) Otifere pflanzlichen J�abrunge- mittel und deren f�abrwertv� Von Prof. Dr. Felix B. Ähren s. Die pflanzlichen Nahrungsmittel sind in ihrer Zusammen- setzung verschieden von den tierischen, insofern bei ihnen die Kohle- Hydrats überwiegen, während die Feite und Proteine zurücktreten. Nur in den Oelsamen und den lteguminoienstüchten finden wir größere Anhaufungen von Fett und Eiweißstoffen: aber die Form derselben ist eine andere als im Tierreiche. Die Oelsamen liefern Fette, in denen die Oelsäureglyzeride überwiegen und die Protein- substanzen der Getreidearten gehören meist zur Klcbergruppe. Auch die Salze sind verschieden, da die Pflanzenasche vorzugsweise Kaljsalze, die tierische Asche Natronsalze enthält. Zu unserer Er- Nahrung dienen in weitgehendem Maße die stärkereichen Zerealien, deren Gehalt an Eiwcihstoffen, Fetten, Kohlehydraten und Salzen im Mittel die folgende Tabelle angibt: Weizen Roggen Gerste Mais Reis Wasser...... 13,37 13,87 14,05 18,35 11,99 14J2 Stickstoffsubstanz.. 12.04 11.52 9.6« 9.45«.43 11.32 tM....... 1,91 1.84 1,93 4,29 1,65 2,61 -ickstofsfreier Extrakt 69,07 68,88 66,99 69,33 70,07 64,86 Holzfaser..... 1,90 2,45 4,95 2,29 0,48 14,32 Asche...... 1,71 1,94 2,42 1,29 8,33 2,77 Die Körnerfrüchte liefern uns den größten Teil unseres Kohle- hhdratbedürfnisses in Form von Brot: dieses wichtige Erzeugnis wollen wir uns näher ansehen. Zur Herstellung von Backwaren müssen wir zunächst aus dem Korn Mehl machen; von dem Mehl hängt der Charakter, die Betömmlichkeit, der Nährwert des Brotes ob. Das Getreidekorn besteht auS 4 Bestandteilen: der Oberhaut, der Kleberschicht, dem Mehlkorn und dem Keimling: es mutz daher zunächst der Mehlkörper von den anderen Bestandteilen getrennt werden, und das läßt sich durchführen, weil die äußere Oberhaut, die Kleberschicht und der Keimling zähe und elastisch, der Mehl- kern aber hart und spröde ist. Derselbe zerfällt daher schneller in Pulver als die anderen Teile und kam» durch Siebe von ihnen ge- trennt werden. *) Wir entnehmen diesen Abschnitt dem im Verlage bon Quelle «. Meyer in Leipzig erschienenen Buche„Lebensfragen. Die Vor- gange des Stoffwechsel»"(Wissenschaft und Bildung Bd. IL), In Lcincnband 1.25 Mk, Die Gctreidekörncr werden zunächst bon Staub. Schmutz, fremden Samenkörnern befreit, fei es durch Siebe, sei eS durch Blasen eines Ventilators: es folgt eine zweite Reinigung zur völligen Entfernung des Staubes, der Fruchtsamenschale, der an den Körnern sitzenden Haare, dem„Bärtchen", und des Keim- lingS. Hierdurch werden die Flug- und Keimklem gewonnen. Nun kommt das Korn zum Mahlen; in der Regel verwendet man heute Walzenmühlen. Die eine Art des Mahlens, die als Flachmüllerei bezeichnet wird, geschieht zwischen eng gegeneinandergestellte Walzen(oder auch Mahlsteinen), so daß das Korn auf einmal fertig zerquetscht wird, worauf es ein System von Sieben passiert, auf dem die verschiedenen feinen Mehle als Mehl, Dunst, Gries und Kleie sortiert werden. Bei dem zweiten Verfahren, der Hochmüllerei, wird der Prozeß in mehreren Phasen vollzogen, indem das Korn nacheinander immer enger gestellte Walzenpaare passiert. Man erhält hier nicht so gute Ausbeute, aber feineres Mehl. Auch bei diesem Verfahren werden die einzelnen Sorten getrennt und dw gröberen nochmals zerkleinert und sortiert. Das feinste Mehl, welches man erreichen kann, liefert dcc Weizen, Roggen läßt sich nicht so fein mahlen. Die Zusammensetzung der Mehle von Weizen und Roggen ist folgende: Um uns das Mehl als Nahrungsmittel zugänglich zu machen, müssen wir die Zellhäute, die jedes Mehlkorn umgeben, sprengen, damit die Verdauungsflüssigkeiten herankönnen. Das geschieht beim Brotbacken. Man stellt aus Mehl, Wasser, etwas Kochsalz und Hefe oder Sauerteig von einer früheren Operation einen Teig her, den man der Gärung überläßt. Es entwickelt sich Kohlen- säure und durch das Entweichen derselben tritt eine Auflockerung ein; die Gärung darf nicht zu rasch verlaufen. Da die Gärung mit Substanzverlust verknüpft ist. so hat man zur Auflockerung auch andere Mittel,„Backpulver" herangezogen, wie Natriumbikarbonat mit phosphorsaurem Kalzium und Chlor- kalium, Hirschhornsalz, Rum, Arrak, Fett, Pottasche(zu Lebkuchen) usw., die beim Erhitzen Gase entwickeln bezw. sich verflüchtigen und dadurch die Auflockerung herbeiführen. Das Brot wird nunmehr im Ofen gebacken; die Ofentcmpcratur kann bei großen Broten 250 bis 270 Grad, bei kleinen Weißbroten 200 Grad betragen. Große Veränderungen sind in dem Teig vor sich gegangen: die Stärkekörner sind gequollen, ihre Zellhäute ge- sprengt, sie sind verkleistert und zum Teil in Zucker übergeführt, der vergoren ist und Kohlensäure,?llkohol, Essigsäure und Milchsäure gebildet Hat. Kohlensäure und Alkohol sind verflüchtigt, die Säuren haben auf den Kleber bräunend gewirkt, nachdem derselbe schon vor- her Elastizität und Ouclltätigkeit eingebüßt hatte. Die Protein- stofse des Getreides sind koaguliert und verändert, die Hefe ist getötet. Die chemischen Umsetzungen sind allerdings noch nicht ganz zu Ende; denn wir wissen, daß das Brot nach einiger Zeit altbacken wird. In der Regel schiebt man das wohl auf Wasserverlust und diese Annahme findet eine scheinbare Bestätigung in der Tatsache, daß ein Brot in einem feuchten Tuch oder einem dicht schließenden Blechkasten sich länger frisch erhält. Trotzdem ist die Ansicht nicht richtig, denn das altbackene Brot wird wieder frisch, wenn man es aus 70 Grad erwärmt, also ohne Wasserzufuhr. Wahrscheinlich bilden sich im Lichte lockere Verbindungen, die den altbackenen Ge- schmack bedingen und bei 70 Grad wieder zerfallen. Ein Brot ist um so besser, je leichter, je lockerer und je größer die Poren in demselben sind, weil dadurch die Verdauung er- leichtert wird. Zu den stickstoffreichsten pflanzlichen Nahrungsmitteln gehören die Hülsenfrüchte: dieselben enthalten das Eiweiß größtenteils als Legumin. ES gehören hierzu die Bohnen, Erbsen, Linsen, Soja- bahnen u. a.; ihre mittlere Zusammensetzung ist die folgende: � Feldbohnen Erbsen Linsen Proz. Proz. Proz. Wasser....... 13,79 13,92 12,33 Stickstofssubstanz.... 25,31 22,15 25,94 teil........ 1,68 1,39 1,93 tickstoffrcicr Extrakt.. 48,33 62,68 52,84 Holzfaser...... 8,0« 5,68 3,92 Asche........ 3,13 2,68 3,04 Die Verdaulichkeit dieser Früchte ist sehr verschieden, je nach- dem man sie mit oder ohne Hülsen genießt. Die aus Zellulose bestehenden Hülsen wirken reizend auf die Darmwände, sodaß eine schnellere Entleerung erfolgt. Daher findet nur eine Ausnützung der GesamtnäHrstosse von etwa 78 Proz., vom Eiweiß von 58 Proz, statt. Entfernt man jedoch die Zellulosehülscn durch ein Sieb, so steigert sich die Ausnutzung der Gesamtnährstoffe auf 81,5 Proz., die des Eiweißes auf 80 Proz. Es empsichlt sich also eine Eni- schalung der Hülsenfrüchte vorzunehmen. Tie Gemüse aller Art find eigentlich kaum noch zu den Nahrungsmitteln, sondern mehr zu den Genutz- und Reizmitteln zu zählen. Sie enthalten nur wenig Trockensubstanz, da sie sehr wasserreich find, indem sie LS— SS Proz. Wasser enthalten. Viele sind durch besondere, aromatisch riechende und schmeckende- Sub- stanzen ausgezeichnet, die den Appetit und die Geruckisnerven an- regen und wohltätig auf die Verdauung wirken. So findet sich im Spargel Asparagin, im Knoblauch Schwcfelallyl, in den Rettichen. Radieschen, Zwiebeln, Meerrettig Senföle, im Saucranpfer saures oxalsaures Kalzium, im Lattich und Kopfsalat zitroncnsaures Kalium usw. Die Gemüse werden im Darm nur sehr schlecht aus- genützt, aber ihre ergiebige Anwendung ist erwünscht, weil sie ein angenehmes Sättigungsgcfühl erzeugen, indem sie den Magen aus- füllen, und weil sie Verstopfungen, die bei reiner Fleischernährung auftreten, entgegenwirken und einen wässerigen Kot erzeugen. Von ganz besonderem Nährwerte werden in der Regel die Pilze und" Schwämme gehalten, die einen hohen Eiweitzgehalt be- sitzen und daher eine das Fleisch zum Teil ersetzende billige Nahrung gerade für die äruiere Bevölkerung bieten sollen. Indessen haben neuere Versuche ergeben, daß sie eine eingehende Prüfung auf ihre Ausnützung im Darm nur schlecht bestehen, sie sind schwer ver- baulich und ein grosser Teil ihres Eiweitzgehaltes wird vom Körper nicht ausgenutzt, sondern unverändert ausgeschieden. Zu den wichtigsten pflanzlichen Nahrungsmitteln gehören die Wurzelgewächse, wie die Rüben und die Kartoffel, die die Roh- stoffe abgeben für die grossen' Industrien der Zucker-, Stärke- und Alkoholfabrikation. Endlich ist auch das Obst als Nahrungs- und Genutzmiitel zu erwähnen; wir unterscheiden Steinobst, wozu die Kirschs, Pflaume, Aprikose, Pfirsiche gehören; Kernobst mit Aepfeln und Birnen, und Bcercnfinchte, wie Weinbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren. Sie alle haben dieselben chemischen Bestandteile, sie enthalten als Rahrungsstoffe Zucker» und zwar Rohrzucker, Traubenzucker und Fruchtzucker, und als Genutzmittcl Fruchtsäure. Aepscl, Birnen. Pflaumen, Aprikosen, Kirschen u. a. fübren nur Aepfelsäure, Wein- traubcn daneben noch Weinsäure, bei Johannis- und Stachelbeeren tritt statt dieser Zitronensäure auf, während diese Säure in den Zitronen allein vertreten ist. Ausserdem finden sich in dem Obst sogenannte Pettinstoffe, von denen man noch nicht viel weiß, und aromatische Substanzen, die uns einen Genuß bereiten und zur Beförderung der Verdauung beitragen. sNachdrnck verboten.1 Der neue Scharfrichter. Von Hans H y a n. »Ter Scharsrichter Wiesendahl wurde gestern von der Straf- kanuncr des Landgerichts wegen verschiedener schwerer Delikte zu insgesamt drei Jahre» Zuck, kh aus verurteilt. Weitere Nachrichten finde» unsere Leser unter„Gcrichtsverhandluugen".... Diese Zeitungsnotiz erregte nirgends grösseres Aufsehen als unter den paar Menschen, die draußen im Norden der gewaltigen Stadt, weit vor den lctzten Häusern ihr arbeitsreiches Dasein lebten. Durch endlose Müll- und Sckiuttablagcriiiigen wie von Wällen umgeben, lag die Abdeckerei inmitten der Felder»nd Sandberge, die kaum bebaut wurden, und dahinter nach Norde» zu zog sich düster der Kiefernwald, der selbst im Sommer so ernst scheint, daß kaum die fröhlich wehenden Schleier grüner Birken ihn- beleben können. Den Leuten auf der Abdeckerei war aber der Winter lieber. Die Hitze brütet die Gase aus, in den Kadaver», die zu Leim ver- kocht werden, aus denen man Flechsen, Hon«, Knochen und Haare gewinnt, all die Stoffe, die gebraucht werden und die in anderer Gestalt wieder mitten im Leben auftauchen.... Tie Hitze brütete die Gase aus, die furchtbaren Gerüche, den Gestank, den der nach der Stadt zu stehende Wind znm Entsetzen der Bewohner oft in Wolken hinübertrug. Denen auf der Abdeckerei war's gleich. Der Gestank und die Miitvergiftungen gehörten zu ihrem Handwerk. Gegen das eine Hilst die Tabakspfeife und gegen das andere schützt man sich so gut eS geht. Schlimm ist, daß der Geruch so in den Kleidern bleibt. Jnpps Braut beklagte sich oft darüber. Er war aus Köln und hieß eigentlich Joscpb Henneken; sie eine echte Berlinerin, plättete fleißig in einer Pläustube in der Müllerstiaße, und beide sparten .zur Hockzeit. Seine lustigen Lieder in der Mundart seines Heimat- landes hörte man immerwährend im Hofe der Abdeckerei; die Frau Linkmann steute sich am meisten darüber. Sie war eine große, starte Person und entschieden nicht häßlich, man mußte sich wundem, daß sie den kleinen Kerl, den Abdecker Linkmann, znm Manne ge- itommen hatte. Der mit seiner hochgezogenen Stirn, den hohen Augenbrauen und der schinalgebogeneii. sehr spitzen Rase, starrte ewig verwundert in die Welt. Aber der glasige Schein seiner Augen kan« voin Trunk. Und wenn fem Weib eS nicht sah, stuckerte die Flasche, die er stets am Körper versteckt tmg. Sie litt es nickt. Und sie hatte zu sagen aus den, Gehöft, war auch die Fleißigste von allen. Der Wilhelm Kunkel, den sie wegen seiner ungeschlachte» Figur im Spaß„Zeiitiier-Wilhelm" nannten, halte die Notiz zuerst gelesen. Ganz aufgeregt stürzte er hinüber in den Schuppen. Sein breite? Gesicht, ewig rot und brutal, strahlte vor Aufregung und Freude. „Der Scharsrichterposteu wird freist schrie er,„denkt doch mal bloss Kinder I Wer den kriegen konnte I... Das is ne Rümmer!" Der Jupp lederte gerade vor'm Schuppen zusammen mit dem alten Ulrich einen verreckten Stier ab. „Was?" sagteer und der unbe-wingliche Ueöermut funkelte auf seinem jungen Geficht,„möchste etwa den Leute» die Kopfe ab- hacken. Du?.. „Na. MenscheusLnd 1" Der Zentner-Wilhelm fuchtelte mit der erhobene» Linken.„Siehste denn del nich ein, wat da vor'n Je- Ichäst zu machen iSI... Det jibbt jedesmal dreihundert Emmchen un die Reii'cspesen, wodran man och noch vadienen tut... un denn det Renommeh I... det Renommeh!" „WaS'n vor'n Renommeh? mischte sich jetzt der sonst stille, schweigsame Ulrich ein. Er war ein alier Berliner, der wenig Haare auf dem Kopfe, aber desto mehr auf den Zähnen hatte. „Dn willst Dir woll so als mittelalterlicher Champiniong sehen lasten, so als'ne Art Wundertier?... Oda meenste, det iS n besonderer Ruhm, uff and're Leite ihren Hals mit's Beil loS- zudrei'chen?... Ick habe Dir ja schon imma for sowat estimiert, Tu olla Kronensohn, schon damals, wie De den ollen lahmen Esel mit'n Schwanz an de Stallthiere festejenagelt hast I Un je länger ick mir Dir am'ehe, desto mehr jloobe ick ooch, daß Du for sowat Posten wirdst, for sön Posten I Du jeheerst zu die Leite, die soivat machen und vaiirteilen'n Milnieuichen zum Koppen I... Ja, zu die paßte l Un da mußte ooch hin I Melde Da man, olla Junge! Un mach fix, dat Dir nich etwa'n anderer den fetten Posten vor de Nccse weg'chnappt l.. Nach dieser Sprachleistimg. die er sonst in Wochen nicht fertig brachte, machte sich der rüstige Fünfziger wieder an seine Arbeit. Und während er von der Haut des Stieres die Fleischteile abkratzte, nickte er dem Köllner, der gerade sein Messer schliff, zu und meinte gedäntpst, als spräche er rntr für Jupp: „Mick wollten Se dazu ooch mal nehmen, ick weeß ja nich, wer mir empfohlen hatte! Kann bloß'n janz jroßer Scfciveinehund jewesen fem I Na. da Hab' ick aber'n Brief hinjepfeffert I... Weeßte, wat dadruff gekommen is?— Dreißig Mark Jeldstrafe wegen Beleidigung von eene BeHeerde I... Jupp nickte lachend. Er sah dem Wilhelm nach, der mit seiner Reniglcit schnurstracks ins Haus zum Meister lief. Vielleicht hatte er sich auch vor dem Gerede des alten Ulrich drücken wollen. Und als gleich danach die Meisterin drüben das Fenster aufstieß und zum Essen rief, gingen die beiden auch hinein, doch vorher an den Brunnen, sich zu reinigen. Drin saß der Meister am Tisch und der Wilhelm Kunkel, der aus Oberschlesien stammte und als frommer Katholik jeden Sonntag zur Mesie ging. Jnpp war auch katholisch, kam aber nur alle bohen Feste mal zum Hockamt... Ihm war'S peinlich, daß die Meisterin mit ihren großen, grauen, schimmernden Augen ihn so eigen anblickte.... Zu verdenken war's ja der lau», dreißigjährigen Frau nickt, daß sie lieber in dies gute Gesicht, als ihren Mann ansah, der ain Bormittag in der Stadl gewesen war und sich jetzt vergeblich bemühte, seine Bc- trunkenheit zu verbergen. Aber der Zenmerwilhelm war wütend. Warum sah sie ihn nickt an. die Frau? Ihn, der vielleicht m kurzer Zeit eine Amts- Person sein und viel Geld verdienen würde.... Ihn plagte eine zitternde Begier nach den festen, weißen Armen der Meisterin und »ach der vollen Brust, die die ärmellose, am Hals ausgeschnittene Kattnnbluie mehr als ahnen ließ.... Er sprach mit dem Meister, der in seinem Rausch das tollste Zeug redete.... Ja jewiß, Strafe muß sind I Ooch die Todesstrafe I Und wenn se sind muß... hupp I... mutz ooch cena da sind... hupp k... der se vollstreckt... hupp I hupp I... Der Trunkene wollte nach dem Satzfaß greifen, wäre aber fast vom Stuhl gefallen. Auf dem Gesicht der Frau stand der Ekel. Sie seufzte, dann sich an das Gespräch klammernd, sagte sie: „Aber muß denn die Todesstrafe wirstich sein? ES soll doch auch Länder jeden, wo sie keincn mehr tot machen... ich hab'S weiligftenS so in der Zeitung jeleien!" setzte sie. wie sich ent- schuldigcnd, hinzu und sah dabei den Jupp an, als erwarte sie von ihm die Antwort. Der lächelte und sagte in seiner Einfalt: „Ich weiß ja auch... aber der Ulrich...»ich wahr, Alter, Du hast doch getagt... vorhin.. Der mit dem weißen Schnurrbart nickte, sah auf den breit- schultrigen Wilhelm und meinte: „Sieh' mal die Tiere an, die tim sich wenigstens in ihre eigene Art nicht? zu leide... aber die Menschen sind schlimmer, wie die Bestien I... Die Reichen haben Angst for ihr Leben und for ihr Jeld, darum machen se sone Gesetze I Aber selbst würden sie'S nicht tun im murksen ein' ab. Bloß unter uns jiebts welch«, die schlachten ihre Brüder... un bilden sich noch JottweißwaS darauf in I Pfui Deibel!•' Er spuckte symbolisch auf den Estrich. Der Zentuerwilhelm meinte knurrig:„Soll des etwa mir jelten?" „Wem die Jacke paßt, der zieht se fich an 1" sagte der Alte gleichmütig und stand vom Tisch auf. Der besoffene Meister meinte:„Aergere Dir» ich, Willem, det iS die jöttliche Wclto:dii»ng. die befiehlt det!" Der Breitschultrige lachte roh und sagte etlva? HSsslicheS, dabei zur Meisterin hinüberblickend, wie um die zu reizen. Die aber hing an Jupps Munde, obwohl der Blonde doch bloß über die gleich- gültigsten Dirige vom£>ofe sprach.... Aber der Wilhelm Kunkel setzte sich noch selbigen Abends hin und machte sein Gesuch. Er hatte Unterstützung durch den Pfarrer, bei dem er beichtete. So kam er wirklich in die engere Wahl für die Henkcrsstelle. Und bei der Prüfung, wo erst etlichen Hunden und dann ein paar Hammeln mit dem Beil die Hälse abgehackt wurden, schnitt Wilhelm Kunkel am besten ab. Er wurde Scharfrichter und half jahraus jahrein dem Staat, sich seiner Missetäter auf eine schnelle und praktische Weise zu entledigen. Er bekam auch eine Abdeckerei und lachte als wohlhabender Mann über die Toren, die in dem Be- rris und der Tätigkeil eines Henkers etwas Unehrliches und für uns alle Entwürdigendes sehen.... kleines fcinllcton* Bilder von der russischen Hungersnot. Dr. Howard P. Ken- nard, der als Delegierter des englischen Hülfsfonds für die von der Hungersnot heimgesuchten russischen Bauern nach den Hunger- distrikten entsandt war, ist jetzt wieder in England eingetroffen! im„Wide World Magazine" gibt er Bericht von den Eindrücken, die er auf einer monatclangen Fahrt durch die von allem Verkehr abgeschnittenen einsamen Stcppendörfcr empfangen hat und schildert die Schwierigkeiten, auf die seine Mission stieß.„Die dürftigen Holzhütten waren in allen Stadien des Verfalls und der Verwahrlosung und fast alle der Dächer beraubt. Warum, sollte ich bald verstehen lernen. Einmal im Dorfe, brauchte man nicht mehr nach der Not zu suchen, von allen Seiten, aus jeder Hütte grinst sie einem entgegen. Bleiche Weiber und Männer, verlumpt, abgemagert, irren verzweifelt zwischen den„Jsbas" tun- her, der Hunger spricht in allen Mwnen seine Sprache. Durch kleine, trübe, kaum einen Quadratfuß große Scheiben starren einem trostlos traurige Gesichter an. Andere bocken vor den Türen ihres Heims. Hciml Welche Ironie. Das Heim des Elends und des Todes, wo Schwindsucht, Skorbut, Aussatz wohnen und alle Hofs- nung und alles Glück längst gestorben. Und darin kauerten sie, Männer, Weiber, Kinder und Säuglinge, eng aneinander gepreßt, um sich gegenseitig zu wärmen, in manchen Hütten sind zwei, drei, vier Familien zusammen gekrochen. Die einen haben ihre Jsbas lHüttenj zertrümmert, um Fcucrmalerial zu gewinnen und dann beim Nachbar Obdach gesucht. Ueberall, in erschütternder Eintönig- keit, die gleiche Geschichte. Ein Notjahr hat ihnen die Kraft ge- raubt, um dieser Hungersnot zu widerstehen, der furchtbarsten, die seit dcni Schreckcnsjahr 1601 Rußland heimgesucht. Längst sind die letzten Pferde verkauft; die kräftigen und gesunden an die Reichen, die unbrauchbaren wurden geschlachtet. Nur die Vermögenderen haben vielleicht noch von ihren sechs Pferden ein abgemagertes, kraftloses Tier im Stall. Seit Monaten ist Brot und Wasser die Nahrung von zwanzig Millionen Menschen; hin und wieder kann noch ein Glücklicher sich den Luxus von Tee gestatten. Man kann sich danach ohne weiteres die Sterbeziffern vorstellen. Schon in normalen Zeiten erreicht die Kindersterblichkeit von der Geburt bis zum fünften Jahre die Höhe von l>0 von IVO. Nirgends ärztliche Hülfe, ein Landarzt durchschnittlich für 30 000 Bauern, die Straßen fast unpassierbar, Pferde kaum aufzutreiben und der Aberglaube Herr des Volkes! In Gemeinschaft mit den Scmstwos ließ Dr. Kennard in einer Reihe von Dörfern Volksküchen er- richten, in denen den Notleidenden wenigstens täglich einmal eine warme Mahlzeit aus Brot, Tee, Reis und Milch gereicht werden konnte. Aber in diesen Bestrebungen war ein mächtige? Hindernis zu bekämpfen: Es war das Verhalten der Polizei.„Was tat die Beamtenschaft, soweit sie Polizei beißt, um die? Werk zu fördern? Wird man eS glauben, wenn ich cS sage, daß alles geschah, um die Hülse zu erschweren? Für jeden gebildeten Russen, der sich ohne einen Schutzbricf der Semstwos im Hungerdistrikt sehen läßt, heißt dies Wagnis sofortige Verhaftung. Ohne Genehmigung der Polizei darf keine Hülfsattion stattfinden, und diese Genehmigung ist schwer zu erlangen. Sie wird verzögert, noch einmal verzögert, keine Reklamationen fruchten, in den meisten Füllen, endet alles mit einem abweisenden Bescheid. Eine Anzahl Moskauer Damen kämpfen nun schon monatelang um die Erlaubnis, den Hungernden Hülfe zu bringen, noch heute ist die Polizei„beschäftigt". Er- kündigungen über den Charakter der Damen einzuziehen. Ich gebe nur zivci Beispiele, die ich beweisen kann. Ein Gouvernements- beamtcr wollte eine Gesellschaft zur Unterstützung der Hungrigen gründen. Er arbeitet wochenlang an der Organisierung deL Unter- nehmcns, bis er eines Tages von der Polizei die Weisung erhält. seine Tätigkeit einzustellen, da„HungerSnothülfe mit einer Stellung im Staatsdienste unvereinbar sei." Ein anderer Fall: Das Hülfskomitee des Semstwos läßt läng? einiger Bahnstrecken und in den Wartesälen Plakate anbringen, die zur Unterstützung � der Hülfsaktion aufrufen. Die Polizei entfernt die Plakate und erst uack langwierigen Beschwerden bei den einzelnen Gouverneuren, dürfen sie wieder aufgehängt werden; in der Zwischenzeit aber � hatte die Polizei unter dem" Vorwande, daß eine Sammlung von Geld und Waren ungesetzlich sei, die einzelnen Geber veranlaßt, I ihre Schenkungen zurückzuziehen. Und wo die Beschlüsse der Re- gierungsbchörden dem selbstherrlichen Vorgehen der Polizei die Hände binden, findet man wirtsame Umwege, um den Bemühungen der Hülfeleistenden Schwierigkeiten zu bereiten. In vielen Dörfern mußte ich es zu meinem größten Erstaunen erleben, daß meine Hülfe schlankweg abgewiesen wurde. Ost versuchte ich dann, an- gcsichts der furchtbarem Not, ihnen die Hülfe aufzuzwingen; mit Steinen und Knüppeln jagte man mich aus den Dörfern. Ost rettete mich nur die Schnelligkeit meiner Pferde vor der Wut der Bevölkerung. Was bedeutet dieses eigenartige Benehmen, dieser Widerstand gegen ihre Rettung? Ich fragte und forschte, und schlißlich erfuhr ich des Rätsels Lösung.„Viele sagen, Sic sind nur ein Spion der Regierung, oder ein englischer Tschinownik, der sie überreden will, jetzt Hülfe anzunehmen, um nach zwei Jahren alles mit Ricsenzinsen zurückzufordern." Das also war der Grund ihres Mißtrauens.„Was werdet ihr uns nehmen?" Das war die Frage, die ich oft beantworten mußte. Und auf die Frage: „Woher wißt ihr?" klang es triumphierend im Ehore:„O, die Polizei hat's uns gesagt!" Mehr als einmal ist Dr. Kennard das Ziel von räuberischen Anschlägen gewesen, die den„großen Säcken mit Gold" galten, die er— so hatte man eS den Leichtgläubigen erzählt— bei sich führte; aber immer fanden sich einige Dankbare, die ihn vorher warnten. Nur auf der Heimfahrt ward er das Opfer eines Ueberfalls, aber ein Zufall rettete ihm das Leben. Technisches. Aus der Vorgeschichte der Kinematographen. Die ältesten Vorläufer deS Kinematographen, die noch den Vorzug gehabt haben, niemals solche Katastrophen heraufbeschworen zu haben wie den Bazarbrand in Paris und den Brand des TheaterS in Boycrtown, waren die sogenannten Thaumatropen, die ein lebendes Bild durch Drehung einer beiderseits mit Zeichnungen versehenen Papptafel oder auch eines mit fortlaufenden Zeichnungen bemalten Ringes erzeugten. Diese hübschen Apparate, an denen sich viele vergnügt haben, genießen den Vorzug eine? sehr vor- nehmen Erfinders. Dieser war nämlich kein geringerer als Sir John Herschel, der große Astronom. Herschel befand sich im Jahre 1836 eines Abends im Gespräch mit dem Mathematiker Babbage und fragte diesen, wie er es machen würde, wenn er beide Seiten eines Schillings gleichzeitig sehen wollte. Babbage meinte darauf. er würde den Schilling vor einem Spiegel betrachten. Herschel ivies ihm jedoch nach, daß er den Zweck noch einfacher erreichen könne, indem er das Geldstück auf eine Tischplatte in kreiselnde Bewegung versetzte und das Auge in gleiche Höhe brächte. Aus diesem einfachen Experiment ist wahrscheinlich die Idee zur.Herstellung der ersten kinematographischen Vorstellung entsprungen, denn Babbage erzählte die Sache einem anderen Gelehrten, Dr. Fitton, der nun einen besonderen Apparat anfertigte. Er stellte eine Scheibe aus Karton her und zeichnete auf die eine Seite einen Vogelkäfig und auf die andere einen Vogel, brachte den Karton auf einem Untergestell derart sin, daß er schnell um seine Achse gedreht werden konnte, worauf die beiden Bilder gemeinsam erschienen, als ob der Vogel im Käfig säße. Diese Neuheit wurde bald unter dem erwähnten Namen eines Thaumatropen beliebt, aber ihr eigentlicher Ursprung geriet in Vergessenheit; dielmehr wurde ihre Erfindung fälschlich einem Dr. Paris zugeschrieben. Der nächste wichtige Schritt war das sogenannte Zoctrop, das„Lebens- rad", das angeblich von Horner schon in den dreißiger Jahren er- filndcn, jedenfalls aber erst 1867 von einem Amerikaner zum Pa- tent angemeldet wurde. Die Einrichtung dieser Zoetropen, die auf der Beobachtung eineS sich schnell drehenden Pappstreiscns durch einen Schlitz beruht, kann noch beute als bekannt gelten. Der erste, der planmäßige photographtschc Aufnahmen von Tieren und Menschen in Bewegung in regelmäßigen Abständen herstellte, war Muvbridge 1877/78. Damals konnten solche Aufnahmen nur auf die umständliche Art gewonnen werden, daß man eine große Reibe von photographischen Apparaten— Muhbridgc benutzte deren 12 bis 30— nach einander durch eine Reihe von elektrischen Kontakten exponierte, je nachdem der aufzunebmcndc Gegenstand sich im Ge- sichtsfeld vorübcrbewcgte. Im Jahr 1883 crucncrtc Muhbridgc seine Versuche unter Benutzung von vierzig Apparaten. Etwa um dieselbe Zeit nahm dann auch der deutsche Pbotograph An schütz seine rühmlich bekannt gewordenen Versuche vor. Der wissen- schaftliche Haupwcrtretcr des Studiums der Kinetik war der Pariser Naturforscher March, der eine große Zahl von Reihen- aufnahmen bewegter Menschen und Tiere ausführte, aber mit Be- Nutzung nur einer Camera und mit mehrfacher Benutzung ein und derselben Platte. March bezeichnete diese Arbeit als Chrono- Photographie. Dieser Forscher war wohl auch der erste, der im Jahr 1800 eine Camera mit Rollfilms einführte, die von einer Spule abrollten und in ihrer Bewegung in jedem Augenblick der Aufnahme aufgcbalten werden konnten. Dies war überhaupt die erste Form des kinematographischen Apparates, und die Erfindung des Zelluloidfilms war eigentlich die unerläßliche Vorbedingung dafür. Der Engländer Dunean. der jetzt über die Geschichte des Kinematographen vor der Londoner Society of ArtS einen Vortrag gehalten hat. nimmt für sich das Verdienst in�Anspruch, den Kine- matographen zuerst erfolgreich auf naturwissenschaftliche Gegen- stände angewandt und auch in Verbindung mit dem Mikroskop ge- bracht zu haben. verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtSBuchdruckerci u.VerIilg»a»staltPaulSiugerLcCo..BerliuLV,'.