Mnterhaltungsvlatt des Honvärts Nr. 21. DonnerSwg den 30 Jnnuar. 1908 lNachdruck ve�sien.) 211 Sekilf unä Sckwmm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Der Geschworene fuhr in seiner Rede fort: „Meine Herren, sprechen wir klar. Ihr habt mich zum Geschworenen ernannt, damit ich dafür sorge, daß jeder seinen Steueranteil bezahlt, und daniit ich der Verwaltung jedes Vierteljahr 1300 Pesetas bringen kann, das heißt, die halbe Arrode, von der das ganze Torf spricht. Aber so kann die Sache nicht weiter gehen. Viele vergessen, ihren Anteil zu bezahlen, und die wohlhabenderen Fischer sind oftmals ge- nötigt, für die anderen mit zu bezahlen. Um eine solche Un- ordnung in Zukunft zu venneiden, schlage ich vor. daß die- jenigen, welche nicht bezahlen, aus der Ziehungsliste ge- strichen werden." Ein Teil des Publikums nahm diese Worte mit bei- fälligem Gemurmel auf. Das waren wohlverstanden die- jenigen, die für die anderen bezahlt hatten und aus diesem Vorschlage ersahen, daß ihre Chancen, die erste Stelle zu bekommen, sich dadurch bedeutend hoben. Doch die große Mehrzahl der Versammlung, die Annen, protestierten heftig. Alle hatten sich wie ein Mann erhoben und hinderten durch minutenlanges Genmrmcl den Geschworenen, in seiner Rede fortzufahren. Als es wieder still geworden und jeder seinen Play wieder eingenommen hatte, ergriff ein blasser Mensch von kränklichem Aussehen und fieberlwft glänzenden Augen das Wort. Seine Stimme klang langsam und mutlos, und oft, wurde er von Fieberschauern unterbrocl�en. Er gehörte zu; denen, die nicht hatten bezahlen können, und wahrscheinlich ging eS keinem so schlecht wie ihm. Bei der vorigen Ziehung hatte er den allerlebten Bezirk bekommen und nicht genügend Fische fangen können, um seine Familie zu ernähren. In einem einzigen Jahr hatte er zweimal nach Valencia fahren müssen, in seiner kleinen Barke zwei armselige Kisten aus tveißem Holz, über die er mit Mühe und Not ein Tuch mit Goldstreifen gefvannt, zwei Armseligkeiten, für die er sich Geld mit Wucherzinsen hatte leihen müssen. Was kann denn ein Vater weiter tun, als seine Kinder anständig kleiden, wenn sie für immer von ihm gehen?... Zwei waren gestorben, weil sie nicht genügend zu essen hatten, wie der anwesende Pater Miguel gesagt: dann hatte er sich selbst das Weclüelfieber zugezogen und sich«nehrere Monate damit herumgeschleppt. Er bezahlte nicht, weil er nicht konnte. Und deswegen wollte man ihm sein Recht auf das Glück rauben? Gehörte er nicht zur Gemeinde der Fischer, wie sein Vater und alle seine Vorfahren? Es trat ein trauriges Schweigen ein, während man den keuchenden Atem des armen Teufels hören konnte, der. den Kopf in den Händen- verbergend, als sckäme er sich seiner Beichte, kraftlos auf seinen Plab zurückgefallen war. „Nein, nein", rief eine zitternde Stimme so energisch, daß alle Anwesenden anfblickton. Es war der Onkel Paloma, der sich, den Hut auf dem Kopfe, mit vor Entrüstung flammenden Augen erhoben hatte und nach jedem Wort Flüche und Lästerungen aus-! stieß. Seine alten Gefährten zogen ihn am Aermel, um ihni! begreiflich zu machen, eine wie große Schuld er beging,. tvenn er sich in dieser Weise vor den Herren am Vorstands- tische beklagte: doch er stieß sie mit den Ellenbogen zurück und sprach weiter, als wäre das gar nichts. Was kiimmerren � ihn diese Strohmänner, ihn, der mit Königen und Helden verkehrt hatte? Er sprach, weil er das Recht dazu hatte... bei Gott, er war der älteste Fischer des Albuferasccs. und seine Worte mußten wie Gottesurteile angehört werden. Die Väter und Vorfahren aller Anwesenden sprachen durch seinen� Muud. Ganz gewiß gehörte der Albuferasce allen: und eS war wirklich eine Schande, einem Manne sein Brot rauben zu wollen, weil er die Verwaltung nickt bezablt hatte. Brauchte denn diese große Dame die armselige Spende eines Fischers? Die Entriiswng des alten Fischers hatte sich der Menge mitgeteilt. Seine letzten Worte hatten die Anwesenden fröh-> lich gestimmt, und man vergaß den peinlichen Eindruck der vorhergehenden Rede. Der Onkel Paloma erinnerte daran, daß auch er Ge« schworener gewesen. Wohl ziemte es sich, eine harte Faust gegen die Taugenichtse zu haben, die die Arbeit fliehen: aber den unglücklichen Armen, die ihre Pflicht erfüllen, und die als Opfer des Elends nicht zahlen können,— denen mußte man die Arme öffnen. Sollten die Fischer von Palmar etwa Mauren sein? Nein, alle waren Brüder, und der See gehörte allen. Dieser Unterschied von Reich und Arm war gut für die Leute des Festlandes, für die Erdarbeiter, unter denen es Herren und Diener gab. In der Albufera waren alle gleich: wer jetzt nicht bezahlte, bezahlte sicherlich später: die mehr hatten, sollten für die Armen geben, denn so war es immer geschehen.... „Alle Mann zur Ziehung!" Tonet gab das Signal zum Lärm, indem er geräuschvoll seinem Großvater Beifall klatschte. Der Onkel Toni schien nicht ganz mit den Ansichten seines Vaters einverstanden, doch alle armen Fischer stürzten sich auf den Alten und zeigten ihm ihre Begeisterung, indem sie ihn an der Bluse zerrten oder ihm freundschaftlich so heftig auf die Schulter klopften, daß es wahrhaftig den Eindruck machte, als wollten sie ihn der- prügeln. Der Geschworene schloß mutlos seine Bücher. In jedem Jahr spielte sich dieselbe Szene ab. Mit diejen alten Leuten, die immer jung schienen, war eS wahrhaftig nicht möglich, die Geschäfte der Gemeinde zu erledigen. Mit ärgerlicher Miene hörte er die Gründe an, die die schlechten Zahler anführten, um ihre Säumnis zu erklären. Sie hatten Krankheit in der Familie gehabt, oder es war ihnen ein schlechter Platz zu» gefallen, oder sie hatten das verdammte Fieber bekommen, das sie am Arbeiten gehindert,— dieses Fieber, das den Körper des Armen stets zu belauern schien, um seine Krallen bineinzuschlagen: das ganze Elend, das ganze traurige Leben der ungesunden Lagune zog wie ein endloses Gejammer vorüber. Um der langen Schnierzcnsklage ein Ende zu machen, kam man überein, niemand von der Ziehung auszuschließen, und der Geschworen? legte den Fcllbeutel, der die Nummern enthielt, auf den Tisch. „Bitte ums Wort," rief eine Stimme an der Tür. Wer wollte da sprechen und neue, langweilige Forde- rungen vorbringen? Die Gruppen öffneten sich und ein allgemeines Gelächter begrüßte das Erscheinen Sangoneras, der mit ernsten Schritten nähertrat, seine roten Trunkenbolds- äugen rieb und sich leohaft bemühte, eine Haltung zu zeigen, die eines Versammlungsteilnehmers würdig war. Als er alle Schenken von Palmar leer gefunden, hatte er seine Schritte nach der Schule gelenkt und es für angemessen er- achtet, vor der Verlosung das Wort zu erbitten. „Was willst Du?" rief der Geschworene, ärgerlich iiber das Eingreifen des Vagabunden, der gerade zur rechten Zeit kann nm seine Geduld nach der Entschuldigungsflut der schlechten Zahler zun, Ueberfließen zu bringen. WaS er wünschte?... Er wollte wissen, warum sein Name schon seit mehreren Jahren nicht auf der Ziehungsliste stand. Er hatte ebensoviel Recht wie jeder andere auf einen guten Posten im Albuscrasce. Er war der Aermste von allen: aber er war nickt in Palmar geboren? War er nicht im Sprengel San Valcrs von Ruzafa getauft worden? War er nicht der Sohn von Fischern? Infolgedessen mußte sein Name auch aus der Ziehungsliste stehen. Doch das Verlangen des Vagabunden, der ni' ein Netz angerübrt. der lieber den Kanal durchschwanun. als daß er sich einer Rnderstange bedient hätte, erschien den Fischern s» unerwartet und komisch, daß sich alle ohne Ausnahme vor Lachen schüttelten. Der Geschworene erwiderte sehr unzufrieden: „Mach, daß Tu fortkommst, Halunke! Was kümmert daS die Gemeinde, daß Deine Vorfahren ehrenwerte Fischer waren, wenn Dein Vater für immer auf den Fischfang ver- zichtet und sich der Faulenzerei gewidmet hat? Wenn er sonst kein anderes Recht aufzuweisen hatte, als daß er in Palmar geboren war! Uebrigens hatte sein Vater niemals Steuern bezahlt und er noch'weniger: das Zeichen, das die Sangoneras in früheren Zeiten auf ihren Gerätschaften ge- habt, war seit langen Jahren aus den Büchern der Gemeinde gestrichen." Doch der Trunkenbold bestand auf seinem Verlangen und erklärte unter dem wachsenden Gelächter des Publikruns seine Rechte, bis der Onkel Paloma von neuem eingriff: „Wenn man ihn nun wieder in die Ziehung mit aufnahm und er einen der besten Bezirke bekam was würde dann aus ihm werden? Wie wollte er ihn ausbeuten, da er doch kein Fischer war und von der Sache nichts verstand?" (Fortsetzung folgt.) I�AturwilsenlcKaftttcKe Geberlicht. (Sprungvariationcn oder Mutationen.) Von C. T h e s i n g. Wie häufig lmm man nicht die Ansicht ausgesprochen hören, bei dein raschen Fortschritte, den die Naturwisienschasten, vor allem die Biologie in dem letzten Jahrhunden genommen hat, würde es bald an Problemen fehlen, würde es für unsere Nachkommen nichts mehr zu erforschen geben. Ein recht naiver Gedanke. Je tiefer man in die Natur einzudringen versucht, desto bescheidener wird man. Gewih haben die Forscher im Verlaufe weniger Jahrzehnte Bewunderns« wertes geleistet, der Natur so manches tiefe Geheimnis abgerungen. Welche Fülle neuer ErkeimwiS ging nicht allein von der Entdeckung der Zelle aus, und dennoch stehen wir erst am Anfange eines langen beschwerlichen Weges, und zu einem Nichts wird das, was wir wissen, gegenüber den grohcn Lebensrätseln, die noch einer Lösung harren. An Arbeit wird es da niemals fehlen. Wenn man mit der Wannleebahn nach Lichterfelde hinausfährt, fleht man an zahlreichen Stellen die Hänge der Bahndämme mit den hochaufragendcn Stengeln der allhelannten Nachtkerze, Oenotlrera dionnis,'bedeckt, deren lcuchtendgelbe Blumen- krönen im Sommer weithin grüßen. In vielen Gegenden Deutsch- lands gehört die Nachtkerze zu dem Häufigsten Unkraut und niemand würde wohl glauben, daß diese so lange bekannte Pflanze der Ausgangspunkt für eine der bedeutsamsten Entdeckungen der neuesten Zeit werden sollte. Das Heimatland der Nachtkerzen ist Amerika. Etwa im Jahre 1619 tvnrden sie von Virginien aus nach Europa eingeführt und hier als beliebte Gartenpflanze kultiviert. Von den Gärten aus ver- breiteten sich die Pflanzen über die Felder und vcrwilderlcn rasch. Eine besonders sckiöne und großblumige Art, die zu Ehren des bedeutendsten Vorkämpfers des DeszendenzgedankenS, des geistvollen französischen Naturphilosophcn Jean Baptist« Lamarck, den Namen Oonorlisra Lamarckiana erhielt, kam dann später in der Mitte des vorigen Jahrhunderts von dem englischen Samen» Händler Carter eingeführt, aus Texas z» uns herüber, und nach den Angaben de Vrics' stammen alle heute im Handel, in den Gärten oder im Freien vorkommenden Nachtkerzen Lamarcks von dieser Carlerschen Einfuhr her. Es war im Jahre 1886 als de VrieS mit den Vorbereitungen einer Arbeit über„kutraceltrckarg Pangcnesis" beschäftigt, die Pflanzenwelt in der Umgebung von Amsterdam auf ihre Variabilität (Veränderlichkeit) hin prüfte. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß es in der Natur nicht zwei Pflanzen oder Tiere gibt, die einander vollständig entsprechen. Auch bei den Menschen steht man ja. daß selbst Zwillinge sich stets in einem oder dem anderen Merkmale von einander unterscheiden lassen. Dieses VariationSvernrögen der Lebewesen diente bekanntlich Charles Darwin zum Ausgangspunkte feiner SelektionSthcorie(Vergleiche ineinen Artikel im„Unterhalt, tiigsblaU" vom 10. April 1907„Darwinismus und Deszendenztheorien"), sollten doch durch den Kamps ums Dasein immer die Tiere mit nütz- liehen Abänderungen ausgewählt werden mtd zur Nachzucht ge- langen. Auf diese Weise würde dann eine Steigerung des be- trestcnden Merlmals und eine Umwandlung der Anen bewirkt. Man bezeichnet diese geringen um einen bestimmten Mittelwert schwankenden Abänderungen als fluktuierende oder i n d i« viduelle Variabilität. Außer dieser Form der Variabilität beobachtet man gelegentlich noch das Auftreten sogenannter Sprungvariationen oder Mutationen. Der wich- tigste Unterschied zwischen diesen beiden Formen besteht darin, daß die plötzlich durch Sprungvariationen entstandenen Merkmale erblich sind. Dann wird aber durch die Sprungvariation häufig nicht nur ein einziges Merkmal be- troffen, sondern der gesamte Charakter des betreffenden Lebewesens mehr oder iveniger stark verändert. Während man in früheren Jahren den Mutationen keinen Wert für die Entstehung neuer Arten beimaß, tvnrden sil von de B r i e S zur Grundlage einer neuen Entwicklungstheorie gemacht Das klassische Objekt, an dem dieser geistvolle Forscher seine wichtigen Versuche anstellte, war die oben erwähnte Rackitkerze Oauotirora I-amarekiana. Solange man wie de Vries offen zugesteht, die Bedingungen, unter denen neue Arten entstehen, nicht kennt, wird es immer schwierig sein, geeignetes Material für eine derartige Unter- suchung zu finden. Ut-d cS war ein glücklicher Zufall, daß sich das Augenmerk des Forschers gleich auf ein so ungewöhnlich günstiges Objekt richtete. Auf einem verlassenen Kartoffelacker in der Nähe von Hilverjum hatte sich die Pflanze von einer benachbarten Anlage auS angesiedelt und sich im Verlaufe von zehn Jahren in vielen Hunderten von Exemplaren über die Hälfte des Feldes ausgebreitet. Unter den zahlreichen Individuen fielen besonders zwei Formen auf, die in so vielen Merkmalen von den übrigen abwichen, daß man sie als neue Arten deuten mutzte. Es waren die späterhin als O. brsvz'st�lis und laevifolia bezeichneten Arten, die sich bei der Wetterzucht in der Natur als völlig beständig erwiesen. Um über die UmwandlungSfähigkeit der O. Lamarckiana genaueren Aufschluß zu erlangen, verpflanzte de VrieS 1886 eine An- zahl Wurzelrosetten und Samen von dem Standorte bei Hitversum tri seinen Amsterdamer BcrsuchSgaNen. Im Laufe mehrerer Gene- rationen entstanden nun aus den Samen dieser ersten Exemplare außer deu normalen Pflanzen plötzlich durch Sprungvariation sieben neue Arten, die mit den Namen 0. lata, rubrinervis, gigas, albida, oblonga, nanella und scmtülans belegt wurden. Sie erwiesen sich mit Ausnahme von lata und scintillans bei Selbstbefruchtung als völlig konstant. Von den übrigen Formen, die sonst noch auftraten, können wir Abstand nehmen, da sie entweder keine Samen trugen, oder sich nicht scharf von einander unterscheiden ließen. Wir wollen wenigstens von einer dieser neuen Arten etwas näher die Geschichte ihres Auf- ttetens kennen lernen. ES war im Jahre 1895, in der vierten Ge- neration der Lamarckianafamilie. Die Aussaat betrug 14 999 Exemplare, von denen die mutirrten Individuen ausgepflanzt und die meisten als Lamarckiana kenntlichen, um dem Nachwuchs hin- reichenden Raum zu schaffen, ausgerodet wurden. Im August standen etwa 1009 dieser Pflanzen in Blüte, viele aber waren noch Rosetten geblieben. Von den letzteren wurden die 32 schönsten und kräftigsten auf einem besonderen Beete ausgepflanzt. Im folgenden Jahre schritten fie zur Blüte und ein Exemplar fiel sofort durch seinen dickeren Stengel, gedrängteren Blütenstand und bedeutend größere Blüten auf. In eine Pergamcntdüte eingeschlossen, wurde sie künstlich mit ihrem eigenen Blütenstaub befruchtet. Sie setzte denn auch reichlichen Samen an und bildete den Ursprung der neum Art 0. gigas. Mit Sicherheit steht es fest, daß wenigstens in den drei letzten Generationen ihre Vorfahren gewöhnliche O. Lamarckiana waren. Die selbstbefruchteten Samen dieser Urpflanze wurden nun im kommenden Jahre getrennt ausgesät und lieferten mehr als 469 Pflanzen, die in vollständiger Reinheit den TypuS der O. gigas zeigten, nicht eine war in die Lamarckianaform zurückgeschlagen. Auch in den späteren Generationen erwies sich O. gigas als völlig konstant. Es scheint also dadurch bewiesen, daß eine neue elementare Art in einem einzelnen Individuum völlig unvermittelt auftreten und von Beginn an ganz konstant sein kann. Während sich 0. gigas, wie wir eben hörten, in ihren Merk« malen sofort beständig erweist, gibt es andere Warten, bei denen das nicht der Fall ist. Ein Beispiel dafür bietet 0. Bcintillans, ans deren Samen trotz Selbstbefruchtung stets drei Formen: nämlich 0. scintillans, 0. oblonga und endlich die ursprüngliche Form 0. Lamarckiana hervorgehen. Außerdem entstehen miS ihren Samen auch häufig elementare Arten zweiter Ordnung, welche Merkmale zweier Arten in sich vereinen. So beobachtet man, nur ein Fall sei angeführt, nicht selten eine Zwischenform zwischen 0. scintillans und O. nanella. lieber die Ursachen, welche die Mutation bewirken, können wir bisher nur Vermutungen anstellen. AuS manchen Tatsachen aber gewinnt man den Eindruck, als träte die Mutabilität periodisch auf und würde von Zeilen scheinbarer KonstanS abgelöst. In der Regel treten die neuen elementaren Arten sogleich in einer größeren Anzahl von Individuen auf, eine Ausnahme hiervon bildete 0. gigas, von der nur ein Exemplar beobachtet wurde. Wie j-deS Lebewesen, so ist auch die O. Lamarckiana und ihre Mutanten der fluktuierenden Variabilität unterworfen, und auch bei ihnen kann man durch zielbewußte Auslese neue Rassen erzielen. Es bleiben aber doch stets selektionsbedürftige. vom TypuS nicht wesentlich oder doch mir in einem Punkte ab- weichende Formen, die mit den elementaren Arten keine Aehnlichkeit zeigen. Auch von den Mutanten gilt eS wieder, daß fie teils vor- teilhaft, teils gleichgültig, teils nachteilig sein können. Zahlreiche. wie die unfruchtbare O. lata, die schwächliche nanella und albida und die spröde und leicht zerbrechliche rubrinervis vermöchten sich in der Natur wohl kaum zu erhalten. Dagegen erscheint 0. laevifolio der Lamarckia mindestens ebenbürtig zu sein, während 0. gigas ihr sogar offenbar überlegeil wäre. AuS diesen Ergebnissen folgert de Vries:„Die Mutationen sind richtungslos; ein Teil der neuen Typen geht ohne Nachkommenschaft zu Grunde. Zwischen den übrigen, den neu entstandenen und sofort völlig ausgebildeten Arten muß später die natürliche Auslese entscheiden." Seit man in neuerer Zeit angefangen hat, schärfer auf da? Vor- kommen von Sprungvariationen zu achte», find im Laufe derJahre bereits eine Anzahl Fälle aus dem Pflanzen- und auch auS dem Tierreiche bekannt geworden. Auch Darwin war das Borkommen von„singls variations" lEinzelverändernngen) natürlich nicht entgangen, wenn er ihnen auch keinen Wert für die vrtbildling zuschrieb. Heute läßt sich«in so völlig ablehnender Standpunkt den Mutationen gegenüber schwerlich noch auftecht erhalten. Die Tatsachen führen eine zu überzeugende Sprache, direkt unter»mseren Augen sehen wir ja neue elementare Arten entstehen. Trotzdem leistet die Mntationstheorie unserem Denken als einziger Entwickelungsfaktor nicht Genüge, läßt sie doch vor alle» Dingen die Entstehung der zahllose» Anpassungen, die wir an allen Lebewesen beobachlen, unerklärt. Da die Mulationen richtungsloS sein sollen, hieße es dem Zufall doch zu viel Zutrauen schenken, wollte man sie zur Ursache der organischen Zweckmäßigkeit machen. (Nachdruck verboten) für unsere Jugend. öidfcl Langröchcben als öpinnfra«.*) Von Hans A a n r u d. Bär, der große alte, struppige Hofhund auf Hoel, saß auf der Türtreppe und schaute ernsthaft über den Hof. Es war ein kalter, klarer Spätwintertag, und die Sonne lachte über dem glitzernden Schnee. Am liebsten wäre er aber doch hineingegangen; denn es ließ sich nicht leugnen, er fror grimmig an die Pfoten, während er da saß und abwechselnd bald die eine, bald die andere von den Steinfliesen eine Weste emporheben mußte, um nicht Nagclzwang fn die Klauen zu bekommen. Aber er durfte seinen Posten nicht verlassen. Tie Schweine und die Ziegen waren heute im Freien. Noch führten sie fick zwar alle sehr anständig auf; die Schweine gingen dort in der Sonne und rieben sich an der Ecke des Kuhstalles, und weiter weg knabber- ten die Ziegen eifrig an der Baumrinde, die beim Schweinestall auf einen großen Haufen für sie zusammengekehrt war, und taten so, als hätten sie an gar nichts anderes zu denken. Aber er wußte von früher her: kaum war er hineingegangen, da legten sie sich so- gleich mitten in die Haustüren hinein und verübten all den Unfug, den sie sich nur ausdenken konnten— die große neue Zieg«, Krummhorn, die erst im letzten Herbst auf den Hof gekommen war und die er noch nicht ordentlich abgerichtet, hatte bereits einen Schwuppdich bis an die Hausccke hin gemacht und ihn dabei so gleichgültig und überlegen angeseben. Die war wirklich eine unerträgliche Person, aber sie sollte sich bloß unterstehen— I Ein Weilchen wenigstens mußte er noch sitzen bleiben>— die Wege durste er ja auch nicht ganz aus dem Auge verlieren, es hätte doch jemand kommen können. Zufällig drehte er den Kopf nach dem schmalen Pfad hin, der quer die Halde herunter vom Oberdorf herabkam. Alle Wetterl Was war denn das? Dort kam etwas— etwas Rundes, Putziges, Winziges— ärgerlich, daß die Augen nicht mehr recht mitwollten!—.ja, ja, er mußte jedenfalls Meldung machen. Er fing an zu bellen, ein kurzes, tiefes Gekläff, das weit hinausschallte. Die Ziegen spangcn ängstlich in einen Klumpen zusammen und spitzten die Ohren, die Schweine hörten jählings auf, sich zu jucken und zu kratzen, und lauschten ebenfalls— ja, da konnte man sehen, daß sie vor ihm Furcht hatten! Tann blieb er wieder ruhig sitzen und sah den Weg hinauf. Nein aber, ob er jemals etwas Aehnliches gesehen hatte— vielleicht war es nicht einmal etwas, das er zu melden brauchte; aber immer- hin mußte er sich doch wohl auf den Weg machen und sich die Sache etwas näher ansehen. Er krümmte den buschigen Schwanz in einen großen Bogen, man sollte sehen, daß er bester Laune war, und trippelte zum Hofe hinaus. Es mußte aber doch wohl«in Mensch sein. Es fing an, so leibhaftig der Finn-Kathrine zu gleichen, die dort im Winter zu gehen pflegte, aber die konnte es doch nicht sein; denn dazu war das Wesen dort allzu winzig. Aber ein weiter, langer Weibcrrock war es jedenfalls, und unter dem Rock kamen die Spitzen von einem Paar großer Schuhe hervor, über die graue, abgeschnittene Strumpf- süße gezogen waren. Heber den Rock war cm großer Bausch Gc- stricktes gewurstelt, aus dem zwei Stummel mit roten, gestrickten Fausthandschuhen hcrvorstaken. Oben drauf saß ein etwas kleinerer Bausch Gestricktes— das war wohl der Kopf. Hinten vom Rücken guckte ein großes Bündel in einem dunkelfarbigen Einschlageluch hervor, und vorn hing ein kleiner, niedlicher, rotgemaltcr Holz- eimcr. Bär mußte unwillkürlich stehen bleiben und sehen. Das rätselhafte Wesen war nun ebenfalls seiner gewahr geworden und wie unschlüssig stehen geblieben. Da ging er auf die äußerste Weg- kante hinüber, blieb wieder ruhig stehen und versuchte, so gleich- gültig wie möglich auszusehen, um das Wesen nicht zu erschrecken. Dies ging dann vorsichtig, wie auf Stelzen, langsam wieder vor- wärts, indem es sich dicht an der anderen Seite des WegeS hindrückte und drehte sich allmählich, je näher es herankam, so daß es ganz der Quere ging, als es endlich gerade vor Bär angelangt war. #) Das Anfangskapitel aus der prächtigen Jugcndschrift deS norwegischen Schriftstellers: Sidsel Laygröckchen. Die Menschen-, Tier- und Naturschildcrungcn sind von schlichter Einfachheit und warmem Empfinden. Die Erlebnisse eines kleinen Menschen- kindes in der Welt eines Bauernhofes und der Almen sind so treuherzig, und künstlerisch vollendet wiedergegeben, daß auch der Erwachsene seine Freude an dem Büchlein hat.(Die deutsche 'Icbersctzung erschien bei Georg Mcrseburger in Leipzig.) Da gelang es aber Bär, einen kurzen Blick durch eine kleine Qessnung in dem obersten Strickbausch zu werfen, und was sah er! Erst ein kleines, roteS, austvärtsstrebendcs Siumpftmschcn, dann einen roten Mund, der unsicher zuckte, als wollte er zu weinen an. fangen, und ein Paar große blaue Augen, die ihn erschrocken an- starrten. Pähl DaS war ja bloß ein kleines, dummes Mädel, das wegen der Kälte tüchtig eingewickelt war. Er kannte sie zwar nicht. aber— wart mal— das Ennerchen kam ihm so bekannt vorl Jedenfalls war es keine Art, sich hier barsch zu stellen und so eilr kleines Ding zu erscbrecken. Unwillkürlich wedelte er mit dem Schwänze, während er hin-! über ging, um den Eimer zu beschnüffeln. Aber das kleine Mädchen verstand ihn nicht sofort, erschrocken trat es vielmehr ein paar Schritte zurück und purzelte neben denr Wege hin. Da sprang Bär rasch zur Seite und lief ein Stückchen voraus, sah sich wieder um und blinzelte freundlich mit den Augen und wedelte kräftig mit dem buschigen«chwanz. Jetzt begriff sie, stand auf, lächelte und trippelte hinter ihm drein. Bär humpelte voran, sich immer wieder umsehend; nun erkannte er, daß sie sicher irgend einen Austrag ruf Hoöl auszurichten kam, und da war cs seine einfache Pflicht und Schuldigkeit, ihr zurechtzuhelfen. Das kleine Mädchen war Sidsel Langröckchen von Schloß Guck, aus oben auf der Höhe, die dergestalt ihren Einzug auf dem Hois von Hoel hielt. Schloß Zuckaus lag auf einem öden, unfruchtbaren Berghang, weit vorn, gerade unter dem Grotzhammcr, zu allerobcrst im Ober- darf, und der Name— es hieß eigentlich Neu-Wüstenlnnd— war ein Spitzname, den ihm ein Spottvogcl gegeben, weil man von d« oben einen so weiten AuSguck hatte, und weil es allem anderen eher als einem Schloß glich. Das Krongut, da? zum Schloß gehörte, bestand bloß aus etwas Heideland-, wo Heide!- und Preisclbcer- kraut üppig gedieh, unterbrochen hier und da von einem kleinen Fleckchen Ackerboden oder einem Stückchen Wiese. Tie Stallgebäude bestanden aus einem untermauerten Kuh'- stall mit zwei Ständen, halb in den Hügel eingegraben, und einen» kleincv Schweinelofen im gleichen Stil. Und das Schloß selbst war ein winzig kleines, mit blasen gedecktes Häuschen, das ganz vorn am Abhang mitten in der Einöde lag. ES hatte bloß ein niedriges Fensterchen mit ganz kleinen Scheiben, das ins Tal hinab- schaute. Fast überall aber, wo man im llukreis sein mochte-— wenn man in der Richtung hinsah uud den Blick hoch genug hinaufwaudte, überall sah man stets dieses Schloß und die? Guckfeiistcrchcu, das wie ein kleines Auge über das Tal hinaüsblickte. Wenn nun die Herrlichkeit, von der sie herkam, nicht größer war, so kann man sich wohl leicht denken, daß Sidsel Langröckchen just keine verkleidete Prinzessin war, sondern schlecht und recht ein kleines armes Bettelkind, lind zum ersten Male auf den Hof von Hoel zu kommen, was für sie dasselbe, als wenn sie wirklich zw Hofe gekommen wäre, obschon sie in einem gar wichtigen, eigentiichj nur für Erwachsene passenden Auftrag geschickt war; sie kam nämlich an Stelle ihrer Mlutter als iüpinnfrau. Sidsels Mutter, Rönnaug, hatte nun schon vier Jahre lang oben auf Schloß Guckaus allein für den Unterhalt der Faiuilie sorgen müssen. Früher war es ihnen gut gegangen, da war aber- der Mann gestorben, und nun saß sie allein da mit dem Schloß. einer Kuh und zwei Kindern, Jakob, der damals ungefähr sechs Jahre zählte, und Sidsel, die zwei Jahre jünger war. Es hielt oft schwer genug, aber sie hatte» doch immerhin ein Dach über den, Kopfe, und nach Brennholz brauchten sie auch nicht weit zu laufen, der Wald lag gerade vor der Tür. Im Sommer konnte sie den harten, steinigen Boden gerade soweit aufkratzen, daß sie auf dem jämmerlich kleinen Fleckchew Ackerland Kartoffeln und etwas Korn bauen konnte, und das Heide, gras und frisches Laub, das sie sammelte, gab ihr gerade genug, um die.Kuh Bliros jedes Jahr durchfüttern zu können. Und wo eine Kuh ist, da gibts�auch immer was zu leben. Im Winter spann sie fleißig Leinivand und Wolle für dis Bäuerinnen unten im Dorfe und vor allem für Kjersti Hsöl, die Großbäuerin, bei der sie als Magd gedient hatte, che sie sich vcr- heiratete. Auf diese Weise hatte sie sich durchgeschlagen. Unterdessen war der Jakob so groß geworden, daß er selber für sich sorgen konnte. Im letzten Frühling war Nachfrage nach einem Hirtenbuben auf Nordrum gewesen, und da hatte er sofort zugeschlagen. Er und, Sidsel halten so oft oben in der Stube vor dem kleinen Guck- fensterchen auf den Knien gelegen, hinausgeschaut und übcrlegv, wo sie wohl beide einmal dienen würden, wenn sie erst groß wären. Und da hatte der Knabe immer Nordrum für sich gewählt, Haupt- sächlich Veshalb, weil er den Bauer von Nordrum immer als eine!, so besonders starken Kerl hatte rühmen hören,— sie vagcgen hätte gemeint, besser müsse eS auf Hoel sein, wo bloß FraucnSleuts wären. Im Herbst hatte dann der Nordrnm gesagt, so einen Burschen wie den Jakob könne er auch im Winter brauchen, und da wav Jakob dort geblieben. Er war sogar schon einen ganzen Tag, letztes Weihnachten. wieder zu Hause gewesen, und da hatte er der Schwester ein Weihnachtsgeschenk mitgebracht von einem kleinen Mädchen auf dem Nordrumhofe, einen gar feinen Unterrock aus grauem FrieS. Und wie lustig und spaßig er geworden war! Als sie den ncucn Rock, der ihr vorn wie hinten bis ganz herunter aus dio Füße reichte, zum erstenmal angezogen hatte, da hatte er fie Sidsel Uangröckchen genannt. Nach Weihnachten aber war oben auf Schloß GuckauS die Not eingezogen. Die Vuh Bliros, die sonst fast das ganze Jahr hin- durch Milch gab, ließ eS sich Plötzlich einfallen, mehrere Monate trocken zu stehen; sie sollte erst zum Sommer hin kalben. Die letzte Woche hatte eS nicht einmal mehr Mich zum Kaffee gegeben. Bis zum Nachbarhof Svehaugen war es auch nicht bloß ein Katzensprung, und dort war eS zudem auch knapp mit der Milch, das wußte Rönnaug. und außerdem hatte sie keine Zeit, sie mußte sich sputen, daß sie mit der Wolle, die sie für Kjersti tzoel spann, endlich fertig wurde und sie bald abliefern konnte, dann wurde wohl auch Rat für Milch und Kaffee und anderes mehr. Deshalb arbeitete sie unausgesetzt die ganze Woche hindurch— Sidscl war nun so groß, daß ste beim Karden helfen konnte— und trank den Kaffee schwarz. War eS nun eben, weil sie den schwarzen Sfaffee nicht vertragen konnte, oder ein anderer Grund,— als sie gestern Abend spät fertig geworden war. fühlte sie einen saugenden Schmerz unter der Brust, und als sie heute früh aufstano und sich fertig inachte, mit der Wolle nach Hoöl zu gehen, wurde ihr mit einem Male so übel tlnd schwindlig, daß sie sich wieder aufs Bcit legen mußte. Sie fühlte sich ganz elend. Run war es aber Sitte. daß die Spinnfrau, was sie gesponnen, auch selber brachte, und da bekam sie nicht bloß Vergütung für ihre Arbeit, sondern wurde auch in der Regel bewirtet und erhielt neue Aufträge und Bescheid, wie das nächste Garn gesponnen werden sollte. Doch diesmal war wirklich kein anderer Ausweg, sie mußte Sidsel schicken. Sie würde sich schon zurechtfinden, obwohl sie noch ine auf Hoöl gewesen war, und so viel würde sie wohl auch mit nach Hause bringen, daß sie wenigstens wieder einmal eine ordentliche Tasse Kaffee trinken konnten, dann konnte sie ja an einem der nächsten Tage immer noch selber gehen. Wenn sie sich nur darauf ve-lassen könnte, daß Sidscl sich iordentlich zu benehmen verstände und sich nicht gar zu ungelenk anstellte? O ja, hatte Sidsel gemeint, wenn sie nur gehen dürfte, dann werde sie sick schon richtig zu benehmen wissen, genau wie eine Spinnfrau; denn sie erinnerte sich sehr gut daran, wie die es machten, von damals, als sie die Mutter nach Nordrum begleiten durste. (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. Tßenter. Hebbel-Theater: Eröffnungs- Vorstellung.Maria Magdalene" von Friedrich Hebbel. Das neue, von Dr. Engen Robert geleitete Schauspieluiiteriwhmen, das im Zentralthcater mit der Aufführung von.Frau Warrens Gewerbe", ShawS radikalster GcsellschaftSsalire, vielversprechend einsetzte, hat nun sein neues, von dem ungarischen Architekten Oskar Kaufmann erbautes Heim in der Königgräyer Straße bezogen. Vornehm und eigenartig repräsentiert sich die halbkreisförmig auSgcbuchtete Front, deren oberes Geschoß durch eine an den modernen WarcnhcmSstil erinnernde Gruppe sehr hoher schmaler Fenster wirkungsvoll belebt wird. Gleichfalls höchst eigenartig, freilich auch etwas ivillkürlich- spielerisch nimmt sich der ixm verhältnismäßig kleiner Basis hoch- ansteigende Zuschauerrauin aus. Der beschränkte Baugrund, der. sollte auch nur die Zahl von 800 Sitzplätzen erreicht werden, zwei Ränge über dein Parkett erforderte, wird für die Wahl der Proportionalirätsverbält- nisse in erster Linie maßgebend gewesen sei», der Wunsch nach Neuem und Nebmaschendem die so begründete Tendenz der Form «och weiterhin gesteigert haben. Statt der lichten Farben, an die man in Theatern sonst gewöhnt ist, dominiert, wie in dem Saal von Reinhardts Kammerspielen. daS Braun. Kostbare Rußbaumtäfelung bedeckt biö weithinanf die Wände. Die weit vorspringenden Balkons sind mit dunkel getöntem Birkenholz getäfelt und an den Brüstungen von schwarzen Bändern umsäumt, die mit dem großen schwarzen, die Bühne einschließenden Ebenhrlzrahmen harmonieren. Das Licht fällt von Leuchlkvrpern, die oberhalb der Bühne und der hübschen Logennischen des ersten Ranges angebracht sind, in das HauS. Die Decke bildet, gleichfalls wie in den Kammcrspielen. eine glatte weißgraue Fläche ohne Zierrat. Das Ganze fesselt den Blick, wenn auck, jener imponierende Eindruck einer durckgehendS vom Zweck beherrschten Notwendigkeit, wie ihn z. B. daS Charlottenburger Schiller- Theater hervorruft, ausbleibt. Als Hebbel-Tbeater— ein Name, der, so gut er klingt, doch jeder programmatischen Bedeutung enlbehrt— konnte die neue Bühne nur mit„Maria Magdalene" ihre offizielle EröffimugSseicr begehen. ES ist daS einzige urner allen Hebbel-Dramen, in dem das loelifcrii-frcmdartigc Wesen deS großen Grüblers sich mit so anschaulich konkreter Charakteristik und einer solchen Annäherung an die Wirklichkeit verbindet, daß eine Wirkung auf die breite Massen möglich ist— daS einzige seiner Dramen, das eben darum in Iveilem Umfange und dauernd sich die Bretter er- der» konnte. Aber freilich bedarf das Werk, damit eS seine Kraft* äfalte, erlesener, schon von Natur für die Besonderheit der beiden Hauptgestalte« borbestimmter Darstellungstalente. So packten Riltner und die Triesch im Brahms» Theater. Pohl und die Willich im Schauspielhaus. Was hier geboten wurde, war, an solchen Erinnerungen gemessen, doch nur blaß. Herrn Rissens Meister Anton hatte etwas wohlwollend Weiches. Er- bauliches in Organ und Mienenspiel, das nicht dran glauben ließ, daß dieser Mann die Drohung, durch die er seine Tochter in den Tod treibt, ausführen könnte, und so von vornherein den Nerv der Spannung lähmen mußte. Maria Mayer in der Rolle der Tochter fand schlichte, natürlich wahre Töne der Angst und deS Schmerzes, aber die Züge waren herb, Haltung und Kleidung un- gefällig, so daß der Hintergrund des Erotischen, der doch gewiß dieser Figur nicht fehlen darf, gar nicht hervortrat. Frau Bertens verfiel vielleicht ein wenig in den entgegengesetzten Fehler. Es war ein Vergnügen, ste anzuhören und anzuiehen, aber ihre einnehmende Zierlichkeit ließ öfter die Tischlerfrau vergessen. Richard Leopold gab den schuftigen Verführer ganz gegen alle lieber- lieferung. doch durchaus plausibel als pausbäckigen, noch etwa? knabenhaft dreinschauenden Burschen. Hermann Traeger spielte geschmackvoll, die hier besonders starke Versuchung zum Deklamatorischen vermeidend, den jungen Sekretär, Paul Otto den Sohn deS Meisters Anton. Er maSte den Ungebärdigen zum Pflegmatiker und verfiel namentlich im letzten Akte in ein peinigend schleppendes Teinpo. Die Inszenierung war nach dem Regiebuch deS jüngst verstorbenen Richard Ballentin vorgenommen. In der öffentlichen Borstellung wird man die überlangen Pausen, die in der Generalprobe die Spielzeit bis nach 11 Uhr ausdehnten, hoffent- lich entsprechend kürzen. dt. Medizinisches. Aus der Geschichte der Pest. Die Weltgeschichte, so- weit fie auf sicheren Urkunden begründet ist, unterscheidet drei große Epochen der Pest, die wegen der allgemeinen Verbreitung der Seuche nicht mehr als Epidemien, sondern als Pandemicn bezeichnet werden. Es ist bedauernswert, sagen zu müssen, daß die letzte dieser drei Pandcmien in die Gegenwart fällt. Aller- dings ist diese Benennung für die heutige Verbreitung der Pest glücklicherweise insofern nicht ganz zutreffend, als nicht alle Erd- teile von der Krankheit heimgesucht sind, wenigstens nicht durch eigentliche Epidemien von größerem Umfang. In Europa ist zum mindesten nur ein Ereignis zu verzeichnen gewesen, das als eine Pestepidemie anzusehen war, nämlich das Auftreten der Seuche in Oporto, während sonst nur vereinzelte Fälle vorgekommen sind. Abgesehen von Europa sind aber jetzt alle Erdteile mehr oder weniger von der Pest befallen, obgleich auch noch in verschicdncm Grad. Die eigentliche Heimat der Pest, wo sie auch diesmal ihre weitaus größte Verbreitung gefunden hat, ist Asien. Dennoch ist die Pest nicht immer von Asien aus nach Europa gelangt, sonder» bei der ersten großen Pandemie im sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung kam die Seuche von Aegypten aus nach Byzanz und verbreitete sich dann über den ganzen Erdteil. Die zweite Pande- mir, die der Krankheit den Namen deS„Schwarzen Todes" ver- schaffte und im elften Jahrhundert einsetzte, war dagegen direkt von Asien her eingeschleppt worden und hatte Europa wiederum bei Konstantinopel betreten. Die Geschichte der neuesten Pestepoche ist in ihren Ursprüngen besonders wichtig, da man jetzt die Wurzeln besser kennen gelernt hat. Dr. Gill unterschied in seinem Vortrag, der auf dem letzten Internationalen Kongreß für Hygiene gehalten wurde und jetzt zum ersten Mal gedruckt vorliegt, zwei Hcimatsbezirkc der Pest, einen in Westasien und einen im indo- chinesischen Gebiet. Dieser Unterschied ist umso bedeutsamer, als die Pest in diesen beiden Gegenden einen wesentlich verschiedenen Charakter hat. In Wcstasien pflegt sie in einer milderen Form auszutreten und keine besondere AuSbreitungSkrast zn gewinnen, während die indochinesische Pest weit gefährlicher ist; übrigens zeichnet sich letztere auch durch ihren Zusammenhang mit der Rattenpest aus. Der Ursprung der neuesten Pandemie ist um das Jahr lWZV i» der westchincsischcri Provinz Dünnnn zu suchen, und nun zeigt sich bei der weiteren Ausbreitung der richtung- gebende Einfluß der Handels- und Verkehrswege. Die Pest wanderte nämlich zunächst langsam auf der Hauptstraße nach Osten hin zur Küste. Im Jahr 1867 hatte sie den Freihafen Pakhoi am Meerbusen von Tonkin erreicht, aber erst im Jahr 1894 war sie bis Kanton gelangt und im gleichen Jahr nach Hongkong. DaS Jahr 1896 ist dann ein Mcrrstcin in dieser düsteren Geschichte als der Zeitpunkt, in dem die Pest in Bombay indischen Boden betrat, von wo auS sie nun unaufhaltsam eine ungeheure AuS- brcitung über fast das ganze Britcsch-indische Reich nahm und sett jener Zeit schon weit über eine Million Menschen da?!»- raffte. Diese gewaltige Expansion ist dadurch xu erklären, daß die Pest in Indien zum ersten Mal die modernen Verkehrsmittel, also in erster Linie ein weitverzweigtes Eisenbahnnetz für ihre eigene Beförderung zu benutze» in der Lage war. Seit Beginn dieses Jahrhunderts ist ein weiterer Fortschritt nach Westen hin festzustellen, denn im vorigen Jahr war nicht nur der äußerste Nordwesten von Indien selbst erreicht, sondern eS waren schon Fälle in Afghanistan und sogar im nördlichsten Persien festgc- stellt. Dr. Gill bezeichnet eS alö im hohen Grade wahrscheinlich, daß die Seuche früher oder später auf diesem Wege auck an die Grenzen Europas pochen wiro« und zwar an ihre alle Eingangs- Pforte bei Konstantinopel. Vercmtwortl. Redakteur.' Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LlTo..Berlin L'.V