Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 19. DlenStag. den 23 Januar. 1903 lNachSriii! verbottn.) Scbxif und Schlamm. Roman von Vicente Blasco Jbaneg- Kuf der Konsole, die den Weihkessel trug, enthielt ein Schild in großen Buchstaben folgende Mahnung: „Wenn das Gesetz der Liebe nicht gestattet, Ein Verbrechen zu begehen, So ist es ebenso wenig erlaubt, Im Hause de» Herrn auf die Erde zu spucken." Es gab nicht einen Menschen in ganz Palmar, der nicht diese Worte bewunderte, nach der Behauptung des Onkel Paloma das Werk eines Vikars, der zu der Zeit gewirkt, als er noch ein kleiner Junge war. Jeder hatte sich geiibt, die Worte in den zahllosen Messen zu entziffern, die man als guter Christ in seinem Leben hatte anhören müssen. Doch wenn man auch die Worte bewunderte, so machte man sich den Rat doch nicht zu eigen, und die Fischer, ohne die geringste Rückficht auf das Gesetz der Liebe, spuckten mit ihren katarrhalischen Amphibienlungen um die Wette, störten die religiösen Zeremonien und beschmutzten die Dielen der Kirche, während der zelebrierende Priester seinen Gemeindekindern einen wütenden Blick zuschleuderte. Nie hatte Paloma einen Pfarrer gekannt, der sich mit dem Pater Miguel vergleichen ließ. Man behauptete, er wäre hierher zur Strafe versetzt worden, aber wenn das der Fall war, so hatte er sich mit seiner Strafversetzung sehr gut abgefunden. Ein unermüdlicher Jäger, zog er nach der Messe seine langen Gamaschen an, setzte sich einen Pflanzerhut auf den 5topf und stürzte in Begleitung seines Hundes nach der Dehesa oder ließ auch seine Barke nach den kleinen Kanälen laufen, um Wasserenten zu schießen. Er mußte sich doch in seiner traurigen Position ein bißchen helfen, meinte er, sein Gehalt überstieg kaum einen Peseta pro Tag, lind er hätte elendiglich wie seine Vorgänger Hungers sterben müssen, hätte ihm nicht sein Gewehr, das die Feldhüter still- schweigend duldeten, täglich Fleisch für seine Tafel geliefert. Die Frauen bewunderten den starken Mann, der sie ein biß- chen mit Faustschlägen leitete, während die Männer mit seinen weitherzigen Ideen durchaus nicht<»lnzufriedeil waren. Wenn der Alkade die Nacht in Valencia bleiben mußte, so übertrug er seine Amtspflichten Don Miguel, und dieser, iiber die Abwechslung höchst erfreut, ließ zunächst den Leut- uant der Scekarabiniers zu sich kommen. „Wir beide sind jetzt die einzigen Behörden des Torfes: passen wir also gut auf." Dann patrouillierten sie, den Karabiner auf der Schulter, die ganze Nacht über, gingen in die Schenken, um die Leute nach Hause zu schicken, und kehrten von Zeit zu Zeit im Pfarrhaus ein, um ein Gläschen zu trinken. So gingen sie bis zum Tagesanbruch herum, bis Don Miguel seine Waffe und seine Schinugglerklcidung wieder ablegte, um die erst: Messe abzuhalten. Sonntags betrachtete er, während er das göttliche Opfer vollzog, die Gläubigen und hielt namentlich die Augen aus die geheftet, die häufig spuckten, auf die Klatschiveiber, die schlecht von ihren Nachbarinnen redeten, und auf die Burschen, die sich in der Nähe der Tür prügelten: wenn er sich dann vor dem Altar umdrehte und seinen großen Körper auf- richtete, um allen den Segen zu erteilen, dann schmetterte er die Schuldigen mit einem so wütenden Blick nieder, daß sie zu zittern anfingen. Er hatte mit heftigen Fußtritten den Trunkenbold Sango- ucra fortgejagt, als er ihn zum dritten oder vierten Mal? dabei abfaßte, wie er den Wein in der Sakristei austrank. Eine heftige Gemütsart begleitete alle seine heiligen Handlungen, und häusig legte er sich mitten in der Messe nicht die geringste Reserve auf, um dem Nachfolger Cangoneras einen tüchtigen Fußtritt zu versetzen, wenn er in seinen Antworten stockte oder das Evangelium nicht schnell genug wechselte, wabci er eifrig mit der Zunge schnalzte, gerade, wie er es bei seinem Jagdhund gewohnt war. Seine Moral war sehr einfach. Sie saß im Magen. Wenn seine Schutzbefohlenen im Beichtstuhl ihre Fehler auf- zählten, dann war die Buße, die er ihnen auferlegte, immet dieselbe. Sie sollten mehr essen: der Dämon pachte sie nur, wenn sie schlaff waren. Er sagte gern: gute Bissen und weniger Sünden. Wenn aber jemand bei der Antwort sein Elend vorschob, dann wurde der Pfarrer wütend und stieß einen heftigen Fluch aus.„Undankbare Geschöpfe! Sie nannten sich, arm und lebten in der Albufera, der besten Gegend der Welt. Er kam doch hier auch mit seinen fünf Realen täglich aus und lebte besser als ein Patriarch. Man hat ihn nach Palmar geschickt, und er würde seine Stellung nicht mit der eines Domherrn von Valencia vertauschen. Für wen hatte der liebe Gott denn die Schnepfen der Dehesa erschaffen, die in Scharcy wie die Mücken herumflogen, die Kaninchen, die so zahlreich wie die Gräser waren, und all das andere Wildpret, das zu Hunderten vom See aufflog. wenn man nur das Schilfrohr bewegte: es sollte ihnen wohl gerupft, gesalzen und gebraten in die Schüsseln fallen?. Nein, nein, in Wahrheit war nur eine größere Arbeits« frcudigkeit und eine größere Gottesfurcht nötig. Es genügte nicht, Aalfischer zu sein, stundenlang in einer Barke zu sitze» wie ein altes Weib und dieses weichliche Fleisch mit dem Schlammgeschmack zu verzehren. Gerade das machte die Fischer so schwächlich, daß einem schlimm wurde, wenn man sie nur zu sehen bekam. Der Mann, der wirklich ein Mann ist, Himmeldonnerwetter, muß sich selbst seinen Lebensunterhalt mit der Flinte erobern." Seit Palmsonntag, von der Zeit ab, wo ganz Palmar sein Herz im Beichtstuhl ausschüttete, knallte eS fortwährend in der Dehesa und auf dem See, und die erschrockenen Feld- Hüter fragten sich, wem sie diese neu erwachende Leidenschaft für die Jagd zuzuschreiben hatten. An diesem Tage zerstreute sich die Menge, als die Messe ein Ende nahm, auf dem kleinen Marktplatz des Dorfes. Tie Frauen hatten es gar nicht eilig, nach Hause zu gehen und das Essen zu kochen. Sie blieben zusammen mit den Männern vor der Schule, wo man die Ziehung vornehmen sollte: das war das schönste Gebäude von Palmar, das einzige, das zwei Stockwerke hatte, ein kleines Haus, in dem sich unten die Klasse für die Knaben und oben für die Mädchen befand.> In der oberen Etage fand die Zeremonie statt, und durch die geöffneten Fenster sah man den Alguazil»nit Hiilfe Sangoncras den Tisch, den Präsidentensessel für die be- deutende Persönlichkeit aus Valencia und die Schulbänke zurechtrücken, auf denen die Fischer saßen, die als Gemeinde« Mitglieder eingetragen waren. Die ältesten Leute des Dorfes gruppierten sich um den einzigen Baum, der de» Platz schmückte. Dieser alte, der- krüppelte Baum, der vom Berge losgerissen worden, um auf diesem Schlammboden langsam dahinzusiechen, war der Versammlungsort des Dorfes, der Punkt, wo sich alle seine bürgerlichen Handlungen abrollten. Unter seinen Zweigen wurden die Fischverträge abgeschlossen, die Barken ausge« tauscht und die Aale an die Händler der Stadt verkauft. Fand jemand im Albuferafee eine herrenlos hcrumschwim« mende Rudcrstange oder ein Fischgarn, so legte er es zu den Füßen des Baumes nieder, und jeder zog daran vorüber. bis der rechtmäßige Besitzer das besondere Zeichen an seinem Fischgcrät erkannt hatte. Mit der zitternden Aufregung von Leuten, deren Schicksal ganz vom Zufall abhängt, sprachen alle von der nächsteil Ziehung. In einer Stunde mußte es sich für jeden ent« scheiden, ob ihm im nächsten Jahre Elend oder Uebcrfluß bestimmt war. In den einzelnen Gruppen sprach man von den sechs ersten Posten, den besten der Gegend, den einzigen. die einen Fischer reich machen konnten. Das waren die Posten der Sequiota oder die unmittelbar sich daran anschließende», denn diesen Weg schlugen die Aale ein, wenn sie in stürmischen Nächten bis zum Meere flohen und dabei in die aufgestellten Netze Hineinschossen, die sie scharenweise zu Gefangenen machten. Der Onkel Paloma sprach von den vergangenen Zeiten. als die Leute sich noch nicht wie die Kaninchen in der Dehesa fortpflanzten. Damals gab es nur sechzig Fischer, die au der Ziehung teilnahmen,— die einzigen, die zur Gemeinde ßcljövto;!. Wicvicl'.cnron es jetzt? Bei der Ziehung des letzten Jahres waren mehr als hundcrtundfünfzig Fischer aufgetreten. Wenn die Bevölkerung in diesem Maße weiter wuchs, dann würden jedenfalls bald mehr Fischer als� Aale da sein, und Palmar würde feinen Hauptvorzug verlieren.- die ausgezeichneten Fischposten, die dem Orte vor den anderen Dörfern des Sees große Vorteile sicherten. Ter Onkel Paloma ärgerte sich stets über die anderen Teilnehmer, die Fischer von Catarroja, die ebenfalls an der Ziehung Anteil hatten. Er haßte sie ebenso sehr wie die Ackerbürger, die den See zerstörten, um neue Felder daraus zu schaffen. Nach den verächtlichen Bemerkungen des Schiffers waren diese Leute, die fern vom See in den entlegensten Teilen von Catarroja lebten und auf den Feldern arbeiteten, nichts weiter als Gelegcnhcitsfischcr-, nur der Hunger trieb sie zum See, weil sie gerade kein einträglicheres Gewerbe fanden. Tief in der Seele des Onkel Palonia eingewurzelt faß der Haß gegen diese hochmütigen Menschen, die sich die ersten Besitzer des Albuferasecs nannten. Nach ihrer Meinung waren die Leute von Catarroja die ersten Fischer, ihnen hatte der glorreiche Ton Jaiine nach der Eroberung von Valencia zum ersten Male das Privilegium verliehen, den See aus- zubcuten, wofür sie nur den fünften Teil des Fischzugcs abzutreten hatten. „So, und was waren während dieser Zeit die Leute von Palmar?" fragte Onkel Paloma. Und in Wut geriet er, wenn er die Antwort der Leute von Catarroja vernahm. „Palmar", sagten sie.„hätte diesen Namen erhalten, weil es eine ganz kleine Insel war. auf der Zwergpalmenbäume wuchsen. In früheren Jahrhunderten kamen aber die Leute aus Torrente und anderen Dörfern, die sich mit der An- sertigung von Besen beschäftigten: sie ließen sich auf der Insel nieder, sammelten dann ihren Vorrat für das ganze Jahr und segelten wieder ab. Mit der Zeit entschlossen sich einige Familien dazubleiben. Die Vesenfabrikanten ver- wandelten sich in Fischer. Dadurch schädigten sie auf das lebhafteste die einfachen, redlichen Leute von Catarroja, die den Albuferasee nie verlassen hatten." Man mußte diese Entrüstung des Onkel Paloma sehen. wenn er diese Reden seiner Gegner wiederholte. Die Leute von Palmar, die besten Fischer des Sees. Abkömnilinge von Besenbindcrn. die aus Torrente und anderen Orten gekommen sein sollten, wo man nie einen Aal gesehen hatte. So etwas tat einem wirklich weh... bei Gott, man hatte viel Leute um geringerer Verbrechen halber mit dem Dreizack durchbohr� er für seinen Teil war fest überzeugt und sagte das frei herglls, daß das alles nur ge- meine Lügen waren. (efortsttzung folgt.) Hue den Berliner Kunftfalons. Von Ernst Schur. Im Mttelpunkt der Ausstellung des SalonS C a s s i r e r steht diesmal Louis C o r i n t h und zwar machen seine Werke in der Gesamlheit jetzt einen iniponicreuden Eindruck. Das Gewaltsame, Ctufsliche, das er sonst Pflegte, tritt zurück. Man spürt, wie der Mater sich den formalen Problemen zuwendet, sein Temperament ziigelt. Man nimmt wahr, wie kraftvoll der Strich Corinths ist. Man denkt an Franz Gels-, der Pinsel hat fast lebendige Gewalt und schreibt in überraschend abkürzender Art den Eindruck hin breit, tnachtvoll, voll Schwung. Daneben steht aber die Zartheit, die delikalcste der Farbcngebimg. Ein lounderbarer Schmelz ist oft diesen Farbenharmonien eigen. Wie aus den, sprühenden Grau ein Blau oder ein Rot herausfließt, das ist fabelhaft malerisch empfunden und wenige werden Corimh diese Verve nachahmen. Er ist in der Art, wie er aus dem Impressionismus das Malerisch-Große heraus- holt und den Moment zur Monumentalität fixiert, ein ganz Eigener und übertrifft an Ilrsprünglichkeit Liebcrmann. Bei Lieberniann ist der Intellekt, das Bcivußtsein: bei Corinth das Temperament. Und Corimh rückt immer näher an den Platz, der ihm gebührt, an den Platz neben Liebcrinann. AuS diesem Zusammenwirken, der Kraft des Strichs, der Zartheit und dem Schmelz der Farbe ergibt sich ein Rhythmus, der dem Werke in seiner Gesamtheit ein eindringliches Leben gibt. Aus diesen beiden setzt sich die wirkende Form zu- sammcn, indem das Eine das Andere unterstützt und in Abwechselung variiert. Dadurch kommt es, daß diese Bilder so momentan wirke» und doch Ruhe haben. Der Strich ist bewegt; die Farbe ist sorg- fällig abgewogen nnd sparsam verteilt. Die ruhig-bewcgte, malerische Wirkung resultiert daher. In dieser Energie der Dlirchführimg gewinnt da-5 Gesanitiver! einen überaus großzügigen Charakter, dem man sich nicht entziehen kann. Und damit trifft Corinth auch für große Motive, wie die Krenzigungsskizze, die richtige Haltung, trotz aller persönlichen Eigen- eilen. Dabei ist noch zu bemerken, wie sehr Corinth in seinen Porträts auf die Prägung des Charakters Rücksicht nimmt. Auch hier ist jede .Kleinheit vermieden. Ans großen, markigen Massen setzt sich da-s Gesicht zusammen. ES dominiert aber der eine Ausdruck, der die Summe dcS Malerischen wie de-Z Psychologischen zieht. Es ist eine Einheit da. Das sind wirklich Porträts. Und in dieser Beziehung muß man zwei Bilder noch besonders erwähnen, in denen deutsche Art ohne jede üble Neben- bedcuiung, einfach als Eigentümlichkeit, als Charakter zum Ausdruck kommt, den feierlichcit„Eichbaum", der mit seiner breiten Krone deS Bild abgibt nnd ganz ausfüllt; in seiner liebe- vollen, treuen Nachbildung, die doch daS Ganze im Auge behält, voller Kraft und Persönlichkeit und von schönem Schmelz in den, vielen Grün. Und dann das Vereinsbild:„der Trost", in dem eine ganze Reihe biederer Gesichter zwanglos neben einander gestellt sind. jedes ein Typus, ein Charakter, nnd jedes in seiner Eigenheit liebe- voll bis ins Einzelne durchgeführt. Dabei aber das Ganze durch einen feinen, grauen Gesamtton malerisch zusammengehalten, so daß nichts sich vordrängt und eine schöne Ruhe das Farbige abdämpft. » Der„Werdandi-Bund" veranstaltet im K ünstler h a us seine erste Ausstellung. Man kann darin beim besten Willen keine Tat erblicken. Der Apparat macht Läri», die Sache selbst gibt keinen Eindruck. Vor allem tut Klärung not. Cs macht sich ein Durcheinander geltend, das für das künstlerische Niveau nicht günstig ist. Man sieht Künstler, die eine eigene Art haben, aber sie sind nicht mit bedeutenden Arbeiten vertreten. Dann solche, die immer gern mit- machen, da sie die Aussicht lockt. Und manche mögen ahnungslos gekommen sein; man ist überrascht, sie hier zu sehen, mit der Empfindung, daß sie nicht lange bleiben werden. Namen, die etwas rückständig geworden, freuen sich, hier wieder an die Oeffcntlichleit zu kommen unler der Devise: Deutschtum. Hendrich, der Bengaliker, steht neben dem schlichten Mackensen. Das Theatralische neben dem Primitiven. Die Nichtig- keit neben dem Gehaltvollen. Es lebe die Vielseitigkeit! Zu nennen wären: Hub. v. Heyden, dessen NrbeitSkarrcn in abendlich erleuchteter Straße grell herauösticht, lebhast und mit Schwung gemalt; Sambergers sprühende, aber schön schablonen- haste Porlrätö, die wie Momentbilder