Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 20. Mittwoch ven 29 Januar. 1903 (NuchDnlck verboten.) 20j Schilf und Schlamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. MS Paloma junq war. war er einmal zum„Geschivorenen" oder Obmann der Gemeinde ernannt worden, und Hatte in- folgedessen den Schatz des Dorfes, die Archive der Fischer. mit nach Hause nehmen müssen, einen ungeheuren Kasten mit dicken Büchern, Vorschriften, Privilegien, die die Könige bewilligten, wie auch Rechnungsbücher, die von einem Ob- mann zum anderen übergingen, seit Jahrhunderten von Hütte zu Hütte geschleppt wurden, und die man in der Furcht, sie könnten von den Feinden Palmars gestohlen werden, be- ständig linter den Matratzen versteckte. Lesen konnte der alte Schiffer nicht, zu seiner Zeit dachte man an so etwas nicht und aß darum desto besser. Aber ein Pfarrer, sein Freund, hatte ihm an einigen Abenden den Inhalt der Krähenfüße entziffert, mit denen die vergilbten Blätter be- deckt waren, und er hatte alles mit großer Leichtigkeit be- halten. Erst das Privilegium des glorreichen Don Jaime, desselben, der die Mauren geschlagen hatte. In seiner Ehr- furcht vor dem Erobercrkönig, der den See den Fischern zum Geschenk gemacht, stand der alte Fischer nicht an, ihn St. Jaime zu nennen, denn das Königtum erschien ihm als etwas sehr Geringes. Dann kamen die Privilegien des Don Pedro und der Donna Violente, des Don Martin, des Don Fernand, alles Könige und gesegnete Diener Gottes, die sich der armen Leute erinnerten. Alle hatten den Fischern etwas geschenkt: der eine die Erlaubnis. Bäume zum Ausspannen der Netze zu fällen, der andere das Recht, sich die dünne Rinde anzueignen, um damit die Netze zu stützen und so jeder irgend etwas. Ja, das waren andere Zeiten. Die Könige waren vortreffliche Leute, hatten stets eine offene Hand für die Armen und begnügten sich init dem fünften Teile des Fisch- zuges: damals war es nicht wie jetzt, wo die Verwaltung und andere ekelhafte Erfindungen der Menschen ihnen alle drei Monate eine halbe Silberarrobe abnahm, damit sie nur weiter an einem See leben durften, der schon ihren Urahnen gehört hatte. Wenn dann aber einer zufällig sagte:„Ja, der fünfte Teil des Fischzuges ist ja weit mehr als eine halbe Silber- arrobe," dann schüttelte der Onkel Paloma den Kopf. „Meinetwegen," versetzte er,„aber man bezahlte nicht in Geld, und das machte sich weniger fühlbar." Der Onkel Paloma geriet in Begeisterung, wenn er von dem Leben seiner Vorfahren sprach. Der See gehörte den Fischern. Alles gehörte allen. Das war wahrhaftig nicht wie auf dem Festlande, wo die Leute diese Erbärnilichkeit, die Teilung der Erde, erfunden hatten, wo sie Prellsteine setzten, Grenzen zogen und erklärten, das gehört Dir und das gehört mir: als käme nicht alles von Gott und als könnte man. wenn man tot ist, mehr Erde besitzen als man in seinem Munde bergen kann,— und zwar dann für immer. Der Albuserasee gehörte allen Kindern von Palmar ohne Klassenunterschied: sogar den Landstreichern, die den Tag in Canamels Schenke verbrachten, sogar dem Alkaden, der die von den anderen gefischten Aale weit fortschickte und ebenso reich wie der Schenkwirt war. Da aber die einen, wenn man den See unter alle Fischer verteilt hätte, sehr gut. und die anderen schlechter davongekonimen wären, so hatte man die jährlichen Ziehungen eingerichtet, und die guten Bissen gingen so von Mund zu Mund. Wer beute arm lvar. konnte morgen reich werden. So hatte es Gott> bestimmt, und. dazu bediente er sich des Zufalls. Wer arm war blieb arm. aber er besaß doch eine offene Tür, durch die das Glück eintreten konnte, wenn die launische Fortuna dazu Lust hatte. Der älteste Fischer des Sees, der mehr als achtzig Zielnmgen beigewohnt, fehlte bei keiner neuen � und rechiiete fest darauf, das Jahrhundert voll zu mackzen, wenn der Teufel ihm nicht einen Strich durch die Rechnung mchte. Er lxitte einmal den fünften und einmal den vierten Bezirk gehabt, nie den ersten, beklagte sich aber nicht, denn er hatte sich stets sattessen können, ohne daß er deshalb feinen Nachbar zu verdrängen brauchte, wie das auf deml Festlandc geschieht.' Auf dem Platze drängte sich eine immer stärker werdende Menge. Der Alkade wartete, von seinen Gehülfen und dem Alguazil umgeben, auf die Barke, die den Vertreter der Be- Hörden von Valencia herbcibrinspn sollte. Es kamen auch viele Leute aus der Nachbarschaft, dio durch ihre Anwesenheit der Zeremonie ein feierliches Ge- präge verliehen. Das Publikum öffnete seine dichten Reihen, um den Karabinierlcutnant durchzulassen, der im Galopp seines mit dem Schmutz der durchsprengten Gräben bedeckten Pferdes aus seiner Einsamkeit in Terra Nueva erschien, Dann kam der Obmann in Begleitung eines großen, schönen Jungen, der auf seinem Rücken den Kasten mit den Archiven der Gemeinde trug, während der Pater Don Miguel, der kriegerische Vikar, den Mantel auf der Schulter lind das kleine Käppchen auf dem Kopfe, von Gruppe zu Gruppe ging und erklärte, daS Glück würde sicherlich den Schlechten den Rücken kehren. Canamel, der kein Kind des Dorfes war, hatte nicht das Recht, an der Ziehung teilzunehmen, aber er war an dem Resultat ebenso beteiligt, wie die Fischer, denn er fand hier für das ganze Jahr eine Quelle von Geschäften, die den Schmuggel, seit er schlecht ging, äußerst vorteilhaft ersetzten. Der glückliche Gewinner des ersten Bezirkes war fast stets ein armer Teufel, der nur ein, kleine Barke und spärliche Netze besaß. Um die Sequiota ordentlich auszubeuten, brauchte man große Netze, mehrere Barken und Mietslcute: stand der Aermste von seinem Glücke ganz verwirrt da, und wußte nicht, wie er es anfangen sollte, dann erbot sich Canamel, ihm als guter Engel zu Hülfe zu kommen. Er hatte alles Nötige, was man brauchte: er bot seine Barken an, für tausend Peseta neue Stricke, um die Grenzen herzu- stellen, die den Kanal abschließen sollten, ebenso auch das nötige Geld, um Leute auf Tagelohn anzunehmen. DaS tat er nur, um cineni Freunde zu helfen, weil ihm der glückliche Gewinner so große Zuneigung einflößte. Trotzdem wollte er sich, da Freundschaft und Geschäft zweierlei sind, als schwachen Ausgleich für seine Unterstützung mit der Hälfte des Ertrages begnügen. So war die Ziehung fast stets eine Quelle großen Nutzens für Canamel, und er er- wartete das Resultat stets in der Furcht, das Schicksal könne einen seiner Nachbarn aus Palmar begünstigen, der ge- nügend Mittel besaß, um das Unternehmen selbst ins Werk zu setzen. Auch Neleta war nach dem Platze geeilt. Sonntäglich geputzt, stand sie da und sah weit mehr einer Dame aus- Valencia, als einer Bäuerin ähnlich, während die Samaruca, ihre erbitterte Feindin, sich über ihre Chignon, ihr rosa Kostüm, ihren mit Silber besetzten Gürtel und ihr pikante?- Parfüm lustig machte. Sie bringe, so behauptete sie, ganz Palmar in Aufruhr und raube den Männern die Kaltblütig- keit. Die anmutige, rothaarige Frau des Gastwirts parfii- mierte sich, seit sie verheiratet war. sehr stark, als wolle sie dem Schlammgeruch, der den See uingab, dadurch das Gegengewicht halten. Wie die«leisten Frauen der Insel, tausch sie sich wenig, ihre Haut»aar nicht sehr rein, aber sie ging nie ohne eine Maske von Reispuder ,md verbreitete bei jedem Schritt einen heftigen Moschusduft, der allen ihren Kleidern entströmte lind den Geruchssinn der in der Schenke verkehrenden Gäste mit aufreizendem Wohlbehagen erfüllte. Eine große Bewegung gab sich in der Menge kund. Ja, er tvar da... Die Zeremonie konnte beginnen. Nun zogen der Alkade mit seinem schUKtrzknöpfigen Stock, seinen beiden Gehiilfen, von einem Vertreter der Verwaltung be- gleitet, vorüber. Sie stiegen die enge Treppe hinauf, die so schmal lvar, daß mau nicht einmal zu zweien gehen konnte. Ein paar Karabiniers hüteten, mit dem Gewehr in der Hand, die Tür und drängten die Frauen und Kinder zurück, die bei der Operation hätten stören können. Von Zeit zu Zeit gewann die Neugier der kleinen Leute die Oberhand, ein heftiges Drängen machte sich bemerkbar: die Karabiniers hielten die Kolben ihrer Gewehre vor und erklärten rund heraus, sie würden alle Kinder prügeln, die durch ihr Geschrei die Feierlichkeit dieser großen Handlung störten. Oben lvar der Andrang so groß, daß die Fischer, die auf den Bänken keinen Platz mehr fanden, dichte Gruppen auf den Balkons bildeten. Die einen, die älteren, trugen die roten Mützen der alten Bewohner des Albuferasees, hatten den Kopf mit den breiten Baucrntiichenl oder mit Strohhüten bedeck». Auf der Estrade des Schulmeisters stand der Vorstands- tisch. In der Mitte saß der Vertreter der Verwaltung, der seinein Schreiber das Protokoll des Aktes diktierte, an seiner Seite der Pfarrer, der Alkade, der Obmann, der Leutnant und andere Gäste, darunter der Arzt von Palmar, ein armer Paria der Wissenschaft, der für fünf Realen dreimal wöchent- sich die armen Fieberkranke» des Torfes behandelte. Der Obmann oder Geschworene erhob sich von seinem Stuhle. Vor sich auf dem Tische hatte er die Rechuungs- dücher der Gemeinde liegen, prächtige Hieroglyphen, in Hencn sich auch nicht ein einziger Buchstabe befand, denn die Zahlungen waren durch Figuren aller Art bezeichnet. Das tvar eine Erfindung der alten Geschworenen, die nicht schreiben konnten, und man hatte das System stets fort- gesetzt. Jede Seite enthielt das Konto eines Fischers. Man schrieb nicht etwa seinen Nanien am Kopfe der Seite, sondern das Zeichen, mit denen er seine Gerätschaften der Unter- scheidung halber markierte. Der eine hatte ein Kreuz, ein anderer einen Dreizack, der Onkel Paloma einen Halbmond, und der Geschworene brauchte bloß aus das betreffende Konto zu blicken, um zu erklären: Das ist das Zeichen von dem und dem. Dann stairden auf dem Rest der Seite die Stricke, die die Zahlung einer monatlichen Steuer bedeuteten. Die alten Schiffer waren mit diesem System sehr zu- frieden. Auf diese Weise konnte jeder sein Konto prüfen, und es gab keinen Betrug wie in den abscheulichen Büchern mit den Zahlen und Buchstaben, die nur die Herren allein verstehen. Ter Geschworene, ein großer, schöner, kluger Mensch, mit kurzgeschnittenen Haaren und hochmütig blickenden Augen, hustete und spuckte mehrmals aus, bevor er das Wort ergriff. Tie Gäste, die am Vorstandstische saßen, wandten sich nach einer anderen Seite und begannen, sich zu unterhalten. Erst kamen die Gemeindeangelegenheiten, die sie nichts angingen. Das waren Sachen, die die Fischer mit sich abzumachen hatten. Der Geschworene begann seine Rede mit den Worten: „Meine Herren!" Dann warf er einen gebieterischen Blick auf die An- tvesenden, die in tiefes Schweigen versunken waren. Unten auf dem Platze zankten sich die Kinder wie die Teufel, und das Geschwätz der Weiber ging in unermüdlicher Weise weiter. Der Alkade schickte den Alguzil hin. der sich durch die Leute drängte und sie zum Schweigen brachte. lForffctzung folgt.) tNachdruck verböte».) Ver ftiegencte Mensel?. Randglossen zu den neuesten Fortsckirittcn der Flugtechnik. Von W. Berdrow(Nicderschönhausen). Mit raschen Schritten nähert sich die Menschheit jetzt einem feit den Tagen des Altertums ersehnten Ziele. Di« Technik, die Land und Wasser meistert, die Zeit und Raum mit immer gcnia- leren Mitteln beherrscht, steht unmittelbar vor ihrem größten Siege, vor dem Sieg über das Luftmeer. Möge niemand einwenden daß wir die Atmosphäre schon seit Montgolficr meistern, und daß die weiteren Erfolge in der Lenkung und dem Antrieb der Lustschiffe gar nicht ausbleiben konnten, daß im Zeitalter eines Zeppelin und Lebaudy an den» schließlichen Erfolg nicht mehr zu zweifeln war. Es handelt sich hier um etwas durchaus anderes. als uni lenkbare Luftschiffe. Mit solchen ist viel erreicht worden, sie werden zweifellos noch weiter vervollkommnet werden, aber sie haben Fehler und Mängel, die sie nie verlieren können, weil sie zugle'ch die Ursachen ihrer Erfolge sind. S p e l t e r i n i, einer der geübtesten und besten Aeronauten, der auf mehr als bV.